Denkorte in Verden
Gedenkstättenrundbrief 152 S. 32-39Überlegungen zur Erinnerungskultur und Demokratiebildung
Am 12. November 2009 stimmte der Kulturausschuss der Stadt Verden an der Aller mit einer Gegenstimme durch die Vorsitzende für ein Konzept zur Kenntlichmachung von Orten der Verfolgung und Orten der Täter im Nationalsozialismus. Ein Brandanschlag in der Nacht vom 26. auf den 27. Januar 2007 auf einen Eisenbahnwaggon mit einer Ausstellung über die Zwangsarbeit in der NS-Zeit auf dem Gelände der Berufsbildenden Schulen am Stadtrand hatte breite Empörung ausgelöst1 und die Diskussion ins Rollen gebracht.
Im Landkreis selbst existiert seit Jahren ein Netzwerk »Erinnerungskultur und Demokratiebildung« aus Lehrern, Erwachsenenpädagogen und Jugendarbeitern, Vertretern der ev. Jugendarbeit, der Bündnisse gegen Rechtsextremismus und Lokalhistorikern, die die Geschichte der authentischen Orte von Widerstand und Verfolgung sowie der Lager mit Jugendgruppen und Schulklassen aufarbeiten. In diesem Kreis wurde mit finanzieller Unterstützung des »Weser-Aller-Bündnis: Engagiert für Demokratie und Zivilcourage« (WABE) und des Bundesfamilienministeriums ein Konzept erarbeitet, dass die unterschiedlichen authentischen Orte der NS-Verbrechen und ihrer Folgen in der Stadt Verden zusammengefasst, um sie als öffentliche Orte, als Denkorte, erkennbar zu machen und vertiefende Informationen für Projektarbeit, vor allem mit Jugendlichen, zu bieten. Diese außerschulischen Lernorte zu Nationalsozialismus, Demokratiebildung und Menschenrechten richten sich sowohl an Anwohner und als auch auswärtige Besucher. Die dargebotenen Informationen dort ergänzen die Geschichten aus dem familiären Umfeld und bieten eine gute Grundlage für verbesserte Stadtführungen2.
Zur Kennzeichnung der Orte sind Informationsstelen vorgesehen, die sich durch ihre einheitliche Gestaltung und ihr Design von anderen Tafeln im öffentlichen Raum unterscheiden.3 Jeder Ort bedarf einer kurzen Kontextualisierung, wobei klar herausgestellt werden muss, dass keine Einzelquelle (Dokument, Zeitzeugenbericht, Foto etc.) eine feststehende Wahrheit bedeutet, dass Kontroversen und unterschiedliche Sichtweisen von Sachverhalten/Ereignissen und Quellen die Multiperspektivität einer demokratisch verfassten Gesellschaft ausmachen.4
65 Jahre nach dem Ende der NS-Herrschaft verläuft der Prozess der Auseinandersetzung um die Form der Dokumentation der NS-Verbrechen nicht widerspruchfrei. Natürlich äußern sich auch in Verden Vertreter einer »Schlussstrichmentalität« (» Verdener Leserbriefschreiber im November/Dezember 2007: »Belasten Sie nicht die jungen Menschen mit der Vergangenheit5«. Authentische Orte, die es überall im Deutschen Reich und den ehemals besetzten Gebieten gibt, sollen unsichtbar bleiben oder wieder unsichtbar (gemacht) werden. Sie stellen sich – bewusst oder unbewusst – gegen die seit dem 19. Jahrhundert wechselnden »Epochen des Gedenkens« über die Vergangenheit, denn niemand stellt Denkmäler zu anderen Zwecken in Frage. Sie widersetzen sich lediglich der Verarbeitung der NS-Verbrechen, die im Zentrum der heutigen Epoche der Gedenkkultur stehen.6
Verden im Nationalsozialismus
Stadt und Landkreis Verden waren 1933–1945 »ganz normal«: Die kleine Außenstelle der Staatspolizeistelle Bremen verfolgte politischen Gegner, auch Menschen, die zu Gegnern erklärt oder von Nachbarn denunziert wurden. Die Kripo verfolgte vor Ort die »Berufsverbrecher«, die »Zigeuner«, die »Asozialen«, die Staatenlosen, die Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen, was für viele von ihnen KZ und Tod bedeutete. Die Gerichte sprachen Recht auf der Basis von NS-Verordnungen und neuen Gesetzen. Juden waren von der Rassenpolitik betroffen. Sie wurden mit den Nürnberger Gesetzen 1935 ausgegrenzt und ihre Geschäfte wurden zerstört. Wenn sie nicht emigrierten, kamen sie in Konzentrations- und Vernichtungslager. Im Verlaufe des Krieges profitierten Betriebe, Landwirtschaft und Haushalte vom Einsatz von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen, in den letzten Kriegsmonaten befanden sich sogar zwei Außenlager des KZ-Komplexes Neuengamme im Landkreis.
