Denkorte in Verden? Nein danke! - Über das Scheitern eines Projektes
Gedenkstättenrundbrief 162 (8/2011) S. 36-39Schulprojekt »Zwangsarbeit im Landkreis Verden« Seit über 25 Jahren beschäftigt sich der Verfasser mit der NS-Geschichte im Landkreis Verden. Im Geschichtsunterricht am Beruflichen Gymnasium der Berufsbildenden Schulen Verden startete er 1987 das Schulprojekt »Zwangsarbeit im Regionalgebiet Verden während des Zweiten Weltkrieges«. Neben der Archivarbeit wurden Zeitzeugen befragt und Kontakt zu ehemaligen Zwangsarbeiter in West- und Osteuropa aufgenommen, die im Landkreis Verden arbeiten mussten. In den Jahren 1989 bis 1991 besuchten Schüler der Geschichtskurse für jeweils zehn Tage ehemalige »Verdener« Zwangsarbeiter in Polen und in der Ukraine. In den Jahren 1993 bis 2007 fanden in Verden vier »Wochen der Begegnung« statt: Ehemalige Zwangsarbeiter aus Brasilien, Belgien, Polen und der GUS wurden eingeladen, die Orte noch einmal zu besuchen, »wo wir unsere Jugend verloren«. Der 1992 gegründete »Förderverein Regionalgeschichte des Landkreises Verden 1933-1945 e. V.« (ab 2007 »Verein für Regionalgeschichte Verden e.V.«) schaffte 2003 einen historischen Reichsbahn-Güterwaggon an, der als Mahnmal »Zwangsarbeit im Landkreis Verden 1939–1945« auf dem Gelände der Berufsbildenden Schulen Verden aufgestellt und 2004 der Öffentlichkeit übergeben wurde. Am 26. 1. 2007 – einen Tag vor dem Holocaust-Gedenktag -, fiel das Mahnmal einem Brandanschlag zum Opfer. Der Verein beschloss, einen alten Reichsbahn-Güterwaggon gleichen Typs zu erwerben, ihn in der Innenstadt von Verden sicher aufzustellen und für diesen Denkort ein Bildungskonzept zu entwerfen.*Textfeld: *Woock, Joachim: Mahnmal Zwangsar-beit auf dem Gelände der Berufs-bildenden Schulen Verden. Die Geschichte und der Brandan-schlag vom 26. Januar 2007, in: Stiftung Topographie des Terrors (Hg.): Ge-denkstättenRundbrief, Nr. 136, 4/2007, S. 3–10.
Konzept Erinnerungskultur und Demokratiebildung
Der Brandanschlag löste damals in der Bevölkerung breite Empörung aus. Innerhalb kürzester Zeit erhielt der Verein Spenden von Privatpersonen in Höhe von über 10 000 Euro. Überregionale Stiftungen stellten insgesamt 22 000 Euro für die Umsetzung des Konzeptes zur Verfügung. Im Frühjahr 2007 wurde unter der Führung des Vereins das Netzwerk »Erinnerungskultur und Demokratiebildung« (Lehrer, Vertreter der evangelischen Jugendarbeit, Bündnisse gegen Rechtsextremismus) in Verden ins Leben gerufen. Grundgedanke des pädagogischen Konzeptes war, außerschulische Lernorte zu den Lernfeldern Nationalsozialismus, Demokratiebildung sowie Menschenrechte in der Stadt Verden anzubieten und später auch diese Gesichtspunkte auf den Landkreis Verden auszuweiten. Diese Denkorte sollten Schüler und andere Jugendliche dazu animieren, sich z.B. in Form von Projekten selbstständig mit der Gesamtdimension der NS-Verbrechen aus politischen, rassischen-ideologischen Begründungszusammenhängen auseinanderzusetzen, da sich diese auf der regionalen Ebene widerspiegeln. Und es sollten der Bogen zu aktuellen Themen gespannt und Bezüge zu gesellschaftlichen Werten und Normen hergestellt werden. Der Verein für Regionalgeschichte Verden e.V. beauftragte mit finanzieller Unterstützung des »Weser-Aller-Bündnis: Engagiert für Demokratie und Zivilcourage (WABE)« und des Bundesfamilienministeriums die Politologin und Historikerin Dr. Christl Wickert, ein Konzept für die Stadt Verden zu entwickeln. Im Dezember 2008 legte sie das Rahmenkonzept »Erinnerungskultur und Demokratiebildung – Denkorte in Verden« vor. Es besteht aus zwei Teilen: Kenntlichmachung von Denkorten zunächst zur NS-Diktatur und einem zentralen Denkort mit historischem Waggon als Artefakt. In der Stadt Verden sollten die unterschiedlichen authentischen Orte der NS-Verbrechen und ihrer Folgen als öffentliche Denkorte zusammengefasst werden. Zur Kennzeichnung dieser Orte wurden Stelen vorgeschlagen. Anlauf- und Informationsstelle sollte der zentrale Denkort »Demokratie und Menschenrechte« in Verden werden.*
Zusammenarbeit mit Stadtverwaltung und politischen Gremien
Der Verein hatte im April 2007 bei der Stadt Verden den Antrag gestellt, einen neuen historischen Güterwaggon in der Innenstadt aufzustellen. Daraufhin wurde im Verwaltungsausschuss der Stadt entschieden, dass aus Mitgliedern des Kulturausschusses und des Vereins die Arbeitsgruppe »Erinnerungskultur und Denkorte« gebildet werden sollte, um ein gemeinsames Konzept abzustimmen.
