Stefan Mühlhofer

Die Neukonzeption der Dauerausstellung in der Dortmunder Mahn- und Gedenkstätte Steinwache

Gedenkstättenrundbrief Nr. 186 (6/2017) S. 3-11

EIN ZWISCHENBERICHT ÜBER KONZEPTION UND BISHERIGE ARBEITEN

Seit 1992 befindet sich im ehemaligen Polizeigefängnis in Dortmund die kommunal getragene Mahn- und Gedenkstätte Steinwache. In den letzten Jahren besuchten regelmäßig über 20 000 Menschen die Gedenkstätte. Die Steinwache gehört damit zu den fünf größten NS-Gedenkstätten in Nordrhein-Westfalen. In ihr wird im Kern die über 30 Jahre alte Ausstellung »Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1933–1945« präsentiert. Sie war in ihrer Zeit für viele andere lokale Gedenkstätten ein Vorbild. Trotzdem wurde zuletzt immer deutlicher, dass das Ausstellungskonzept und die Präsentation nicht mehr zeitgemäß und deshalb dringend überarbeitungsbedürftig sind.

 

1   Der historische Ort: Das Revier der Dortmunder Polizei an der Steinstraße

Im Zuge der Industrialisierung wuchs die Einwohnerzahl Dortmunds im 19. Jahrhundert explosionsartig. Lebten 1849 noch 10 515 Menschen in der Stadt, waren es am Ende des Jahrhunderts im Jahr 1900 bereits 142 733. Auf Wiesen und Feldern nördlich des ehemaligen Dortmunder Burgtors entstand ein neuer Stadtteil, die Nordstadt. 1914 lebten rund 60 000 Menschen im Dortmunder Norden.

Die Steinstraße liegt am südlichen Rand der Dortmunder Nordstadt in unmittelbarer Nähe zum Hauptbahnhof und zur Innenstadt. Bereits seit 1869 befand sich auf dem Anwesen Steinstraße 48 eine Wachstube der Dortmunder Polizei. 1906 wurde an dieser Stelle ein Polizeigebäude für das 5. Dortmunder Polizeirevier eröffnet, das für den Bereich des Dortmunder Nordens zuständig war. Um 1926/27 wurde mit der baulichen Erweiterung des Polizeireviers begonnen. Neben dem Gebäude von 1906 entstanden ein fünfstöckiges zusätzliches Verwaltungsgebäude, ein Polizeigefängnistrakt und ein Verbindungstrakt zwischen beiden Bereichen. Neben diesen, heute noch erhaltenen Gebäuden, gehörte zu dem von einer hohen Mauer umgebenen Komplex eine heute nicht mehr vorhandene Hofanlage mit Garagen und Werkstätten.1

Das Gefängnis bot Platz für 120 Häftlinge und galt in seiner Zeit als eines der modernsten in Deutschland. In der fortschrittlichen Ausstattung – so waren auf jeder Zelle Toiletten und nicht der damals noch üblich »Kübel« – und den Vorschriften für eine humane Behandlung der Gefangenen zeigte sich ein demokratischer Reformwille der Dortmunder Polizei. In einem Bericht des linksliberalen Dortmunder Generalanzeigers von 1931 steht: »Der moderne Strafvollzug hat in anerkennenswertem Ausmaße neue Mittel und Wege gesucht, um das Los derer, die ein straffälliges Opfer der ungeheuren sozialen Not wurden, zu erleichtern. […] Und daß schon manches getan ist, zeigt ein Besuch im Dortmunder Polizeigefängnis in der Steinstraße, das nach seiner Modernisierung zu den modernsten deutschen Polizeigefängnissen gerechnet werden kann.«2

In den letzten Jahren der ersten deutschen Demokratie war die Dortmunder Nordstadt auch ein Ort vermehrter politischer Auseinandersetzungen. Die Dortmunder Keimzelle der nationalsozialistischen SA wurde 1925 als »Sturm 83« in der Nordstadt gegründet. Als 800 SA-Leuten am 16. Oktober 1932 in einem Propagandamarsch durch die Nordstadt ziehen wollten, stellten sich ihnen Kommunisten und Sozialdemokraten in den Weg. Bei der sogenannten »Schlacht am Nordmarkt« starben zwei Menschen durch Polizeikugeln.

