Die Darstellung von Zeitzeugen in den visuellen Medien der Dauerausstellung der Gedenkstätte Bergen-Belsen1
Gedenkstättenrundbrief 152 S.16-20»Um sich zu erinnern,
muss man sich ein Bild machen.«2
Als meine Kollegin Karin Theilen und ich 2004 mit der Aufgabe betraut wurden, ein Medienkonzept für die neue Dauerausstellung der Gedenkstätte Bergen-Belsen zu entwickeln, standen wir einem Meer aus »Bildern« gegenüber.
Wir hatten das historische »Bilder«-Material: Hunderte von Schwarz-Weiß-Fotografien und Filmaufnahmen, die unmittelbar nach der Befreiung am 15.April 1945 im Lager aufgenommen worden waren. Und wir hatten die bewegten »Bilder« der Zeitzeugen-Interviews: damals rund 340 Lebens- und Überlebensgeschichten, insgesamt mehr als 1 400 Stunden Filmmaterial, das seit 1999 in verschiedenen Interviewprojekten der Gedenkstätte entstanden war.3
Die einen »Bilder« zeigten Leichen in offenen Massengräbern, hingeworfene Körper mit grotesk verdrehten Gliedmaßen. Sie zeigten einen Kiefernwald, in dem zwischen den Baumstämmen die Leichen von Frauen aufgestapelt lagen. Sie zeigten alters- und geschlechtslose Skelette in dreckigen Lumpen, die wankend und mit wirrem Blick mehr tot als lebendig zu sein schienen. Sie zeigten Menschen, die mit einem Stück Brot oder einem schäbigen Essnapf in der Hand vor Schwäche und Krankheit auf allen Vieren auf dem Boden krochen.
Die anderen, die bewegten »Bilder« zeigten Männer und Frauen im Alter unserer Großeltern. Hübsch frisiert, mit einer anständig gebundenen Krawatte, einem Hauch von Rouge über den Wangen, einer Brosche an der schicken Bluse oder diversen bunten Orden an der Jackettjacke. Diese Menschen sprachen. Sie redeten zu uns, in insgesamt elf verschiedenen Sprachen. Sie schwiegen auch in elf verschiedenen Sprachen. Sie redeten, erzählten, berichteten, sie weinten und sie lachten – vor uns und vor unserer Kamera.
»Ein Zeugnis abzulegen«, schrieb Georges Didi-Hubermann, »bedeutet, dasjenige, was unmöglich berichtet werden kann, trotz allem zu berichten.«4
Die Schwarz-Weiß-Bilder entstanden zeitnah zum Geschehen, und sind damit zeitfern für uns heute. Die Schilderungen unserer Interviewpartner entstanden gegenwartsnah, aber wie weit sind sie im Umkehrschluss zeitfern zum Geschehen?
Rechnet man in seither vergangenen Jahrzehnten – dann ist es lange her. Rechnet man in der Gefühlswelt der Überlebenden – dann war es manchmal erst gestern.
Wir begannen, das Meer der Bilder zu sortierten. Wir sichteten und katalogisierten. Wir fertigten Erschließungen an, erstellten Stichwortlisten, Exzerpte und Transkriptionen. Wir ordneten das Material Themen und Ausstellungsbereichen zu. Wir brachten die »Bilder« in eine äußere Ordnung. Aber die tiefe innere Unordnung, die diesen Bildern inne wohnt, konnten wir nicht aufräumen …
Im Ausstellungsteam waren sich alle einig: Die Darstellung der Zeitzeugen soll »angemessen« sein. Angemessen… In diesem Wort liegt das Wort »Maßstab« verborgen. Um etwas zu messen, braucht man einen Maßstab. Aber welcher Maßstab gilt, angesichts der Verbrechen gegen die Menschlichkeit, für die Bergen-Belsen nahezu als Synonym steht? Woran bemisst man das Angemessene angesichts dessen, was Menschen an diesem Ort hier erleben und erleiden mussten? Wie findet man eine Darstellungsform, die dem historischen Geschehen und den davon betroffenen Menschen gerecht wird? Gerecht werden … Wieder so ein Begriff … Darin liegt das Wort »Gerechtigkeit« verborgen …
»Angemessenes Gerechtwerden … « – Gibt es etwas Wichtigeres und Schwierigeres in unserem Beruf? Wir mussten bei der Entwicklung einer Darstellungsform für die Zeitzeugen diesen Begriff immer wieder neu für uns untersuchen und definieren. Wir blieben dabei nie ohne Zweifel. Darin lag die Chance – und darin lag auch die Bürde.
