Christa Kochendörfer

Das Zeitgeschichte MUSEUM der voestalpine AG

Gedenkstättenrundbrief Nr. 185 (3/2017) S. 32-41

Unmittelbar nach der militärischen Besetzung Österreichs durch die deutsche Wehrmacht 1938 gab die neue politische Führung die Errichtung überdimensionierter Industrieprojekte in Auftrag. Hinter diesen Entscheidungen standen primär kriegswirtschaftliche Interessen. Der Spatenstich zur Errichtung der »Reichswerke Hermann Göring AG Berlin – Standort Linz« am 13. Mai 1938 lässt sich in die nationalsozialistische Konzeption der Ausbeutung von Ressourcen für das Deutsche Reich einreihen. Wirtschaftliche Verbindungen der österreichischen Eisen- und Stahlindustrie zu Deutschland bestanden bereits seit Jahren. So besaßen Ruhrindustrielle seit Frühjahr 1921 die Aktienmehrheit der steirischen Alpine-Montan-Betriebe.

Linz nahm in den Plänen der NS-Strategen einen besonderen Stellenwert ein. Die überwiegend von Kleingewerbe dominierte Stadt mit rund 112 000 Einwohnern (Stand 1937) sollte ein wirtschaftliches und kulturelles Zentrum der »Ostmark« werden. Zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit in der Ostmark wurden nach dem Anschluss Österreichs 100 Millionen Reichsmark in ein Arbeitsbeschaffungsprogramm investiert. Der Gründung der Hütte Linz, die ursprünglich für einen Standort in Franken geplant war, gingen heftige Auseinandersetzungen mit der privaten deutschen Eisen- und Stahlindustrie voraus, welche die wirtschaftliche Sinnhaftigkeit dieser Investitionen grundsätzlich bezweifelte und sich von den staatlichen Hermann-Göring-Werken (HGW) auch politisch abgedrängt fühlte.

In den Vorstellungen führender Nationalsozialisten und der Wehrmacht war das Streben nach Autarkie wesentliches Element der Kriegsvorbereitung. Im Rahmen des (zweiten) »Vierjahresplanes« sollte die Ausbeutung und Verarbeitung inländischer Erze stark ausgeweitet werden – im Falle des Linzer Hüttenwerkes vor allem die Erzvorkommen des steirischen Erzbergs. Dieses stellte das größte und qualitativ beste Erzlager des »Dritten Reiches« dar. Die Einwände der deutschen Stahlindustrie entsprachen einer wirtschaftlichen Logik, auch die Standortwahl war nicht unproblematisch.

Im März 1939 verkaufte die unter starkem politischen Druck stehende Düsseldorfer »Vereinigte Stahlwerke AG« 56% des Aktienkapitals der Alpine Montangesellschaft an die Reichswerke-Hermann-Göring. Zeitgleich mit der Übernahme eines Großteils der österreichischen Eisen- und Stahlindustrie wurde der Sitz der neuen Gesellschaft nach Linz verlegt und der Name auf »Reichswerke AG Alpine Montan AG Hermann Göring Linz« geändert. Der Standort Linz erfuhr dadurch eine enorme Aufwertung.

Die »Reichswerke Hermann Göring AG Berlin«, verfügten am Standort Linz über fünf unterschiedlich große Unternehmen: Die Hauptverwaltung der Reichswerke als Muttergesellschaft aller Standorte in Österreich, die Hütte Linz, die Eisenwerke Oberdonau als Rüstungsunternehmen und »Panzerschmiede«, die Stahlbau Linz als Engineering- und Montagebetrieb zum Bau der Werke sowie die Versorgungsbetriebe der Hütte Linz, welche die Belegschaften mit Lebensmitteln, Textilien und anderen Produkten versorgten. Die Eisenwerke Oberdonau unterhielten ab 1943 die größte Produktionsstätte zur Fertigung von Panzergehäusen und Panzertürmen für die Typen Panther und Panzer IV. Das Werk war Zulieferer für die sogenannten »Nibelungenwerke« in St. Valentin (Österreich), aber auch für MAN in Nürnberg und andere Betriebe der Panzermontage in Deutschland. Das wirtschaftliche Ergebnis der Eisenwerke, ebenso wie das der übrigen Betriebe der Linzer Reichswerke war höchst negativ. Der Aufbau der Werke verschlang mehr Stahl als bis Kriegsende überhaupt erzeugt werden konnte. Das Werk in Linz blieb ein Torso, Ende 1941 wurde ein Hochofen angeblasen, das Stahlwerk nur teilweise in Betrieb genommen und das Walzwerk fehlte gänzlich.

