Kurt Buck

Die Bedeutung des »Authentischen« in der Bildungsarbeit des DIZ Emslandlager

Gedenkstättenrundbrief 100 S. 19-24

Seit Mai 1985 besteht das »Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager« in Papenburg. Es wurde in einem Haus an einem der langen Papenburger Kanäle eingeweiht, das keinen direkten »authentischen« Bezug zur Verfolgungsgeschichte im Emsland während der NS-Zeit hat. Papenburg war Sitz der Kommandantur der in der Region verteilten Lager. Schon vor der Einrichtung des DIZ gab es Überlegungen, eine »authentische« Baracke des Lagers Groß-Hesepe zu nutzen, die in Esterwegen wieder aufgebaut werden sollte, nachdem der damalige Bundesverteidigungsminister Apel dem Aktionskomitee die Nutzung eines nicht von der Bundeswehr benötigten Teilgeländes des früheren Lagers zugesagt hatte.

Sein Nachfolger Wörner widerrief diese Zusage jedoch. Mit der im Jahr 2000 angekündigten Freigabe des Teils, auf dem die Baracken der Häftlinge und der Wachmannschaften standen, durch die Bundeswehr und der geplanten Einrichtung einer Gedenkstätte durch den Landkreis Emsland soll zukünftig die Möglichkeit bestehen, auf dem ehemaligen Lagergelände Gedenkstättenarbeit durchzuführen.

Bereits im GedenkstättenRundbrief Nr. 2/1983 wurde über eine Unterschriftenaktion des Aktionskomitees für ein DIZ zur Erhaltung der wenigen Lagerbaracken berichtet. In einem Bericht über die Arbeit des DIZ Emslandlager, der von Kurt Buck in der Nr. 18/1987 des Rundbriefs verfasst wurde, werden auch andere Bereiche genannt, die das »Authentische« der Gedenkstättenarbeit bestimmen: – Gespräche mit der älteren emsländischen Bevölkerung, – der persönliche Kontakt und das Vertrauensverhältnis mit den »Moorsoldaten«, – die intensive und auf die individuellen Bedürfnisse der Besucher(-Gruppen) abgestimmte Betreuung.

Es bleibt die Frage, wie sich die »Authentizität« des Ortes mit dem »authentischen«, vielleicht besser als ernsthaften, glaubwürdigen oder ganzheitlichen umschriebenen Anspruch der Gedenkstättenarbeit verknüpft?

 

Die Erzählungen einer Person über ihre Erlebnisse können authentisch sein. Authentisch sind auch Gegenstände, die aus einer vergangenen Zeit stammen, und Orte eines erinnerten Geschehens. Auf Authentizität bedacht, werden Gedenkstätten an solchen Orten errichtet. Dem DIZ fehlt ein solcher Ort. In seiner Bildungsarbeit steht die durch Personen vermittelte Authentizität im Vordergrund. Es ist im Rückblick nicht mehr eindeutig festzustellen, wieweit aus der Not eine Tugend gemacht oder von vornherein einer guten Einsicht gefolgt wurde.

Die Stätten der 15 Emslandlager sind durch spätere Nutzung entstellt oder gänzlich unkenntlich gemacht. Börgermoor, das erste vom preußischen Staat offiziell eingerichtete KZ im Emsland, bekannt durch das hier entstandene Moorsoldatenlied war bis vor kurzem ein Acker. Nur hoch gepflügte Bruchstücke von Fundamentsteinen, Tonröhren und Isolierköpfen verrieten dem Kundigen den Standort des ehemaligen KZ. Heute sind auch diese Zeugnisse verschwunden. Eine benachbarte Gärtnerei hat sich über das Gelände ausgedehnt. Esterwegen, das bekannteste emsländische KZ, Vorgänger von Sachsenhausen, Haftort Ossietzkys und anderer prominenter Häftlinge, war bis vor kurzem ein Depot der Bundeswehr. Einzelne Lager wurden nach Kriegsende zunächst als Strafanstalten genutzt, bevor ihr Abriss erfolgte. In Versen und Groß-Hesepe bestehen heute noch Justizvollzugsanstalten auf dem alten Lagerterrain, mit inzwischen neuen Gebäuden. Andere ehemalige Lagergelände sind landwirtschaftliche Flächen.

