Andrea Hauser

Dinge zeigen. Artefakte der NS-Zeit in Ausstellungen

Gedenkstättenrundbrief Nr. 188 (12/2017) S. 33-36

BERICHT ÜBER DIE 12. EUROPÄISCHE SOMMER-UNIVERSITÄT RAVENSBRÜCK

Objekte der NS-Zeit in Ausstellungen – dieses Thema stand im Mittelpunkt der 12. Sommer-Universität der Gedenkstätte Ravensbrück. Die Summer-School bietet jährlich herausragende Möglichkeiten, sich intensiv am historischen Ort über mehrere Tage mit einem grundlegenden Thema der Konzentrationslagergeschichte auseinanderzusetzen.

Ein engagiertes Team – Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Gedenkstätte Ravensbrück und Mit-Veranstalter, das Institut für Zeitgeschichte München und das Zentrum für Antisemitismusforschung der TU Berlin – hatte für die diesjährige Tagung ein äußerst komplexes und interessantes Programm konzipiert, das sich in Vorträgen und Workshops der neuen Bedeutung von Dingen als Zeugen widmete, in einer Zeit, in der sich die Generation der Zeitzeugen verabschiedet. Aus Europa und den USA nahmen über 100 Teilnehmende, darunter eine hohe Zahl Studierender, die Artefakte als Quellen und Ausstellungsexponate in den Blick. In einer Forschungsbörse konnten Nachwuchswissenschaftlerinnen und -wissenschaftler ihre Ergebnisse präsentieren. Ein die ganze Tagung begleitender Workshop »Kuratieren Ausprobieren: Ravensbrück ausstellen« führte am Ende der Tagung zu einer eindrucksvollen Ausstellung in Auseinandersetzung mit Orten und Dingen. Diskutiert wurden Originalitäts- und Authentizitätskonzepte, unterschiedliche Präsentationsmodi und die ambivalenten Wirkungen von NS-Artefakten.

In ihren Ausführungen zu Dingkonzeptionen, Präsentationsweisen, Erinnerungspolitiken und zu Fragen der Geschlechtergeschichte im Kontext von »Difficult heritage«, die sie mit aktuellen Beispielen wie dem Film »Auschwitz. Not long ago. Not far away« unterlegte, formulierte Gudrun König die provokante These: Jedes Objekt im Museum ist ein Produkt von Entscheidungen. Diese Entscheidungen gälte es präsent zu machen. Außerdem sei es Aufgabe und Herausforderung, der Vielschichtigkeit der Narration, die einem Museumsobjekt anhaftet, in der Präsentation gerecht zu werden.

Besonders sensibilisiert für das Thema wurden die Teilnehmenden am ersten Tag in Ravensbrück durch äußerst differenzierte Führungen des museumspädagogischen Teams der Gedenkstätte. Hier wurde die besondere Besuchererfahrung Ravensbrücks, der Widerspruch zwischen der Schönheit des Orts und der Gewaltgeschichte, eindrucksvoll vor Augen geführt. Die musealen Entscheidungen hinsichtlich der Gestaltung des Geländes machten deutlich, dass es den authentischen Ort nicht gibt, sondern es sich um einen historischen Ort mit unterschiedlichen Zeitschichten handelt. Die -Hierarchie der Gebäude – die »Führerhäuser« auf dem Berg, die Wohnsiedlung des weiblichen SS-Personals unterhalb – verdeutlichten die eingeschriebenen geschlechterspezifischen Raumstrukturen. An verschiedenen Stationen in der 2013 eröffneten Hauptausstellung in der ehemaligen Kommandantur wurden Objekte und Objektgruppen und die damit verbundenen Probleme der Ein- und Zuordnung und Benennung genauer betrachtet.