 

Hintergründe der Einrichtung des Zeitgeschichte MUSEUM

Die ersten ausländischen Arbeiter für den Werksbau trafen am 3. August 1938 in Linz ein. Bis Kriegsende waren rund 38 000 Männer, Frauen, Jugendliche, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge aus mehr als dreißig Nationen als Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter für den Bau der Hermann-Göring-Werke in Linz eingesetzt. Ihre Schicksale stehen in engem Kontext mit der städtebaulichen und ökonomischen Entwicklung der Stadt Linz. Die Spuren, die im öffentlichen Raum hinterlassen wurden, sind heute noch offensichtlich. Persönliche Schicksale, die hinter diesen Spuren stehen, der Zwangscharakter und das Ausmaß des Arbeitseinsatzes wurden hingegen lange Zeit verdrängt und sind im allgemeinen Bewusstsein nur wenig präsent. Den Menschen, ihren Schicksalen und Erinnerungen widmet sich das Zeitgeschichte MUSEUM der voestalpine in Linz. Die NS-Zwangsarbeit, von den Nationalsozialisten verharmlosend als »Arbeitseinsatz« bezeichnet, war ein durchdachtes System, das die Arbeitskraft von Millionen Menschen exzessiv und schonungslos ausnutzte.

Infolge einer Reihe von Sammelklagen, eingebracht von US-amerikanischen Anwälten im Namen ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, welche Entschädigungen für die in der NS-Zeit geleistete Zwangsarbeit forderten, wurden Ende der 1990er-Jahre in einem Hochbunker auf dem Werksgelände der voestalpine AG in Linz 38 000 NS-Personal- und Lohnunterlagen ausgehoben. Diese Akten dienten als die Grundlage für ein umfassendes Forschungsprojekt zur NS-Zwangsarbeit am Standort Linz. Der voestalpine-Konzern beauftragte 1998 ein Team von unabhängigen Wissenschaftlern diese Dokumente zu bearbeiten.

2001 wurde mit der Publikation »NS-Zwangsarbeit: Der Standort Linz der »Reichswerke Hermann Göring AG Berlin« 1938–1945«, der Endbericht zur Aufarbeitung dieses dunklen Kapitels der österreichischen Zeitgeschichte vorgelegt.1

Im Bestreben, einen dauerhaften Ort der Erinnerung, einen Lern- und Gedenkort für Schüler, Studenten, Wissenschaftler und die eigenen Mitarbeiter zu errichten, wurde im Oktober 2014 die »Zeitgeschichteausstellung 1938–1945« – gewidmet den NS-Zwangsarbeiterinnen und -Zwangsarbeitern am Standort Linz der »Reichswerke Hermann Göring AG Berlin« eröffnet. Das Zeitgeschichte MUSEUM der voestalpine zu etablieren, ist zuallererst ein dauerhaftes Zeichen des Respekts gegenüber dem Schicksal jener Tausenden Menschen, die in der NS-Zeit unter unvorstellbaren Bedingungen am Aufbau und Betrieb des Standortes Linz der »Reichswerke-Hermann-Göring AG Berlin« beteiligt waren.

