Eva Schwarzmayer

Die Gedenkstätte Kreuzstadl in Rechnitz

Gedenkstättenrundbrief Nr. 167 (9/2012) S. 27-38

Am 25. März 2012 wurde die Gedenkstätte Kreuzstadl im österreichischen Rechnitz, nahe der ungarischen Grenze, eröffnet. Der wegen seines kreuzförmigen Grundrisses so benannte Kreuzstadl, ein Getreidespeicher des ehemaligen landwirtschaftlichen Gutes der Grafen Batthyány, ist heute nur mehr als Ruine erhalten. Seit Jahren galt der Kreuzstadl als Symbol für eines der grausamsten Verbrechen während der NS-Zeit und für dessen Verdrängung nach Kriegsende. Der Verein RE.F.U.G.I.U.S. – Rechnitzer Flüchtlings- und Gedenkinitiative – sorgte in 20-jähriger Arbeit dafür, dass der Ort heute eine Gedenkstätte für die in der Nähe des Kreuzstadls ermordeten ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter ist, und darüber hinaus für die vielen Menschen, die entlang der burgenländischen Grenze, auch auf ungarischem Gebiet, ermordet wurden.

Am 25. März konnte das Mahnmal um einen Informations- und Dokumentationsbereich erweitert und zum Ort der Vermittlung ausgebaut werden. Die Gebeine, der beim Kreuzstadl ermordeten etwa 180 Juden, konnten bis heute nicht gefunden und nicht würdevoll bestattet werden. Für die Angehörigen der hier Ermordeten steht der Kreuzstadl anstelle eines Grabmales, an dem sie trauern können. Für die Nachgeborenen und künftigen Generationen soll es ein Ort der Besinnung sein, ein Ort, der hilft, die richtigen Fragen zu stellen.

 

Jüdische Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter beim Südostwallbau

Das Burgenland, östlichstes Bundesland Österreichs, wurde, bedingt durch seine Grenzlage zu Ungarn, in der Endphase der NS-Zeit zu einem Schauplatz extremer Erniedrigungen und Gräueltaten. Als sich um die Jahreswende 1944/45 die Front näherte, versuchten die NS-Machthaber das Vorrücken der Roten Armee durch den Bau des sogenannten Südostwalls – einer Verteidigungsanlage aus Panzer- und Schützengräben – aufzuhalten. Beim Südostwallbau wurden Zivilistinnen und Zivilisten, Hitlerjugend, Zehntausende Fremdarbeiterinnen und -arbeiter sowie, als weitaus größte Gruppe, nach Österreich deportierte ungarisch-jüdische Zwangsarbeiterinnen und -arbeiter eingesetzt. Entlang der österreichisch-ungarischen Grenze wurden zu diesem Zweck mehrere Lager eingerichtet, in denen insgesamt 35 000 ungarische Jüdinnen und Juden zusammengepfercht waren. Etwa ein Drittel der Lagerinsassen starb an den Folgen der unmenschlichen Arbeits- und Lebensbedingungen oder wurde von den Wachmannschaften ermordet. Im gesamten Burgenland, aber auch in Ungarn kam es an sehr vielen Orten entlang des Südostwalls sowie auf den Evakuierungsmarschrouten Richtung Konzentrationslager Mauthausen und Gunskirchen Ende März, Anfang April 1945 zu unzähligen Mordtaten.

 

Das Massaker an ungarischen Juden in Rechnitz

In Rechnitz fand wenige Tage vor Kriegsende eines dieser Massaker unter besonders grausamen Umständen statt. Die Front lag nur noch wenige Kilometer entfernt, Geschützdonner war bereits zu hören. Am 24. März 1945 wurden an die 1 000 ungarische Juden vom Lager Köszeg/Güns (Ungarn) mit der Eisenbahn über die Grenze in den kleinen Ort Burg transportiert, wo sie beim Bau des Südostwalls eingesetzt werden sollten. 200 kranke, für den Arbeitseinsatz zu schwache Männer wurden zum Bahnhof Rechnitz gebracht. Am Abend desselben Tages fand im Schloss Batthyány in Rechnitz ein NSDAP-Kameradschaftsfest statt, bei dem 40 bis 50 Personen anwesend gewesen sein dürften. Laut Zeugenaussagen erhielt der NSDAP-Ortsgruppenleiter Franz Podezin einen Anruf, woraufhin er 15 Männer bewaffnen ließ. Diese Gruppe machte sich vom Schloss aus auf den Weg in die Nähe des Kreuzstadls, wohin in der Zwischenzeit die völlig erschöpften Juden gebracht worden waren. Dort ermordeten sie nach Mitternacht 180 Menschen. Danach kehrten sie ins Schloss zurück, um weiter zu feiern. 18 Juden hatte man vorerst am Leben gelassen. Sie mussten am nächsten Tag die Leichen verscharren. Danach wurden auch sie ermordet.