Am zweiten Tag widmeten sich Michaela Haibl, Karen van den Berg und Christoph Kreuzmüller unter der Moderation von Isabel Enzenbach der besonderen Aussagekraft von Dingen aus der NS-Zeit und ihrer Präsentation. Wie vermitteln Dinge Wissen und welches Wissen? Welche Bedeutungsüberschüsse finden sich etwa in ihrer Materialanmutung? Wie verbindet sich ein mikroskopischer Blick auf das Ding mit einer notwendigen Einbettung in Zusammenhänge in der Präsentation? Mit welchen Narrativen wird mit der Historie Gegenwärtigkeit vermittelt? Besonders bei Objekten aus der NS-Zeit stellte sich die Frage nach dem Verhältnis von Emotionalisierung und kritischer Distanz. Bei der Präsentation müsse nicht nur die Inkongruenz von Ästhetik und Inhalt, sondern auch die eingenommenen Perspektiven auf die Verbrechen reflektiert werden. Dies sowohl im Hinblick auf kuratorische Entscheidungen, wie auch im Hinblick auf Vorannahmen und Haltungen der Besucher. Zentral sei hier, anhand von Objekten Täter-, Opfer- und Zuschauerperspektiven und vorhandene Leerstellen aufzuzeigen.

Am Mittwoch ging es unter Moderation von Andrea Genest um die Thematisierung der NS-Zeit im Museum vor dem Umgang mit kolonialen Objekten als Vergleichsfolie. Die Präsentation der Artefakte der NS-Zeit sei abhängig vom historischen Ort, vom Ausstellungsraum und seiner Gestaltung sowie von ethischen und methodischen Fragen, war die Eingangsthese von Sylvia Necker. Bei NS-Objekten sei das Problem der Fetischisierung besonders deutlich, wobei dies jedoch nicht zum Weglassen von Objekten auffordere, sondern zu ihrer genauen Analyse und zu sensiblen, den Bildhaushalt des Nationalsozialismus aufbrechenden Präsentationsformen. Hinweise auf Grenzen des Ausstellens aufgrund von fehlenden Exponaten oder einer Provenienzproblematik rückten das Sammeln und die Sammlung im Zusammenhang mit den Zeigestrategien ins Blickfeld. Vermittle das koloniale Sacharchiv eine eurozentrische Perspektive, so das nationalsozialistische Sacharchiv vielfach eine Täterperspektive, so Heike Hartmann. Damit werden Beziehungen, die die Objekte formten, genauso deutlich wie Handlungsräume. Sie sind Bestandteil von historischer und aktueller Wissens-geschichte und können durch die Präsentation als Bestandteil einer umkämpften Erinnerungskultur neu befragt werden. Der Anspruch, die nationalsozialistische Zeit umfassend darzustellen, führt oft dazu, neue Sammlungen zusammen zu tragen, und wenn dies nicht möglich ist, anstelle von Originalobjekten Szenografie einzusetzen, wie Jan Szkudliński am Beispiel des Museums des Zweiten Weltkriegs in Gdańsk zeigte. Ob die inhaltliche Absicht der Kuratoren, vergleichende und vielschichtige Perspektiven auf die nationalsozialistische Zeit anzubieten, bei den Rezipienten auf fruchtbaren Boden falle, müsse genau eruiert werden. Die Podiumsdiskussion zur »Bedeutung des Ortes für Ausstellungen« mit Jan Erik Schulte von der Gedenkstätte Hadamar, Leonore Maier vom Jüdischen Museum Berlin, Thomas Kersting vom Brandenburgischen Landesamt für Denkmalpflege und Archäologisches Landesmuseum und Florian Torres des Gefängnisses Montluc, Lyon, moderiert von Insa Eschebach, problematisierte die Erwartungen vieler Gedenkstättenbesucher, »KZ live zu erleben«. Demgegenüber müsse die Geschichte des Überrests von etwas nicht mehr Bestehenden erzählt und die »Strahlkraft« des Ortes genutzt werden, um den Ort in der Zeit, die »Zeitschaften« (Ruth Klüger) sichtbar zu machen. Der Dominanz des Ortes oder der umgebenden Architektur als Exponat gelte es durch eine differenzierte Narration mithilfe verorteter Objektgeschichten entgegenzuwirken. Dieses Ernstnehmen der Materialität von Geschichte mache die Ausstellung als Metadiskurs zu einem Transformationsprozess, zu einer Umwandlung der Wahrnehmung.