Die erste Sitzung fand im November 2007 statt. Man einigte sich darauf, sich wieder zu treffen, wenn das Rahmenkonzept von Frau Dr. Wickert und das pädagogische Konzept des Vereins vorlägen. Im Dezember 2008 war dann das Rahmenkonzept fertig gestellt, doch erst im August 2009 kam es zur zweiten Arbeitsgruppensitzung. Die Positionen der beteiligten Ratsmitglieder waren klar verteilt: CDU und FDP waren gegen das Konzept, SPD und Die Grünen/Bündnis 90 dafür. Die Kulturausschussvorsitzende (CDU) stellte klar: »Ich will nicht auf Schritt und Tritt ein schlechtes Gewissen eingeredet bekommen! Verden war doch nicht das Zentrum des Nationalsozialismus! Die Stelen verschandeln die schöne Stadt! Warum keine Besuche in den KZ-Gedenkstätten? Da kann man doch gedenken – warum unbedingt in Verden?« Ein CDU-Ratsherr wollte das Konzept nicht auf den Nationalsozialismus verkürzt sehen, sondern auch die Weimarer Republik und das Kaiserreich sollten mit einbezogen werden. Auch der vom Verein vorgeschlagene Standort des zentralen Denkortes (neu zu errichtendes Gebäude mit Güterwaggon) in der Nähe des Bahnhofes wurde von CDU und FDP abgelehnt.
Zur Sitzung des Kulturausschusses im November 2009, auf der die Verwaltungsvorlage beraten werden sollte, wurde auch Frau Dr. Wickert eingeladen, die das Konzept in einem Powerpoint-Vortrag erläuterte. Kritik kam wieder von Seiten der CDU. In das Konzept sollten auch die Schicksale der deutschen Vertriebenen sowie der deutschen Kriegsgefangenen und die DDR-Diktatur aufgenommen werden. Für den abschließenden Kompromiss, neben dem geplanten Standort des zentralen Denkortes in Bahnhofsnähe weitere Standorte zu prüfen, gab es sechs Ja- und eine Neinstimme (Kulturausschussvorsitzende). Im Verwaltungsausschuss, der am 24. 11 und 8. 12. 2009 tagte, gab es fünf Stimmen für und vier gegen das Konzept.
Der Stadtrat fasste dann in seiner Sitzung am 15. 12. 2009 folgenden Grundsatzbeschluss:
Die Stadt Verden ist bereit, für einen zentralen Denkort einen Standort zur Verfügung zu stellen.
Die Verwaltung wird beauftragt, zusammen mit dem Verein die Umsetzung zu konkretisieren und für die Ausführung Beschlussvorlagen zu erstellen. Neben dem vorgeschlagenen Standort westlich der Bahnlinie sind weitere Alternativen zu prüfen. Ein Ideenwettbewerb mit drei erfahrenen Büros ist durchzuführen.
Die Stadt Verden ist bereit, eine finanzielle Förderung zu übernehmen.
Es sollen auch Denkorte außerhalb der Stadt Verden in das pädagogische Konzept mit aufgenommen werden. Der Landkreis Verden ist aufzufordern, sich an möglichen Kosten zu beteiligen.
