Katja Grosse-Sommer, Robert Obermair, Paula Oppermann

21st Workshop on the History and Memory of the National Socialist Camps and Extermination Sites

Gedenkstättenrundbrief Nr. 184 (12/2016) S. 42-48

BETWEEN COLLABORATION AND RESISTANCE

Zwischen dem 24. und 30. Mai 2016 trafen sich 30 junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Aix-en-Provence für den »21st Workshop on the History and Memory of the National Socialist Camps and Extermination Sites«, um ihre Arbeiten und Gedanken zum Thema des diesjährigen Workshops »Between Collaboration and Resistance« vorzustellen und zu diskutieren.

Der Workshop findet seit 1994 jährlich unter wechselnden Themen zur Erforschung der nationalsozialistischen Lager statt. Er bietet noch nicht promovierten Wissenschaftlern einen Raum, um ihre Arbeit vorzustellen und in einer nicht-hierarchischen Umgebung zu diskutieren. Anschließend an den Workshop werden die Konferenzbeiträge als Sammelband herausgegeben. Traditionell wird dreimal am Workshop teilgenommen, als Speaker, Participant, und als Mitglied des Organisationsteams der folgenden Konferenz. So wird die Weiterführung des Workshops gewährleistet.

Am Ende eines Workshops bildet sich das neue Organisationsteam, welches das nächstjährige Thema auswählt. Darüber hinaus bietet der Workshop Raum zum internationalen sowie interdisziplinären Wissensaustausch und die Möglichkeit, das akademische Netzwerk der jungen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zu erweitern. Gleichzeitig ist der Workshop dazu gedacht, marginalisierte Wissenschaftsfelder in den Vordergrund der Forschung zu rücken und somit neue Wege in der Erforschung der nationalsozialistischen Lagern und Vernichtungsstätten zu ermöglichen.

Dabei ist das Thema des Workshops stets verbunden mit dem Tagungsort. In diesem Jahr standen Fragen zu Kollaboration und Widerstand im Mittelpunkt. Aix-en-Provence unterstand während des Zweiten Weltkrieges dem Vichy Regime, das mit dem nationalsozialistischen Deutschland zusammenarbeitete. In unmittelbarer Nähe diente das Lager Les Milles zunächst als Internierungslager für deutsche Gefangene, später als Durchgangslager für Transporte inhaftierter Juden nach Auschwitz. Les Milles steht nicht nur beispielhaft für die Kollaboration zweier Regimes; ausgehend vom französischen Fallbeispiel diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Beziehungen zwischen Herrschenden und Beherrschten sowie die Handlungsspielräume vermeintlich Unbeteiligter und somit das breite Spektrum zwischen Kollaboration und Widerstand.

Der diesjährige Workshop wurde von  Anne-Lise Bobeldijk (Amsterdam), Juliette Constantin (Tübingen), Karoline Georg (Berlin), Verena Meier (Heidelberg), Paula Oppermann (Berlin) in Kooperation mit der Gedenkstätte Grafeneck e.V., der Gedenkstätte Deutscher Widerstand und der Aix-Marseille Université organisiert. Er konnte dank der Förderung der Axel Springer Stiftung, der Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft, der Fondation pour la Mémoire de la Shoah, der Hans-Böckler-Stiftung und der Stiftung Zeitlehren stattfinden.

Ausgehend von einem interdisziplinären Zugang zur Thematik hatte das Organisationsteam Studierende und junge Forschende verschiedenster Fachrichtungen, darunter der Musikwissenschaft, Kunstwissenschaft, Literaturwissenschaft, Soziologie, Politikwissenschaft, Kulturwissenschaft und Geschichtswissenschaft zur Teilnahme eingeladen. Gleichzeitig wurde auch für eine regionale Diversität mit Teilnehmenden aus Dänemark, Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Italien, Kanada, Österreich, den Niederlanden, Polen, Russland, der Slowakei, Ungarn und den USA gesorgt. Das breite Spektrum an Disziplinen und regionaler Herkunft trug maßgeblich zum Erfolg des Workshops bei.

