15. Januar 2015

Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalistischen »Euthanasie«-Morde

Stefanie Endlich

Der neue Ort

Auf der Freifläche zwischen der Berliner Philharmonie und dem Südrand des Tiergartens ist am 2. September 2014, ein Jahr nach dem Gestaltungswettbewerb, der vom Parlament beschlossene Gedenk- und Informationsort für die Opfer der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde realisiert worden (zur Vorgeschichte und zum Wettbewerb siehe GedenkstättenRundbrief Nr. 170, 6/2013). Als Einziger unter den nationalen Erinnerungsstätten für NS-Opfer befindet er sich an einem Ort, dessen Geschichte unmittelbar mit dem Thema verbunden ist. Hier stand bis zum Abriss zu Beginn der 1950er-Jahre jene Villa, in der 1940 die Mordbürokratie ihr Quartier bezogen hatte. Zur Einweihung am 2. September 2014 kamen überraschend viele Menschen. Im Foyer der Philharmonie redeten Monika Grütters, Staatsministerin für Kultur und Medien, Klaus Wowereit, noch bis Dezember Regierender Bürgermeister von Berlin, und Peter Funke, Vizepräsident der Deutschen Forschungsgemeinschaft. Sigrid Falkenstein, Initiatorin des »Runden Tisches T4«, sprach über ihre in der Gaskammer von Grafeneck ermordete Tante Anna Lehnkering, der Autor Hartmut Traub über seinen in Hadamar ermordeten Onkel Benjamin Traub, zwei von 70 000 Lebenswegen, die durch die erste »offizielle« Mordaktion 1940/41 gewaltsam beendet wurden.

Im Bundestagsbeschluss vom November 2011 war eine halbe Million Euro für den neuen Gedenkort vorgesehen. Tatsächlich erwies sich das Projekt in der Umsetzungsphase teurer als geplant, aber der Bund konnte von der Notwendigkeit weiterer Mittel überzeugt werden. Das Land Berlin stellte das Grundstück zur Verfügung und engagierte sich mit 10 000 Euro bei den Medienstationen. So ergab sich ein Gesamtbetrag von 610 000 Euro. Hinzu kamen 320 000 Euro aus Investitionsmitteln des Landes Berlin für das unmittelbare Umfeld im Rahmen der Umgestaltung der Freiflächen des Kulturforums.

Weithin sichtbar von allen Richtungen, vor allem von der Tiergartenstraße aus, ist die blaue, transparente Glaswand, leicht schräg gesetzt zum Konzerthaus mit seinem zeltartig geschwungenen Dach und seiner goldgelben Fassade. Die Wand ist 24 Meter lang, 2,60 Meter hoch und besteht aus zehn einzelnen Glasscheiben, deren Sequenz in einen schmalen, silbern glänzenden Rahmen eingefasst und in eine Bodenschiene aus Stahl eingespannt ist. Der blaue Farbton wird bei Sonne und bei Regen, im Tages- und im Abendlicht unterschiedlich wahrgenommen. Die Glaswand ist die zentrale ­Dominante von drei parallel zueinander angeordneten Elementen: ein lang gestrecktes Pult als Informationsträger für die Open-Air-Ausstellung und, gewissermaßen auf der Rückseite der Glaswand als Rahmung des Raums, eine Sitzbank aus Beton als Ruhebereich.

Die Bodenfläche des Gedenkortes, insgesamt 775 Quadratmeter, hat die Form eines Parallelogramms und besteht aus anthrazitfarbenen Betonpflastersteinen. Sie wird an der Westseite vom Informationspult, an der Ostseite von der Bank eingefasst, ist zur Mitte hin kaum spürbar geneigt; sie deutet die Lage des ehemaligen Grundstücks Tiergartenstraße 4 an. Die Ränder der Bodenfläche orientieren sich an der Figuration der historischen Parzelle. Die Glaswand hingegen nimmt weder die Grundstücksrichtung noch den Villengrundriss auf, sondern ist absichtsvoll leicht schräg positioniert. Wenn die Besucherinnen und Besucher die Blicke vom Informationspult heben, sehen sie sich selbst im Spiegel.

