Lutz van Dijk

Die Häftlinge mit dem Rosa Winkel

Gedenkstättenrundbrief Nr. 184 (12/2016) S. 26-33

ZUM AKTUELLEN FORSCHUNGSSTAND IN DER GEDENKSTÄTTE AUSCHWITZ-BIRKENAU

Bis zur Jahrtausendwende kamen pro Jahr etwa 500 000 bis 600 000 Besucher in die staatliche Gedenkstätte Auschwitz, dessen deutscher Name beibehalten wurde und wie kaum ein anderer weltweit als Synonym für die unmenschliche Vernichtungspolitik der Nazis gilt. Seitdem haben die Besucherzahlen weiter stark zugenommen und liegen derzeit jährlich bei weit über einer Million Menschen pro Jahr. Der Höhepunkt bisher war im Jahr 2014, als rund 1,5 Millionen Besucher, meist an den für Gruppen organisierten Touren in mehr als zehn Sprachen, teilnahmen. Die weitaus größte Gruppe stellen polnische Besucher dar und hierbei vor allem Schulklassen. Es folgen Besucher aus Großbritannien, den USA und Italien. An fünfter Stelle kommen Besucher aus Deutschland, noch vor Israel an sechster Stelle.

Zum siebzigjährigen Gedenken an die Befreiung des Konzentrationslagers am 27. Januar 2015 kamen Frankreichs Präsident Hollande und Bundespräsident Gauck nach Auschwitz. Der letzte prominente Gast war Papst Franziskus am 29. Juli 2016. Er entschied sich vorab, keine Rede zu halten, sondern still zu sein, zu schweigen.

Was erfahren die vielen – auch jungen, auch internationalen – Besucher in der Gedenkstätte Auschwitz heute über die ehemaligen Häftlinge mit dem Rosa Winkel? Jene Gefangenen, die nach § 175 als Homosexuelle verurteilt und nach Abbüßung ihrer Haft in einem Gefängnis oder Zuchthaus zur sogenannten »Schutzhaft« auf unbestimmte Zeit – für die meisten, bis sie elendig starben – in Konzentrationslager kamen, auch nach Auschwitz?

 

Noch immer vergessen?

Vor 27 Jahren – im Juli 1989 – fuhr ich zum ersten Mal mit einer Gruppe schwuler Männer aus Norddeutschland sowie einem homosexuellen Auschwitz-Überlebenden, damals 77 Jahre alt, in die Gedenkstätte Auschwitz. Wir waren seinerzeit die erste offen schwule Gruppe, die das ehemalige Konzentrationslager besuchte. Unsere Fahrt war vom Bremer Rat & Tat Zentrum für Schwule und Lesben (heute RAT & TAT Verein für queeres Leben), organisiert worden. Die internationale Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim, in der wir eine Woche lang wohnten, bestand damals erst seit drei Jahren.

Dieses Mal reiste ich allein zur Gedenkstätte Auschwitz – auf Einladung des heutigen Direktors der Jugendbegegnungsstätte sowie des Berliner Büros des Internationalen Auschwitz Komitees. Der folgende Bericht erzählt von meinen Eindrücken und Gedanken während dieser zweiten Fahrt vom 11. bis zum 13. Juli 2016 nach Oświęcim.

