Joachim Schröder

Der Erinnerungsort Alter Schlachthof auf dem neuen Campus der Hochschule Düsseldorf

Gedenkstättenrundbrief Nr. 185 (3/2017) S. 22-31

Im Frühjahr 2016 wurde der neue Campus der Hochschule (früher: Fachhochschule) Düsseldorf im Stadtteil Derendorf eröffnet. Auf dem Gelände befanden sich zuvor eine Brauerei und von 1899 bis 2002 der ehemals städtische Schlachthof, der Ende der 1990er-Jahre privatisiert worden war, aber bald darauf Insolvenz anmelden musste. Danach verwaiste das Schlachthofgelände, die meisten Gebäude wurden abgerissen, lediglich zwei blieben erhalten: die Pferdeschlachthalle (die zu einem Studierendenzentrum umgebaut wird) und die frühere Großviehmarkthalle. Sie besteht aus einem älteren Gebäudeteil mit einer Stahlfachwerkkonstruktion aus der Entstehungszeit des Schlachthofs (1899) und einem Erweiterungsbau, der 1934 errichtet wurde. Sie sind typische Beispiele für die damalige Industriearchitektur und stehen deshalb seit 1999 unter Denkmalschutz.

 

Der städtische Schlachthof als Deportationssammelstelle

Die ehemalige Großviehmarkthalle ist aber aus anderen Gründen ein bedeutender historischer Ort. Während des Weltkriegs diente sie als Deportationssammelstelle für die jüdische Bevölkerung des gesamten Regierungsbezirkes Düsseldorf. Fast 6 000 Männer, Frauen und Kinder mussten sich hier auf Anordnung der Geheimen Staatspolizei in den Jahren 1941 bis 1944 zu insgesamt sieben Deportationen einfinden.1 Bewacht von Schutzpolizisten kamen sie in größeren Gruppen aus den umliegenden Städten, per Zug, Straßenbahn oder LKW bzw. zu Fuß, wenn sie in Düsseldorf lebten. Im Schlachthof angekommen, wurden die Menschen registriert. Sie mussten Erklärungen unterzeichnen, mit denen sie ihr verbliebenes Eigentum dem deutschen Staat übereigneten, hierfür waren eigens Gerichtsvollzieher vor Ort. Danach wurde ihr Gepäck von den anwesenden Kripo- und Gestapobeamten durchsucht, nicht selten wurden sie dabei noch weiter ausgeplündert. Anschließend mussten sie die Nacht in der Halle verbringen, was besonders in den Wintermonaten November und Dezember 1941 eine Tortur war. Am folgenden Morgen wurde die zumeist etwa 1000 Menschen umfassende Gruppe unter Bewachung von Schutzpolizei, Gestapo und SS oder Wehrmacht – vor aller Augen – zum nahe gelegenen Güterbahnhof Derendorf eskortiert. Von hier aus wurden sie zum vorgeblichen »Arbeitseinsatz im Osten« verschleppt, tatsächlich in die Ghettos, Konzentrations- und Vernichtungslager im besetzten Osteuropa.

Der erste Transport mit 1003 Menschen ging am 27. Oktober 1941 ins polnische Łódź, das die deutschen Besatzer in »Litzmannstadt« umbenannt hatten. Im dortigen Ghetto waren bereits auf engstem Raum 160 000 Menschen eingesperrt. Die Lebensverhältnisse waren katastrophal, auf Flucht stand die Todesstrafe. Wer arbeiten konnte, musste Zwangsarbeit leisten, wer zu alt oder zu schwach war, wurde »ausgesiedelt«, also in ein Vernichtungslager oder eine Hinrichtungsstätte deportiert und ermordet. Schon im November und Dezember 1941 folgten weitere Deportationen in die Ghettos von Minsk2 und Riga, im April 1942 in das »Transitghetto« Izbica und im Juli 1942 zwei Deportationen nach Theresienstadt. Im September 1944 folgte die letzte Deportation von etwa 250 in »Mischehe« lebenden Juden und von »Mischlingen« in Arbeitslager der Organisation Todt in Lenne und Zeitz. Nach vorsichtigen Schätzungen haben etwa 300 Menschen ihre Deportation überlebt.

