Gerda Büttner und Petra Kleine

Das neue Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus und die Toten der Weltkriege in Ingolstadt

Gedenkstättenrundbrief 91 S. 10-21

Von der Idee zur Realisierung

In Ingolstadt steht seit etwa einem Jahr ein in Deutschland wohl einmaliges und auch ungewöhnliches neues Mahnmal: Eine Gedenkstätte für die Opfer und Verfolgten der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft und für die Toten der beiden Weltkriege. Daß es zu dieser Denkmalform gekommen ist, hat eine längere Vorgeschichte. Durch einen Brücken- und Straßenneubau über die Stelle des im Luitpoldpark in Ingolstadt plazierten Kriegerdenkmals war eine Umverlegung notwendig geworden. Die Stadtverwaltung plante ursprünglich, die Teile dieses »Ehrenmals« aus Gedenksteinen des Ersten und Zweiten Weltkrieges sowie zwei Vertriebenengedenksteinen ein paar Meter weiter westlich im Park auf einer Lichtung mehr oder weniger unverändert wieder aufzustellen.

Das war 1995, im Jahr der Gedenk- und Nachdenkstunden an Kriegsende und Demokratiebeginn in Deutschland, dem Jahr, in dem auch die rituellen Volkstrauertage von vielen engagierten Bürgerinnen und Bürgern neu verstanden wurden, denen die Mahnungen an einem traditionellen Kriegerdenkmal nicht mehr genügten.

 

»Alternativer« Volkstrauertag – Gründung der Initiative

So wurde, ausgehend von Mitgliedern der Friedensbewegung, 1995 in Ingolstadt parallel zu den offiziellen Feiern zu einem »alternativen« Volkstrauertag eingeladen, an dem die Kriegerdenkmalsituation in der Stadt (und es gibt davon sehr viele) beleuchtet und festgestellt wurde, daß es keine Erinnerungsstätte für die Opfer des Nationalsozialismus gibt.

Aus dieser Erkenntnis und aus der Tatsache, daß sich die Chance für ein neues Mahnmal aus dem Abbruch des alten »Ehrenmals« im Park ergab, gründete eine Reihe Interessierter die »Initiative für Mahn- und Gedenkstätten in Ingolstadt«. Eine hochmotivierte Arbeitsgruppe formulierte die Ziele der Initiative, und bis Ende des Jahres 1995 brachten die beiden Mitgründerinnen und Stadträtinnen Gerda Büttner (SPD) und Petra Kleine (Bündnis 90/Grüne) einen Antrag in der Stadt ein, im Zuge der Umverlegung des »Ehrenmals« einen Ideenwettbewerb für die Neugestaltung eines Mahnmals für die Opfer des Nationalsozialismus auszuschreiben.

Damit war ein ganz neuer Aspekt angesprochen und eine Diskussion, die es vorher so in Ingolstadt noch nicht gegeben hatte, ausgelöst. Da im März 1996 die Kommunalwahlen anstanden, wollten einige Kommunalpolitiker und auch andere namhafte Persönlichkeiten der Stadt eine Denkmaldiskussion möglichst aus dem Wahlkampfgetöse heraushalten – was sich im Nachhinein als richtig erwiesen hat. Nach den Wahlen – die CSU hatte die absolute Mehrheit im Stadtrat gewonnen – war das Bedürfnis von seiten der Konservativen nach einer Mahnmalsdiskussion ganz geschrumpft, weil in München gerade die unselige unqualifizierte Auseinandersetzung um die Wehrmachts-Ausstellung tobte, in die Münchener CSU-Größen verwickelt waren. »Sowas wollen wir in Ingolstadt nicht!« versicherten ansässige Parteimitglieder.

 

Öffentliches Kolloquium

Die Initiative und ihre beiden Stadträtinnen Büttner und Kleine, die sich bis zur Wahl zurückgehalten hatten, starteten nun ihre Aktivitäten. Sie führten unzählige Sondierungsgespräche vor allem mit dem Kulturreferenten, dem Stadtbaurat, dem Oberbürgermeister, Kirchenvertretern, der Bundeswehr, Stadtratskollegen und -kolleginnen aus anderen Fraktionen und vielen Gleichgesinnten. Das Ergebnis war, daß Initiative und Stadt gemeinsam ein öffentliches Kolloquium zum Thema »Gedenken und Erinnern« vorbereiteten, um eine fundierte breite Diskussion in Ingolstadt über die nationalsozialistische Vergangenheit und den Umgang damit zu führen. Dieses von der Öffentlichkeit und den lokalen Medien in Ingolstadt viel beachtete Kolloquium fand am 15. und 16. November 1996, vor dem Volkstrauertag, statt, mit hervorragenden Referenten, die durch gute Kontakte über Lutz Tietmann gewonnen werden konnten:

