Tanja von Fransecky

Das Jüdische Deportations- und Widerstandsmuseum im belgischen Mechelen

Gedenkstättenrundbrief 150 S. 32-39

Perspektiven der historisch-politischen Bildungsarbeit

Im Folgenden werde ich das Jüdische Deportations- und Widerstandsmuseum (Joods Museum voor Deportatie en Verzet/ Musée Juif de la Déportation et de la Résistance) im belgischen Mechelen und seine pädagogische Arbeit vorstellen.1 Das Museum ist 1995 eröffnet worden. Es befindet sich am Ort des ehemaligen SS-Sammellagers für Juden in Belgien, das im Sommer 1942 von dem Militärbefehlshaber in Belgien und Nordfrankreich eingerichtet wurde.

 

Geschichte des SS-Sammellagers Mechelen

Am 10. Mai 1940 marschierten deutsche Truppen in das neutrale Belgien ein. Nach 18 Tagen kapitulierte die belgische Armee. Die deutschen Besatzer etablierten eine Militärverwaltung mit dem Infanteriegeneral Alexander von Falkenhausen an der Spitze. Das Territorium, welches unter seiner Verwaltung stand, umfaßte neben Belgien auch zwei nordfranzösische Departements.

Am 28. Oktober 1940 ordneten die Besatzer an, dass sich alle Juden ab dem 15. Lebensjahr in ihrem Wohnort in ein Register eintragen lassen mußten. 56 186 Juden haben sich daraufhin belgienweit eintragen lassen. Am 29. Juli 1941 kam der im April desselben Jahres zum belgischen Minister des Inneren und der Volksgesundheit ernannte Gerard Romsée (Vlaams Nationaal Verbond) der Forderung der Besatzer nach, allen Juden den Zusatz »Jood-Juif« in den Personalausweis zu stempeln. Gleichzeitig wies er alle Bürgermeister an, eine Kopie des lokalen Judenregisters an die Sicherheitspolizei in Brüssel abzugeben. Am 29. August 1941 wurde den Juden in Belgien eine Aufenthaltsbeschränkung auferlegt. Sie durften nur noch in den Städten Brüssel, Antwerpen, Liège und Charleroi wohnen. Am 17. Januar 1942 wurde ihnen verboten, das Land zu verlassen. Im Frühjahr 1942 wurden fast alle 7 408 Betriebe in jüdischem Besitz enteignet und liquidiert, die übrigen, in der Regel metallverarbeitende Betriebe, wurden »arisiert«. Es folgte am 22. April 1942 eine Verordnung, die »den Verfall des Vermögens von Juden zu Gunsten des deutschen Reiches«2 anordnete. Am 27. Mai 1942 wurde das Tragen des sogenannten Judensterns obligatorisch. Ab dem 1. Juni 1942 wurde für Juden eine Ausgangssperre von 20 Uhr bis 7 Uhr verhängt. Während dieser Zeit mußten sie sich an dem Ort befinden, wo sie laut dem Judenregister wohnten. Mitte Juni 1942 meldete der Chef des Verwaltungsstabs beim Militärbefehlshaber Eggert Reeder: »Mit den vorstehend genannten Massnahmen kann die Judengesetzgebung in Belgien nunmehr als abgeschlossen betrachtet werden. Die Juden haben nur noch äusserst beschränkte Lebensmöglichkeiten. Der nächste Schritt wäre nunmehr die Evakuierung aus Belgien, die jedoch nicht von hier aus, sondern nur im Zuge der allgemeinen Planung von den zuständigen Reichsstellen veranlasst werden kann.«3

Am 15. Juli 1942 beauftragte der Vizechef der Militärverwaltung Harry von Craushaar den Lagerleiter des seit September 1940 von der Sicherheitspolizei betriebenen Auffanglagers im Fort Breendonk SS-Sturmbannführer Philipp Schmitt damit, die Einrichtung eines Sammellagers in Mechelen »für den Arbeitseinsatz der Juden in die Wege zu leiten.«4

