Andrea Genest

Authentizität als Kapital historischer Orte

Gedenkstättenrundbrief Nr. 186 (6/2017) S. 34-41

EIN TAGUNGSBERICHT

Veranstalter: Zentrum für Zeithistorische Forschung, Institut für Zeitgeschichte, Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung, Leibniz-Institut für Europäische Geschichte in Kooperation mit dem Leibniz-Forschungsverbund -Historische Authentizität und der KZ-Gedenkstätte Dachau

Dachau, 1.−3. März 2017

 

Der Leibniz-Forschungsverbund Historische Authentizität nahm sich eines hochaktuellen Themas an, indem er auf einer dreitägigen Tagung nach dem Authentizitätsanspruch historischer Orte fragte und zur kritischen Reflexion der darin enthaltenen Erwartungen einlud. Historischen Orten, insbesondere denen der nationalsozialistischen Massenverbrechen, wird eine tiefergehende Bedeutung zugesprochen. In erster Linie werden sie als Friedhöfe wahrgenommen. In ihren baulichen Relikten und als Orte des Geschehens wird ihnen zugleich eine haptische Beweisfunktion der NS-Verbrechen zuerkannt. Daraus resultieren ihre Aufgaben der historischen Information sowie der politischen Bildungsarbeit. Vielfach konnte der Erhalt der Orte als Gedenkstätten nur aufgrund dieses skizzierten gesellschaftspolitischen Anspruches einer kritischen Geschichtsreflexion durchgesetzt werden, was die Erwartungen an einen Besuch historischer Orte erhöht, nicht aber konkretisiert. Gedenkstätten sind, wie Gabriele Hammermann, Leiterin der KZ-Gedenkstätte Dachau es zusammenfasste, Antworten auf die Authentizitätserwartungen der Besucher; das »Authentische« werde zum Synonym für »lagerzeitlich« oder »historisch«. Die Aufmerksamkeit für die Orte selbst und die Erwartungen an ihre Aussagefähigkeit scheint sich nun mit dem vermehrt thematisierten Abschied der Zeitzeugengeneration zu verstärken.

 

Zur Bedeutung authentischer Orte

Insa Eschebach, Leiterin der Gedenkstätte Ravensbrück, analysierte in ihrem Auftaktvortrag Prozesse der Sakralisierung historischer Orte des Massensterbens. Mit ihr sei eine Kulturtechnik zur Erzeugung des Heiligen gefunden worden, die geschehenes Unheil gewissermaßen bändigen solle. Im Umgang mit unheilvollen Orten stellten Sakralisierungsprozesse ein Repertoire von Handlungsmustern sowie ein entsprechendes Vokabular zur Verfügung, das Bedrohung, Leiden und Tod in einer »sinnvollen, scheinbar überirdisch legitimierten Ordnung« aufgehen lasse. Aus diesem Grund seien sakralisierende Formen der Darstellung von Geschichte an den historischen Orten offenbar so erfolgreich.

In der Diskussion kam ein Paradoxon zur Sprache, das sich als Befund durch die gesamte Tagung zog: In den sachlich informativen Darstellungen der Geschichte der Lager in den Gedenkstätten erkennen viele Besucher eine Distanzierung gegenüber dem Grauen, die aber gerade von diesen häufig nicht gewünscht werde.

Auch Éva Kovácz (Simon Wiesenthal Center, Wien) beleuchtete die Authentifizierungsstrategien historischer Orte, indem sie zwischen der Vermittlung von Geschichte als stärker rationalisierte und reflektierte Form des Erinnerns und der des kulturellen Erbes unterschied, das einen stärker identitätsstiftenden Charakter habe. Um eine Identifizierung mit Geschichte hervorzurufen, werde auf Authentifizierungsstrategien zurückgegriffen, sei es in der Wahl der Gebäude oder Gelände, sei es in der Wahl der präsentierten Objekte. Diese Inszenierungen können dazu führen, dass historische Zusammenhänge ausgeblendet werden, die der intendierten Identifizierung mögli-cherweise entgegenstehen. Das »Haus des Terrors« in Budapest beispielsweise verweise vor allem auf den historischen Ort des Gefängnisses im Kommunismus, nicht jedoch auf die Tatsache, dass dieses Haus zuvor in jüdischem Besitz gewesen sei und damit ebenso für die Verfolgung der Juden in Ungarn stehe. Seinen Vertretungsanspruch für die Opfer des Kommunismus untermauere das Haus zurzeit mit der Archivierung kopierter Nachlässe bekannter ungarischer Dissidenten. Damit werde die Opfererfahrung zum kulturellen Erbe erhoben, die in Ehren gehalten, aber nicht kritisch hinterfragt werde.

