Cornelia Shati Geißler

Die Darstellung der Deportation in Zeugnissen deutscher Jüdinnen und Juden

Gedenkstättenrundbrief Nr. 188 (12/2017) S. 25-32

Im Mai 1944 wurde Ruth Klüger, gerade mal 12 Jahre alt, zusammen mit ihrer Mutter aus dem Ghetto Theresienstadt in das Vernichtungslager Auschwitz-Birkenau deportiert. In ihrer Autobiografie ›weiter leben‹ beschreibt sie ihre Erfahrung des Transports als »Gefühl, verlassen zu sein, und damit meine ich nicht, vergessen zu sein, vergessen waren wir nicht, denn der Wagen stand ja auf Schienen, hatte eine Richtung, würde ankommen; aber verworfen, abgetrennt, in eine Kiste gepfercht, wie unnützer -Hausrat.«1

Ruth Klüger schildert hier ein wesentliches Moment, das viele Deportierte in ihren Erinnerungen teilen: Das Gefühl, mit Gewalt aus der ihnen vertrauten Gesellschaft ausgeschlossen zu werden, sich auf einer erzwungenen Fahrt mit unbekannten Ziel wieder zu finden, oder, mit anderen Worten, wie eine Sache behandelt zu werden, der Willkür anderer ausgeliefert. Die deutschen Täterinnen und Täter ›vergaßen‹ die von ihnen deportierten Jüdinnen und Juden nicht. Ganz im Gegenteil, mit riesigem logistischen Aufwand und enormer Arbeitskraft versuchten sie und ihre Helferinnen und Helfer, Deutschland und Europa »judenfrei« zu machen.2

Die bürokratisch organisierten und systematisch durchgeführten Deportationen der europäischen Jüdinnen und Juden sind Sinnbild für den Holocaust; mit Theodor W. Adorno ein historisches Ereignis, das die Opfer selbst noch ihres individuellen Todes beraubte: »Mit dem Mord an Millionen durch Verwaltung ist der Tod zu etwas geworden, das so noch nie zu fürchten war. Keine Möglichkeit mehr, daß er in das erfahrene Leben der Einzelnen als ein irgend mit dessen Verlauf Übereinstimmendes eintrete. Enteignet wird das Individuum des Letzten und Ärmsten, was ihm geblieben war. Daß in den Lagern nicht mehr das Individuum starb, sondern das Exemplar, muß das Sterben auch derer affizieren, die der Maßnahme entgingen.«3

Die von den Nazis angestrebte Entmenschlichung lässt sich in der Rekonstruktion der Transporte brechen. Mit dem Konzept der ›integrierten Geschichte‹ des Historikers Saul Friedländer, auf das ich mich vorliegend beziehe, kann den Deportierten ihre Stimme zurückgegeben werden.4 Persönliche Zeugnisse werden als Quellen von unschätzbarem Wert verstanden, die den Täterblick auf die Verfolgung korrigieren und wichtige Informationen bereithalten.

Im vorliegenden Text konzentriere ich mich auf zwei Fallstudien, um aktuelle Darstellungen der Massendeportationen von deutschen Jüdinnen und Juden zu diskutieren: Der Transport von Darmstadt in das Transitghetto Piaski-Luterskie (21. März 1942) und der Transport von Kassel in das Vernichtungslager Sobibór (1. Juni 1942), mit dem die Deutschen jeweils Männer, Frauen und Kinder aus mehreren Orten und Städten in das Generalgouvernement verschleppten. Ich stelle die für beide Transporte vorhandenen Quellen vor, um dann die historischen Ereignisse in Ausschnitten zu rekonstruieren.

Die Deportation aus Darmstadt hat niemand überlebt. Zeugnisse von Deportierten sind nicht bekannt, und so setzt sich die Erinnerung an diesen Transport aus Aussagen dritter Personen und aus offiziellen deutschen Dokumenten zusammen. Was bedeutet das Fehlen von direkten Zeugenaussagen für unser historisches Verständnis? Wie gehen wir mit einem Quellenkörper um, anhand dessen wir die Abfahrt des Deportationszugs und die Ankunft der Deportierten zurückverfolgen können, nicht aber den Transport selbst? Im Gegensatz dazu sind von dem etwa drei Monate später abgewickelten Transport von Kassel nach Sobibór kaum offizielle Papiere überliefert, aber mindestens ein direktes Zeugnis von der Fahrt selbst und eine Fotoserie, die die Weiterfahrt der Jüdinnen und Juden in Hanau zeigt. Wie können wir angesichts weniger vorhandenen Zeugnisse und nur fragmentarischer deutscher Dokumente die Geschichte dieser beiden Deportationen überliefern und der Opfer gedenken? Wie können wir uns dem in diesen historischen Ereignissen enthaltenen Spannungsverhältnis von Individuum und Masse annähern?