 

Die Suche nach dem Massengrab

Nach Kriegsende war dieses Verbrechen Gegenstand einer gerichtlichen Voruntersuchung und zweier Prozesse: Zwei der Täter wurden im Jahr 1948 zu fünf respektive acht Jahren schwerem Kerker verurteilt; die Hauptverantwortlichen flüchteten und konnten nie zur Verantwortung gezogen werden. Bereits im April 1945 ordnete die sowjetische Besatzungsbehörde die Öffnung des Massengrabes an. Es wurde ein Protokoll der Gräberöffnung erstellt, die Toten wurden aber nicht umgebettet. Im Frühjahr 1946 wurde das Grab im Zuge der Voruntersuchungen gegen einen Beschuldigten neuerlich geöffnet. Bei der Exhumierung war der Rechnitzer Amtsarzt zugegen. Nachdem dieser die Toten begutachtet hatte, wurde das Grab wiederum zugeschaufelt.1

Im Rahmen einer Such- und Umbettungsaktion Ende der 1960er Jahre durch das Österreichische Schwarze Kreuz und den Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge wurde das kleinere Massengrab mit 18 Toten gefunden. Deren Leichen wurden im März 1970 auf dem Jüdischen Friedhof in Graz bestattet.2 In den darauffolgenden Jahrzehnten wurde die exakte Lage des Massengrabes verdrängt, Dokumente dazu sind unauffindbar. Die erste Suchgrabung zur Wiederentdeckung in unmittelbarer Nähe zum Kreuzstadl fand im Frühjahr 1988, die zweite im Oktober 1988 statt, beide ohne Ergebnis. Neuerliche Suchaktionen vom Verband Deutscher Kriegsgräberfürsorge unter der Leitung von Horst Littmann im Dezember 1990 wurden abgebrochen. Im Zuge der Dreharbeiten zum Film »Totschweigen« von Eduard Erne und Margarethe Heinrich im Jahr 1990 blieb ein Aufruf des katholischen Dechants Andreas Wurzer, des evangelischen Pfarrers Ulrich Haas und des Oberschulrates und Hauptschuldirektors i.R. Wilhelm Gregorich mit dem Ziel, Hinweise aus der Bevölkerung über die Lage des Grabes zu erhalten, ohne Erfolg. Weitere Grabungen folgten. Insgesamt gab es bisher zwölf Versuche das Grab zu finden, an denen der Volksbund Deutscher Kriegsgräberfürsorge, die Israelitische Kultusgemeinde Wien, der Verein Schalom, das Bundesministerium für Inneres (Abteilung für Kriegsgräberfürsorge und Gedenkstätten), das Institut für Ur- und Frühgeschichte, das Institut für Geographie und Regionalforschung sowie das physiogeographische Labor der Universität Wien mitwirkten. Die Ergebnisse der letzten Suche im Frühjahr des Jahres 2012 stehen derzeit noch aus. Laut Bundesministerium für Inneres und Bundesverband der Israelitischen Kultusgemeinde wird die Suche so lange fortgesetzt, bis die Leichen der Opfer gefunden werden. Dies geschieht aus der Verpflichtung heraus, die hier ermordeten Menschen in gebührender Weise und nach jüdischer Zeremonie bestatten zu können.

 

Der Ort Rechnitz

Rechnitz, eine Marktgemeinde mit 3 200 Einwohnerinnen und Einwohnern, liegt am Südhang des Günsergebirges am Fuße des 884 m hohen Geschriebensteins, der höchsten Erhebung des Burgenlandes und Westungarns. Bereits um 500 v. Chr. war dieses Gebiet besiedelt. 1260 erfolgt die erste urkundliche Erwähnung. 1348 erhielt Rechnitz das Marktrecht. Unter der Herrschaft der Grafen Batthyány entwickelte sich Rechnitz an der Wende vom 17. zum 18. Jahrhundert zu einer eigenständigen wirtschaftskräftigen Herrschaft mit einer großen und bedeutenden jüdischen Gemeinde. Diese hatte um 1850 mit 850 Mitgliedern ihren Höchststand. Gegen Ende des 19. Jahrhunderts, im Zuge der Industrialisierung und der sich damit verschlechternden wirtschaftlichen Situation, wanderten viele Rechnitzer Familien, darunter auch jüdische, in die größeren Städte Budapest, Szombathely, Wien oder nach Übersee aus. Nach dem Ersten Weltkrieg und dem Anschluss des bisher ungarischen Gebietes an Österreich geriet Rechnitz in eine Grenzlage ohne Hinterland. Am Ende des Zweiten Weltkrieges kam es in und um Rechnitz zu schweren Kämpfen mit großen Verwüstungen und Zerstörungen.3

 

Verdrängen und Vergessen

Wie in den anderen Städten und Dörfern widmeten sich auch die Rechnitzerinnen und Rechnitzer nach dem Zweiten Weltkrieg ganz dem Wiederaufbau. Die Gewalt und die Verbrechen des Nationalsozialismus wollte man vergessen. Das Schicksal der Rechnitzer Jüdinnen und Juden war genauso wenig Thema wie das der ungarischen jüdischen Zwangsarbeiter. Von den rund 130 im Jahr 1938 vertriebenen Jüdinnen und Juden waren viele von den Nationalsozialisten ermordet worden, nur eine Familie kehrte nach Rechnitz zurück. In Rechnitz herrschte ein Klima der Angst, das auch von regionalen Medien geschürt wurde. Während der Prozesse vor dem Volksgericht gegen die Verdächtigen des Kreuzstadl-Massakers waren nämlich mehrere Personen, darunter zwei Zeugen der Anklage, ermordet worden. Karl Muhr, der in der Mordnacht die Waffen an die Mörder ausgab, wurde vor seiner Zeugenaussage tot im Wald aufgefunden. Aladar Horvath, Dentist und Helfer des örtlichen Arztes, der die stichprobenartige Exhumierung wenige Wochen nach Kriegsende vorgenommen hatte, wurde mit Genickschüssen in einem Brunnen gefunden. Auch die ungeklärten Morde an dem Bauern Michael Babzel und dem Juden Nikolaus Weiß, der sich auf dem Weg zum Lokaltermin nach Rechnitz befand, wurden mit einer Naziverschwörung in Zusammenhang gebracht.4 Keiner dieser Fälle konnte je aufgeklärt werden.