Die geschichtspolitischen Deutungen, die hinter dem Argument des Authentischen stehen, stellte Julia Röttjer (Deutsches Polen Institut Darmstadt) anhand der Durchsetzung des Weltkulturerbestatus’ für die Staatliche Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau vor. Als Auszeichnung, die sich vor allem an denkmalpflegerischen Standards orientiert, wurde im Jahr 1979 neben dem historischen Ort auch die bestehende Gedenkstätte mit ihren Objekten aufgenommen. Damit erhielt die Gedenkstätte zugleich einen Autoritätszuwachs, denn Gedenkstätten an Orten nationalsozialistischer Verbrechen gehörten bis dahin nicht zum Kanon der UNESCO. Der authentische Ort wurde mit seiner Bedeutung für die polnische Nation begründet, was nicht zuletzt durch den Umstand gefördert  , dass jeweils die Länder die Anträge stellen, in denen sich das Kulturerbe befindet. Demzufolge habe das Stammlager Auschwitz I als Ort der nationalsozialistischen Verfolgung des polnischen Volkes im Zentrum der Bewerbung um den Status als Weltkulturerbe gestanden und nicht Auschwitz-Birkenau als Ort der Verfolgung und Massentötung der Juden aus Europa. Damit ist das Authentische nicht nur eine Zuschreibung, es ist zusätzlich durch geschichtspolitische Prioritäten geprägt.

Ingrid Scheurmann (TU Darmstadt) wies in diesem Zusammenhang noch einmal darauf hin, dass die unterschiedlichen Professionen mit unterschiedlichen Begriffen arbeiteten, was das Gespräch nicht immer vereinfache. Während die Denkmalpflege auf der Behauptung des Authentischen erst aufbaue, sei er für die Geschichts- und Sozialwissenschaften mit dem Wissen um seine vielfachen Überformungen und dem gleichzeitigen Wunsch nach Dekonstruktion fast schon nicht mehr nutzbar (Ulrike Jureit, Hamburger Stiftung zur Förderung von Wissenschaft und Kultur).

 

Das Authentische als gesellschaftspolitisches Argument

Stefanie Endlich (Universität der Künste, Berlin) plädierte in ihren Überlegungen zu Stadtführungen für eine Konzentration auf einzelne Gebäude und deren Durchdringung in ihren vielfältigen Schichten, um damit dem Wandel der gesellschaftspolitischen Bedeutungszuschreibungen nachzugehen. Damit schärfe sich auch der Blick darauf, welche Spuren noch zu finden seien − und welche nicht.

Dominik Kleinen (HU Berlin) fragte in seinen Ausführungen zu den Planungen der 750-Jahr-Feiern in Ost- und West-Berlin 1987 sowie zur Geschichte des CSD ebenfalls nach den gesellschaftspolitischen Implikationen von Authentizität. Formen der historischen Aneignung unter öffentlicher Anteilnahme sollen bestimmte Geschichtsbilder verankern und damit mitunter auch politische Forderungen unterstreichen. Dabei zeigt sich auch in der Planung öffentlicher Umzüge, dass historisches Wissen an bestimmte Orte gebunden wird. Mit ihrer konkreten Verortung solle die Distanz zur Vergangenheit überwunden werden und in eine Erfahrungsdimension überführt werden, die auch für spätere Generationen eine Bedeutung erhalte. Seine Funde aus den Planungen der Festumzüge zeigen jedoch, dass es vor allem die positiven Aspekte sind, die sich öffentlich präsentieren lassen. In der Darstellung des Nationalsozialismus stoße die öffentliche Darstellung als Aktivierungspotenzial immer wieder an ihre Grenzen.