Die einzigen authentischen Orte, die öffentlichem Gedenken zur Verfügung stehen, sind die neun Friedhöfe der Emslandlager, acht davon als »Kriegsgräberstätte« ausgeschildert. Wahrgenommen wird häufig nur der Friedhof Bockhorst/Esterwegen am Küstenkanal, heute die »Gedenkstätte Esterwegen«, lange Zeit ein umstrittener Ort. In Aktionen hart am Rande der Legalität musste von einer Papenburger Bürgerinitiative sein Erhalt und sein Ausbau zu einer Gedenkstätte durchgesetzt werden.

Die Auseinandersetzung mit den Behörden entzündete sich an der Frage, wer in den Einzelgräbern lag. Die sterblichen Überreste der von 1933 bis 1936 in den emsländischen KZ Umgekommenen waren 1955 exhumiert und auf den Lagerfriedhof in Versen umgebettet worden, die Leichen von ausländischen Widerstandskämpfern, den »Nacht- und Nebel«-Gefangenen, wurden in ihre Heimatländer überführt. Nun ruhten ausschließlich in den Strafgefangenenlagern des Emslands Umgekommene auf dem Friedhof. Sollte man bestatteter Krimineller gedenken? Aber wie viele Politische mochten sich unter ihnen befinden, die als »Hochverräter« von der NS-Strafgesetzgebung kriminalisiert worden waren, oder solche, die wegen »Rassenschande« oder aufgrund des §175 inhaftiert worden waren? War der Friedhof ein authentischer Ort für ein politisches, antifaschistisches Gedenken?

Gegen solche Fragen und Zweifel setzte die Essener Gewerkschaftsjugend 1963 einen Gedenkstein, den sie Ossietzky und seinen Mitgefangenen widmete. Vor ihm richten seit vielen Jahren eine grenzübergreifende deutsch-niederländische Initiative zum 8. Mai und der örtliche DGB zum 1. September öffentliche Gedenkveranstaltungen aus. An der inhaltlichen Gestaltung und organisatorischen Ausrichtung ist das DIZ beteiligt. Wenn zur gleichen Zeit ein Treffen ehemaliger Häftlinge im DIZ stattfindet, gibt deren Teilnahme der Veranstaltung eine besondere Prägung. Es ist vor allem ihre Gegenwart, die es verhindert, dass aus dem Gedenkstein, vor dem Blumen und Kränze niedergelegt werden, eine der so häufig und vielleicht auch zu recht geschmähten »Kranzabwurfstellen« wird. Wer hier zum öffentlichen Gedenken kommt, kommt aus eigenem Antrieb, nicht von Amts wegen oder aus gesellschaftlicher Verpflichtung. Die Veranstaltungen bilden Höhepunkte in der Arbeit des DIZ. Aber weder sie noch der Ort sind für die alltägliche Bildungsarbeit von größerer Bedeutung.

Der Mangel eines authentischen Ortes, an dem sich eine Bildungsstätte hätte einrichten lassen können, war ein Grund dafür, dass die personale Identität für die Bildungsarbeit des DIZ in den Vordergrund trat. Aber er war nicht der Hauptgrund. Von vornherein existierte eine enge Zusammenarbeit zwischen dem »Aktionskomitee«, das die Errichtung einer Gedenkstätte anstrebte, seine Bildungsarbeit zunächst ohne sie aufnahm und inzwischen als Trägerverein des DIZ fungiert, und deutschen ehemaligen politischen Häftlingen, von denen sich viele in einem »Komitee der Moorsoldaten« zusammengeschlossen hatten, sowie dänischen und belgischen Widerstandskämpfern und Zwangsrekrutierten aus Luxemburg. Die Gespräche mit ihnen auf Seminaren, Tagungen, Workcamps, ihre Erzählungen und Vorträge machten den Kern der Bildungsarbeit des Vereins aus. Sie traten nicht als »Zeitzeugen« auf, wie sie der Historiker befragt, um Sachauskünfte zu erhalten, sie bezeugten vielmehr, jeder in seiner Weise, eine exotisch anmutende Welt, eine Welt der Leiden, von Verfolgung und Unterdrückung, von Folter und Misshandlungen, von Ohnmacht und Widerstehen, von Überlebenswillen und Resignation, von geglückter und verletzter Solidarität.

Den Höhepunkt dieser Bildungsarbeit bildete ein mehrtägiges Symposium im Mai 1985, auf dem in Arbeitsgruppen mit ehemaligen Häftlingen diskutiert wurde. Es brachte den Durchbruch in der Öffentlichkeit. Das Aktionskomitee und sein Bemühen waren anerkannt. Neue Kontakte entstanden, zu ehemaligen Militärstrafgefangenen, zu polnischen Straf- und Kriegsgefangenen. Ihre Erinnerungen verbreiterten das Wissen über die Lager, ließen veränderte Bedingungen in den Kriegsjahren erkennen.