Bereits zu Beginn der 1950er Jahre, nach einer kurzen Phase der Orientierung an Antifaschismus und Widerstandskampf und dem Versuch, NS-Gewaltverbrechen aufzuklären und zu ahnden, wurde es in Österreich politischer und gesellschaftlicher Konsens, NS-Verbrechen zu verdrängen und zu vergessen. Die Orte der Verbrechen sowie die Opfer selbst gerieten immer mehr in Vergessenheit.

 

Erinnern

Erst Mitte der 1980er Jahre begann eine neue Generation, unter dem Eindruck der »Waldheimaffäre«, der Problematik der unaufgearbeiteten militärischen Vergangenheit des ehemaligen UNO-Generalsekretärs und späteren Bundespräsidenten, Fragen nach der Verantwortung und Beteiligung der Österreicherinnen und Österreicher an den Verbrechen des Zweiten Weltkrieges und am Holocaust zu stellen. Eine neue Erinnerungskultur entstand. In diesem Zusammenhang wurde die erste Initiative zur Errichtung eines Mahnmals zum Gedenken an das Kreuzstadl-Massaker von Hans Anthofer, eines im Burgenland und Österreich engagierten und bekannten Antifaschisten, gestartet. Er rief zur Unterzeichnung einer Unterschriftenliste mit folgendem Wortlaut auf: »Seither wächst nichts als Gras auf den Gräbern – auch das Gras der Vergessenheit. Den Vergangenheitsverdrängern und Mitschuldigen wäre es am liebsten, dass es so bleibt … Wir, die Unterzeichneten, wollen, dass auf der blutgetränkten Erde von Rechnitz ein Mahnmal für die Opfer der Nazibarbarei errichtet wird, als Mahnwache, als stetes Gedenken, als Mahnung, damit sich die Zeit ohne Gnade nicht wiederholt.«5

In der Ausstellung »Naziherrschaft und was uns blieb« im autonomen Kulturzentrum »Offenes Haus Oberwart« wurde 1989 an die Opfer von Rechnitz erinnert und die Errichtung einer Gedenkstätte gefordert. Die Arbeit an dieser Ausstellung und die intensive Auseinandersetzung mit dem Thema waren Ausgangspunkt für die spätere Gründung der »Rechnitzer Flüchtlings- und Gedenkinitiative und Stiftung«.

 

RE.F.U.G.I.U.S.

Im Februar 1991 entstand rund um das Antifaschistische Personenkomitee Burgenland und den Verein »Grenzlos«, unter Beteiligung des Pianisten Paul Gulda die Initiative RE.F.U.G.I.U.S. – Rechnitzer Flüchtlings- und Gedenkinitiative und Stiftung. Sie setzte es sich zum Ziel, an die Gräuel des Nationalsozialismus zu erinnern und dem Prozess des Vergessens entgegenzuwirken sowie, um einen Bogen zur Gegenwart zu spannen, ein Haus für Flüchtlinge in Rechnitz zu errichten. Kulturveranstaltungen und Benefizaktionen sollten dafür Bewusstsein schaffen und werben. Es folgte eine Vielzahl verschiedenster Aktivitäten und Veranstaltungen, u.a. wurde an der ehemaligen Synagoge der jüdischen Gemeinde von Rechnitz eine Gedenktafel feierlich enthüllt, die bereits 1990 angebracht worden war: »Zum Gedenken an den Leidensweg unserer ehemaligen jüdischen Mitbürger. Hier stand ihr Bethaus. Es wurde 1938 von den Nationalsozialisten zerstört. Gewidmet Gemeinde Rechnitz.«

Nach jahrelangen Bemühungen konnte im Schlosspark von Rechnitz ein Gedenkstein für die Opfer des Kreuzstadl-Massakers und für vier Rechnitzer Widerstandskämpfer errichtet werden. Benefizkonzerte von Paul Gulda und Freunden im März, Juni und Juli 1992 brachten Geld für das geplante Haus der Flüchtlinge. 1992 konstituierte sich RE.F.U.G.I.U.S. als Verein. Innerhalb von RE.F.U.G.I.U.S. formierte sich die Kreuzstadl-Initiative auf Anregung Marietta Torbergs und des burgenländischen Bildhauers Karl Prantl, um die Ruine des Kreuzstadls zu erwerben. Durch Spenden konnte die Kreuzstadl-Initiative das Grundstück rund um den Kreuzstadl ankaufen und durch Renovierungsarbeiten die Ruine vor dem Verfall bewahren. Um die kostspielige Erweiterung des Areals in größerem Ausmaß hat sich besonders das Ehepaar Becker, Baierbrunn/München, verdient gemacht.

Am 14. November 1993 wurde das Mahnmal »Kreuzstadl« im Rahmen einer Gedenkfeier dem Bundesverband der Israelitischen Kultusgemeinden im Beisein von Präsident Paul Grosz und Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg übergeben. Zur selben Zeit entstand eine heftige Diskussion um das von RE.F.U.G.I.U.S. geplante »Haus der Flüchtlinge«. Der »Freiheitliche Gemeindekurier«, ein rechtspopulistisches Parteiblatt der freiheitlichen Partei von Rechnitz, warnte vor einem »zweiten Traiskirchen«, dem größten Flüchtlingsauffanglager Österreichs und vor den besonders schlimmen Folgen für den Fremdenverkehr. In einer gemeinsamen Sitzung von Vertretern der katholischen und evangelischen Kirche, der politischen Gemeinde Rechnitz sowie RE.F.U.G.I.U.S. wurde versucht, einen Weg für das geplante »Haus der Flüchtlinge«, mit Wohnraum für maximal zehn Personen in zwei Familien zu finden.6 Diese Vorhaben fand seitens der politischen Gemeinde keine Unterstützung. In einem Gemeinderatsbeschluss wurden die kulturellen Veranstaltungen des Vereins RE.F.U.G.I.U.S. zwar begrüßt, der Verein aber ersucht, die Veranstaltungen nicht mehr unter dem Motto »Haus der Flüchtlinge« durchzuführen7.

