Andreas Pflock

Das Nationale Denkmal Lager Vught

Gedenkstättenrundbrief 128 S. 15-24

Konzentrationslager Herzogenbusch

Wer heute durch die südniederländische Gemeinde Vught in der Provinz Nord-Brabant fährt, vorbei an reetgedeckten Häusern und prachtvollen Villen, ahnt kaum etwas von der traurigen Vergangenheit dieser idyllischen Ortschaft. In einem Waldgelände gegenüber des beliebten Badesees »De IJzeren Man« eröffnete die SS im Januar 1943 das einzige dem SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamt unterstellte Konzentrationshauptlager westlich der Reichsgrenzen. Das Lager befand sich zwar auf dem Gebiet der Gemeinde Vught, wurde jedoch offiziell nach der wenige Kilometer nördlich gelegenen Stadt’s-Hertogenbosch benannt: KL Herzogenbusch.1 In der niederländischen Öffentlichkeit erlangte das Konzentrationslager vor allem als »Kamp Vught« (Lager Vught) traurige Berühmtheit. Die unterschiedlichen Bezeichnungen führten bis in die Gegenwart hinein immer wieder zu Verwechslungen bei der Lokalisierung des Lagers. Bis vor wenigen Jahren fehlte es gänzlich auf den meisten Übersichtskarten des nationalsozialistischen Lagersystems. Die Tatsache, dass die SS in der Stadt’s-Hertogenbosch zudem noch ein Außenlager eröffnete, in dem Frauen für die Firma Continental Gasmasken herstellen mussten, sorgte für weitere Irritationen und Verwechslungen.

Das »KL Herzogenbusch« (oder »Kamp Vught«) erstreckt sich auf einer Fläche von 400x1000 Metern und bestand aus einem komplexen Geflecht verschiedener Lagerteile, in denen stark voneinander abweichende Lebensbedingungen herrschten: Schutzhaftlager, Frauenkonzentrationslager (FKL), Studentenlager, Geisellager, Polizeiliches Durchgangslager, Sicherheitsdienst (SD)-Lager und Judendurchgangslager. Insgesamt rund 31 000 Menschen wurden dort inhaftiert, darunter etwa 1500 Frauen im FKL und etwa 12 000 jüdische Lagerinsassen (Männer, Frauen und Kinder) im Judendurchgangslager. Fast ausnahmslos wurden sie über das Judendurchgangslager Westerbork2 in die nationalsozialistischen Vernichtungslager deportiert. Am 15. November 1943 und am 2. Juni 1944 verließen zwei Transporte mit 1 149 bzw. 496 jüdischen Insassen das Lager direkt in Richtung Auschwitz. Nachweislich starben mindestens 749 Häftlinge im KL Herzogenbusch aufgrund der katastrophalen Lebensbedingungen in den ersten Wochen nach der Lagererrichtungen, an Krankheiten und in Folge von Misshandlungen, sowie bei Hinrichtungen und bei den Massenerschießungen vor der Auflösung des Lagers im Sommer 1944.

Am 5. und 6. September 1944 wurde das KL Herzogenbusch geräumt. Die SS deportierte 650 Frauen in das Frauenkonzentrationslager Ravensbrück und 2 821 Männer in das Konzentrationslager Sachsenhausen. Anschließend wurde der Lagerkomplex noch für einige Tage von der deutschen Wehrmacht zur Internierung von Engländern und Amerikanern, die bei der alliierten Luftlandeoperation »Market Garden« in Kriegsgefangenschaft geraten waren, benutzt. Mit dem Abzug der deutschen Truppen am 22. September wurde das Lager an das Rote Kreuz übergeben. Einige Dutzend junger Männer aus Vught verhinderten bis zum Eintreffen der Alliierten die Plünderung des leer stehenden Komplexes. Am späten Abend des 26. Oktober erreichten englische Soldaten das Gelände des Konzentrationslagers.