 

Das künstlerische Konzept

»Gegenüber« haben die drei Gestalter ihr Projekt genannt. Das Team der Architektin Ursula Wilms mit dem bildenden Künstler Nikolaus Koliusis und dem Landschaftsarchitekten Heinz W. Hallmann hatte sich im Wettbewerb der Berliner Senatskulturverwaltung gegen 27 Mitbewerber durchgesetzt und den ersten Preis mit der Ausführungsempfehlung erhalten. Ihr Konzept umfasst nicht nur das visuelle Herzstück des Gedenkortes, die Glaswand mit den Ausstellungselementen, sondern auch die grafische Gestaltung der Sichtbarkeits- und Vertiefungsebenen mit Farben, Schriften und den Anordnungen der Bilder und Texte.

Der künstlerische Ansatz wurde in den Presseberichten kaum gestreift, in Gesprächen allerdings ausführlich und teils auch recht kontrovers diskutiert. Bereits in seinem Wettbewerbsbeitrag hatte das Team Erläuterungen angeboten: »Mit zwei Elementen – mit der dunklen Fläche und mit der blauen Glaswand – werden sowohl das geschichtliche Verbrechen wie auch die Menschen, die unter dem Verbrechen gelitten haben und getötet wurden, thematisiert. Die Gestaltung dieser Elemente ist abstrakt – nur Material, Farbe und Form – ohne Worte. Ein fragiler Ort in der Stadt, formuliert mit deren Materialien. Sinnbildlich steht die blaue Glaswand, die die Richtung aus dem dunklen Grund zum Himmel hin andeutet, für die Verbindung von uns – Betrachtenden, Lebenden – zu den durch die NS-›Euthanasie‹ zwar physisch getöteten, aber durch unser Nicht-Vergessen und Erinnern doch weiter lebenden Menschen. Sie stehen uns gegenüber, sie stehen zwischen uns, unter uns. Ein Ort der Hoffnung, sorgsam dem Anderen zu begegnen, das Gemeinsame zu erkennen. Die dunkle Fläche steht für die ›Schräglage‹ und den immer bleibenden ›negativen Abdruck‹, die die ›Euthanasie‹ des NS-Staates in der Geschichte unserer Gesellschaft hinterlassen hat. Auf diesem Untergrund, dem ›geschichtlichen Erbe‹, stehen wir – in der Verantwortung, diese nie wieder zuzulassen. Ein Ort, der an das Geschehene, an das Ausgrenzen erinnert.«

In ihrer Presseerklärung zur Einweihung haben die drei Autoren noch einige Aspekte ergänzt, zum Beispiel zur Farbigkeit: »Die Farbe blau steht – assoziativ – für Himmel, Atmosphäre, Luft und damit Leben, wie auch für Ferne, Kühle und damit Sehnsucht, Hoffnung, Traurigkeit …«. Allerdings ist die anfangs erwähnte Idee einer »abstrakten« Gestaltung mit einem solchen Interpretationsangebot nur schwer vereinbar. Manche Erläuterungen mögen etwas simpel erscheinen, manche, zum Beispiel zu Spiegelung und Transparenz, verweisen auf bekannte Symbole und viel zitierte Metaphern des kollektiven Bildgedächtnisses der letzten Jahrzehnte und wurden daher auch bei diesem Projekt gern in den Medien reproduziert. Da mag es eher hilfreich sein, sich von angebotenen Formulierungen freizumachen und eigene Deutungen zu entwickeln.

So kann man das Konzept der unübersehbaren, aber keinesfalls monumentalen Glaswand auch als baukünstlerische Lösung auffassen, die geeignet ist, in einem heterogenen Stadtraum, der von der weltberühmten eigenwilligen Philharmonie des Architekten Hans Scharoun geprägt ist, die Aufmerksamkeit von Passanten und Autofahrern auf eine visuell eher schmale, zurückhaltende Open-Air-Ausstellung zu lenken. Die Attraktivität der Glaswand, von manchen als ästhetisch faszinierend, von anderen als allzu schön oder sogar als chic empfunden, ist ein kalkulierter Brückenschlag zur sachlich gestalteten Informationsvermittlung, die sich beim näheren Hinschauen als die eigentliche Attraktion des Gedenkortes entpuppt. Bei der Rückkehr des Blicks vom Pult auf die Glaswand wiederum kann ein Bewusstsein oder auch ein Gefühl für veränderte Wahrnehmung entstehen, im konzentrierten Blick auf einen Ausschnitt der Wirklichkeit, in dem sich Vergangenheit und Gegenwart verbinden. Die leichten Verschwenkungen und Kippungen der geometrischen Strukturen wiederum bieten gerade jenes nur unterschwellig spürbare Maß an Irritation, das nicht zu Dramatik oder Überwältigung führt.

