Der Geschichtslehrpfad Lagerstraße in Bremen-Rekum/Schwanewede
Gedenkstättenrundbrief 156 S. 27-33Autarke Geschichtslehrpfad-Führung mit dem eigenen Handy über fünf Kilometer
»Das Handy führt über den Geschichtslehrpfad« titelte »Die Norddeutsche« am 20. März, »Geschichtslehrpfad jetzt per Audioguide zu erkunden« das Wochenblatt »Das BLV« am 4. April 2010. Beiden Bremer Regionalzeitungen war die Einweihung des Handy-Guide jeweils einen bebilderten längeren Bericht wert.
Die historische Situation
Die Region Bremen-Farge im äußersten Norden der Stadt mit den niedersächsischen Ortschaften Schwanewede und Neuenkirchen stellt für die Erinnerungsarbeit eine fast einmalige Konstellation dar: Auf einer Grundfläche von sechs mal zwei Kilometern waren in der NS-Zeit zwischen 1938 und 1943 sieben Lager mit unterschiedlichsten Funktionen eingerichtet. In ihnen mussten bis zu 12 000 Menschen – Gefangene verschiedener Kategorien, »Ost- und Westarbeiter« sowie deutsche Arbeiter und Soldaten – leben. Als »Arbeitserziehungshäftlinge«, KZ-Häftlinge oder Kriegsgefangene leisteten sie Zwangsarbeit für die Kriegsmarine und wurden anfangs von der SS, ab 1944 von Soldaten der Kriegsmarine bewacht. Ein Teil der Lager war auf Bremer Gebiet, der größere Teil auf seinerzeit preußischem, heute niedersächsischem Gebiet gelegen. Eines der ehemaligen Lagergelände ist seit 1956 Standortübungsplatz der Bundeswehrdienststellen aus Schwanewede, ein weiterer Teil wurde Kaserne und aus dem größten Lager wurde der Schwaneweder Ortsteil Heidkamp. Mehr als 1100 Opfer sind namentlich bekannt. Ihre Namen sind sichtbare Zeichen der »Vernichtung durch Arbeit«. Die Zahl der unbekannten Opfer, besonders unter den sowjetischen Kriegsgefangenen, wird vermutlich nie bestimmbar sein.
In Bremen gibt es bisher keine zentrale Gedenkstätte zur NS-Verfolgung. Trotz jahrelanger Bemühungen in Bremen-Nord ist bisher für eine alle Interessengruppen widerspiegelnde Erinnerungsarbeit keine Plattform gefunden worden. Der inzwischen vom Verein verwirklichte Geschichtslehrpfad auf der Fläche des heutigen Standortübungsplatzes Schwanewede hat in dieser Hinsicht einen ersten Schritt getan und leistet seinen Beitrag zur historisch-politischen Bildungsarbeit im Sinne von »begehbarer Geschichte«. Nach Auszug der Bundeswehr aus dem U-Boot-Werftbunker »Valentin« Ende 2010 wird dort durch das Land Bremen mit erhoffter Bundesunterstützung eine Gedenkstätte entstehen, deren Konzeption derzeit erarbeitet wird.
Seit 1999 bieten wir Führungen durch den Bunker, kombiniert mit Führungen über den Geschichtslehrpfad Lagerstraße an. Sicher ist, dass unsere ehrenamtliche Arbeit in die Angebote der Gedenkstätte unverzichtbar einfließen wird.
Unsere Absichten, Ziele und tägliche Arbeit haben wir von Anfang an im Wesentlichen über das Internet abgebildet und dabei sehr gute Erfahrungen gemacht. Zeitzeugen aus den USA, Polen und Irland sind über dieses Medium an uns herangeführt worden. Die Vereinspräsenz ist unter www.geschichtslehrpfad.de abzurufen.
Der Geschichtslehrpfad Lagerstraße Bremen/Rekum und Schwanwede
Der Geschichtslehrpfad Lagerstraße dokumentiert die historische Verbindung zwischen dem U-Boot-Werftbunker »Valentin« in Bremen-Farge (Rekum), der Lagerstraße, den Orten der ehemaligen Lager, dem ehemaligen Massengrab und dem noch vorhandenen Kriegsgräberfriedhof bis hin zu unserem Vereinsdomizil, der Baracke 27 in Schwanewede-Neuenkirchen. Eine Google-Maps-gestützte Darstellung bildet ihn ab.