Nach der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler behielt das Polizeigefängnis seine bisherige Funktion, wurde zugleich aber zu einem Zentrum nationalsozialistischer Verfolgungsmaßnahmen im Westen des Reichs. Schon in der Phase des »wilden Terrors« durch die Hilfspolizisten von SA und Stahlhelm zwischen Februar und August 1933 diente die Steinwache als Folterort für Häftlinge.3 Seitdem wurde Gewalt für viele Insassen zur prägenden Erfahrung, vor allem bei den Verhören durch die Geheime Staatspolizei (Gestapo),4 aber auch im täglichen Umgang mit dem Aufsichtspersonal. Für viele politische Häftlinge verknüpfen sich schlimme Erfahrungen mit der »Zelle 19«, die von vielen nachträglich als »Isolierzelle«, »Fertigmachzelle« oder »Mordzelle« bezeichnet wurde. Sie war etwa fünf Quadratmeter groß, an den Ecken abgerundet und ohne Einrichtungsgegenstände. Sie diente vor allem in den ersten Jahren der Gestapo dazu, Angehörige des politischen Widerstands zu demütigen und zu quälen. Die politischen Gefangenen bezeichneten die Steinwache schnell als »Hölle Westdeutschlands«.5 Die Gefangenen stammten nicht nur aus dem Dortmunder Stadtgebiet, sondern aus den Zuständigkeitsgebieten der lokalen Gestapo und Kripo, die sich weitgehend mit dem Regierungsbezirk Arnsberg deckten.

Die Insassen in der Steinwache waren folglich sehr heterogen. Die Inhaftierungsgründe reichten von politischen Meinungsäußerungen über das Verteilen von missliebigen Flugblättern bis zur Verhängung von Schutzhaft für Regimegegner. Sie umfassten aber auch Bettelei, Trunkenheit, Diebstahl, Betrug, den § 175 des RStGB und Gewaltverbrechen. Dazu kamen Verstöße gegen die nationalsozialistische Arbeits- und Kriegswirtschaftsordnung. Es wurden aber auch die vom individuellen Verhalten zunehmend entkoppelten Verfolgten, die einem völkischen und rassistischen Gesellschaftsbild der Nationalsozialisten zum Opfer fielen in die Steinwache eingeliefert: »Asoziale«, Juden und Sinti und Roma. Während ein Teil der Häftlinge schnell wieder entlassen oder an die zuständigen Arbeits- und Sozialämter überstellt wurde, saßen andere oft monatelang in Haft und wurden nicht selten anschließend an die Justiz übergeben oder in Konzentrationslager verschleppt. Folglich besaß die Steinwache, ein im Dortmunder Stadtraum zentral gelegener Haftort, für die lokale Stadtgesellschaft große Bedeutung, war aber zugleich mit einer Vielzahl von anderen Verfolgungsorten im gesamten NS-Herrschaftsbereich verbunden.

Bis September 1939 führte die Inhaftierung von politischen Gegnern, Sozialverfolgten, Juden und Kriminellen immer wieder kurzfristig zu einer teils erheblichen Überbelegung der Steinwache, auch wenn die Belegungsstärke schon 1933 auf 180 Insassen angehoben worden war.6 Mit Beginn des Zweiten Weltkrieges sorgten der Einsatz von Zwangsarbeitern und die Schaffung einer Vielzahl von neuen kriegsspezifischen Straftatbeständen für schnell steigende Häftlingszahlen. Spätestens seit dem Sommer 1942 war die Steinwache dauerhaft mit etwa 600 Häftlingen überfüllt. Dies führte zu katastrophalen hygienischen Verhältnissen. Um die Situation im Polizeigefängnis zu entlasten, wurden die Garagenanlagen auf dem Hof der Steinwache als Ersatzhaftstätten eingerichtet, das Dortmunder Gerichtsgefängnis in der Lübecker Straße mitbenutzt, aber auch im Stadtgebiet mehrere Straflager für osteuropäische Zwangsarbeiter eingerichtet. Schon während der Reichspogromnacht 1938 inhaftierte die Dortmunder Polizei hunderte jüdische Männer in der Steinwache. Viele von ihnen wurden ins KZ Sachsenhausen verschleppt.

Im Oktober 1944 wurden die Hofgebäude des Polizeigefängnisses bei einem britischen Luftangriff völlig zerstört. Zur Trümmerbeseitigung wurden, wie auch schon zuvor vermehrt in der Innenstadt, Häftlinge der Steinwache eingesetzt.7 Das Verwaltungsgebäude und das Gefängnis überstanden den Krieg aber fast völlig unbeschadet.