Verden weist darüber hinaus eine Besonderheit auf: In Dauelsen befand sich eines der Mythenprojekte von Reichsführer-SS und Chef der deutschen Polizei Himmler: der Sachsenhain. 1934–1936 als SS-Kultstätte – vom Reichsarbeitsdienst und örtlichen Baufirmen unter Mithilfe lokaler Handwerksbetriebe – errichtet, verlor er bald wieder an Bedeutung. Getragen wurde der Sachsenhain von der SS und der Forschungsgemeinschaft Deutsches Ahnenerbe e.V., eine 1936 gegründete pseudowissenschaftliche »Forschungseinrichtung«, die die Rassentheorie von der Überlegenheit der nordischen Rasse durch archäologische, anthropologische und historische Forschungen untermauern sollte.7 1934–36 statteten Höhere SS-Führer Besuche ab, die später Karriere im KZ- und Vernichtungssystem machten.8 Der Sachsenhain und die heutige Präsenz von Neonazis im Landkreis machen Verden und seine Umgebung zu einem besonders sensiblen Ort der Erinnerungskultur im lokalen und regionalen Politikfeld. Eine einheitliche Sichtbarmachung und organisierte Betreuung von Orten der Opfer und der Täter mit Informationstafeln soll die Einwohner und Gäste auch im Vorbeigehen aufmerksam machen, wenn sie es wollen, und so ein Zeichen gegen die Neonazis setzen.
Gedenken – Denkanstösse in die Zukunft
Denkmäler gibt es heute überall. Kriegerdenkmäler9 wurden manchmal auch direkt in Kirchen platziert, um der Kriegstoten aus den jeweiligen Orten zu gedenken. Auf Familiengräbern finden sich Namen und Lebensdaten von Gefallenen unabhängig davon, ob sie am Ort ihres Todes ein Grab gefunden haben oder nicht. Es entspricht ganz offensichtlich dem Bedürfnis der Überlebenden und Angehörigen der Gefallenen, ihnen einen Ort der Erinnerung zu geben.10 Neben den drei Kriegerdenkmälern (1870/71er Krieg, Erster und Zweiter Weltkrieg) sind in Verden Erinnerungszeichen an Opfergruppen der NS-Zeit entstanden: Hierzu zählen die Zwangsarbeitergräber auf dem Domfriedhof, die Verzeichnung der in Theresienstadt verstorbenen deportierten Jüdin Bertha Lehmann auf dem Familiengrabstein auf dem Jüdischen Friedhof und das »Mahnmal für die jüdischen Opfer in Verden aus der Zeit der NS-Gewaltherrschaft«, die die Namen von Opfern bewahren.
Konzept zur Verknüpfung von Gedenkorten unterschiedlicher Zuschreibung
In der Stadt und im Landkreis Verden gibt es in Erinnerung an die Missachtung der Menschenrechte unter der NS-Diktatur und ihre Folgen Orte mit positiven und negativen Konnotationen. Verden sieht mit den Planungen zu verschiedenen Denkorten eine der Zukunftsaufgaben auf dem Gebiet der Kultur- und Geschichtspolitik. Die Stadt möchte Denkanstöße dort setzen, wo die Menschen leben und ihren Alltag verbringen. Fast 65 Jahre nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges gibt es fast keine Zeugen mehr. Öffentliche Erinnerungorte, die zum Denken, Bedenken und Nachdenken anregen können, bleiben als wichtige Möglichkeit, die Geschichte im Bewusstsein der Öffentlichkeit zu bewahren. Sie sollen Teil der öffentlichen Stadt-Bildung werden, häufig vermittelt durch Stadtführungen. Die Gesamtdimension der NS-Verbrechen aus politischen, rassischen und ideologischen Begründungszusammenhängen spiegelt sich hier auf der Mikroebene wieder und kann so nachvollzogen werden. Die Mitverantwortung der Zuschauer und der Zuarbeiter vor Ort verweist auf die Respektierung der demokratischen Grundrechte und deren aktive Verteidigung gegen politischen und religiösen Fanatismus.
