»Baracke 13« und das Thema »Lageralltag«
Gedenkstättenrundbrief 164 (12/2011) S. 21-30DIE WIEDERHERRICHTUNG EINER ZWANGSARBEITERUNTERKUNFTSBARACKE
»Baracke 13« ist eine von 13 Unterkunftsbaracken des ehemaligen Zwangsarbeitslagers in Berlin-Schöneweide. Sie gehörte zu den ersten Gebäuden des Lagers, die ab 1943 errichtet wurden. Nach Kriegsende nutzte die Rote Armee die Baracke kurzzeitig als Materiallager. In den folgenden Jahren zogen verschiedene Werkstätten ein. Unter anderem unterhielt hier der Volkseigene Betrieb (VEB) Kühlautomat eine Ausbildungswerkstatt. Ab 2003 diente das Gebäude zur Aufbewahrung von Antiquitäten und Baustoffen. Baracke 13 wurde 2009 vom Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit übernommen und als beispielhafte Unterkunftsbaracke hergerichtet; seit Ende August 2010 ist sie für Besucher zugänglich.
Seit 2006 befindet sich das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit, eine Abteilung der Stiftung Topographie des Terrors, auf dem Gelände dieses historischen Ortes. 1944/1945 waren hier zivile Zwangsarbeiter/innen, weibliche KZ-Häftlinge und – in Baracke 13 – italienische Militärinternierte und italienische Zivilarbeiter untergebracht und bei den umliegenden Betrieben des damaligen Rüstungszentrums Schöneweide eingesetzt. Der zeitgenössische Name »GBI-Lager 75/76« bezieht sich auf den »Generalbauinspektor für die Reichshauptstadt« und späteren Rüstungsminister Albert Speer. Statt monumentaler Repräsentationsgebäude für die »Welthauptstadt Germania«, die Speer im Auftrag Hitlers bauen sollte und die den nationalsozialistischen Größenwahn im Berliner Stadtbild manifestieren sollten, sind unter seiner Ägide lediglich Zweckbauten wie Luftschutzbunker und Zwangsarbeiterlager errichtet worden, die nur noch in Einzelfällen erhalten sind.1
Entstanden ist das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit nach langjährigem und hartnäckigem Engagement verschiedener Initiativen und einzelner Bürger und Bürgerinnen.2 Hier wird mit Ausstellungen, Veranstaltungen und verschiedenen Bildungsangeboten über die Geschichte der NS-Zwangsarbeit informiert. Charakteristisch für diesen historischen Ort ist auf der einen Seite sein guter Erhaltungszustand als Lagerensemble3, das inmitten eines Wohngebiets liegt. Auf der anderen Seite prägt das Gelände die starke Überformung durch die Nutzung in der Nachkriegszeit, die zum Teil bis heute andauert. In sechs Baracken (heute Dokumentationszentrum) war von 1946 bis 1989 ein Impfstoff-Institut untergebracht, das sowohl das äußere wie innere Erscheinungsbild des ehemaligen Zwangsarbeiterlagers stark veränderte: So überlagern vergitterte Fenster, verputzte Fassaden, geflieste Wände, Laboreinrichtungen, Kühlkammern, Tierställe (für Versuche mit Impfstoffen) und sonstige Installationen die ursprünglichen Räume und Oberflächen. Zwei der sechs Baracken sind 2005/2006 umgebaut worden. Sie beherbergen Ausstellungs- und Seminarräume, Bibliothek, Archiv und Büros. Die anderen Baracken des ehemaligen Lagergeländes werden bis heute fremdgenutzt: als Autowerkstatt, Sauna, Kita, Autohändler und Kegelgaststätte.
