Renate Venske

»Begegnungen«

Gedenkstättenrundbrief 153 S. 31-33

Ein Schülerfilmprojekt mit Ewald Hanstein

September 2004

Etwa zwanzig Schüler der neunten und zehnten Klasse der Bremerhavener Humboldtschule haben sich einer Gedenkfahrt nach Mittelbau-Dora angeschlossen. Eine Vorstellung, wie es sein wird, wenn sie sich die KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora anschauen, haben sie nicht.

Mit ihrem Deutschlehrer Manfred Kandsorra haben sie zwar viel über die NS-Zeit gesprochen und einiges über den ehemaligen KZ-Arbeitsstollen gelesen. Ihre Gefühle, wenn sie gemeinsam mit dem Zeitzeugen Ewald Hanstein über das Gelände gehen und hören, wie menschenunwürdig die damaligen SS-Verbrecher mit den Gefangenen umgegangen sind, haben die Jugendlichen im Vorfeld nur erahnen können. Als sie zusammen mit Mitgliedern des Bremerhavener Sintivereins und Ewald Hanstein den Bus besteigen, ist es eine Mischung aus Neugier und mulmigen Gefühl.

Auf dem Gelände angekommen, erzählt der KZ-Häftling welche Überlebensstrategien er für sich entwickelt und seinen von Hunger gezeichneten Körper immer wieder zu Höchstleistungen angetrieben hat. Im Arbeitsstollen des Kohnstein – Kälte und Nässe. Unaufhörlich gruben sich die mit ohrenbetäubendem Lärm arbeiteten Presslufthammer in den harten Stein. Die unmenschlichen Arbeitsbedingungen hat zehntausenden Menschen das Leben gekostet. Ihre Leichen sind entweder im Krematorium verbrand oder einbetoniert worden.

Die Konfrontation mit der Unmenschlichkeit des NS-Regimes ist für die Schüler fast unerträglich. Es dauert mehrere Stunden, das riesige Gelände, den Stollen und die noch vorhandenen Gebäude anzuschauen.

Mit vielen Bildern und der beeindruckenden Beschreibung des Zeitzeugen Hanstein sind sie nach Bremerhaven zurückgefahren. Nur gut, dass ihr Lehrer ein Ventil für ihre Gedanken und Empfindungen parat gehabt hat. Sie haben Eindrücke, Erinnerungen und Empfindungen in kurzen Texten zusammengefasst. Daraus ist eine eindrucksvolle Textsammlung entstanden, die sie im Rahmen einer Veranstaltung am 10. Dezember 2004 in der Aula ihrer Schule vorgetragen haben. Für alle Besucher ein eindrücklicher Abend. Mit im Publikum war auch die Journalistin und Filmemacherin Renate Venske. Die Geburtsstunde einer Filmidee.

 

Am Anfang steht die Idee

Im Sommer 2005 das erste Treffen. Drei Schülerinnen, der Lehrer Manfred Kandsorra und Renate Venske setzen sich zusammen, diskutieren und entwickeln zunächst ein grobes Filmkonzept. Der Plan ist, ausgewählte Schülertexte vor Ort im damaligen Arbeitsstollen zu lesen, eine passende Musik zu finden und mit dem Zeitzeugen Ewald Hanstein ein ausführliches Interview zu führen. Die Aufgaben werden nach dem jeweiligen Interessensgebieten verteilt. Noch einige kurze Besprechungen und los geht’s. Schon die Probeaufnahmen motivierten die Gruppe, weiter zu machen.

Bei den Schülern wirkt der Besuch der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora nachhaltig. Sie beschäftigen sich weiterhin mit dem geschichtlichen Thema und beobachten aufmerksam die Aktivitäten der rechtsradikalen Szene.

Alle Beteiligten sind hoch motiviert, obwohl sich das Filmprojekt durch die jeweiligen Alltagsverpflichtungen in die Länge zieht und keinerlei Fördermittel in Aussicht gestellt werden.

Am 11. November 2006 ist es endlich soweit, der Hauptdreh in Mittelbau-Dora ist perfekt. Mit Kamera, Ton, Licht und einem straffen Drehplan ausgestattet fahren sie nach Nordhausen zur Gedenkstätte. Mittlerweile sind zwei Schülerinnen auf dem Gymnasium, eine ist ausgestiegen, dafür aber zwei aus der neunten Klasse neu eingestiegen.

Es ist typisches Novemberwetter, aber nach fünf Stunden Dreh ist alles im Kasten. Zufrieden und vollkommen durchgefroren macht sich die Filmcrew wieder auf den Heimweg.

Das erwünschte Interview mit dem Zeitzeugen Ewald Hanstein kann aus gesundheitlichen Gründen nicht auf dem Gelände geführt werden und muss auch deshalb immer wieder verschoben werden.

Im Dezember 2007 kann es jedoch in seiner Bremer Wohnung stattfinden. Der rührige, mittlerweile 83-jährige Ewald Hanstein hat sich bis zum Auftreten seiner Krankheit bundesweit für die Rechte von Sinti und Roma eingesetzt. Ihm ist es offensichtlich wichtig, den Schülern das Interview zu geben.

 

Postproduktion

Wieder zuhause angekommen werden drei Stunden Filmmaterial gesichert sowie Transskript und Schnittplan erstellt. Schließlich entsteht an langen Winterabenden der Dokumentarfilm »Begegnungen« (21.36 Minuten). 2008 gibt es dafür den Bremer Senatspreis – »Dem Hass keine Chance«.

 

Das Projekt

Im Film sprechen die Schüler mit dem ehemaligen KZ-Häftling Ewald Hanstein über seine Leidens- und Lagerzeit, lesen an verschiedenen Orten des Lagers die Texte ihrer Mitschüler und lernen gleichzeitig Kamera-, Ton- und Interviewtechnik. Herausgekommen ist eine Komposition aus Bildern, Aussagen, Texten und Musik – eine filmische Begegnung der Generationen. (21.36 Minuten)

 

Renate Venske ist Filmemacherin, Medienpädagogin und Journalistin. Sie hat neben den hier beschrieben »Begegnungen« 2009 das medienpädagogische Projekt »Dem Klima auf der Spur – Klimahausreporter unterwegs« durchgeführt.

 

 

Kontakt

Telefon (030) 20889828

renate.venske@t-online.de