Ein Museum für Dimitar Peschev in Kjustendil, Bulgarien
Gedenkstättenrundbrief 160 S. 21-28Das Haus, der Mensch und die „Rettung der bulgarischen Juden"
Lange Zeit fand der Name Dimitar Peschev in der bulgarischen Geschichtsschreibung kaum Erwähnung und war zumindest im offiziellen nationalen Geschichtsdiskurs Bulgariens nicht präsent, doch die Rolle Peschevs als Helfer der bulgarischen Juden im Zweiten Weltkrieg durfte und konnte nicht für immer in Vergessenheit geraten. Erst mit der Veränderung der politischen und gesellschaftlichen Konstellationen nach 1989 erschienen auf dem Geschichtsmarkt einige bulgarische und internationale Studien, die unter anderem auch Peschevs Namen zum Forschungsthema machten. Eine zentrale Rolle für diese Wiederentdeckung wird zumeist dem italienischen Journalisten Gabriele Nissim zugeschrieben und seinem Buch mit dem bemerkenswerten Titel Der Mann, der Hitler stoppte. Dimitar Peśev und die Rettung der bulgarischen Juden.1 Obwohl sich das Buch weniger als ein fachwissenschaftliches, sondern eher wie ein publizistisches Werk liest, hat es maßgeblich dazu beigetragen, dass der Name Peschevs die staubigen Archive der bulgarischen Geschichte verlassen hat. Das Erscheinen des Buches stellte am Ende der 1990er Jahre zusammen mit weiteren Publikationen den Anfang einer positiven und intensiveren Untersuchung des Lebens und des Werks Dimitar Peschevs dar.
Im Zuge dieser Entwicklung entstand 2002 das Museum »Dimitar Peschev«. Diese Ehrung wurde Peschev zuteil, weil er 1943 als Vizepräsident des bulgarischen Parlaments zusammen mit weiteren Gegnern der antijüdischen Politik der Regierung eine Protestwelle in der Gesellschaft unterstützt hatte, die letztendlich die geplanten Deportationen jüdischer Bürger verhinderte. In diesen Kontext fällt eine Thematik aus der bulgarischen Erinnerungskultur, die gegenwärtig unter der Bezeichnung die »Rettung der bulgarischen Juden« an gesellschaftlicher Brisanz gewinnt. Dabei sollte die Bezeichnung »Rettung« kritisch hinterfragt werden, da diese den Eindruck erweckt, alle Juden aus den bulgarischen Gebieten seien gerettet worden. Auch die Frage, wer die Juden »gerettet« hat, wurde in den letzten Jahren auf die verschiedensten Weisen interpretiert. Fragen nach »Rettung« und »Retter« werden aus einer neuen Perspektive gestellt.
Die Ausstellung – historischer Umriss der »Rettungs«-Aktion
Es ist eine facettenreiche Geschichte, die im Museum für Dimitar Peschev zum Ausdruck kommen soll. Das Museum befindet sich in Kjustendil, der Geburtsstadt von Dimitar Peschev und ist in seinem Geburtshaus untergebracht. Es ist ein »Haus-Museum«, wie die bulgarische Bezeichnung lautet. Allerdings handelt es sich hier um ein rekonstruiertes Gebäude, das außerdem nicht mehr an seinem ursprünglichen Ort steht. Die Initiatoren haben sich entschieden, das restaurierungsbedürftige Haus abzureißen. Anstatt es am ursprünglichen Ort aufzubauen, wurde eine exakte Kopie im Zentrum der Stadt errichtet. Das Projekt ist von der Stadt Kjustendil und der Gemeinschaft der bulgarischen Juden in Israel mit der Unterstützung des damaligen israelischen Botschafters Emanuel Zissman realisiert worden. Die Eröffnung der Dauerausstellung fand am 9. März 2003 statt, genau an dem Tag, an dem 60 Jahre zuvor Peschev und weitere Bürger der Stadt Kjustendil eine Rettungsaktion für Juden durchzuführen versuchten.2
Das Konzept der Dauerausstellung lässt sich in vier Themenkomplexe gliedern: die Einstellung der bulgarischen Gesellschaft gegenüber anderen Ethnien, die Biographie Peschevs, der Erlass des Gesetzes zum Schutz der Nation und zuletzt das Schicksal Peschevs nach 1945.