 

L Prof. Dr. Manfred Messerschmidt, Militärhistoriker aus Freiburg, sprach über das Thema »Wehrmacht, Deserteure, Traditionspflege« und ging auch auf die besondere Situation in Ingolstadt als Militärstandort und die Erschießung von 76 jungen Wehrmachtssoldaten zu Kriegsende am Auwaldsee ein.

L Prof. Dr. Micha Brumlik, Frankfurt und Heidelberg, mit Schwerpunkt europäische und jüdische Geistesgeschichte sowie die Geschichte politischer und pädagogischer Theorien, sprach über »Strukturen kollektiver und individueller Erinnerung«.

L Dr. Stefanie Endlich, Berlin, Lehrbeauftragte, Publizistin und Gutachterin in der Denkmals- und Gedenkstättenentwicklung, stellte anhand von Beispielen die »künstlerische Gestaltung von Denkmälern für die Opfer des Nationalsozialismus« dar.

L Thomas Lutz, Berlin, Leiter des Gedenkstättenreferats der Stiftung Topographie des Terrors (vormals Aktion Sühnezeichen Friedensdienste), zeigte »Gedenkstätten für die NS-Opfer und die gesellschaftlichen Hintergründe und Ziele« auf.

L Lutz Tietmann, Ingolstadt, Diplom-Soziologe, Aufarbeitung verschiedener Fragen zur Stadt- und Regionalgeschichte Ingolstadts, schilderte die »Denkmalssituation in Ingolstadt« anhand der bestehenden Kriegerdenkmale.

L Prof. Friedrich Kraft, Ingolstadt, Chefredakteur des Donaukurier, Lehrbeauftragter für Christliche Publizistik an der Universität Erlangen-Nürnberg, moderierte das Kolloquium.

 

Alle waren eingeladen

Auf Wunsch der Initiative wurden zur Veranstaltung alle Personen, Vereine, Gruppierungen, Verbände, Organisationen, Verwaltungen (z.B. Krieger- und Soldatenvereine, Vertriebenenverbände, Bundeswehr, Kunstverein, Historischer Verein, Kirchen, Parteien, Schulen, Berufskünstler, Stadtrat, Medien…), kurzum alle eingeladen, die in Ingolstadt in irgendeiner Weise betroffen sein konnten und in die Diskussion einbezogen werden sollten. Und die meisten kamen.

 

Überzeugungsarbeit                

Die Resonanz auf das Kolloquium war beeindruckend: In Ingolstadt ist es gelungen, in einer schwierigen und vorher durchaus kontroversen Thematik Überzeugungsarbeit zu leisten. Die Referate von Messerschmidt, Brumlik, Endlich, Lutz und Tietmann sowie die einfühlsame, kompetente Moderation von Kraft bildeten die sachliche Grundlage für intensive Diskussionen, für Dialoge, für gegenseitiges Zuhören, für Konsensbereitschaft – und als Folge wurden sogar festgefahrene Meinungen revidiert. Respekt verdient der Ingolstädter Oberbürgermeister Peter Schnell (CSU), der in die Veranstaltung mit dem Ansatz gekommen war, »ein Denkmal für alle Opfer ungerechter Gewalt« schaffen zu wollen und am Ende in der Schlußdiskussion sagte, seine Position habe sich im Laufe der Tagung deswegen verändert, weil »wir in unserer Stadt schon für viele Opfer ungerechter Gewalt Stätten des Gedenkens und der Erinnerung haben. Und wenn es in der Tat so ist, daß die Opfer des Nationalsozialismus als die einzigen bisher ausgeklammert sind, sicher nicht bewußt, aber wenn ihnen nie bewußt ein Zeichen der Erinnerung gesetzt wurde, dann allerdings entsteht ein Problem, dem wir uns nicht einfach mit dem Hinweis entziehen können, wir müßten aller Opfer ungerechter Gewalt gedenken. Denn, wenn wir uns dem entziehen wollten, bestünde zurecht, was ich als Vermutung oder Vorwurf heute hier und da herausgehört habe: Dann hätten wir entweder Angst, oder noch peinlicher, wir wollten dies gar verdrängen. Das können wir uns, das wollen wir uns nicht leisten. Und das haben wir auch nicht nötig. Wir wollen uns dann durchaus auch deutlich, auch wenn es manche nicht verstehen, in dieser äußeren Form eines Mahnmals ausdrücken.« (Zitat aus dem Mitschnitt der Schlußdiskussion im Dokumentationsband I »Gedenken und Erinnern«)