Dass die Gestapo ausgerechnet den Schlachthof als Sammelstelle für die Deportationen nutzte, hatte vermutlich eher pragmatische Gründe: die Nähe zum Güterbahnhof, die Verfügbarkeit einer großen, leicht zu überwachenden Halle, zudem in städtischem Besitz. Doch es ist belegt, dass die symbolische Bedeutung schon damaligen Gestapobeamten unvorteilhaft erschien, sodass in manchen Dokumenten verschleiernd »Rather Str. 23« als Sammelstelle angegeben wurde und nicht »Schlachthof«. Welche Gefühle die Verfolgten beim Betreten der Halle bewegten, lässt sich erahnen. Vielen wurde schon hier klar, dass es keine Rückkehr geben würde: »Auf dem Schlachthof hat es bei mir ›klick‹ gemacht«, erinnerte sich später Werner Rübsteck, ein Überlebender des Ghettos Riga: »... und dann hat man uns ins Ghetto getrieben.« Der Düsseldorfer Schlachthof war für die Deportierten das Tor in eine andere Welt, geprägt von Hunger, Zwangsarbeit, Misshandlung und Mord.

Die makabre Metaphorik, die dem Ort und Begriff »Schlachthof« innewohnt, sollte nicht die Sicht darauf verstellen, dass die Deportationen, egal von welchem Ort sie erfolgten, das Ergebnis eines geschickt ausgeklügelten, komplexen, bürokratischen Prozesses waren. An diesem Prozess waren neben der federführenden Gestapo zahlreiche Agierenden aus verschiedenen Behörden und Organisationen beteiligt. Alles wurde »ordnungsgemäß« durch Gesetze und Verordnungen vorbereitet und »durchgeführt«. Die Deportationen blieben auch nicht geheim – neben den ungezählten Beteiligten und Augenzeugen gab es viele Menschen, die von dem geraubten Gut der Verschleppten profitierten, in der Regel wissend, wessen Güter sie da erwarben.

In der Düsseldorfer Stadtgesellschaft gerieten diese Verbrechen schnell in Vergessenheit. Erst 1986 wurde an der Mauer an der Rather Straße, die das Schlachthofgelände umfasste, eine kleine Gedenktafel angebracht, die im Laufe der Jahre mehrfach entwendet wurde. In derselben Zeit (1987) entstand auch die Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, die an alle NS-Opfer der Stadt erinnert, wobei dem jüdischen Leben vor und während der NS-Herrschaft eine große Aufmerksamkeit zuteil wird.3 Der historische Ort der Deportation selbst war die ganze Zeit unzugänglich, da der Schlachthof ja bis 2002 in Betrieb war. Auch der Derendorfer Güterbahnhof, von wo die Züge Richtung Osten abfuhren, war lange Zeit unzugänglich. Erst nach seiner Schließung und dem Abriss wurden 2012 eine Gedenkstele und ein Mahnmal errichtet, die an die Deportationen erinnern.4

 

Der Erinnerungsort Alter Schlachthof

In die ehemalige Großviehmarkthalle sind nun Campus IT und Hochschulbibliothek eingezogen. Im Eingangsbereich der Bibliothek, wo zwei Viehabstiege ins Untergeschoss der Halle führten, befindet sich nun der Erinnerungsort. Er hat damit einen zentralen Standort auf dem neuen Campus. Auf wissenschaftliche Bücher, Zeitschriften und andere Lernmittel, die für die alltägliche Arbeit im Erinnerungsort benötigt werden, kann unmittelbar zugegriffen werden. Für die Architekten von Nickl & Partner (München) bestand die Herausforderung darin, diesen denkmalgeschützten historischen Ort sinnvoll und angemessen in ein Konzept für einen modernen Hochschulneubau zu integrieren. Hierbei war übergeordnetes Ziel, einen zentralen Campus zu bilden und dabei bei voller Funktionsfähigkeit eine kleinteilige Stadtstruktur zu entwickeln. Die beiden Bestandsgebäude (Großviehmarkthalle und Pferdeschlachthalle) bilden nun die Endpunkte einer Ost-West-Grünachse. Durch die Kreuzung dieser Achse mit dem übergeordneten Nord-Süd-Grünzug wird der Campus ausgebildet und die Hochschule mit der Umgebung vernetzt.

