1. April 2011

Musealisierung der Erinnerung

Collegium Carolinum / VolkswagenStiftung
Zweiter Weltkrieg und nationalsozialistische Besatzung in Museen, Gedenkstätten und Denkmälern im östlichen Europa

Forschungsprojekt ""Musealisierung der Erinnerung. Zweiter Weltkrieg und nationalsozialistische Besatzung in Museen, Gedenkstätten und Denkmälern im östlichen Europa" (Collegium Carolinum / VolkswagenStiftung); Prof.

Dr. Wlodzimierz Borodziej; Prof. Dr. Étienne François; Ekaterina Keding; Ekaterina Makhotina; Prof. Dr. Martin Schulze Wessel, München 29.06.2011-01.07.2011, Historisches Kolleg / Collegium Carolinum, München

Deadline: 01.04.2011

 

Zwischen Geschichte und Politik: Der Zweite Weltkrieg in Museen im westlichen und östlichen Europa

 

Nicht ohne Grund führte der Erinnerungsboom der letzten Jahrzehnte, von Pierre Nora als "Heißhunger nach Gedenken" plakativ zum Ausdruck gebracht, zu einem deutlichen quantitativen Zuwachs an Museen und Gedenkstätten. Sogar Ereignisse aus der jüngsten Vergangenheit finden ihre museale Darstellung, noch bevor das Ereignis selbst einer wissenschaftlichen Reflexion unterzogen werden kann. Vor allem aber betrifft der Erinnerungsboom im Bereich der Museen und Gedenkstätten die Zeit des Zweiten Weltkriegs und die unmittelbare Nachkriegszeit: Kein anderes Ereignis der Zeitgeschichte hat in Europa so viel identitätspolitische, sinnstiftende Erinnerungskraft, und kein anderes Ereignis ist so stark von geschichtspolitischen Konjunkturen, aber auch von nationalkulturellen Interpretationsrahmen abhängig.

 

Museen, Gedenkstätten und Ausstellungen waren in vielen europäischen Ländern bald nach 1945 wichtige Medien von Geschichtspolitiken, die nationale Vorstellungen von der Vergangenheit formten. In diesen Medien entstanden offizielle Erinnerungsdiskurse, hier wurden die Fragen nach kollektiver Schuld und Verantwortung verhandelt und Opfergruppen inkludiert oder exkludiert. Seit dem Zusammenbruch der Sowjetunion erfuhr die visuelle Darstellung des Krieges - wie auch seine Anbindung an soziale Praktiken des Gedenkens - vielfältige Umwertungen. Es differenzierten sich die musealen Kriegsnarrative in den ehemaligen "Ostblockstaaten", was nicht zuletzt mit der Suche nach einer post- bzw.

antisowjetischen Form der Kriegsdarstellung im Museum zusammenhing.

Zugleich nahmen auch Gedenkstätten im westlichen Europa gewisse Änderungen im musealen Narrativ zum Zweiten Weltkrieg vor, als Reaktion auf das Ende des Kalten Krieges und die deutsche Wiedervereinigung und als kultur- und geschichts¬politische Konsequenz der EU-Erweiterungen.

Dabei wurden zum Teil "alternative Gedächtnisse" ehemals marginalisierter Gruppen in die offizielle Erinnerungskultur integriert und Fragen nach Widerstand und Kollaboration neu gestellt.

 

Die internationale Tagung "Zwischen Geschichte und Politik: Der Zweite Weltkrieg in Museen im westlichen und östlichen Europa" (München, 29.

Juni - 1. Juli 2011) stellt Musealisierungsstrategien in Bezug auf den Zweiten Weltkrieg im östlichen und west¬lichen Europa in den Mittelpunkt des Interesses. Sie soll die kognitiven, ästhetischen sowie politischen Dimensionen musealer Narrative zur Diskussion stellen: Wie lassen sich Herausforderungen für die Visualisierung des Zweiten Weltkrieges im Museum, bedingt durch das Ableben letzter Zeitzeugen und Kriegsveteranen sowie durch die geschichts¬politische Konjunktur, analytisch begreifen?

Welche sind die Präsentationstechniken und ästhetischen Formen der Auseinandersetzung mit dem Krieg in der "post-heroischen" Gesellschaft?

Wie hat sich der Umgang der Besucher mit historischen Museen und Gedenkstätten seit 1989 in verschiedenen europäischen Gesellschaften verändert? In der Diskussion sollen nicht nur Vergleiche zwischen verschiedenen nationalen Erinnerungs¬kulturen gezogen werden, sondern auch nach transnationalen erinnerungskulturellen Verflechtungen gefragt werden.