Wir entwickelten gemeinsam mit den Autoren eine Ausstellungserzählung, in der die visuellen Medien nicht nur ein zusätzliches Angebot, sondern integraler Bestandteil sein sollten. Die Aussagen der Zeitzeugen sollten nicht als reine Illustration benutzt, die Überlebenden nicht zu bloßen Stichwortgebern oder Authentifizierungsfiguren degradiert werden. Das visuelle Material sollte gleichberechtigt mit anderen Quellen präsentiert werden und im Zusammenwirken mit ihnen zu einer multiperspektivischen Rezeption führen.
Die von uns gewählte Präsentationsform der Zeitzeugen-Interviews intendiert auf starken Wechselwirkungen und Synergien mit anderen historischen Quellen. Wir wollten eine integrierte und kombinierte, aber keine vermischte Darstellung des visuellen Materials. Durch die formale Trennung von historischen Fotos, historischem Filmmaterial und den Zeugenaussagen wollten wir den Besuchern verschiedene Möglichkeiten zur Annäherung an das Geschehen anbieten. Gleichzeitig sollte diese Darstellungsform als Faktor wirken, um Geschichte als Konstrukt zu begreifen. Es sollte die Erkenntnis fördern, dass Texte, Dokumente, Fotos, Objekte, Filme und die Erinnerungen der Überlebenden immer nur eine Annäherung, nie aber eine Abbildung der komplexen historischen Realität liefern können.
Weiterhin erschien es uns als wichtiges Ziel für das Medienkonzept, den vermeintlichen »Widerspruch« zwischen den beiden eingangs erwähnten unterschiedlichen Bilder-Sammlungen aufzulösen, ohne ihn zu verwischen. Wir wollten versuchen, die deutlich wahrnehmbare »Lücke« zu schließen zwischen den historischen Bildern der Befreiung einerseits und den mit modernster Digitaltechnik aufgenommenen Interviewbildern andererseits. Wir wollten die Lücke »schließen« – »schließen« im Sinne von Aufschließen.
Zur Hilfe kam uns, wenn Sie mir erlauben, dies so zu formulieren, Jorge Semprún. Er schrieb, nachdem er eine Wochenschau über die befreiten Lager gesehen hatte:
»Denn die Bilder (…) waren stumm. Nicht nur weil sie, gemäß den damaligen Mitteln, ohne Ton gedreht worden waren. Stumm vor allem deshalb, weil sie nichts Genaues über die gezeigte Wirklichkeit sagten, weil sie nur wenige Splitter davon vermittelten, wirre Botschaften. (…) Vor allem hätte man die Bilder kommentieren müssen, um sie zu entschlüsseln, sie nicht nur in einen historischen Kontext, sondern in eine Kontinuität von Gefühlen und Erregungen einzufügen. Und damit dieser Kommentar so nahe wie möglich an die erlebte Wahrheit herankäme, hätte er von den Überlebenden selbst gesprochen werden müssen: den Wiedergängern dieser langen Abwesenheit, den Lazarussen dieses langen Todes.«5
Ein Bild sagt mehr als tausend Worte, so der Volksmund. Aber ein Bild sagt nichts, ein Bild zeigt etwas. Um zu verstehen, was das Bild zeigt, müssen wir lernen, es zu decodieren, es zu »lesen«. Ein Ansatz zur Dekodierung des historischen Film- und Fotomaterials sollte über die Erzählungen der Zeitzeugen erfolgen. Durch die Trennung der unterschiedlichen visuellen Materialien eröffnen sich Perspektivwechsel. Ziel war ein Angebot, in dem die Zeitzeugen-Aussagen als eigenständige Elemente im Zusammenspiel mit anderen Ausstellungselementen zu einer Gesamterzählung führen. Die Zusammenführung dieser verschiedenen »Bilder« sollte beim Besucher dazu beitragen, die »Aneignung der Vergangenheit heute – zu einer gewissen Zeit, an einem gewissen Ort – ebenfalls als Prozess zu begreifen«.6
Auf der Grundlage dieses Konzepts produzierten wir 48 Filme für die Ausstellung, darunter 16 thematische und 26 biografische Medienstationen mit Ausschnitten aus Zeitzeugen-Interviews. Wir fertigten Dutzende von Rohschnitten für jeden einzelnen dieser Filme an, diskutierten diese sehr intensiv untereinander und mit dem Team, arbeiteten auch unter Berücksichtigung aller wissenschaftlichen Standards – und standen trotzdem bei jedem einzelnen Film vor einer schier unlösbaren Aufgabe: der schweren und schmerzhaften Auswahl der Zeitzeugen. Wer wird künftig mit seinem Namen, seinem Gesicht, seiner Stimme, seiner Geschichte und seinem Schicksal in der Ausstellung zu sehen sein? Zugespitzt: an wen wird erinnert werden, an wen nicht?