Im System der nationalsozialistischen Konzentrationslager stellte das KL Herzogenbusch eine Besonderheit dar. Die Lebensbedingungen lassen sich in zahlreichen Bereichen, wie u.a. der Verpflegung der Häftlinge und ihrer medizinischen Versorgung, nicht mit den Zuständen in anderen Konzentrationslagern vergleichen. Nach den Vorstellungen des Höheren SS- und Polizeiführers Hans Albin Rauter sollte das KZ als »Modelllager« der niederländischen Bevölkerung die angebliche »Harmlosigkeit« der deutschen Konzentrationslager demonstrieren. Doch beständig kam es zu Unstimmigkeiten zwischen Rauters »Idealvorstellungen« von der Führung eines Konzentrationslagers und dem an den reichsdeutschen Konzentrationslagern orientierten alltäglichen Verhalten des Kommandanturpersonals und der Wachmannschaften. Besonders der Erstickungstod von zehn Frauen in einer Zelle des Arrestbunkers in der Nacht vom 15. auf den 16. Januar 1944 (das so genannte Bunkerdrama) ließ diese Problematik offenkundig zu Tage treten: Während Rauter eine Bestrafung des verantwortlichen SS-Personals und des Lagerkommandanten forderte, wollte die Führung des übergeordneten SS-Wirtschafts- und Verwaltungshauptamts (SS-WVHA) im gewaltsamen Tod der Frauen keinen Anlass für eine juristische Verfolgung der Verantwortlichen erkennen.3

 

Der Umgang mit dem Lagergelände

Ab Herbst 1944 nutzten die Alliierten die ausgedehnten Anlagen des Barackenkomplexes zur Unterbringung von zwangsevakuierten Deutschen und zur Internierung von niederländischen Kollaborateuren und Landesverrätern. Die Zwangsevakuierten – vornehmlich Frauen und Kinder – stammten aus dem Selfkantgebiet, einer Gegend zwischen der Unteren Ruhr und der niederländischen Grenze. Nach verschärften Kampfhandlungen hatte die Führung der britischen Armee Mitte November 1944 die Evakuierung der deutschen Bevölkerung in diesem Bereich angeordnet. Rund 6 000 Einwohner wurden daraufhin in das Lager Vught gebracht.4 Die Lebensbedingungen und die Ernährung der Evakuierten waren anfänglich schlecht. Sie verbesserten sich erst mit der Erhöhung der täglichen Nahrungsrationen nach dem Einsetzen eines strengen Winters im Januar 1945. Dennoch starben rund 190 Menschen an Krankheiten und Mangelerscheinungen. Sie wurden im Ort Vught, später auf einem neben dem Lagergelände angelegten Friedhof, bestattet. Am 20. Mai 1945 entschieden die Alliierten schließlich die Auflösung des Evakuierungslagers und die schnelle Rückführung der Deutschen in ihre Heimatorte.

Die frei gewordenen Baracken wurden anschließend Teil des ebenfalls auf dem Lagergelände bestehenden Internierungslagers, das sich zum größten seiner Art im Süden des Landes entwickelte. Eine besonders strenge Behandlung erfuhren dort rund 300 ehemalige niederländische Mitglieder der Waffen-SS. Am 15. Januar 1949 wurde das Internierungslager aufgelöst. Anfang der 1950er Jahre fand eine bis heute geltende Aufteilung des ehemaligen Lagergeländes in einen Kasernenkomplex der niederländischen Armee, einen Gefängniskomplex und einen Wohnort für Molukker5 statt.

Im Bereich der früheren Kasernengebäude des SS-Wachbataillons Nord-West und des so genannten Philips-Geländes entstand die »Lunetten-Kaserne«, in der sich eine Infanterie-Einheit, eine Transport-Einheit und ein Munitionsdepot ansiedelten. Der ehemalige SS-Kommandanturbereich mit einem Teil des Appellplatzes wurde in die »Van Brederode-Kaserne« umgewandelt. Im hinteren Geländebereich entstand die Strafanstalt »Nieuw Vosseveld«. Bis Ende der 1980er Jahre wurden dort die früheren Baracken des Industriehofs, der Bunker und der Häftlingskrankenbau von der Gefängnisleitung weiter genutzt. Erst ab 1987 fielen die Gebäude im Zuge einer grundlegenden konzeptionellen und baulichen Umstrukturierung des Gefängniskomplexes der Abrissbirne zum Opfer. Nur wenige bauliche Zeugnisse, darunter das massive Bunkergebäude, blieben bis heute erhalten. Der gesamte 24 Hektar große Bereich wurde abschließend im Jahr 1992 hermetisch mit einer vier Meter hohen Mauer abgeriegelt.