Die Überformung des Geländes und die baulichen Veränderungen an den einzelnen Baracken stellten in der Vergangenheit eine der größten Herausforderungen für die pädagogische Arbeit dar. Diese hat sich zur Aufgabe gemacht, über das Schicksal der Zwangsarbeiter und Zwangsarbeiterinnen – und hier besonders der größten Gruppe der Zivilarbeiter – im Deutschen Reich zu informieren. Die starke bauliche Präsenz der Nachgeschichte drängt die ursprüngliche Geschichte des Ortes als Zwangsarbeiterlager in den Hintergrund. Die einzelnen Nutzungsschichten können vom Besucher ohne Erläuterung nicht auseinanderdividiert werden, bauliche Details wie vergitterte Fenster aus der Nachkriegszeit werden der NS-Zeit zugeordnet. Hinzukommt die durch die mediale Bilderflut beeinflusste Erwartungshaltung der Besuche und Besucherinnen, die bestimmte Motive (Ikons) aus dem Bilderkanon der Konzentrations- und Vernichtungslager – Wachturm, Krematorium, Gaskammer – erwarten und oft Schwierigkeiten haben, sich auf diesen Ort einzulassen.
Insofern war es ein Glücksfall, dass Baracke 13, die sich bis dahin in Privatbesitz befand, von den Eigentümern zum Verkauf angeboten wurde, da diesen die denkmalgerechte Sanierung des Gebäudes zu aufwändig und teuer wurde. Die Besonderheit dieser Baracke besteht darin, dass hier – trotz einzelner Veränderungen – zahlreiche bauliche Details erhalten geblieben sind, die sonst an keiner Stelle des historischen Ortes zu finden sind: z.B. die Original-Fenster und ein Teil der originalen Fensterläden, originale Oberflächen im Innern, der Flur und vor allem Inschriften von italienischen Zwangsarbeitern an den Wänden im Keller.
Die grundlegende Frage, wie mit dieser Baracke im Detail umzugehen sei, wurde intensiv diskutiert. Die Überlegungen betrafen sowohl das Restaurierungskonzept wie auch die Frage, wie die Räume zu »bespielen« seien, vor allem vor dem Hintergrund, dass Besucher immer wieder den Nachbau einer Stubeneinrichtung forderten, um sich besser vorstellen zu können, wie der Alltag von Zwangsarbeitern aussah. So verständlich der Wunsch nach mehr Anschaulichkeit ist, so problematisch wäre die praktische Umsetzung. Aufgrund mangelnder Quellen ist die detaillierte Ausstattung nicht rekonstruierbar und sind originale Einrichtungsgegenstände nicht erhalten.4 Nicht nur aus diesem Grund wurde entschieden, keine Inneneinrichtung nachzubauen, sondern vor allem, weil es ein Trugschluss wäre, anzunehmen, man könnte über eine bauliche Rekonstruktion historische Inhalte besser vergegenwärtigen oder das Leiden der in den Lagern inhaftierten Menschen besser nachempfinden.
Ruth Klüger hat in ihren Erinnerungen »Weiter leben« ihren Besuch in der KZ-Gedenkstätte Dachau beschrieben und damit sehr deutlich ausgedrückt, was über 65 Jahre nach Kriegsende auf den ersten Blick eben nicht mehr an historischen Orten vermittelt werden kann: »Da war alles sauber und ordentlich, und man brauchte schon mehr Phantasie, als die meisten Menschen haben, um sich vorzustellen, was dort vor vierzig Jahren gespielt wurde. Steine, Holz, Baracken, Appellplatz. Das Holz riecht frisch und harzig, über den geräumigen Appellplatz weht ein belebender Wind, und diese Baracken wirken fast einladend. Was kann einem da einfallen, man assoziiert eventuell eher Ferienlager als gefoltertes Leben. Und heimlich denkt wohl mancher Besucher, er hätte es schon schlimmer gehabt als die Häftlinge da in dem ordentlichen deutschen Lager. Das Mindeste, was dazugehörte, wäre die Ausdünstung menschlicher Körper, der Geruch und die Ausstrahlung von Angst, die geballte Aggressivität, das reduzierte Leben.«5
Auch Besucher des Dokumentationszentrums NS-Zwangsarbeit haben ihre erste visuelle Assoziation mit Ferienlager oder auch »Gastarbeiter«-Unterkunft beschrieben.6 Trotzdem sind historische Orte heute mehr als nur sauber und ordentlich: Auf den zweiten Blick sind sie rau, sperrig, manchmal irritierend und uneindeutig. Aufgabe der Gedenk- und Erinnerungsorte oder Dokumentationszentren an historischen Orten ist es, den Besuchern Brücken zu bauen, die es ihnen ermöglichen, sich auf die vorgefundenen Relikte einzulassen, sie zu »lesen«, ihre Geschichte zu erkunden und so einen visuellen Einstieg in das jeweilige Thema – hier die Geschichte der NS-Zwangsarbeit – zu finden.