Das Projekt »Stolpersteine« des Kölner Bildhauers Gunter Demnig markiert in Verden bereits 44 Orte in Erinnerung an die Opfer der NS-Zeit, indem er vor ihrem letzten Wohnort in vielen Städten Gedenktafeln aus Messing ins Trottoir verlegt.11
Bürgerschaftliche Betreuung der Ge-Denkorte
Denkorte informieren12, wenn sich ein Fußgänger die Zeit nimmt oder bei mehrmaligem Vorbeigehen immer wieder einmal angebotene Informationen aufnimmt. Sie richten sich auch Gruppen mit einem Stadtführer. Denkorte sollten – nicht nur angesichts leerer öffentlicher Kassen – von Initiativen betreut werden, um sie vor Zerstörung durch die Witterung aber auch bei mutwilligen Eingriffen zu sichern. Es ist geplant, für die Betreuung einzelner Denkorte einen Preis auszuloben: Neben Schulprojekten könnten auch außerschulische Bildungsträger und Vereine sowie Gewerkschaften, demokratische Parteien und Kirchengemeinden Patenschaften für einzelne Orte übernehmen.13
Im Rahmen der regelmäßigen Pflege (Säubern, Laubbeseitigung etc.) erfolgt eine inhaltliche Beschäftigung mit dem jeweiligen Ort. Aus dem bereits recherchierten Quellenfundus erfolgt eine kleine Zusammenstellung von Materialien für die Projektarbeit. Die aktuellen Bezüge werden dann jeweils vom Betreuer der Gruppe hergestellt. Das können aktuelle Berichte aus der Tagespresse, Dokumentationen aus dem Fernsehen oder der Besuch einer bestimmten Veranstaltung sein. Als Beispiele aktueller Bezüge sind denkbar:
• Ort der zerstörten Synagoge – Religiöse Toleranz, religiöser Fanatismus
• Sachsenhain – Geschichtsverfälschung durch politische Instrumentalisierung
• Gräber von Zwangsarbeiterkindern – Kinderrechte, Kindesmisshandlung
und -vernachlässigung
• Haus von General von Seydlitz – Brüche im 20. Jahrhundert,
Verrat und/oder Widerstand;
• Verschleppung der Sinti und Roma – Toleranz für andere Lebenszusammenhänge und Kulturen14
Auch den Fragen nach den Tätern sollte in Informationstexten und Ausstellungen nachgegangen werden. Dabei gilt es zu bedenken: Auseinandersetzung kann Empathie, zumindest ein »Verstehen« der Akteure erzeugen. Hier gilt, wie Christopher Browning bemerkt, dass Erklären nicht »Entschuldigen« und Verstehen nicht »Vergeben« -bedeutet. »Ohne den Versuch, die Täter in menschlicher Hinsicht zu verstehen, wäre [ …] jede historische Untersuchung [unmöglich], die sich mit den Holocaust-Verbrechern befasst. «15
Denkorte (Leidensorte und Täterorte) erhalten erst durch das Erzählen ihrer Ge-schichte und soweit möglich ein Foto eines oder mehrer betroffener und agierender Menschen ihre Plastizität. Gestaltungsprinzip soll es dabei sein, verlorene Informationen, Relikte, Dokumente und Fotos nicht nachzubilden. Vielmehr sollten die Lücken in der historischen Überleiferung gekennzeichnet werden.16
Konzeption einer Ausstellung im Außengelände des Sachsenhain
Entlang des Findlingsrundweges informieren am Evangelischen Jugendhof in Dauelsen derzeit acht Tafeln über die Geschichte des Geländes von 1934 bis heute. Nachteile der Rundtafeln sind der überholte Stand zur Geschichte des Sachsenhains vor 1945 und die Vermischung der Geschichte des Jugendhofes mit der Entstehungsgeschichte des Geländes.