Alles begann mit der Berliner Premiere meines Buches »Endlich den Mut …« Briefe von Stefan T. Kosinski, 1925–2003 (Querverlag Berlin 2015) am 13. Mai 2015 im Schwulen Museum. An diesem Abend sprach mich Dr. Friedhelm Krey an, der eine persönliche Reise nach Oświęcim vorbereitete und fragte, ob ich mir vorstellen könne, dieses und auch das bereits bekanntere Jugendbuch »Verdammt starke Liebe. Die wahre Geschichte von Stefan K. und Willi G.« (zuerst Rowohlt Verlag 1991, jetzt auch Querverlag), auf einer öffentlichen Veranstaltung in der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim vorzustellen. Das Buch erzählt von dem polnischen Jugendlichen Stefan, damals 17 Jahre alt, der 1942 von einem deutschen Gericht im besetzten Polen nach
§ 175 verurteilt wurde und die NS-Zeit nur knapp überlebte. Spontan sagte ich zu, falls Interesse in Polen bestünde. In der Folge kam es zu zahlreichen E-Mails zwischen Berlin, Oświęcim und Kapstadt. Am Ende stand eine Einladung von Christoph Heubner vom Berliner Büro des Internationalen Auschwitz Komitees sowie des Direktors der Jugendbegegnungsstätte, Leszek Szuster, für eine öffentliche Lesung in seinem Haus. Zu ihr sollten auch alle polnischen (deutschsprechenden) Guides der Staatlichen Gedenkstätte Auschwitz sowie alle derzeit in Polen aktiven deutschen Freiwilligen der Aktion Sühnezeichen eingeladen werden. Kurz vor meiner Abreise feierte die Jugendbegegnungsstätte Oświęcim ihr 30-jähriges Jubiläum. Eine öffentliche Veranstaltung zum Thema der »Häftlinge mit dem Rosa Winkel in Auschwitz« hatte es bis dahin nicht gegeben.

In Vorbereitung auf die Reise las ich erneut die von Martin Broszat zuerst 1963 herausgegebenen »Aufzeichnungen« des ehemaligen Komandanten des Konzentrationslagers Auschwitz, Rudolf Höß (1900–1947). Wenige Wochen vor seiner Hinrichtung hatte er 1947 im Gefängnis vom Krakau über die »Häftlinge mit dem Rosa Winkel« notiert: »Bei diesen half keine noch so schwere Arbeit, keine noch so strenge Aufsicht … Da sie von ihrem Laster nicht lassen konnten oder nicht wollten, wussten sie, daß sie nicht mehr frei würden. Dieser stärkst wirksame psychische Druck bei diesen meist zart besaiteten Naturen beschleunigte den physischen Verfall. Kam dazu noch etwa der Verlust des ›Freundes‹ durch Krankheit oder gar durch Tod, konnte man den Exitus voraussehen. Der ›Freund‹ bedeutete diesen Naturen in dieser Lage alles. Es kam auch mehrere Male vor, daß zwei Freunde gemeinsam in den Tod gingen.«

 

Damals und heute

Am 11. Juli holt mich Herr Déodat vom Flughafen Krakau ab – eine Großstadt mit fast einer Million Einwohnern. Bis nach Oświęcim ist es eine knappe Stunde mit dem Auto. Im Vergleich zu meinem ersten Besuch 1989 fällt auf, wie viele Häuser gut renoviert sind. Trotz zunehmender Skepsis, ja auch offener Ablehnung der europäischen Integration aus Teilen der polnischen Bevölkerung sowie von Seiten de gegenwärtigen Regierung, sind zahlreiche Schilder mit der Europaflagge zu sehen, die unter anderem auf die EU-geförderte Finanzierung bestimmter Anlagen (vor allem kultureller Art) hinweisen.

Oświęcim ist eine Kleinstadt mit rund 40 000 Einwohnern und einer jahrhundertelangen katholischen Tradition. Von 1772 bis 1918 gehörte Auschwitz zur österreichischen Provinz Galizien. In der Zeit wurden polnische, deutsche, tschechische und lateinische Versionen des Stadtnamens phasenweise auch nebeneinander gebraucht. Von 1918 bis zum Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen 1939 hieß die Stadt polnisch Oświęcim. Im Zweiten Weltkrieg war allein der deutsche Stadtname Auschwitz zulässig. Oświęcim liegt etwa 50 Kilometer westlich von Krakau. Überall sind heute im Stadtbild Bilder oder Aufkleber des ehemaligen polnischen Papstes zu sehen; auch an den aus Italien stammenden Pater Don Bosco wird erinnert, nicht nur an der größten Kirche vor Ort, die seinen Namen trägt. Die schreckliche Vergangenheit des KL Auschwitz, zu dessen Stammlager man vom Stadtzentrum aus zu Fuß gehen kann, wird nicht verleugnet – an zentraler Stelle weist eine Tafel darauf hin, wer hier zu den mehr als 1,1 Millionen Ermordeten gehörte (auch dies Europa-kofinanziert): ca. 1 Million Juden, ca. 70 000–75 000 Polen, ca. 21 000 Roma, ca. 15 000 Russen, ca. 10 000–15 000 Angehörige anderer Nationen. Die Täter werden als »Nazis« bezeichnet, mit dem Wort »Deutsche« wird vorsichtig umgegangen.

