Ingo Loose

Das Gesicht des Gettos

Gedenkstättenrundbrief 158 S. 15-24

Bilder jüdischer Photographen aus dem Getto Litzmannstadt 1940–1944

Die erste Wechselausstellung in den neuen Räumen der Stiftung Topographie des ­Terrors hatte sich im Sommer 2010 dem Schicksal der Juden – sowie Sinti und Roma – im Getto Litzmannstadt gewidmet. Die Ausstellung ist als Wanderausstellung konzipiert und kann bei der Stiftung Topographie des Terrors angefordert werden.

Das Getto Litzmannstadt

Bereits im Frühjahr 1938 thematisierte Reichspropagandaminister Joseph Goebbels die geplante Einweisung von Juden in Gettos wiederholt in seinem Tagebuch. Nach dem Novemberpogrom 1938 wurde die Einrichtung von Gettos auch zwischen Reichsminister und Generalfeldmarschall Hermann Göring sowie dem Chef der Sicherheitspolizei Reinhard Heydrich ausgiebig diskutiert.

Das erste Getto für Juden entstand jedoch erst nach dem deutschen Überfall auf Polen. Es wurde Anfang Oktober 1939 in Piotrków Trybunalski auf dem Gebiet des kurz darauf gegründeten Generalgouvernements eingerichtet. Seit Frühjahr 1940 wurden im Reichsgau Wartheland, der von den Nationalsozialisten aus den besetzten westpolnischen Gebieten geschaffen worden war, unter Reichsstatthalter und Gauleiter Arthur Greiser weitere Gettos errichtet. Da der Warthegau zur vollständigen ethnischen »Germanisierung« vorgesehen war, wurden die Juden bis zu ihrer endgültigen Abschiebung ins Generalgouvernement oder »in den Osten« in geschlossenen Wohngebieten zusammengetrieben.

Das mit Abstand größte Getto im Warthegau – und nach Warschau das zweitgrößte Getto überhaupt – wurde im Februar 1940 in der zentralpolnischen Industriemetropole Łódź (im April 1940 in Litzmannstadt umbenannt) eingerichtet. Vor dem Zweiten Weltkrieg zählte die Stadt Łódź 672 000 Einwohner. Mit über 230 000 Mitgliedern war hier die zweitgrößte Jüdische Gemeinde in Europa beheimatet. Insgesamt lebten auf dem Gebiet des Warthegaus zu Beginn der nationalsozialistischen Okkupation 435 000 Juden – nur einige wenige Tausend von ihnen überlebten den Holocaust.

Ende Januar 1940 begann die Stadtverwaltung von Łódź mit der Einrichtung eines Gettos in Bałuty, dem ärmsten Stadtteil. In das Getto Litzmannstadt wurden auf einer Fläche von 4,13 km² im April 1940 über 160 000 Menschen zusammengepfercht. An die Spitze des Gettos stellten die Deutschen einen »Judenältesten«, der für die Ausführung ihrer Befehle verantwortlich war und zugleich eine Scheinautonomie des Gettos suggerieren sollte. »Judenältester« im Getto Litzmannstadt wurde Mordechai Chaim Rumkowski. Er setzte von Anfang an auf den Arbeitseinsatz der Gettobewohner, um den Unterhalt des Gettos zu gewährleisten. Dennoch stellten sich bald katastrophale Zustände ein, Krankheiten und Unterernährung ließen die Sterblichkeitsrate stark ansteigen. Das Getto Litzmannstadt hatte eine große Bedeutung für die Radikalisierung der Verfolgung und Vernichtung der europäischen Juden. Im Umfeld von Gauleiter Greiser kursierten bereits im Frühsommer 1941 Überlegungen, die als arbeitsunfähig eingestuften Juden im Warthegau zu ermorden und die übrigen im Getto Litzmannstadt zu konzentrieren. Im Herbst 1941 musste das Getto weitere 20 000 Juden sowie 5 000 Roma und Sinti aus Westeuropa aufnehmen. Nur wenige Wochen später, am 8. Dezember 1941, wurde in Kulmhof am Ner – 60 km nordwestlich von Litzmannstadt – das erste stationäre Vernichtungslager mit mehreren Gaswagen in Betrieb genommen. Zwischen Januar und September 1942 wurden Zehntausende Juden aus dem Getto Litzmannstadt in Kulmhof getötet. Nur die Arbeitsfähigen konnten zunächst im Getto bleiben. Nachdem im Vernichtungslager Kulmhof noch einmal im Juni und Juli 1944 über 7 100 Juden vergast worden waren, wurden im August 1944 schließlich die letzten 68 000 Juden in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert und fast alle ermordet.