Mit der Einrichtung des Erinnerungsortes konnte eine jahrelange Forderung verschiedener Akteure der Stadtgesellschaft (an vorderster Stelle die Mahn- und Gedenkstätte, die Jüdische Gemeinde, Agierende der Bezirksvertretung 1 der Stadt und der AStA der Hochschule Düsseldorf) erfüllt werden: dass an diesem Ort an die Deportierten in angemessener und würdiger Weise erinnert wird und dass die hier verübten nazistischen Verbrechen ausführlich dokumentiert werden. Vertretungen der genannten Institutionen begleiteten an einem »Runden Tisch« über drei Jahre die Entwicklung des Projekts. Realisiert werden konnte es mit großzügiger finanzieller Unterstützung der Landeshauptstadt Düsseldorf, des Ministeriums für Innovation, Wissenschaft und Forschung Nordrhein-Westfalen, des Landschaftsverbandes Rheinland und den Spenden vieler anderer öffentlicher und privater Organisationen, Stiftungen und Privatpersonen.5

Die Lage dieses historischen Ortes, einer Deportationssammelstelle, mitten auf dem Campus einer Hochschule, ist einmalig in der Bundesrepublik Deutschland.6 Diese spezielle Lage galt es bei der Erarbeitung des Ausstellungskonzeptes zu berücksichtigen – in gestalterischer wie in inhaltlicher Hinsicht. Von Vorteil war dabei, dass die Hochschule Düsseldorf über eine eigene Forschungseinrichtung verfügt, den Forschungsschwerpunkt Rechtsextremismus/Neonazismus (FORENA), der sich seit fast 30 Jahren mit dem aktuellen wie historischen Nazismus beschäftigt.7 Mitarbeiter von FORENA waren mit der inhaltlichen Konzeption des Erinnerungsortes betraut. Im »exhibition design institute« (edi – den Fachbereichen Design und Architektur zugehörig) werden Studierende zu Ausstellungsgestaltenden ausgebildet. In einem edi-Seminar wurden die ersten Entwürfe eines Erinnerungsortes entwickelt und von einem Absolventen dieses Seminars, Eric Fritsch (Düsseldorf), stammt der schließlich realisierte Entwurf. Studierende des Fachbereichs Medien gestalteten nicht nur den Web-Auftritt, sondern konzipierten und programmierten auch eine benutzerfreundliche Datenbank, das Digitale Archiv, dem im Ausstellungskonzept eine wichtige Rolle zukommt.

 

Konzeptionelle Überlegungen

Ebenso wichtig wie die vertiefende Dokumentation der an diesem Ort begangenen Verbrechen ist die Erinnerung an die verfolgten und ermordeten Menschen. Eine wesentliche Aufgabe des Erinnerungsortes besteht darin, ihre Namen und Geschichten zu bewahren bzw. zu erforschen, soweit sie noch nicht bekannt sind. Hierbei ist die überregionale Bedeutung des historischen Ortes zu berücksichtigen: Die Verfolgten stammten aus dem gesamten Regierungsbezirk Düsseldorf (weshalb sich das Konzept schon in dieser Hinsicht von der hiesigen Mahn- und Gedenkstätte unterscheidet).8

Die von hier aus verschleppten und ermordeten Menschen wurden Opfer einer mörderischen Staatsdoktrin, die bestimmte, wer aus rassistischen, sozialen oder politischen Gründen aus der NS-»Volksgemeinschaft« ausgeschlossen, d.h. eingesperrt oder ermordet wurde. Diesen Ausgrenzungsstrukturen zugrunde liegende Denkmuster wie Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Antisemitismus sind noch heute virulent und Ursache für Diskriminierung, Gewalt und gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit. Die Erinnerung an die während der NS-Herrschaft verübten Verbrechen sollte deshalb ein Anstoß zu einer Auseinandersetzung mit der Geschichte, aber ebenso mit Gegenwartsfragen sein.9 Diese Auseinandersetzung erfolgt zum einen in der Dauerausstellung selbst, die explizit die Frage nach den Folgen des Nazismus für die bundesrepublikanische Gesellschaft bis in die Gegenwart erörtert. Zum anderen erfolgt sie im Rahmen eines breiten Bildungsangebotes, das sich in gleicher Weise an die Studierenden der Hochschule wie an interessierte BürgerInnen richtet.