Auch ein Grund für den Meinungsumschwung der Gemeindevertretung dürften die Vorkommnisse rund um den Film »Totschweigen« von Margaretha Heinrich und Eduard Erne gewesen sein. Die Filmschaffenden begleiten vier Jahre lang die Suche nach dem Massengrab der ungarisch-jüdischen Zwangsarbeiter und beleuchten den historischen Hintergrund der Deportationen ungarischer Juden. Er beschreibt das Verhältnis der Rechnitzerinnen und Rechnitzer zu den Ereignissen im Jahr 1945, erzählt von ihren Erinnerungen und ihren Reaktionen auf die Suche. Die Gemeindevertretung verweigerte die Unterstützung der Uraufführung dieses Films in Rechnitz, der seither weithin bekannt wurde, mit dem Argument, dass große Teile der Bevölkerung dies nicht billigen würden. Für die Premiere des Films am 23. Mai 1994 stellte der örtliche katholische Pfarrer das Pfarrheim zur Verfügung, das schließlich derart überfüllt war, dass neben dem großen Veranstaltungssaal auch in den kleineren Räumen Fernsehapparate aufgestellt werden mussten, um allen Interessierten den Film zeigen zu können.

 

Gedenken

Enttäuscht von der Ablehnung vor Ort verlegte RE.F.U.G.I.U.S. in der Folge seine kulturellen Aktivitäten auf Landesebene. Es folgten Veranstaltungen in Städten und größeren Gemeinden des Burgenlandes. Zu dieser Zeit rückte das Thema »Mahnmal Kreuzstadl« immer mehr in den Vordergrund der Arbeit von RE.F.U.G.I.U.S. Bei einer Gedenkfeier am 26. März 1995, anlässlich des 50. Jahrestages des Massakers beim Kreuzstadl, wurde ein Gedenkstein des Bildhauers Karl Prantl enthüllt. 1997 beschlossen der Bundesverband Israelitischer Kultusgemeinden sowie der Verein RE.F.U.G.I.U.S. die Tradition eines jährlichen Gedenkens an alle jüdischen Opfer des Südostwallbaus beim Kreuzstadl in Rechnitz zu begründen.8

RE.F.U.G.I.U.S. begann Gespräche mit Vertreterinnen und Vertretern des Landes Burgenland über ein burgenländisches »Landesmahnmal Kreuzstadl« zu führen. Grundsätzlich wurde die Idee begrüßt. Mit der Burgenländischen Landesregierung wurden Vorgehensweisen und Planung des Vorhabens diskutiert. Der damalige Landeshauptmann Karl Stix regte die Schaffung einer breiten Plattform an, die die Idee eines Landesmahnmals in Rechnitz mittragen sollte. Auch die Zustimmung der Gemeindevertretung Rechnitz zu einem »Landesmahnmal Kreuzstadl« war gewünscht. Im Herbst 1998 fanden Gespräche zwischen RE.F.U.G.I.U.S. und den Gemeinderatsfraktionen von SPÖ, ÖVP und FPÖ statt. Prinzipiell wurde von keiner Fraktion ein Landesmahnmal abgelehnt, jedoch wollten die Fraktionen zuerst untereinander zu einer Entscheidungsfindung kommen. – Dazu kam es nie.

Das Hinhalten und die Weigerung seitens der politischen Verantwortungsträgerinnen und -träger Entscheidungen zu treffen, veranlasste RE.F.U.G.I.U.S. auf die Unterstützung der Politik zu verzichten und die Mittel für die Erweiterung des Areals und das »Mahnmal Kreuzstadl für alle Opfer des Südostwallbaus« durch private Spenden aufzubringen.9 Beeinflusst wurde diese Entscheidung auch von der zu diesem Zeitpunkt geführten Diskussion über das Konzert der Wiener Philharmoniker im Steinbruch der Gedenkstätte Mauthausen unter der neuen ÖVP-FPÖ-Koalitionsregierung. Eine eventuelle Einflussnahme der Parteipolitik auf die Gedenkarbeit wollte RE.F.U.G.I.U.S. vermeiden. Gleichzeitig wurde beschlossen, Politikerinnen und Politiker in Zukunft nicht aktiv um Redebeiträge beim Kreuzstadl zu ersuchen, wobei eine freiwillige Teilnahme ausdrücklich begrüßt wird.

Im Frühjahr 2000 wurde die Aktion »Baumpatenschaft« für ein Mahnmal Kreuzstadl für alle Opfer des Südostwallbaus gestartet. In dem Schreiben dazu heißt es: »Wir meinen, dass das Gedenken, die Last der Erinnerung, nicht nur einer Gruppe von Menschen, nicht nur einem Ort allein aufgebürdet werden soll. Ohne von Schuld zu sprechen, so ist doch das kollektive Gedächtnis unseres ganzen Landes gefordert, um diese traumatischen Jahre der heimischen Geschichte zu verarbeiten. Im vorliegenden Projekt soll durch die Übernahme von Baumpatenschaften die Einbindung und Solidarisierung weiterer Kreise erzielt werden. Das Gelände (Gesamtfläche 15 000 m2 ) soll mit Bäumen und Sträuchern eingefriedet werden: Eine geschützte Stätte, die zur Besinnung einlädt. Wie auch in Israel und anderen Ländern gute Tradition, sollen blühende Bäume neues Leben, neues Denken aus den Ruinen der Vergangenheit symbolisieren.«10

Etwa 20 Gemeinden beteiligten sich an dieser Aktion. Aber vor allem Privatpersonen folgten dem Aufruf, sodass das Grundstück rund um den Kreuzstadl angekauft und mit Bäumen umpflanzt der Israelitischen Kultusgemeinde übergeben werden konnte. Bei der Gedenkfeier im März 2001 wurde die Erweiterung des bestehenden Mahnmals Kreuzstadl zu einem Mahnmal für alle Opfer des Südostwallbaus – sichtbar gemacht durch die Umfriedung des Areals mit jungen Ahornbäumen – präsentiert.

