»De Bunker«
Gedenkstättenrundbrief 153 S. 34-35Eine interaktive Ausstellung für Jugendliche über niederländische Handlungsdilemmata während der deutschen Besatzung
Ein dunkles Zimmer, die Tür nach draußen ist verschlossen, allein durch ein Milchglasfenster fällt Licht. Eine Situation, die das Gefühl der Ohnmacht und des Eingesperrtseins hervorruft. Das Fenster ist zugleich eine Projektionsfläche für das folgende: Wir hören Stimmen, Befehle in deutscher Sprache, Schreie, sehen schemenhafte Umrisse eines schlagenden Uniformträgers und seines Opfers, das die Hände zum Schutz hochhält – eine Razzia gegen Juden. Ein Schatten kommt näher, ein Mann schleicht am Fenster vorbei und klopft an die Tür. Er flüstert erregt, dass er der uns bekannte Nachbarsjunge Simon sei und bittet inständig, hereingelassen zu werden. Eine Erzählstimme meldet sich aus dem Off, faßt das Erlebte zusammen und stellt uns vor eine Aufgabe. Werden wir die Tür öffnen? »Wat zou jij doen?« – Was würdest DU tun? – lautet der Titel einer Karteikarte, die wir am Eingang erhalten haben. Dort können wir auf eigenen Feldern »Ja« oder »Nein« als Antwort durch einen entsprechenden Kartenabriss markieren.
Dieser Raum ist der erste von drei Ausstellungsräumen der von dem Den Haager Geschichtsbüro Anno konzipierten Wanderausstellung »De Bunker«, zu der noch eigene Eingangs- und Ausgangsbereiche gehören. In ihnen werden Teile der Handungsdilemmata der nicht-jüdischen niederländischen Bevölkerung während der deutschen Besatzung thematisiert. Die anderen beiden, ebenfalls für Gruppenbesuche ausgelegten Räume stellen die Besucher in eigenen Inszenierungen vor die Wahl, sich auf Bitten der jüdischen Freundin Saartje gegen den gemeinsam Freund Harry zu entscheiden, weil er der Sohn eines niederländischen Nazis ist. Und man wird vor die Frage gestellt, ob man der Bitte der Lebensgefährtin entspricht, aus dem Untergrund aufzutauchen und sich für den Arbeitsdienst zu melden, um so die eigene Familie zu schützen.
Im Ausgangsbereich kann man an drei PC-Stationen jeweils eine Auswertung der eigenen Antworten erhalten. Gezeigt werden dabei auch die Konsequenzen, die die Entscheidungen im Hinblick auf das in den Räumen dargestellte historische Beispiel gehabt hätten und was sich bei den dargestellten Lebensgeschichten tatsächlich ereignete. Außerdem erfährt man, wie die anderen Ausstellungsbesucherinnen und -besucher abgestimmt haben und wie das Verhalten der niederländischen Mehrheitsbevölkerung während der NS-Zeit war.
Schließlich befindet sich im Ausstellungsbereich noch eine Schubladenwand. In verschiedenen Schubladen werden weitere Einzelbiografien »einfacher« Holländerinnen und Holländer vorgestellt. Da die Biografien aus der näheren Umgebung des jeweiligen Ausstellungsstandorts stammen und auch Angaben zum Wohnort der Biografierten enthalten, kann die Recherche zur Geschichte vor Ort fortgesetzt werden. In Amsterdam z.B. im an die Oper angrenzenden jüdischen Viertel. Weitere Entscheidungsfragen, Informationen und Materialien werden auf einer eigenen Website bereitgestellt.
Das mit Unterstützung des niederländischen Ministeriums für Gesundheit, Wohlfahrt und Sport (VWS), der »Mondriaan Stichting« und des »Nationaal Fonds voor Vrijheid en Veteranenzoog« entwickelte Ausstellungsprojekt wurde speziell für niederländische Schülergruppen konzipiert und bereits in Arnhem, Rotterdam und Breda gezeigt.
Die Wanderausstellung »De Bunker» ist ein inhaltlich wie technisch sehr gelungenes Beispiel für eine auf Schülerinnen und Schüler zugeschnittene pädagogische Arbeit über den Alltag in den von Nazi-Deutschland besetzten Niederlanden. Auch in didaktisch-technischer Hinsicht überzeugt die Ausstellung, weil die dargebotenen Inhalte methodisch mit einem zielgruppenorientierten Einsatz multimedialer Inszenierung in einem bewältigbaren und in den Alltag integrierbaren Umfang vermittelt werden.
Auf Deutschland ließe sich dieses Konzept allerdings wohl kaum Eins zu Eins über-tragen. Auch wenn die in der Ausstellung aufgeworfenen moralischen Fragen – etwa im Hinblick auf Empathie und die Solidarität mit verfolgten Juden und Jüdinnen – zum Teil universeller Natur sind, so ist sie doch eher ein Modell für Gesellschaften in von Nazi-Deutschland besetzten europäischen Ländern und deren Handlungsdilemmata in der NS-Zeit, auch wenn im Hinblick auf den Grad der Kollaboration deutliche Unterschiede zu machen sind.
Für die Mehrheitsgesellschaft in Deutsch-land stehen jedoch weniger Fragen zur Opfer-perspektive sondern vielmehr zur immer noch unzureichend beleuchteten Perspektive von Zuschauern, Mitläufern und Tätern im Vordergrund. In einer deutschen Version könnte beispielsweise gezeigt werden, wie einfach es ist, unmoralisch zu werden, gerade auch dann, wenn man im Namen einer vermeintlich höheren Moral oder übergeordneten Interessen handelt. In Wirklichkeit sind Entscheidungen jedoch häufig ambivalent und müssen oft durch Abwägungen getroffen werden. Der Rede von den einfachen Lösungen und der vermeintlichen Eindeutig- und Unausweichbarkeit ist grundsätzlich zu misstrauen. Für die Entwicklung einer humanen, freien und demokratischen Gesellschaft muß es vielmehr darum gehen, eine möglichst individuelle, moralische Urteilskraft zu stärken.
Informationen zur Wanderausstellung »De Bunker«
Eintritt kostenfrei, bis Mai 2010 in Middelburg
nur in niederländischer Sprache
Thomas Irmer verfasst zur Zeit seine Doktorarbeit zur Geschichte des Zwangsarbeitereinsatzes bei dem Elektrokonzern AEG/Telefunken. Er ist Vorsitzender des Fördervereins für ein Dokumentations- und Begegnungszentrum zur NS-Zwangsarbeit in Berlin-Schöneweide und hat an mehreren Recherche- und Ausstellungsprojekten zur NS-Verfolgungsgeschichte mitgewirkt.