Studierende der Hochschule sind nicht allein eine zentrale Zielgruppe der Bildungsarbeit des Erinnerungsortes. Sie wurden, soweit möglich, als Akteure in Planung, Konzeption und Realisierung des Projektes mit einbezogen und sind dazu aufgerufen, sich an der künftigen Arbeit des Erinnerungsortes zu beteiligen. Die Auseinandersetzung mit den Themen des Erinnerungsortes soll – unabhängig vom Fachbereich – zu einem festen Bestandteil des Studiums an der Hochschule werden.

Unsere Erinnerungskultur ist laufend Veränderungen und Modifizierungen unterworfen, schon aufgrund des wachsenden zeitlichen Abstands zu den historischen Ereignissen und dem damit verbundenen allmählichen Verschwinden der ZeitzeugInnen. Eine weitere Herausforderung ist die sich verändernde Zusammensetzung der Gesellschaft, in der der Anteil derjenigen, die über nicht-deutsche kulturelle Hintergründe verfügen, stetig wächst.10 Auf diese Veränderungen muss die aktuelle Erinnerungskultur reagieren und Wege finden, die universellen Lehren aus den NS-Verbrechen allen verständlich zu vermitteln. Dies spiegelt sich auch im Ausstellungskonzept des Erinnerungsortes wider.

Ausstellen und Dokumentieren – innen und außen

Neben diesen inhaltlichen Erwägungen trägt das Ausstellungskonzept der besonderen Raumsituation Rechnung. Anstelle des vormaligen Zauns und Wellblechdaches, das die Viehabstiege nur notdürftig vor Nässe schützte, wurden auf beiden Seiten eine meterhohe Betonwand und darüber doppelverglaste Galeriefenster eingezogen. Die Viehabstiege selbst sind aufgrund ihrer Steigung (16 %) für Ausstellungszwecke wenig geeignet. Aus diesem Grund wurde in Absprache mit der zuständigen Denkmalbehörde auf der Höhe des Bodens des Erdgeschosses ein begehbarer Gitterrost montiert. Entstanden sind so zwei ausstellungstechnisch gut bespielbare, barrierefreie Galerieflügel. Um einen Rundgang zu ermöglichen, sind auf beiden Seiten im Gitterrost Durchgänge geschaffen, durch die man über eine Treppe auf die historischen Viehabstiege und so in das Untergeschoss gelangt, wo sich ein zweiter Eingang in das Untergeschoss der früheren Großviehmarkthalle befindet, das für mobilitätseingeschränkte BesucherInnen auch über einen Aufzug erreichbar ist. Die reine Ausstellungsfläche beträgt lediglich etwa 70 m².

Hinzu kommt, dass der historische Ort in der Stadtgesellschaft wenig bekannt ist. So lag es nahe, eine mehrteilige Ausstellung zu konzipieren und das Außengelände in das Ausstellungskonzept einzubeziehen. Dies geschieht auf zweierlei Weise: Am Campus-Eingang (Münsterstraße) verweist eine Informationsstele, auf der die frühere Gedenktafel aus den 1980er-Jahren montiert und kommentiert ist, auf den schon von hier sichtbaren Erinnerungsort. Unmittelbar vor der Großviehmarkthalle beginnt die Dauerausstellung: Ein von den Eicher-Werkstätten (Kernen im Remstal) realisiertes, vierteiliges Informationspult mit integrierter LED-Beleuchtung liefert in zwei Zeitabschnitten die historischen Hintergründe. Der erste dokumentiert die Ereignisse am historischen Ort vor 1945: die Ausgrenzung und Verfolgung der jüdischen Bevölkerung durch die nazistische »Rassenpolitik«, die auch für den Schlachthof spürbare Folgen hatte, den arbeitsteiligen Prozess der Deportation, den weiteren Weg der Verschleppten und ihre Ermordung. Der zweite Abschnitt behandelt die Nachkriegszeit bis zur Gegenwart, erörtert die Folgen und das Erbe des Nazismus, was mit den Überlebenden, mit den Tätern und mit der NS-Ideologie geschah, an die so viele »Volksgenossen« geglaubt hatten.

