Denkmalsdebatten
Gedenkstättenrundbrief 158 S. 35-38Ein Rückblick auf 2010
Ein »Bürgerfest« am Stelenfeld?
Dass am Stelenfeld, dieser Anmutung eines jüdischen Friedhofs, aus Anlass des fünfjährigen Bestehens ein »Bürgerfest« stattfand, was immer man sich darunter auch vorzustellen hat, zeigt allerdings, wie weit sich das Unternehmen inzwischen von seiner ursprünglichen Intention abgekoppelt und verselbstständigt hat. Mit seiner ansprechenden und ästhetisch gelungenen Gestaltung ist das Mahnmal heute tatsächlich ein Ort »wo man gerne hingeht« (Gerhard Schröder). Und das ist auch kein Wunder. Von allen denkbaren Formen des Gedenkens ist diese hier die unverbindlichste und bequemste. Eine Ausstellung im provisorischen Pavillon dokumentierte die Vorgeschichte des Mahnmals und die damaligen Debatten pro und contra. An den Positionen und Argumenten der Anhänger wie der Kritiker hat sich seit damals nichts geändert. Der Einwand, dass die Widmung objektiv auf eine Hierarchisierung der Opfer hinauslaufe, bleibt bis heute bestehen. Dass die Initiatoren eine subjektive Absicht dieser Art entschieden leugnen, hilft da auch nicht weiter.
In der Mai-Ausgabe der Zeitschrift Cicero hat nun der ungarische Dichter Peter Nadas unter dem Titel »Nicht für mich« seine Einwände gegen die Begrenzung auf eine Opfergruppe noch einmal zusammengefasst und nennt alle, die hier vergessen oder vielmehr vom Gedenken ausgeschlossen wurden. Was ist, fragt er in einer langen Aufzählung unter anderem, mit den deutschen Kommunisten und Sozialdemokraten, den Geisteskranken und Fahnenflüchtigen, die ermordet wurden, den Millionen zu Tode gehungerten russischen Kriegsgefangenen und den erschossenen russischen Bauern, was mit den Opfern des Widerstandes und der Partisanenkriege aller Nationen Europas? Wer errichtet ihnen mitten in Berlin Denkmäler?
Die normative Kraft des Faktischen, wie die Juristen das nennen, folgt einer anderen Logik. Györgi Konrad, Landsmann und Kollege von Peter Nadas, hat auf einem Symposion in der Akademie der Künste nüchtern Bilanz gezogen und konstatiert: »Die Gedenkstätte ist nun da, daran lässt sich nun auch nichts mehr ändern, auch nichts verbessern, zurücknehmen, vielleicht kann sie nicht einmal abgerissen oder mit Kanonen in Grund und Boden geschossen werden. Sie ist vorhanden wie eine historische Tatsache.« Nur eine Umwidmung des Platzes für ausnahmslos alle Opfer des Regimes, wenn bessere Einsicht sie eines Tages zwingend fände, bleibt theoretisch denkbar. Wahrscheinlich ist sie nicht.
Ein Copyright auf Schuhe?
Der Aktionskünstler Philipp Ruch vom »Zentrum für politische Schönheit«, unterstützt von den »Müttern von Srebrenica« und der bosnischen Regierung, plant, in Potočari nahe Srebrenica ein großes Mahnmal zu errichten, das dauerhaft an die über 8 000 ermordeten bosnischen Männer und Jugendlichen und an die Schande des Versagens der UNO erinnern soll. Am 16. Juli, dem historischen Jahrestag dieses größten Massakers in Europa seit Ende des Zweiten Weltkrieges, zeigte Ruch am Brandenburger Tor einen fünf Meter hohen Berg Schuhe, der nach einer weiteren Station in Den Haag Teil des geplanten Mahnmals werden wird.
Kein Zweifel, das Projekt knüpft ganz bewusst an die Ikonografie von Auschwitz und Majdanek an. Prompt meldeten sich die Bedenkenträger zu Wort. Alan Grabovac, Autor der Wochenzeitung »Der Freitag« schrieb, das sei »eine historisch-assoziative Verbindung, die vielen problematisch erscheinen dürfte, da mit solch einer Bildsprache die furchtbare Einmaligkeit des Holocausts relativiert wird.« Und Cilly Kugelmann, die stellvertretende Leiterin des Jüdischen Museums Berlin, erklärte dem Tagesspiegel auf Befragen, dass die Metapher des Schuhbergs in der öffentlichen Wahrnehmung besetzt sei, und warf dem Künstler vor, gezielt »Transfer-Emotionen« zwischen Srebrenica und Auschwitz schaffen zu wollen. »Die Schuhe stehen für die Vernichtungspolitik der Nazis und nicht für Massaker in der Folge von Kriegshandlungen.«
Lassen wir einmal beiseite, dass nach dieser Logik auch die Massenexekutionen der jüdischen Bevölkerung in den von der Wehrmacht eroberten Regionen der Sowjetunion als »Folge von Kriegshandlungen« ausgegeben werden könnten, wie es in den Berichten der Einsatzgruppen zur Tarnung auch tatsächlich geschah.