Über die einzelnen »Blasenpunkte« lassen sich weitere Informationen, Bilder und Texte abrufen. Die Idee für die Lösung des Problems, wie sich der unbetreute Besucher im weitläufigen Gelände zurechtfinden und man ihn ohne weiteres Betreuungspersonal und über die bereits aufgestellten Tafeln hinaus informieren kann, bekamen wir durch einen NDR-Fernsehbericht im September 2008: Die Stadt Wolfenbüttel betreibt seit einiger Zeit einen Handy-Guide, der unseren Vorstellungen und Vorhaben genau entsprach.
Das Handy-Guidesystem
Das audio-basierte System ist für Mobiltelefone in deutscher Sprache geeignet. Eine Erweiterung für andere Sprachen und weitere Hörbeiträge (z.B. durch Zeitzeugenberichte) ist jederzeit möglich. Gäste und Besucher können spezielle Informationen zur Historie des Geschichtslehrpfads jederzeit und ganz einfach über das eigene Mobiltelefon abrufen. Dafür wählt man eine »vor Ort« vermerkte Festnetz-Telefonnummer und erhält umgehend die gewünschten Informationen. Für diesen Guide sind jeweils dreiminütige Beiträge an den Orten der Lager und an zwei Massengräberfelder per Handy abrufbar.
Das Projekt wurde vom Verein »Dokumentations- und Gedenkstätte Geschichtslehrpfad Lagerstraße/U-Boot-Bunker Valentin e.V.« initiiert. Der Verein betreut den Lehrpfad, die Bremer Landeszentrale hat den Audioguide finanziert und deren Leiter Herbert Wulfekuhl hat das Projekt der Öffentlichkeit übergeben.
Das Audioguidesystem wird dem Besucher auf einer Hinweistafel am Beginn und mittels Positionierung im Gelände dargestellt. Der Rundkurs kann auch ohne Nutzung des eigenen Mobiltelefons durchwandert werden. Die einzelnen »POI« (»Point of Interest«) sind durch insgesamt 26 Hinweisschilder miteinander verbunden. Auf jedem Schild sind das Vereinssymbol sowie die Richtung der nächsten Station abgebildet. An sieben Stationen kann über die dort angegebene Rufnummer der »Handy-Guide« aktiviert werden. Die Kosten dafür richten sich nach dem persönlichen Tarif für Gespräche ins Inlandsfestnetz. Die Hörbeiträge sind so konzipiert, dass sie die Texte auf den Stelen der einzelnen Stationen ergänzen.
Die Rufnummern für die sieben Stationen lauten:
089 210 833 444 101 Geschichtslehrpfad
089 210 833 444 102 KZ-Bahnhof
089 210 833 444 103 Reste des Rundbunkers 7
089 210 833 444 104 Außenlager Bremen-Farge des KZ Neuengamme
089 210 833 444 105 Gedenkstein des Standortältesten
089 210 833 444 106 Massengrab
089 210 833 444 107 Hospitalfriedhof Neuenkirchen.
Eine Erweiterung um vermutlich drei weitere Hörstationen wird es wahrscheinlich bis Ende 2011 geben.
Kosten
Die Einrichtung dieser »Points of Interest« als Telefonnummern kostete insgesamt 140 € (ohne MwSt.), die von uns entworfenen Beiträge wurden mit professionellen Sprechern aufgenommen und kosteten je 180 € (ohne MwSt.). Die Beiträge können zum gleichen Preis in jeder anderen Sprache nachgerüstet werden. Aufgrund der Opfergruppen würden sich hier Russisch, Französisch, Polnisch und Englisch anbieten. Der jährliche Betrieb kostet – unser Vertrag hat drei Jahre Laufzeit – 300 € (ohne MwSt.). Unser Handy-Guide hat in der Einrichtung und für den Betrieb der ersten drei Jahre also 2000 € (einschließlich MwSt.) gekostet.