Nicht zufällig haben die Kuratoren entschieden, im kleinen Hausflur einen kurzen Einführungsbereich einzurichten, der die Beziehung der Bulgaren zu den anderen im Lande lebenden ethnischen Gruppen thematisiert. Dies gilt als eine wichtige Voraussetzung für das weitere Verständnis der Ereignisse um das Jahr 1943, da die Bulgaren hier als sehr tolerant gegenüber Türken, Tataren, Griechen, Juden, Armeniern und Roma dargestellt werden. Diese Feststellung erfolgt im Hinblick auf das seit Jahrhunderten friedliche Zusammenleben mit anderen Ethnien. De facto erklärte auch die bulgarische Verfassung aus dem Jahr 1878 alle Bewohner des Landes für frei und gleich, ungeachtet ihrer ethnischen Herkunft.
Mit der Verabschiedung eines »Gesetzes zum Schutz der Nation« durch die bulgarische Regierung, welches sich an den Rassengesetzen des Deutschen Reiches orientierte, sollte sich jedoch dieser Zustand des friedlichen Zusammenlebens ändern. Auf die Beziehungen zwischen nichtjüdischen und jüdischen Bulgaren wird zunächst nicht weiter eingegangen. Die Ausstellung thematisiert nur im Kontext des sich verschärfenden Antisemitismus in NS-Deutschland die erschwerte Situation der bulgarischen Juden nach der Einführung des Gesetzes. Deutlich hervorgehoben wird die Spaltung der Gesellschaft in Befürworter und Gegner des Gesetzes sowie die spätere Rolle von Dimitar Peschev und weiteren Bürgern der Stadt Kjustendil.3
Der zweite Teil der Ausstellung, welcher in einem Zimmer im zweiten Stock untergebracht ist, beschäftigt sich ausschließlich mit dem Leben von Dimitar Peschev. Viele Fotos, Zeugnisse, private Gegenstände versuchen dem Besucher den Menschen Peschev nahezubringen und zeigen ihn als hochintelligente, menschliche und zurückhaltende Person. Geboren im Jahr 1894, machte er sich nach seinem Studium einen Namen als Anwalt. Von 1937 bis 1943 war er als Minister, Abgeordneter und Vizepräsident des Parlaments tätig, aber nie Mitglied einer politischen Partei. Den Beitritt Bulgariens zum Dreimächtepakt im Jahr 1941 sah er als einen notwendigen Schritt, um die von ihm erwünschte Einheit der bulgarischen Territorien zu erreichen. Entsprechend befürwortete Peschev auch die mit deutscher Hilfe erfolgte Annektierung von Thrakien, Dobrudja und Makedonien zu den »altbulgarischen« Gebieten.4 In der Forschungsliteratur werden häufig die Bezeichnungen »altbulgarische« und »neubulgarische« Gebiete verwendet, wobei diese im rein technischen Sinne zu verstehen sind. Auf diese Weise kommt die Unterscheidung zwischen dem Kernland Bulgariens und den nach 1940 besetzten Territorien deutlicher zum Ausdruck. Im Speziellen handelt es sich hier um Süddobrudja (von Rumänien), die so genannten Westgebiete (zapadni pokrainini) Vardar Makedonie (von Jugoslawien), westliches Thrakien (von Griechenland). Für die Frage nach der »Rettung der bulgarischen Juden« wird sich die Differenzierung zwischen »alten« und »neuen« Gebieten von grundlegender Wichtigkeit herausstellen.
Während die ersten Bereiche sich noch rasch überblicken lassen, fällt die Darstellung der nächsten thematischen Einheit umso ausführlicher aus. Sie ist voranging darauf ausgerichtet, die Reaktion der Bevölkerung auf das Gesetz zum Schutz der Nation zu vermitteln. Der Erlass des Gesetzes im Jahr 1941 führte unmittelbar zu einem Disput in der bulgarischen Gesellschaft. Thematisiert werden die hitzigen Diskussionen, die in der Öffentlichkeit ausgetragen wurden. Die ausgestellten Protestbriefe stammen von dem Juristenverband, dem Schriftstellerverband, dem Ärzteverband und der orthodoxen Kirche, die sich jedoch gegen die regierende Mehrheit nicht durchsetzen konnten. Im Jahr 1943 traf der deutsche Berater Theodor Dannecker in Sofia ein, der die Deportation von Juden aus den Gebieten Thrakien und Makedonien organisieren sollte. Im Februar beschlossen Dannecker und der so genannte bulgarische »Kommissar für Judenfragen«, Alexander Belev, zunächst 20 000 Juden aus den annektierten Ländern zu deportieren. Die Deportation von rund 13 500 Juden aus den »neubulgarischen« Gebieten wurde geplant, der Rest sollte aus den »altbulgarischen« Gebieten kommen.5