Es empfiehlt sich eine Trennung der beiden Themen:
1 • Darstellung des Jugendhofes in der Nähe des Empfangsbereichs mit dem Hinweis, dass das Gelände nach einem Konzept der SS vom Reichsarbeitsdienst und örtlichen Baufirmen 1934–1936 errichtet wurde. Die Gestaltung sollte sich deutlich von dem weiteren Informationsbereich zum SS-Ort unterscheiden.
2 • Freiluftausstellung zur Geschichte des Sachsenhains 1934–1945, incl. Außenlager KZ Neuengamme, die sich in Design und Gestaltung an den Denkorten in der Stadt orientiert: Zu begrüßen wäre eine Dekonstruktion des halbrunden Findlingsplatzes vor den Gebäuden des Jugendhofs durch Wegnahme zweier Findlinge im linken Bereich, zwischen denen acht bis zehn Themenstelen platziert werden. Die Stelen geben lediglich den Weg zum Rundweg nach links frei. Der Platz bliebe zu drei Viertel weiterhin als Spielort für die Besucher des Jugendhofes erhalten. Schwerpunkte sollten sein: Organisation und Selbstverständnis der SS sowie die Person Heinrich Himmler. Der Mythos Sachsenhain kann als Beispiel für Geschichtsverfälschung und Instrumentalisierung von Geschichte, Baugeschichte, Geschichte der einzelnen Häuser genutzt werden. Hierzu müsste sowohl die Nutzung durch die SS 1934–1936, die mutmaßliche Nutzung 1936–1945; die Biographien der SS-Führer vor Ort dargestellt werden. Das KZ-Außenlager von 1945 kann mit Hilfe einer Stele – bewusst mit vielen Leerstellen, die die Wissenslücken zeigen – markiert werden, ebenso die nur unvollständig recherchierte Nachnutzung nach der Befreiung bis zur Übernahme durch die Evangelische Kirche.
Zentraler Denkort »Demokratie und Menschenrechte«
Seit dem Brandanschlag auf den Güterwagen von 2007 wird über die Neukonzeption der auf dem Gelände der Berufsbildenden Schulen gezeigten Ausstellung nachgedacht. Unter Bezug auf das Schicksal der heutigen Verdener Bevölkerung, deren Eltern und Großeltern zu einem Großteil infolge des Zweiten Weltkrieges als Vertriebene hier angesiedelt wurden, wird neben dem Zwangsarbeitseinsatz in Verden auch Flucht und Vertreibung als Folge der NS-Diktatur thematisiert.
Die Verlegung der Ausstellung zum Zwangsarbeitseinsatz mit Ergänzungen in einem anderen Reichsbahngüterwaggon in die Stadt17, hat vier Vorteile:
• in einer inhaltlichen Bestimmung des neuen Standortes
• für eine bessere Sicherung vor Anschlägen (Vandalismus und Zerstörung) in einem extra zu errichtenden Gebäude
• durch eine Integration in die Selbstdarstellung der Stadt und ihrer Geschichte
• Änderungen in der inhaltlichen Schwerpunktsetzung.
Als Standort bietet sich die Nachbarschaft des Bahnhofes nicht nur wegen der zentralen Lage und Erreichbarkeit für Schulklassen und Jugendgruppen aus dem Umland und in direkter Nähe zur Stadthalle an, die durch Bürgerengagement mit Unterstützung der Stadt 2004 vor dem Verkauf an den NPD-Anwalt Jürgen Rieger bewahrt werden konnte. Vom Bahnhof wurden die Verdener Juden deportiert, hier kamen die Zwangsarbeiter 1940–1945 an und mussten weiter zum Arbeitsamt und durch die Stadt zu den Lagern und Arbeitseinsatzorten laufen. Im April 1945 war Verden im Rahmen der von der SS sog. »Evakuierung« von Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen (in den Erinnerungen der Überlebenden oft Todesmärsche genannt) eine Durchgangsstation aus dem nordwestdeutschen Raum. Die Züge fuhren weiter in die Sterbelager nach Bergen-Belsen, andere auf Umwegen nach Sandbostel. Nach Kriegsende kamen an diesem Bahnhof die Flüchtlinge an, die die Stadt aufnehmen musste.