 

Fallstudie 1: Transport Darmstadt – Piaski-Luterskie5

Die Deportation Mitte März 1942 von Darmstadt in das Ghetto Piaski war einer der ersten Transporte aus Deutschland in den Distrikt Lublin. Offizieller Abfahrtsort des Personenzugs »Da 14« war Darmstadt, wo auch die Hauptsammelstelle eingerichtet war. Aber auch Mainz war ein weiterer Transitpunkt dieses Transports auf dem Weg »nach Osten«.

In Piaski, eine kleine Ortschaft 21 Kilometer südöstlich von Lublin, gab es seit dem 17. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde. Im März 1942 fungierte Piaski als »Drehtür«6 für die Jüdinnen und Juden, die von der sogenannten Endlösung im Generalgouvernement erfasst wurden. »Piaski wird von polnischen Juden freigemacht und wird Sammelpunkt der aus dem Reich kommenden Juden«7, ordnete Hermann Höfle, Koordinator des Deportations- und Vernichtungsprogramms im Distrikt Lublin und Stellvertreter des dortigen SS- und Polizeiführers, Odilo Globocnik, am 16. März 1942 an. Am nächsten Tag begannen die Ermordung durch Giftsgas in Bełżec. Trotz der euphemistischen Sprache wird die Bedeutung Piaskis als Durchgangsghetto auf dem Weg in die »Operation Reinhard«-Vernichtungslager deutlich.8

Die Lehrerin Herta Mansbacher, geboren am 7. Januar 1885, war eine der Jüdinnen, die von Worms nach Piaski verschleppt wurden.9 Nachdem sie 1935 aus dem öffentlichen Schuldienst entlassen worden war, unterrichtete Herta Mansbacher an der jüdischen Schule in Worms, der sie von Frühling 1936 bis Herbst 1937 auch vorstand. Während des deutschlandweiten Pogroms um den 9. November 1938 riskierte sie ihr Leben, um historische Schriften und Judaika aus der brennenden Rashi-Synagoge zu retten. Zwischen März 1933 und dem 10. August 1941 verfasste sie eine zweibändige Chronik mit den Namen von etwa 600 Jüdinnen und Juden aus ihrer Heimatstadt, die aus Nazideutschland noch hatten fliehen können.10

Die Erinnerungen von Herta Mansbacher zeugen von der Verfolgung der Wormser Jüdinnen und Juden vor Beginn der Deportationen und von der beginnenden Auslöschung dieser bedeutenden »SHUM«-Gemeinde. Mit ihrer Chronik hat sie das Gedächtnis der jüdischen Gemeinde Worms vor dem Vergessen bewahrt. Die Chronik ist zugleich das letzte Lebenszeichen von Herta Mansbacher selbst. Die Deportationsliste degradiert Hertha Mansbacher auf die Nummer 400.11 Die Liste ist eine problematische, aber eine dennoch wichtige Quelle für den Transport. 1 000 Jüdinnen und Juden, oder genauer: 589 Frauen und 411 Männer sind mit Namen, Geburtstag und -stadt, Familienstand, Beruf sowie ihrer letzten Meldeadresse angeführt. Ganze Familien wurden deportiert oder auseinander gerissen. Die jüngste Deportierte war nicht einmal ein Jahr alt. Die Liste zeigt auch, welche der Deportierten zuvor in eines der lokalen Judenhäuser hatten umziehen müssen, wie in das Wormser Haus in der »Judengasse«. Die Liste hält die Anzahl der Orte fest, aus denen die Jüdinnen und Juden dieses Massentransports stammten: Personen aus etwa 41 größeren und kleineren Städten sowie Dörfern in Rheinhessen und Starkenburg (heute ein Teil von Hessen) wurden mit diesem Transport verschleppt; aus Orten wie beispielsweise Habitzheim, wo nur ein Jude lebte, der zur nächsten Sammelstelle gebracht wurde. Die Deportationsliste ist eine Statistik aus Täterperspektive, in der die jüdischen Opfer lediglich als Nummern und als »amorphe Masse« (Raul Hilberg) erscheinen. Dennoch lässt sich das Ausmaß der Verfolgung und Vernichtung anhand dieses Dokuments erfassen, und es enthält grundlegende Daten der Deportierten für die weitere Forschung.