 

Ort der Erinnerung, des Gedenkens und Nachdenkens

RE.F.U.G.I.U.S. setzte sich zum Ziel, das Kreuzstadl-Areal zu einem Ort auszugestalten, der für viele Menschen Erinnern, Gedenken und Nachdenken möglich macht: Der Kreuzstadl soll nicht nur als steinerner Zeuge für sich stehen, sondern als lebendiges Mahnmal eine besondere Sinngebung erfüllen: »Ein Ort (…) hält Erinnerungen nur dann fest, wenn Menschen auch Sorge dafür tragen«11, wurde zum Leitsatz für die zukünftige Arbeit von RE.F.U.G.I.U.S.

Ideen wurden diskutiert, Visionen entwickelt, Diskussionen geführt und Projekte initiiert und durchgeführt. Das Buchprojekt »Rechnitzer Geschichten«, in dem 16 Rechnitzerinnen und Rechnitzer zu ihren Erinnerungen an die Zeit des Nationalsozialismus und die »Russenzeit« interviewt wurden, war ein erster Schritt zu mehr und besseren Verständnis der Anliegen von RE.F.U.G.I.U.S.12 Für RE.F.U.G.I.U.S. stand vor allem die Erinnerungs- und Gedenkarbeit, weniger die Suche nach dem Massengrab im Mittelpunkt der Arbeit. Doch gerade im Gedenkjahr 2005 wurden Stimmen von Personen des öffentlichen Lebens laut, die an der Tatsache des Kreuzstadl-Massakers zweifelten und von einem »Kreuzstadl-Mythos« sprachen.

RE.F.U.G.I.U.S. gründete gemeinsam mit Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens (Historikerinnen und Historikern, Journalisten, usw.) eine Plattform, um Informationen zum Tathergang zu sammeln und neue Quellen aufzutun, neuen Hinweisen nachzugehen und neuerliche Grabungen möglich zu machen. Es entstand die Website www.kreuzstadl.net, auf der Textsammlungen, Quellenmaterial und Quellenangaben umfassende Informationsmöglichkeiten bieten.

Schwieriger gestalteten sich die Versuche, Kontakte zu ungarischen Institutionen, Vereinigungen oder Einzelpersonen herzustellen. Im Jahr 2005 nahm erstmals eine Delegation der Israelitischen Kultusgemeinde Zalaegerszeg an der Gedenkfeier teil. Die Kontakte zu Ungarn konnten weiter intensiviert werden. Die Kultusgemeinde Zalaegerszeg enthüllte 2007 eine Gedenktafel am Kreuzstadl. Auch die Bemühungen, Freundschaften mit einzelnen Personen im nahen ungarischen Szombathely auf eine offizielle Ebene zu bringen, trugen Früchte. Das »EU Interreg III A«-Projekt »Jüdische Erinnerungszeichen in der West-Pannonischen EU-Region« wurde gemeinsam mit dem Ungarisch-Israelischen Freundschaftsverein Szombathely in den Jahren 2007/2008 durchgeführt. Es entstand das Buch »… eine Zeit zum Steine sammeln«. Es dokumentiert die wenigen heute noch sichtbaren Spuren jüdischer Kultur und jüdischen Lebens in Westungarn und dem Burgenland.

Bei der Gedenkfeier im März 2008 wurde der Rechnitzer Familie Tomsits gedacht und ein Baum gepflanzt. Die Familie hatte den ungarischen Juden Dr. Szekely Sandor eine Woche lang versteckt gehalten und ihm dadurch das Leben gerettet. Die Nachkommen von Maria und Michael Tomsits und der Bürgermeister Engelbert Kenyeri erhielten eine Ehrenurkunde von Univ.-Prof. Dr. Szablocs Szita, als Vertreter der Stiftung Erinnerung 1944-2004 aus Budapest.

 

Gedenkstätte Kreuzstadl

Trotz dieser unterschiedlichsten Aufgaben, die RE.F.U.G.I.U.S. übernahm, wurde das Ziel der Ausgestaltung des Mahnmal Kreuzstadl zu einer Gedenkstätte nie aus den Augen verloren. 2008 wurde das Projekt unter dem Titel »Museum Kreuzstadl« im EU-Programm »Europa für Bürgerinnen und Bürger – aktive europäische Erinnerung« eingereicht und genehmigt. Zusätzliche Förderungen durch den Nationalfonds der Republik Österreich für Opfer des Nationalsozialismus, den Zukunftsfonds, das Bundesministerium für Wissenschaft und Forschung, das Bundesministerium für Unterricht, Kunst und Kultur und das Amt der Burgenländischen Landesregierung/Abt. 7 – Kultur, Wissenschaft und Archiv ermöglichten die Erarbeitung des Konzepts. 2009 wurde das Konzept mit Texten, Fotos und Objekten sowie den baulichen Umsetzungsplänen fertiggestellt. Es begannen die Bemühungen, die Finanzierung für den Bau sicherzustellen.