Das Areal des Häftlingslagers, das sich in der Mitte des Lagerkomplexes befand, diente ab Februar 1951 zur Unterbringung von Soldaten der Königlich-Niederländisch-Indischen-Armee (KNIL). Dieser »Woonoord Lunetten” (Wohnort Lunetten) nahm einen Großteil der noch vollständig erhaltenen Stein- und Holzbaracken ein. Nach harten Auseinandersetzungen um die Auflösung des Wohnorts entschied sich die niederländische Regierung Ende 1989 zu dessen Renovierung. Im Frühjahr 1992 begann der Abriss aller noch bestehenden Baracken. Nur die Häftlingsbaracke Nr. 1 blieb erhalten. Während ein Teil des Wohnorts in die Kompetenz des Justizministeriums übertragen wurde, entstanden auf dem verbleibenden Terrain in Absprache mit den Bewohnern 107 Wohnungen in 14 neuen Steingebäuden. Die mit den ursprünglichen Baracken fast identische Form der neuen Häuser war von den Bewohnern ausdrücklich gewünscht worden. Selbst die früher an den Giebeln angebrachten Barackennummern sind durch weißgetünchte Flächen angedeutet worden. Das neue Wohnviertel konnte 1994 fertig gestellt und bezogen werden.

 

Der Weg zur Gedenkstätte

Als Gedenkorte auf dem Lagergelände wurden in den Nachkriegsjahren lediglich das Krematoriumsgebäude und die Zelle des Bunkerdramas im Arrestbunker klassifiziert und erhalten. Beide befanden sich innerhalb des Gefängniskomplexes und waren damit nur schwer zugänglich. So gaben in den 1980er Jahren vor allem die Neubaupläne der Gefängnisdirektion für einen modernen Ausbau der Anlage einen wesentlichen Impuls zur Umgestaltung des Krematoriumsgeländes in eine öffentlich zugängliche Gedenkstätte. Seit Dezember 1947 existiert zwar auf dem ehemaligen Hinrichtungsplatz ein von Prinzessin Juliana eingeweihtes Denkmal, doch es war – der Erinnerungspolitik der Nachkriegsjahre entsprechend – den dort ermordeten Widerstandskämpfern gewidmet und nicht der Erinnerung an das Konzentrationslager und seine Häftlinge.6

Zur Realisierung einer Gedenkstätte wurde im Dezember 1986 die »Stichting Nationaal Monument Kamp Vught« (Stiftung Nationales Denkmal Lager Vught) ins Leben gerufen. Sie entschied 1987 abschließend über die zukünftige Gestaltung: Neben dem Krematoriumsgebäude entstand das nachgebaute Fundament einer Baracke mit einem begehbaren Modell des Lagers. An der Stelle des Aufenthaltsraums der Häftlinge wurde ein gläserner Besinnungsraum errichtet. Der Bereich des Schlafraums wurde durch Holzrahmen dreistöckiger Bettgestelle angedeutet. Das Lagermodell und die Bettgestelle waren weder mit Seitenwänden noch mit einem Dach versehen, so dass der Besinnungsraum der einzige geschlossene Raum der neuen Gedenkstätte war. Die noch vorhandene doppelte Stacheldrahtumzäunung wurde ausgebessert und durch zwei rekonstruierte Wachtürme ergänzt. In einem Nebenraum des Krematoriumsgebäudes entstand aus Originalteilen (Fußboden und Fenster) die Rekonstruktion der Zelle des Bunkerdramas. Eine damals grundlegende Entscheidung war, in der Gedenkstätte selbst keine Ausstellung zur Lagergeschichte, sondern einen Ort der stillen Besinnung entstehen zu lassen. Die inhaltliche Dokumentation der Lagergeschichte sollte einer kleinen bestehenden Ausstellung im Heimatmuseum der Gemeinde Vught überlassen werden, die allerdings nur zu sehr eingeschränkten Zeiten geöffnet war. Am 18. April 1990 weihte Königin Beatrix das Nationale Denkmal Lager Vught ein.