Das übergeordnete Thema des Workshops »Zwischen Kollaboration und Widerstand« stieß produktive Gedankengänge an, die sich darum drehten, wie man diese Begriffe genauer fassen könnte und die Bereiche dazwischen definieren zu wären. Während einige Anwesende dafür plädierten, jegliche Aktionen als Widerstand zu definieren, die gegen die Intention der SS gerichtet waren, einschließlich des Überlebens des Lagersystems, konzeptualisierten andere diese Begriffe in einem engeren Sinne mit dem Vorschlag, dass eine Intention zum Widerstand beim Individuum präsent sein musste, um ihr Verhalten als Widerstand einordnen zu können.

 

Panel 1: Kunst und Widerstand

Das erste Panel des Workshops behandelte die Beziehung zwischen Kunst(objekten) und Widerstand und stieß Diskussionen an, inwiefern das Fertigen von Kunst als Akt des Widerstandes definiert werden kann.

Die Diskussion wurde zunächst von Andreas E. Lehmann (Weimar) initiiert, der die Produktion und die Aufführung von Musik im Lager Buchenwald thematisierte. Musik wurde sowohl auf Befehl der SS als auch in verbotener Eigeninitiative von Häftlingen komponiert und aufgeführt. Es stellte sich hier die Frage nach den genauen Nuancen der Definition der Begriffe Kollaboration und Widerstand und inwiefern Einzelsituationen sowohl der Entstehung als auch der Aufführung der Musik diese Definitionen beeinflussen. Lehmann plädierte beispielsweise dafür, dass die auf Befehl der SS aufgeführte Musikproduktion nicht lediglich als Kollaboration oder Zwangshandlung abgestempelt werden sollte, da sie den Häftlingen auch Kraft und Mut geben konnte.

Helen Turner (Oxford) vertiefte die Diskussion über Widerstand in ihrem Vortrag über materiellen Besitz in Auschwitz-Birkenau. Sie stellte Geschlecht, Alter und sozialen Status als maßgebende Variablen für die Möglichkeit des Widerstandes vor. Turner vertrat ein breites Konzept des Begriffes »Widerstand« als jegliche Tat, die gegen die Intention der SS verstieß. Beispiele dafür waren die Gravur der Häftlingsnummer auf dem den Häftlingen zugeteilten Löffel, und auch das Überleben selbst.

Sabine Küntzel (Berlin) schloss an Turners Vortrag an und konzentrierte sich auf das Fertigen materieller Objekte. In Bezug auf Handarbeit in den Konzentrationslagern argumentierte sie, dass das Schaffen von »schönen Objekten« als eine kulturelle Aktivität gesehen werden sollte, durch die sich Häftlinge gegen die von den Nationalsozialisten angestrebte Entindividualisierung und Entmenschlichung auflehnten und als solches ein Akt des Widerstandes darstelle.

In ihrer Präsentation zum Thema »Writing as Resistance during World War II« setzte sich Sara di Alessandro (Milan) mit der Macht der Sprache als Widerstand gegen den Nationalsozialismus auseinander. Sie verglich die deutschsprachigen Schriften des Pastors Dietrich Bonhoeffer, verfasst während seiner Gefangenschaft, und die Autobiographie »Scum of the Earth« von Arthur Koestler, ein in Ungarn geborener kommunistischer Journalist, der die Schrift nach seiner Gefangenschaft auf englischer Sprache verfasst hatte.

Félix L. Deslauriers (Montréal) stellte seine Forschungen zu Walter Benjamin vor, der im Lager Vernuche eine »Lagerzeitung« hatte gründen wollen. Einem historisch-materialistischen Ansatz folgend, unterstrich Deslauriers die Wichtigkeit, die Geschichte aus der Sicht der »Besiegten« zu betrachten. Dieser Begriff beinhaltet nicht nur den Blick auf die Opfer von Gewalt und Unrecht. Zu betrachten sei auch die Wahrnehmung, ein solches Opfer zu sein und die Frage, welches Handeln daraus resultiert.