Das Abstimmungsverhalten spiegelte die kontroverse Ansichten der 35 anwesenden Ratsmitglieder wider: 15 zu 15 bei fünf Enthaltungen! Der Rat setzt sich zusammen aus: SPD (14 + Bürgermeister), CDU (12), FDP (5), Die Linke (1), NPD (1). Die Pattsituation lässt vermuten, dass auch in der SPD das Projekt nicht unumstritten war.
Die dritte Sitzung der Arbeitsgruppe fand im April 2010 statt. Ein CDU-Ratsherr bezweifelte zu Beginn der Sitzung die Zuständigkeit des Arbeitskreises und hielt ihn für verfassungsrechtlich bedenklich, da die vorzunehmende Arbeit eine klassische Aufgabe der städtischen Gremien sei. Die Arbeitsgruppenmitglieder einigten sich auf fünf näher zu untersuchende Standorte, die den politischen Gremien zur Entscheidung vorgelegt werden sollten. Daraufhin erarbeitete die Verwaltung eine Beschlussvorlage und bereitete, zusammen mit dem Verein und einem Architekturbüro, die Erstellung der Auslobungsunterlagen (das Honorar in Höhe von 2 700 Euro bezahlte der Verein) und die Zusammensetzung der Jury für den Architektenwettbewerb zum zentralen Denkort vor. Zusätzlich beriet man im Netzwerk über das Stelenkonzept und holte Kostenvoranschläge bei drei Unternehmen ein.
Der Verein stellte bei der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und der Stadt Verden Anträge, die Kosten für die ersten zehn Stelen in Verden (12 000 Euro) je mit 50 % zu finanzieren. Die Fachkommission der Stiftung befürwortete ausdrücklich das vom Verein vorgestellte Gesamtkonzept, stellte aber auch klar, dass eine etwaige Öffnung des Konzeptes in Richtung Darstellung der Schicksale deutscher Ostflüchtlinge, Kriegsgefangener und der DDR-Diktatur nicht den Förderungskriterien der Stiftung entsprechen würden. Unter dieser Maßgabe wurde im Dezember 2010 die Kofinanzierung bewilligt.
Im Februar 2011 wurden dem Kultur-, dem Verwaltungsausschuss und dem Stadtrat eine Beratungsvorlage zum Stelenkonzept (Mitfinanzierung) und zum zentralen Denkort vorgelegt:
Die Stadt gewährt dem Verein für die Auslobung eines Architektenwettbewerbs zur Gestaltung eines zentralen Denkortes einen Zuschuss von 14 000 Euro (Wettbewerbsmanagement, Aufwandsentschädigungen für die Preisrichter, Preissumme)
Die Wettbewerbsteilnehmer sollen Vorschläge für zwei Standorte abgeben. (Von den vormals zur Diskussion gestandenen fünf Standorten hatte die Verwaltung zwei ausgewählt, die nach deren Meinung dem Anforderungsprofil genügten.)
Über den Standort des zentralen Denkortes wird auf der Grundlage der Wettbewerbsergebnisse vom Rat abschließend entschieden.
Mit Vorbehalt beschloss der Kulturausschuss mit fünf zu drei Stimmen, dass der Beschlussentwurf dem Stadtrat vorgelegt werden sollte. Daraufhin beschloss die CDU eine offizielle Bürgerbefragung nach der Niedersächsischen Gemeindeordnung im Stadtrat zu beantragen. In der Stadtratssitzung zog dann der Bürgermeister als Verwaltungschef die Vorlage zurück, und noch bevor die CDU ihren Antrag einbringen konnte, plädierte er selbst für eine Bürgerbefragung! Bei nur einer Enthaltung folgte der Stadtrat dann dem Antrag der CDU-Fraktion, eine Bürgerbefragung vorzubereiten.