Oświęcim gibt sich gleichzeitig modern: Auf dem zentralen Marktplatz ist 2013 Sting mit seiner Band aufgetreten. Auch Elton John sei schon hier gewesen, erzählt mir ein Jugendlicher auf der Straße. Außerdem gibt es Supermärkte von Lidl und Netto, und Reisen kann man mit »Neckermann Polska« buchen. Mehrere Ladeneingänge lassen auf roten Blinklichtern englische Namen wie »Glory Hole« oder »Lucky Babe« erkennen und weisen nicht etwa auf Bordelle hin, sondern auf einfachste, scheinbar sehr beliebte Spielhallen, manche nur mit vier bis fünf Spielautomaten. Auch das ein Zeichen der Moderne?

 

Homosexuelle und Roma

Am Ankunftstag ist es heiß, über 35 Grad. Am zweiten Tag gießt es in Strömen. Für den Vormittag habe ich für 41 Złoty (ca. 10 Euro) die normale 3½-Stunden-Tour für Touristen gebucht. Dank der Vermittlung von Herrn Déodat kann ich vorher einen offiziellen Vertreter der Gedenkstätte treffen – Dr. Piotr Setkiewicz, den Leiter der Forschungsabteilung. Nachdem ich mich vorgestellt (und auch meinen ersten Besuch in Auschwitz 1989 erwähnt) habe, spreche ich ihm meine Anerkennung für die neue eigene Ausstellung über die ermordeten Roma und Sinti als einer lange vergessenen Opfergruppe aus und stelle ihm drei Fragen: Wie viele Häftlinge mit dem Rosa Winkel gab es nach seiner Kenntnis in Auschwitz? Wie wird in der Gedenkstätte selbst, auch von den Guides, auf die Häftlingsgruppe aufmerksam gemacht? Wie sollte seiner Meinung nach an diese Gruppe erinnert werden?

 

Dr. Setkiewicz antwortet sinngemäß: 1.) Der aktuelle polnische Forschungsstand wird in einem Artikel seines Kollegen Dr. Boh--dan Piętka (2014) wiedergegeben: Demnach hat man namentliche Kenntnis von 77 Rosa-Winkel-Häftlingen, fast ausschließlich deutscher Herkunft. Er verspricht, mir den Aufsatz zu mailen, der zwar bisher nur auf Polnisch vorliege, aber eine englische Zusammenfassung und auch einige deutsche Dokumente enthalte. 2.) In der Ausstellung gibt es einmal die Tafel mit den Winkel-Markierungen, auf der erklärt wird, dass der Rosa Winkel von Häftlingen, die nach § 175 verurteilt wurden, getragen wurde. Nachfrage meinerseits: »Gibt es Hinweise auf konkrete Häftlinge, auf persönliche Geschichten?« Antwort: »Nein, nicht wirklich. Auf einer Gefangenenliste taucht einmal ein Häftling nach Paragraf 175 auf, aber ohne Foto und jede weitere Hintergrundinformation.«

Auf der englischsprachigen Gedenkstätten-Website (www.auschwitz.org/en/) werden die Rosa-Winkel-Häftlinge drei Mal erwähnt: a) anlässlich der Verleihung eines Menschenrechtspreises an die Gedenkstätte im Jahr 2000 durch einen schwedischen Repräsentanten von ILGCN (International Lesbian and Gay Cultural Network), weil damals immerhin 48 Namen von Häftlingen mit dem Rosa Winkel bekannt waren, b) unter Definitionen: »Rosa-Winkel-Häftlinge waren in der Praxis ausschließlich homosexuelle Deutsche …« und c) in einem englischen Aufsatz von Robert Biedroń – dem ersten offen schwulen Bürgermeister Polens – unter dem Titel »Nazism’s Pink Hell«, ohne dass hier jedoch Zahlen genannt werden oder näher auf Auschwitz eingegangen wird. Was die Guides den über eine Million Besuchern, davon ca. zwei Drittel polnische Schul-klassen, die jedes Jahr in die Gedenkstätte kommen, selbst erzählen, könne er nicht sagen.