Mechelen liegt zwischen Antwerpen und Brüssel, zwischen den beiden Städten in denen es die größten jüdischen Gemeinden gab. Direkt neben dem dort eingerichteten Lager verlief eine Bahnstrecke. In Mechelen wurden die Juden aus Belgien interniert, um sie von hier aus in die Vernichtungslager zu deportieren. Sie wurden ihrer letzten Wertsachen beraubt, mit einer Nummer versehen und mussten unter erbärmlichen Lebensumständen auf die Fahrt in den Tod warten. Bereits am 4. August 1942 verließ der erste Deportationszug mit 998 Insassen das Lager. Innerhalb der folgenden drei Monate wurden zwei Drittel aller jüdischen Deportierten zum »Arbeitseinsatz« in den Osten verschleppt.5 Zwischen dem 4. August 1942 und dem 31. Juli 1944 fuhren 28 Deportationszüge von Mechelen nach Auschwitz ab. In 27 Zügen wurden Juden verschleppt. Die ebenfalls in Mechelen internierten Sinti und Roma wurden am 15. Januar 1944 nach Auschwitz-Birkenau deportiert.

Insgesamt 24 916 Juden und 351 Sinti und Roma sind von Mechelen aus deportiert worden. Auch die Juden aus den beiden vom Militärbefehlshaber in Belgien und Nordfrankreich mitverwalteten nordfranzösischen Departements Nord und Pas-de-Calais sind über Mechelen in den Osten verschleppt worden. Von den 56 186 registrierten Juden sind 24 046 (42 %) im Rahmen der Shoah ermordet worden. Am 8. Mai 1945 lebten von den insgesamt 25 267 Deportierten nur noch 1 221.

 

Erinnerungspolitik in Belgien

Nach der Befreiung im September 1944 pflegte vor allem der frankophone Teil Belgiens Erzählungen vom heroischen Widerstand gegen die deutschen Besatzer, während den Flamen nicht zu unrecht aber zu pauschal die Kollaboration mit den Deutschen vorgehalten wurden. Viele Flamen sind aufgrund von Kollaboration strafrechtlich verurteilt worden. Eine große rechte bis rechtsextreme Sympathisantenszene forderte daraufhin jahrzehntelang lautstark eine Amnestie für die inhaftierten Nazi-Kollaborateure.

Mit teilweise heftig ausgetragenen Auseinandersetzungen zwischen den beiden Sprachgruppen Belgiens um die Deutungshoheit über die jüngste belgische Vergangenheit, bei gleichzeitigem nationalen Rekurs auf Heldengeschichten des nichtjüdischen Widerstands, kann erklärt werden, warum die 1947 gegründete Nationale Gedenkstätte Fort Breendonk vergleichsweise früh und das 1995 eröffnete Jüdische Deportations- und Widerstandsmuseum in Mechelen vergleichsweise spät eröffnet wurden. Die verfolgten und ermordeten Juden hatten bis in die 90er Jahre im belgischen Erinnerungsdiskurs keinen Platz. So erinnert sich Sarah Goldberg, eine Auschwitz-Überlebende »dass man Ende der fünfziger Jahre – sie war damals Sekretärin der Belgischen Vereinigung der ehemaligen politischen Gefangenen von Auschwitz-Birkenau – viel von der Résistance und den Widerstandskämpfern sprach, aber als Jude deportiert worden zu sein, das war fast eine Schande«.6 Die späte Erinnerung ist gewiß auch darin begründet, dass die aus Belgien deportierten Juden nur zu sieben Prozent die belgische Staatsangehörigkeit besaßen und damit überwiegend nicht als belgische Opfer galten.

 

Das Jüdische Deporations- und Widerstandsmuseum

Die Initiative, an dem Ort des ehemaligen SS-Sammellagers ein Museum zu gründen, ging von jüdischen Überlebenden und deren Angehörigen aus. Nach der Befreiung Belgiens wurde die Dossin-Kaserne, in der das Lager errichtet worden war, erneut vom belgischen Militär genutzt. Seit 1956 organisierte die Vereniging voor Joodse Weggevoerden in België – Zonen en Dochters van de Deportatie (Vereinigung jüdischer Deportierter in Belgien – Söhne und Töchter von Deportierten) anläßlich des Befreiungstags im September alljährlich eine Gedenkveranstaltung vor dem Portal der Kaserne. In einem Raum in der Kaserne wurde eine Ausstellung installiert, die an ihre Funktion als Sammellager erinnerte. Zwischen 1975 und 1988 stand die Kaserne leer und verfiel. Es gab Pläne, sie abzureissen, Supermarktketten zeigten sich an der Immobilie interessiert. Letztendlich wurden dort Appartements eingerichtet. Jüdische Überlebende und deren Angehörige, die sich schon seit längerem für die eine Gedenkstätte und ein Museum am historischen Ort einsetzten, fanden schließlich Unterstützung in der Politik. In dem Quergebäude an der Stirnseite der ehemaligen Kaserne wurden sukzessive Wohnungen angekauft und dem zu gründenden Museum zugeschlagen. Am 7. Mai 2005 eröffnete der König das Museum.