Die eigentliche Frage lautet: Können wir im Ernst ein Monopol auf die Ikonografie der Schuhe postulieren? Wie will man verhindern, dass von Phnom Penh bis Kigali und Darfur andere auf die gleiche Idee kommen? Übrigens sind die »Sechs Millionen« als Begriff und Zahl genauso an den Holocaust gebunden, wie die Schuhberge. Sollte man deshalb nicht mehr sagen dürfen, dass laut Statistik der UNO auf der Welt Jahr für Jahr über sechs Millionen Kinder an Hunger und Seuchen sterben? Stellt das die Einmaligkeit des Völkermords an den Juden Europas in Frage? Kurzum, was die Kritikerin als Makel betrachtet, erscheint mir als Tugend: ein Denkanstoß, der die Analogie der Vorgänge ebenso klar sichtbar macht, wie die zwischen ihnen unleugbar bestehende Differenz. Ein Gedenken, das folgenlos bleibt, weil auf die Vergangenheit fixiert, taugt wenig. Es kann leicht zur bequemen Ausrede geraten, sich aus den Konflikten und Kämpfen der Gegenwart herauszuhalten. Es heißt nicht, Auschwitz und alles, was für diesen Namen steht, zu relativieren, sondern ganz im Gegenteil, ernst zu nehmen, wenn man unsere Verantwortung für das anmahnt, was heute geschieht. Man kann nur warnen vor einer Mentalität, die es folgenden Generationen zumutet, eines Tages den Opfern unserer jetzigen Gleichgültigkeit erneut Denkmäler zu errichten und abermals auf Symposien die Frage zu erörtern, wie es denn dazu kommen konnte.
Apropos Zyklon B
Am 11. Juli veröffentlichte die Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung einen Aufsatz von David Gelernter, Gast der American Academy, der seine Eindrücke vom heutigen Berlin schildert und die Defizite aufzählt, die hier seiner Ansicht nach bestehen. So findet er es z.B. beunruhigend und befremdlich, dass er unter den Bauwerken, die in den letzten Jahren entstanden sind, nicht eine einzige neue Kirche finden konnte:
Diese Abwesenheit hat etwas Erschreckendes. Sie scheint zu verkünden, dass die Schlacht geschlagen ist, scheint den Triumph der Nazikampagne, Gott zu töten, indem man die Juden tötet, zu feiern und somit einem neuen heidnischen Deutschland den Weg zu ebnen, das gerade jetzt heranwächst.
Lässt sich diese etwas waghalsige Interpretation noch als skurril und abwegig vernachlässigen, so erfordert eine andere Bemerkung des Autors sehr energischer Protest und Widerspruch. Da heißt es:
Als ich mir das Brandenburger Tor ausmalte, bevor ich es sah, konnte ich nicht anders, als mir ein Ehrenmal unter dem zentralen Torbogen vorzustellen, das dem Leid der Deutschen unter dem Kommunismus gewidmet wäre – eine Figur aus grauem Marmor, stacheldrahtumwickelt – ein Mahnmal für die auseinandergerissenen Familien und für ein ganzes auseinandergerissenes Volk, für die Häftlinge des unerbittlichen marxistischen Gefängnisstaates, für die Opfer der Vergewaltigungen, Morde und Schlächtereien, die sich abspielten, als sich die Rote Armee wie eine Blausäurewolke über Ostdeutschland wälzte.
Statt diesen Text Wort für Wort auseinanderzunehmen, beschränken wir uns auf die Schlussformel, die sämtliche vorherigen Anschuldigungen auf den Begriff bringt. Ihre Botschaft lautet: Die Befreier von Majdanek und Auschwitz haben die von ihnen 1945 eroberten deutschen Provinzen in eine einzige riesige Gaskammer verwandelt.
Mit dieser monströsen Metapher werden alle Dimensionen vermischt und alle Relationen aufgehoben. Das ist mehr als nur eine unverzeihliche Blasphemie, es ist eine Infamie ohne Beispiel. Eine solche Behauptung stellt nicht nur eine nicht hinnehmbare Verharmlosung der im Dritten Reich betriebenen Ermordung von zwei Dritteln der europäischen Judenheit dar. Sie ist gleichzeitig eine unerträgliche Verhöhnung der Toten: der in den Gaskammern ermordeten Opfer, aber ebenso der Hunderttausenden von Soldaten der sowjetischen Streitkräfte, die allein in den letzten Kriegsmonaten bei der Niederringung des NS-Regimes noch gefallen sind.