Am 25. März 2012, 20 Jahre nach der Gründung des Vereins RE.F.U.G.I.U.S., konnte die Gedenkstätte eröffnet werden. Ermöglicht wurde das durch die finanzielle Unterstützung des Landes Burgenland, des Europäischen Fonds für regionale Entwicklung (EFRE), des Bundesministeriums für Unterricht, Kunst und Kultur und viele private Spenderinnen und Spendern sowie durch zahlreiche Sachspenden. Bei der Eröffnungsfeier richtete der Bürgermeister der Gemeinde Rechnitz, Engelbert Kenyeri, an RE.F.U.G.I.U.S. die Worte: »Danke, dass Sie dafür gesorgt haben, dass dieser Gedenkort entstehen konnte.« Dies ist Ausdruck für den Gesinnungswandel in der Gemeinde der letzten Jahre unter der neuen Gemeindeführung. Als Festredner vor rund 400 Gästen betonte der österreichische Bundespräsident Dr. Heinz Fischer, dass weiterhin dafür gesorgt würde, alles zu unternehmen, die Toten zu finden.

Die Konzeptarbeit von RE.F.U.G.I.U.S. für die Gedenkstätte wurde vom Gedanken getragen, Verantwortung für die Vergangenheit – die Verbrechen des Nationalsozialismus – und für die Gegenwart sowie für die Zukunft mitzutragen, indem die Erinnerung wach gehalten, Diskussionen angeregt, Kennenlernen gefördert und die Bereitschaft für ein Miteinander gestärkt werden. Gerade dieser Ort, wo der »Eiserne Vorhang« die Menschen lange voneinander getrennt hat, ist beispielhaft für die positive Entwicklung in einem gemeinsamen Europa. Aus der Sicht des Vereins RE.F.U.G.I.U.S. stellt das Projekt in mehrfacher Hinsicht einen wichtigen Schritt dar. Die furchtbaren Ereignisse in der ungarisch-burgenländischen Grenzregion und die Todesmärsche sind immer noch wesentlich weniger im Bewusstsein der Öffentlichkeit verankert als etwa die Konzentrations- und Vernichtungslager Mauthausen, Hartheim oder beispielsweise Auschwitz, Treblinka oder Sobibor. Und das, obwohl die Verbrechen nicht irgendwo weit weg geschahen, sondern vor den Augen der Bevölkerung. Durch den Hinweis auf den gesamten Kontext wird auch die einseitige Last vom Ort Rechnitz genommen, der mit dem historischen Stigma »Kreuzstadl-Massaker« assoziiert wurde. Darüber hinaus stellt das Gedenken an ungarische Opfer eine Geste im Sinn der europäischen Nachbarschaft dar. Zuletzt manifestiert der Verein auch für sich selbst das Resultat jahrelanger Arbeit im Dienst von Aufklärung, Forschung und Gedenken.

Ein Team von Künstlern, Museumsexpertinnen und -experten und Wissenschafterinnen und -schaftern durchlief mit Unterstützung von ungarischen Kolleginnen und Kollegen einen langen Denk- und Arbeitsprozess. In ihm wurden Ideen, Pläne und Entwürfe diskutiert, verworfen, neu angedacht, wiederum besprochen, auf Umsetzbarkeit überprüft. Diese ständigen Diskussionen ließen das Konzept reifen. Die Gemeinde Rechnitz wurde ebenso in die Arbeit mit einbezogen wie eine Gruppe von Studierenden der Universität Wien.

 

Die bauliche Umsetzung

Das Team »Bau und Architektur« bestand aus Bauplanern und Künstlern in enger Zusammenarbeit mit der Gesamtkoordination und Wissenschaft (Paul Gulda, Horst Horvath, Wolfgang Horwath, Wolfgang Krutzler, Andreas Lehner, Birgit Schützenhofer, Mag. Eva Schwarzmayer, Dr. Christine Teuschler).

Ursprüngliche Idee war es, ein unbetreutes, permanent zugängliches »Open-Air-Museum« zu schaffen. Bei der intensiven Beschäftigung mit der baulichen Gestaltung trat auch immer stärker der Anspruch in den Vordergrund, möglichst wenig in das Kreuzstadl-Areal einzugreifen. So entstand die Idee eines unteririschen Museums, die lange diskutiert und geplant wurde. Schließlich wurde dieser Plan wieder verworfen – zu hohe Kosten und vor allem die zu große Abweichung vom eigentlichen Vorhaben, des »Open-Air-Museums«, waren ausschlaggebend. Die nun frei stehende Ausstellungskonstruktion beruht auf einem Entwurf des Künstlers Wolfgang Horwath, für die museale Konzeption zeichnet Andreas Lehner verantwortlich. Dabei wird das Kreuzstadl-Areal durch eine offen angelegte Ausstellungsinstallation definiert, welche sich sanft in das Gelände fügt, ohne dabei die Aura des Kreuzstadels zu stören. Dieser definierte Gedenkort wird in Form eines gebogenen Grabens beschrieben – an den beiden Enden und auf der inneren Bogenseite sanft auslaufend, zur anderen Seite mit einer Beton-Stützmauer klar abgegrenzt. Damit nimmt der Graben das zentrale Thema »Südostwallbau« auf, symbolisiert aber ebenso das Schicksal der ermordeten und verscharrten Opfer und die schon so lang anhaltende Suche nach ihrem Grab.

Die 13 auf einer Beton-Stützmauer montierten Glastafeln (270  150 cm) bieten Schutz mit der Funktion eines Geländers zum Graben hin. Vom Graben aus gesehen sind sie lesbare Informations- und Bildtafeln, wobei sich das Glas als transparenter und unaufdringlicher Informationsträger bewährt. Die Besucher nähern sich von den sanft absteigenden Seiten und befinden sich somit in dem 1,5 Meter vertieften, ca. 4 Meter breiten und ca. 60 Meter lang verlaufenden Bogen, der sie wieder heraus aus der Tiefe direkt vor den Kreuzstadel führt. Auf diesem Weg finden die Besucher neben den Glastafeln auch Video- und Schaukästen. Diese sind zum Schutz vor Witterung und aus ästhetischen Gründen mit Stahlblech ummantelt und in Form von hochgestellten Quadern verteilt. Die Installation eröffnet den Besucherinnen und Besuchern einen Raum, der durch seine Gestaltungsform nicht nur die historischen Ereignisse dieses Ortes vermittelt, sondern auch die Möglichkeit der meditativen Vertiefung bietet.