Im Vorwort zum Ausstellungskatalog des Museums beschreibt Wolfgang Eder, geschäftsführendes Vorstandsmitglied der voestalpine AG, das Bekenntnis des Unternehmens zu diesem dunklen Kapitel der Geschichte: »Mit der uneingeschränkten und umfassenden Aufarbeitung des zweifellos schwärzesten Abschnitts unserer Geschichte haben wir um die Jahrtausendwende begonnen. Sich mit den Jahren des Nationalsozialismus von 1938 bis 1945 auseinanderzusetzen, in denen die Linzer Eisen- und Stahlindustrie – und damit der auch heute noch größte Einzelstandort unseres Konzerns – als Teil der Reichswerke Hermann Göring AG Berlin entstand, und diese Periode gleichzeitig als jene Zeit zu akzeptieren, in der unsere Unternehmensgeschichte begründet wurde, war zunächst über viele Jahre ein umstrittener Ansatz und für uns selbst letztlich auch ein schmerzhafter Erkenntnisprozess. Zur geschichtlichen Wahrheit gibt es jedoch keine Alternative. Die Geschichte endet nicht mit uns. Unser Auftrag ist es, sie an die nächsten Generationen weiterzugeben und vor allem dafür zu kämpfen, dass sich zumindest ihre traurigsten Kapitel nicht wiederholen. Nur wenn wir Lehren aus der Geschichte ziehen und entsprechend handeln, haben wir sie verstanden.«2

Die Forschungsergebnisse der Historikerkommission betreffen die Jahre 1938 bis 1945. Die Bestände des »Dokumentationszentrums der voestalpine AG« und fundierte Recherchearbeit in staatlichen und privaten Archiven bilden die Grundlage dieser Dauerausstellung. Seit der Verleihung des »Österreichischen Museumsgütesiegels« 2015 führt die Dauerausstellung den Titel »Zeitgeschichte MUSEUM« und ist integraler Bestandteil der voestalpine Stahlwelt GmbH.

In den Räumlichkeiten des Zeitgeschichte MUSEUM erwarten die Besucher vier chronologisch und thematisch aufeinander abgestimmte Ausstellungsbereiche. Vom Spatenstich der Linzer »Hermann-Göring-Werke« am 13. Mai 1938 bis zur Befreiung der Stadt durch die US-Armee und die Gründung der »Vereinigten Österreichischen Eisen- und Stahlwerke« (VÖEST) spannt sich der zeitliche Horizont, der mit Originaldokumenten, Film- und Bildmaterial sowie zahlreichen, auch hörbaren Erinnerungen ehemaliger Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter hinterlegt ist.

 

Bereich I – Nationalsozialismus und Linz

Am 12. März 1938 marschierte die deutsche Wehrmacht in Österreich ein. Auf persönlichen Wunsch Hitlers wurde die Entwicklung seines »Heimatgaues« Oberdonau (entspricht zum Großteil dem heutigen Oberösterreich) sowie der Stadt Linz vorangetrieben. Als eine der fünf »Führerstädte« sollten Kultur- und Prachtbauten das zukünftige Stadtbild prägen. Bereits am 13. Mai 1938 erfolgte der Spatenstich für eines der größten Industrieprojekte der Nationalsozialisten in der damaligen »Ostmark«. Für ein Eisen- und Stahlwerk dieser Größe kam in Linz nur ein Standort in Frage: St. Peter-Zizlau, eine weiträumige, agrarisch geprägte Siedlung im flachen Südosten der Stadt, unmittelbar an der Donau gelegen. Wiesen, Felder, Bauernhöfe, Ausflugsgasthäuser, eine Kirche, eine Schule und ein paar Gewerbebetriebe prägten den beschaulichen Ort. Rasch leiteten die Verantwortlichen der Hermann-Göring-Werke im April 1938 die Ablöseverhandlungen ein. Zur Umsiedlung wurden den Ortsansässigen Ersatzwohnungen in Aussicht gestellt, den Bauern wurden Grundstücke im Umland angeboten. Insgesamt wurden 4 500 Menschen ohne große Vorwarnung umgesiedelt.

Die Linzer Werke wurden von den NS-Verantwortlichen von Anfang an für ihre politische Propaganda genutzt. Schon der Spatenstich, von Hermann Göring persönlich durchgeführt, war ein gesellschaftliches Ereignis, das öffentlichkeitswirksam inszeniert wurde. Fortan waren die Werke beliebtes »Ausflugsziel« der NS-Eliten. Adolf Hitler und Hermann Göring inspizierten mehrmals die Bauarbeiten am Standort Linz. Die Bilder der NS-Propaganda vermittelten eingängige Botschaften: Aufschwung, Modernisierung, Arbeit und Wohlstand.