Im Verlauf einer Diskussion über fehlende Finanzmittel und die mögliche Erhebung von Eintrittsgeldern für den Besuch der Gedenkstätte gründeten Ende 1990 ehemalige Häftlinge des Lagers den »Vriendenkring Nationaal Monument Kamp Vught« (Freundeskreis Nationales Denkmal Lager Vught), um die Arbeit der Gedenkstätte ideell und finanziell zu unterstützen. Im Verlauf der vergangenen Jahre wurden vom Freundeskreis Publikationen zur Lagergeschichte herausgegeben und verschiedene bedeutende Projekte realisiert.7 So konnte am 16. Januar 1992 im Vorraum der rekonstruierten Bunkerzelle eine Gedenktafel angebracht werden, die an die zehn in Folge des Bunkerdramas gestorbenen Frauen erinnert. Im Jahr 1993 entstand nach dem Auffinden des bisher verschollenen Sterbebuchs des Jahres 1943 und einer mehrjährigen Recherche zu den Todesfällen im Lager eine Gedenkwand mit den Namen aller bekannten Opfern im Gang vor den beiden Verbrennungsöfen.8 Zur Erinnerung an die nachweislich 1 269 deportierten jüdischen Kinder des so genannten Kindertransports vom 6./7. Juni 1943 konnte am 5. Mai 1999 das »Kinderdenkmal« eingeweiht werden.

Schon bald war in den beengten Raumverhältnissen der Gedenkstätte keine zufriedenstellende Betreuung der inzwischen jährlich rund 30 000 Besucher mehr möglich. Arbeits-, Ausstellungs- und Depoträume mussten in einen Bürocontainer und in Nebenräume des Krematoriumsgebäudes ausgelagert werden. Außerdem lag die Gedenkstätte in einer abgeschiedenen Ecke am Ende der Zufahrtsstraße, hinter Parkplätzen, dem Gefängniskomplex und einem Fahrradweg versteckt. Im Herbst 2001 stellte die Trägerstiftung daher die Konzeption für die Neugestaltung der gesamten Anlage vor. Sie umfasste nicht nur eine räumliche Veränderung und Erweiterung, sondern auch eine akzentuierte Hervorhebung der historischen Bedeutung des Ortes in der Landschaft. Am 24. Oktober 2002 wurde ein neues Besucherzentrum feierlich eingeweiht. Es bildet heute den Abschluss der Lunettenlaan und schirmt symbolisch den authentisch bewahrten Gedenkort des Krematoriums vom gegenwärtigen Alltagsleben ab. Das moderne Besucherzentrum umfasst Verwaltungsräume, Buchverkauf, Kaffeeraum, Räume für permanente und wechselnde Ausstellungen sowie für die pädagogische Arbeit, ein Museumsdepot mit Archiv und Bibliothek sowie einen zentralen Veranstaltungs- und Filmsaal. Eine ständige Ausstellung beleuchtet die Geschichte des Lagers aus verschiedenen Blickwinkeln: Das Lager als Teil eines menschenunwürdigen Systems der nationalsozialistischen Konzentrationslager, aber auch als Ort der Lebensgeschichten der dort inhaftierten Menschen. Beide Perspektiven werden in der neuen Ausstellung dokumentiert und sichtbar gemacht.