Viele sind gestorben, viele sind zu alt geworden, um sich dem DIZ weiterhin zur Verfügung stellen zu können. In der Bildungsarbeit des DIZ verlagerte sich die von den ehemaligen Häftlingen eingebrachte personale Authentizität. Tonband- und Video-Interviews ersetzen zwar zunehmend die persönliche Begegnung, doch das durch die Begegnung Erfahrene prägt weiterhin die (Bildungs-)Arbeit der drei im DIZ hauptamtlich Tätigen und der beiden nebenamtlich tätigen Lehrerinnen.

Auch und gerade weil sie seit über 14 Jahren hier arbeiten und somit noch persönliche Begegnungen erleben durften (und noch heute erleben, wie beim im Mai 2001 stattfindenden Treffen ehemaliger Moorsoldaten und Häftlinge der Emslandlager in Papenburg), bringen sie in vielen Gesprächen Erfahrenes direkt ein, z.B. in ihre Erzählung während eines Diavortrags vor einer Schulklasse oder Erwachsenengruppe, der jeder Gruppe zu Beginn einer Führung im DIZ gezeigt wird.

Die Sachinformation über die Geschichte der Emslandlager wird dabei ergänzt durch wiedererzählte Episoden, die Situationen aus dem Lageralltag beschreiben: Der Tagesablauf im Lager, die Solidarität der Gefangenen zu bestimmten Zeiten oder die Arbeitsbedingungen im Moor sind nur unvollständig den vielen erhalten gebliebenen Verwaltungsakten der Lager zu entnehmen; erst authentische Berichte ermöglichen uns und unseren Besuchern eine Annäherung an das tatsächliche Lagergeschehen.

Zu den von ehemaligen Häftlingen erzählten Erinnerungen kamen persönliche Zeugnisse, die Mitteilungen über das Leben in den Lagern transportieren: Postkarten, Briefe und Tagebuchaufzeichnungen, Schnitzereien und Zeichnungen, darunter über 100 kleinformatige Zeichnungen, die Ernst Walsken zwischen 1937 und 1939 in den Lager Esterwegen und Aschendorfermoor heimlich anfertigte, und Gegenstände aller Art. Diese erzählen eine persönliche Geschichte, wie ein von einem ehemaligen Militärstrafgefangenen aus der Erinnerung nachgebautes und in der Ausstellung gezeigtes Modell eines Lagers. Diese Gegenstände sind nicht nur authentisch, weil sie von einem Geschehen zeugen, sondern auch im personalen Sinne. Sie verweisen auf eine bestimmte Person, die sie als Häftling besessen oder geschaffen hat.

Die in der Dauerausstellung präsentierten Gegenstände sollen dem Besucher die Aufnahme einer persönlichen Beziehung ermöglichen, soweit sie noch möglich ist. Sie werden nicht als autarke Artefakte präsentiert, sie berichten von Erlebnissen eines Menschen. Jede Präsentation eines Exponates ist bekanntlich eine Inszenierung. Diese Exponate werden mit einer bestimmten Absicht inszeniert. Es ist selbstverständlich, dass die Exponate nicht den ansprechen, der in der Sache nicht ausreichend informiert ist. Die Informationen werden natürlich gegeben. Aber der Kern der Bildungsarbeit einer solchen Gedenkstätte besteht nicht in der Vermittlung von Sachinformationen. Das DIZ befindet sich an einem neutralen Ort. Es steht in Papenburg, wo die Verwaltung der Lager residierte, aber wo kein Lager bestand. Es ist in einem Bürgerhaus eingerichtet, das der Landkreis Emsland mit öffentlichen Mitteln für die Zwecke der Bildungsarbeit hat errichten lassen, das aber nichts Authentisches aufzuweisen hat. Der Besuch authentischer Orte in der Umgebung ist ein häufig wahrgenommenes Zusatzangebot für Besuchergruppen.

Angesichts des beschriebenen Zustandes der Orte bringt eine Besichtigung nicht viel außer Nachdenklichkeit über den Umgang mit diesen Orten in der Bundesrepublik. Das wird sich in Zukunft ändern. Mit der Freigabe des Lagergeländes in Esterwegen durch die Bundeswehr und der geplanten Übernahme durch den Landkreis Emsland mit der Absichtserklärung, dort eine KZ-Gedenkstätte einzurichten, eröffnen sich neue Möglichkeiten. Was ist zu sehen?