Zielgruppe
Der Handy-Guide richtet sich an Gäste und Besucher mit spontanem Informationsbedürfnis, die zeitlich und räumlich flexibel bleiben wollen. Sein Vorteil ist die einfache Technik, die für jedes Alter gut geeignet und sehr weit verbreitet ist (die Besucher haben meist eigene Handys und nutzen diese zunehmend auch unterwegs). Weiterhin müssen keine Leihgeräte bereitgestellt werden (unser wichtigstes Argument, da wir als ehrenamtlich tätiger Verein nur begrenzte Personalressourcen verfügbar haben) und die Akzeptanz ist durch günstige Dienste (nur Verbindungskosten ins Festnetz) nachweislich hoch.
Technik & Service
Wir arbeiten mit der Firma tomis aus Gröbenzell zusammen, die uns einen günstigen Komplettservice bietet: Programmierung der Nutzerführung, Integration in die System-Software sowie die Einspielung auf Datenservern; Betrieb und Wartung, d.h. Leitungsanbindung und Call-Service, Bereitstellung S2M Servertechnik, Wartung und technische Betreuung sowie Multi-Channel-Nutzung; Anruf-Statistikauswertung.
Mögliche Zusatzdienste
Neben den bereits bestehenden Möglichkeiten wäre es grundsätzlich möglich, weitere Dienste anzubieten, von denen wir bisher abgesehen haben: Die Hörbeiträge könnten in noch vielfältiger Art und Weise, z.B. durch stärkere Einbindung von Zeitzeugeninterviews erweitert werden. Neben der Nutzung des Audioguides per Anruf könnten folgende Services zugekauft werden:
A Download am heimischen PC. Die Hörbeiträge könnten idealerweise auch über das Internet zum Download auf das eigene Handy oder den MP3-Player zur Verfügung gestellt werden. Hier wären dann auch thematisch geordnete Touren möglich.
B Mobiles Internet. Gegenwärtig kommen zunehmend Mobiltelefone mit Internetzugang auf den Markt (iphone, Blackberry, Google-Handy). Mit Blick auf die schnell wachsende Verbreitung dieser Geräte könnten die Hörbeiträge und Touren über das Internet direkt im Handy abrufbar gemacht werden – gerade für jugendliche Zielgruppen eine zeitgemäße Informationsplattform.
C Applikationen. Für moderne Mobiltelefone (z.B. iPhone, Google-Handy, Nokia E71) kann die Audio-Führung zu einer Multimedia-Führung ausgebaut und können zusätzliche Features beigefügt werden, z. B. Videobeiträge. Diese Applikationen (Apps) können per Download erstanden werden (etwa Apples App Store) und sind dann im Offline-Modus verfügbar. Dies ist ein Angebot mit wachsendem Absatzmarkt, das besonders von Jüngeren genutzt wird; der Verkauf von Apps bietet zudem den Vorteil der Refinanzierung.
Historische Beschreibung der Points of Interests (POI)
Die sieben Points of Interests verknüpfen historische Informationen mit den authentischen Orten.
POI 1 Der Geschichtslehrpfad
Vor unserer Baracke 27, dem Zentrum des Vereins »Dokumentations- und Gedenkstätte Geschichtslehrpfad Lagerstraße/U-Boot-Bunker Valentin« in Schwanewede-Neuenkirchen beginnt und endet der knapp fünf Kilometer lange Rundkurs mit derzeit sieben »POI«, die gegen den Urzeigersinn angelaufen werden können. Dem potentiellen Besucher wird auf einer Hinweistafel das System und seine Darstellung im Gelände erläutert. Der Rundkurs kann auch ohne Nutzung des eigenen Handys durchwandert werden. Die einzelnen »POI« sind durch insgesamt 26 Hinweisschilder miteinander verbunden. Auf jedem Schild ist das Vereinssymbol sowie die Richtung der nächsten Station abgebildet.
POI 2 Der KZ-Bahnhof
Am Bahnhof endete das Normalspurgleis der Farge-Vegesacker Eisenbahn, das die NS-Lager mit den Reichsbahngleisen verband und eine Lorenbahn führte von hier in das weite Gelände.
