Karola Fings

Begegnungen am Tatort

Gedenkstättenrundbrief 88 S. 21-24

Besuchsprogramme mit ehemaligen ZwangsarbeiterInnen, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen

Seit mehreren Jahren haben sich in der Bundesrepublik viele Initiativen dem Thema »Zwangsarbeit« zugewandt. Die seit dem Frühjahr 1998 in Amerika eingereichten Klagen gegen Nutznießer von Zwangsarbeit (u.a. gegen Ford, Siemens, Volkswagen, Krupp) haben die Diskussion neu belebt. In einigen Städten, besonders dort, wo sich Gedenkstätten befinden, sind die bislang nicht oder nur marginal entschädigten »Zwangsarbeiter« in den letzten Jahren verstärkt in die Erinnerungsarbeit vor Ort einbezogen worden. Dabei sind sich HistorikerInnen und GedenkstättenmitarbeiterInnen darüber bewußt, daß die so wichtigen Selbstzeugnisse dieser Verfolgtengruppe nur noch wenige Jahre lang für die Forschung »geborgen« werden können.

Die soeben erschienene Broschüre »Begegnungen am Tatort« beschreibt vor dem Hintergrund des bereits seit zehn Jahren in Köln bestehenden Besuchsprogramms die Bedeutung, die die persönliche Begegnung und Auseinandersetzung mit dieser Opfergruppe für die Stadtgeschichte hat. Mehr als zweihundert ehemalige ZwangsarbeiterInnen, Kriegsgefangene oder KZ-Häftlinge haben mittlerweile auf Einladung des Kölner Oberbürgermeisters den Ort besucht, an den sie vor mehr als 50 Jahren verschleppt worden sind. Das Kölner Besuchsprogramm ist – für die Bundesrepublik einmalig – als ein Element städtischer Erinnerungsarbeit fest etabliert. Die Organisation obliegt dem Kölner NS-Dokumentationszentrum, die praktische Arbeit, vor allem die persönliche Begleitung während des zehntägigen Aufenthaltes, leistet eine Gruppe engagierter Bürgerinnen und Bürger.

Da in der Bundesrepublik die »Aufarbeitung« der nationalsozialistischen Vergangenheit zuerst in den Bereichen einsetzte, die außenpolitischen Prestigegewinn versprachen (wie konservativer Widerstand, »Aussöhnung« mit den jüdischen Verfolgten), ist es nicht verwunderlich, daß Einladungen zuerst gegenüber vertriebenen jüdischen Bürgerinnen und Bürgern ausgesprochen wurden. Besuchsprogramme für jüdische EmigrantInnen gibt es seit Ende der 60er Jahre in heute rund 90 Kommunen der Bundesrepublik. Betrachtet man organisierte Begegnungen mit Opfern am Tatort, so sind schließlich auch die seit dem unmittelbaren Kriegsende bestehenden intensiven Kontakte zwischen ehemaligen KZ-Häftlingen und den Orten, an denen sich Konzentrationslager befanden, zu nennen. Zumeist konnten die Tatorte erst durch die Aktivität der in internationalen »Lagergemeinschaften« organisierten Häftlinge – nach Überwindung von großen Widerständen in der Tätergesellschaft – zu Mahn- und Gedenkstätten umfunktioniert werden. Die intensiven, nicht immer konfliktfreien Verbindungen zwischen den »Lagergemeinschaften« und den Gedenkstättenbetreibern können als ein wichtiger Motor für die historische Aufarbeitung in den vergangenen Jahrzehnten angesehen werden.

Die Kölner Initiative – genannt »Projektgruppe Messelager« – gründete sich vor zehn Jahren, um die Geschichte des größten Lagerkomplexes der Stadt, der sich auf dem Messegelände befand, zu erforschen. Während eines internationalen Symposions berichteten 1989 erstmals ehemalige Häftlinge über ihre Verfolgungsgeschichte.
Es stellte sich sehr bald heraus, daß die Stadt einer der größten Nutznießer des dortigen Buchenwalder KZ-Außenkommandos war. Vor diesem Hintergrund gelang es der »Projektgruppe«, den Stadtrat dazu zu bewegen, für das Besuchsprogramm im Sinne einer Übernahme von historischer Verantwortung einen festen Haushaltstitel vorzusehen.

Die »Projektgruppe« wählt den Kreis der Einzuladenden anhand verschiedener  Kriterien aus. Einen Schwerpunkt bildet die Einladung von Menschen aus Mittel- und Osteuropa, da von dort historisch die größte Gruppe der ZwangsarbeiterInnen verschleppt wurde und diese Menschen nach 1945 kaum in der Lage waren, aus eigener Initiative noch einmal den »Tatort« aufzusuchen. Aber auch inhaltliche Überlegungen spielen eine Rolle. Es wird darauf geachtet, daß ein breites Spektrum der Lager – bei Industrie, kleineren Firmen, Landwirtschaft, Privathaushalt – abgedeckt wird. Sofern die ehemaligen Verfolgten dringende Gründe für einen Besuch in ihren Briefen äußern, wie Beschaffung von Dokumenten, Besuch eines Grabes, Suche nach einem Freund oder Familienmitglied, versuchen wir, eine Einladung zu ermöglichen.