Sanierung und Restaurierung: die Baracke als Exponat
Zentraler Ausgangspunkt für die Sanierung war, die Baracke als Exponat zu begreifen und dementsprechend nur notwendige und behutsame Eingriffe in die Bausubstanz vorzunehmen. Zunächst zeigten sich ganz konkrete bauliche Probleme, die zum Teil bekannt waren – wie der sich absenkende Keller und daraus resultierende Setzungsrisse in der Fassade –, oder die zum Teil erst nach Projektbeginn zutage traten – wie eine hoch kontaminierte Dachdeckung, die aufwendig abgebaut und erneuert werden musste – und die Gesamtkosten steigen ließ. Gerade die Gründungssanierung erforderte dann doch gravierendere Maßnahmen: Mit einem »Verdichtungsinjektionsverfahren« wurde Beton in die Hohlräume unter dem Kellerboden eingespritzt, um weitere Setzungsbewegungen zu verhindern und die Baracke zu stabilisieren.
Grundsätzliches Ziel der Restaurierungsmaßnahme bestand in der strukturellen Wiederherrichtung der Baracke, um die Unterkunftssituation zu verdeutlichen: Die ursprüngliche serielle Gliederung der Baracke mit längs verlaufendem Flur und davon abgehenden, insgesamt 12 Unterkunftsstuben sollte wieder sichtbar gemacht werden. Dies ließ sich nicht ohne Teilrekonstruktionen umsetzen. So sind z.B. in der Nachkriegszeit abgerissene Wände ersetzt, eine nachträglich eingebaute Holztür an der Außenwand oder ein nachträglich eingesetztes Fenster zugemauert oder die verloren gegangenen Ummauerungen von einigen Kellerabgängen wieder aufgemauert worden.7 Bei all diesen Wiederherstellungsmaßnahmen wurde großen Wert darauf gelegt, dass zwar ähnliche Baumaterialien verwendet wurden, aber trotzdem deutliche Unterschiede zur originalen Bausubstanz sichtbar bleiben sollten. Im Fall der vielen nicht mehr vorhandenen Stubentrennwände sind am originalen Standort neue Wände eingezogen worden. Diese neuen Wände haben einen deutlichen Abstand zu den Außen- und Flurwänden und sind in einem neutralen modernen Hellgrau gestrichen. Sie unterscheiden sich nicht nur deutlich von den umgebenden Originalwänden, sondern können auch genutzt werden für Beschriftungen, wie die Raumthemen.
Im Verlauf der Restaurierung konnten zudem die beiden einzigen Funktionsräume – Wasch- und Toilettenraum – freigelegt werden. Im Waschraum wurde der einzig vorhandene Waschbrunnen aus einer anderen Baracke restauriert und hierher umgesetzt, zwei weitere Aufstellspuren von Waschbrunnen sind erhalten. Der ehemalige Toilettenraum ist in der Nachkriegszeit ebenfalls als WC genutzt worden. Die moderne Anlage wurde entfernt und so wurden die baulichen Relikte der Toiletten sichtbar.
Einige der Baracken sind unterkellert, was in Zwangsarbeiterlagern eher ungewöhnlich war. Im Keller von Baracke 13 finden sich verschiedene Inschriften, die belegen, dass der Keller von den Insassen genutzt wurde – auch während der Luftangriffe: Es finden sich verschiedene italienische Namen und Worte sowie Daten von Angriffen aus der letzten Kriegsphase an den Wänden. Ein Teil der Inschriften soll auch für die Besuchergruppen zugänglich sein; diese wurden hinter Glas gesichert.