Ich schäme mich nicht, zuzugeben, dass diese »Auswahl« zu treffen, sehr unangenehme Assoziationen bei uns geweckt hat und sich bis heute ein diffuses Schuldgefühl gegenüber einigen Zeitzeugen hält, die wir nicht berücksichtigen konnten. Und dies vor allem jetzt, wo wir fast wöchentlich die Todesmitteilungen von Überlebenden erhalten, mit denen wir teilweise seit Jahren freundschaftlich verbunden waren und die unsere Arbeit in vielerlei Hinsicht unterstützt haben. Jeder, der im Gedenkstättenbereich arbeitet, weiß, welches Gefühl von unwiederbringlichem Verlust sich dabei einstellt.
Die digitalisierten Zeitzeugen-Interviews in unseren Archiven sind kein Ersatz für die direkte Zeitzeugen-Begegnung – und sollten auch nicht als solches missverstanden werden. Bei jeder Form des Einsatzes von Zeitzeugen-Interviews sollten wir uns vergegenwärtigen, dass sie keine einfache und schnell zu erschließende Quelle sind. Die Biografie als Konstrukt und das Trauma bedürfen einem vielschichtigen Instrumentarium, um sie zu interpretieren und zu kontextualisieren. Sind wir in der Lage, dies zu tun, dann sind audiovisuelle Selbstzeugnisse eine sehr reiches und vielseitig einsetzbares Material. Zeitzeugen-Interviews können unvollständige Aktenüberlieferungen ergänzen und wichtige Sachinformationen liefern. Sie thematisieren Aspekte, Situationen, Erfahrungen und Zusammenhänge, die aus keiner anderen historischen Quelle gewonnen werden können. Und was dem Selbstzeugnis von so manchem Historiker als Nachteil ausgelegt wird, ist eigentlich der entscheidende Vorteil: die Subjektivität, die Möglichkeit zur Konkretisierung und Personalisierung.
Für die Beiträge über das Medienkonzept, die Karin Theilen und ich seit der Ausstellungseröffnung im Herbst 2007 publiziert haben, wählten wir den Titel »Fragmente der Erinnerung«. Fragmente – Bruchstücke. Denn letztlich ist es nur das – nicht mehr und nicht weniger – was wir einfangen und was wir zeigen können.
Dazu gibt es ein schönes Zitat von Walter Benjamin, mit dem ich meinen Vortrag schließen möchte: »Das wahre Bild der Vergangenheit huscht vorbei. Nur als Bild – das auf Nimmerwiedersehen im Augenblick der Erkennbarkeit aufblitzt – ist die Vergangenheit festzuhalten.«7
Diana Gring ist Kustodin für Audovisuelle Medien und Interviews an der Gedenkstätte Bergen-Belsen.
1 Es handelt sich um die verschriftlichte Fassung des gleichnamigen Vortrags während des bundes-weiten Gedenkstättenseminars in Bergen-Belsen am 24. September 2009.
Siehe für eine umfangreiche Darstellung des gesamten Medienkonzepts: Diana Gring und Karin -Theilen: Fragmente der Erinnerung. Audiovisuelle Medien in der neuen Dauerausstellung der Gedenkstätte Bergen-Belsen, in: Schulze, Rainer / Wiedemann, Wilfried (Hg.): AugenZeugen. Fotos, Filme und Zeitzeugenberichte in der neuen Dauerausstellung der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Hintergrund und Kontext. Celle 2007, S. 153–219.
2 Georges Didi-Huberman: Bilder trotz allem. München 2007, S. 53.
3 Siehe dazu: Karin Theilen und Diana Gring: Video-Interviewprojekte der Gedenkstätte Bergen-Belsen, in: BIOS. Heft 2/2006 (19.Jg.), S. 312–316 sowie Gring und Theilen (Anm.1), S.173–183.
4 Didi-Huberman (Anm.2), S. 154.
5 Jorge Semprún: Schreiben oder Leben. Frankfurt am Main 1997, S. 239.
6 Detlef Hoffmann: Ein Foto aus dem Ghetto Lodz oder: Wie die Bilder zerrinnen, in: Hanno Loewy (Hg.): Holocaust. Die Grenzen des Verstehens. Reinbek bei Hamburg 1992, S. 233–297, hier: S. 244
7 Walter Benjamin: Über den Begriff der Geschichte, in: ders.: Gesammelte Schriften, Band 1.2, Frankfurt am Main 1974, S. 695.


