Uwe Bader | Marco Hörnig

»Gedanken bleiben frei«

Gedenkstättenrundbrief 155 S. 36-37

Tomi Ungerer-Ausstellung in der Gedenkstätte KZ Osthofen

Am 10. Mai 1940 begann ein neues Kapitel im Zweiten Weltkrieg: die deutsche Wehrmacht drang in die Niederlande, nach Belgien, Luxemburg und Frankreich ein. Nach einer überraschend schnellen Unterwerfung der französischen Armeen innerhalb nur weniger Wochen wurden die westlichen Nachbarländer zum größten Teil besetzt. Nach dem Waffenstillstand im Wald von Compiègne am 22. Juni 1940 wurden die Kämpfe eingestellt. Das »Dritte Reich« annektierte de facto das Elsass, Lothringen und Luxemburg, da die NS-Diktatur diese Länder entsprechend ihrer Ideologie als urdeutsche Gebiete betrachtete. An diesen 70. Jahrestag des deutschen Einfalls in die westlichen Nachbarländer erinnert die Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz mit einer historischen und vor allem künstlerischen Ausstellung: Am 10. Mai 2010 wurde die Ausstellung »Gedanken bleiben frei« mit dem elsässischen Künstler Tomi Ungerer in der Gedenkstätte KZ Osthofen eröffnet. Sie wird noch bis zum 8. August in der rheinland-pfälzischen Gedenkstätte bei Worms gezeigt.

Die Ausstellung, in der zahlreiche Dokumente und Objekte des Grafikers, Zeichners und Buchautors gezeigt werden, stellt Tomi Ungerer – Jahrgang 1931 – als scharf beobachtenden, jungen Zeitzeugen in den Vordergrund. Besonderen Raum gibt sie auch seiner satirisch-kritischen Auseinandersetzung mit der NS-Diktatur, die er schon als Schüler in zahlreichen Zeichnungen und Tagebucheinträgen betrieb. Als Kind erlebte Tomi Ungerer mit seiner Familie die Okkupation seiner Heimat hautnah, zunächst durch deutsche Truppen und dann durch die nachrückende »Zivilverwaltung«. Er beobachtete sehr genau, welche verheerenden Auswirkungen der von Deutschland ausgehende Krieg und die von den Nationalsozialisten propagierte Ideologie hatten. Ungerer, dessen künstlerisches Talent von seiner Familie früh gefördert wurde, hielt zu Hause im Verborgenen seine Erlebnisse, Beobachtungen und Eindrücke in zahlreichen Zeichnungen fest, die deutlich machen, was ein Kind in der Region Colmar von den schrecklichen Ereignissen von Diktatur und Weltkrieg mitbekam. So entstanden Dokumente, deren Authentizität heute noch beeindrucken. Beispielsweise zeichnete der junge Tomi einen Abtransport von »Volksschädlingen« in das »Sicherungslager« Schirmeck, in das vorzugsweise Elsässer, die sich der Germanisierungspolitik widersetzten, unter KZ-ähnlichen Bedingungen inhaftiert wurden.

Seine in der Jugend gemachten Erfahrungen haben Tomi Ungerer nach 1945 dazu bewogen, eine sehr umfangreiche Sammlung mit Dokumenten und Gegenständen des Alltags, der Nazi-Propaganda und der von den Alliierten während des Zweiten Weltkrieges entwickelten Antipropaganda anzulegen und sich während seines ganzen Lebens mit diesem Thema zu befassen. Ungerer hat über sich selbst geschrieben: »Ich bin ein Produkt dieser Zeit.« Bis in die Gegenwart engagiert sich der Künstler für Frieden und Völkerverständigung, insbesondere für die deutsch-französische Freundschaft.

Im Fokus der Ausstellung steht die Zeit der deutschen Besatzung des Elsass aus der Perspektive des jungen Tomi Ungerer. Es werden zahlreiche Dokumente und Gegenstände der NS-Propaganda und der von den alliierten entwickelten Antipropaganda gezeigt, die später Einfluss auf das künstlerische Schaffen Tomi Ungerers hatten. Dieses Anliegen spiegelt sich auch im Ausstellungsdesign wider, das vom Architekturbüro Schwarz-Düser / Düser aus Karlsruhe entwickelt wurde. Neben den Dokumenten aus der Kriegszeit widmet sich die Ausstellung auch der Auseinandersetzung des Künstlers mit Krieg und Holocaust in späteren Jahren. So wird das Kinderbuch »Otto« präsentiert, eine kindgerechte Auseinandersetzung in Form einer Biographie des Teddybären Otto. Darüber hinaus sind neue Collagen des Künstlers zum Thema Nationalsozialismus zu sehen, die er speziell für diese Ausstellung angefertigt hat.

Realisiert wurde das Ausstellungsprojekt vom NS-Dokumentationszentrum Rheinland-Pfalz in Osthofen mit Mitteln der Landeszentrale für politische Bildung, des Kultursommers Rheinland-Pfalz und des Ministeriums für Bildung, Wissenschaft, Jugend und Kultur. Die Exponate stammen vor allem aus den Archives Départementales du Bas-Rhin unter der Regie des Conseil Général du Bas-Rhin und aus dem Musée Tomi Ungerer – Centre International de l’illustration der Stadt Strasbourg. Mit beiden Einrichtungen gab es eine intensive grenzüberschreitende Kooperation für dieses Projekt der Gedenkarbeit. Mit der Hochschule Rhein-Main Wiesbaden wurde ein 192 Seiten umfassender Ausstellungskatalog mit einem Team unter Leitung von Prof. Guido Ludes erarbeitet, der bereits mehrfach mediale Gedenkprojekte in Osthofen und Hinzert mit der Landeszentrale für politische Bildung realisiert hat.

Die Ausstellung findet im Rahmen des diesjährigen rheinland-pfälzischen Kultursommers unter dem Motto »Über Grenzen … « statt. Sie will einen Beitrag zur grenzüberschreitenden Gedenkarbeit leisten. Im Sinne Tomi Ungerers sollen auch in Zukunft die Gedanken frei bleiben.

 

Nähere Informationen zum Programm:

NS-Dokumentationszentrum Rheinland-Pfalz

Gedenkstätte KZ Osthofen

Ziegelhüttenweg 38, 67574 Osthofen

info@ns-dokuzentrum-rlp.de

info@gedanken-bleiben-frei-in-osthofen.de

oder telefonisch unter 06242 910810

www.ungerer-osthofen.eu

 

Führungen werden für Besuchergruppen ab 20 Personen angeboten. Bei Besuchergruppen wird um vorherige Anmeldung mit verbindlicher Terminabstimmung gebeten.

 

Uwe Bader leitet das Referat für Gedenkarbeit der Landeszentrale für politische Bildung und ist Leiter der Gedenkstätte KZ Osthofen.

Marco Hörnig studierte Deutsch und Geschichte und arbeitet als freier Mitarbeiter in der Gedenkstätte KZ Osthofen.