Die Originalwände in den Stuben zeigen zahlreiche Spuren der Nachkriegsnutzung: verschiedene Farb- und Putzschichten, helle Flächen, wo Schalttafeln angebracht waren usw. Diese Oberflächen sind lediglich gereinigt, ansonsten aber in ihrer vielschichtigen, lebendigen Struktur belassen worden. Hier zeigte sich am deutlichsten, dass es – selbst, wenn man es wollte – nicht möglich ist, einen historischen Ort auf seinen »Urzustand« zurückzuführen, da sich einzelne Farb- und Putzschichten nicht oder nur sehr schwer abtragen lassen, ohne die originale Bausubstanz zu beschädigen. Zudem wird hier auch offenkundig, dass die Nachnutzung und Überformung Teil der im Wortsinne vielschichtigen Geschichte historischer Orte ist, die den Umgang mit diesen Orten in der Nachkriegszeit widerspiegeln.
Das Außengelände ist analog zum restlichen Gelände des Dokumentationszentrums gestaltet. Da sich Baracke 13 am anderen Ende des historischen Lagerortes befindet, soll so eine visuelle Anbindung gewährleistet werden. Auch wurde Baracke 13 in das bestehende Informations- und Leitsystem integriert (verschiedenen Informationstafeln auf dem Außengelände und vor den einzelnen Baracken).
Musealisierung
Die Baracke als Exponat zu verstehen bedeutet auch, auf die Wirkung der Räume zu setzen und hier keine klassische Ausstellung einzurichten, sondern nur eine sparsame Musealisierung vorzunehmen. Die Gestaltung sollte zurückhaltend sein und den Blick auf die einzelnen Räume bzw. den Flur und auch den Blick durch die Fenster nach außen nicht verstellen. Im Zentrum des Musealisierungskonzeptes stand das Thema Lageralltag. Dafür wurden Zitate aus Interviews, Erinnerungsberichten und anderen autobiografischen Quellen von ehemaligen Zwangsarbeitern und Zwangsarbeiterinnen aus verschiedenen Berliner Lagern ausgewählt.
In deutscher Übersetzung und in der jeweiligen Originalfassung sind die Zitate auf milchigen, aber dennoch transparenten Tafeln angebracht und von der Decke abgehängt worden.8 Die Zitate in den verschiedenen Unterkunftsräumen wurden je bestimmten Aspekten des Lageralltags zugeordnet – wie Bewachung, Kontakte, deutsches Lagerpersonal, Lebensradius, Krankheit, Verzweiflung, Stube, Waschraum, Toiletten, Luftangriffe, Hunger, Freizeit. Auf die Zwangsarbeit selbst wird in den ausgewählten Zitaten verwiesen als etwas, was außerhalb der Baracke respektive des Lagers stattfand. Die Besucher entdecken beim Begehen der Baracke nach und nach in den Zitaten Ausschnitte aus dem Zwangsarbeiteralltag und können diese zu einem je eigenen Bild zusammensetzen. Mit dem Betreten von immer mehr Räumen verdichten sich die Einblicke in diesen Alltag. Die Zitate als indirekte Hinterlassenschaften korrespondieren mit den Inschriften an den Kellerwänden, die dort von ehemaligen Zwangsarbeitern als direkte Selbstzeugnisse angebracht wurden.
Die inhaltliche Klammer bilden drei Überblickstexte im Flur, die vom Allgemeinen zum Konkreten weisen: von den verschiedenen Zwangsarbeitergruppen allgemein, zum Lager Schöneweide und zur Baracke 13. Außerdem ist hier das zentrale Zitat zu lesen: »Wir wohnten in einer Baracke. Die Baracke war direkt in der Stadt. Während meines ganzen Aufenthaltes in Deutschland gab es nichts Schlechteres, als in der Baracke zu wohnen und zu essen.«
Die Zitate sind exemplarische Schlaglichter auf den Lageralltag. Sie lassen die Betroffenen selbst zu Wort kommen, ohne dass dies kommentiert wird. Der Besucher »flaniert« durch die Baracke und die einzelnen Themenräume und entscheidet selbst über die Dauer seines Verweilens. Die Stimmen der ehemaligen Zwangsarbeiter bilden im Zusammenwirken mit den rauen Oberflächen und kargen kalten Räumen einen ersten, durchaus emotionalen und emphatischen Zugang zum Thema Lageralltag. Ursprüngliche Überlegungen, die Biografien der 18 Zitierten direkt auf die Wände zu geben, wurden wieder verworfen, um die Räume nicht zu überfrachten. Daher erfolgte die notwendige Rückbindung und Einbettung der einzelnen Zitate in die jeweilige Lebensgeschichte in Form einer eigenen Biografiebroschüre, die die Besucher mitnehmen können und die sich besonders für Schulklassen zur Vorbereitung eines Besuches eignet.