 

Ausschreibung des Kunstwettbewerbs

Daß der Oberbürgermeister und einige seiner Parteifreunde sich dem gefundenen Konsens anschlossen, war keine Selbstverständlichkeit. Der erste Schritt in Richtung neues Mahnmal war getan. Auch die ausführliche Begleitung durch die Ingolstädter Medien trug zu einer breitgefächerten Information bei. Buchstäblich jeder und jede in der Stadt hatten die Gelegenheit zur Aussprache und konnten ihre Bedenken und Anregungen vorbringen. Der Stadtrat gab grünes Licht für die Vorbereitung eines Kunstwettbewerbs, dessen Ausschreibungstext in enger Abstimmung zwischen Kulturreferat, Baureferat und Initiative erarbeitet und ohne Änderungen vom Stadtrat im Juli 1997 verabschiedet wurde. Auf Vorschlag von drei Gruppen, Kunstexperten von außerhalb, Stadtverwaltung und Initiative wurden 16 Künstler und Künstlerinnen bzw. Künstlerarbeitsgemeinschaften aus der Region und darüber hinaus zum Wettbewerb eingeladen.

Die »Verlegung des Ehrenmals im Luitpoldpark und Gestaltung eines Mahnmals für die Opfer des Nationalsozialismus« lauteten Ziel und Aufgabe:

»Im Bewußtsein der Ingolstädter Bevölkerung gibt es zwei Gruppen von Opfern der Weltkriege und der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft: Diejenigen, deren man mit sichtbaren Zeichen und öffentlichen Veranstaltungen gedenkt (gefallene Soldaten, Heimatvertriebene, Bombenopfer) und diejenigen, die dagegen im Hintergrund stehen, die oft versteckt, verdrängt, verschwiegen werden oder in öffentlichen Gedenkfeiern nur teilweise und verbal auftauchen (jüdische Familien, Opfer der NS-Militärjustiz, Zwangsarbeiter, politisch Verfolgte, Gewerkschafter, religiös Verfolgte, Behinderte). Beide Aufzählungen sind unvollständig, aber sie zeigen das bestehende Defizit auf.

Eine gemeinsame Gedenkstätte für alle Verfolgten und Opfer zu schaffen, ist denkbar, wegen der politischen, weltanschaulichen, historischen Unterschiede jedoch schwierig zu verwirklichen. Trotzdem soll ein zentraler Ort des Erinnerns, Gedenkens und Mahnens für die Opfer des NS angestrebt werden.

Ergänzt werden könnte so ein zentrales Mahnmal zu gegebener Zeit durch eine würdige Kennzeichnung historischer Orte, an denen Verfolgung stattfand und die dadurch aus dem endgültigen Verschwinden aus dem Gedächtnis der Stadt hervorgehoben werden könnten.

Der künstlerischen Gestaltung des Projekts kommt eine herausragende Bedeutung zu. Sie kann Aufmerksamkeit erregen, Grundinformationen vermitteln, nachdenklich machen, erschüttern… Das bisherige Denkmal im Luitpoldpark mit seinen Elementen muß in diese Überlegungen einbezogen werden. Auf die beiden Löwen könnte gegebenenfalls verzichtet werden. Offen ist, ob das bisherige Ensemble mit dem neuen Mahnmal für die Opfer des NS räumlich vereint oder getrennt errichtet werden soll. Angestrebt wird eine einheitliche Gedenkstätte.