 

Umgang mit dem Authentischen

Stephan Schwan berichtete aus einem Forschungsbereich des Leibniz-Instituts für Wissensmedien Tübingen, der der Frage nach den Erwartungen an das Authentische nachgeht. Aufgrund von Tests mit Probanden traf er die Feststellung, dass dreidimensionale Objekte länger betrachtet werden und im Detail einen stärkeren Eindruck bei den Besuchern hinterließen als ihre bildliche Wiedergabe. Die Frage, ob es sich um ein Original oder eine Replik handelt, spiele dabei kaum eine Rolle. Die als authentisch wahrgenommenen Objekte werden ob ihrer historischen Verortung als bedeutsam erachtet und bildeten somit eine Brücke zur Vergangenheit. Der materielle und ästhetische Wert spiele dabei eine untergeordnete Rolle. Insbesondere an Orten negativer Valenz scheinen es die Objekte zu sein, die einen persönlichen Bezug zur Vergangenheit vermitteln, eine Form der Vorstellbarkeit, die sich zur Beglaubigung der Erzählung und Kontextualisierung anbiete.

 

Touristischer Umgang und Inszenierungen

Die historischen Orte nationalsozialistischer Massenverbrechen liegen oft abseits urbaner Zentren, sodass ihr Besuch eine touristische Form annimmt. Mit der Professionalisierung der Gedenkstätten, aber auch mit ihrer zunehmenden gesellschaftlichen Akzeptanz werden damit Gedenkstätten nicht nur zu Orten der historischen Information und Vertiefung, sondern zugleich auch mehr und mehr des Massentourismus. Jörg Skriebeleit, Leiter der Gedenkstätte Flossenbürg, beleuchtete diese wachsende Attraktivität, indem er ihrer Ausprägung im »Dark Tourism« nachging.1 Tod, Leid und Tourismus seien schon länger miteinander verbunden − nicht zuletzt habe Karl Krauss sich bereits 1921 über Autorundfahrten zu den Schlachtfeldern von Versailles mokiert. So stellte Skriebeleit die Frage, ob die Erwartungen eines »Dark Tourism« als Herausforderung für die Gedenkstättenarbeit begriffen werden müssen oder doch eher Ausdruck einer hypertrophen Erinnerungskultur seien. Hier sei einzuwenden, dass nicht jede touristische Aufmerksamkeit gleich als Dark Tourism zu verstehen ist, und auch dieser sich ethischen Prinzipien verschrieben hat.2 Die Beurteilung nach der Idee des Dark Tourism bleibt aber engführend, klammert diese doch den Aspekt des kritischen Lernens aus der Geschichte aus und fokussiert vor allem auf die Ausmaße der Gewalt, für die die jeweiligen Orte stehen. Trotzdem stehen mit Filmen wie »Austerlitz«3 des Regisseurs Sergei Loznitsa oder dem Projekt »Yolocaust«4 des israelischen Künstlers Shahak Shapira aktuelle Einwürfe im Raum, die an ein Versagen der Erinnerungskultur glauben lassen können. Jörg Skriebeleit plädierte jedoch dafür, den »perfomative turn« ernst zu nehmen und aus den sozialen Praxen des Tourismus eher neue Ideen zu entwickeln, die sich an NS-Gedenkstätten umsetzen lassen. Gemeint sind damit Lernformen, die stärker auf eine Interaktion der Besucherinnen und Besucher bauen. Dabei erinnerte er zusätzlich an den grundlegend pluralistischen Charakter der Internationalen Gedenkstätten-Charta.5

Stefanie Samida schloss mit ihrem Einblick in Schlachtfeldtourismus und Reenactment an die Überlegungen zum touristischen Umgang mit den historischen Orten an. Hier kämen die beiden Elemente zum Tragen, die oftmals bei Besuchen in Gedenkstätten vermisst würden: die Unmittelbarkeit der historischen Anmutung sowie die Möglichkeit der eigenen Partizipation. Es seien die aktivierenden Momente, die Begeisterung für Uniformen und die unmittelbare Verortung von Geschichte, die die Menschen nicht nur die ehemaligen Schlachtfelder besuchen, sondern die Schlachten auch nachspielen ließen. Ganz wesentliche Aspekte des Krieges, wie Schmerz, Leid und Zerstörung, würden dabei jedoch ausgeblendet. Der nachgespielte Akt sei klar begrenzt, Gewalt und Tod würden neutralisiert. Interessanterweise sind es vor allem Schlachten vor dem Zweiten Weltkrieg, die nachgestellt werden, was wohl nicht nur mit den attraktiveren Uniformen zusammenhängt, sondern auch mit den unmittelbareren Formen der Kriegsführung. Die historische Annäherung der Beteiligten finde darin ihre Form, dass sie zu Bestandteilen eines bewegten Bildes werden.