Im Innenbereich verfolgt die Dauerausstellung »Gesichter und Geschichten« einen biografischen Zugang. Es werden anhand von Fotos, Dokumenten, audiovisuellen Medien und Zeitzeugenberichten Menschen porträtiert, deren Lebensgeschichten mit dem Schlachthof bzw. mit den Deportationen der Jahre 1941–1944 verbunden sind. Auf 132 gleich großen Bilderrahmen (jeweils 22 in drei Reihen auf beiden Seiten) schauen uns Menschen an – bis auf wenige Ausnahmen handelt es sich um Fotografien, die in privaten Zusammenhängen entstanden sind. Sie stammen aus dem gesamten Regierungsbezirk und sind nach den insgesamt sieben Deportationen chronologisch angeordnet. Exemplarisch werden einige in ausführlicheren Kurzbiografien vorgestellt, daneben vermitteln verschiedene Zitate aus Erinnerungen oder anderen historischen Dokumenten O-Töne. Während im linken Seitenflügel ausschließlich Menschen porträtiert werden, die über den Schlachthof deportiert wurden, werden im anderen Seitenflügel jene vorgestellt, die auf andere Weise Opfer der Schoa wurden (es gab noch weitere Deportationen aus dem Regierungsbezirk), auch solche, die vor 1941 das Land verlassen konnten, »legal« oder »illegal«, wobei einigen die Flucht glückte, anderen nicht.

Nur ganz wenigen gelang es, sich den Deportationen durch Untertauchen zu -entziehen. Dies war nur möglich, wenn nichtjüdische Menschen Zivilcourage besaßen und halfen – auch solche biografischen Beispiele (wie z.B. Otto und Hulda Pankok oder der -spätere Schriftsteller Bernt Engelmann) werden dokumentiert. Von diesen Biografien gestalterisch abgetrennt werden auch TäterInnen, Profiteure und MitläuferInnen aus Schlachthofverwaltung, Stadt- und Finanzverwaltung, Polizei und Gestapo porträtiert – denn auch sie haben Gesichter und ihre ganz eigene Geschichte. Sämtliche Biografien sind ganz individuell und doch exemplarisch und können ausgetauscht werden. Die Bilderrahmen-Wand bietet temporär auch Raum für andere Ausstellungsprojekte.

Über den Viehabstieg gelangt man in das Untergeschoss, das bewusst zurückhaltend bespielt ist, sodass die Wirkung des Raums, durch den auch viele der damals Deportierten ins Innere der Halle gelangten, nur wenig gestört wird. An den Wänden sind Zitate von Überlebenden angebracht, die ihren damaligen Weg und ihre Eindrücke wiedergeben. Zwei Hörstationen enthalten ZeitzeugInnen-Interviews mit Überlebenden der Deportationen. Im Zentrum des Erinnerungsortes steht das Digitale Archiv, das als Vertiefungsbereich mehrere wichtige Funktionen erfüllt. Es enthält:

1   sämtliche Ausstellungsinhalte des Außenausstellungsbereiches;

2   verschiedene Dokumentensammlungen: schriftliche Zeitzeugenberichte, ausgesuchte Themen (Arisierung am Schlachthof, Organisation der Deportationen, Material aus NS-Prozessen etc.), vor allem Informationen über die Zielorte der Deportationen und die (fast vollständig überlieferten) Deportationslisten.11 Damit wird der Großteil der Namen der von hier aus deportierten Menschen dokumentiert.