 

Die Inhalte und deren Darstellung

Das Team, das sich mit der inhaltlichen Darstellung befasste, bestand aus Historikerinnen und Historikern, Erwachsenenbildnerinnen und -bildnern sowie Künstlern, Medienexperten (Zsuszanna Eck-Varga, Paul Gulda, Dr. Eleonore Lappin, Dr. Adolf Lang, Andreas Lehner, Dr. Ludwig Popper, Johannes Reiss, Walter Reiss, Birgit Schützenhofer, Mag. Eva Schwarzmayer, Dr. Szabolcs Szita, Dr. Christine Teuschler).

Seit mehr als zehn Jahren schon steht das Mahnmal Kreuzstadl als Symbol des Gedenkens für alle Opfer des Südostwallbaus. Ziel war es also, dieses Denkmal mit dem Lernort sensibel zu verknüpfen. Um das zu erreichen, war es notwendig, die Vorkommnisse ausführlich zu dokumentieren. Bisher gab es zu diesen Themen vereinzelte Aufsätze, Diplomarbeiten, aber keine wissenschaftliche, pädagogische Aufbereitung, die einen Überblick über die Ereignisse geben kann. Die Verbrechen, die »vor der eigenen Haustür«, im eigenen Dorf, von Einheimischen, u.a. vom Volkssturm und der Hitlerjugend, im Zuge des Südostwallbaus und der Todesmärsche begangen wurden, werden vielfach noch immer verdrängt und verschwiegen. Mit der Darstellung dieser Verbrechen im öffentlichen Raum, immer zugänglich, immer sichtbar, wird eine Möglichkeit geschaffen, dieses Thema an die Öffentlichkeit zu bringen.

Das Team Wissenschaft stellte es sich zur Aufgabe, einen Ort zu gestalten, dessen Intention es ist, zu informieren, Wissen zu vermitteln und Anregung zur Beschäftigung mit der Vergangenheit zu bieten, um daraus auch Lehren für die Gegenwart und die Zukunft zu ermöglichen. Für die heutigen und die künftigen Generationen soll es ein Lernort sein, der, ausgehend von der Erinnerung und dem Gedenken an die Leiden der ungarischen Jüdinnen und Juden, Wissen vermittelt und daraus folgend Demokratie, Menschenrechte, Toleranz und Pluralismus thematisiert. Darüber hinaus musste bedacht werden, dass dieser Platz für die Angehörigen und die Nachkommen der Opfer ein Ort der Trauer, der Erinnerung und der Hoffnung ist.

Beispielhaft wird deshalb in der Ausstellung das Schicksal von einigen wenigen bekannten Opfern dargestellt, stellvertretend für die vielen unbekannten Todesopfer, um ihnen ihre individuelle Identität und ihre Würde, die ihnen geraubt wurde, zurückzugeben und die Erinnerung an sie wach zu halten. Es wurden zehn Themenbereiche ausgearbeitet. Die Themenbereiche wurden in einen kurzen Informationstext – dieser auch auf Ungarisch und Englisch – und einen längeren, vertiefenden deutschsprachigen Text – gegliedert. Illustriert werden die Texte durch Fotografien, Grafiken und Karten, Video-Interviews, Sequenzen aus Wochenschauberichten sowie Filmdokumentationen. Auszüge aus der Lyrik des berühmten ungarischen Dichter Milkos Radnóti, der im November 1944 in Abda bei Györ ermordet wurde, machen die Erfahrungen und Leiden der ungarischen Juden während der NS-Herrschaft spürbar. »Wortspenden« von österreichischen Schriftstellerinnen und Schriftstellern (Clemens Berger, Elfriede Jelinek, Ruth Klüger, Robert Menasse, Martin Pollack, Doron Rabinovici, Vladimir Vertlib und Peter Wagner) erzählen vom Umgang mit NS-Verbrechen und von persönlicher Betroffenheit.

 

Die Themenbereiche gliedern sich in folgende Informations- und vertiefende Texte:

Orte der Trauer und der Erinnerung

Jüdisches Leben in Ungarn – Jüdisches Leben im Burgenland

Der Südostwallbau – Planung und Durchführung des Südostwallbaus ab Oktober 1944

Ungarische Jüdinnen und Juden beim Südostwallbau – Die ungarischen Jüdinnen und Juden und die Shoah

Tatorte – Orte der Arbeits- und Sammellager – Orte von Massakern während der Todesmärsche

Tatort Kreuzstadl – Das Massaker beim Kreuzstadl in Rechnitz

Lebensgeschichten – Deszö Reichlinger, Géza und Árpád Vadász, Lázsló Blum, Gabriel Livne, László Steiner, Judita Hruza

Das Massaker vor Gericht – Fememorde im Zuge des Verfahrens Rechnitz – Österreichs Nachkriegsjustiz

Die Suche nach dem Grab – Die Aktivitäten von Organisationen und Wissenschaft

Das Mahnmal Kreuzstadl – Geschichte und Entwicklung des Mahnmals Kreuzstadl – Chronologie des Vereins RE.F.U.G.I.U.S.