Am 19. März 1942 wurden Herta Mansbacher und viele andere Wormser Jüdinnen und Juden zunächst nach Mainz und dann, zusammen mit den dort versammelten Jüdinnen und Juden, weiter nach Darmstadt deportiert. Von dort fuhr der Transport in das Generalgouvernement. Alles am helllichten Tag, ausgeführt von Gestapo, Bürgermeistern, städtischen Angestellten, Krankenschwestern und Zugpersonal.

Die Aufzeichnungen der jüdischen Gemeinde Mainz bezeugen den Abtransport der Mainzer Jüdinnen und Juden: »17. März 1942. Dreißig große Handkoffer sind bereit zu stellen. 19. März 1942. Ausgehverbot der zu evakuierenden Juden ab heute abend 20 Uhr.«12 Das Tagebuch hält auch das Phänomen des Selbstmords vieler verzweifelter Jüdinnen und Juden angesichts der bevorstehenden Deportation fest.13

Helmut Grünfeld aus Mainz, damals 13 Jahre alt, entkam dem Transport aufgrund seiner nichtjüdischen Mutter. Ende der 1980er-Jahre beschreibt er, wie dieser erste von vier Transporten seine Heimatstadt verließ: »Am Morgen des 20. März, am hellen Tag, erschienen Gestapobeamte […] in den Wohnungen der Unglücklichen. […] Als die Gestapobeamten erschienen, mußten die armen Menschen alles abgeben, lediglich etwas Handgepäck und einen Rucksack durften sie mitnehmen. Sie hatten keine Ausweispapiere mehr, nur ein Pappschild um den Hals, darauf stand der Name, darunter eine Nummer. […] Ich half ihnen, ihr Gepäck in die nahegelegene Sammelstelle, die Turnhalle in der Feldbergschule, zu bringen. […] Ich verabschiedete mich stumm von den Todesgeweihten. In der folgenden Nacht wurden die zusammengetriebenen Juden mit Polizeilastwagen zum Güterbahnhof in der Mombacher Straße gebracht […] Die Wohnungen der Deportierten mit all ihrem Hab und Gut wurden von der Gestapo versiegelt […].«14

In der Sammelstelle in Darmstadt, der Justus-Liebig-Schule, raubte man systematisch und mit Gewalt die Habseligkeiten der Jüdinnen und Juden, daran beteiligt waren öffentliche Einrichtungen wie Finanzamt und Gerichtsvollzieher. Beim Einstieg in den Zug blieben den Deportierten etwas Verpflegung und Handgepäck sowie ihre Eheringe. In einem Brief vom 25. März 1942 aus Piaski beschreibt das Ehepaar Bauchwitz den Austausch von polnischen und deutschen Jüdinnen und Juden im Ghetto: »Wir stehen noch stark unter dem Eindruck der letzten Tage. Es ist wüst’ leer. Die 1 500 aus Mainz, Worms und Darmstadt sind in die Wohnungen der ›Verreisten‹ gekommen.«15 Wie die Jüdinnen und Juden in Piaski ihre Situation erlebt haben müssen, drückt ein anonym verfasster Brief aus: »Wir sind gesund und noch hier. Viele liebe Bekannte fort. […] helft! Sorgt für die Rückfahrt, wenn’s geht, schnell.«16 Ein überliefertes Rundschreiben der Sicherheitspolizei Piaski vom 11. April 1942 enthält den Hinweis auf den Mord der nach Piaski Deportierten, höchstwahrscheinlich in Bełżec. Unter dem Betreff »Judenaktion in Piaski« informieren die deutschen Behörden über ihren Raub persönlicher Sachen der hessischen Jüdinnen und Juden, darunter fünf Eheringe.17

 

Fallstudie 2: Transport Kassel – Sobibór18

Die Deportation am 1. Juni 1942 von Kassel in das Vernichtungslager Sobibór, in 3.-Klasse-Passagierwaggons und unter »Da 57« im Fahrplan der Reichsbahn verzeichnet, war der zweite von drei Transporten aus der Stadt Kassel.19 Da schon im Dezember 1941 die meisten Jüdinnen und Juden aus dem Verwaltungsbezirk Kassel nach Riga deportiert worden waren, organisierten die Gestapostellen Kassel und Chemnitz einen gemeinsamen Transport mit bis zu 1 200 Jüdinnen und Juden aus den Regionen Hessen-Nassau und Sachsen.20 Von den deportierten Männern, Frauen und Kindern, die aus etwa 81 verschiedenen Orten kamen, ist nur ein Überlebender bekannt, Robert Eisenstädt aus Hanau.