Ein Zaun lässt noch die Umrisse des ursprünglichen Lagers erkennen, an einer Längsseite der rechteckigen Anlage ist er allerdings etwas versetzt. Am Auffälligsten ist die Lagerstraße. Sie hat einen neuen Belag und ist von Bäumen umstanden, die von der ursprünglichen Anpflanzung stammen könnten. Die Baracken der Bundeswehr, in denen Vorräte gelagert waren, sind gegenüber den Lagerbaracken um 90° gedreht. Sie stehen mit der Längsseite zur Lagerstraße. Das freie Gelände zwischen ihnen und der Umzäunung ist verbuscht.

Authentisches hat der Ort kaum noch zu bieten. Und doch ist er selber authentisch. Hier haben sie gelebt und gelitten, die Ossietzky, Heilmann, Mierendorff, Leuschner und Finck. Die Vorstellungskraft wird belebt. Es entsteht der Wunsch, auf Spurensuche zu gehen. Das überwucherte Gelände ist anregender als der originale oder rekonstruierte Zustand. Man kann es nicht nur besichtigen, man kann es entdecken, mit ihm umgehen, etwas mit ihm machen, vielleicht sogar noch etwas finden, wie vor kurzem eine Schülerin, die im Gras einen Reichspfennig aus dem Jahr 1933 entdeckte. Die neuerdings (nach vorheriger Anmeldung durch das DIZ) möglichen Begehungen des Geländes mit Besuchergruppen gestalten sich sehr lebendig. Die Besucher werden aktiviert. Sie stellen Fragen zum Leben im Lager, nachdem sie in der Gedenkstätte, vielleicht beeindruckt von dem Diavortrag und dem Ausstellungsgang, noch zurückhaltend waren.

Sie erkunden das Gelände, mit einem Lageplan aus dem Jahr 1933 in der Hand, die im DIZ gesehenen historischen Fotos vor Augen. Eine kleine Bodenerhebung mit Fundamentresten bezeichnet den Standort eines Wachturms. Eine Mulde war einmal ein Teich, den die Häftlinge für die Wachmannschaften anlegen mussten. Die Suche geht weiter: Was ist sonst noch von dem Park der Wachmannschaften zu sehen? Wo stand der Zaun, der den Häftlingsbereich von den Baracken der Wachmannschaften trennte, wo die Mauer, die das Gesamtlager umgab?

Das Gelände hat im Endeffekt die Wirkung, die sich Peter Eisenman von seinem Mahnmal in Berlin verspricht: »Ich wollte den Holocaust nicht darstellen oder veranschaulichen, sondern eine Erfahrung erzeugen, die verunsichernd wirkt. Die Besucher sollen sich fragen: Was ist das hier? Was bedeutet das? Wo befinde ich mich eigentlich? Genau dieses Gefühl will ich erzeugen, diese Verlorenheit, diese Orientierungslosigkeit, diese vergebliche Suche nach dem klaren Sinn. Die kognitive Erfahrung tritt hinter die affektive Erfahrung zurück.« (Interview in der »Zeit« vom 25. 1. 2001)

In der Wirkung, dass die kognitive Erfahrung hinter die affektive Erfahrung zurücktritt, mag man eine Eigentümlichkeit des Authentischen erkennen. In Zukunft wird ein Stück Bildungsarbeit des DIZ konkret darin bestehen, dass unter archäologischer Anleitung behutsame Rekonstruktionen vorgenommen werden, wie es der Landkreis Emsland plant. Der ursprüngliche Belag der Lagerstraße und Fundamente der Baracken könnten freigelegt werden. Grundrisse könnten sichtbar gemacht werden. Aber Überwucherungen und Verdeckungen, die durch spätere Nutzung entstanden, werden bleiben. Authentizität behält ein Ort, auch wenn er später umgeformt wurde, aber er verliert sie mit der Rekonstruktion. Eine originalgetreue Rekonstruktion fördert die Erkenntnis über das, was einmal gewesen ist, aber sie berührt nicht wie das, was original ist. Das wirklich Gewesene ist zu entdecken, wo es verformt oder verborgen ist, es eröffnet die Möglichkeit zu einer affektiven Erfahrung mit ihrem eigenen Bildungswert.