Schließlich 3.) sieht er folgende Gründe, warum an die Gruppe der Rosa-Winkel-Häftlinge auch mehr als 70 Jahre nach Kriegsende nicht explizit erinnert wird: Es war eine relativ kleine Gruppe, es waren ausschließlich Deutsche, und es ist im heutigen Polen noch immer nicht leicht, mit Jugendlichen über Sexualität zu sprechen, besonders über die Sexualität von Minderheiten. So gebe es auch kaum öffentlich gemachte Informationen über jenen Block im Stammlager Auschwitz, in dem weibliche junge Gefangene als Prostituierte arbeiten mussten (sowohl für das deutsche Wachpersonal als auch für bestimmte privilegierte Gefangene mit Aufseherfunktionen), bevor sie in der Regel ermordet wurden.

Wir vereinbaren weitere Kommunikation via E-Mail. Dr. Setkiewicz zeigt sich sowohl an der Geschichte von Stefan Kosinski (1925–2003) als auch am Schicksal von Karl Gorath (1912–2003) aus Bremerhaven interessiert, mit dem wir 1989 als damals 77-Jährigem die Gedenkstätte besuchten.

Es ist ein Zufall, dass ich wenig später beim Warten am Security Check vor der Gedenkstätte mit einer jungen Frau aus Bulgarien ins Gespräch komme. Sie erzählt mir, dass ihre Urgroßmutter hier als Roma vergast wurde. Als ich ihr zu der guten Ausstellung gratuliere, sagt sie: »Glauben Sie mal nicht, dass das von selbst kam! Leute wie mein Vater haben endlos Briefe geschrieben, Eingaben gemacht, das meiste Material selbst recherchiert. Nur so geht das. Nichts kommt von selbst.«

 

Eine Führung durch das Stammlager Auschwitz und das Außenlager Birkenau

Unsere Gruppe besteht aus ca. 30 deutschen Besuchern, auch Kinder im Alter von acht bis zehn Jahren sind dabei. Wegen des Regens haben viele am Eingang erhältliche Plastik-Ponchos gekauft. Jeder erhält einen Kopfhörer. Unser Guide Barbara, eine Polin von vielleicht Mitte/Ende 40, die sehr gut Deutsch spricht, überprüft, ob alle das richtige Signal eingeschaltet haben, um sie hören zu können: »Sie müssen den Knopf auf 6 schalten!« Dann geht sie voran, die Gruppe stolpert durch den strömenden Regen hinterher. Alle fünf bis zehn Minuten startet eine neue Gruppe in einer anderen Sprache, über Monitor ist die Startzeit angegeben. Alles gut organisiert. Wer zu spät kommt, hat Pech gehabt.

Als wir bei der Tafel mit den Winkel-Mark-ierungen sind, frage ich Barbara, ob sie wisse, wie viele Rosa-Winkel-Häftlinge es gegeben habe. Sie antwortet kurz, aber nicht unfreundlich: »Ungefähr 40.« Niemand sonst hat eine Frage.

Nach einer halben Stunde wird eines der Kinder, ein Mädchen von vielleicht zehn Jahren, plötzlich ohnmächtig. Die Eltern bleiben mit ihr zurück und erklären: »Sie hat nichts zum Frühstück gegessen.« Eine ältere Frau schüttelt den Kopf und murmelt: »Wie kann man nur mit so jungen Kindern hierher kommen?« Wir hören es alle über Kopfhörer, weil die Frau dicht bei unserem Guide Barbara steht. Jeder benutzt das englische Wort »Guide« – die wörtliche Übersetzung »Führer« will hier niemand gebrauchen.

