Die KZ Gedenkstätte Hailfingen/Tailfingen
Gedenkstättenrundbrief 158 S. 25-341938 wurde auf der Gemarkung der Gemeinden Tailfingen (Landkreis Böblingen), Hailfingen (Landkreis Tübingen) und Bondorf (Landkreis Böblingen) mit dem Bau eines Militärflugplatzes (Einsatzhafen I) begonnen. Das unbebaute 86 Hektar große Gelände eignete sich als Standort, da es eben, fast nebelfrei und strategisch günstig in relativer Nähe zur französischen Grenze lag. Der Platz bekam den Namen »Hailfingen«, weil die Kommandantur auf Hailfinger Markung lag. Für das KZ wurde der Name übernommen, obwohl es sich auf Tailfinger Markung befand.
Neben dem Lager der OT am nördlichen Rand des Platzes stand ein umzäunter Hangar, in dem von September bis November 1944 etwa 350 aus Athen verschleppte Zwangsarbeiter und anschließend 600 jüdische KZ-Häftlinge untergebracht waren. Ein weiteres von Stacheldraht umgebenes Lager war vermutlich bereits 1942 für etwa 100 sowjetische Kriegsgefangene eingerichtet worden. Außerdem arbeiteten französische Kriegsgefangene, belgische Zivilarbeiter, italienische Freiwillige der Wehrmacht, eine Gruppe ungarischer Soldaten und ab Januar 1945 etwa 300 Angehörige der britischen Armee aus Indien, die in Nordafrika gefangen genommen worden waren, auf dem Platz.
Das KZ Außenlager
Am 13. September 1944 beantragte die OT-Bauleitung Tübingen, Baustelle Hailfingen, über die Kommandantur Natzweiler bei der Außenstelle des SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamts WVHA in Oranienburg die »Gestellung« von 600 KZ-Häftlingen. Am 25. September 1944 wurde das Häftlingskommando genehmigt und das übliche »Entgelt« von 6 RM pro Tag für die »Häftlings-Facharbeiter«, sowie 4 RM für die »Häftlings-Hilfsarbeiter« festgesetzt.3 Der Flugplatz Hailfingen wurde einen Tag später in einem Sonderbefehl des KZ Natzweiler4 der 7. Wachkompanie des I. Wachsturmbanns zugeteilt. Lagerführer für das KZ-Außenlager Hailfingen wurde der SS-Unterscharführer Eugen Witzig, der seit April 1944 dem Kommandanturstab des KZ Natzweiler angehörte.5
Am 17. November 1944 stellte die SS im KZ Stutthof bei Danzig einen Transport mit 600 als arbeitsfähig klassifizierten jüdischen Häftlingen zusammen. Es ist sehr wahrscheinlich, dass der Transport 1200 Häftlinge umfasste und die Hälfte in das Außenlager Echterdingen transportiert wurde.6 Die meisten von ihnen, etwa 540, hatten Auschwitz mit einem Transport am 26. Oktober 1944 verlassen und waren am 28. Oktober 1944 in Stutthof angekommen.7 Die Namen der Häftlinge wurden von der Verwaltung des KZ Natzweiler zentral im Nummernbuch Nr. 6 mit den Nummern 40 448 bis 41 049 eingetragen.8 Noch bis Mitte März 1945, als das Lager bereits aufgelöst war, wurden in diesem Nummernbuch Sterbedaten von Häftlingen festgehalten.