Der Bereich der bisherigen Gedenkstätte wurde in seinen authentischen Zustand zurückversetzt. Das Lagermodell und die Barackenrekonstruktion wurden versetzt bzw. abgetragen, die nachempfundenen zwei Wachtürme durch drei originalgetreue Rekonstruktionen ersetzt und Einbauten der vergangenen Jahrzehnte aus dem Krematoriumsgebäude entfernt. Auch die lange Zeit sehr dünne personelle Ausstattung der Gedenkstätte konnte in den letzten Jahren erheblich verbessert werden. Neben einem Leiter konnten Mitarbeiter für die Öffentlichkeitsarbeit und Veranstaltungsorganisation, die museumspädagogische Arbeit und die Archiv- und Bibliotheksbetreuung eingestellt werden. Einen wesentlichen Teil der alltäglichen Arbeiten der Gedenkstätte und die Betreuung der Besucher werden von Freiwilligen aus dem Ort Vught und der Umgebung getragen, die stundenweise tätig sind. Auch die Aktion Sühnezeichen/ Friedensdienste hat inzwischen eine Freiwilligenstelle in der Gedenkstätte etabliert.

 

Die Gedenkstätte heute

Die Gedenkstätte »Nationaal Monument Kamp Vught« (Nationales Denkmal Lager Vught) besteht aus drei zentralen Elementen: dem neu errichteten Besucherzentrum mit Ausstellungs- und Funktionsräumen, dem authentisch erhaltenen Krematoriumsgebäude mit dem umgebenden Teil des Lagergeländes sowie einer rekonstruierten Barackenhälfte und dem Nationalen Denkmal auf dem ehemaligen Hinrichtungsplatz. Das Besucherzentrum am Ende der Lunettenlaan übernimmt die Funktion einer »Schleuse« zwischen Gegenwart und Vergangenheit, zwischen der heutigen »Außenwelt« und dem bewahrten Teil des ehemaligen Konzentrationslagers. Vom Eingangsbereich gelangt man zum ersten Raum der permanenten Ausstellung. Er soll eine Verbindung zwischen Gegenwart und Vergangenheit herstellen. Eine Vitrine in Form eines Lesepults enthält Zitate auf symbolischen Kalenderblättern. Sie wurden u.a. aus Häftlingstagebüchern, Dokumenten und Erinnerungsberichten zusammengestellt. Täglich wird eines der Blätter mit dem jeweils aktuellen Tagesdatum (Tag und Monat) aufgeschlagen und der Inhalt lesbar. Auf diese Weise wird ein unmittelbarer Bezug zwischen dem Tag des Gedenkstättenbesuchs und einem konkreten Ereignis aus der Lagergeschichte hergestellt. Über einer geschlossenen zweiflügeligen Tür, die gleichsam den weiteren Blick in die Vergangenheit vorerst versperrt, wird eine Filmcollage aus u.a. Wochenschauen, Zeitungsmeldungen und Fotos projiziert. Sie veranschaulicht einerseits das Nebeneinander von Diskriminierung, Verfolgung, Widerstand und Alltagsleben. Andererseits verweist sie auf das Grundthema der Ausstellung: die verschiedenen menschlichen Handlungs- und Entscheidungsmöglichkeiten, die das Leben beeinflusst haben und noch heute beeinflussen.

Mit dem Öffnen und Durchschreiten der Tür gelangt man in den zweiten Raum der Ausstellung – man betritt symbolisch die Vergangenheit. Dies wird durch eine Glaswand hervorgehoben, die den bisher versperrten Blick auf die Fragmente der Lagergeschichte im Außengelände freigibt: Stacheldrahtzaun, Wassergraben, Wachtürme, Barackenrekonstruktion und Krematoriumsgebäude. Die Ausstellungssequenz widmet sich dem Thema »Gefangenschaft und Terror«. Texte, Dokumente, Audio- und Videosequenzen sowie persönliche Gegenstände ehemaliger Häftlinge schildern Aspekte des Lageralltags wie u.a. Einlieferung, Kleidung, Hunger und Selbstbehauptung.