 

Panel 2: Institutionalisierte Kollaboration

Das zweite Panel des Workshops verlagerte den Fokus vom Widerstand zur Kollaboration verschiedenster Organisationen, von nationalsozialistischen Behörden zu regionalen Gemeinschaften, einschließlich der Region Marseille unter dem Vichy Regime im Kontext des Rahmenprogramms.

Janine Fubel (Berlin) untersuchte die Kollaboration verschiedener Beteiligter bei den Todesmärschen vom Lager Sachsenhausen im April 1945. Sie argumentierte, dass die Todesmärsche generell deutlich besser organisiert waren, als in der Forschung bislang angenommen wird, und untersuchte das Verhältnis zwischen den »Funktionshäftlingen«, der SS und der Wehrmacht im Verlaufe des Marsches. Fubel betonte die Rolle der örtlichen Gemeinden bei der Aufrechterhaltung der Machtverhältnisse in den Lagern nach deren physischer Auflösung und brachte so ein Beispiel für Kollaboration in der späten Phase des NS-Staates.

Regionale Kollaboration wurde im Falle Ungarns von Izabella Sulyok (Szeged) angesprochen: Sie stellte ihre Untersuchung zur Arbeit der örtlichen Administration im dritten Gendarmerie-Distrikt des Landes bei der Ghettoisierung vor. Örtliche Behörden kamen mit der deutschen Besatzung und höheren Autoritäten bezüglich der genauen Implementierung der Schritte zur Judenverfolgung und deren Einfluss auf die nicht-jüdische Bevölkerung in Konflikt. Allerdings stellten sie den Holocaust als solchen nie in Frage, sondern beteiligten sich maßgeblich daran.

 

Panel 3: Handlungsspielräume

Im dritten Panel wurden die Handlungsräume von Individuen im Lagersystem näher untersucht und damit auch auf deren Einfluss auf die exaktere Definition der Begriffe Kollaboration und Widerstand.

Denisa Nešťáková (Bratislava) behandelte die Rolle von Gisi Fleischmann, einem prominenten Mitglied der jüdischen Gemeinde in der Slowakei und gleichzeitig einer der wenigen Frauen, die dort eine Führungsposition einnahmen. Im Glauben, diese würden die jüdische Bevölkerung vor der Deportation schützen, warb Fleischmann für die Errichtung jüdischer Arbeitslager. Nešťáková betrachtete Fleischmanns Handeln anhand des Konzepts der »choiceless choice«,1 das die immens eingeschränkten Handlungsspielräume der Opfer der Nationalsozialisten betont und deshalb auch eine mögliche Bezeichnen ihrer Handlungen als »Kollaboration« mit den nationalsozialistischen Behörden in Frage stellen solle.

Mateusz Tomas Jamro (Krakau) folgte mit seiner Präsentation der polnischen politischen Organisationen im KZ Buchenwald. Er beschrieb die Entwicklung der polnischen Organisationen und zeigte, dass die polnischen Gefangenen wichtige Machtpositionen im Lager einnahmen, insbesondere nachdem die Organisation der Kommunisten 1943 durch die SS entdeckt worden war.

Die Debatte über Handlungsspielräume von Häftlingen wurde mit zwei Präsentationen über Ärzte im Lagersystem weitergeführt. Sari J. Siegel (Los Angeles) präsentierte einen Teil ihrer Arbeit über jüdische Ärzte, die beispielhaft für Primo Levis Konzept der »Grauen Zone«2 stünden: Einerseits versorgten sie ihre Mithäftlinge medizinisch, doch gleichzeitig waren sie an den Selektionen schwacher Häftlinge und somit an deren Ermordung beteiligt. Siegel betonte, dass es sich hierbei jedoch nicht um Kollaboration (collaboration), sondern um »Zwang« (coercion) gehandelt habe, da eine Verweigerung drastische Konsequenzen für die Ärzte selbst oder andere bedeutet habe.