Unter diesem Aspekt ist der neue Gedenk- und Informationsort auch ein aufschlussreiches Beispiel in der Diskussion um neue künstlerische Strategien des Erinnerns im öffentlichen Raum. Die Frage, ob ein Gestaltungskonzept wie dieses »überhaupt Kunst« sei, wird unterschiedlich beantwortet, gerade in der in Berlin aktuellen Debatte um die im Wettbewerbsbereich und dort speziell bei Erinnerungsprojekten ausgebrochene Konkurrenz zwischen bildender Kunst auf der einen Seite und Architektur, Gestaltung, Design auf der anderen. Bildende Künstlerinnen und Künstler fürchten, dass ein eigenständiger, kreativer, an die herausragenden Entwicklungen der kritischen Memorialkunst anknüpfender Entwurf immer weniger gewünscht werde und angesichts der Fülle von Anforderungen und Spezialaufgaben, hier insbesondere zur Informationsvermittlung, auch immer schwieriger zu leisten sei. Architekten und Gestalter wiederum neigen aufgrund ihres beruflichen Selbstverständnisses eher dazu, die gestellten Aufgaben bestmöglich zu erfüllen, statt Themen gegen den Strich zu bürsten und funktionale Vorgaben infrage zu stellen.

Das Projekt für die Tiergartenstraße ist in diesem Spannungsfeld verortet. Es weist – nicht nur im Blick auf die Beteiligung eines bildenden Künstlers im Team, sondern auch als Gesamtkonzept – genuine künstlerische Qualitäten auf, löst jedoch auch die mit der Ausstellung verbundenen komplexen Aufgaben in einer hochprofessionellen Weise. Damit wird deutlich, dass es sinnvoll ist, auf die Frage »Kunst oder Gestaltung« bei Memorialprojekten nicht nach einer allgemeinen Antwort zu suchen, sondern konkret orts- und projektbezogen zu urteilen – oder im besten Sinne auf »Kunst und Gestaltung« zu setzen.

 

Die Open-Air-Ausstellung

Dreiunddreißig Meter lang ist das Informationspult. Es besteht aus grauen Sichtbeton-Elementen, wie auch die hinter der Glaswand verlaufende Sitzbank. Für die Präsentation der Ausstellung sind insgesamt elf flache edelstahlgefasste Displays aufgesetzt, auf deren Oberseite bedruckte und hinterleuchtete Glastafeln eingelegt sind. Mit Texten, Fotos und zwei integrierten Medienstationen informiert es über das Thema dieses Erinnerungsortes. Neun Kapitel zeichnen in komprimierter Form die Vorgeschichte der Ausgrenzung seit Ende des 19. Jahrhunderts nach, die Hintergründe und den Ablauf der nationalsozialistischen »Euthanasie«-Morde sowie die Nachgeschichte bis in die Gegenwart. Über einen QR-Code können Smartphone-Nutzer vor Ort oder mithilfe des Faltblatts der Stiftung Denkmal auf die Website www.gedenkrot-t4.eu gelangen.

Konzipiert und formuliert wurden Ausstellungsinhalte und vertiefendes Video- und Audio-Angebot von einem sechsköpfigen, thematisch ausgewiesenen Historiker-Team in einem zweijährigen »Erkenntnistransfer-Projekt«, das – außerhalb des vom Bundestag bewilligten Kostenrahmens – von der Deutschen Forschungsgemeinschaft mit etwa 300 000 Euro gefördert wurde. Die Leitung übernahmen Gerrit Hohendorf, Institut für Geschichte und Ethik der Medizin der TU München, und Maike Rotzoll, Universität Heidelberg; hinzu kamen Christoph Beyer, Petra Fuchs, Annette Hinz-Wessels und Jens Thiel. Der Titel dieses Projektes lautete »Erinnern heißt gedenken und informieren«. Einbezogen wurden Angehörige von Opfern, Historiker und Vertreter von Betroffenen-Initiativen. Kooperationspartnerin und verantwortlich für die Inhalte der Ausstellung war die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas, Unterstützung kam von der Stiftung Topographie des Terrors.