3   Die biografische Datenbank: Hier finden sich weitergehende Informationen über alle in der Dauerausstellung porträtierten Menschen, aber auch darüber hinaus. Sie soll zukünftig, im Sinne einer aktiven Erinnerungsarbeit, ständig erweitert werden, um möglichst vielen Verfolgten und Ermordeten Namen und Gesicht wieder zu geben.12

Im Bereich der Hochschulbibliothek wird am historischen Ort das einzige Exponat der Dauerausstellung gezeigt: eine Reihe original erhaltener Steintröge. Sie verweisen zum einen auf die frühere Funktion der Halle. Zum anderen sind sie mit einer Erinnerung der Überlebenden Hilde Sherman-Zander verknüpft, die berichtete, wie in den Nächten vor einer Deportation die Eltern ihre Kleinkinder in die Tröge legten, um sie vor Kälte und Schmutz zu schützen. Das entsprechende Zitat ist, gemeinsam mit einem histo-rischen Foto aus dem Innenraum der Halle, an der Wand hinter den Trögen angebracht.13

 

Bildungsarbeit

Die Dauerausstellung wird um ein historisch-politisches Bildungsprogramm ergänzt. Es richtet sich insbesondere an die Hochschulangehörigen, aber auch an Jugendliche in Schule und Ausbildung, Multiplikator/innen sowie die interessierte Öffentlichkeit. Das Bildungsprogramm umfasst Führungen, Informationsveranstaltungen, Workshops, Lesungen und Vorträge zur Geschichte und Bedeutung des historischen Ortes und über die Menschen aus der Region, die in die Ghettos und Vernichtungslager deportiert wurden. Dabei wird auch die Rolle der TäterInnen, ProfiteurInnen und schweigenden ZuschauerInnen kritisch hinterfragt. Seit der Eröffnung des Erinnerungsortes im Februar 2016 werden wöchentlich öffentliche Führungen angeboten; zahlreiche Gruppen, auch mehrere Holocaust-Überlebende und ihre Nachkommen haben die Einrichtung bereits besucht. In den vergangenen beiden Semestern trat der Erinnerungsort mit einer Vortragsreihe (» Erinnern heißt Handeln«) an die Öffentlichkeit, mit Beiträgen zu historischen und aktuellen Themen rund um den historischen Ort. Derzeit werden Seminare und Workshops konzipiert, in denen neben den historischen Themen Gegenwartsfragen wie Rassismus, Antisemitismus, Rechtsextremismus, Ausgrenzung und Umgang mit Minderheiten erörtert werden.

 

Ausblick

Die Erinnerungskultur wird durch unterschiedlichste Akteure geprägt – in Zukunft auch durch Angehörige und Studierende der Hochschule Düsseldorf. Sie wird umso vielfältiger, je mehr Menschen sich an ihr aktiv beteiligen. Der neue Erinnerungsort Alter Schlachthof schließt eine Lücke in der »Erinnerungslandschaft« der Landeshauptstadt und ist derzeit der einzige Gedenkort des Landes NRW, der nicht in kommunaler Trägerschaft betrieben wird. Er versteht sich als eine Ergänzung zur Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, mit der er in regem Kontakt und Austausch steht, und als Bestandteil des Netzwerks regionaler wie überregionaler Erinnerungsorte und Einrichtungen der historisch-politischen Bildung.

 

Dr. Joachim Schröder, Historiker, ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter des Forschungsschwerpunktes Rechtsextremismus/Neonazismus sowie seit Mai 2013 Präsidiumsbeauftragter und Leiter des Erinnerungsortes Alter Schlachthof an der Hochschule Düsseldorf.

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1    Es gab noch weitere Deportationen aus Düsseldorf mit insgesamt etwa 2000 Menschen, bei denen aber nicht der Schlachthof als Sammelstelle diente. Darunter waren zwei größere Transporte am 15. 6. 1942 offiziell nach Izbica (sehr wahrscheinlich jedoch in das Vernichtungslager Sobibór) und Anfang März 1943 in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau. Bei beiden Transporten kamen die Deportierten aus verschiedenen Regierungsbezirken bzw. Gestapoleitstellenbereichen. Hinzu kamen noch mehrere kleinere Transporte aus dem Regierungsbezirk Düsseldorf. Übersicht in: Bastian Fleermann/Hildegard Jakobs: Düsseldorfer Deportationen, Düsseldorf 2015 (Kleine Schriftenreihe der Mahn- und Gedenkstätte Düsseldorf, Bd. 5), S. 70f.