Christian Schmittwilken (Berlin) schloss an Siegels Präsentation an. Basierend auf seinen Recherchen zum SS-Arzt Percival Treite im Lager Ravensbrück betonte Schmittwilken das vollkommen ungleiche Machtverhältnis im Lagersystem, in welchem SS-Männer wie Treite die Handlungsspielräume der einzelnen Gefangenen diktierten. Er sprach sich dafür aus, bei der Untersuchung von Individuen und deren Handeln die größeren Strukturen des Lagersystems stärker in Betracht zu ziehen.

Das letzte Panel der Konferenz beschäftigte sich mit örtlichen Reaktionen zur Judenverfolgung. Borbála Klacsmann (Budapest) sprach über das Durchgangslager Monor nahe Budapest, aus dem im Juli 1944 etwa 9000 Juden deportiert wurden. Sie beschrieb das Vorgehen der lokalen Autoritäten beim Aufbau des Lagers und das Verhalten, der in unmittelbarer Nähe des Lagers lebenden Menschen. Sie beschrieb den Einfluss dieser »bystanders« auf die Überlebenschancen der eingesperrten Juden.

Das Wissen der Bevölkerung in der Umgebung der Lager über die Umstände in diesen thematisierte auch Katja Grosse-Sommer (Amsterdam): Sie untersuchte die Repräsentation des Verhältnisses vom Lager Sachsenhausen und dem Dorf Oranienburg in einer Ausstellung der Gedenkstätte Sachsenhausen. Sie kritisierte die in der Ausstellung nahezu unreflektierte Verwendung von Nachkriegsaussagen der Anwohnerschaft bezüglich ihrer Handlungsspielräume während der NS-Zeit.

Der Workshop fand in Kooperation mit der Gedenkstätte Grafeneck statt. Die Gedenkstätte erinnert an die Opfer des sogenannten Euthanasie-Programms der Nationalsozialisten. Um den Teilnehmenden die Arbeit der Gedenkstätte näher zu bringen, gab deren Mitarbeiterin Franka Rössner eine Einleitung in die Thematik und die Geschichte der sechs Euthanasiezentren im Deutschen Reich. Rössner widerlegte die noch immer verbreitete Annahme, die NS-Verantwortlichen hätten das Programm aufgrund des Protests aus Kirche und Gesellschaft beendet.

 

Rahmenprogramm

Um die Themen der Konferenz mit der Situation Südfrankreichs in Bezug zu setzen, hatten die Organisatorinnen ein Rahmenprogramm mit lokalen Wissenschaftlerinnen sowie Wissenschaftlern und dem Besuch regionaler historischer Stätten vorbereitet. Zunächst eröffnete Robert Mencherini (Université Aix-Marseille) die Konferenz mit einem Vortrag über Frankreichs Rolle im Zweiten Weltkrieg, wobei er insbesondere die Kollaboration des Vichy Regimes mit dem nationalsozialistischen Deutschland thematisierte. Anschließend und thematisch passend folgten eine Exkursion auf das Gelände des einstigen Lagers Les Milles und eine Führung durch das dortige Museum. Sowohl die Führungen durch das Areal als auch die Ausstellung selbst wurden von den Teilnehmenden vor allem hinsichtlich des pädagogischen Konzepts und ideologischer Fragen der Vermittlung später intensiv diskutiert. Viele der Teilnehmenden haben Erfahrung in der Erinnerungs- und Museumsarbeit und brachten die Diskussion inhaltlich voran.

Ihr Wissen über die Geschichte der Region Marseille konnten die Konferenzteilnehmerinnen und -Teilnehmer durch den Vortrag von Jean Sérandour erweitern. Der Vertreter der Varian Fry Assoziation verdeutlichte einen Aspekt des Widerstandes gegen das Vichy Regime am Beispiel des amerikanischen Journalisten Varian Fry, der ein geheimes Hilfsnetzwerk aufgebaut und etwa 2000 Juden die Flucht in die Vereinigten Staaten ermöglicht hatte.