Die Ausstellung bedarf auch einer Ergänzung durch eine Außenstele (wie an den anderen Denkorten) mit einem Verweis auf den Brandanschlag vom 26. Januar 2007. Ebenfalls vor dem Waggon ist die Aufstellung eines Planes zu empfehlen, auf dem alle Lager und Arbeitseinsatzorte von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und Militärinternierten sowie KZ-Häftlingen markiert sind. Zur Übersicht für Interessierte könnten an einer Außenwand des Gebäudes zwei bzw. drei zusätzliche – im Design den Informationstafeln an den Denkorten ähnliche – Schaukästen angebracht werden.
Themen wären:
• Topographie der Verdener Stolpersteine,
• Topographie der Verdener Denkorte,
• Hinweisen auf Informations- und Arbeitsmaterialien, und ggf.
• Dokumentation von bürgerschaftlichem Engagement gegen die Aktivitäten der Neonazis mit der Möglichkeit, hier jeweils aktuelle Artikel/Flugblätter auszuhängen.
Der Waggon mit Ausstellung sollte nicht nur integraler Bestandteil der Stadtführungen sein, sondern auch als Ort für die Gedenkfeiern am Holocaust-Gedenktag am 27. Januar und am Volkstrauertag im November genutzt werden.
Denkorte in der Stadt
Denkorte sind die ausdrückliche Ergänzung der Stolpersteine, die an den -Wohnorten Deportierter nur deren Namen und Lebensdaten dokumentieren. Man kann hier BE-DENKEN ebenso wie NACH-DENKEN und GE-DENKEN. Es ist zu unterschieden zwischen:
• Biografischen Orten (Wohn-, Verhaftungs- oder Haftorte von Widerstandskämpfern aus SPD und KPD, Wohnort General von Seydlitz etc.)
• Orten der Zerstörung
• Orten der Täter
• Orten der Verfolgung wie Lager oder Arbeitsplätze von Kriegsgefangenen, Zwangsarbeitern und KZ-Häftlingen
• Grabstätten
• bereits vorhandenen Denkmälern mit Bezug auf den NS und seine Folgen, wie das »Vertriebenendenkmal« im Bürgerpark und das »Mahnmal für die jüdischen Opfer in Verden aus der Zeit der NS-Gewaltherrschaft« hinterm Rathaus.
Vertriebenendenkmal im Bürgerpark
Eine Besonderheit stellt der Standort, der Bau und die Aussage des »Vertriebenendenkmals« im Bürgerpark dar: Es erinnert an das Schicksal der Flüchtlinge und Vertriebenen, eine direkte Folge des NS-Terrorregimes und der Feldzüge im Zweiten Weltkrieg. Das Denkmal nimmt die Regionen auf, aus denen es Menschen nach Verden »verschlagen« hat. Es sollte als Denkort kommentiert werden: Der Text sollte die Schwierigkeiten der Integration der Vertriebenen ansprechen, den Bildhauer benennen sowie die dort genannten Regionen erklären, insbesondere gilt dies für die Mark Brandenburg, denn unter den Bundesländern existiert heute wieder ein Land mit dem gleichen Namen.
Verden und seine umliegenden Gemeinden haben eine gemeinsame Geschichte, die sich auch in Denkorten kennzeichnen lässt, wie beispielsweise das ehemalige Wohnhaus von Cato Bontjes van Beek in Fischerhude (1943 wegen Vorbereitung zum Hochverrat hingerichtet) oder das KZ-Außenlager Uphusen, der Platz der ehemaligen Synagoge und der jüdische Friedhof in Achim, Gräberfelder und Gedenksteine in Langwedel und Dörverden, der Zwangsarbeitereinsatz bei der Schießpulverfabrik Eibia in Dörverden etc.
