Lydia Stötzer

Der Arbeitseinsatz von Häftlingen im Krankenrevier des KZ Ravensbrück

Gedenkstättenrundbrief Nr. 183 (10/206) S. 51-53

EINE WANDERAUSSTELLUNG MACHTE STATION IN DER BERLINER CHARITÉ

 

Der Arbeitseinsatz von Häftlingen im Krankenrevier des KZ Ravensbrück –
Eine Wanderausstellung machte Station in der Berliner Charité

Lydia Stötzer

Am 29. Juni 2016 wurde in der Berliner Charité die Wanderausstellung »›… unmöglich, diesen Schrecken aufzuhalten‹ – Die medizinische Versorgung durch Häftlinge im Frauen-KZ Ravensbrück« eröffnet, welche zuvor in der Gedenkstätte Ravensbrück zu sehen war.1 Das Ausstellungsprojekt geht auf die Initiative des Arbeitskreises Frauengesundheit in Medizin, Psychotherapie und Gesellschaft e.V. (AKF) in Kooperation mit der Mahn- und Gedenkstätte Ravensbrück (MGR) zurück und wurde von den Historikerinnen Dr. Ramona Saavedra Santis und Dr. Christl Wickert kuratiert.

Die Ausstellung thematisiert die Arbeit der Häftlingspflegerinnen und -ärztinnen im Krankenrevier des KZ Ravensbrück. Als sogenannte Funktionshäftlinge bewegten sie sich auf einer Gratwanderung zwischen den Befehlen der SS, den Bedürfnissen ihrer Patientinnen und ihren eigenen Überlebensinteressen. Der sich aus dieser Situation ergebende Handlungsspielraum, ihr Verhalten und die Einschätzung ihrer Arbeit durch die Patientinnen werden in der Ausstellung anhand von Fotografien, Zeichnungen, Dokumenten und Schriftzeugnissen verdeutlicht. Im Zentrum stehen vor allem die Berichte der Häftlingsärztinnen und -pflegerinnen. SS-Quellen sind nur wenige überliefert. Die Perspektive der Patientinnen ist in der Ausstellung durch die von ihnen angefertigten Zeichnungen präsent. Mit dem Projekt wurde insofern Neuland betreten, als trotz der immensen Forschungsliteratur zur Medizin im Nationalsozialismus eine Untersuchung zum Häftlingseinsatz in den KZ-Revieren fehlt. Einzig Astrid Ley setzte sich in einem Aufsatz mit dem Dilemma der KZ-Häftlingsärzte auf der Grundlage verstreut aus verschiedenen Lagern vorliegender Berichte auseinander.2

Die Ausstellung bietet einen historischen Überblick zum KZ Ravensbrück und den dortigen Krankenrevieren sowie allgemein zu der Organisation, der Bedeutung und dem Häftlingseinsatz in den beiden Krankenrevieren. In einem alltagsgeschichtlich ausgerichteten Teil der Ausstellung werden die Aufnahme der Kranken in das Revier, die langen Wartezeiten, die hygienischen Bedingungen, die Krankheiten und Arbeitsverletzungen dargestellt. In dem Abschnitt, der sich mit den im Krankenrevier von Ravensbrück verübten Medizinverbrechen befasst, werden auch die Verbindungen zur Charité deutlich. Des Weiteren wird die Arbeit der Häftlingsärztinnen anhand von zwei Fallbeispielen, der Geburtenabteilung und der Pathologie, näher beleuchtet und die Situation im Krankenrevier des Ravensbrücker Männerlagers geschildert. Ein weiterer Abschnitt der Ausstellung geht auf die Krankenpflege nach der Befreiung und die Prozesse ein, bei denen auch ehemalige Häftlingsärztinnen und -pflegerinnen auf der Anklagebank saßen. In einem abschließenden akteurszentrierten Ausstellungsblock werden Biografien vom Häftlingspersonal vorgestellt, welche multinational ausgesucht wurden.

Anlässlich der Ausstellungseröffnung in der Berliner Charité benannte Dr. Dagmar Hertle, die erste Vorsitzende des AKF, den Bezug des Arbeitskreises zur Thematik. Medizinische Versorgung fände immer in einem spezifischen gesellschaftlichen Rahmen statt. Die Ausstellung sei ein Beispiel für dieses Wechselverhältnis, welches über die Arzt-Patient-Beziehung hinausgehe. Die stellvertretende Leiterin der Gedenkstätte Ravensbrück, Cordula Hundertmark, hob die moralische Herausforderung und den Druck auf die Häftlinge hervor, die die inhumane und rassistische medizinische Praxis mittragen und durchführen mussten. Die Verbindungen der Charité zum Krankenrevier des KZ Ravensbrück stellte Dr. Judith Hahn, Historikerin und wissenschaftliche Mitarbeiterin im Projekt »Wissenschaft in Verantwortung – GeDenkOrt.Charité«, heraus. Sie skizzierte die Biografien des Chirurgen und Sportmediziners Prof. Dr. Karl Gebhardt, welcher Medizinversuche mit Sulfonamiden in Ravensbrück3 durchführte, und des Gynäkologen Dr. Percival Treite, der von 1943 bis 1945 als Lagerarzt in Ravensbrück tätig war. Das Wirken der beiden SS-Mitglieder und Dozenten der Berliner Charité war der Anlass dafür, die Ausstellung in der Charité im Rahmen des Projekts »Wissenschaft in Verantwortung – GeDenkOrt.Charité« zu zeigen. Sie waren nicht die einzigen Wissenschaftler der Berliner Universität, die an NS-Medizinverbrechen beteiligt waren oder sie zumindest duldeten. Sieben von dreiundzwanzig im Nürnberger Ärzteprozess angeklagten Medizinern wirkten an der Berliner Charité, fügte Judith Hahn an.

Die Ausstellung war bis zum 31. 8. 2016 im Auditorium des CharitéCrossOver auf dem Campus Mitte zu sehen. Die nächsten Stationen sind: 8. 11. 2016 bis 20. 1. 2017 Universität Halle, 27. 1. bis 10. 3. 2017 Kreishaus Lüchow, 13. 3. bis 7. 4. 2017 Rathaus Wuppertal, 13. 4. bis 30. 6. 2017 Gedenkstätte Steinstraße, Dortmund, 1. 7. bis 15. 9. 2017 Landtag, Potsdam. Die Ausstellung kann kostenlos über buero@akf-info.de ausgeliehen werden. Der Begleitband zur Ausstellung erscheint 2017 im Metropol Verlag Berlin. Weitere Informationen sind unter www.akf-info.de abrufbar.

 

Lydia Stötzer studiert im Master Geschichtswissenschaft an der Freien Universität Berlin und arbeitet als Studentische Hilfskraft am Institut für Geschichte der Medizin und Ethik in der Medizin der Berliner Charité.

 

1    Förderer sind die Kulturstiftung des Bundes, das Bundesfamilien- und das Bundesgesundheitsministerium sowie das Sozialministerium des Landes Brandenburg.

2    Astrid Ley: Kollaboration mit der SS zum Wohle der Patienten? Das Dilemma der Häftlingsärzte in Konzentrationslagern, in: ZfG 61 (2013), H. 2, S. 123–139.

3    Volker Roelcke, Fortschritt ohne Rücksicht. Menschen als Versuchskaninchen bei den Sulfonamid-Experimenten im KZ Ravensbrück, in: Insa Eschebach/Astrid Ley (Hg.), Geschlecht und »Rasse« in der NS-Medizin, Berlin 2012, S. 101–114.