 

Photographien von Gettos als historische Quelle

In der Darstellung der NS-Geschichte sind Photographien bislang ganz überwiegend als Illustration geschichtswissenschaftlicher Texte verwendet worden. Photographien von der Verfolgung der europäischen Juden dienen daneben vielfach als »Ikonen der Vernichtung«, die zum Zweck emotionaler Appelle präsentiert werden. Sehr viel ­seltener werden Photographien als eine besondere Form historischer Quellen angesehen und entsprechend präsentiert. Die meisten Bilder aus nationalsozialistischen Gettos in Ostmittel und Osteuropa wurden von Tätern, Mitläufern oder zufälligen Zeugen aufgenommen, was die Perspektive und die Motivwahl dieser Photos stark prägt. Es ist nicht selten der verächtliche, mitunter auch voyeuristische Blick auf die Not, das Elend und die Entwürdigung der Juden, der die Kamera und die Bildauswahl mitbestimmt. Aus vielen, vor allem kleineren Gettos gibt es nur einzelne oder gar keine photographischen Zeugnisse. Umfangreicheres Photomaterial liegt nur für einige wenige Gettos vor, die oftmals von durchziehenden Wehrmachtssoldaten oder von Propagandakompanien photographiert wurden.

Im Warschauer Getto notierte Michael Zylberberg in sein Tagebuch, dass auf dem Jüdischen Friedhof stets einige Hundert deutsche Soldaten anwesend waren: »Sie ­photographierten gutgelaunt die Toten und begleiteten Angehörige und gingen sogar soweit, Schnappschüsse in der Leichenhalle zu machen. Die Nazis waren in dieser Hinsicht besonders eifrig an Sonntagen, wenn sie den Friedhof zusammen mit ihren Mädchen aufsuchten. Dies bot ihnen offensichtlich mehr Unterhaltung als ein Kinobesuch.«

Für das Getto Litzmannstadt liegen zwei umfangreichere Photosammlungen aus der »Täterperspektive« vor. 1987 tauchte in einem Wiener Antiquariat eine Sammlung von über 450 Farbdias auf, die seinerzeit vom Leiter der Finanzabteilung der deutschen Gettoverwaltung, Walter Genewein, photographiert wurden und die sich heute im Jüdischen Museum Frankfurt am Main befinden. Genewein, der sich freiwillig zum »Osteinsatz« gemeldet hatte, fertigte als Hobbyphotograph die Bilder in dienstlichem Auftrag an. Seine Perspektive entspricht in vielen Bildern der nationalsozialistischen Herrenrassen-Ideologie. Genewein photographierte den vermeintlich typischen bärtigen »Ostjuden«, seine Motivauswahl ist deutlich geprägt von einer legitimatorischen Absicht, die Einrichtung des Gettos und die Zustände in ihm zu rechtfertigen.

Weniger bekannt sind daneben zwei Alben eines gewissen Steiner, offenbar ein volksdeutscher Polizeiangehöriger, der bereits vor 1939 die Stadt Łódź besucht oder sogar dort gelebt hatte. Seine Alben mit mehreren Dutzend Schwarzweißbildern, die Steiner 1942 dem Polizeipräsidenten von Litzmannstadt Wilhelm Albert widmete und die heute im Jüdischen Historischen Institut in Warschau aufbewahrt werden, setzen mit Aufnahmen aus dem Jahr 1937 ein und weisen in zahlreichen zynischen Bildkommentaren einen noch stärker antisemitischen Duktus auf als die Bilder Walter Geneweins.

 

Jüdische Photographen im Getto Litzmannstadt

Die umfangreichste photographische Überlieferung aus dem Getto Litzmannstadt wurde von jüdischen Photographen im Auftrag des Judenrates zusammengetragen. In insgesamt 27 Alben sind 12 000 Kleinbild-Kontaktabzügen 24x36 mm zusammengetragen worden. Sie befinden sich heute im Staatsarchiv Łódź. Die Alben wurden von den Photographen bereits im Getto gebunden, zum größten Teil thematisch geordnet und beschriftet. Diese Photographien sind nicht nur ein Zeugnis der nationalsozialistischen Massenverbrechen. Sie dokumentieren überdies die Vielfalt und die Komplexität des Lebens im Getto.