Der dritte Ausstellungsraum geht auf die Funktion von Propaganda und Ideologie, die NS-Verfolgungsmaßnahmen sowie den Aufbau, die Organisation und die Strukturen des Konzentrationslagers ein. Den Besuchern wird vermittelt, durch welche Umstände und Mechanismen Menschen zu Tätern, Opfern, Zuschauern und Oppositionellen wurden. Nach einem strengen Muster aufgestellte Säulen bergen die Ausstellungsinhalte. Abschließend kann an mehreren Monitoren die historische und gegenwärtige Topographie des Lagers erschlossen werden, bevor man das authentische Gelände betritt. Entlang eines begehbaren Lagermodells gelangt man zu einem mit originalen Bauteilen rekonstruierten Flügel einer Häftlingsbaracke. Das Außengelände wird eingefasst vom erhaltenen doppelten Stacheldrahtzaun mit Wassergraben und drei rekonstruierten Wachtürmen. Den hinteren Bereich schließt das »Kinderdenkmal« ab, das an die Deportation jüdischer Kinder in das Vernichtungslager Sobibor am 6./7. Juni 1943 erinnert. Besonders für junge Besucher der Gedenkstätte ist das Denkmal eine wesentliche Station bei der Auseinandersetzung mit der Geschichte der Kinder im Konzentrationslager. Im Gedenken an die ermordeten Kinder werden oftmals – anstelle von Blumen – Bastelarbeiten und Spielzeuge dort niedergelegt.

Als bedeutendes historisches Zeugnis steht daneben das erhaltene Krematoriumsgebäude, das im authentischen Zustand besichtigt werden kann. Auf dem Rückweg durch das Besucherzentrum gelangt man zu einem Gedenkraum mit den bisher bekannten Namen der Toten des Lagers. Dort besteht die Möglichkeit zum persönlichen Besinnen und Gedenken. Die letzte Ausstellungssequenz – der »Aktualitätsgang« – widmet sich der Frage nach der aktuellen Bedeutung der Geschichte des Konzentrationslagers. Im Mittelpunkt steht dabei die Überlegung, dass Vorurteile, Rassismus, Verfolgung, Meinungsbeeinflussung, Aufopferung und Widerstand auch Bestandteile der heutigen Gesellschaft sind und letztendlich die persönliche Entscheidung – damals wie heute – den Unterschied beim Handeln des Einzelnen ausmacht. Während des Zweiten Weltkriegs entschieden sich Menschen für die Seite der Täter und wurden zu Tätern. Andere entschieden sich für den Widerstand. Die jedoch größte Gruppe versuchte, ihr Leben so gut wie nur möglich weiter zu führen. Auch das war eine der möglichen Entscheidungen. Die Gedenkstätte möchte an dieser Stelle des Rundgangs den Besuchern damalige und letztendlich auch gegenwärtige individuelle Entscheidungsmöglichkeiten und deren weitreichende Folgen aufzeigen und kritisch hinterfragen. Der Aktualitätsgang wurde in Form eines Bistros mit Tischen, Stühlen und ausliegenden Tageszeitungen gestaltet. Eine über die Länge des Raumes großformatig projizierte Filmsequenz zeigt nachgestellte alltägliche Szenen und Dialoge in einem niederländischen Bistro. Sie lassen den Besucher beim Gang durch den Raum selbst zu einem Teil der Inszenierung werden. In den Filmdialogen werden zentrale Themen der Ausstellung wie »Vorurteile«, »Meinungsmanipulation«, »Suche nach Sündenböcken« und »Bestimmung von Handlungsspielräumen« aufgegriffen.