Ich erinnere mich genau an einige Plätze von damals. An der Hinrichtungsmauer, der sogenannten »Todeswand«, hatten wir am letzten Morgen Blumen mit einem Band in drei Sprachen (Deutsch, Englisch und Polnisch) niedergelegt – darauf war zu lesen: »Für unsere schwulen Brüder, Väter und Großväter«. Als wir am Nachmittag abfuhren, gingen zwei von uns zum persönlichen Abschied noch mal vorbei. Da hatte jemand die Blumen schon in einen nahen Müllcontainer geworfen.

Später geht es mit dem Bus ins Außenlager Auschwitz-Birkenau. In der Nähe der Todesrampe, wo früher die Selektionen für die Gaskammern stattfanden, nimmt mich Barbara plötzlich zur Seite und sagt leise zu mir: »Ich habe die Zahl 40 vorhin als reine Vermutung genannt. Es waren nur wenige, aber ich weiß nicht wie viele.« Ich danke Barbara für ihre Ehrlichkeit und lade sie zur Abendveranstaltung in die Jugendbegegnungsstätte ein. Sie antwortet: »Ach, Sie sind das! Ich habe die Einladung heute Morgen noch mal via E-Mail bekommen, habe aber leider schon etwas anderes vor. Jetzt, wo ich Sie etwas kenne, tut es mir leid, dass ich nicht kann. Aber wenn Sie mal wiederkommen, bin ich dabei.« Sie sagt es so freundlich, dass ich ihr gern glauben möchte.

 

Der Vortrag in der Jugendbegegnungsstätte

Der von Herrn Déodat geplante Seminarraum, der auf etwa 50 Personen angelegt ist, erweist sich am Abend des 12. Juli schnell als zu klein. Nicht nur alle Freiwilligen von Aktion Sühnezeichen sind zu meiner Veranstaltung gekommen, sondern auch LehrerrefendarInnen aus Kassel sowie ein Fußballverein gegen Rassismus aus Duisburg. Darüber hinaus auch die pädagogischen MitarbeiterInnen der Jugendbegegnungsstätte. Als ich im Rahmen meiner Begrüßung frage, ob jemand von den polnischen Guides gekommen sei, antwortet im Saal von rund 80 Menschen niemand.

Später sagt Herr Déodat zu mir: »Doch, zwei Frauen waren gekommen, aber sie haben sich wohl nicht getraut, sich nach Ihrer Ansprache zu melden.« Zwei von dreißig. Und die anderen? Der Abend wird länger als geplant. Die überwiegend jungen Leute fragen viel nach, der Büchertisch ist leergekauft, und am Ende gibt es langen Applaus.

Direktor Szuster sagt am nächsten Morgen zu mir: »Ich freue mich für Sie und für uns.« Auch er hat vor meinem Besuch noch nie von Stefan Kosinski oder Karl Gorath gehört. Ich schenke ihm und Herrn Déodat je ein Exemplar der erweiterten dritten Auflage meines Buches Einsam war ich nie – Schwule unter dem Hakenkreuz 1933–1945 (Mitarbeit von Günter Grau, Vorwort von Wolfgang Popp, Querverlag 2012), in dem unter anderem die Geschichte von Karl Gorath erzählt wird (der in unserem Reisebericht 1989 noch als »Karl B.« abgekürzt werden musste). Herr Szuster beginnt umgehend, in dem Buch zu blättern und zu lesen.

Auch als ich den beiden davon berichte, dass meine ehemalige Kollegin Karen Polak vom Amsterdamer Anne-Frank-Haus gegenwärtig mit einer internationalen Projektgruppe pädagogische Materialien gegen verschiedene Formen von Diskriminierung entwickele, die ab 2017 in mehreren Sprachen (auch auf Polnisch) unter dem Titel »Stories that move« erscheinen sollen, zeigen sich Herr Szuster und Herr Déodat interessiert. Schließlich soll eine der Geschichten in »Stories that move« von Stefan Kosinski handeln. Der polnische Teil der Materialien wird von Dr. Piotr Trojański von der Pädagogischen Fakultät der Universität Krakau erarbeitet.