Im Jahr 2012 soll das Museum in einen Neubau gegenüber dem heutigen Standort umziehen, während das Archiv und die Verwaltung am historischen Ort bleiben werden. Der Erinnerungsort, der «Kazerne Dossin, Memoriaal, Museum en Documentatiecentrum over Holocaust en Mensenrechten» heißen soll, wird räumliche Möglichkeiten wie beispielsweise Seminarräume bieten, die das bisherige Museum nicht hat. Für die Bildungsarbeit bedeutet das, dass schulische und ausserschulische Angebote entwickelt werden können, die bisher aufgrund des Platzmangels nicht durchführbar waren.

 

Die Bildungsarbeit des Museums

Das Museum wird jedes Jahr von etwa 36 000 Menschen, meist Schulklassen, besucht. Die Besucher und Besucherinnen werden von geschulten Guides durch das Museum geführt. Räumlich ist alles sehr eng, nicht selten warten Schulklassen draußen vor der Tür bis der Vorraum, in dem die Führung beginnt, frei wird. Eine Bildungsarbeit, die über die Vermittlung von Wissen während der Führungen hinausgeht, kann hier aus räumlichen Gründen nicht stattfinden. Oftmals wird der Besuch des Museums mit dem Besuch des zwölf Kilometer entfernt gelegenen Breendonk Memorial kombiniert, so dass die Schüler und Schülerinnen an einem Tag zwei Führungen durch NS-Gedenkstätten verarbeiten müssen.

In der Bildungskonzeption des Museums werden Abstraktionen vorgenommen und Zusammenhänge hergestellt, die kritisch zu hinterfragen sind. Da diese sich auch in Bildungsansätzen in deutschen NS-Gedenkstätten oft finden lassen, halte ich es für sinnvoll, diese Aspekte in der Hoffnung auf eine Auseinandersetzung über die pädagogische Zielrichtung anzusprechen: Für Lehrkräfte sind die pädagogischen Leitlinien des Museums vor einigen Jahren in einer didaktischen Handreichung7 festgehalten worden. Darin heißt es u.a., der Genozid könne nicht nur anhand von historischen Fakten vermittelt werden, sondern man müsse »an die Wurzel des Übels gehen«, »den Rassismus begreifen als eine Ablehnung von allen, die nicht derselben Rasse, Blut, Nation, Volk oder auch demselben Geschlecht, Kultur oder Kirche angehören«8. Die Gleichsetzung von Diskriminierung und tödlicher Verfolgung und die von Antisemitismus mit Rassismus ist analytisch irreführend. Zudem wird die Problematik, die sich aus der positiven Bezugnahme auf eine konstruierte exklusive Zugehörigkeitskategorie wie die des Volks ergibt, nicht weiter thematisiert. Die in der Handreichung formulierte Einschätzung die Entscheidung für ein rassistisches Weltbild sei eine freiwillige Wahl, verkennt zudem, dass Rassismus, wie auch Antisemitismus nicht nur das Ergebnis individueller Vorurteile sind, sondern vor allem das Resultat von Ungleichheiten, die gesellschaftlich vermittelt und für die Gesellschaft insgesamt konstitutiv sind. Konstruktionen und Gruppenzuschreibungen entstehen im Spannungsfeld zwischen Individuum und sozialer Umgebung. Einstellungen müssen deshalb in ihrem gesellschaftlichen Entstehungszusammenhang und mit Blick auf den daraus resultierenden mehrheitsgesellschaftlichen Mehrwert analysiert werden. Eine Pädagogik, die lediglich Vorurteile oder Ideologien der Ungleichheit anhand von Fakten widerlegen will, wird dem nicht gerecht.