Dem Nummernbuch zufolge kamen die Juden aus 16 Ländern: 260 Polen, 128 Ungarn, 47 Franzosen, 33 Letten, 27 Holländer, 24 »Reichsdeutsche«, 20 Griechen, 19 Italiener, zwölf Litauer, sieben Belgier, je drei Tschechen, Slowaken und Rumänen, zwei Türken, ein Bulgare und acht Staatenlose. Diese Zuordnung ist nicht nur wegen der sich ändernden Grenzen vor und während des Zweiten Weltkrieges problematisch, sie berücksichtigt auch nicht die transnationale Verfolgungsgeschichte der Juden in Europa. Die Häftlinge waren u.a. über folgende Sammellager nach Auschwitz gekommen: Fossoli (Italien), Drancy (Frankreich), Mechelen (Belgien) und Westerbork (Niederlande). Sie waren nach den Angaben im Nummernbuch zwischen 15 und 60 Jahre alt. Einige hatten allerdings aus Angst vor ihrer sofortigen Ermordung ein falsches Alter angegeben. So unterschiedlich die Nationalitäten, so verschieden waren die soziale Herkunft und die Biographien: Ein Spanienkämpfer, ein Mitglied des britischen Expeditionskorps, Mitglieder der Résistance, des holländischen Widerstands usw. Einige hatten schon fünf Jahre Ghetto, Arbeits- und Konzentrationslager hinter sich, bevor sie nach Hailfingen kamen, andere waren erst Mitte 1944 nach Auschwitz deportiert worden, so z.B. die, die mit den Transporten aus Fossoli, aus Ungarn oder mit den letzten Transporten aus Drancy dorthin gekommen waren. Am 19. November 19449 kam die Gruppe in Güterwaggons auf dem Bahnhof von Nebringen (Kreis Böblingen) an und ging von dort zu Fuß zum Flugplatz.
Die Häftlinge wurden täglich nach dem Zählappell in Arbeitskommandos eingeteilt, die von Vorarbeitern der OT und der ausführenden Baufirmen beaufsichtigt wurden. Die Wachen des KZ Hailfingen setzten sich – neben einigen Landesschützen, die v.a. tagsüber das Lager bewachten – ausschließlich aus frontuntauglich gewordenen Angehörigen der Luftwaffe zusammen, die die Häftlinge sehr unterschiedlich behandelten.
Gearbeitet wurde in Steinbrüchen. Mit den dort gebrochenen Steinen und dem Schotter wurde die Startbahn ausgebaut und an den beiden Rollwegen weitergebaut. Für den Rollweg in westlicher Richtung musste ein Waldstück gerodet werden. Für den Bau der Hangars wurden Bäume gefällt. Außerdem mussten die Häftlinge Blindgänger beseitigen. Die Häftlinge schliefen im Hangar anfangs auf dem mit Stroh ausgestreuten Boden. Sanitäre Einrichtungen gab es praktisch keine, als Toilette diente eine Latrinen-Grube nördlich des Hangars. Der Hangar war voller Ungeziefer. Die Ernährung war völlig unzureichend und es gab keinerlei ärztliche Versorgung. Kranke und nicht mehr arbeitsfähige Häftlinge wurden misshandelt, einige zu Tode geprügelt. Mehrere Gefangene wurden erschossen, drei Häftlinge kamen bei Fliegerangriffen der Alliierten ums Leben10. Der zuständige Stabsarzt Dr. Rothe nannte in den Totenmeldungen meist fiktive Todesursachen wie Lungenentzündung oder Kreislaufschwäche. Die meisten Opfer starben aber an den Folgen der schweren Arbeit, der Unterernährung und der Kälte und an Krankheiten. Manchmal erhielten die Häftlinge von den Bewohnern der Orte (Öschelbronn, Bondorf und Reusten), durch die sie auf dem Weg zur Arbeit kamen, etwas Essbares.
Im Krematorium im Friedhof »Unter den Linden« in Reutlingen wurden zwischen dem 21. November 1944 und dem 5. Januar 1945, als es seinen Betrieb einstellte, 99 Tote des Hailfinger Lagers verbrannt. 15 Häftlinge, die zwischen dem 4. Dezember 1944 und dem 9. Dezember 1944 starben, wurden im Krematorium auf dem Esslinger Ebershaldenfriedhof eingeäschert.11 In dem Massengrab, das am 2. Juni 1945 entdeckt wurde, waren die Überreste von 72 oder 73 Toten. Einer der Häftlinge konnte Anfang Februar 1945 fliehen; einige Häftlinge konnten auf den Evakuierungsmärschen entkommen.