POI 3 Reste des Rundbunkers 7
Hier sind die Reste eines Rundbunkers zu sehen, der eigentlich Schweröl für die Schiffe der Kriegsmarine aufnehmen sollte. Ein baugleicher Rundbunker wurde 1943 als Unterkunft der Häftlinge des Konzentrations-Außenlagers Bremen-Farge genutzt.
POI 4 Außenlager Bremen-Farge des KZ Neuengamme
Das Konzentrationslager Neuengamme hatte mehr als 80 Außenlager, davon waren 20 Frauenlager und neun Lager verteilten sich auf Bremen. Das Außenlager Bremen-Farge wurde im Sommer 1943 eigens für die Baustelle des U-Boot-Bunkers »Valentin« eingerichtet. Farge war das größte KZ-Außenlager in Bremen und auf dem Höhepunkt der Bauarbeiten mit etwa 3 000 Häftlingen belegt.
POI 5 Gedenkstein des Standortältesten, »Arbeitserziehungslager«, Marinegemeinschaftslager und sowjetisches Kriegsgefangenenlager
Hier werden vier verschiedene Sachverhalte dokumentiert: der Gedenkstein des Standortältesten der Bundeswehr Schwanewede, der im April 1995 als erster Erinnerungspunkt durch die Bundeswehr aufgestellt wurde, das »Arbeitserziehungslager«, das Marinegemeinschaftslager und das Lager für sowjetische Kriegsgefangene. Die jeweiligen Lagerstandorte sind durch Gedenkstelen kenntlich gemacht.
POI 6 Ehemaliges Massengrab
Diese erste Stele des Geschichtslehrpfads erinnert seit 2002 an das einstige Massengrab für die 783 Opfer der umliegenden Lager. Vorher war dieser Ort in Vergessenheit geraten. In dem Grab wurden ab Frühjahr 1944 bis Kriegsende überwiegend sowjetische und polnische Lagerinsassen notdürftig verscharrt. Sie konnten bei der Exhumierung 1949 nicht mehr identifiziert werden. Die Verlegung nach Bremen ist aus heutiger Sicht zu bedauern, da gelegentlich behauptet wird, es habe hier keine Toten gegeben. Dass dies nicht stimmt, würden die Gräber jedem beweisen. Weitere Opfer der Zwangsarbeit – vermutlich 54 – wurden auf dem Friedhof der evangelisch reformierten Kirche Neuenkirchen beerdigt. Dieses Grab existiert heute ebenfalls nicht mehr. Die Toten wurden exhumiert und – soweit sie identifiziert werden konnten – in ihre Heimat oder ebenfalls zur zentralen Gedenkstätte nach Bremen-Osterholz umgebettet.
POI 7 »Hospitalfriedhof« Neuenkirchen
Der Kriegsgräberteil dieses Friedhofs wurde 1945 für das sogenannte Marinehospital angelegt. Im Gegensatz zu heute lag der Friedhof damals auf einer freien Sandfläche. Nach Kriegsende wurde das Marinegemeinschaftslager in ein Hospital umfunktioniert. Auch 713 ehemalige KZ-Häftlinge des KZ-Auffanglagers Sandbostel wurden nach ihrer Befreiung durch britische Soldaten ab 16. Mai 1945 hierher verlegt. Viele der Männer überlebten nicht. 118 Gefangene der Lager starben vom 17. Mai 1945 bis 24. Oktober 1946 an den Folgen des Nazi-Terrors. Sie kamen aus mindestens elf Nationen – überwiegend aus der Sowjetunion – und waren zwischen 16 und 61 Jahre alt. Die Toten wurden auf dieser Kriegsgräberstätte begraben.
Heiko Kania, pensionierter Berufsoffizier der Bundeswehr, ausgebildeter Betriebswirt, arbeitet seit 1998 ehrenamtlich in der »Dokumentations- und Gedenkstätte Geschichtslehrpfad Lagerstraße/U-Boot-Bunker Valentin« in Bremen-Farge.


