15. Juni 2011

CfA: Ungleichheiten im "Dritten Reich": Semantiken, Praktiken, Erfahrungen

Nicole Kramer, Armin Nolzen

Nicole Kramer, Armin Nolzen (Hgg.)

15.06.2011, Potsdam

Deadline: 15.06.2011

 

Ungleichheiten im "Dritten Reich": Semantiken, Praktiken, Erfahrungen

 

Gleichheit, so die Ausgangshypothese von Band 28 der "Beiträge zur Geschichte des Nationalsozialismus", war kein konstitutives Merkmal des "Dritten Reiches". Im Gegenteil: Das NS-Regime schuf eine dynamische Ordnung der Ungleichheit, die jedem Einzelnen einen spezifischen gesellschaftlichen Platz zuwies. Zu den herkömmlichen durch Geschlecht, Klasse und Alter produzierten Ungleichheiten traten nach 1933 neue, durch die NS-Diktatur generierte Differenzen hinzu, etwa die Kategorie "Rasse". Uns geht es im Wesentlichen um den Prozess der Herstellung von Ungleichheiten im "Dritten Reich". Konkret stehen folgende Aspekte im

Zentrum:

 

a) Semantiken: Seit 1933 wurde die Bevölkerung durch Akteure in Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Erziehung, Recht und Religion hierarchisiert.

Dabei entstanden zahlreiche Semantiken, die die Gesellschaft neu strukturierten und mit über Leben und Tod entschieden. Begriffe wie "Volksgenossen", "Gemeinschaftsfremde", "Volksdeutsche", "Reichsbürger"

oder "deutsche Schutzangehörige" konstituierten ein semantisches Feld, in dem sich Inklusion und Exklusion, Massenmobilisierung und Massenmord vollzogen. In der Begriffsgeschichte ist dieses semantische Feld der "Lingua Tertii Imperii" (Victor Klemperer) bislang kaum ausgelotet worden. Die Sprache des NS-Staates spiegelte die neuen Ungleichheiten nicht nur wider, sondern schuf beziehungsweise verfestigte sie auch.

 

b) Praktiken: Semantiken sind eng verknüpft mit sozialen und institutionellen Praktiken. Klassifikationsverfahren, die Grundmuster der Vergesellschaftung im Nationalsozialismus waren, betrafen in erster Linie Juden und als "fremdvölkisch" apostrophierte Personen. Aber auch "Volksgenossinnen" und "Volksgenossen" unterlagen vielerlei Kategorisierungen, die über die Zuteilung sozialer Vergünstigen, Bereicherungschancen, Grade der Diskriminierung und öffentliche Stigmatisierung entscheiden konnten. Welche Modelle zur Klassifizierung der Bevölkerung entwickelten sich nach 1933 und auf welche Weise materialisierten sie sich in Normen, institutionellen Strukturen oder Routinen? Welche Rolle spielten traditionelle Kategorien sozialer Ungleichheit und wie wurden sie modifiziert und überformt? Welche Instrumente und Mechanismen der Auslese und "Ausmerze" entstanden? Wie wurde die NS-Elitenbildung organisiert?

 

c) Erfahrungen: Nach 1933 sah sich jeder Einzelne permanent mit den Klassifizierungen des NS-Regimes und den daraus resultierenden neuen Ungleichheiten konfrontiert. Ungleichheit avancierte zur alltäglichen

Erfahrung: Zwar wurden Menschen permanent zu Objekten von Kategorisierungen, allerdings eigneten sie sich diese auch individuell an, deuteten sie und wandelten sie ab. Die erfahrungsgeschichtliche Perspektive kann dazu beitragen, Reichweite und Grenzen der Herstellung von Ungleichheiten im NS-Staat aufzuzeigen. Dieser Zugang gibt also auch Einblick in subjektive Identitätskonstruktionen. Wie wehrten sich Menschen gegen die Definition als Jude nach den "Nürnberger Gesetzen"?

Welche Mittel und Wege fanden sie gegebenenfalls, um sich über Klassifikationen durch andere hinwegzusetzen? Inwieweit partizipierten sie selbst an den institutionellen Praktiken, aus denen wiederum neue Ungleichheiten entstanden?

 

Der Band zielt darauf ab, empirische Forschungen mit neueren methodischen Zugängen zur Gesellschaftsgeschichte des NS-Regimes zu kombinieren. Für die Analyse der Semantiken kämen die Diskursanalyse, die Historische Semantik oder die neuere Geschichte politischer Ideen in Frage, für die sozialen und institutionellen Praktiken wären die Kultur- und die Organisationssoziologie denkbar, für die Rekonstruktion von Erfahrungen könnten sich Gender Studies, Oral History oder Generationen- und Emotionengeschichte als fruchtbar erweisen. Die Manuskripte der Aufsätze sollen am 15. Januar 2012 abgeschlossen sein, der Band wird im Spätsommer 2012 erscheinen. Wir bitten darum, Vorschläge für einen Beitrag bis zum 15.6.2011 in deutscher oder englischer Sprache auf 2-3 Seiten zu skizzieren und den Herausgebern zusammen mit einer biografischen Notiz per E-Mail zuzusenden:

 

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kramer@zzd-pdm.de

 

armin.nolzen@beitraege-ns.com