Es stellt sich die Frage, ob der Eingangsimpuls der Ausstellungsführungen, der so oder so ähnlich auch häufig in der historisch-politischen Bildungsarbeit in Deutschland eingesetzt wird, zu den richtigen Erkenntnissen führt.

 

Familienalbumfotos von Juden, die von Mechelen aus deportiert wurden, werden vorgestell. Den Schulklassen wird die Frage gestellt, wer auf diesen Fotos jüdisch sei. Die Schüler deuten in der Regel auf dunkelhaarige Personen mit markanter Nase oder, wenn sie meinen, auf einem Foto Hinweise auf Reichtum oder religiöse Insignien des Judentums entdeckt zu haben. Hier soll gleich zu Beginn des Rundgangs das Vorurteil vom reichen, desintegrierten und orthodoxen Juden bekämpft werden, indem anhand von anderen Fotos erklärt wird, dass es auch arme, assimilierte und wenig oder gar nicht religiöse Juden gab. Ob dieses Aufrufen von antisemitischen Stereotypen und die Richtigstellung im Rahmen kurzzeitpädagogischen »Einmal-Situationen«9 also ohne eine gründliche Bearbeitung sinnvoll ist, bleibt zu bezweifeln.10 Es ist unwahrscheinlich, dass sich das mitgebrachte Bild von Juden durch die Vermittlung anderer Fakten so erschüttern läßt. Vielmehr ist zu befürchten, dass dieses Vorgehen zu einer Bestätigung bestehender mitgebrachter Bilder führt.11

In den gedenkstättenpädagogischen Leitlinien heißt es auch, die Ausstellung sei betont rational konzipiert worden, da die Emotionen Reflexionen nicht verhindern dürften. In Gesprächen mit den Mitarbeitern habe ich zudem öfter gehört, das Museum habe den Auftrag (politisch) neutral zu bleiben. Was aber heißt Rationalität und Neutralität in diesem Fall?12 Diese Frage stellt sich für die Gedenkstättenpädagogik generell. Eine Bildungsarbeit zum Nationalsozialismus und der Shoah kann nicht neutral sein, sie muss die Würde der Opfer schützen und sie muß dem Gegenstand angemessen sein. Damit verbietet sich ein didaktisches und inhaltliches anything goes. Doch was gegenstandsbezogen anmessen ist und der Würde der Opfer entspricht, lässt sich aus der Geschichte so wenig klar konturiert ableiten wie die Frage nach dem Transfer zwischen Geschichte und aktuellen gesellschaftlichen Problemen. Mit Blick auf den pädagogischen Auftrag entstehen zusätzliche Fragen. Wie sollen beispielsweise die didaktischen Prinzipien der politischen Bildung, das Überwältigungsverbot, die Adressatenorientierung und das Kontroversitätsgebot in der Gedenkstättenpädagogik realisiert werden? Der Besuch einer NS-Gedenkstätte ist für viele Menschen ohnehin beeindruckend oder überwältigend. Ist eine pädagogische Verstärkung im Sinne von Empathie-Lernen wünschenswert und wo wird die Grenze zur Indoktrinierung, impliziten Betroffenheitszumutungen oder Desorientierung überschritten?13 Auch das Kontroversitätsgebot, also das Gebot gesellschaftliche Kontroversen in der Bildungsarbeit kontrovers abzubilden, die Bildung einer begründeten Meinung zu ermöglichen, ist in einer NS-Gedenkstätte nur bedingt als offener Meinungsaustausch gestaltbar. Unangebrachte Analogiebildungen und Banalisierungen der historischen Zusammenhänge oder das Funktionalisieren von Biographien von Opfern sind typische Fallen.

 

Die zukünftige Bildungsarbeit in Mechelen

In der pädagogischen Abteilung wird aktuell, gerade auch im Hinblick auf die neuen Möglichkeiten in der Bildungsarbeit ab 2012, an einem neuen Bildungsmaterial gearbeitet. Insgesamt acht Module sollen Lehrkräften helfen, einen Besuch im Museum vor- und nachzubereiten. Die Zielgruppe sind Jugendliche im Alter von 16 bis 18 Jahren.