Kein nationalsozialistisches Getto ist mit vielen Tausend Bildern photographisch auch nur annähernd so gut und umfangreich dokumentiert wie das Getto ­Litzmannstadt. Die in der Ausstellung gezeigten Photographien stammen sämtlich aus diesem
Bestand.

Den Gettoinsassen war der Besitz von Photoapparaten untersagt. Dass dennoch eine umfangreiche Bildersammlung entstand, war den bereits im Sommer 1940 gegründeten »Evidenzabteilungen« des Judenrates zu verdanken. In diesen wurden das Meldebüro, die »Statistische Abteilung« und das Archiv des Gettos zusammengefasst. Hier entstanden die wichtigsten Dokumente, die auch heute noch Aufschluss über die Geschichte des Gettos Litzmannstadt bieten: die Getto-Chronik, zahlreiche Statistiken, aber auch die umfangreiche Photosammlung. Innerhalb der »Statistischen Abteilung« entstand im August 1940 ein »Photographisches Referat«, das praktisch sämtliche photographischen Aktivitäten im Getto kontrollierte. Es wurde erst im April 1944 aufgelöst.

Für die Kennkarten und Arbeitsausweise der Gettobewohner wurden tausende Passbilder benötigt. In der »Statistischen Abteilung« waren für deren Erstellung vor allem die Photographen Mendel Grosman und Henryk Ross zuständig. Die meisten Aufnahmen stammen aus der Zeit zwischen Herbst 1941 und Sommer 1944, zahlreiche Bilder lassen sich jedoch nur schwer oder nicht genau datieren.

Die Tätigkeit der jüdischen Photographen ging jedoch über Porträtphotos für die Kennkarten und Arbeitsausweise der Gettoinsassen weit hinaus. Mendel Grosman und Henryk Ross, von denen die ganz überwiegende Mehrheit der Photographien stammen dürfte, arbeiteten bald als Photographen im Auftrag des Judenrates und fertigten dokumentarische Serien der verschiedenen Abteilungen und Arbeitsressorts an.

Wie die Getto-Chronik vermerkt, muss es noch mehr Photographen im Getto gegeben haben, da der »Judenälteste« Mordechai Chaim Rumkowski Anfang 1942 der Gründung einer »Genossenschaft der vereinigten Fotografen« mit insgesamt elf Mitgliedern zustimmte. Über diese Genossenschaft und ihre Tätigkeit gibt es in den archivalischen Überlieferungen zur Geschichte des Gettos Litzmannstadt jedoch keine weiteren Unterlagen. Lediglich mit Lejb Maliniak, geboren 1908, ist noch ein weiterer Photograph aus dem Getto Litzmannstadt namentlich bekannt. Er wohnte bereits vor 1939 in Łódź. Im Getto besaß er in der Inselstraße 22 bis 1941 ein Photoatelier, das er, vermutlich überwiegend im Auftrag des Judenrats betrieb. Allerdings sind ihm nur sehr wenige Photographien eindeutig zuzuordnen.

In den Sammlungen im Yivo Institute (New York), Yad Vashem (Jerusalem), im Museum of Holocaust and Resistance at the Ghetto Fighters’ House (Kibbuz Lohamei ha-geta’ot, Israel) sowie in anderen Gedenkstätten und Forschungseinrichtungen existieren ebenfalls Photobestände aus dem Getto Litzmannstadt, die nicht immer eindeutig einem Photographen zugeordnet werden können.

 

Mendel Grosman

Mendel Grosman (1913–1945), manchmal auch Grossman geschrieben, porträtierte und kolorierte Photos und unterhielt enge Kontakte zu Malern und Künstlern in Łódź. Er war in den 1930er Jahren ein bekannter und anerkannter Photograph. 1940 musste auch er mit seiner Familie in das Getto umziehen. Er begann eine Tätigkeit in der »Statisti­schen Abteilung«. Offiziell fertigte er Passbilder für Ausweise und Arbeitskarten an. Im August 1944, unmittelbar vor der Liquidation des Gettos, gelang es ihm, 10 000 Negative auf dem Gettogelände zu verstecken. Er selbst wurde ins Konzentrationslager Sachsenhausen deportiert, wo er bis zum 16. April 1945 blieb. Krank und erschöpft wurde Mendel Grosman auf einem der Todesmärsche erschossen. Nach Kriegsende wurden Grosmans Bilder gefunden und gelangten nach Palästina. Jedoch gingen sie im Sinaikrieg 1948 größtenteils verloren. Lediglich Grosmans Freund Nachman Zonabend konnte Diapositive retten, die sich heute in verschiedenen Archiven und Museen befinden.