Bereits am 30. Mai 1942 wurden die jüdischen Einwohnerinnen und Einwohner von Hanau und Umgebung mit einem Personenzug nach Kassel gebracht. Der Transport fuhr vom damaligen Hanauer Hauptbahnhof ab. Eine Serie von 19 offiziellen Fotos, aufgenommen für die Stadtchronik, dokumentiert die Abfahrt der jüdischen Deportierten, auch hier am hellen Tag, bewacht von Polizei und beobachtet von Reisenden.21 Einige der Namen und Biografien der abgebildeten Jüdinnen und Juden konnten rekonstruiert werden.22 Beispielsweise sind der sechsjährige Hans und der vierjährige Lothar Gernsheimer aus Rückingen vor ihrem Einstieg in den Waggon zu sehen; zwei der vielen Kinder, die an diesem Tag deportiert wurden, unter ihnen auch der fünf Jahre alte Heinz Eisenstädt, der Neffe von Robert Eisenstädt. Die Fotos bezeugen die Deportation, und sie geben einen letzten Blick auf die Deportierten frei. Erst ihre Kontextualisierung mit anderen Dokumenten und Zeugnissen jedoch ermöglicht eine detailliertere Vorstellung über diesen Transport. Robert Eisenstädt, damals 22 Jahre alt, beschrieb seine Deportation im Jahr 1944, nachdem er aus dem Konzentrationslager Majdanek hatte fliehen können: »Es standen auf dem Nebengleis vier Personenwagen bereit. Die Polizeibegleitung besetzte ein Abteil. Um ca. zwei Uhr wurden wir an einen Güterzug gehängt. […] In Fulda stiegen weitere Transportteilnehmer in den Zug. […] In Bebra hatten wir zwei Stunden Aufenthalt. An einen Personenwagen angehängt fuhren wir bis nach Kassel weiter, wo wir bei Dunkelheit ankamen.« 23

In Kassel wurden die Jüdinnen und Juden aus Hanau durchsucht und über Nacht in einem Gymnasium in der Schillerstraße festgehalten, zusammen mit weiteren Deportierten aus der Stadt und Umgebung. Am nächsten Vormittag mussten sie zum Bahnhof marschieren. »Die Türen wurden verplombt« skizzierte Robert Eisenstädt die Abfahrt aus Kassel, »und um 1 Uhr mittags fuhren wir los. 64 Deportierte pro Wagen, ihr spärliches Gepäck in einem Güterwagen am Ende des Zugs. Die Fahrt ging über Halle, Dresden, in der Nacht passierten wir Chemnitz.«24

Manfred Katz aus Halle, der im Februar 1945 nach Theresienstadt deportiert wurde, beobachtete als 14-Jähriger, wie die Jüdinnen und Juden aus Halle und Umkreis im Vorfeld ihrer Deportation auf dem jüdischen Friedhof gesammelt wurden: »Im Gebäude des Friedhofs wurde ein Altersheim eingerichtet, sowie ein Auffangplatz für Juden aus der Umgebung aus Halle, welche ihre Wohnungen verlassen mußten. Von hier aus wurden laufend Leute deportiert, nach Polen und Theresienstadt.«25

Die weitere Zugfahrt im besetzten Polen erinnerte Robert Eisenstädt so: »Es war sehr heiß. Die Fenster durften nicht mehr geöffnet werden. Wenn der Zug hielt patrouillierten an beiden Seiten SS-Polizisten. […] Das Wasser war aufgebraucht, so auch die Eßvorräte und der Kaffee. Da die Fenster nicht geöffnet werden durften, war ein erstickender Geruch in den Wagen. […] Durch die drückende Hitze, den Hunger und Durst und die aussichtslose Lage wurden die Leute völlig mutlos.«26

Nachdem in Lublin alle Männer zwischen 15 und 50 Jahren, darunter auch Robert Eisenstädt, zur Zwangsarbeit in Majdanek brutal von ihren Liebsten getrennt und aus dem Zug getrieben wurden, verschleppte man die im Zug Verbliebenen weiter nach Sobibór; wahrscheinlich ohne in dem zu dieser Zeit überfüllten Transitghetto Izbica zu halten. Bei ihrer Ankunft in Sobibór wurden alle Männer, Frauen und Kinder vergast.