Das erste Modul zum Judentum und der Geschichte der Juden in Belgien zielt darauf ab, die Diversität jüdischer Perspektiven herauszustellen. Das bedeutet auch, dass es auf die Frage, was das Judentum für die Einzelnen bedeutet, unterschiedliche Antworten gibt. Es sollen mit Hinblick auf die Zielgruppe des Bildungsmoduls junge Jüdinnen und Juden zu Wort kommen, die darstellen, was ihr Jüdischsein heute in Belgien für sie bedeutet. Bildungsziel ist es dabei zu zeigen, dass Juden wie jede andere Gruppe keine homogene Gruppe mit verallgemeinerbaren Eigenschaften sind. Gezeigt werden soll aber auch, was – neben der kollektiven Erfahrung der Verfolgung – verbindend ist so z.B., was die religiöse Gemeinsamkeit von Juden ausmacht. Deshalb werden einige Elemente des Judentums, etwa die koscheren Speisegesetze und religiöse Feste, erklärt.

In dem zweiten Teil des Moduls soll die Geschichte von Juden in Belgien nachvollziehbar gemacht werden. Wie, wann und warum kamen Juden nach Belgien? Hier kann ein Ausschnitt der europäischen Migrationsgeschichte erzählt werden, beispielsweise die Bedeutung des Überseehafens in Antwerpen für die Transitmigration durch Belgien in die USA beziehungsweise nach Kanada auf der Suche nach einem besseren Leben.14 Dargestellt werden soll darüber hinaus, dass seit 1881 viele Juden vor Armut und antisemitischen Pogromen, vor allem aus dem zaristischen Rußland, aber auch aus anderen osteuropäischen Ländern, nach Belgien flohen. Aus denselben Gründen und mit demselben Ziel immigrierten nach dem Ende des Ersten Weltkriegs viele Juden aus Polen. Die dritte größere Einwanderungsbewegung von Juden nach Belgien bildeten deutsche und österreichische Juden, die vor den Nazis flohen. Im Bildungsmodul sollen verschiedene Kurzbiographien die unterschiedlichen Phasen und Motive der Einwanderung und Durchwanderung verdeutlichen. Der bekannteste Migrant ist sicherlich Jean Améry. Thematisiert werden sollen desweiteren das Zusammen- und Nebeneinanderleben von Juden und Nichtjuden, die Bildung jüdischer Gemeinden, die Shoah als Zäsur, die schwierige Rückkehr vor allem für diejenigen, die vor der Deportation nicht die belgische Staatsangehörigkeit besessen hatten, und die Bildung neuer Gemeinden.

Das zweite Modul wird vom christlichen Antijudaismus und dem Wandel hin zum rassistischen Antisemitismus handeln. In dem dritten Modul soll der Aufstieg des europäischen Faschismus, die Popularität von faschistischen Ideologien und von biologistischen Vorstellungen von Volksgemeinschaft, Volksfeinden und Minderwertigen mit deutlichem Schwerpunkt auf Deutschland und Belgien thematisiert werden. Das vierte Modul soll in Anlehnung an das Modell der Phasen von Verfolgung und Vernichtung von Raul Hilberg die Kennzeichnung, Ausgrenzung, Entrechtung und Vernichtung der Juden aus Belgien skizzieren. Diese Phasen sollen in weiteren Modulen eingehender behandelt werden. Im Modul fünf, in der die erste Phase der Definition und Kennzeichnung Thema sein wird, soll der Bogen von den Nürnberger Rassegesetzen, über das Anlegen des Judenregisters, die Einführung des Judensterns bis hin zu dem Ziel, Juden aller Staatsangehörigkeiten von Belgien aus zu deportieren, gespannt. Im sechsten Modul sollen die Razzien, die Inhaftierung, das Berauben, das Beseitigen von Spuren, die Deportationen und die Vernichtung thematisiert werden. Das siebte Modul soll die historische Situation in Belgien in dem Spannungsfeld von Widerstand, Kollaboration und Alltagsleben beleuchten. Das letzte Modul wird Material zur strafrechtlichen Verfolgung und der schwierigen Rückkehr der deportierten Juden, beinhalten und die Entstehung der Menschenrechte thematisieren.