Der Ort einer solchen Gedenkstätte soll der Luitpoldpark sein. Die Ausloberin ermuntert die Teilnehmer ausdrücklich, auch über unkonventionelle und offene Formen eines solchen Denkmals nachzudenken… Die Ausloberin fordert die Teilnehmer auf, über ein Weiterwirken ihrer Denkmalidee in die Schulen und das Stadtmuseum hinein nachzudenken und entsprechende Ideen in ihren Vorschlag aufzunehmen.« (Zitat Ausschreibungstext)

 

Problematik »Einheitliche Gedenkstätte«

Der Wunsch, eine »einheitliche Gedenkstätte«, also die Teile des alten Kriegerdenkmals und ein neues Mahnmal für die Opfer der NS-Diktatur an einem Standort, nämlich auf der vorgesehenen Lichtung im Park, zu errichten, war in der internen Diskussion innerhalb der Initiative der wohl schwierigste Punkt. Ihr war bewußt, daß sie damit die Verantwortung auf sich nimmt, mögliche Täter – unter den gefallenen Wehrmachtssoldaten – mit den ermordeten und verfolgten Opfern der NS-Zeit in räumliche Nähe zu bringen. Ein weiteres Problem konnte sich daraus ergeben, daß unterschiedliche Opfergruppen einer Hierarchisierung oder Gleichmacherei unterworfen werden könnten. Die Mitglieder der Initiative entschieden sich für den Ausschreibungstext und setzten großes Vertrauen in die künstlerische Auseinandersetzung mit diesen Fragen.

Die eingeladenen Künstler und Künstlerinnen erhielten für ihre Recherchen Informationsmaterial, das einmal durch akribische zeitgeschichtliche Forschungen des Ingolstädter Historikers Dr. Theodor Straub zur Verfügung stand, zum anderen stand ihnen das Stadtarchiv offen. Die Initiative veröffentlichte die Diskussionsbeiträge und die Referate des Kolloquiums und den »Anderen Stadtführer – Denkstätten zur Geschichte der NS-Zeit in Ingolstadt 1918–1945« von Theodor Straub und weitere Texte in einem ersten Dokumentationsband »Gedenken und Erinnern« als Grundlage zum Wettbewerb. Zudem erhielten die Teilnehmer den umfangreichen Katalog des Stadtmuseums zur NS-Ausstellung 1995. Folgende Künstler wurden eingeladen:

Manfred Bergmeister und German Larasser, Ebersberg; Hans J. Breuste, Hannover; Arbeitsgemeinschaft Gudrun Pfrogner, Hubert Dietz, Anton Heinrich, Adelschlag/ Dollnstein; Arbeitsgemeinschaft Babette Überschär, Reinhard Dorn, Konrad Risch, Ingolstadt/ Gaimersheim; Klaus-Dieter Eichler und Hannes Arnold, Nürnberg; Paul Fuchs, Boccheggiano, Italien; Matthias Geitel, Erfurt; Michael Graßl, Ingolstadt; Richard Gruber und Partner, Schrobenhausen; Thomas Neumaier und Andreas Sobeck, Ingolstadt/Winzer; Dagmar Pachtner, Landshut; Beate Passow, München; Claudio Righetti, Ingolstadt; Karlheinz Torge, Schrobenhausen; Stefanie Unruh, München; Josef Zankl, Mering.

 

Vielfalt und hohe künstlerische Qualität

Im Januar 1998 wurden die 16 eingereichten Entwürfe für das neue Mahnmal juriert und anschließend in einer von fast 1200 Menschen besuchten Ausstellung der Öffentlichkeit vorgestellt. Alle Arbeiten zeichneten sich durch ihre Ernsthaftigkeit und großes Engagement aus. 16 Entwürfe, 16 unterschiedlichste Herangehensweisen in Material und Technik, 16 individuelle Denkarten im Umgang mit Tradition und Zeitgeschichte, mit dem unmittelbaren Bezug zur Stadt und mit allgemeingültigen Aussagen. Die Vielfalt der Ausdrucksmöglichkeiten und die hohe künstlerische Qualität beeindruckten. Für die 17köpfige Jury aus Kunstprofessoren, Publizisten, Stadtrat, Oberbürgermeister, Verwaltung, Initiative und einzelnen Fachleuten sowie beratenden Mitgliedern betroffener Verbände kristallisierten sich immer stärker die Kriterien heraus, die dann zur engeren Auswahl führten.