Die neun Kapitel behandeln den Weg in die »Euthanasie«-Morde, die Morde selbst von 1939 bis 1945 (»Krieg nach außen – Krieg nach innen«), die Haltung der Familien der Opfer und die Reaktionen in der Gesellschaft, die Modalitäten der »Aussortierung« in den Heilanstalten, die Rolle der »T4«-Planungs- und Verwaltungszentrale in der Tiergartenstraße 4, die Massenmorde in den Gaskammern, die Gruppen der »Täter, Mitwisser und Profiteure«, die Verbindungslinien zwischen den Krankenmorden, dem Vernichtungskrieg und dem Holocaust und schließlich den gesellschaftlichen Umgang mit den »Euthanasie«-Verbrechen nach 1945. Angesprochen werden auch die Patientenmorde in den eroberten Gebieten Osteuropas, die erst in jüngster Zeit näher erforscht werden, was die derzeit bekannte Zahl der Opfer auf mehr als 300 000 erhöht hat. Zehn »exemplarische« Opfer-Biografien verweisen auf unterschiedliche Lebens- und Leidenswege und fassen die neun Themenkapitel ein. Zwei Medienstationen, nicht dreizehn, wie noch im Wettbewerbsentwurf vorgesehen, bieten mit Fotos, Dokumenten und Audio-Angeboten Vertiefungen, zum Beispiel zur Vor- und Nachgeschichte der historischen Villa Tiergartenstraße 4.

Das Ziel, den Schwerpunkt des Erinnerungsprojektes auf Information und Dokumentation zu legen, war bereits vom »Runden Tisch T4« entwickelt und in der Wettbewerbsausschreibung festgelegt worden. In dieser war die Aufgabe formuliert, Wissensvermittlung auf einer Sichtbarkeits-Ebene und auf einer oder mehreren Vertiefungs-Ebenen anzubieten. Für beide Ebenen sollte Barrierefreiheit besondere Priorität erhalten – auch das schon eine zentrale Forderung des »Runden Tisches«, in der Ausschreibung, präzisiert mit einem umfassenden Anforderungskatalog. Gerade Menschen, die in der NS-Zeit Opfer der Krankenmorde hätten werden können, sollten einen möglichst leichten Zugang zu allen Bereichen des Gedenkortes und zu den Ausstellungsinhalten erhalten. Barrierefreiheit bezog sich nicht nur auf Bewegungsraum für Rollstuhlfahrer durch schwellenlosen Zugang und durch Unterfahrbarkeit des Pultes, sondern auf alle Arten von Behinderungen und Lernschwierigkeiten. Der neue Gedenk- und Informationsort präsentiert die Informationen nicht nur in Deutsch und Englisch, sondern enthält auch Angebote für Menschen mit Seh- und Hörbeeinträchtigungen in Form von Brailleschrift und Gebärdensprache.

Alle Inhalte sind in »Leichte Sprache« übersetzt, ein sprachliches Regelwerk, das das Verstehen von Texten erleichtert. Zur Eröffnung wurde die Begleitpublikation in Leichter Sprache präsentiert, herausgegeben von der Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas und der Topographie des Terrors in Zusammenarbeit mit dem DFG-Transferprojekt (ISBN 978-3-942240-15-4). Das hundert Seiten umfassende Buch ist geeignet, bei Neueinsteigern nicht nur Interesse, sondern Begeisterung für das Thema Leichte Sprache hervorzurufen. Die Klarheit der Sätze gerade beim Thema »Euthanasie« geht unmittelbar ans Herz.

Wer im Gedenkstättenbereich arbeitet, kennt die Probleme von Ausstellungen und speziell von Medienangeboten im Außenraum – Witterungsanfälligkeit, Verschmutzung, technisches Versagen, Zerstörungswut. Eine ständige Betreuung ist unverzichtbar. Auch bei diesem Projekt war die Sorge groß, das Informationspult könnte in kürzester Zeit Schäden erleiden, zumal man sich aus konzeptionellen und ästhetischen Gründen für Glas entschieden hatte. Tatsächlich waren gleich nach der Einweihung beide Medienstationen defekt, konnten allerdings zügig repariert werden. Schwer wirkt die Beschädigung zweier Themen-Elemente, deren Glasplatten offensichtlich gewaltsam zerschmettert wurden.