Nach der Befreiung Dortmunds wurden das Verwaltungsgebäude und das Polizeigefängnis vom zentralen Polizeikommando der britischen Besatzungsmacht übernommen, mit der Gründung Nordrhein-Westfalens beide Gebäude der neuen Landespolizei übergeben. 1959 wurden dann das Dortmunder Polizeipräsidium und die dazugehörigen Arrestzellen verlegt. Das freigewordene ehemalige Polizeigefängnis wurde deshalb von 1961 bis 1986 als Übernachtungsstelle für Nichtsesshafte betrieben.8

Der Gebäudekomplex war in der Folgezeit immer wieder vom Abriss bedroht. Zahlreiche zivilgesellschaftliche Organisationen, vor allem der Dortmunder Jugendring9 und das 1980 gegründete Kuratorium »Widerstand und Verfolgung in Dortmund«, setzten sich für den Erhalt des Gebäudekomplexes und eine sinnvolle Umnutzung ein. Dem Kuratorium gehörten, unter Vorsitz des damaligen Oberbürgermeisters Günter Samtlebe, Vertreter von Opferverbänden, der Politik, der Gewerkschaften, der Kirchen und weiterer zivilgesellschaftlicher Kräfte an. 1985 schließlich begann der Umbau des Verwaltungsgebäudes zum Sitz der Rheinisch-Westfälischen Auslandsgesellschaft (heute Auslandsgesellschaften NRW und Deutschland), Ende 1986 konnte das neue Haus bezogen werden. Zugleich wurde das Stadtarchiv Dortmund zum Bedarfsträger des Gefängnisgebäudes bestimmt. Damit war eine Vorentscheidung über den endgültigen Präsentationsort der seit 1981 an anderem Ort präsentierten Ausstellung »Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1933 bis 1945« gefällt worden.

 

2   Zur Geschichte der Ausstellung

Seit Ende der 1960er Jahre wird über die Verfolgung von politischen Gegnern und Minderheiten durch die Nationalsozialisten in der Stadt Dortmund geforscht. 1969 legte Kurt Klotzbach, ein damaliger Mitarbeiter des Forschungsinstituts der Friedrich-Ebert-Stiftung, eine Monografie zum Thema vor.10 Die Arbeit ist bis heute ein Standardwerk. Im Mittelpunkt dieser Untersuchung steht der Widerstand sozialdemokratischer, -linkssozialistischer und kommunistischer Gruppen in Dortmund. Zugleich wird aber auch die Bekennende Kirche untersucht und in einem Anhang die gesamte Verfolgung durch das NS-Regime beleuchtet. Dieses Werk war eine Pionierarbeit, wie auch die 1977 von Ulrich Knipping vorgelegte Monografie zur Geschichte der jüdischen Dortmunder Bevölkerung in der NS-Zeit11. Weitere umfassende historische Arbeiten zur lokalen NS-Geschichte konnten in der letzten Zeit nicht verzeichnet werden, mit Ausnahme des von Rolf Fischer erarbeiteten Gedenkbuchs der Dortmunder Opfer der Shoah.12

In Form einer Ausstellung wurde das Thema »Politischer Widerstand in Dortmund« erstmals Anfang der 1970er Jahren durch das »Antifaschistische Seminar« um Heinz Junge erarbeitet. Die Präsentation wurde zunächst im Dortmunder Haus der Bibliotheken gezeigt und später in einem privat angemieteten Ladenlokal in der Blumenstraße in der Nordstadt ausgestellt. Einige Ausstellungsexponate finden sich noch heute in der derzeitigen Dauerausstellung der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache.

1978 beauftragte der Rat der Stadt Dortmund das Stadtarchiv, eine Ausstellung unter dem Titel »Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1933–1945« zu erstellen. Günter Högl erarbeitete in Zusammenarbeit mit engagierter Unterstützung ehemaliger vom NS-Staat Verfolgter die Gesamtkonzeption der Ausstellung. Diese wurde drei Jahre später erstmals im Foyer des Stadthauses der Öffentlichkeit präsentiert und stieß auf große Resonanz in der Dortmunder Bevölkerung. Anschließend wanderte eine reduzierte Fassung durch verschiedene Dortmunder Schulzentren. Bereits im November 1981 kam es zu einer Präsentation in Dortmunds Partnerstadt Netanja, später auch in Kopenhagen (1983), Wien (1984/85), Rostow am Don (1984), Amiens (1985) und Leeds (1990). Seit 1984 wurde die Hauptausstellung dauerhaft im Dortmunder Museum im Westpark gezeigt. Weit über 300 000 Besucher fanden bis 1991 den Weg dorthin.