Die Vorsitzende der Jury, die Münchener Kunstkritikerin Dr. Hanne Weskott, formulierte die einstimmige Wahl der Jury für den Entwurf der Landshuter Künstlerin Dagmar Pachtner so: »Ihre (Dagmar Pachtners) Arbeit fand große Zustimmung, weil sie die Vorgaben der Ausschreibung mit formaler Strenge verbindet. Das größte Problem der künstlerischen Umsetzung bestand darin, die vorhandenen Teile des alten Mahnmals in ein neues zu integrieren. Dagmar Pachtner hat es geschafft, Formen traditionellen Gedenkens mit neuen Vorstellungen zu vereinen. Die räumliche Anordnung ermöglicht unterschiedliche Treffen und Veranstaltungen, erlaubt gemeinsames Gedenken, fordert es aber nicht heraus… In die engere Wahl kamen neben Dagmar Pachtner die Arbeiten von Hans J. Breuste aus Hannover und Stefanie Unruh aus München…«

 

Die blauen Stelen

Das künstlerische Konzept von Dagmar Pachtner beinhaltet drei Stufen: Die Gedenkstätte im Luitpoldpark, die Kennzeichnung von historischen Erinnerungsorten in der Stadt und die Gestaltung einer zeitgeschichtlichen Abteilung im Stadtmuseum. In ihrem Wettbewerbstext erläutert Pachtner ihren Entwurf:

»Im Luitpoldpark werden neun blaue Stelen (je 180cm hoch) in loser Gruppierung aufgestellt. In den Stelen sind Fotos von Ingolstädter Bürgerinnen und Bürgern montiert, die im Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden. Die Fotos sind im Ruhezustand nicht beleuchtet. Blitzlicht und kurzzeitige Beleuchtung eines Fotos werden nur ausgelöst, wenn jemand hingeht, davorsteht, also sich damit beschäftigt. Denn Erinnern, Trauern, Mahnen kann nur jeder einzelne; dann wird den Verfolgten und Ermordeten in der Stadt wieder ein Platz gegeben; dann kann es eine Wirkung in die Zukunft geben. Die Stelen sind bewußt in keine strenge Form der Anordnung gebracht, um den politischen, weltanschaulichen und historischen Unterschieden der Menschen, die zu Verfolgten und Opfern wurden, gerecht zu werden. Ein oder zwei Stelen sind technisch zwar genauso ausgerüstet wie die anderen, allerdings ohne Foto. Sie stehen für die Opfer, über die bisher nur sehr wenig oder gar nichts bekannt ist. Das Mahnmal will hier unfertig sein, Platz lassen für zukünftige Ergebnisse der geschichtlichen Aufarbeitung… Weitere Stelen sollen in der Stadt aufgestellt werden… Die abgebildeten Personen werden namentlich nicht benannt. Sie stehen auch für ihre Leidensgenossen. An der Stele erfolgt ein kurzer Hinweis auf die Verfolgung in der NS-Zeit. Im Stadtmuseum werden die abgebildeten Personen dargestellt und benannt. Ihre Lebensgeschichte soll exemplarisch aufgezeigt werden…«

 

Alte Denkmalteile als chronologische Linie

»Die vorhandenen Denkmalteile werden zusammen mit dem Treppenpodest der sogenannten Nagelsäule entlang einer gedachten Linie aufgebaut, in der chronologischen Folge ihres Entstehens. Alle Teile des bisherigen Ensembles werden übernommen (auch die Löwen). Dadurch wird der Blick auch auf die Veränderung der Absicht und Aufgabe von Denkmalen gelenkt… Die Gratwanderung zwischen Geschichte und der Wirkung und Funktion als Denkmal ist thematisiert in den Ergänzungen und Umwandlungen. Die Achtung vor den alten Teilen bleibt erhalten.

Die 19 Liegesteine mit Gedenkinschriften für militärische Einheiten des Ersten und Zweiten Weltkrieges sollen ergänzt werden durch einen gleichgroßen Stein, der aus Israel kommt und an die deutschen jüdischen Soldaten des Ersten Weltkrieges erinnert, von denen viele in Ingolstadt stationiert waren und von denen über 230 namentlich bekannte im Nationalsozialismus ermordet wurden (nach Th. Straub).