Henryk Ross

Henryk Ross (1910–1991) stammte aus Warschau und arbeitete in den 1930er Jahren als Sportreporter und allgemeiner Pressephotograph für mehrere Zeitungen in Łódź. Neben Grosman war er im Getto Litzmannstadt der wichtigste Photograph der »Statistischen Abteilung«. Nach der Liquidation des Gettos im Sommer 1944 war Ross Angehöriger des jüdischen Aufräumkommandos und konnte seine Bilder, zahlreiche Dokumente und sich selbst bis zur Befreiung der Stadt verstecken. Nach dem Krieg betrieb Ross zunächst einige Jahre lang wieder ein Photogeschäft in Łódź. 1956 emigrierte er nach Israel und nahm seine Photographien aus dem Getto Litzmannstadt mit. Einige von ihnen dienten als Beweismittel im Prozess gegen Adolf Eichmann in Jerusalem 1961. Etwa 3 000 Bilder von Ross befinden sich heute in der Art Gallery of Ontario in Toronto.

 

Motive

So deutlich sich die Bilder der jüdischen Photographen von der Sicht der Täter unterscheiden, so entstanden sie doch aus verschiedenen Absichten: Offizielle Auftragsbilder, vor allem zur Darstellung des Gettos, seiner Produktivität und Bedeutung für die deutsche Kriegswirtschaft machen einen großen Teil des Bestandes aus. Der »Judenälteste« Rumkowski ließ die zahlreichen Arbeitsressorts und ihre Tätigkeit dokumentieren, um die Nationalsozialisten vom Nutzen der jüdischen Arbeitskräfte zu überzeugen. In Einzelfällen griffen sogar die deutschen Behörden auf Grosmans und Ross’ Bilder zurück, um innerhalb der nationalsozialistischen Ämter und Parteihierarchie die Bedeutung des Gettos herauszustreichen. Ebenfalls einen offiziellen Charakter tragen die Bilder ­Mordechai Chaim Rumkowskis selbst, seiner Reden, Feiern, Besuche sozialer Einrichtungen im Getto und der Verwaltungsarbeit. Die ausführliche Inszenierung und Selbstdarstellung von Rumkowski und des Gettos in den Aufnahmen schwankte dabei zwischen Überlebensstrategie und Eitelkeit. Rumkowskis Selbstdarstellungsdrang war ein zentrales Motiv für die Anfertigung von Photographien in so großer Zahl.

Keiner der Photographen beschränkte seine Tätigkeit jedoch auf seinen offiziellen Auftrag. Daneben waren sie auch privat tätig und hielten auf Photos fest, was zu photographieren streng verboten war. Hinrichtungen, Hungertote auf den Straßen, Leichen auf dem Jüdischen Friedhof im Stadtteil Marysin oder die Deportationen einiger Zehntausend Gettoinsassen vom Bahnhof Radegast in das Vernichtungslager Kulmhof 1942 und 1944 gehörten zu den von ihnen festgehaltenen Szenen. Grosman, Ross, Maliniak und die anderen, namentlich unbekannten Photographen dokumentierten in ihren Bildern die komplexe soziale Lebenswelt des Gettos. Ohne offiziellen Auftrag photographierten sie Säuglingsstationen, Altenheime, Suppenküchen, Waisenheime, Krankenhäuser, Schulen und religiöse Feste. Auch Bilder von Familienfeiern und Angehörigen des jüdischen Ordnungsdienstes zählten zu den Motiven. Mit dieser besonderen Perspektive, die in den Motiven immer zuerst die Menschen sah, unterschieden sie sich sehr deutlich von den nichtjüdischen Photographen. Stigmatisierende Aufnahmen orthodoxer Juden aus Mittel und Osteuropa, wie sie in der antisemitischen Propaganda der Nationalsozialisten als »Ostjuden« ständig hervorgehoben wurden und wie sie sich auch bei Steiner und Genewein finden, fehlen bei Grosman, Ross und den andere Photographen völlig.