Nach dem Rundgang durch das Besucherzentrum führt vom Parkplatz der Gedenkstätte ein Fußweg durch den angrenzenden Wald zum ehemaligen Hinrichtungsplatz mit dem Nationalen Denkmal. In den Monaten Juli, August und Anfang September 1944 wurden dort unmittelbar vor der Räumung des Konzentrationslagers Hunderte Gefangene erschossen. Direkt nach der Befreiung stellten die Vughter Henk van der Pas und Piet van Laarhoven zum Gedenken ein großes Holzkreuz auf. Ende 1947 enthüllte Prinzessin Juliana an dieser Stelle ein Nationales Denkmal. Es besteht aus einer vor dem einstigen Kugelfang errichteten Gedenkwand aus französischem Naturstein und wurde vom Architekten Johann F. van Herwerden entworfen. Auf der Wand wurden die Namen der Ermordeten angebracht. Das Holzkreuz wurde auf die Erhöhung hinter der Gedenkwand versetzt. Im Ortszentrum von Vught finden sich weitere Gedenkzeichen, die an das Konzentrationslager Herzogenbusch und dessen Häftlinge erinnern (u.a. am Bahnhof und im historischen Rathaus). Die auf dem Kasernengelände erhaltenen zahlreichen baulichen Zeugnisse des Konzentrationslagers sind im Rahmen von öffentlichen Führungen zugänglich, die von der Gedenkstätte regelmäßig veranstaltet werden.

 

Informationen zur Gedenkstätte

www.nmkampvught.nl

 

1 Auswahl deutschsprachiger Literatur zur Lagergeschichte: Citroen, Joop und Sophie: Duett Pathetique. Erinnerungen einer jüdischen Familie an die Kriegsjahre in Holland, Frankfurt/Main 1993; Pflock, Andreas: »...der Zukunft optimistisch entgegensehen« – Louise van de Montel, in: Füllberg-Stolberg, Claus u.a.: Frauen in Konzentrationslagern, Bremen 1994, S. 313ff.; Stuldreher, Coenraad: Deutsche Konzentrationslager in den Niederlanden, in: Benz, Wolfgang/Distel, Barbara (Hrsg.): Die vergessenen Lager, Dachauer Hefte 5, Dachau 1989, S. 141ff.; Ders.: Das Konzentrationslager Herzogenbusch – ein »Musterbetrieb der SS«?, in: Herbert, Ulrich/Orth, Karin/Dieckmann, Christoph: Die nationalsozialistischen Konzentrationslager. Entwicklung und Struktur, Göttingen 1998, Band 1, S. 327ff.; Vries, Hans de: Das Konzentrationslager Herzogenbusch bei Vught: »streng und gerecht«?, in: Benz, Wolfgang/Distel, Barbara (Hrsg.): Terror im Westen. Nationalsozialistische Lager in den Niederlanden, Belgien und Luxemburg 1940–1945, Berlin 2004, S. 197ff.

2 Zur Geschichte des Lagers Westerbork und der dortigen Gedenkstätte siehe den Beitrag von Anne Bitterberg »Das Herinneringscentrum Kamp Westerbork« im Gedenkstättenrundbrief 125/2005, S. 3ff.

3 Siehe dazu auch den Beitrag von Pflock, Andreas: Mord in Bunkerzelle 115, in: Ravensbrückblätter, hrsg. von der Lagergemeinschaft Ravensbrück/Freundeskreis e.V., Nr. 100, September 1999, S. 12.

4 Vallen, Paul: Camp Vught. Ein ehemaliges deutsches Konzentrationslager in den Niederlanden, Birgden 1992.

5 Soldaten der Königlich-Niederländisch-Indischen-Armee (KNIL) mit ihren Familien, die ursprünglich von der Inselgruppe der Molukken (darunter Ambon, Ceram und Saparoea) stammten. Siehe zur Geschichte der Molukker auch den bereits zitierten Aufsatz von Anne Bitterberg.

6 Hijink, Roel: Het fusillademonument in Vught (Das Hinrichtungsdenkmal in Vught), in: ICODO (Hrsg.): De Vriendenkring Vught (Der Freundeskreis Vught), ICODO-Info 1/2004, Utrecht 2004, 48-53.

7 Vgl. zur Geschichte des Freundeskreise auch die ausführliche Darstellung in ICODO-Info 1/2004.

8 Im Zuge der authentischen Rückgestaltung des Krematoriums wurde die Gedenkwand später wieder abgebaut.