 

Doch noch Erinnern und Gedenken?

Immer wieder muss ich an die Worte der jungen Bulgarin denken, wie mühsam es war, zu erreichen, dass ein offizielles Gedenken für die tatsächlich wesentlich größere Opfergruppe der Roma und Sinti in der Gedenkstätte Auschwitz möglich wurde. Auch in Bezug auf die Gruppe der Gefangenen mit dem Rosa Winkel wird es nicht von selbst gehen. Es darf aber nicht allein auf die Größe einer Opfergruppe oder ihre Nationalität ankommen. Um die Ideologie und das System des Nazi-Terrors zu begreifen, ist es wichtig, auch um die Verfolgung von Homosexuellen zu wissen. Zu diesem Zweck benötigen wir dringend persönliche Geschichten, die nicht nur menschliche Einfühlung ermöglichen, sondern auch ein E-rkennen der persönlichen wie gesellschaftlichen Zusammenhänge fördern.---

Im Anhang zum bereits genannten wissenschaftlichen Artikel von Dr. Bohdan Piętka (2014), den mir Dr. Setkiewicz wie versprochen zumailte, finden sich erstmals Fotos der in Auschwitz umgekommenen Rosa-Winkel-Häftlinge Oskar Birke (1893–1941), einem Bauern, und des Gerichtsassessors Rudolf von Mayer (1905–1942). Worauf basierte ihre Verurteilung nach § 175? Woran starben sie mit nur 48 bzw. 36 Jahren nach relativ kurzer Zeit in Auschwitz?-- Der Angabe »Fleckfieber« auf einer der beiden Karteikarten ist wohl nur begrenzt zu trauen.

Und selbst wenn die neuesten, sorgfältig recherchierten polnischen Zahlen von 2014 mit 77 Rosa-Winkel-Häftlingen bereits höher sind als je zuvor, so lassen doch auch sie noch beträchtliche Lücken erahnen. Auf Hinweis von Prof. Dr. Dr. Rüdiger Lautmann (früher Bremen, heute Berlin) teilt mir der Hannoveraner Forscher Rainer Hoffschildt, der seit Jahrzehnten Zahlen von Häftlingen in mehreren Konzentrationslagern auch über die entsprechenden Zu- und Abgangslisten recherchiert, mit, dass er für Auschwitz bereits 126 Rosa-Winkel-Häftlinge mit Namen und weiteren Details nachweisen könne. Und: Unter ihnen seien auch vier Tschechen und zwei Polen. Nach Studium des neuen Aufsatzes von Dr. Bohdan Piętka teilt er mit: »So habe ich für Auschwitz noch 5 neue Häftlinge gefunden … Ich wundere mich, dass alle Namen veröffentlicht wurden, in Deutschland stünden einige Jüngere noch unter Datenschutz.« (E-Mail vom 24. Juli 2016). Demnach haben wir nun mindestens 131 nachweislich dokumentierte Einzelschicksale von Rosa-Winkel-Häftlingen, die im KL Auschwitz waren.

Gut einen Monat nach meinem Besuch erhalte ich ein E-Mail von einer pädagogischen Mitarbeiterin der Gedenkstätte Auschwitz, die nicht namentlich genannt werden möchte: »Eine Kollegin war bei Ihrem Vortrag und erzählte mir davon. Ich will Ihnen sagen, warum diese Opfergruppe noch immer verschwiegen wird: Hinter vorgehaltener Hand (sagt man so?) will man nichts wissen, weil es doch meist ›nur Deutsche‹ waren. Und noch schlimmer, weil dort, wo homosexuelle Handlungen im Lager vorkamen, es doch zuerst Missbrauch war von besser gestellten Funktionshäftlingen gegenüber jungen männlichen Häftlingen, die neu ins Lager kamen. Das hatte im Prinzip nichts mit Homosexualität zu tun, sondern war schlicht Triebbefriedigung für die, die unter den KZ-Bedingungen überhaupt noch Triebe hatten und eben an keine Frauen kamen. Am schlimmsten sind weiterhin alle katholischen Vorurteile gegenüber homosexuellen Menschen. Davon sind wir auch nicht frei hier in der Gedenkstätte. Kommen Sie mal wieder?«

Ein neuer Anfang ist gemacht. Es gibt polnische und deutsche Historikerinnen und Historiker, die bereit sind, zusammen zu arbeiten. Mögen sie sich nicht von immer wieder scheinbar unüberwindlichen politischen, religiösen und anderen Hürden beirren lassen.