Die jüdischen Photographen riskierten auch ihr Leben, um einzelne Verbrechen für die Nachwelt zu dokumentieren. In besonderem Maße trifft dies auf die im Geheimen aufgenommenen Bilder zu, die Grosman und Ross 1942 und 1944 von den ­Deportationen anfertigten. Photographien langer Menschenzüge mit und ohne Gepäck, die aus dem Getto zum Verladebahnhof Radegast führten, von wo aus die Züge in Richtung Vernichtungslager Kulmhof abgingen, lassen erkennen, dass sie heimlich aus Fenstern oder Hauseingängen aufgenommen wurden. Mendel Grossman hatte seine Kamera stets unter seinem Mantel verborgen und konnte deshalb Nahaufnahmen von den Deportierten machen, die nur wenige Stunden später in den Gaswagen von Kulmhof getötet werden sollten.Von Mendel Grosman ist bekannt, dass er im September 1942 die ­Leichen der während der Deportationen Erschossenen auf dem Jüdischen Friedhof photographierte. Diese Bilder befinden sich jedoch nur unter den 1944 versteckten Unterlagen.

Gestaltung und Charakter der Fotoalben legen eine offizielle Verwendung innerhalb der »Statistischen Abteilung« nahe, obwohl sich darunter auch vereinzelte Privataufnahmen der Photographen befinden. Auf welche Weise und nach welchen Kriterien sie in die Alben aufgenommen wurden, lässt sich nicht mehr rekonstruieren.

Allen Bildern eigen ist eine Ambivalenz – zwischen offiziellem Auftrag durch die jüdische Gettoverwaltung des »Judenältesten« Rumkowski und der heimliche Dokumentation des Gettolebens. Die Bilder erzählen eine Geschichte des Gettos und viele Geschichten im Getto. Sie blenden manche Teile der Realität bewusst aus. Es existieren Bilder aus offiziellem Anlass neben privaten Momentaufnahmen lachender Menschen und künstlerischer Aktivitäten. Diese Photographien dokumentieren nicht nur kurzlebige Momente von Harmonie und Freude, sogar von Glück im Getto; sie demonstrieren den beachtlichen Willen, sich trotz der unmenschlichen Realität Menschlichkeit zu bewahren. Demgegenüber stehen insgeheim und unter Lebensgefahr aufgenommene Bilder von den Deportationen.

Die Bilder zu präsentieren und zu betrachten, bedeutet aber auch, sich bewusst zu machen, dass die weitaus meisten der abgebildeten Menschen im Holocaust ermordet wurden oder unter den brutalen Bedingungen des Gettos starben. Die Bilder der jüdischen Photographen offenbaren eine Welt, die in ihrer erstaunlichen Vielfalt, aber auch in ihrem unbeschreiblichen Elend und Grauen für die Außenstehenden weitgehend verborgen war. Die Photographien dokumentieren eine Lebenswelt, einen Mikrokosmos, der viel größer und beachtenswerter ist, als das allgemeine Verständnis des Wortes »Getto« vermuten lässt.

Diese Lebenswelt sichtbar zu machen, bedeutet, der ursprünglichen Absicht der Nationalsozialisten entgegenzutreten, die europäischen Juden wegzusperren, den ­Blicken zu entziehen und anschließend zu ermorden. Von daher ist die Tätigkeit der Photographen im Getto auch eine herausragende Widerstandsleistung, den Menschen auch an einem Ort wie dem Getto ihre Würde zu erhalten und ihr Recht, dass ihrer gedacht werden möge.

 

Die Wechselausstellung

Diese Wechselausstellung hat sich aus einem mehrjährigen, ursprünglich vom Senat der Stadt Berlin initiierten, deutsch-polnischen Studierendenprojekt heraus entwickelt, als dessen Ergebnis ein Gedenkbuch in deutscher und polnischer Sprache über das Schicksal der 4 200 aus Berlin in das Getto Litzmannstadt deportierten Juden stand. Dieses Projekt wurde von der Stiftung Topographie des Terrors in Zusammenarbeit mit dem Toleranzinstitut und dem Staatsarchiv in Lodz durchgeführt. Das von der Stiftung herausgegebene Gedenkbuch ist Anfang 2009 erschienen.