Als die Alliierten näherrückten, wurden Mitte Februar 1945 die Bauarbeiten abgebrochen und der Platz geräumt. Ein Häftlingstransport ging nach Vaihingen/Enz. Mindestens 48 der 111 Häftlinge, die am 13. Febraur 1945 dorthin transportiert wurden, starben in den Wochen bis zum 6. April 1945. Die SS schaffte die Häftlinge, die sie für transportfähig hielt, wenige Tage vor der Befreiung von dort nach Dachau-Allach. Von dort wurden viele Häftlinge auf Evakuierungsmärsche geschickt.
Ein letzter Transport verließ Hailfingen am 14. Februar 1945. Die bis dahin in Hailfingen gebliebenen 296 Häftlinge wurden nach Dautmergen deportiert; von ihnen starben dort nachweislich neun.12 Insgesamt kamen ungefähr 190 Häftlinge in Hailfingen ums Leben. Bis zur Befreiung starben in den nachfolgenden Lagern nachweislich 84 Gefangene. Von 267 Häftlingen sind inzwischen Todesdatum und Todesort bekannt. Es ist allerdings davon auszugehen, dass die tatsächliche Zahl der Opfer weit höher liegt. Das Schicksal von etwa 200 Häftlingen ist bis heute ungeklärt. Von 124 jüdischen Häftlingen wissen wir, dass sie überlebt haben. Man muss davon ausgehen, dass weniger als die Hälfte, möglicherweise sogar nur ein Viertel der 600 KZ-Häftlinge die Befreiung durch die Alliierten erlebt haben. So forderten die Todesmärsche von Dautmergen bzw. Dachau-Allach aus in den letzten Kriegstagen noch zahlreiche Todesopfer. Von Dautmergen wurde im März 1945 eine unbekannte Zahl von Häftlingen in das Sterbelager Bergen-Belsen verlegt. Befreit wurden die Überlebenden an verschiedenen Orten, so z.B. in Ostrach bei Saulgau, in Landsberg, in Sigmaringen, in Altshausen und in Staltach.
Spuren in der Landschaft
Am 6./7. April 1945 zerstörte ein deutscher Sprengtrupp der Wehrmacht die Start- und Landebahn. Am 9. April 1945 wurde der Flugplatz von Jägern der Alliierten bombardiert. Auf der z.T. gesprengten Start- und Landebahn entwickelte sich ein Grünbestand, der seit den 80er Jahren als »geschützter Grünbestand« unter Naturschutz steht. Spuren gibt es nur noch wenige: Neben der überwucherten Start- und Landebahn Reste einer Reparaturhalle und Reste einer Flugzeughalle.
Vor kurzem wurden die Reste der Anlage gem. § 2 des Denkmalschutzgesetzes als archäologisches Kulturdenkmal ausgewiesen, 2007 auf der Gemarkung Tailfingen, 2008 auf der Gemarkung Hailfingen.
Prozesse
Das Gericht Erster Instanz für die Verurteilung der Kriegsverbrechen des Französischen Oberkommandos in Deutschland verhandelte 1947 bis 1949 in Rastatt über einige der Verbrechen, die in Hailfingen begangen wurden. Angeklagt waren neben dem OT-Truppführer Karl Bäuerle lediglich Abraham Stuttmann als Lagerältester und L. K. als Stubendienst, die von einzelnen ehemaligen Mithäftlingen belastet wurden. Stuttmann wurde erstinstanzlich zu zwei Jahren und sechs Monaten Gefängnis, K. zu einem Jahr Gefängnis verurteilt. Karl Bäuerles Urteil waren 10 Jahre Zuchthaus. Das Berufungsurteil vom 17. November 1949 bestätigte die ergangenen Urteile. Die Zentrale Stelle der Landesjustizverwaltungen zur Aufklärung nationalsozialistischer Gewaltverbrechen vernahm ab 1967 im Zuge der neu eingeleiteten Ermittlungsverfahren weltweit 25 Überlebende des KZ Hailfingen als Zeugen. Die Verfahren wurden eingestellt, weil nach einer Verurteilung in den Rastätter Prozessen den deutschen Gerichten nach Art. 3 des Überleitungsvertrags keine Gerichtsbarkeit mehr zustand und weil die Wachposten nach Ansicht der Ermittler nicht mehr ausfindig gemacht werden konnten.