Für die ehemaligen Verfolgten bedeutet die »Reise in die Vergangenheit« eine Konfrontation mit einem Teil ihrer Lebensgeschichte, der zumeist mit Erinnerungen an Hunger und Prügel, Erniedrigung und Gefangenschaft verbunden ist. Doch zugleich ist es für sie, das zeigen die Erfahrungen aus Köln, eine wichtige und positive Erfahrung, noch einmal als freie Menschen diesen Ort aufsuchen zu können und auf Menschen zu treffen, die sich mit ihrer Leidensgeschichte beschäftigen wollen. Offizielle Programmpunkte während der Besuchstage, wie ein Empfang durch den Oberbürgermeister im Historischen Rathaus oder eine Kranzniederlegung an der zentralen Begräbnisstätte von ZwangsarbeiterInnen in Köln, signalisieren den Gästen, daß sich die Stadt der Schwere der begangenen Verbrechen bewußt ist. Die persönliche Begleitung durch die Mitglieder der »Projektgruppe« trägt zur psychischen Stabilität der Gäste während ihres Aufenthaltes in Köln bei. Oftmals wird auch über den Besuch hinaus zumindest brieflich der Kontakt weiter aufrechterhalten.

Aus der Perspektive des »Tatortes« gesehen stellt die Begegnung mit den ehemals Verfolgten ein wichtiges Element aktiver Erinnerungsarbeit dar. Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit während der Besuchstage sind daher ein fester Bestandteil des Programms. Durch die persönliche Begegnung von ehemaligen ZwangsarbeiterInnen, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen mit Kölner Bürgerinnen und Bürgern, SchülerInnen, GewerkschafterInnen oder JournalistInnen werden die Dimensionen des Nationalsozialismus greifbarer, werden die sonst zumeist nur als Zahlen erwähnten Opfer als Individuen wahrgenommen.

Von besonderer Bedeutung sind darüber hinaus die Kenntnisse, die durch das Besuchsprogramm gewonnen werden. Ausführliche Interviews, mitgebrachte Fotos und Dokumente, Skizzen von Ortsbegehungen und ähnliches Material ergänzen die ansonsten lückenhafte städtische Überlieferung und bilden mittlerweile einen wichtigen Bestand im Kölner NS-Dokumentationszentrum.

Die Hürden, Kontakt zu ehemaligen ZwangsarbeiterInnen, die ja vornehmlich in Mittel- und Osteuropa leben, aufzunehmen, sind seit Anfang der 90er Jahre niedriger geworden. Während die »Projektgruppe« noch mit viel Phantasie auf oft ungewöhnlichen Wegen erste Kontakte zu Häftlingen herstellen mußte, sind heute ausländische Verfolgten- und Menschenrechtsorganisationen sowie Stiftungen in der Lage, gezielt Namen und Adressen für Verfolgungsorte oder Arbeitsstätten zu vermitteln. Diese Möglichkeit ist von vielen Initiativen und Gedenkstätten noch nicht genutzt worden. Zahlreiche Anfragen aus anderen Städten haben die Kölner »Projektgruppe« dazu bewogen, ihr in langjähriger Praxis erworbenes Know-how einer breiteren Öffentlichkeit zugänglich zu machen.

Die Broschüre »Begegnungen am Tatort« ist daher als ein Leitfaden für alle diejenigen konzipiert, die sich auf eine derartige Spurensuche begeben wollen. Neben dem Kölner Besuchsprogramm werden die Erfahrungen ähnlicher Initiativen aus Berlin, Jena, Karlsruhe, Lüdenscheid, München, Stadtallendorf, Ulm und Wetzlar vorgestellt. Vorbereitung und Durchführung eines Besuchsprogramms werden ausführlich beschrieben: Von Recherche und Suche nach ehemaligen ZwangarbeiterInnen, Finanzierung, der Ausgestaltung eines Programms, der persönlichen Betreuung, der Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit bis hin zur wissenschaftlichen Begleitung und Auswertung. Als Materialien werden Pressemitteilungen, ein beispielhaftes Programm, ein Leitfaden für Interviews, ein Bericht über eine Unterrichtsstunde sowie Briefe ehemaliger ZwangsarbeiterInnen an die Hand gegeben. Eine kommentierte Auswahlbibliographie bietet nützliche Hinweise für erste Recherchen, der Adressenteil im Anhang ist für eine unmittelbare Kontaktaufnahme zu den ausländischen Verfolgtenorganisationen zusammengestellt worden.

Es war besonders erfreulich, daß mit der Hans-Böckler-Stiftung sowie dem Deutschen Städtetag und Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V. die Organisationen an der Herausgabe des Bandes mitwirkten, die für die Broschüre besonders relevante Zielgruppen erreichen (Betriebe, Kommunen und Initiativen).

 

Broschüre: Begegnungen am Tatort. Besuchsprogramme mit ehemaligen ZwangsarbeiterInnen, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen, mit zahlreichen Abbildungen und Dokumenten, herausgegeben von der Hans-Böckler-Stiftung in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Städtetag, Aktion Sühnezeichen Friedensdienste e.V.
und Projektgruppe Messelager, Autorin: Karola Fings, Düsseldorf 1998,
ISBN 3-928204-67-X, DM 12,80