Da letzteres sich genau gegenüber dem Privatgelände des inzwischen verstorbenen NPD-Anwaltes Jürgen Rieger (Heisenhof) befindet, sollte hier schnellstmöglich ein sichtbares Zeichen mit einer Stele gesetzt werden, das die derzeitige Gedenktafel ergänzt.
Umsetzung des Gesamtkonzeptes
Nach der Zustimmung im Kulturausschuss wird der Stadtrat über das Konzept entscheiden, das aus zwei Teilen besteht, das Konzept zu den Gedenkorten wurde von Joachim Woock mit einem Plan zur pädagogischen Begleitung versehen. Die Verwaltung wird sich in Zusammenarbeit mit dem Netzwerk mit den Planungen des zentralen Denkortes befassen. Zu den bereits zugesagten finanziellen Mitteln werden weitere Gelder benötigt, um die Kennzeichnung der verschiedenen Denkorte in Verden umzusetzen. Damit reiht sich die Kleinstadt an der Aller im Südosten Bremens vorbildlich ein in geschichtspolitische Auseinandersetzungen, die beispielsweise in Großstädten wie Berlin18 und Wien19 oder Dörfern wie Buttenhausen auf der Schwäbischen Alb20, seit den frühen 1990er Jahren realisiert wurden.
Dr. Christl Wickert, Historikerin und Politologin, freie Mitarbeiterin in -Gedenkstätten, Beratung und Konzeption von Ausstellungen, war mit der Erstellung des -Konzeptes zur Erinnerungskultur und Demokratiebildung in Verden beauftragt.
www.geschichtsraum-wickert.de
1 Joachim Woock: Mahnmal Zwangsarbeit auf dem Gelände der Berufsbildenden Schulen, in: Stiftung Topographie des Terrors (Hg.): Gedenkstättenrundbrief Nr. 136, 2007, S. 3–10.
2 Christl. Wickert: Rahmenkonzept »Erinnerungskultur und Demokratiebildung«. Denkorte in Verden, erstellt i.A. des Vereins für Regionalgeschichte e.V., Berlin/Zernien 2008. Meine Arbeit in und über Verden hat große Unterstützung durch das Netzwerk« Erinnerungskultur und Demokratiebildung« bekommen. Für diese Hilfe sowie die Betreuung durch Reinhard Köhler vom Evangelischen Jugendhof Sachsenhain und ganz besonders die Zeit und die Gespräche mit Joachim Woock, der mich zu den Orten der Verbrechen im Landkreis Verden führte und auf alle regionalspezifischen Nachfragen Material verlegte, haben mich sehr bereichert.
3 Stelen sollten überall nach dem gleichen Konzept wiedererkennbar gestaltet sein. Sie sollten kurze Texte enthalten und ggf. mit bis zu zwei Abbildungen (Foto oder Dokument) ergänzt werden. Sie bieten immer einen Bezug zum Leben eines konkreten Menschen (je nachdem Opfer oder Täter).
4 Thorsten Heese: Vergangenheit »begreifen«. Die gegenständliche Quelle im Geschichtsunterricht, Bad Schwalbach/Ts 2008 (Reihe: Methoden historischen Lernens).
5 Verden-Aller-Zeitung vom 16.11.2007.
6 Pierre Nora beschreibt dieses gesellschaftliche Verhalten in: Gedächtniskonjunktur, in: Transit 22 (2002), S. 18–31, hier S. 23.
7 Michael Kater: Das »Ahnenerbe« der SS 1935–1945. Ein Beitrag zur Kulturpolitik des Dritten Reiches, München 2006.
8 Neben Heinrich Himmler beispielsweise der Inspekteur der Konzentrationslager Theodor Eicke, der damalige Esterweger Kommandant Karl Koch, der später die KZ Sachsenhausen, Buchenwald und Majdanek leitete oder der damalige Kommandant von Dachau Hans Loritz, der zuvor für das KZ Esterwegen und ab 1936 für das KZ Sachsenhausen die Verantwortung trug. Vgl. dazu: Christl Wickert: Die Formierung der SS in den frühen Konzentrationslagern 1933–1937, in: Günter Morsch (Hg.): Von der Sachsenburg nach Sachsenhausen. Bilder aus dem Fotoalbum eines KZ-Kommandanten, Berlin 2007, S. 195–201, hier S. 200.