Im Juli 1987 beschloss der Rat der Stadt Dortmund, das ehemalige Polizeigefängnis in eine NS-Gedenkstätte umzuwandeln und die Ausstellung »Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1933-1945« dort dauerhaft zu präsentieren. Die Ausstellung wurde in ihrer Grundkonzeption übernommen, einige Themenfeder, die zu Beginn der 1990er Jahre verstärkt in den Blickpunkt der Geschichtswissenschaft gerückt waren, wie Euthanasie, Verfolgung von Sinti und Roma, Zwangsarbeit, wurden zusätzlich aufgenommen. Als wissenschaftlicher Berater und Mentor war der damalige Bochumer Professor Hans Mommsen an der Konzeption und Ausführung der Ausstellung beteiligt. Seit der Einweihung der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache am 14. Oktober 1992 wurden nur noch kleinere Korrekturen an der Dauerausstellung vorgenommen und ein zusätzlicher Raum eingerichtet, der die Verfolgung der Homosexuellen in Dortmund thematisiert.

Seit 1992 haben etwa 440 000 Menschen die Dauerausstellung in der Steinwache besucht. Schülerinnen und Schüler stellten dabei die größte Gruppe dar. Über 5 600 Schulklassen aus Dortmund und der Umgebung bekamen die Ausstellungsinhalte der Gedenkstätte vermittelt.

 

3   Konzeptionelle Überlegungen zur neuen Dauerausstellung

2014 gab es zum ersten Mal Überlegungen, die jetzige Dauerausstellung in der Steinwache gänzlich zu überarbeiten. Einer der Gründe war, dass in der momentanen Dauerausstellung das ehemalige Polizeigefängnis zwar der Ort der Präsentation ist, das dortige Geschehen während des Nationalsozialismus jedoch wenig Berücksichtigung findet. Damit ist das eigentliche Potenzial des Ausstellungsortes bei Weitem noch nicht ausgeschöpft. Bietet sich mit der oben skizzierten Geschichte und Dank der nahezu vollständigen baulichen Erhaltung doch die Möglichkeit, im Zentrum Dortmunds einen einzigartigen Erinnerungsort einzurichten. Von Beginn an war klar, dass die neue Dauerausstellung die Geschichte des Ortes und seiner Insassen deutlich stärker in den Mittelpunkt der Präsentation rücken wird. Sie wird die Steinwache als einen Ort deutlich machen, an dem gleichzeitig nationalsozialistische Verbrechen und ein »normaler« polizeilicher Alltag existierten. Die neue Dauerausstellung wird dabei mehrere Schwerpunkte beleuchten. Erstens sollen die Gesellschaftsgeschichte von Terror und Verfolgung und die Rolle der Polizei im NS-Staat am Beispiel Dortmunds beleuchtet werden. Dabei wird den Bereichen soziale Devianz und Kriminalität besondere Aufmerksamkeit gegeben werden, um die polizeiliche Praxis gegenüber sozialen Außenseitern und Kriminellen zu thematisieren und dabei die Überschneidungen zur Verfolgung politischer Gegner und der rassistischen NS-Gesellschaftspolitik erkennbar zu machen. Und zuletzt wird mit einem lokalen und regionalen Fokus exemplarisch das polizeiliche Handeln und dessen gesellschaftliche Kontextualisierung in einem stark proletarisch und multikulturell geprägten Ballungsraum verdeutlicht werden.

Das Dortmunder Polizeigefängnis war stark mit seiner unmittelbaren Umgebung verknüpft. Ein Polizeigefängnis wie die Steinwache fungierte in der NS-Zeit zwar zum einen als erste Schnittstelle in die Terrorwelt der Konzentrationslager und weiterer Haftstätten. Zugleich blieb die Steinwache aber auch ein Ort, an dem NS-Verfolgte inhaftiert waren, die nach kurzer Haft und Gewalterfahrung wieder entlassen wurden. Und ein Ort, in dem auch Bürger einsaßen, die aus nicht politisierten Gründen mit der Polizei in Konflikt geraten waren.