 

Fazit

In der Rekonstruktion der Transporte konnte ich zeigen, dass den deportierten Jüdinnen und Juden in der Geschichtsschreibung ihre Stimme gegeben und die Nazisicht auf die Opfer gebrochen werden kann. Offizielle deutsche Dokumente sind Bestandteil der Beschreibung der Rahmenbedingungen, die die Deportationen mitbestimmten. Und eine sozial-historische Einordnung des individuellen Schicksals ist notwendig, denn sonst bliebe dieses unbegreiflich, und das bedeutet letztlich auch historisch beliebig.27 Ohne Kommentierung jedoch geben Täteraufzeichnungen ein falsches Bild der historischen Ereignisse und ihrer Akteure wieder. Nazidokumente drücken in ihrer kalten Sprache »bürokratische Indifferenz«28 sowie Antisemitismus aus, und die verschleppten Jüdinnen und Juden erscheinen in ihnen nicht als Individuen, sondern lediglich als Nummern.

Die Fotos von der Weiterfahrt des Transports von Hanau nach Sobibór sind keine objektiven Dokumente, sondern sie reproduzieren die Sicht des sie Aufnehmenden. In dieser spezifischen Perspektive beeinflussen sie auch unsere Wahrnehmung der historischen Ereignisse.29 Die Lücke, die diese Massendeportation hinterlassen hat, ist auf den Fotos festgehalten. Auch lässt sich die politische Einstellung des Fotografen erahnen, und wir sehen Passantinnen und Passanten und Polizei. Um die Fotos aber in die richtige Perspektive zu rücken, müssen sie kommentiert und soweit wie möglich mit Zeugnissen der Deportierten konfrontiert werden.

Jüdische Zeugnisse sind nicht nur von immensem historischem Wert, sondern beschreiben auch die verübten Massenverbrechen aus einer anderen Perspektive als die der Täterinnen und Täter, und das so offen und schonungslos wie kein deutsches Dokument. Die Zeugnisse der Verfolgten können nicht, wie Saul Friedländer schreibt, »[…] über die innere Dynamik der NS-Verfolgung und -Vernichtung aufklären, aber sie bringen das Verhalten der Täter voll zur Anschauung; sie beschreiben das Zusammentreffen der Täter und Opfer von Angesicht zu Angesicht.«30 Der Bericht von Robert Eisenstädt aus Hanau belegt die Deportation und ist eine wichtige Quelle, um die Route dieses Transports zu rekonstruieren. Aber mehr noch, sein Zeugnis, das einzige von diesem Transport überlieferte persönliche Dokument, beschreibt die Massendeportation aus der Perspektive eines deportierten Juden, und nur darüber können wir erahnen, was die im Zug eingepferchten Menschen durchlebt haben müssen.

Die Geschichte des Transports von Darmstadt nach Piaski könnte nicht ohne die persönlichen Aufzeichnungen anderer Personen als die der Deportierten zurückverfolgt werden. Die Briefe aus dem Ghetto Piaski sagen nicht, was den Jüdinnen und Juden nach ihrem dortigen Aufenthalt widerfahren ist, und auch für ein komplexeres Verständnis des Phänomens »Transitghetto« haben sie lediglich eingeschränkten Wert. Sie beschreiben aber die Bedeutung dieses Ortes für diejenigen, die dort festgehalten wurden. Das Tagebuch der Mainzer Gemeinde dokumentiert die mündlichen Anordnungen der Gestapo, die sonst kaum überliefert wären.