 

Bereich II – Zwangsarbeit und ihre Erscheinungsbilder

Ohne ausländische Arbeitskräfte, die zur Zwangsarbeit herangezogen wurden, hätten weder der Linzer Standort der HGW gebaut, geschweige denn die Rüstungsgüter erzeugt werden können. Die Linzer Hermann-Göring-Werke nahmen eine besondere Stellung in der NS-Beschäftigungspolitik ein. Im Vergleich zu anderen industriellen Zentren des Deutschen Reichs waren in Linz im Laufe des Zweiten Weltkriegs übermäßig viele Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter im Einsatz. In dem zweiten Ausstellungsbereich werden die allgemeinen Grundlagen der Zwangsarbeit im »III. Reich« dargestellt.

Nach Kriegsbeginn wurden die NS-Arbeitsämter zu Hauptakteuren bei der Organisation der Zwangsarbeit. So organisierten sie die Anwerbeaktionen in den besetzten Gebieten. Allerdings meldeten sich trotz der massiven Propaganda nur wenige Freiwillige für den Arbeitseinsatz im Deutschen Reich. Die Folge daraus waren Druck und Drohungen seitens der NS-Behörden sowie regelrechte Menschenjagden, ausgeführt von »Greifkommandos«, zusammengestellt aus Einheiten der Wehrmacht und der SS im Auftrag der Arbeitsämter, die sowohl Frauen und Jugendliche als auch fallweise sogar Kinder betrafen.

Jewdokia Rosdobudko, eine zum Zeitpunkt ihrer Deportation 16-jährige Ukrainerin berichtet: »Mit vorgehaltenem Maschinengewehr sind wir zum Dorfgebäude marschiert. Dort standen schon viele andere Jugendliche. Nicht einmal von unseren Eltern konnten wir uns verabschieden oder irgendetwas von zu Hause mitnehmen«.3

Sogenannte »Ostarbeiter«, Menschen aus den besetzten Gebieten des europäischen Teils der Sowjetunion, und Polen wurden oft ohne ausreichende Verpflegung und sanitäre Einrichtungen in geschlossen Güterwaggons ins Deutsche Reich verbracht. Die ehemaligen Zwangsarbeiterinnen berichten in Interviews, wie sie nach tagelanger Bahnfahrt in Durchgangslagern gynäkologisch untersucht wurden und nackt vor einer »Kommission« von Männern defilieren mussten. Ein Prozess, den Zeitzeuginnen als unglaublich entwürdigend beschreiben.

Von den Löhnen über die Verpflegung bis zur Freizeit wurde alles nach rassistischen Gesichtspunkten reglementiert. Für gleiche Arbeit bedeutete das schlechte und je nach Nationalität und Ethnie unterschiedliche Entlohnung und Verpflegung. Die Ungleichbehandlung der einzelnen Zwangsarbeitergruppen führte zu einer starken Entsolidarisierung.

Deutsche wurden von der NS-Propaganda zu »Herrenmenschen« stilisiert, woraus das Recht abgeleitet wurde, »niedrig stehende« Rassen zu diskriminieren. Zur Durchsetzung des Zwangssystems setzte man auf Repression und militärische Befehlsstrukturen. Unerlaubtes Fernbleiben und Arbeitsflucht wurden streng bestraft. Ähnlich verhielt es sich mit Störungen und Pannen in der Produktion, bei denen sofort der Verdacht der Sabotage im Raum stand. Je nach Schwere der Verfehlungen gab es unterschiedliche Maßnahmen von der Verwarnung über Geldbußen bis zur Einweisung in ein Arbeitserziehungslager (AEL) oder ein Konzentrationslager. Im Unterschied zu Konzentrationslagern war die Aufenthaltsdauer im AEL auf maximal acht Wochen beschränkt. Durch harte Arbeit, Gewaltanwendung und unzureichende Ernährung sollten die Häftlinge rasch »gebrochen« werden. Wer die Torturen der SS-Wachmannschaften überlebte, kehrte nach dem Lageraufenthalt an seinen Arbeitsplatz zurück. Im Linzer Stadtteil Schörgenhub entstand 1943 ein solches, von Geheimer Staatspolizei (Gestapo) und SS betriebenes Lager. Die Häftlinge kamen mehrheitlich aus den Linzer »Hermann-Göring-Werken«, wo ihnen »Arbeitsvertragsbruch« oder Sabotage zur Last gelegt wurde. In den Verlautbarungen des NS-Regimes wurde beispielsweise zu diesen Strafmaßnahmen folgendes vermerkt:

»Die Praxis hat gezeigt, dass die Anwendung der verschärften Haft bei Verfehlungen polnischer Zivilarbeiter eine gute Wirkung hat, sofern kein zu großer Arbeitsausfall damit verbunden ist.«4

Viele ehemalige Internierte bezeichneten die Arbeitserziehungslager als »KZs der Gestapo«, denn die SS-Wachmannschaften agierten mit brutaler Gewalt und Willkür. George (Jerzy) Slazak aus Lodz, als 15-jähriger zwangsverpflichtet zur Arbeit im Deutschen Reich und in den Hermann-Göring-Werken in Linz eingesetzt, überlebte das Arbeitserziehungslager nur knapp. In seiner Biografie beschreibt er das nahezu tägliche Sterben von Häftlingen an Erschöpfung und Entkräftung sowie die Tötung von Insassen durch die SS oder durch Kapos.

 

Bereich III – Das menschliche Schicksal

Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter

Seit Juni 1942 brachten die Transportzüge viele Männer aus den besetzten Gebieten der ehemaligen Sowjetunion nach Linz, ebenso eine steigende Zahl von jungen Frauen. Im August 1942 waren 1 662 Frauen und 956 Männern registriert. Sie kamen aus Russland, der Ukraine und aus Weißrussland, wurden in der NS-Terminologie »Ostarbeiterinnen« genannt und bildeten die zahlenstärkste Gruppe der im Deutschen Reich, auch im Gau Oberdonau, eingesetzten ausländischen Arbeitskräfte.

Linz fungierte als »Versuchsstätte« beim Umgang mit den Kindern der Ostarbeiterinnen und Polinnen. Weil die Frauen möglichst rasch wieder arbeiten sollten, wurden ihnen ihre Kinder vor dem Ende des Mutterschutzes weggenommen und in »fremdvölkischen Säuglingsheimen« untergebracht. Die Kinder litten an Unterernährung, Krankheiten und Infektionen.

Viele Säuglinge verstarben in den Säuglingsheimen – die, die überlebten, wurden nach Kriegsende von einheimischen Familien adoptiert. Bis heute wissen viele dieser »Heimkinder« nichts über das Schicksal ihrer leiblichen Eltern. Um die Arbeitskraft der Frauen zu erhalten, setzte das NS-Regime auch auf Abtreibungen. Schritt für Schritt wurden die Abtreibungsbestimmungen für Polinnen und Ostarbeiterinnen gelockert.4 Erlaubt waren Eingriffe bis zum 5., später bis zum 7. Monat der Schwangerschaft.

Im Mai 1943 kam es zu den ersten Schwangerschaftsabbrüchen in der Linzer Frauenklinik. Am Beispiel der Ostarbeiterin Raissa S., bei der innerhalb von zwei Jahren fünf Schwangerschaftsabbrüche vorgenommen wurden, wird deutlich, dass angesichts der komplexen Zwangssituation jede Spekulation um Freiwilligkeit verstummt. Die Regelungen für schwangere ausländische Arbeiterinnen und vor allem für ihre hier geborenen Kinder wurden erstmals im Gau Oberdonau erlassen und später im ganzen Reich angewendet.

Der sexuelle Kontakt zwischen Zwangsarbeiterinnen und -arbeitern sowie der einheimischen Bevölkerung sollte grundsätzlich unterbunden werden. Ein Mittel zur »Reinhaltung des deutschen Blutes« war die Einrichtung »fremdvölkischer« Bordelle. So eröffnete im März 1941 in Linz eines der ersten Bordelle, wo vor allem junge Frauen aus dem benachbarten »Protektorat Böhmen und Mähren« als Prostituierte arbeiten mussten. Inländischen Arbeitskräften war der Zutritt zu diesen Etablissements verboten. Die Organisation des Bordellsystems in Oberdonau galt reichsweit als vorbildlich.