Am Freitagnachmittag erfuhr die Gruppe bei einer Exkursion nach Marseille mehr über die Stadt. Robert Mencherini und die Kuratorin des Historischen Museums Marseille, Ann Blanchet, führten die Gruppe durch das Museum. Sie berichteten offen über die Geschichte der Region während des Zweiten Weltkriegs und auch über deren Repräsentation in Gedenkstätten und Museen. Das Gespräch wurde bei einem anschließenden Stadtrundgang, den Mencherini und Blanchet führten, fortgesetzt. Sie zeigten relevante Orte für die Geschichte und das Gedenken an den Zweiten Weltkrieg in Marseille. Abschließend ermöglichten sie der Gruppe einen Besuch in der Gedenkstätte für die jüdischen Deportierten aus Marseille, die momentan überarbeitet wird und geschlossen ist.

Der vierte Tag des Workshops begann mit einem Gespräch zwischen Anne-Lise Bobeldijk und Ernst Sillem, einem Überlebenden der Lager Vught, Natzweiler und Dachau. Sillem inspirierte besonders mit seiner lebendigen Erzählung über seinen Widerstand und seinen Fluchtversuch nach Großbritannien. Seine Erfahrungen hat er auch mit dem Projekt »Namen statt Nummern« geteilt. Hier treffen niederländische Schüler und Schülerinnen Überlebende des Lagers Dachau. Anschließend verfassen sie mithilfe von Historikern und Pädagogen Biographien über die einstigen Häftlinge. Der Initiator des Projekts, Jos Sinnema, begleitete Ernst Sillem nach Aix-en-Provence und berichtete über die Arbeit mit den Überlebenden und Jugendlichen.

 

Abschlussdiskussion, Rückmeldungen, Ausblicke

Die Konferenz wurde mit einer Diskussion der Definitionen der Begriffe »Widerstand« und »Kollaboration« abgeschlossen. Während dies zunächst als Vortrag geplant gewesen war, entschieden sich die Organisatorinnen dafür, mit allen gemeinsam die Ideen zusammenzutragen, die während der Konferenz aufgekommen waren. Die verschiedenen Definitionen der Begriffe sowie der Mikro- und Makroebenen, auf denen sie verwendet werden können, wurden diskutiert. Es wurde einmal mehr deutlich, wie komplex die Frage nach den Handlungsspielräumen bleibt. An Beispielen wie dem Begriff der Zwangsarbeit wurde deutlich, dass eine einfache Bezeichnung als Kollaboration nicht möglich ist, wenn eine alternative Handlungsweise nicht wahrgenommen oder als realistisch angesehen wurde.

Die Diskutierenden wiesen eine vereinfachte Klassifizierung der Verhaltensweisen innerhalb des NS-Lagersystems zurück und plädierten für eine im höheren Maße nuancierte Definition der Begriffe Kollaboration und Widerstand. Es wurde betont, dass jegliche Verwendung der Begriffe die Situation eines Einzelnen und deren wahrgenommenen Handlungsspielraum berücksichtigen müsse. Idealerweise sollte die Anwendung der Konzepte Kollaboration und Widerstand dazu dienen, das Ziehen von Parallelen in Einzelerfahrungen zu ermöglichen, gleichzeitig aber auch die damit hergehenden Problematiken und Grenzen von generalisierten Konzepten im Auge zu behalten.

Manche Teilnehmerenden plädierten für die Verwendung des Begriffes Intention als ein nützliches Konzept, um die Bereiche zwischen Kollaboration und Widerstand deutlicher zu strukturieren. Allerdings wurde auf die Schwierigkeit hingewiesen, die Absicht einer Handlungsweise festzustellen, welche sich möglicherweise vom Endeffekt derselben unterscheide. Beispielsweise könne der Selbstmord eines Gefangenen die Intention beinhaltet haben, die Kontrolle des eigenen Lebens entgegen des NS-Regimes zu übernehmen, könne aber auch als Flucht vor dem individuellen Leiden gesehen werden. Darüber hinaus setze eine Definition des Widerstandes, die auf Intention basiert, den freien Willen eines handelnden Individuums voraus, welcher allerdings anhand der eingeschränkten Handlungsräume der Gefangenen in mehreren Konferenzbeiträgen in Frage gestellt wurde.