In seiner Eröffnungsrede zu der von der Stiftung Topographie des Terrors besorgten Ausstellung »Der Krieg gegen die Sowjetunion« anlässlich des 50. Jahrestages hat Berlins damals Regierender Bürgermeister Eberhard Diepgen den Kausalzusammenhang der Ereignisse benannt und den richtigen Maßstab gesetzt, als er feststellte: »Wir haben Sturm gesät und Wind geerntet.« David Gelernter sieht das offenbar umgekehrt.
Wie man hört, ist der Autor eine international anerkannte Kapazität auf dem Feld der Computerwissenschaft. Aber hochgetriebenes Spezialistentum basiert, wie man weiß, auf einer ganz partiellen Intelligenz, die außerhalb des eigenen Feldes oft versagt. Gelernters Fall liegt schlimmer: hier hat ein verspäteter Antikommunismus offenbar Blockaden der Wahrnehmung von Fakten und des eigenen Denk- und Urteilsvermögens bewirkt.
Noch erstaunlicher als die Veröffentlichung eines solchen Textes, die allein schon einen Skandal hätte auslösen müssen, ist das Ausbleiben jeder Reaktion, wenn man von einem protestierenden Leserbrief absieht. Diesmal scheint die Leitung des Jüdischen Museums nichts gestört zu haben. Auch der Zentralrat der Juden in Deutschland, der sich häufig und zu allen möglichen Themen zu Wort meldet, hat es nicht für notwendig gehalten, zu protestieren. Wie soll man sich das erklären? Hätte der Autor nicht eine Strafanzeige wegen Verharmlosung von NS-Verbrechen und Missachtung des Andenkens Verstorbender redlich verdient? Sollen wir annehmen, dass man dem Aberwitz seiner Ausführungen nur deshalb nicht widersprach, um ihm nicht unnötig öffentliche Aufmerksamkeit zu verschaffen? Oder gab es irgendeinen anderen vertretbaren Grund für diese ungewöhnliche Zurückhaltung? Das wüsste man gern.
Ermordete ohne Lobby
Die Debatten über Gedenktage und Denkmäler werden auch 2011 nicht aufhören. Der 70. Jahrestag des deutschen Überfalls auf die Sowjetunion wird unvermeidlich erneut die Frage aufwerfen, warum bei der Aufteilung des Gedenkens, die durch den Verzicht auf ein Mahnmal für alle Opfer des NS-Terrors unvermeidlich geworden ist, die mit Abstand größte Opfergruppe nach wie vor hartnäckig übersehen wird und keine Lobby findet. Der Tod von über 25 Millionen Bürgern der UdSSR, von denen nur der kleinere Teil an der Front oder als Folge von Kriegshandlungen starb, wird bis heute ignoriert, obwohl dieser Tod demselben Rassismus geschuldet ist, der zur Shoa führte.
Auch die Auseinandersetzung mit den verschiedenen Fraktionen der Rechten, die seit Jahren versuchen – in stalinistischer Manier, nur unter umgekehrten Vorzeichen – Geschichte umzuschreiben und historische Fakten durch ideologisch bestimmte Deutungen zu ersetzen, wird weitergehen. Die einen wollen Stalin zum Hauptverantwortlichen für die Auslösung des Zweiten Weltkrieges erklären (und das heißt, die Entlastung Hitlers betreiben). Andere werden erneut die Legende vom deutschen Präventivschlag verbreiten, der einem angeblich unmittelbar drohenden Angriff der Sowjetunion auf Deutschland nur zuvorkam. Und die ganz Unverschämten werden darauf bestehen, dass Hitlers Eroberungs- und Vernichtungskrieg als Verteidigung des christlichen Abendlandes zu gelten habe.
Leider hat das Europäische Parlament mit seinem Beschluss, den 23. August statt den 1. September zum Gedenktag auszurufen, der inzwischen auch in Deutschland Anhänger findet, das politisch definitiv falsche Signal gegeben und eine Tür aufgestoßen, die sich so leicht nicht wieder schließen lassen wird.
Gerhard Schoenberner war Gründungsdirektor der Gedenk- und Bildungsstätte »Haus der Wannsee-Konferenz« und wissenschaftlicher Berater der Stiftung Topographie des Terrors. Seit 1960 ist das Thema seiner Bücher, Ausstellungen und Filme die Aufarbeitung der NS-Vergangenheit.