 

Bedeutung des Authentischen in der Vermittlung

Diese Gegenüberstellung des Schlachtentourismus verdeutlichte noch einmal die Grenzen der Aneignung, die Gedenkstätten aufweisen. Als Gegen-Denkmale zu einem gesellschaftlichen Vergessenwollen verfolgen sie ein anderes Konzept als Gedenkorte des 19. und 20. Jahrhunderts, die vor allem an positiv konnotierte Ereignisse -erinnern (Scheurmann). Im Westen entstanden Gedenkstätten im Ergebnis einer neuen Geschichtsbewegung seit den 1980er-Jahren, im Osten dagegen seit Ende der 1950er-Jahre als Denkmäler, die den Gründungsmythos der DDR stützten. Die baulichen Überreste träfen sich mit den Seherwartungen der Besucher (Jureit), und dies trotz expliziter Dekonstruktionsbemühungen der Gedenkstätten selbst, die sich gegen die »Sehnsucht nach Echtheit« (Detlef Hoffmann) richteten. Die Authentifizierung werde damit zu einer ästhetischen Kenntlichmachung, die beispielsweise das Betreten der historischen -Fußböden vermeiden helfen solle. Dabei bleibe außer Acht, dass die Orte sich selbst mit ihrer Befassung verändern (Heidemarie Uhl, Österreichische Akademie der Wissenschaften). Sie stehen, wie Gabriele Hammermann es zusammenfasste, zwischen den Alternativen, Teile des historischen Ortes zu »verlorenen Milieus« (Aleida Assmann) werden zu lassen oder, wie Habbo Knoch zitiert wurde, »der Gefahr der ästhetischen Gefälligkeit« anheimzufallen. Die Überbauungen der historischen Orte wurden häufig in Reaktion auf das öffentliche Interesse vorgenommen, z.B. in Form von Dokumentationszentren, zugleich widersprächen diese aber der Sehnsucht nach Authentizität.

Aus einer geschichtsdidaktischen Perspektive sah Matthias Heyl (Leiter der Pädagogischen Dienste Ravensbrück) in dieser Sehnsucht nach Authentizität eine Gefahr, den Nationalsozialismus ausschließlich an die Orte der Massenverbrechen zu bannen, der letztlich doch das ganze Land durchdrungen habe. Zugleich werde dieser an den historischen Orten aber auch wieder entfremdet, denn diese gehörten einer vergangenen Zeit an. Matthias Heyl hinterfragte in diesem Zusammenhang die Forderung, die Orte »zum Sprechen zu bringen«, bedeute dies doch bloß, dass die vermeintlichen Aussagen der Orte bereits vorgedacht worden seien bzw. die Inszenierungen der Gedenkstätten diese repräsentierten. Ein partizipativer Ansatz könne aber nur dort zum Tragen kommen, wo Orte noch überraschen können, wo eigenständig Spuren gefolgt werden könne.

Alfons Kenkmann (Universität Leipzig) reagierte auf das Dilemma von Gedenkstätten, auf der einen Seite bewusst eine Verwissenschaftlichung der Didaktik vorgenommen zu haben, auf der anderen aber mit dem Bedürfnis vieler Besucher nach Emotionalisierung konfrontiert zu werden. Er schlug eine veränderte Begrifflichkeit vor, die beide Bezüge in einen Sinnzusammenhang brächte: Zusammen mit der Subjektorientiertheit historischer Zugänge seien die historischen Orte in »Geschichtsorte« transferiert worden. Dieser Begriff versetze den historischen Ort von vornherein in seine Jetztzeit und ermögliche einen distanzierten Blick auf die Geschichte. Allerdings berge dieser Umgang wiederum Möglichkeiten der Überformung und Veränderung des historischen Ortes.