Das Gedenken an die homosexuellen Männer, die in Auschwitz litten und zum größten Teil ihr Leben lassen mussten, darf nicht erneut in einem Müllcontainer der Geschichte landen.

 

Dr. Lutz van Dijk, Pädagoge, Historiker und Schriftsteller, zuerst Lehrer in Hamburg, ab 1992 Mitarbeiter der Anne Frank Stiftung in Amsterdam, seit 2001 als Mitbegründer der Stiftung HOKISA für von Aids betroffene Kinder und Jugendliche in Kapstadt/Südafrika. Mehr unter: www.lutzvandijk.co.za

 

1    Der erste Bericht über meinen Besuch in Oświęcim und der Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau vom Juli 2016 erschien in den »Mitteilungen/Nr. 55« der Magnus-Hirschfeld-Gesellschaft, Berlin 2016, unter dem Titel: »Noch immer vergessen? Erinnerung an homosexuelle Opfer in der Staatlichen Gedenkstätte Auschwitz – ein Reisebericht vom Juli 2016«.

2    Die Broschüre »Schwule in Auschwitz – Ein Reisebericht 1989«, Bremen 1990, kann heruntergeladen werden von der Website des Bremer Rat & Tat Zentrums: www.ratundtat-bremen.de/PDF-Archiv/Downloads-Zentrum/Schwule_in_Auschwitz.pdf

3    Der oben angeführte polnischsprachige Aufsatz von Dr. Bohdan Piętka ist erschienen als Piętka, Bohdan: Więźniowie z różowym trójkątem w KL Auschwitz, in: Dzieje Najnowsze 2014 (Jg. 44), Nr. 2, S. 25–53. Herausgeber der Vierteljahreszeitschrift »Dzieje Najnowsze« ist die Polnische Akademie der Wissenschaften in Warschau (Polska Akademia Nauk). Auf der Namensliste Bohdan Piętkas (77 Namen) sind drei tschechische Männer verzeichnet, die übrigen kamen aus dem Deutschen Reich. Eine zweite Liste Piętkas über Häftlinge in Auschwitz, die möglicherweise homosexuell waren (ohne dass sie Häftlinge mit den Rosa Winkel waren), führt 25 weitere Namen an.

4    Auf der bereits genannten Gedenkstätten-Website (www.auschwitz.org/en/) gibt es einen weiteren Aufsatz zum Thema, der sich jedoch nicht unter den Suchbegriffen »Pink Triangle« oder »Homosexual prisoners« finden lässt, sondern in der Rubrik »History > Categories of Prisoners«. Er wurde 2003 geschrieben von Dr. Joachim Neander und trägt den Titel »To My Comrades – from Karl …«. In ihm wird ausdrücklich auf unseren Besuch 1989 sowie unsere damalige Broschüre Schwule in Auschwitz (und eben auch auf Karl Gorath) Bezug genommen. Dr. Neander, ein inzwischen pensionierter polnischer Gelehrter aus Krakau, gibt als Zahl 97 Häftlinge nach § 175 an (wobei einer kein Deutscher gewesen sein soll). Nähere Angaben werden nicht gemacht.

5    Die Anschrift der Internationalen Jugendbegegnungsstätte in Oświęcim/Auschwitz lautet: Fundacja na rzecz Międzynarodowego Domu Spotkań Młodzieży w Oświęcimiu, ul. Legionów 11, PL 32-600 Oświęcim, Tel/Fax: 0048 (33) 843 12 11, www.mdsm.pl/de