Im Gegensatz zu vielen anderen nationalsozialistischen Terrororten lag das Polizeigefängnis Steinwache nicht abgeschieden, sondern mitten im größten Ballungsraum des Deutschen Reiches. Das Geschehen in der Steinwache macht exemplarisch Aspekte der spezifischen Ausprägungen des Nationalsozialismus in einer stark proletarisch und transkulturell geprägten Großstadt deutlich. Gerade für die ersten Jahre der NS-Herrschaft liegt ein wichtiger Aspekt der neuen Dauerausstellung im politischen Widerstand aus der Arbeiterschaft, ein Thema, das in vielen Gedenkstätten in den letzten Jahren in den Hintergrund gerückt ist.

Die NS-Forschung hat sich seit der Jahrtausendwende stark der Frage nach der gesellschaftlichen Teilhabe an der nationalsozialistischen Politik gewidmet. Wie sich die Frage nach der das NS-Regime tragenden Mehrheitsgesellschaft mit dem Terrorsystem der Nationalsozialisten verbinden lässt, ist allerdings noch weitgehend ungeklärt. Das ehemalige Polizeigefängnis Steinwache, als Schnittstelle zwischen dem reichsweiten Terrorsystem und dem Stadtraum Dortmunds, bietet hier die Möglichkeit, unter Berücksichtigung der gesamten Bandbreite polizeilichen Handels und für die Dauer der NS-Herrschaft eine exemplarische Gesellschaftsgeschichte von Terror und Verfolgung zu zeichnen.

Dazu ist es unumgänglich, das polizeiliche Handeln in Dortmund und das damit verbundene Geschehen in der Steinwache in den Mittelpunkt der Betrachtungen zu stellen. Dabei müssen zwei Leitlinien in den Fokus genommen werden, um ein besseres Verständnis der nationalsozialistischen Vergangenheit zu erreichen.

Zunächst einmal muss ein umfassender Blick auf die zwischen 1933 und 1945 im Polizeigefängnis Steinwache inhaftierten Personen geworfen werden. Neben den bisher schon berücksichtigten Häftlingen der Gestapo soll künftig die Gleichzeitigkeit der Inhaftierung unterschiedlicher Häftlingsgruppen deutlich gemacht werden. Es soll danach gefragt werden, welche Personen aus welchen Gründen, zu welchen Zeitpunkten und in welchen Kontexten hier inhaftiert wurden. Wie wurden sie in der Steinwache behandelt und wurden sie aus dem Polizeigefängnis entlassen oder in andere Haftanstalten und Konzentrationslager überstellt? Wann stellten welche Häftlingsgruppen die Mehrheit? Damit wird die Funktion der polizeilichen Arbeit im Sinne des NS-Staates deutlich, der im Laufe der Zeit auch einem Wandel unterworfen war. Auch bei den klassischen Aufgaben der Polizei, wie die Aufrechterhaltung öffentlicher Sicherheit und Ordnung, die peu à peu von nationalsozialistischen Gesellschaftsvorstellungen durchdrungen wurden. Deshalb ist das immer noch weit verbreitete Bild von Gestapo und SS als alleinigem Akteur nationalsozialistischer Verfolgung im Reich nicht zu halten. Denn die anderen Gliederungen der Polizei wurden, auch wenn sie vordergründig ihre traditionelle polizeiliche Arbeit fortführten, im konkreten Handeln nach der NS-Ideologie ausgerichtet. So entsteht ein vollständiges und differenziertes Bild der Polizeiarbeit im Nationalsozialismus in einem exemplarischen Stadtraum. Dies zu beschreiben ist nur möglich, da die Haftbücher der Steinwache, in denen nahezu sämtliche Häftlingsein- und -abgänge verzeichnet sind, im Landesarchiv NRW, Abteilung Westfalen, nahezu vollständig erhalten sind. Anhand dieser Quelle ist es möglich, für Dortmund über die gesamte Dauer der NS-Herrschaft ein umfassendes Register polizeilicher Festnahmen zu erstellen. Zu diesem Zweck wurden die Haftbücher in eine Datenbank übertragen. Damit sind die dort enthaltenen persönlichen Angaben, die über den Haftgrund und die über das weitere Schicksal der Häftlinge, statistisch auswertbar. Auch lassen sich dadurch die soziale Zusammensetzung der Häftlinge und deren Wandel deutlicher als je zuvor festmachen.