Alle verwendbaren übrigen Steine aus dem Artilleriedenkmal, den Stufen, den Sockeln der Löwen werden zu einer niedrigen Sitz- und Denkmauer umgeformt, die zum Sitzen und Nachdenken einlädt.« (Pachtner)

 

Ständige Gesprächsbereitschaft und Kooperation

Von der Idee zur Realisierung des neuen Mahnmals im Park und der Kennzeichnung von bisher vier Erinnerungsorten im Stadtgebiet dauerte es genau drei Jahre. Vielleicht liegt der Grund für diesen raschen Entstehungsprozeß darin, daß alle Beteiligten von Anfang an auf Gespräche setzten, daß das Motto hieß: Kooperation statt Konfrontation. Was aber nie bedeutet hat, daß man faule Kompromisse schloß. Um jedes Detail wurde gerungen, solange, bis das Projekt stimmte. Die Vertreterinnen der Initiative, Gerda Büttner und Petra Kleine, führten unzählige Gespräche vor allem mit Vertretern der Stadt. Wie schon erwähnt, war die aufgeschlossene Haltung von Oberbürgermeister Schnell wegbereitend. Hervorragend war die Zusammenarbeit mit dem Kulturreferenten Gabriel Engert, der sicher einen wesentlichen Anteil am Gelingen dieser Aufgabe hat.

Der Zeitraum vom einstimmigen Stadtratsbeschluß für die Realisierung des Pachtner-Entwurfs im März 1998 bis zur offiziellen Übergabe des Mahnmals im April 1999 war mit detaillierter Konkretisierungsarbeit ausgefüllt.

Dagmar Pachtner und eine beratende Arbeitsgruppe unter Leitung des Kulturreferenten erörterten in vielen Sitzungen die Ausführung des künstlerischen Konzepts, was heißt: Die historischen Fakten mußten unanfechtbar stimmen. In bewundernswerter Weise war Pachtner immer bereit, vor allem die fachlichen Hinweise des Experten Dr. Straub aufzugreifen und zu diskutieren und gleichzeitig ihr künstlerisches Konzept nicht aufzugeben. Denn die Mischung ihres Entwurfs aus Kunstwerk und Dokumentation führte zu Fragen, die geklärt werden mußten, bis sich die Mehrheitsmeinung durchsetzte, daß es sich hier in erster Linie um eine künstlerische Auseinandersetzung mit Stadtgeschichte handelt.

Nach wochenlangen Recherchen von Straub und Mitarbeitern des Stadtarchivs konnte die Künstlerin ihre Realisierung, besonders der blauen Stelen, in Angriff nehmen. Die Fotos und Lebensläufe der abzubildenden Opfer wurden nochmals in der Arbeitsgruppe besprochen und ihre Standorte im Park wie in der Stadt festgelegt. Die historischen Erinnerungsorte, an denen das Unrecht des NS-Staates hautnah in Ingolstadt zu spüren ist, wurden so genau wie möglich beschrieben. Auch die Geschichte der ehemaligen Kriegerdenkmalteile und die der Vertriebenensteine wurde erstmals zusammengetragen.

 

Zeitgeschichte im Stadtmuseum

Im Ingolstädter Stadtmuseum existiert bis heute keine zeitgeschichtliche Abteilung. Von Beginn an hatte die Initiative die Konzeptionierung einer zeitgeschichtlichen Dokumentation zusammen mit der Mahnmalsidee vorgetragen. Es ist ihr auch gelungen, diese Forderung in den Wettbewerb zu integrieren. Das Mahnmal hat nach Ansicht vieler in der Stadt eine stärkere Funktion und Lebendigkeit, wenn die Geschichte Ingolstadts von den Anfängen des Nationalsozialismus (und hier war eine der frühen Zellen) bis zum Zusammenbruch und dem Beginn einer demokratischen Gesellschaft dargestellt wird. Die jüngste Geschichte muß in Ingolstadt zum Teil noch erforscht werden, vieles ist in den Archiven vergraben, vieles muß in die Erinnerung zurückgeholt werden. Eine neue Arbeitsgruppe aus Künstlerin, Initiative und Fachleuten wird diese Aufgabe in den nächsten ein bis zwei Jahren angehen und den Anspruch des Mahnmals, mit den Fakten der Vergangenheit in eine wachsame und verantwortungsvolle Zukunft zu weisen, aufgreifen.

 

Zur Mahnmaldiskussion in Ingolstadt sind, herausgegeben von der Initiative, drei Dokumentationsbände erschienen: »Gedenken und Erinnern« (Doku I zum Kolloquium im November 1996) »Verlegung des Ehrenmals und Gestaltung eines neuen Mahnmals für die Opfer des Nationalsozialismus« (Doku II zum Kunstwettbewerb 1997/98) »Mahnmal – Erinnerungsorte – Museum« (Doku III zum Denkmal von Dagmar Pachtner 1998/99)