Steinernes Zeugnis: Original – Relikt – Replik?
Durch die Integration von Baracke 13 in das Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit hat sich die Vermittlungssituation wesentlich verbessert. Auch haben sich die Möglichkeiten der Arbeit am und mit dem historischen Ort ausgeweitet (z.B. Aufnahme von Inschriften im Keller im Rahmen von Workshops). Die Baracke steht als Kern eines Lagers stellvertretend für das nationalsozialistische Lagersystem. Das Lager Schöneweide ist ein exemplarischer Ort und repräsentiert den Typus eines mit verschiedenen Zwangsarbeitergruppen belegten Sammellagers, das sich mitten in der Stadt befindet.9 Ein wichtiges didaktisches Ziel – das auf den ersten Blick selbstverständlich wirkt, es aber nicht ist – besteht darin, zu zeigen, dass Zwangsarbeit nicht im Lager, sondern andernorts stattfand. Daher gilt es, weder die Baracke noch das Lager isoliert zu betrachten, sondern die verschiedenen umgebenden Räume mit in den Blick zu nehmen. Wie ein Stein, der ins Wasser geworfen wird, ist die Baracke der Ausgangspunkt: Es folgen das gesamte Lager, der Wohn-Stadtraum, die Arbeitseinsatzorte mit den jeweiligen Akteuren – Profiteure, Zuschauer, (Mit)Täter – und ihrem Verhalten gegenüber den Zwangsarbeiter/innen.
Eine wichtige Aufgabe besteht weiterhin darin, den Besuchern zu zeigen, dass Lager nicht zwangsläufig gleich KZ und nicht gleich Vernichtungslager bedeutet. Auch die Herausforderung, die Geschichte der NS-Zwangsarbeit differenziert zu vermitteln, bleibt. Dazu gehören die unterschiedlichen Gruppen von Männern, Frauen und Kindern, die zur Arbeit gezwungen wurden und deren Lebensbedingungen extrem variierten – je nach Nationalität, Status, Kategorisierung innerhalb der rassistischen NS-Hierarchie sowie den vor Ort herrschenden Umständen und den mehr oder weniger genutzten Handlungsspielräumen der verantwortlichen Akteure. Dazu gehört auch, dass Zwangsarbeit als Massenphänomen im Verlauf des Zweiten Weltkrieges allgegenwärtig wurde und das breite Spektrum der Profiteure von den Rüstungsunternehmen bis hin zur deutschen Hausfrau reichte. Eine ausführliche Dokumentation des Themas Lageralltag, geschweige denn der Geschichte der NS-Zwangsarbeit, kann und soll in Baracke 13 nicht geleistet werden. Dies ist der Dauerausstellung vorbehalten, die derzeit erarbeitet und im Mai 2013 eröffnet wird.
Baracke 13 ist kein Relikt, das einfach übrig geblieben ist, sondern ein bauliches Denkmal, das infolge der Nachnutzung verändert wurde. Auch durch die Wiederherrichtung ist eine weitere Schicht hinzugefügt worden. Originale Denkmale sind immer einem Transformationsprozess unterworfen. Insofern ist der Begriff der Authentizität auch irreführend. Das Original gibt es nicht. Außerdem ist Authentizität kein Wert an und für sich, der sich selbst erklärt, sondern entsteht in der Wahrnehmung des Betrachters. Insofern ist auch zu fragen, wo die Aussagekraft des Originals die der Replik übersteigt – gerade angesichts der emotionalen Diskussionen und auch Projektionen, die am Beispiel der großen Rekonstruktionsprojekte (Dresdner Frauenkirche, Berliner Stadtschloss) zu beobachten sind. Alle heute noch existierenden historischen Orte aus der Zeit des Nationalsozialismus sind nicht im Zustand 1945 konserviert, sondern verändert, weiter genutzt, umgebaut wurden. Sie sind Fragmente und Träger historischer Informationen und müssen, wie jede Quelle, kritisch »gelesen« werden.