 

Die städtebauliche Situation

Der neue Gedenk- und Informationsort befindet sich am Nordrand des Kulturforums, das nach Planungen des Philharmonie-Architekten Hans Scharoun in den 1960er-­Jahren auf einem Tabula-Rasa-Gelände errichtet worden war, um einen programmatischen West-Berliner Kontrapunkt zur Ost-Berliner Museumsinsel zu setzen. Dass die Grundrisse des Konzerthauses und der historischen Villa der »Euthanasie«-Mordbürokratie sich überschneiden, war jahrzehntelang nicht bekannt; auf dem Villen-Grundstück befand sich jener Busparkplatz, der zu Mauerzeiten als Endhaltestelle am Rand des alten Westberlin genutzt wurde. Nach dem Mauerfall und der Neuorientierung des gesamten Kulturforums zum wieder bebauten Potsdamer und Leipziger Platz hin war diese Fläche gänzlich verödet. Auch die Philharmonie erhielt neben ihrem traditionellen Eingang an der Tiergartenstraße einen zweiten Eingang nach Osten, zum Potsdamer Platz hin; dieser soll im Rahmen der Umgestaltung der Freiflächen zum Haupteingang werden. Die zum »Euthanasie«-Denkmal erklärte Stahlskulptur »Berlin Junction« des US-Bildhauers Richard Serra und die zum eigentlichen Gedenkort gemachte bronzene Bodenplatte »Ehre den vergessenen Opfern« stammen noch aus Mauerzeiten. Beide sind mittlerweile selbst zu materiellen Zeugnissen der Auseinandersetzung um diesen Ort geworden; die Gedenktafel wurde auch gestalterisch in die neue Erinnerungsstätte integriert, Serras Skulptur steht wie zuvor an der Herbert-von-Karajan-Straße.

Die städtebauliche Neuorientierung provozierte auch neue Debatten um die Zukunft des Kulturforums. Dessen Situation wird seit Jahrzehnten als unbefriedigend empfunden: ein monofunktionales Ensemble prominenter, aber solitärer Kulturbauten, deren kommunikatives Zentrum unrealisiert blieb. Ein landschaftsplanerischer Wettbewerb im Jahr 1997 sollte für das gesamte Areal einen neuen Zusammenhang schaffen. Der prämiierte Entwurf von Valentien + Valentien wurde nur ansatzweise realisiert. In einem Masterplan des Berliner Senats aus dem Jahr 2005 war das »T4«-Grundstück erstmals als besonderer Bereich eingezeichnet. An Albert Speers Nord-Süd-Achse, die das östliche Tiergartenviertel radikal verändern sollten, hat man sich bei den Planungen und Debatten zum Kulturforum damals wie heute erinnert; Hans Scharouns hatte ihnen bewusst das Konzept einer demokratischen »Stadtlandschaft« entgegengesetzt und mit der Philharmonie ein architektonisches Zeichen gegen Hitlers »Germania«-Planungen entworfen. Der historische »T4«-Ort und das Thema »Euthanasie« waren jedoch bis in die jüngste Zeit in der architektonischen und städtebaulichen Debatte um die Zukunft des Kultuforums nicht präsent; dies zeigten zum Beispiel die überfüllten Veranstaltungen in der Akademie der Künste im Lauf des Jahres 2014, in denen das Thema »T4« nicht einmal am Rande einbezogen wurde.

Das mit breiter Öffentlichkeitsbeteiligung überarbeitete Freiraumkonzept von Valentien + Valentien soll in den nächsten Jahren umgesetzt werden. In diesem Zusammenhang kann ihre gartengestalterische Planung für das Umfeld des »T4«-Gedenkortes, ein Bereich von knapp 2000 Quadratmetern, als ein vorgezogener erster Schritt gesehen werden. Die Landschaftsarchitekten haben das Areal westlich zum Kunstgewerbemuseum hin und östlich zum Mattern-Garten des Scharounschen Musikinstrumentenmuseums mit englischem Rasen bedeckt, in einer weißen Sichtbeton-Kante gefasst, zwei Bäume gepflanzt und auf diese Weise ein ruhiges, grünes Plateau geschaffen, in das der dunkle Gedenkbereich mit blauer Glaswand und den beiden anderen Elementen eingebettet sind. Die im Boden liegende Gedenktafel aus dem Jahr 1989 ist ebenfalls weiträumlich gefasst und erscheint dadurch wie gerahmt.