Mit einer solchen modularen, historisch und gegenstandsbezogen Bildungskonzeption beschreitet das Museum Mechelen einen Weg zwischen der Thematisierung der spezifischen Geschichte des Orts und gegenstands- und gegenwartsbezogenen Universalisierungen. Dieses Spannungsfeld aufrechtzuerhalten ist die Aufgabe nicht nur der belgischen, sondern auch einer deutschen Gedenkstättenpädagogik, will sie ihrem historischen und pädagogischen Auftrag gerecht werden.

 

Tanja von Fransecky arbeitet an einer Promotion zu Fluchten und Fluchtversuchen aus Deportationszügen in Frankreich, Belgien und den Niederlanden.

 

1 Im Rahmen eines EU-Fachkräfteaustausches habe ich dort im Frühjahr diesen Jahres sechs Wochen lang in der pädagogischen Abteilung gearbeitet. Trägerin des Projekts »Individual and transnational political-historical education as a part of life long learning« ist die Europäische Jugendbildungs- und Jugendbegegnungsstätte Weimar.

2 Verordnungsblatt des Militärbefehlshabers in Belgien und Nordfrankreich für die besetzten Gebiete, Nr. 73, 24. 4. 1942, Cegesoma BAA 2125.

3 Reeder, Tätigkeitsbericht Nr. 20 der Militärverwaltung für die Zeit vom 15. März – 1. Juni 1942, 15. 6. 1942. In: Joods Museum van Deportatie en Verzet: De belgische tentoonstelling in Auschwitz. Het boek. L’exposition belge à Auschwitz. Le livre. 2006, S.65.

4 Craushaar zitiert nach Joods Museum van Deportatie en Verzet, tentoonstelling, S.75.

5 Siehe auch Meinen, Insa: Die Deportation der Juden aus Belgien und das Devisenschutzkommando. In: Hürter, Johannes; Zarusky, Jürgen (Hg.): Besatzung, Kollaboration, Holocaust. Neue Studien zur Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden. München 2008, S.54.

6 Chaumont, Jean-Michel: Die Konkurrenz der Opfer. Genozid, Identität und Anerkennung. Lüneburg 2001, S. 23.

7 Musée Juif de la Déportation et de la Résistance: Guide didactique pour une visite au Musée Juif de la Déportation et de la Résistance. Mechelen o. J.

8 Ebenda, S. 8. Im Original heißt es: »Il nous faut aller à la racine du mal, à savoir le racisme, compris comme le rejet de tout ce qui n’est pas de même race, sang, nation, peuple, ou encore, de même sexe, culture, église, …«.

9 Reif-Spirek, Peter: Rechtsextremismus, Geschichtsrevisionismus und Gedenkstättenpädagogik. Einige Überlegungen. In: Benz, Wolfgang; Reif-Spirek, Peter (Hg.): Geschichtsmythen: Legenden über den Nationalsozialismus. Berlin 2003, S. 155.

10 Vgl. DGB-Bildungswerk Thüringen e.V.: Baustein zur nicht-rassistischen Bildungsarbeit, Erfurt, 2003, S. 162.

11 Vgl. Kößler, Gottfried; Steffens, Guido; Stillemunkes, Christoph (Hg.): Spurensuche. Ein Reader zur Erforschung der Schulgeschichte während der NS-Zeit. Frankfurt am Main 1998, S. 17.

12 Siehe auch Hormel, Ulrike; Scherr, Albert: Bildung für die Einwanderungsgesellschaft. Bonn 2005, S. 244.

13 Siehe auch Brockhaus, Gudrun: »Bloß nicht moralisieren!«. Emotionale Prozesse in der pädagogischen Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus. In: Bayerische Landeszentrale für politische -Bildungsarbeit: Holocaust Education. Wie Schüler und Lehrer den Unterricht zum Thema National-sozialismus und Holocaust erleben. Einsichten und Perspektiven, Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte, Themenheft 1/08, S. 28–33.

14 Zwischen 1873 bis 1935 verliessen fast drei Millionen Menschen, darunter eine halbe Millionen Juden, Europa vom Antwerpener Hafen auf den Ozeanschiffen der seit 1873 zwischen Antwerpen und den USA und Kanada verkehrenden »Red Star Linie«.