Aber: Originale Denkmäler sind immer noch einzigartig. Nur sie haben die Zeit überdauert und stehen stellvertretend für die vielen anderen Orte des NS-Terrors, von denen heute nichts mehr zu sehen ist. Insofern sind sie auch Beleg für die historischen Ereignisse – steinerne Zeugen. Die Diskussion um Original oder Nachbau mag eine zuweilen akademische, spezifisch deutsche Debatte sein, die sich dem normalen Besucher nicht erschließt. Originale sind aber – wie die Geschichte, für die sie stehen – nicht eindeutig, sondern vielschichtig. Die Fragen und Diskussionen, die sie auslösen, kann eine Replik nicht ersetzen.10
Dr. Christine Glauning, seit 2006 Leiterin des Dokumentationszentrum NS-Zwangsarbeit Berlin-Schöneweide.
1 Neben dem Lagerensemble Schöneweide ist dies zum Beispiel ein Hochbunker in Schöneberg (Pallas-straße) sowie der »Schwerbelastungskörper« (ebenfalls in Schöneberg), ein gigantischer Betonpilz, der die für die »Germania«-Monumentalbauten notwendige Belastungsgrenze des Untergrundes testen sollte. Bei beiden Bauprojekten wurden Zwangsarbeiter eingesetzt.
2 Förderverein für ein Dokumentations- und Begegnungszentrum zur NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöne-weide e.V. (Hg.): »NS-Lager entdeckt«. Zwangsarbeiterlager Schöneweide wird historischer Lernort, Berlin 2006.
3 Zwei von 13 Unterkunftsbaracken sind in der Nachkriegszeit abgerissen worden, eine kurz nach Kriegsende, eine erst um 2000.
4 Ausnahme ist ein Waschbrunnen, vgl. S. 4.
5 Ruth Klüger: Weiter leben. Eine Jugend, 3. Aufl. München 1995, S. 77.
6 Derartige Vergleiche, wie auch Vergleiche mit anderen Sammelunterkünften wie Reichsarbeitsdienst, Bundeswehr oder NVA werden von Besuchern auch im Sinne einer Relativierung geäußert.
7 Zum Teil fanden sich noch originale Bausteine, die dafür verwendet werden konnten.
8 Die ursprünglich favorisierte, in der Gestaltung noch zurückhaltendere Idee, die Zitate als Lichtprojektion auf die Wände zu bringen, hat sich im praktischen Versuch nicht bewährt, da durch die Fenster je nach Tageszeit mehr oder weniger Licht von außen fällt und die Texte zum Teil unlesbar machen würde.
9 Nicht typisch sind die Steinbauweise und die Unterkellerung. Schätzungsweise 3 000 Sammelunterkünfte für Zwangsarbeiter gab es allein in Berlin. Die Gesamtzahl aller Zwangsarbeitslager ist noch unbekannt. In der Ausstellung »Zwangsarbeit. Die Deutschen, die Zwangsarbeiter und der Krieg« wird die Zahl von 20 000 Lagern genannt, die tatsächliche Zahl war sicherlich sehr viel höher.
10 Vgl. Hanno Rauterberg: ECHT UNECHT. Über die Bedeutung der Denkmalpflege in Zeiten der Künstlichkeit. Vortrag in den Franckeschen Stiftungen am 19. Juni 2001 anlässlich der Jahrestagung der Vereinigung der Landesdenkmalpfleger in der Bundesrepublik Deutschland (www.kunsttexte.de/download/denk/rauterberg.pdf).