 

Der »T4«-Ort im Kontext der nationalen Denkmäler

Anders als die große Fülle der Denkmäler und Gedenkorte zur NS-Geschichte, die in den letzten Jahren nach Anstößen durch Bürgergruppen aus Mitteln des Landes oder der Bezirke entstanden sind oder von diversen Institutionen, aus privaten Mitteln oder als Kunst am Bau bezahlt wurden, gehört der »T4«-Gedenk- und Informationsort zum Ensemble jener Gedenkorte für NS-Opfer im Zentrum der Hauptstadt, die durch Bundestagsbeschluss entstanden sind und aus Mitteln des Staates finanziert wurden. Nach der Rückkehr Berlins in die Hauptstadtrolle hatte die Bundesregierung begonnen, für Themen mit hohem Symbolwert, die auf politischer Ebene eingebracht und diskutiert wurden, Denkmalsvorhaben in die Wege zu leiten, denen gesamtgesellschaftliche Bedeutung und darüber hinaus ein besonderer Repräsentationsanspruch zugesprochen wurde. Am Anfang stand die Neue Wache Unter den Linden, das bauhistorisch bedeutende klassizistische Wachlokal des Architekten Karl Friedrich Schinkel, seit 1931 Ehrenmal für die Gefallenen des Ersten Weltkriegs, zur DDR-Zeit zentrales »Mahnmal für die Opfer von Faschismus und Militarismus«. 1993 wurde dieses Bauwerk nach Vorstellungen des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl, damals noch allein auf der Basis eines Kabinettsbeschlusses, ohne Einbeziehung von Parlament und Öffentlichkeit, zur »Zentralen Gedenkstätte der Bundesrepublik Deutschland für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft« umgewidmet und umgestaltet. Die Einweihung ging mit Bürgerprotesten einher, die sich vor allem gegen die pauschale Widmung »für die Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft« und gegen die vergrößerte Replik der Käthe-Kollwitz-Skulptur »Mutter mit totem Sohn (Pietà, 1937)« mit ihrer christlichen Leidens- und Opfer-Ikonografie richtete. Ergebnis der Auseinandersetzung war das Versprechen des Bundeskanzlers, ein gesondertes nationales Denkmal für die ermordeten Juden Europas zu errichten. Nach einem langen, konfliktreichen Findungsverfahren entstand im Jahr 2005 das »Field of Memory« des Architekten Peter Eisenman; durch einen zusätzlichen Bundestagsbeschluss wurde es durch einen unterirdischen »Ort der Information« ergänzt. Das Stelenfeld ist als emotional hochwirksames begehbares Raumkunstwerk konzipiert und legt eine stark identifikatorische Haltung des Erinnerns und Gedenkens nahe: Der Besucher möge sich in die Situation der damaligen Opfer hineinversetzen und deren Ängste nachempfinden. Der Bundestag hatte in seinem Beschluss 1999 auch ausdrücklich festgelegt, dass das Denkmal ausschließlich den ermordeten Juden gewidmet sein soll und nicht zugleich, wie viele es forderten, auch den anderen Opfergruppen des nationalsozialistischen Rassenwahns. Konsequenz dieser Entscheidung war die Entstehung weiterer Denkmäler für andere Verfolgtengruppen in Nachbarschaft zum »Holocaust«-Denkmal.

Der »Gedenkort für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen« kam 2008 auf Drängen der »Initiative Schwulen-Denkmal« zustande. Der von Michael Elmgreen und Ingar Dragset ganz im Geist der aktuellen Kunst entworfene Betonkubus zitiert in Material, Form und Proportionen auf fast ironische Weise die Stelen des gegenüberliegenden »Holocaust«-Denkmals und verweist damit auf Gemeinsamkeiten und Unterschiede beider Opfergruppen. Beim Blick ins Innere kann man die Videoprojektion eines sich küssenden Paares sehen. Demgegenüber greift der landschaftskünstlerische Entwurf »Homage to the Sinti and Roma« von Dani Karavan, realisiert im Jahr 2012, traditionelle Motive der Totenehrung auf. Ein Stein mit einer immer wieder frischen Blume bildet die Mitte eines kreisrunden kleinen Sees, in dem sich die Besucher und das Reichstagsgebäude spiegeln.

Im Blick auf diese Entwicklung wird deutlich, dass die Gestaltungen der bisher vier realisierten nationalen Erinnerungsstätten für NS-Opfer große typologische Unterschiede aufweisen, sowohl unter ästhetisch-stilistischen Aspekten als auch hinsichtlich der Formen des Erinnerns und Gedenkens, also der Haltung der Besucher gegenüber dem Thema, die durch die Art der Gestaltung nahe gelegt oder vorgezeichnet wird. Auch das Verhältnis von Kunst und Information ist bei jedem Gedenkort anders, sowohl im Umfang des Informationsangebotes als auch in der Art, wie Kunst und Dokumentation miteinander verknüpft sind. Beim Gedenk- und Informationsort T4 nimmt die künstlerische Gestaltung – weit deutlicher als bei den anderen Projekten – eine eher dienende Rolle ein, trotz der markanten visuellen Präsenz der blauen Glaswand: Die Kunst wird gewissermaßen zum Transportmittel für die Inhalte.