Es sind, wie Saul Friedländer an anderer Stelle ausführt, die Aufzeichnungen der Jüdinnen und Juden, »die das offenbaren, was man wußte und was man wissen konnte [Hervorhebung im Original]; ihre Stimmen waren die einzigen, die sowohl die Klarheit der Einsicht als auch die totale Blindheit von Menschen vermitteln, die mit einer völlig neuen und zutiefst entsetzlichen Realität konfrontiert waren.«31

Die systemischen Deportationen im Rahmen der »Endlösung« haben jüdisches Leben in weiten Teilen Deutschlands und Europas ausgelöscht, die Erinnerung an die deportierten Jüdinnen und Juden konnten sie aber nicht zerstören. Mit dem vorliegenden Text ließ sich zeigen, dass jüdische Zeugnisse wesentlich für eine historische Rekonstruktion der Deportationen sind. In der nazideutschen Sicht sollten alle Jüdinnen und Juden vernichtet werden, aber für sie selbst waren ihre unterschiedlichen Verfolgungswege kein identischer Prozess.32 Die persönlichen Nachrichten der Verfolgten und Ermordeten sind wichtige historische Quellen und Materialien des Gedenkens. Mit Saul Friedländer können wir anhand der Zeugnisse die »Welt der Opfer«33 sichtbar machen und die Erinnerung an die Männer, Frauen und Kinder lebendig halten. Indem wir Ego-Dokumente der Opfer in die Geschichtsschreibung integrieren, werden die verloren geglaubten Stimmen hörbar. Wir werden aufmerksam und umgehen die Gefahr, die verfolgten Jüdinnen und Juden auf ein »statistisches und abstraktes Element des historischen Hintergrunds«34 zu reduzieren. Im selben Moment werden Naziideologie und -sprache gebrochen und in der Repräsentation des Holocaust und anderer deutscher Massenverbrechen nicht reproduziert. In der Nazisicht erschienen die Jüdinnen und Juden als gleichförmige Masse, aber diese Masse setzte sich aus vielen Individuen zusammen.35

 

Dr. Cornelia Shati Geißler, tätig als Pädagogin und Historikerin, ist seit 2013 wissenschaftliche Mitarbeiterin im Forschungsprojekt ›Deportationen‹ am Internationalen Institut für Holocaust-Forschung, Yad Vashem, Jerusalem.

 

1    Ruth Klüger, weiter leben. Eine Jugend. München 1999, S. 109/10.

2    Siehe Raul Hilberg, German Railroads/Jewish Souls. In: Society, vol. 35 (1998), S. 162–172. Siehe auch ders.: Die Vernichtung der europäischen Juden, Bd. 2. Frankfurt/Main 1993, S. 411–505.

3    Theodor W. Adorno, Negative Dialektik. In: ders. Gesammelte Schriften (Bd. 6). Hg.v. Rolf Tiedemann. Frankfurt/Main 1997, S. 355.

4    Saul Friedländer, Den Holocaust beschreiben. Auf dem Weg zu einer integrierten Geschichte. Göttingen 2007, S. 7–27.

5    Details zum Transport finden sich in der Datenbank:

      db.yadvashem.org/deportation/transportDetails.html

6    Im Original: »revolving door«, David Silberklang, Gates of Tears. The Holocaust in the Lublin District. Jerusalem 2013, S. 299.

7    Dokumentation der deutschen Behörden im Lublin Distrikt, Yad Vashem Archives (YVA), O.53/82, S. 24.

8    Ebd. Die Notiz schließt mit Höfles Erwartung, vier bis fünf Transporte mit jeweils 1 000 Jüd*innen in Bełżec aufzunehmen. »Diese Juden kämen über die Grenze und würden nie mehr ins Generalgouvernement zurückkommen.« Siehe auch Saul Friedländer, Die Jahre der Vernichtung. Das Dritte Reich und die Juden 1939–1945. München 2006, S. 384.

9    Henry R. Huttenbach, The life of Herta Mansbacher. A portrait of a Jewish teacher, heroine and martyr. New York 1980. Alle folgenden biographischen Angaben zu Herta Mansbacher sind ebd. entnommen.

10  Chronik Bd. 1/2. YVA, O.8/25.1 und 2.

11  Eine Kopie der Deportationsliste befindet sich im Nachlass von Rolf Oppenheimer, einer der Vorsitzenden der Reichsvereinigung der Juden in Hessen, Mainz: »Liste der aus Hessen am 20. März 1942 nach Piaski-Lublin deportierten Juden«. YVA, JM/12132, S. 164–219.

12  Anton Maria Keim, Tagebuch einer jüdischen Gemeinde. 1941–1943. Mainz 1986, S. 69.

13  Ebd., S. 72.

14  Helmut Grünfeld, Erinnerungen eines Davongekommenen. YVA, O.33/2451, S. 5–6.

15  In: Else Rosenfeld/Gertrud Luckner (Hg.), Lebenszeichen aus Piaski. Briefe Deportierter aus dem Distrikt Lublin 1940–1943. München 1968, S. 91.