Die Aktion sollte wegen des möglichen öffentlichen Widerstands streng geheim gehalten werden. Da aber sogar Beteiligte dagegen waren, gelangten Informationen über das geplante Vorhaben an die Öffentlichkeit. Am 9. März 1943 bekam auch Dimitar Peschev Hinweise auf die bevorstehenden Deportationen und reagierte sofort darauf. Mit viel persönlichem Engagement schaffte er es, die geheim gehaltene Deportation auf parlamentarischer Ebene publik zu machen und betonte dabei die Verfassungswidrigkeit dieses Vorhabens. Nach seiner Initiative unterschrieben 42 Abgeordnete einen Protestbrief mit scharfer Kritik gegen die Deportationspläne der Regierung. Obwohl dieses Schreiben zunächst große Resonanz hervorrief, zogen bald viele Abgeordnete ihre Unterschriften zurück. Die Regierung übte auch auf Peschev einen starken Druck aus, sodass er letztendlich seinen Posten als Vizepräsident des Parlaments verlor. Dennoch wurden dadurch die Deportationen verhindert. Parallel dazu hielten auch weitere Akteure die Regierungspläne auf. Die bulgarische orthodoxe Kirche, die Opposition und viele Intellektuelle setzten sich gleichzeitig für das Schicksal der bulgarischen Juden ein. Selbst der bulgarische König war gegen diese Maßnahme und betonte mehrmals, dass er die Juden als Arbeiter in Bulgarien bräuchte. Letzten Endes wurde der Plan für die Deportation verschoben, aber nicht aufgegeben. In den annektierten Gebieten hatten die Deportationen bereits begonnen.6
Was nach dem Ende des Krieges geschah, wird in der Ausstellung ausschließlich in Bezug auf die beteiligten Bürger aus Kjustendil behandelt, darunter auch Peschev. Die neue, kommunistische Regierung verurteilte viele Mitglieder des Parlaments zum Tode. Andere mussten für längere Zeit ins Gefängnis. Auch Dimitar Peschev wurde zu 15 Jahren Gefängnis verurteilt, wovon er ein Jahr inhaftiert war.7 Allein sein Verdienst für die bulgarischen Juden bewahrte ihn davor, vom kommunistischen Volksgericht hingerichtet zu werden.8 Aber die Freilassung verbesserte seine Situation nicht, denn sein gesamtes Eigentum war verstaatlicht worden, zudem durfte er seinen alten Beruf nicht mehr ausüben.
Die grundsätzlich fehlende geschichtswissenschaftliche Beschäftigung mit dem Schicksal der bulgarischen Juden während des kommunistischen Regimes hatte u.a. zur Folge, dass die jüdischen »Retter« ins Vergessen geraten sind. Das Thema wurde bis 1989 kaum erforscht. Wenn überhaupt wurde diese Thematik nur in Bezug auf den persönlichen Verdienst des langjährigen kommunistischen Generalsekretärs Todor Jivkov erwähnt. Das tatsächliche Geschehen rückte erstmals in den 1990er Jahren zunächst in die Peripherie der gesellschaftlichen Aufmerksamkeit. Erst im Zuge der Initiativen aus Israel und der offiziellen bulgarischen Stellungnahme bekamen die »Helden« von damals öffentliche Anerkennung.9
Vergessenheit und Anerkennung
Für Peschev war es zu spät, eine Anerkennung erleben zu können. Aus seinen veröffentlichen Memoiren geht deutlich hervor, dass er sich von seiner Verurteilung nie erholen konnte. Er lebte sehr zurückhaltend, Kontakt pflegte er nur zu seinen nächsten Verwandten. Erst Ende der 1960er Jahre wurden Peschevs Hilfsbemühungen zufällig von einer bulgarischen Archivarin entdeckt. Dieses Interesse sowie die Aufmerksamkeit des Staates Israel sollen seine letzten Lebensjahre zumindest teilweise erträglicher gemacht haben. Er schrieb seine Memoiren, die allerdings erst mit Verspätung auch von der Wissenschaft rezipiert wurden, da seine Überzeugung höchstwahrscheinlich nicht der »Wahrheit« der noch regierenden Kommunisten entsprach. Peschev starb 1973, ohne von offizieller Seite irgendeine Anerkennung seiner Wohltaten erhalten zu haben. Interessanterweise dauerte diese Vergessenheit auch nach dem Ende des kommunistischen Regimes an. Erst nachdem israelische Bürger, westliche Wissenschaftler sowie der italienische Publizist Nissim Peschev ihm ihre Aufmerksamkeit widmeten, bekam Peschevs Verdienst öffentliches Ansehen in Bulgarien.10
Die »Rettung der bulgarischen Juden«?