Öffentlichkeitsarbeit
Die Kritik am Denkorte-Konzept wurde am 10. 11. 2007 mit dem Aufmacher »Ein zweiter Waggon rollt an« in der Verdener Aller-Zeitung eingeläutet. Im anschließenden Kommentar »Ein Mahnmal an jeder Ecke?« des Chefredakteurs wurde Stimmung gemacht: »Sind wir nicht schon gestraft genug, sich ständig und alltäglich mit unserer Vergangenheit auseinandersetzen zu müssen?« Es folgte eine Leserbrief-Welle – elf Leserbriefe, davon acht, die das Konzept ablehnten, etwa mit den Überschriften: »Einseitige Leiddarstellungen«, »Sage es ausdrücklich: Ich bin es leid, ständig geduckt zu werden«, »Auch Flüchtlinge und Vertriebene«. Im November 2009, als Kultur- und Verwaltungsausschuss das Konzept diskutierten, fühlten sich wieder einige angesprochen: »Den Waggon lieber nach Bergen-Belsen stiften«, »Wie viele Gedenkstätten benötigt unser Land noch?« »Geld besser für die Jugendförderung«. Anfang Januar 2010 entwarf ein CDU-Landtagsabgeordneter und Vorsitzender des Kreisschulausschusses ein Gegenprojekt, das »Gedenk- und Erinnerungszentrum für die Regionalgeschichte des 20. Jahrhunderts im Landkreis Verden«. Als Standort wurde das Cato-Bontjes-van-Beek-Gymnasium (die Namensgeberin stammte aus dem Landkreis und wurde als Mitglied der »Roten Kapelle« in Berlin hingerichtet) in der Stadt Achim im Norden des Landkreises ins Spiel gebracht. Der Antrag sollte fraktionsübergreifend in den Kreistag eingebracht werden, was allerdings bis heute nicht passiert ist. Innerhalb eines Jahres (bis Februar 2011) gab es 24 Leserbriefe, die gegen das Konzept, den Verein und den Vorsitzenden polemisierten. Die Leser, die sich für das Projekt aussprachen, konnte man dagegen an einer Hand abzählen. Der Vorsitzende hatte in zwei öffentlichen Vorträgen und auch im Kulturausschuss des Kreistages das Konzept vorgestellt. Außerdem wurde in der Presse eine Stellungnahme abgegeben, in der auf die sachlich falschen Leserbriefe eingegangen wurde. Zusätzlich konnte man das Gesamtkonzept auf der Homepage des Vereins nachlesen. Zum Schluss war die Stimmung so aufgeheizt, dass die Presse schon mit »Stuttgart 21 oder nur ein Waggon?« titelte.
Exitus
Aus der Sicht des Vereins als zukünftigen Bauherrn und Träger des zentralen Denkortes wäre es sinnvoller gewesen, die Bürgerbefragung nach dem Architektenwettbewerb durchzuführen, da man anhand der ausgelobten Entwürfe eine klare Vorstellung vom Standort und dem Gebäude gehabt hätte. Eine Befragung durchzuführen, ohne ein »Bild« zu haben, wäre kontraproduktiv und zum gewollten (?) Scheitern verurteilt gewesen. Außerdem wollte der Verein verhindern, dass das Thema weiterhin von der CDU als Wahlkampfmunition (Kommunalwahl im September 2011) gegen den Bürgermeister instrumentalisiert würde. In einer Vorstandssitzung am 2. 3. 2011 wurde beschlossen, das Angebot an Stadt und Landkreis Verden, den zentralen Denkort zu errichten und zu betreiben, zurückzuziehen. In der Presseerklärung vom 3. 3. 2011 wurde die Entscheidung ausführlich begründet und auf der Homepage veröffentlicht. Das Angebot an die Stadt, authentische Denkorte mit Stelen zu kennzeichnen und dazu pädagogisches Material den Schulen zur Verfügung zu stellen, besteht aber weiterhin. Allerdings stehen die für dieses Projekt von der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten bereits zugesagten Mittel nicht mehr zur Verfügung, da die Gremien der Stadt bis Juni 2011 darüber noch keine Entscheidung treffen werden. Es ist zu befürchten, dass auch dieses Konzept eine breite Zustimmung finden wird.
Dr. Joachim Woock ist Studienrat an den Berufsbildenden Schulen Verden und unterrichtet dort am Beruflichen Gymnasium die Fächer Werte und Normen, Politik und Geschichte. Er gründete 1992 den Förderverein Regionalgeschichte des Landkreises Verden 1933–1945 e.V. (seit 2007 Verein für Regionalgeschichte Verden e.V.). Dissertation »Zwangsarbeit ausländischer Arbeitskräfte im Regionalbereich Verden/Aller (1939–1945)« siehe www.regionalgeschichte-verden.de.