9 Während sie bis in die 1930er Jahre hinein Stolz und Wehrwillen, oft sogar Revancheabsichten ausdrücken, mahnen heutzutage Kriegerdenkmaler zu Frieden und Respekt vor den Menschenrechten und sind ein Ort des Gedenkens an alle Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft (siehe Neue Wache in Berlin. vgl.: Meinhold Lurz: Kriegerdenkmäler in Deutschland, 6 Bände, Heidelberg 1985–1987; Reinhart Koselleck, Michael Jeismann (Hg.): Der politische Totenkult. Kriegerdenkmäler in der Moderne, München 1994.
10 Reinhart Koselleck: Kriegerdenkmale als Identitätsstiftungen der Überlebenden. In: Odo Marquart, Karl-Heinz Stierle (Hg.): Identität, Politik, Hermeneutik, München 1979.
11 Verdener Aller-Zeitung, 10.4.2008. Die restlichen 12 Stolpersteine wurden am 24.4.2009 verlegt.
12 Mahnmale mahnen, Gedenkstätten sind inzwischen nicht nur Orte des Gedenkens an die Opfer, sondern auch Museen und Bildungsorte.
13 Die Verfasserin betreute im Schuljahr 2000/2001 die Abschlussklasse der Realschule Curslack in Hamburg-Vierlande, die sich mit dem Weg der Häftlinge des KZ Neuengamme durch den Ort und ihre Leiden auseinander setzte. Die Klasse erhielt dafür den »Bertini-Preis für junge Menschen mit Zivilcourage gegen Vergessen für ein gleichberechtigtes Miteinander«, der seit 1997 jeweils am 27. Januar in Hamburg vergeben wird. Im Rahmen ihrer Schulabschlussfeier wurden fünf ausgewählte Orte mit Informationstafeln, die jeweils auch historische Fotos/Dokumente enthalten, mit Zuschüssen der Ortsverwaltung und der Kulturbehörde markiert, deren Pflege seither zweimal -jährlich von der jeweiligen Abschlussklasse geleistet wird.
14 Vgl. dazu Verein für Regionalgeschichte Verden e. V./ Netzwerk »Erinnerungskultur und Demokratiebildung«: Joachim Woock: Pädagogiosches Konzept zum Rahmenkonzept »Erinnerungskultur und Demokratiebildung«, Verden März 2009.
15 Christopher Browning: Ganz normale Männer. Das Reserve-Polizeibataillon 101 und die »Endlösung« in Polen, Hamburg 1993, S. 17.
16 Für ein nicht vorhandenes Foto eines Zwangsarbeiters, dessen Schicksal Erwähnung findet, sollte statt des Fotos eine umrandete Freifläche auf die Lücke hinweisen. Siehe entsprechende Gestaltung der Biografieordner in der Ausstellung »Dienststelle KZ Neuengamme: Die Lager-SS« in Hamburg.
17 Das Projekt wird neben Privatspenden bislang von der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft«, der Körber-Stiftung, vom Kirchenkreistag Verden, von der Amadeu-Antonio-Stiftung, vom Verein Gegen Vergessen Für Demokratie und ggf. durch die Stiftung Niedersächsische Gedenkstätten mitfinanziert.
18 Flächendenkmal »Orte des Erinnerns« im Bayrischen Viertel mit Unterstützung des Kunstamtes -Schöneberg oder »Geschichtsmeile Wilhelmstrasse« mit Unterstützung der Stiftung Topographie des Terrors.
19 Auf der offiziellen Website der Stadt Wien findet sich ein Link auf »Vertreibung und Ermordung« der Wiener Juden, der zu Orten und Ereignissen informiert. Mit dem Jüdischen Museum Wien wird eine Kennzeichnung der Orte mit entsprechenden Informationen geplant, wie sie bereits für das Thema »Alltag im Mittelalter« existiert.
20 Heute ein Stadtteil von Münsingen: Der 1996 eingerichtete Rundgang führt zu den Stätten jüdischer und christlicher Geschichte Buttenhausens in den letzten 150 Jahren mit einem Schwerpunkt auf den Orten der Verfolgung und Zerstörung.