 

Eine der 13 gläsernen Tafeln ist leer geblieben. Sie wartet auf das Auffinden der Gräber und stellt gleichzeitig die Leere dar, die durch die Ermordung von Tausenden von Juden in persönlicher und familiärer wie in geistiger und kultureller Beziehung entstanden ist. Bereits in der ersten Konzeptbeschreibung zum »MUSEUM KREUZSTADL. Der Südostwallbau« wurde der Anspruch formuliert, dass ein Ort entstehen soll, der nicht mit Betroffenheitspädagogik arbeitet, sondern der Informationen gibt, der Wissen vermittelt und der Fragen stellt und zum Teil Antworten gibt, die für junge Menschen heute relevant sind. Um dieses Ziel zu erreichen, wurden nicht nur Expertinnen und Experten in die Arbeit eingebunden, sondern war es ein ganz besonders Anliegen gemeinsam mit jungen Menschen zu arbeiten, deren Bedürfnisse zu erfragen, Umsetzungsideen einzuholen sowie diese in das Konzept einfließen zu lassen. Eine Gruppe von Studierenden der Politikwissenschaft der Universität Wien leistete wichtige Arbeit bei den Lebensgeschichten der Opfer. Schülerinnen der Höheren Lehranstalt für Projektmanagement und Präsentation Oberwart setzten sich vor allem mit der für junge Menschen adäquaten baulichen Umsetzung sowie inhaltlichen Ansprüchen auseinander. Ihre Ideen und Wünsche wurden bei der Umsetzung berücksichtigt. Zudem waren der Ungarisch-Israelische Freundschaftsverein Szombathely, die Israelitischen Kultusgemeinden Zalaegerszeg und Szombathely wichtige Partner sowie Univ.Prof. Dr. Szabolcs Szita. Gemeinsame Arbeit verbindet hier ungarische und österreichische Vereine, Initiativen und Institutionen noch enger. An diesem Ort wird die Zusammenarbeit an einem gemeinsamen Thema und Anliegen sichtbar.

Das Projekt stellt den Anspruch, diesen Teil der Geschichte des Nationalsozialismus so aufzubereiten, dass Fragen gestellt werden können, die zur Diskussion der Weiterentwicklung eines gemeinsamen Europas anregen. Letztlich soll die Gedenkstätte vor jeder Form von Rassismus warnen, gerade auch vor den aktuell existierenden Erscheinungen. Die Gedenkstätte Kreuzstadl soll ein Ort sein, der in erster Linie Menschen aus Ungarn und Österreich anspricht, aber auch von Bedeutung für jene ist, die heute als Nachkommen der Opfer des Nationalsozialismus in aller Welt leben. Daher sind die Ausstellungstexte in Deutsch, Ungarisch und Englisch verfasst. Mit der Fertigstellung und der Eröffnung der Gedenkstätte Kreuzstadl, mit dem neuen Informations- und Dokumentationsbereich, haben die Vorstandsmitglieder des Vereins RE.F.U.G.I.U.S. – Paul Gulda, Ludwig Popper, Christine Teuschler, Eva Schwarzmayer, Birgit Schützenhofer, Horst Horvath, Andreas Lehner, Wolfgang Horwath, Walter Reiss und Erich Kovacs sowie die beiden leider viel zu früh verstorbenen Wolfgang Kubizek und Hans Anthofer – ein großes Ziel erreicht. RE.F.U.G.I.U.S. will mit der Gedenkstätte Kreuzstadl als Lernort, Erinnerungsort und Begegnungsort die Botschaft hinaustragen, die auf einer der Informationstafeln festgeschrieben ist: »Nur das Erinnerte, nicht das Vergessene, lässt uns lernen. Wir alle gestalten Geschichte, die Geschichte formt uns. Suchen wir Antwort auf Geschehenes, tragen wir Verantwortung für die Zukunft.«

 

Magistra Eva Schwarzmayer, geboren in Rechnitz, ist nach ihrem Geschichtsstudium in Wien seit 1995 RE.F.U.G.I.U.S.-Vorstandsmitglied. Seit 1999 ist sie Mitveranstalterin der jährlich stattfindenden RE.F.U.G.I.U.S.-Symposien sowie an der Konzepterstellung und Projektumsetzung der Gedenkstätte Kreuzstadl beteiligt.

 

1    Gregor Holzinger, Die Suche nach dem Massengrab in Rechnitz. In: Burgenländisches Landesarchiv (Hg.), Das Drama Südostwallbau am Beispiel Rechnitz. Daten, Taten, Fakten, Folgen. Burgenländische Forschungen. Bd. 98, Eisenstadt 2009, S. 21f.

2    Ebd.

3    www.rechnitz.at/de/gemeinde-rechnitz/die-gemeinde/geschichte

4    Vgl. Pressespiegel. www.kreuzstadl.net/downloads/pressespiegel_1948_51.pdf

5    Archiv RE.F.U.G.I.U.S., Hans Anthofer, Unterschriftenliste für die Errichtung eines Mahnmals in Rechnitz, o.J.

6    Archiv RE.F.U.G.I.U.S., Protokoll vom 25. 6. 1993

7    Archiv RE.F.U.G.I.U.S., Brief des Bürgermeisters an RE.F.U.G.I.U.S. vom 27. 12. 1994

8    Archiv RE.F.U.G.I.U.S., Einladung zur Gedenkfeier, 1997

9    Archiv RE.F.U.G.I.U.S., Protokolle 1997, 1998

10  Archiv RE.F.U.G.I.U.S., Brief an die Gemeinden, Juni 2000

11  Aleida Assmann, Das Gedächtnis der Orte, in: Borsdorf, Grütter (Hg), Orte der Erinnerung. Denkmal, Gedenkstätte, Museum, Frankfurt/M 1999, S. 59–77.

12  Eva Schwarzmayer, Rechnitzer Geschichten. Oberwart 2000