 

Kriegsgefangene

Im Mai 1944 verzeichnete das Gau-Arbeitsamt Oberdonau 30 225 in der Wirtschaft eingesetzte Kriegsgefangene. Ihr Haupteinsatzgebiet waren die Landwirtschaft und die Bauindustrie. Facharbeiter unter Ihnen arbeiteten aber vor allem in der Rüstungsindustrie. Die größte Gruppe bildeten in den Hermann-Göring-Werken die französischen vor den sowjetischen Kriegsgefangenen. Die genaue Zahl der in den Linzer Werken eingesetzten Kriegsgefangenen konnte aufgrund fehlender Unterlagen nicht eruiert werden.5

Kriegsgefangene wurden nicht in ein Arbeitsverhältnis übernommen. In das Arbeitsverhältnis mit den Unternehmen trat das jeweilige Stammlager, welches auch den Lohn erhielt und nach Abzug aller Kosten ein sogenanntes »Lagergeld« an die Kriegsgefangenen zahlte. Die Unternehmen mussten weder Kranken- noch Rentenversicherung bezahlen, da die Kriegsgefangenen bei Krankheit entweder im Stammlager oder in einem Lazarett behandelt wurden. Kriegsgefangene waren gegenüber Zivilarbeitern, auch wenn es sich um Zwangsarbeiter handelte, benachteiligt.

 

Polen und Ostarbeiter

Polen und Ostarbeiter galten als »rassisch minderwertig« und standen in der Hierarchie unter den westeuropäischen Zwangsarbeitern. Durch die 1940 eingeführten »Polen-Erlasse« wurde ein Regelwerk für den Arbeitseinsatz von polnischen Zivilarbeitern und Kriegsgefangenen und das Verhalten der Bevölkerung gegenüber Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern geschaffen. Die Gestaltung des Arbeitsalltags war infolgedessen von Regelungen und Sanktionen geprägt, die von den Arbeitgebern unterschiedlich ausgelegt und verändert werden konnten. Nach diesem Vorbild wurden auch die »Ostarbeiter-Erlasse« beschlossen, welche noch strenger formuliert waren und ebenso einen Einschnitt in den Alltag jener Menschen bedeutete.

KZ-Häftlinge

Auf dem Werksgelände der Hermann-Göring-Werke in Linz befanden sich zwei Außenlager des Konzentrationslagers Mauthausen. Während das Lager Linz I, bestehend aus drei gemauerten Häftlingsunterkünften, als vergleichsweise »gute« Unterkunft galt, bestand das KZ-Außenlager Linz III aus alten Holzbaracken im Überschwemmungsgebiet des Flusses Traun. Ungezieferplagen, Terror der Wachmannschaften und völlig unzureichende Ernährung führten zu unzähligen Todesfällen. KZ-Häftlingen war bei Bombenangriffen der Zugang zu Luftschutzräumen verwehrt, sodass bei einem Luftangriff am 25. Juli 1944 140 Häftlinge ums Leben kamen. Auch die gefährlichen Aufräumarbeiten sowie die Entschärfung von »Blindgängern« wurden von KZ-Häftlingen geleistet.

»Viele Häftlinge aber auch viele SS-Wachmannschaften kamen bei diesem Angriff ums Leben. Ich höre das heute noch, wie die unter der Verpölzung eingeklemmten Kameraden jämmerlich um Hilfe schreien. Im Splittergraben lagen abgerissene Hände und Füße, hervorquellende Gedärme, zerquetschte Körper.«6

 

Jugendliche

Der steigende Arbeitskräftemangel führte ab Sommer 1941 zu Zwangsrekrutierungen von Kindern und Jugendlichen, vor allem von Minderjährigen aus Polen und den Gebieten der damaligen Sowjetunion. Die Deportationen bedeuteten das Ende der Kindheit. Harte Arbeit, Misshandlungen, schlechte Ernährung und Heimweh führten zu zahlreichen Fluchtversuchen von Jugendlichen, welche mit der Einweisung in das Arbeitserziehungslager bestraft wurden.

Die Hermann-Göring-Werke in Linz hielten den Arbeitszeit-Rekord im Deutschen Reich. Teilweise lag die tägliche Arbeitszeit bei bis zu 16 Stunden. Bei vielen Jugendlichen führte die Kombination aus extremer körperlicher Anstrengung und Mangelernährung zu deutlichen Entwicklungsstörungen.