Thomas Lutz (Stiftung Topographie des Terrors) fragte ebenfalls dezidiert nach dem Gehalt des Authentischen, wenn die ehemaligen Orte der Verbrechen mittlerweile mit Überbauungen und neuer Wegeführung stärksten Veränderungen unterworfen seien; vor allem dadurch, dass sie nicht mehr als Haftstätten genutzt werden. Spuren der damaligen Architektur oder Objekte komme eine besondere Bedeutung zu: Zum einen soll mit ihnen die Würde der Opfer ausgedrückt und damit die Erinnerung an die NS-Verbrechen versinnbildlicht werden. Zum anderen sind sie nach wie vor Beweise für die Verbrechen, die dort stattgefunden haben. Die Gedenkstätten seien als zeithistorische Museen an Orten nationalsozialistischer Gewaltverbrechen Medien der gesellschaftlichen Selbstreflexion. Ihre heutige Bedeutung und Symbolkraft sage viel über aktuelle Debatten aus und müsse sich nicht unbedingt mit der historischen Bedeutung der Stätten decken. Die Anmutung des Authentischen werde damit zu einer Frage der Atmosphäre. Den Orten selbst werde von den Besuchenden eine wissenschaftlich untermauerte Autorität zuerkannt, haben sie doch noch immer eine Beweis- und Legitimationsfunktion. Damit gehörten die Gedenkstätten selbst zu den kulturellen Praxen der historischen Beglaubigung. Authentifizierung, so ergänzte Éva Kovács, gründe sich immer auf gesellschaftliche Konventionen und sei damit Ergebnis gesellschaftlicher Aushandlungsprozesse.

Verena Haug (Evangelische Akademien in Deutschland) schloss an den Befund der Überformung mit ihrer These an, dass Zeitzeugen mit ihren Berichten eine zusätzliche Überforderung der Orte darstellten. Beide – Orte und Zeitzeugen – sollen die Geschichte »spürbar machen« und damit zu ihrer Charismatisierung beitragen. Allerdings seien dies eher Erwartungen, die von außen an Gedenkstätten herangetragen werden. Die meisten Gedenkstätten würden Zeitzeugenaussagen als subjektive Einlassung immer auch anderen Quellen gegenüber stellen und somit multiperspektivisch und kritisch arbeiten. Die Gefahr der Überwältigung sei dort zu finden, wo die »sekundäre Zeugenschaft«6 überschritten werde und Erfahrungen, die nicht die eigenen sind, nicht mehr hinterfragt würden. Das Subjektive erhalte hier in der Suche nach den greifbaren historischen Spuren eine außerordentliche Autorität. Obwohl Zeitzeugen eine wesentliche Motivation für die historische Bearbeitung der nationalsozialistischen Verbrechen seien und mit ihren Erfahrungen die Autorität der Gedenkstätten stärkten, stellten sie doch keine tragende Säule der Gedenkstättenarbeit dar.

Der auratischen Aufladung historischer Orte ging auch Benjamin Geissert (Zentrum für Holocaust- und Minderheitenstudien Oslo) nach, indem er zwei norwegische Museen des Zweiten Weltkrieges miteinander verglich. Dabei repräsentierte das Museum am Ort des Osloer Gefängnisses während der Okkupation Norwegens die Narration der Widerstandskämpfer und erfahre damit große Aufmerksamkeit. Das Zentrum für Holocaust- und Minderheitenstudien hingegen, das am ehemaligen Privatwohnsitz des Ministerpräsidenten der norwegischen Kollaborationsregierung Vidkun Quisling eingerichtet wurde, tat sich schwer als ein Täterort, an dem Opfergeschichte erzählt werden soll. In seiner Zurückhaltung und stärker reflektierten Präsentation scheint es für Besucher weniger eingängig zu sein.