Selektive Erinnerung
Am 1. Juni 1945 wurde den französischen Soldaten von zwei Überlebenden das Massengrab auf dem Flugplatzgelände gezeigt, das am folgenden Tag geöffnet wurde. Die männliche Bevölkerung von Oberndorf, Hailfingen und alle Bürger aus Bondorf und Tailfingen mussten die Leichen ausgraben; dabei kam es zu Misshandlungen durch französische Soldaten. Ein Mann starb durch Überanstrengung an seinem Herzleiden, ein andrer einige Tage später an den Folgen der Schläge. Die Tailfinger Frauen mussten ein Grab auf dem Tailfinger Friedhof ausheben, in das die Leichen überführt wurden. Das Holzkreuz auf dem Friedhof, das die Franzosen anordneten, trägt die Inschrift: »Hier ruhen 72 unbekannte KZ-Häftlinge.«
Auch wenn immer wieder betont wurde, dass »man« nichts wusste und über das Konzentrationslager nach 1945 jahrzehntelang weitgehend Schweigen herrschte, war die Geschichte des Lagers in der lokalen Erinnerung immer präsent, wurde jedoch überlagert durch die Erinnerung an dieses Ereignis, das dann auch mehrfach instrumentalisiert wurde, um von den Naziverbrechen abzulenken oder sie zu verharmlosen.
Der lange Weg zur Gedenkstätte
Nachdem bereits 1978 ein fundierter wissenschaftlicher Aufsatz über das KZ-Außenlager erschienen war13, folgten ab 1982 erste Aktivitäten und Veranstaltungen. So errichtete die DKP Tübingen 1985 am Ende der Landebahn ein Holzschild mit der Inschrift: »Hier war das Konzentrationslager Hailfingen-Natzweiler Elsaß. Hunderte zu Tode geschundene und ermordete KZ-Häftlinge mahnen. Nie wieder Faschismus, Nie wieder Krieg.« Es wurde kurz danach beschmiert und zerstört.
Ende 1985 gründete sich um Utz Jeggle (Ludwig-Uhland-Institut Tübingen) der »Förderverein zur Errichtung eines Mahnmals für die Opfer des Konzentrationslagers Hailfingen/Tailfingen«, dessen Aktivitäten von den umliegenden Gemeinden nicht gerade begrüßt wurden. 1986 wurde schließlich auf dem Tailfinger Friedhof von der Gemeinde Rottenburg, der Gemeinde Gäufelden und der Israelitischen Religionsgemeinschaft Württembergs ein Gedenkstein enthüllt. Da dem Förderverein eine Erinnerung auf dem Gelände wichtig war, errichtete er dort 1987 eine Informationstafel. Auch sie wurde mehrfach beschmiert. In der Veröffentlichung der von Utz Jeggle geleiteten Projektgruppe am Ludwig-Uhland-Institut der Universität Tübingen befanden sich zwei Aufsätze über das KZ-Außenlager14.
Die Gemeinde Gäufelden präsentierte Ende 2001 in einer die Geschichte des Außenlagers eher aussparenden und verharmlosenden Ausstellung in Tailfingen Luftaufnahmen der Alliierten und eine rekonstruierte Karte des Flugplatzgeländes.
Nach einer von ihr organisierten Veranstaltung mit Utz Jeggle im Mai 2002 in Tailfingen, zu der über 300 Zuhörer strömten, begann die Sektion Böblingen-Herrenberg-Tübingen des Vereins »Gegen Vergessen-Für Demokratie«, anfangs in Zusammenarbeit mit Utz Jeggle, die Geschichte des KZ Außenlagers Tailfingen/Hailfingen aufzuarbeiten.