Eine zweite Leitlinie soll ihren Blick auf die Steinwache als zentrale Schnittstelle zwischen dem lokalen Stadtraum und dem reichsweiten Terrorsystem werfen. Für viele Häftlinge war die Steinwache nur die erste Station eines langen Leidenswegs durch unterschiedliche Haftorte im gesamten nationalsozialistischen Herrschaftsbereich. Dadurch werden die räumlichen Zusammenhänge zwischen den »Orten des Terrors«, wie etwa den Konzentrationslagern Sachsenhausen, Dachau und Buchenwald und dem weit entfernten lokalen Stadtraum Dortmund aufgezeigt. Dies veranschaulicht die unmittelbare Nähe nationalsozialistischer Verfolgung zum heutigen Wohn- und Lebensbereich und beugt dem weitverbreiteten Eindruck vor, die Verfolgung durch die Nationalsozialisten sei jenseits des eigenen Lebensumfeldes, insbesondere in heute polnischen und belarussischen Gebieten, geschehen. An Hand ausgewählter Fälle aus Dortmund lassen sich die über die Steinwache führenden Wege unterschiedlicher Verfolgtengruppen in die Zentren des NS-Terrors nachzeichnen. Neben den Haftbüchern sind hier die Sammlung der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache, die Justizbestände des Landesarchiv Nordrhein-Westfalen, Abteilung Westfalen, die ebenfalls dort befindlichen Bestände der Wiedergutmachungsämter und die Häftlingsakten in den jeweiligen KZ-Gedenkstätten wichtige Quellen. Durch die in diesen Akten als Briefe oder Eingaben in großer Zahl überlieferten Selbstzeugnisse der Häftlinge wird es möglich, die Perspektive einzelner Häftlinge einzunehmen. Sie ermöglichen uns, das Schicksal einzelner Personen durch das nationalsozialistische Terrorsystem zu verfolgen.

Dargestellt werden soll dieses anhand einer Vielzahl von Einzelfallakten, die das jeweilige spezifische Handeln der Polizeibeamten, anderer Behördenmitarbeiter, Nachbarn, Arbeitskollegen und der restlichen Bevölkerung dokumentieren.

Die Kombination dieser drei Leitlinien eröffnet einen mehrdimensionalen Zugang zur Geschichte des Polizeigefängnisses Steinwache. Damit soll ein umfassendes Verständnis des historischen Orts und des nationalsozialistischen Verfolgungssystems und seine gesellschaftliche Einbindung im Stadtraum Dortmund vermittelt werden. Dies hilft zugleich, gegenwärtige Formen staatlicher Eingriffe, aber auch das eigene individuelle Verhalten zu reflektieren.

 

4   Zum Fortgang der Arbeiten

Auf Grundlage der oben dargestellten neuen Ausstellungskonzeption wurden 2014 Förderanträge bei der Bundesbeauftragten für Kultur und Medien, beim Landschaftsverband Westfalen-Lippe und bei der Landeszentrale für politische Bildung NRW gestellt, die alle 2015 bewilligt wurden. Nachdem die Bewilligungsbescheide der Drittmittelgeber vorlagen, fällte am 1. Oktober desselben Jahres der Rat der Stadt Dortmund den Ausführungsbeschluss für die Modernisierung der Dauerausstellung. Daraufhin konnte das Ausstellungsteam, bestehend aus Markus Günnewig und dem Verfasser, seit dem 1. Januar 2016 durch die beiden Historiker Carmen Hause und Stefan Klemp verstärkt werden. Sie führen seitdem die Recherchen im Landesarchiv NRW, Abteilung West-falen, in Münster, wo die Akten der Dortmunder Polizei-, Justiz- und weiterer Behörden – der zentrale Quellenkorpus für die neue Ausstellung in der Steinwache – lagern, systematisch fort.