16  Ebd. S. 119.

17  »Judenaktion in Piaski«. YVA, M.49.D (ZIH)/264.

18  Details des Transports finden sich in der Datenbank:

      db.yadvashem.org/deportation/transportDetails.html

19  Alfred Gottwaldt/Diana Schulle, Die Judendeportationen aus dem Dritten Reich 1941–1945. Wiesbaden 2005, S. 211–213.

20  Siehe Monica Kingreen, Die gewaltsame Verschleppung der Juden aus den Dörfern und Städten des Regierungsbezirks Kassel in den Jahren 1941 und 1942. In: Helmut Burmeister/Michael Dorhs (Hg.), Das achte Licht. Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte der Juden in Nordhessen. Kassel 2002, S. 223–242.

21  YV Foto- und Filmarchiv: 97626, 98182, 98190, 98217, 98235, 98231, 98198, 75018, 98183, 75325, 76806, 80141, 78215, 98232, 98222, 98221, 80987, 77700, 98238.

22  Monica Kingreen, Deportation. Die gewaltsame Verschleppung. Der Hanauer Hauptbahnhof als Sammelplatz, in Monika Ilona Pfeifer/Monica Kingreen (Hg.), Hanauer Juden 1933–1945. Entrechtung, Verfolgung, Deportation. Hanau 1998, S. 98–125. Das Museum zur Geschichte des Holocaust der Gedenkstätte Yad Vashem in Israel zeigt eine Auswahl der Fotos aus Hanau, auf denen die Namen einiger Jüd*innen hervorgehoben sind. Dies kann als ein Versuch verstanden werden, den Deportierten ihre Individualität zurückgeben zu wollen.

23  Robert Eisenstädt, Bericht über die gewaltsame Verschleppung im Mai 1942. Kommentiert von Monica Kingreen. In: Helmut Burmeister/Michael Dohrs (Hg.): Das achte Licht. Beiträge zur Kultur- und Sozialgeschichte der Juden in Nordhessen. Hofgeismar 2002, S. 244.

24  Ebd., S. 245.

25  Manfred Katz. YVA, O.33/4816, S. 8–9.

26  Robert Eisenstädt (2002), S. 245f.

27  Die systematischen Massendeportationen in den Tod unterscheiden die Vernichtung der europäischen Jüd*innen von anderen Genoziden. Darauf hat Omer Bartov aufmerksam gemacht. Yad Vashem Lectures, 18. Juni 2014.

28  Paul Hilberg: Die Quellen des Holocaust. Entschlüsseln und interpretieren. Frankfurt/M. 2001, S. 84.

29  Siehe bspw. Frank Stern, Voyeure der Vernichtung. Verbildlichung und Zeitbewusstsein. In : Helgard Kramer (Hg.), NS-Täter aus interdisziplinärer Perspektive. München 2006, S. 45–63.

30  Saul Friedländer, Im Angesicht der ›Endlösung’. Die Entwicklung des öffentlichen Gedächtnisses und die Verantwortung des Historikers. In: Dieter Borchmeyer/Helmuth Kiesel (Hg.), Das Judentum im Spiegel seiner kulturellen Umwelten. Symposium zu Ehren von Saul Friedländer. Neckargemünd 2004, S. 222.

31  Ders., Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933–1939. München 1998, S. 12.

32  In anderem Kontext siehe: Deborah Dwork, Agents, Contexts, Responsibility. The Massacre at Budy, in: Moishe Postone/Eric Santner (Hg.), Catastrophe and Meaning. Chicago 2003, S. 155.

33  Saul Friedländer, Das Dritte Reich und die Juden. Die Jahre der Verfolgung 1933–1939. München 1998, S. 11.

34  Ebd., S. 12.

35  Der vorliegende Text basiert auf einem Vortrag, den ich beim Forschungsworkshop »›Transports’. The Deportation of Jews during the Nazi Period« gehalten habe, am Internationalen Institut für Holocaust-Forschung, Yad Vashem (2014). Ausführlicher und im erweiterten Kontext zu »Personalisierungen« in historischen Repräsentationen: Cornelia Geißler, Individuum und Masse. Zur Vermittlung des Holocaust in deutschen Gedenkstättenausstellungen. Bielefeld 2015 (Dissertation).