2007 erschien eine umfassende Dokumentation.15 2007 gab der Verein »Gegen Vergessen-Für Demokratie« die aus dem Ivrit ins Deutsche übersetzte Autobiographie von Mordechai Ciechanower, einem der Überlebenden, heraus.16 2008 die Lebensgeschichte der Tochter des ersten Opfers, Marga Griesbach, geborene Steinhardt.17
Außerdem wurde »multimediales« Unterrichtsmaterial erstellt, das im Herbst 2007 in das Internetportal des Kreismedienzentrums Böblingen www.zeitreise-bb.de gestellt wurde. Von Johannes Kuhn (Herrenberg/Berlin) wurde zusammen mit »Gegen Vergessen-Für Demokratie« ein 60-minütiger Dokumentarfilm gedreht, »Geschützter Grünbestand«, der am 7. April 2006 zum ersten Mal gezeigt wurde. Das St. Meinrad-Gymnasium Rottenburg hat im Schuljahr 2007/08 mit einem Projekt »Gedenkpfad« begonnen (www.kz-gedenkstaette-haitai.de).
Im Tailfinger Rathaus wurde ein Ausstellungs- und Dokumentationszentrum geplant, dessen Konzeption und inhaltliche Gestaltung Harald Roth und Volker Mall entwickelten. Dafür wurde Ende 2008 ein weiterer Dokumentarfilm »Das KZ-Außenlager Hailfingen/Tailfingen« gedreht. Und ein Gedenkbuch entstand.18
Die Gedenkstätte KZ-Außenlager Hailfingen/Tailfingen wurde am 6. Juni 2010 feierlich eröffnet. Neben dem Dokumentationszentrum wurde auf dem Flugplatzgelände von der Stadt Rottenburg ein Mahnmal zur Erinnerung an die jüdischen Opfer aufgestellt. Zur Einweihung kamen über 1000 Besucher, darunter als Ehrengäste Überlebende und Angehörige aus Israel, den USA, den Niederlanden, Frankreich und Deutschland.
Am gleichen Tag wurde am Grab im Tailfinger Friedhof eine Tafel enthüllt, auf der die Namen der dort liegenden 73 Opfer eingraviert sind. Einen Tag darauf wurde – nach langen beharrlichen Bemühungen von Mitgliedern des Vereins »Gegen Vergessen – Für Demokratie« – auf dem Reutlinger Friedhof »Unter den Linden« eine Gedenktafel eingeweiht mit den Namen der im dortigen Krematorium eingeäscherten Opfer. Auch auf dem Ebershaldenfriedhof in Esslingen wird demnächst eine Tafel an die dort eingeäscherten 15 Opfer erinnern.
Am 21. Oktober 2010 wurde ein Gedenkpfad eingeweiht, der an die wichtigen »Erinnerungsorte« führt. Unter anderem wurden am ehemaligen Massengrab, an der Landebahn, den Resten des östlichen Rollweges und auf dem Hailfinger Friedhof Erinnerungstafeln aufgestellt. Außerdem erschien im November 2010 ein Begleitheft für den Besuch mit Schulklassen.19 Die Ausstellung ist sonntags (außer in den Schulferien) von 14 bis 17 Uhr geöffnet. Führungen unter Telefon 07032 26455.
Konzeption und Gestaltung der Ausstellung
Die Ausstellung im Dokumentationszentrum wurde auf Initiative der Sektion Böblingen-Herrenberg-Tübingen des »Vereins Gegen Vergessen-Für Demokratie« im Auftrag der Gemeinde Gäufelden von Volker Mall und Harald Roth erarbeitet. Für die Ausstellungsarchitektur und das Ausstellungsdesign waren Martin Tertelmann und Jens Gramlich (brandplatform, Herrenberg/Stuttgart) zuständig. Im Vorbereitungsteam waren Volker Mall, Harald Roth, Bernd Schlanderer und Martin Tertelmann. Die technische Umsetzung besorgten die Domino Planungsgesellschaft Architekten und Ingenieure mbH Reutlingen, Firma Mevis.tv GmbH Innovative Medienlösungen Stuttgart und Trabandt/activity-studios Esslingen.