Die abschließende Diskussion sprach auch an, ob der Fakt, dass jemand das Lagersystem überlebte, als Widerstand angesehen werden könne, und nahm Bezug auf die inklusive Definition Hermann Langbeins, der jegliche Aktion, die sich gegen die Absicht der SS richtet, als Widerstand ansieht.3 Allerdings wurde von Teilnehmern darauf hingewiesen, dass eine solche Widerstandsdefinition ein moralisches Urteil mit sich ziehe. Gleichzeitig wurde die retrospektive Wahrnehmung der Handlungsspielräume kritisiert, die im Nachhinein schwierig zu beurteilen wäre. Die moralischen Besetzungen der Begriffe Kollaboration und Widerstand wurden als ähnlich problematisch gesehen, allerdings wurde auch am Beispiel Frankreichs auf ihre Wichtigkeit für die Gedenkstättenarbeit als auch für die Gestaltung nationaler Identität hingewiesen.

Die Teilnehmenden gaben dem Organisationsteam abschließend Rückmeldungen über die Planung und Durchführung des Workshops. Diese fielen – bis auf das Bedauern, zu wenig freie Zeit gehabt zu haben – durchweg positiv aus. Insbesondere schienen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler die unterstützende und hierarchiefreie Atmosphäre geschätzt zu haben, eine Auffassung, die von den Organisatorinnen geteilt wurde. Der Sammelband mit den Artikeln der Vortragenden ist zur Zeit im Metropol Verlag in Bearbeitung.

In der Tradition des Workshops stehend wurden auch diesmal am letzten Abend das Organisationsteam und der Tagungsort für den nächsten Workshop demokratisch von den Teilnehmenden und in Abwesenheit des Organisationsteams gewählt. Der nächste Workshop wird 2017 in Budapest stattfinden.

Wie für Aix-en-Provence hat sich ein internationales Organisationsteam gefunden, das plant, den Workshop unter die Thematik der Erinnerungskultur und visuellen Darstellung der NS-Geschichte zu stellen. Der nächste Workshop wird voraussichtlich vom 17. bis 22. Oktober in Budapest unter dem Titel »Practices of Memory and Knowledge Production« stattfinden. Das internationale Organisationsteam erhofft, die etablierte Workshoptradition erfolgreich weiterführen zu können. Mehr Informationen über den Workshop sind auf der Website workshopnscampsandexterminationsites.com aufzurufen.

 

Katja Grosse-Sommer schließt zur Zeit ihren Master in Holocaust und Genozidstudien an der University of Amsterdam und der Humboldt-Universität zu Berlin ab und präsentierte ihre Arbeit im 21. Workshop.

Robert Obermair schreibt zur Zeit an seiner Dissertation an der Universität von Salzburg und ist als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität angestellt. Er war im 21. Workshop als Teilnehmer anwesend.

Paula Oppermann arbeitete als Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Topographie des Terrors in Berlin und beginnt in Kürze mit ihrer Dissertation an der University of Glasgow. Sie war im 21. Workshop Mitglied des Organisationsteams.

 

1    Angelehnt an Lawrence Langer, »The Dilemma of Choice in the Deathcamps«, Centerpoint: A Journal of Interdisciplinary Studies 4 (1980): 53–59.

2    Primo Levi, The Drowned and the Saved (Vintage International, 1988).

3    Hermann Langbein, … nicht wie die Schafe zur Schlachtbank: Widerstand in den nationalsozialistischen Konzentrationslagern (Fischer, 6th ed., 1997).