 

Themenschwerpunkte der Sektionen:

- Widerstand / Kollaboration / Partisanenbewegungen: ihre visuellen Darstellungs¬formen und deren politische Kontextualisierung

- "Leid-Motive": Darstellungen der NS-Gewalt, der zivilen Opfer (vor allem das Phänomen der Gedenkstätten für "verbrannte Dörfer"), Visualisierung der Massenvernichtung, Dissens zwischen Opferwürde und emotionalisierenden Darstellungen des "allgegenwärtigen Schreckens"

- Rolle und Funktionen religiöser Semantiken in gegenwärtigen historischen Ausstellungen

- Mehrfachkodierungen an vielschichtigen historischen Orten bzw. in Gedenkstätten mit "doppelter Vergangenheit": Opferkonkurrenz oder Opferhierarchie?

- Interdependenzen zwischen nationalen geschichtspolitischen Institutionen und europäischen Erinnerungsakteuren

- Herausforderung der nationalen "Opfer-" und "Sieger-Gedächtnisse"

durch die globalisierte Gedenkkultur der Shoah

 

Die Konferenz richtet sich an Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus den Geschichts- und Kulturwissenschaften. Organisiert wird sie vom Forschungsprojekt "Musealisierung der Erinnerung. Zweiter Weltkrieg und nationalsozialistische Besatzung in Museen, Gedenkstätten und Denkmälern im östlichen Europa", das am Collegium Carolinum angesiedelt ist und von der VolkswagenStiftung gefördert wird. Konferenzsprachen sind Deutsch und Englisch. Die Veröffentlichung eines Tagungsbandes ist geplant.

 

Bitte schicken Sie Ihr kurzes Exposé (1-2 Seiten) bis zum 1. April 2011 an Ekaterina Keding und Ekaterina Makhotina:

MuseumsWWII@extern.lrz-muenchen.de

 

------

 

Between History und Politics: The Second World War in Museums in Western and Eastern Europe

 

The past decades have seen a remarkable increase of cultures of remembrance, amounting to a veritable "memory boom" that manifests itself in the opening of ever more museums, exhibitions and memorials that seek to commemorate especially violent episodes of history - above all the Second World War and the immediate post-war period.

Already shortly after 1945, museums and memorials of the Second World War became important media in the politics of history in many European countries. Those representations and sites of commemoration played and still play a significant role in shaping official discourse of commemoration; it is in this context that vital questions such as collective guilt and responsibility, as well as categories such as "enemy", "victim" and "perpetrator," were negotiated.

Visual representations of the Second World War, as well as social practices of commemoration, have significantly altered since the collapse of the Soviet Union, both in Eastern and Western Europe. In states of the former so called "Eastern Bloc," narratives about the war have become increasingly differentiated, a process, that is intimately linked to the attempts of these states and societies to establish a post-soviet, often anti-soviet, narrative. Meanwhile, in Western Europe narratives about the Second World War were re-examined as well and alternative cultures of commemoration of formerly marginalized groups were increasingly integrated, which led to new perspectives on questions such as "resistance" and "collaboration." This process must be viewed in the context of the end of the Cold War, the German reunification and the expansion of the European Union.

 

The international conference "Between History und Politics: The Second World War in Museums in Western and Eastern Europe" (Munich, 29. June -1. July 2011) focuses on strategies of representations of World War II in museums in Eastern and Western Europe and aims for a comparative perspective. Cognitive, aesthetic, as well as political dimensions of narratives established by museum exhibitions shall be analysed:  How are exhibits affected by the death of veterans and survivors of the war?

What are the techniques of representation and what aesthetic forms are employed in examining the war in a "post-heroic" society? What is the role of religious semantics in representations of war? How has the attitude of visitors to historical museums and memorials changed since

1989 in European societies? The intention is to go beyond the analysis of different national cultures of remembrance and examine their trans-national entanglements.

 

Key topics to be discussed in the sections:

- Resistance/ Collaboration/ Partisan movement: visual display and political contextualisation

- "Leid-Motive": NS-violence and mass killings of civilian victims (in particular memorials dedicated to commemorate scorched villages):

Dilemma to protect the dignity of the victims on the one hand and of emotional representation of the "omnipresent horrors of war" on the other. 

- The role of religious semantics in contemporary historical exhibitions dedicated to commemorate WWII

- Hierarchy of victims and competition among groups of victims for recognition in the context of "multilayered" historical places / memorials with a "double past"

- National and European actors in the context of politics of history and their interrelation

- Challenges to national memory discourses by the global memory of the Holocaust

 

Historians and scholars from related fields such as cultural studies are invited to apply to this international conference. The conference is being organised by the research project "Muzealisation of memory. The Second World War and Nazi-occupation in Museums, Memorials and Monuments in Eastern Europe" which is sponsored by the Volkswagen Stiftung and located at Collegium Carolinum in Munich (http://www.collegium-carolinum.de/). The conference will be held in German and English and will take place in Munich. It is intended to publish the papers presented. There will be no registration fee. The organizers will cover expenses for travelling and accommodation up to a limited amount.

 

Please send a 500 word abstract and a brief CV (5 publications max.) in a single Word document to: MuseumsWWII@extern.lrz-muenchen.de