Ziele der Gedenkstätte
Als Ziele wurden zu Beginn der Umsetzung u.a. formuliert:
Vermittlung der Geschichte des KZ-Außenlager Hailfingen/Tailfingen als lokale Geschichte mit konkreten nachvollziehbaren Bezügen. »Drittes Reich und Auschwitz vor der Tür«.
Über konkrete menschliche Einzelschicksale Interesse, Emotion und Anteilnahme anregen, Zugänge und Annäherungen ermöglichen.
Schicksale der Opfer würdigen.
Besuchern Geschichte und Topographie des Lagers nahe bringen.
Für dieses nach neuen museumspädagogischen Gesichtspunkten gestaltete Dokumentationszentrum wurde, auch weil die räumlichen Möglichkeiten sehr beschränkt sind, ein Konzept erarbeitet, das sehr stark auf den Einsatz audiovisueller Medien setzt. Auf elf Monitoren können 124 kurze Videos angesehen werden, Ausschnitte aus meist untertitelten Interviews der Shoah-Foundation mit Überlebenden des Lagers und aus knapp 30 Interviews, die in den letzten fünf Jahren mit Zeitzeugen geführt wurden.
Drei Stelen stehen in der Mitte des Ausstellungsraumes. Auf ihnen wird mit Hilfe von Powerpoint-Präsentationen und Videoausschnitten der Lebensweg von 15 Häftlingen dargestellt. So wird die Intention deutlich: Im Mittelpunkt der Dokumentation stehen die Opfer. Auf einer acht Meter langen Zeitleiste kann in Text, Bild und Videos die Geschichte von 1933 bis 2010 (lokal, regional, national/weltpolitisch) verfolgt werden. Orientierung bietet ein großes, aus mehreren Luftaufnahmen zusammengestelltes Luftbildmosaik, das das Areal zeigt, wie es die US-Airforce im April 1945 fotografiert hat. An den Frontseiten der Ausstellung befinden sich zwei Themenwände: »Täter-Opfer« und »Hilfen der Bevölkerung, Widerstand, Solidarität und Flucht«. Außerdem ist eine Replik des Natzweiler Nummernbuchs zu sehen, in zwei Karteikästen sind Kopien der 99 Totenmeldungen und der noch vorhandenen 270 Häftlingspersonalkarten aus Stutthof eingeordnet.
Im Seminarraum im 1. Stock des Tailfinger Rathauses ist ein Arbeitsraum mit einem Archiv eingerichtet, das über 1000 digitalisierte Dokumente, Abbildungen und Zeitungsartikel, alle Fotos, Dokumente, Videoausschnitte und Powerpoint-Präsentationen enthält, die in der Ausstellung zu sehen sind. Außerdem können hier Dokumentarfilme und Literatur zum Thema Nationalsozialismus und Holocaust angesehen oder ausgeliehen werden.
Mahnmal in der KZ Gedenkstätte Hailfingen/Tailfingen
Eine Besichtigung des Mahnmals gehört – am Anfang oder Ende des Gedenkstättenbesuches – zur umfassenden Auseinandersetzung mit dem historischen Ort. Das von dem Bildhauer Rudolf Kurz (Ellwangen) gestaltete Mahnmal auf der Gemarkung Rottenburg-Hailfingen, wo noch originale Reste der Flugplatzpiste vorhanden sind, steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem Dokumentationszentrum in Tailfingen.
Vor einer »nackten« Wand aus Beton von 5 × 2 Meter, die die Stummheit, Namenlosigkeit und massenhafte Auslöschung der Opfer symbolisieren soll, steht eine Skulptur, rechteckig wie die Wand. Zu sehen ist nur ein Ausschnitt aus ihr, ein ungleichseitiges Dreieck mit einer Basis von fünf Metern und einer Spitze, die knapp über die Mauer hinausragt. Auf mehr als 10 000 fünfzig Zentimeter langen Stäben aus Aluminium sind Buchstaben »eingekerbt«, die die Namen der 601 Häftlinge ergeben. Die Namen sind nicht alphabetisch geordnet, sondern wie »gestreut«, wie willkürlich: Menschen ganz unterschiedlicher Herkunft waren an diesem Ort zu einem gemeinsamen Schicksal zusammengewürfelt worden. Zugleich wird man als Betrachter »gezwungen«, jeden Namen langsam zu entziffern.