 

Bereich – IV Zerstörung und Wiederaufbau

Mit der alliierten Landung auf Sizilien am 10. Juli 1943 lagen die »Alpen- und Donaureichsgaue« im Einsatzradius der amerikanischen und britischen Bomberverbände. Zwischen Juli 1944 und April 1945 flogen alliierte Verbände 22 Luftangriffe auf Linz – Hauptangriffsziel war dabei das Gelände der Hermann-Göring-Werke. In den unvollständigen Aufzeichnungen der HGW wurden insgesamt 222 Todesopfer vermerkt – davon 114 Ausländer, 65 Menschen unbekannter Nationalität sowie 43 Inländer. Keine Erwähnung fanden tote KZ-Häftlinge.

Am 19. März 1945 gab Adolf Hitler den Befehl für »Zerstörungsmaßnahmen im Reichsgebiet«, den sogenannten »Nero-Befehl«. Zwar konnte in Linz die geplante Sprengung des Werkes verhindert werden, allerdings hatten die Bombenangriffe beträchtliche Schäden an den HGW verursacht. Dennoch waren wichtige Teile der Anlagen beinahe unversehrt geblieben.

Anfang Mai 1945 arbeiteten in den Hermann-Göring-Werken rund 20 000 Menschen, davon etwa zwei Drittel Ausländer. Dazu kamen noch mehrere tausend Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge. In den folgenden Monaten berichteten Zeitungen über zahlreiche, während der NS-Zeit begangene Verbrechen – dem Schicksal der Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter wurde hingegen keine Aufmerksamkeit zuteil. Für viele, insbesondere für ehemalige »Ostarbeiter«, war der Leidensweg nicht zu Ende. In ihrer Heimat warf man ihnen Kollaboration vor, nach Verhören in »Filtrierlagern« deportierte man die Rückkehrer in Arbeitslager, andere lebten als »Ausgestoßene« am Rande der Gesellschaft. Einige litten bis ins hohe Alter an den Folgen ihres NS-Arbeitseinsatzes. »Wir gingen in Gruppen auf Nahrungssuche. Von den Amerikanern bekamen wir überhaupt nichts zu essen. Weil wir fast alle Russen waren, baten wir sie dann, uns in die russische Besatzungszone zu schicken.«7

 

Christa Kochendörfer ist seit 2015 als Koordinatorin im Zeitgeschichte MUSEUM der voestalpine zuständig für externe Kommunikation und Kooperationen.

 

Zeitgeschichte MUSEUM

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1    Oliver Rathkolb (Hg.), Autoren: Karl Fallend, Christian Gonsa, Gabriella Hauch, Michael John, Josef Moser, Bertrand Perz, Michaela C. Schober: NS-Zwangsarbeit: Der Standort Linz der ›Reichswerke Hermann Göring AG Berlin‹ 1938–1945, 2 Bde., Linz 2001. Diese Publikation ist Grundlage der im Folgenden beschriebenen historischen Ereignisse.

2    Katalog »Zeitgeschichte MUSEUM«, Hg. voestalpine AG, Linz 2014, S. 1

3    Brief A. Rosdobudko im Namen von Jewdokija Rosdobudko an Karl Fallend, Übersetzung aus dem Russischen Natascha Bodnar, Dokumentationszentrum der voestalpine AG

4    Staatsarchiv Sigmaringen, Erlasse, Geheime Staatspolizei, IIE-3664/41, Stuttgart, 8. August 1941

5    Rathkolb, Oliver, et al. (Hg.): NS-Zwangsarbeit. Der Standort Linz der »Reichswerke Hermann Göring AG Berlin« 1938–1945, Böhlau Verlag, Wien, Köln, Weimar 2001, S. 337

6    Ottokar, Merinsky, Erinnerungsbericht BMI Archiv Mauthausen. AMM V3/41-1962.

7    Boris Trofimenko, ehemaliger Häftling des KZ Linz III in einem Brief an den Sozialpsychologen Karl Fallend 1999, Übersetzung aus dem Russischen von Vitali Bodnar.