Noch offen ist die Frage, ob mit der Einweihung des »T4«-Gedenk- und Informationsortes die Sequenz der nationalen Denkmalsetzungen für NS-Opfer ihren Abschluss gefunden hat. Aufschlussreich ist die Tatsache, dass in den Medien Erinnerungsprojekte zur Geschichte nach 1945, zu stalinistischer Unterdrückung, SED-Diktatur und friedlicher Revolution zunehmende Aufmerksamkeit erhalten und dass auf politischer Ebene, im Einklang mit dem zweiten Schwerpunkt der Gedenkstättenkonzeption des Bundes, dem geplanten nationalen Freiheits- und Einheitsdenkmal vor dem derzeit rekonstruierten Berliner Stadtschloss eine herausragende Bedeutung zugemessen wird – trotz der sich zuspitzenden Probleme mit Kostensteigerungen (anfangs zehn Millionen Euro veranschlagt), Technik und Denkmalschutz. Erst kürzlich begonnen hat allerdings die Diskussion um einen nationalen Ort des Erinnerns an die Opfer des nationalsozialistischen Eroberungs- und Vernichtungskriegs in Osteuropa. So hat die Sowjetunion mit 25 bis 30 Millionen Toten, davon etwa 15 Millionen Zivilisten, die höchsten Verluste im Zweiten Weltkrieg erlitten, eine Tatsache, die im öffentlichen Bewusstsein der Deutschen kaum präsent ist. Eine Initiativgruppe um den Historiker Peter Jahn engagiert sich für einen Ort der Dokumentation im Berliner Tiergarten, gegenüber oder neben dem Sowjetischen Ehrenmal (www.gedenkort-lebensraumpolitik.de). Dieses war unmittelbar nach Kriegsende zusammen mit großen Sammelgräbern für die im Kampf um Berlin gefallenen Soldaten errichtet worden. Die notwendige Auseinandersetzung mit dem historischen Geschehen wird durch die stalinistische Formensprache des Denkmals und durch fehlende Informationen vor Ort erschwert.

Mit dem neuen Gedenk- und Informationsort »T4« ist die Stiftung Denkmal für die ermordeten Juden Europas im vierzehnten Jahr ihres Bestehens für mittlerweile vier NS-Erinnerungsstätten verantwortlich, was den meisten Besuchern vermutlich nicht bekannt ist. Gerade von der Stiftung Denkmal war für das Anliegen, einen »T4«-Gedenk­ort zu schaffen, schon früh tatkräftige Unterstützung gekommen. Die Aufgabe, die Erinnerung an alle Opfergruppen der NS-Verfolgung wach zu halten, hat sich für die Stiftung aus dem Bundestagsbeschluss von 1999 ergeben; formell festgelegt wurde ihre Zuständigkeit für die Betreuung der weiteren nationalen Denkmäler in einer Gesetzesänderung von 2009. Die Erweiterung des Themenspektrums, die möglicherweise noch nicht abgeschlossen ist, und die dadurch notwendig gewordene Vervielfachung der inhaltlichen und technischen Leistungen hatte man anfangs nicht vorausgesehen. Umso dringlicher ist es nun, über die Aufgaben, die Rolle, den Namen und nicht zuletzt über die nicht entsprechend mitgewachsene personelle Ausstattung der Stiftung nachzudenken und angemessene Veränderungen in die Wege zu leiten.

 

Teil eines Netzwerks

Anstelle des von vielen Mitgliedern des »Runden Tisches T4« erhofften Dokumentenhauses ist mit dem neuen Gedenkort eine Open-Air-Ausstellung entstanden. Obwohl ein profunder Überblick mit einigen Vertiefungen angeboten wird, ist das Thema »Euthanasie« doch sehr knapp dargestellt, was in einer Freiluftausstellung auch kaum anders möglich ist. Der vom Parlament bewilligte Kostenrahmen, aber auch der Denkmalschutz für Kulturforum und Philharmonie, hat eine größere Lösung nicht zugelassen. Die Rolle dieses zentralen Gedenkortes ist allerdings noch nicht wirklich definiert, seine zukünftigen Entwicklungsmöglichkeiten sind noch nicht ausgelotet. Die Angebote werden angenommen, das Besucherinteresse ist außerordentlich groß. Der historische Ort der Täter, seit 1987 auch ein Ort des Gedenkens an die Opfer, ist Teil eines kommunikativen Netzwerks weiterer zentraler und dezentraler Erinnerungsstätten, das trotz mancher Hinweise in der Ausstellung bisher für Besucherinnen und Besucher noch nicht deutlich genug ausgearbeitet und präsentiert wurde.