Die Diskussion über historische Orte und Authentizitätserwartungen vertiefte der Donnerstag mit Vorträgen von Wiesław Wysok zur Gedenkstätte Majdanek, Achim Saupe zur historischen Authentizität als problematische Kategorie von NS-Erinnerungsorten und Lauren Willmott anhand der neuen Holocaust-Ausstellung des Imperial War Museums in London. Das Panel wurde moderiert von Sabine Arend. Erst durch die Bereitschaft der Besuchenden zur Auseinandersetzung entstehe Authentizität, erst durch die Bedeutungen des Ortes und die Deutungen entstehe so etwas wie Atmosphäre. Zentral seien hierbei Vorwissen und Erfahrungen der Rezipienten. Erlebnisorientierung und Wissensvermittlung stehen dabei weniger gegeneinander als vermutet. Die Besucher wollen nicht auf Informationen verzichten. Besonders persönliche Geschichten als zentraler Zugang zu Objekten und Haltungen könnten es vermeiden, dass die »Opfer« des Nationalsozialismus als passive Opfer wahrgenommen werden. Doch seien die Objekte oft wahrhafter als biografische Erinnerungen, was einen quellenkritischen Umgang mit den Zeugnissen zur Pflicht mache.

Diesen Punkt pointierte auch der Abschlussvortrag von Andrea Hauser mit dem Titel »Neue Zeit-Zeuginnen? Zur Ambivalenz von Artefakten und Orten in der Darstellung der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft«. Diese Sektion wurde von Chistiane Heß geleitet. Artefakte der NS-Zeit seien als pars pro toto des Grauens oft hochgradig symbolisch verdichtet, sie ermöglichten aber, wie alle Museumsobjekte, in ihrer Materialität und Medialität Vergegenwärtigungen auf vielfältigen unterschiedlichen Ebenen. Sie plädierte für die Relevanz einer vielschichtigen Analyse der Objekte und ihrer Geschichten, sowohl in ihrer konkreten Stofflichkeit und Ästhetik mit ihren haptischen und olfaktorischen Eigenschaften, ihre Anmutungsqualität, wie auch der impliziten Mensch-Objekt-Beziehungen und den daraus entstehenden individuellen, sozialen und symbolischen Bedeutungen. Gerade ideologisch aufgeladene Dinge forderten zu Fragen nach Schuld und Unschuld, nach Mittäterschaft und Verantwortung und nach Handlungsspielräumen heraus. Die inkorporierten Gewalt- und Konfliktgeschichten, aber auch die oft ihnen implizite »agency«, gelte es, durch eine umfassende Dinganalyse zum Sprechen zu bringen. Erst ihre Provenienz, ihre Bindung an einen Vorgang, den das Museumsobjekt verbürgt, mache ihre Authentizität aus, mache sie zu zentralen Zeugnissen, und damit zu Anknüpfungspunkten für Fragen, Assoziationen, Erinnerungen. Die Sommer-Universität hat das enorme Potenzial von Dingen als Zeugnisse im Rahmen einer reflexiven Erinnerungskultur und die Chancen einer multiperspektivischen und quellenkombinatorischen Arbeit mit und gegen Objekte eindrücklich aufgezeigt. Es bleibt zu hoffen, dass die Veranstalterinnen die Vorträge in einem Sammelband der Öffentlichkeit vorlegen werden.

Dr. Andrea Hauser, wohnhaft in Bremen, ist Kulturwissenschaftlerin und Ausstellungskuratorin (www.kultur-und-transfer.de).