2    Bei der Deportation nach Minsk (10. 11. 1941) diente der Schlachthof als Sammelstelle für 748 Menschen; weitere 244 stiegen am Hauptbahnhof in Wuppertal zu. Vgl. Fleermann/Jakobs, Deportationen, S. 31.

3    Dies zeigt sich vor allem an dem überaus umfangreichen Bestand mit Interviews, Briefen und Fotos früherer Düsseldorfer Jüdinnen und Juden und ihrer Nachkommen im Archiv der Mahn- und Gedenkstätte. Zu ihrer Neugestaltung siehe den Beitrag ihres Leiters Bastian Fleermann: Düsseldorfer Kinder und Jugendliche im Nationalsozialismus, in: Gedenkstättenrundbrief Nr. 180 (12/2015), S. 15–20.

4    Das Mahnmal, das bereits im Sommer 2013 mit einem Hakenkreuz beschmiert wurde (ein Täter wurde nicht ermittelt), geriet kürzlich in die öffentliche Kritik, da es vielen als zu klein und zu unauffällig platziert gilt. Vgl. Neue Rhein Zeitung, 8. 10. 2016 (» Mahnmal sollte ›unspektakulär‹ sein«).

5    Siehe www.erinnerungsort-duesseldorf.de/unterstuetzer.

6    Es gibt aktuell nur zwei Hochschulen, die dauerhafte Erinnerungsorte/Ausstellungen mit Bezug auf während der NS-Herrschaft begangene Verbrechen eingerichtet haben: die Ludwig-Maximilians-Universität München (Denkstätte Weiße Rose München) und die Goethe-Universität Frankfurt (wollheim memorial).

7    Der frühere Leiter, Wolfgang Dreßen, konzipierte 1998 die bundesweit beachtete Ausstellung über die »Arisierung« (»Aktion 3 – Deutsche verwerten ihre Nachbarn«). Zu den aktuellen Forschungen und Aktivitäten von FORENA siehe das auch online erhältliche »Forena-Forum« (www.forena.de).

8    Zwei weitere prinzipielle Unterschiede sind: Die Fokussierung auf die Opfergruppe (die Mahn- und Gedenkstätte erinnert ausdrücklich an alle NS-Verfolgten) sowie, begünstigt durch die Arbeit und Ausrichtung des Forschungsschwerpunktes Rechtsextremismus/Neonazismus, die ausführliche Beschäftigung mit der Zeit nach 1945 bis in die Gegenwart.

9    Siehe hierzu Habbo Knoch: Wohin, Gedenkstätten? In: gedenkstättenrundbrief Nr. 178 (6/2015), S. 3–8.

10  Vgl. u.a. Oliver von Wrochem: Die zeitliche Distanz zu den NS-Verbrechen als Herausforderung für die Bildungsarbeit zum Nationalsozialismus, in. Gedenkstättenrundbrief Nr. 179 (10/2015), S. 3-14.

11  Für die letzte Deportation vom 18. 9. 1944 ist keine Namensliste überliefert.

12  Aus archiv- und bildrechtlichen Gründen ist es aktuell nicht möglich, diese Datenbank online zu präsentieren. Der Verf. hofft, für diesen unbefriedigenden Zustand mittelfristig eine Lösung zu finden.

13  Über den Standort der Tröge (Bibliothek oder Campusgelände) entbrannte eine längere, teils hitzige Diskussion (vgl. u.a. Westdeutsche Zeitung, 2. 9. 2015, Rheinische Post, 4. 9. 2015), die an dieser Stelle nicht dokumentiert werden kann, aber in erinnerungskultureller Hinsicht nähere Betrachtung verdiente (dokumentiert im Pressespiegel auf www.erinnerungsort-duesseldorf.de).