Ein erstes Ergebnis war der im September 2016 ausgeschriebene Gestaltungswettbewerb für die neue Ausstellung. Hierzu wurden sechs Büros eingeladen. Im Vorfeld mussten die bisherigen Ausstellungsplanungen im Detail konzeptionell konkretisiert und »Problemstellen« gefunden werden, deren Lösung Teil der Ausschreibungsaufgaben wurde. Darüber hinaus musste für die zu gestaltenden Räume Material gesammelt und zusammengestellt werden. Am 15. November 2016 fand sowohl die Ergebnispräsentation als auch eine Auswahl des durchführenden Gestaltungsbüros durch die Jury, bestehend aus Ausstellungsteam, wissenschaftlichem Beirat und städtischen Vertretern, statt. Sieger des Wettbewerbs wurde das Büro Demirag Architekten aus Stuttgart. Gemeinsam arbeiten das Ausstellungsteam und das Gestaltungsbüro derzeit intensiv an einem Raumbuch und einem Vorentwurf der neuen Dauerausstellung. Zugleich werden mit den zuständigen Denkmalsbehörden Gespräche über mögliche bauliche Änderungen im Gebäude geführt.

Zudem werden zurzeit auch vorbereitende Arbeiten für eine bauliche Erweiterung der Steinwache durchgeführt. Diese war schon zu Beginn des Projekts vorgesehen. Leider erlaubte die damalige finanzielle Lage der Stadt Dortmund nicht, die Neukonzeption der Dauerausstellung und eine räumliche Erweiterung gemeinsam zu beschließen. Aufgrund der offensichtlichen Notwendigkeit wurden von der Stadt Dortmund dennoch eine Grundlagenermittlung für eine räumliche Erweiterung in Auftrag gegeben, entspricht doch das Gebäude der Gedenkstätte allein kaum den zeitgemäßen Anforderungen an einen Ausstellungs- und Gedenkort. So sollen mit einem Erweiterungsbau Räume für wechselnde Ausstellungen, wissenschaftliche Vorträge und Tagungen sowie vor allem die Durchführung von Seminaren, Projekttagen und weiteren pädagogischen Angeboten geschaffen werden. Für all das steht derzeit nur ein Multifunktionsraum zur Verfügung. Zudem soll damit erstmals ein wirklich barrierefreier Zugang in das historische Gefängnis ermöglicht werden.

Der Rat der Stadt Dortmund beschloss deshalb trotz angespannter Haushaltslage am 7. Juli 2016 weitere Mittel für die bauliche Erweiterung der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache bereitzustellen. Anschließend wurden bei potenziellen Mittelgebern Förderanträge eingereicht. Sobald diese bewilligt werden, wird ein Architekturwettbewerb für den neuen Anbau ausgeschrieben.

 

Dr. Stefan Mühlhofer ist Direktor des Stadtarchivs Dortmund.

 

1    Vgl. dazu die Bauakten: StadtA Dortmund, Bestand 163/01 (Steinstraße 50+50a).

2    »Ein Besuch im Dortmunder Polizeigefängnis«, in: General-Anzeiger für Dortmund vom 8. April 1931.

3    Vgl. LAV NRW, Abteilung Westfalen, Q 223, Nr. 1293-1303 (Schepmann-Prozess).

4    Vgl. dazu auch den Bericht in der niederländischen Druckschrift von 1936 über Verhörmethoden in der Steinwache. In: N. Padt, Recht en wet in Duisland. Het proces tegen 800 soc.-democraten in het roergebied, Amsterdam o. J. (1936), S. 9.

5    Günther Högl (Hg.), Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1933–1945. Katalog zur ständigen Ausstellung des Stadtarchivs Dortmund in der Mahn- und Gedenkstätte Steinwache, Dortmund 2002, S. 17.

6    LAV NRW, Abteilung Westfalen, B 206, Nr. 14635.

7    LAV NRW, Abteilung Westfalen, Polizeipräsidien, Sammlung Primavesi Nr. 105.

8    Högl, Widerstand (wie Anm. 10), S. 17f.

9    Ernst Söder, Dein Leben ist mehr als Arbeit. Von den Anfängen bis ins Jahr 2000. Mehr als 50 Jahre Gewerkschaftsjugend in Dortmund, Essen 2001, S. 148–150.

10  Kurt Klotzbach, Gegen den Nationalsozialismus – Widerstand und Verfolgung in Dortmund 1930–1945. Eine historisch-politische Studie, Hannover 1969.

11  Ulrich Knipping, Die Geschichte der Juden in Dortmund während der Zeit des Dritten Reiches, Dortmund 1977.

12  Rolf Fischer, Verfolgung und Vernichtung. Die Dortmunder Opfer der Shoah, Essen 2015.