Im Rahmen der Recherchen im Staatsarchiv Lodz sind der wissenschaftliche Bearbeiter Dr. Ingo Loose, der Kurator Dr. Thomas Lutz und der Gestalter Kurt Blank-Markard auf 27 Fotoalben aufmerksam geworden. Darin sind etwa 12 000 Kontaktabzüge im Kleinbildformat thematisch sortiert, die von jüdischen Photographen im Auftrag des Judenrats im Getto hergestellt wurden. Dieser bislang auch unter Fachleuten wenig bekannte Bildbestand über eine einschneidende Etappe der Verfolgung der Juden im Getto Litzmannstadt wird nun von der Stiftung Topographie des Terrors zum ersten Mal im Zusammenhang der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Im Unterschied zu den wesentlich bekannteren Photos des deutschen Lagerleiters Walter Genewein, die bereits vor zwei Jahrzehnten ausgestellt wurden, nehmen die nun präsentieren Photos eine ganz andere Perspektive ein. Da die Berufsphotographen selbst in dem Getto eingesperrt waren, haben sie ihre Mitbürger mit Empathie und Einfühlungsvermögen abgelichtet. Die Abbildungen sind im offiziellen Auftrag des Judenrates entstanden. Sie sollten das funktionierende Gemeinwesen und die Nützlichkeit der jüdischen Arbeitskräfte für die deutsche Wirtschaft demonstrieren. Dennoch wird in den Motiven die Ambivalenz zwischen der ausweglosen Situation im Getto und den Bemühungen der Bewohner ihre Würde zu erhalten und so lange wie möglich zu überleben, nachvollziehbar.

Aus dem großen Bildbestand sind etwa 50 Abbildungen ausgewählt und sehr stark vergrößert worden, um diesen Eindruck für die Betrachtenden zu verstärken. Eines der Fotoalben wird als Leihgabe aus dem Staatsarchiv Łódź die ursprüngliche Überlieferungsform sichtbar machen. In einer kurzen Einleitung zur Ausstellung sowie mit Zitaten aus Überlebenden­berichten und der Gettochronik, die wie Bildunterschriften zugeordnet sind, soll anhand des Beispiels dieses einen Bildbestand aufgezeigt werden, wie man historische Bilder als Quelle nutzen kann, was sie verschweigen und wie man dies quellenkritisch erarbeiten muss.

Indem die Ausstellung die Situation der Verfolgten bildlich darstellt, verdeutlicht sie die Auswirkungen des Handelns der Täter an den Schreibtischen in den Zentralen von Polizei und SS in der Berliner Prinz-Albrecht-Straße auf die Opfer an weit davon entfernten Orten.

 

Datenblatt zur Wechselausstellung

Alle Texte in der Ausstellung und im Katalog sind zweisprachig: Deutsch und English. Die Ausstellung besteht aus Bild- und Texttafeln; alles Reproduktionen. Diese werden mit Drahtseilen in ein Ausstellungssystem eingehängt. Es ist ein flexibles, an verschiedene Raumstrukturen anzupassendes Ausstellungssystem der Stiftung Topographie des Terrors vorhanden, das für die Ausstellungspräsentation genutzt werden kann. Prinzipiell kann aber auch jedes andere System verwendet werden.

Die Ausstellung benötigt in etwa eine Grundfläche von 200 m². Die Ausstellung besteht aus 14 Tafeln in dem Maßen 76 × 90 cm, 21 Tafeln 96 × 116 cm und 30 Tafeln 90 × 146 cm. Zusammengezählt sind die Tafeln 75 laufende Meter lang. Die Tafeln sind in drei Holzkisten verpackt. Das Gesamtgewicht beträgt, inklusive der für das Einhängen in ein Ausstellungssystem notwendigen Materialien und drei Bannern, die in zweieinhalb Meter langen Rollen geliefert werden, etwa 520 kg. Das Ausstellungsgestell kann – ebenfalls in Kisten verpackt – ebenfalls mitgeliefert werden.

Die Kosten für den Transport von und nach Berlin sowie der Auf- und Abbau und die Versicherungskosten müssen von den Leihnehmern übernommen werden. Eventuell kann eine Kostenteilung vorgenommen werden, wenn die Ausstellungspräsentation mit anderen Orten kombinierbar ist. Eine Leihgebühr wird nicht erhoben.

 

Der Katalog hat 96 Seiten. Der Verkaufspreis in der Ausstellung beträgt 12 Euro.

Veranstalter ist die Stiftung Topographie des Terrors,
Niederkirchnerstraße 8, 10963 Berlin.
Kontakt: Dr. Thomas Lutz, lutz@topographie.de,
Telefon (030) 254509-15.

 

Dr. Ingo Loose, seit 2000 Osteuropa und Zeithistoriker am Institut für Geschichts­wissen­schaften der Humboldt-Universität Berlin, zuletzt Geschäftsführer des 48. Deutschen Historikertages 2010, arbeitet seit November 2010 als wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Zeitgeschichte München–Berlin. Er ist wissenschaftlicher Bearbeiter des Ausstellungsprojektes »Das Gesicht des Gettos«.