Steffi de Jong (Universität Köln) analysierte computerbasierte Visualisierungen der Lager zwischen dem Wunsch nach Einfühlen und Erleben der Räumlichkeit auf der einen Seite und den Grenzen der Darstellbarkeit auf der anderen, die aus dem gesellschaftlichen Diskurs erwachsen sind. Im Ergebnis würden meist begehbare Lager erstellt, die aber leer blieben – und damit wiederum einen musealisierten Raum ergeben. Orte größtmöglicher Verbrechen, wie Gaskammern oder Krematorien, würden verpixelt oder verschwommen dargestellt. Um der reinen Imagination zu entgehen und den Lern- bzw. Beweischarakter zu stärken, werden oft historische Quellen hinzugezogen. Die Frage bleibt, ob begehbare digitale Räume eine wirklich Annäherung bedeuten oder vielmehr eine neue Wirklichkeit schaffen, mit der die spürbare Differenz zur Vergangenheit nur verdeckt wird.

Das gesamte Tagungsgespräch war ausgesprochen reich und intensiv, ist doch das eigentliche Thema in seinen unterschiedlichen Befassungen nie aus dem Blick geraten. Als Begriff, der eine Zuschreibung benennt, wurde er vielleicht häufig zu schnell mit dem Begriff des »historischen« ersetzt, um der Arbeit an den Orten selbst gerecht zu werden. Die Differenz aber, die zwischen Rezeptionserwartung und professionalisierter Gedenkstättenarbeit entstehen kann, wurde in erster Linie konstatiert. Es lohnt sich, ihr weiter nachzugehen. Im Ergebnis stehen historische Orte und insbesondere NS-Gedenkstätten in unterschiedlichen Spannungsfeldern: Authentifizierungsstrategien fördern Emotionen, die mit einer möglichst reflektierten historischen Information kanalisiert werden sollen. − Annemarie Franke (Schlesisches Museum, Görlitz) verwies hierbei auf den identitätsstiftenden Charakter von Authentifizierungsprozessen. Diese könnten leicht in eine Kanonisierung der Geschichte führen und damit eine offene Deutung erschweren. − Authentifizierungen tragen eine bestimmte Wissensvermittlung in sich – sie sollen eine bestimmte zeitliche Schicht und ihren normativen Gehalt betonen. Darin können sie aber auch in Engführungen gleiten, indem andere historische Schichten unbeachtet bleiben.

Die Frage also, ob Authentizität ein Kapital historischer Orte sei, ist demzufolge mit einem klaren Jain zu beantworten – Ja, denn die mit ihr verbundenen Erwartungen bringen die Menschen dazu, die Orte zu besuchen – nein, denn die mitgebrachten Erwartungen müssen vor Ort gebrochen werden, um Neues erfahren zu können.

 

Das Programm kann unter folgender Internetadresse eingesehen werden: www.leibniz-historische-authentizitaet.de/aktuelles-aktivitaeten/termine-veranstaltungen

 

Dr. Andrea Genest arbeitete an unterschiedlichen Gedenkstätten in Deutschland und Polen. Ihre Arbeitsschwerpunkte liegen in der deutschen und polnischen Zeitgeschichte sowie der Erinnerungskultur.

 

1    Der »Dark Tourism« hat historische Orte zum Ziel, die für tragische und tödliche Ereignisse stehen, vgl. www.dark-tourism.com (Stand: 3. 4. 2017).       

2    Die ethischen Prinzipien, die sich der Dark Tourism gegeben hat, stehen wiederum in einem Interessenskonflikt mit dem »Darkometer«, der die Orte in zehn verschiede Grade der »darkness« unterteilt, gemessen an Parametern wie Aktualität, Sichtbarkeit, Emotionalität sowie Ausmaß des Grauens.

3    Vgl. Austerlitz, DE/UE, 2016; Regie: Sergei Loznitsa. 94 Min.

4    Vgl. yolocaust.de/ (Stand: 3. 4. 2017)

5    Vgl. progedenkstaetten-sh.de/wp-content/uploads/Carta-dtsch (Stand: 3.4.2017)

6    »Sekundäre Zeugenschaft« entsteht durch das Zuhören eines Zeugnisses: zum einen macht diese zweite Person den Sprechakt des Zeugnisablegens erst möglich, diese Person ist aber auch häufig an der Verbreitung des Wissens um das Erleben der Zeitzeugen beteiligt. Vgl. u.a. Ulrich Baer (Hrsg.): »Niemand zeugt für den Zeugen«. Erinnerungskultur nach der Shoah. Frankfurt a.M. 2000, S. 11.