Volker Mall ist pensionierter Gymnasiallehrer, Verfasser von musikpädagogischen Beiträgen v.a. zum Thema »Musik im Nationalsozialismus«.
Harald Roth ist Lehrer an einer Realschule, Herausgeber von Anthologien und Autobiographien zur NS-Zeit.
Beide haben maßgeblich an der Erarbeitung der neuen Gedenkstätte mitgewirkt.
1 Die Aufklärer des Geschwaders blieben zunächst noch in Echterdingen. Tagebuch der I. Gruppe des NJG 6, BMF RL 10 542.
2 BMF RL 19 215.
3 ISD Sachdokumente M 3 Hailfingen, S. 63, Antrag der OT-Bauleitung Tübingen/ Baustelle Hailfingen, 13. 9. 1944.
4 BAB NS4 Na/13. Sonderbefehl vom 26. 9. 1944.
5 StAL, Akten des Landgerichts Hechingen Ordner 23, Bl.5030.
6 vgl. dazu Thomas Faltin, Im Angesicht des Todes, Filderstadt/Leinfelden-Echterdingen 2008, S. 31.
7 Transportliste Auschwitz-Stutthof und Häftlingspersonalkarten Stutthof, Archiv Museum Stutthof.
8 ITS/Arch/KL Natzweiler, Ordner 12.
9 Eric Breuer, Les miracles ont eu lieu plusieurs fois- 1939/1945 – Déportation en Allemagne, geschrieben am 30. 8. 1945 an seinen Bruder Otto, aufgezeichnet 1990/1992.
10 ebenda.
11 Schriftstück der Friedhofsverwaltung Esslingen (FHV 206): »15 unbekannte Leichen aus Hailfingen … 13. 12. 1944 … Sammelurnengrab 5 …« (Krematorium des Ebershaldenfriedhofs).
12 AMAC Nat 68/3 zitiert nach Robert Steegmann, Struthof. Le KZ-Natzweiler et ses kommandos: une nébuleuse concentrationnaire des deux côtés du Rhin 1941–1945, Strasbourg 2005, S. 137. Die Todesfälle von Dautmergen wurden erst ab dem 12. 3. 1945 in Schömberg registriert.
13 Monika Walther-Becker, Das Lager Hailfingen, In: Vorländer, Herwart (Hrsg.), Nationalsozialistische Konzentrationslager im Dienst der totalen Kriegsführung. Sieben württembergische Außenkommandos der Konzentrationslagers Natzweiler/Elsaß, Stuttgart 1978, S. 149–174.
14 Nationalsozialismus im Landkreis Tübingen-Eine Heimatkunde, Tübingen 1988
15 Dorothee Wein/Volker Mall/Harald Roth, Spuren von Auschwitz ins Gäu – Das KZ-Außenlager Hailfingen/Tailfingen, Filderstadt 2007.
16 Mordechai Ciechanower, »Der Dachdecker von Auschwitz-Birkenau«, Berlin 2007.
17 Marga Griesbach, »… ich kann immer noch das Elend spüren …«, Schriftenreihe der Mahn- und Gedenkstätte Ahlem Bd. 7, Hannover 2008.
18 Volker Mall/Harald Roth, »Jeder Mensch hat einen Namen« – Gedenkbuch für die 600 jüdischen Häftlinge des KZ-Außenlagers Hailfingen/Tailfingen, Berlin 2009.
19 Volker Mall/Harald Roth, Das KZ-Außenlager Hailfingen/Tailfingen-Begleitheft für Schulklassen, Horb 2010.