Zu diesem Netzwerk gehören die sechs »Euthanasie«-Gedenkstätten an den Orten der Mordzentren in Grafeneck, Hadamar, Bernburg, Pirna, Hartheim und in der nahe Berlin gelegenen Stadt Brandenburg an der Havel, in der 2012 als letztes eine arbeitende Gedenkstätte eingerichtet wurde. In Berlin sind es vor allem die Ausstellungen »totgeschwiegen 1933–1945« und »doppelt stigmatisiert« in der ehemaligen Karl-­Bonhoeffer-Nervenklinik, heute Vivantes; das Denkmal von Franziska Schwarzenbach (2000), eine kleine Ausstellung (2004) und das Denkzeichen von Patricia Pisani (2013) auf dem Gelände des Klinikums Berlin-Buch (siehe auch die Website von Aline Graupner: www.unbekannt-verlegt.de); und weitere Gedenksteine und Tafeln im öffentlichen Raum an historischen Orten von Forschungseinrichtungen und Heil- und Pflegeanstalten wie den einstigen Wittenauer Heilstätten.

Schon die Wettbewerbsausschreibung enthielt die Ankündigung, dass »eine Website bzw. Online-Präsentation mit dem Gedenk- und Informationsort verknüpft« werden soll. Die Stiftung Denkmal plant, die Open-Air-Ausstellung mit vertiefenden Beiträgen bis 2015 für das Internet aufzubereiten. Dieses Angebot soll dann über die bereits existierende Website www.gedenkort-t4.eu abrufbar sein, die schon seit 2011 die bisher umfassendsten und ständig aktualisierten Informationen zum Thema »Euthanasie«-Erinnerung bietet. www.gedenkort-t4.eu wird von einer Arbeitsgemeinschaft um den Paritätischen Wohlfahrtsverband betrieben und aus Mitteln der EU und der Stiftung EVZ gefördert.

Der Katalog zur Open-Air-Ausstellung wird voraussichtlich erst im zweiten Halbjahr 2015 vorliegen. Erschienen ist vor Kurzem das Begleitbuch zu der temporären Ausstellung, die im Rahmen des Themenjahres 2013 vor der Philharmonie gezeigt wurde (Stefanie Endlich, Sigrid Falkenstein, Helga Lieser, Ralf Sroka: »Tiergartenstraße 4 – Geschichte eines schwierigen Ortes«, Berlin 2014, ISBN 978-3-86331-165-0), siehe auch www.t4-ausstellung.de. Diese Ausstellung war bis kurz vor der Einweihung des neuen Gedenkortes auf dem Vorplatz des Konzerthauses zu sehen. Anders als die das gesamte Thema »Euthanasie« umfassende dauerhafte Open-Air-Ausstellung bezieht sie sich speziell auf diesen Ort der Täter. Die Geschichte der damals »arisierten« Villa, ihre Vor- und ihre Nachgeschichte von der frühen Entwicklung des Tiergartenviertels bis hin zum Kulturforum und zur »Wiederentdeckung« des historischen Ortes verknüpft sie mit dem Lebensweg von Anna Lehnkering, die 1940 in der Gaskammer von Grafeneck starb. Exemplarisch werden aber auch hier Strukturen und Wirkungsmechanismen des »Euthanasie«-Programms verdeutlicht. Das Buch (144 Seiten, 80 Abbildungen, darunter einige bisher unbekannte Dokumente und Fotos) enthält die gesamte Ausstellung, weitere Texte und Bilder, so von Uwe Neumärker und Ulrich Baumann über die Patientenmorde im besetzten Osteuropa, sowie Kurzfassungen in englischer und in Leichter Sprache. Die Tafeln sind eingelagert und können an weiteren Stationen im Freien wie auch im Innenraum gezeigt werden.

 

Prof. Dr. Stefanie Endlich ist Kunstpublizistin und Mitglied des »Runden Tisches T4«. Sie war Jurymitglied beim Gestaltungswettbewerb für den neuen Gedenkort und Mitverfasserin der Ausstellung und des Buches »Tiergartenstraße 4 – Geschichte eines schwierigen Ortes«.