An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass sowohl im öffentlichen Diskurs als auch in der Ausstellung des Museums eine Tatsache oft in den Hintergrund gerückt wird. Die Rede ist von der »Rettung der bulgarischen Juden«. Dabei wird oft nur nebenbei erwähnt, dass lediglich die Juden aus den »altbulgarischen« Gebieten gerettet wurden. Für die Juden aus den von Bulgarien annektierten Gebieten gilt dies jedoch nicht. Im März 1943 begannen die Deportationen aus den »neubulgarischen« Ländern, 4 057 Personen aus Thrakien, 158 aus Pirot und 7 160 aus Makedonien. Insgesamt wurden 11 393 Menschen deportiert. Sie alle wurden im Vernichtungslager Treblinka ermordet.11
Insgesamt scheint es, als ob den Juden eine eher passive Rolle im Museum zugewiesen wird. Ein Davidstern erinnert an die soziale Ausgrenzung und Diskriminierung, dennoch scheint auf ihre Lage oder auf ihren Widerstand nicht großartig eingegangen worden zu sein. Die jüdische Bevölkerung wurde zu Zwangsarbeit verpflichtet, es gab weitgehende Berufsverbote, Umbenennungen, Aussiedlungen, Enteignungen.12 Hier mag der Einwand kommen, dies überschreite die Intention der Ausstellung, doch bleiben die Juden ohne eine Thematisierung ihres Schicksals in einer inaktiven Rolle. Gegen das »Gesetz zum Schutz der Nation« gab es massiven jüdischen Protest, in den Ghettos soll es zu großen Demonstrationen gekommen sein. Des Weiteren waren viele bulgarische Juden aktiv an der Widerstands- und Partisanenbewegung beteiligt, wobei auch Hunderte ums Leben kamen. Hauptsächlich aus politischen Gründen kamen mehr als 1 000 Personen jüdischer Herkunft in Konzentrationslager, mehrere wurden wegen staatsfeindlicher Aktivitäten zum Tode verurteilt.13
Bulgarische Juden nach 1945
Alle Diskriminierungsgesetze wurden nach dem Kriegsende aufgehoben. Die Regierung kündigte die Rückgabe jüdischen Eigentums an, was jedoch keine leichte Aufgabe war, da ein Großteil jüdischen Eigentums bereits verloren oder zerstört war. Die 1946 gebildete kommunistische Regierung erlaubte den bulgarischen Juden die freie Auswanderung nach Israel. Daraufhin verließen etwa 40 000 Juden Bulgarien und siedelten nach Israel um. Am Anfang der 1990er Jahre lebten in Bulgarien um die 5 500 Juden.14
Die bulgarischen Juden haben den Krieg überlebt, obwohl Bulgarien auf der Seite von Deutschland stand. Dies ist auf mehrere Faktoren zurückzuführen. Einerseits war der Protest der bulgarischen Gesellschaft und der orthodoxen Kirche dafür verantwortlich, die ein Zusammenleben mit anderen Ethnien akzeptierten. Andererseits ist sich auch die Regierung nicht einig gewesen und zögerte bis zuletzt, der deutschen Aufforderung zur Deportation der Juden Folge zu leisten. Als Grund wurde hauptsächlich angegeben, dass die Juden notwendige Arbeitskräfte seien. Die Regierung wollte auch, angesichts der sich verschlechternden Lage Deutschlands im Krieg, Rücksicht auf ihre Alliierten nehmen.15 Dennoch wurden mit Genehmigung der bulgarischen Regierung tausende Juden aus den annektierten Regionen deportiert. Wahrscheinlich waren es die Deportationen der Juden aus diesen Gebieten, die das Leben der »altbulgarischen« Juden gerettet haben, da die Gesellschaft diese Tragödie mit angesehen hat.16 Spätere Erklärungsversuche von bulgarischer Seite, in den »neubulgarischen« Ländern nur über beschränkte Vollzugsrechte verfügt zu haben, wären allerdings zu kurz gegriffen. Denn sogar wenn sich die Regierung aufgrund des deutschen Drucks verpflichtet hatte, war es trotzdem die bulgarische Regierung, die die Deportationen verordnete und die bulgarischen Beamten, die sie durchführten.17
Ein »Haus-Museum« für Peschev
Letztendlich ist das Museum »Dimitar Peschev« ein Haus für Dimitar Peschev. Er als Mensch kommt stark zum Ausdruck, im Besucherbuch mehren sich verehrende Einträge über ihn. Der Dauerausstellung ist es gelungen, ein Bild von Peschev zu präsentieren, das die Besucher fasziniert, beeindruckt und berührt. »Ich konnte den Mensch Dimitar Peschev fühlen.«18 Diese Art der Darstellung dient der Visualisierung einer widersprüchlichen Person, die eigentlich zunächst den Beitritt Bulgariens zum Dreimächtepakt und den Erlass der antijüdischen Gesetze unterstützt hatte. Andererseits zeigte er moralische Standhaftigkeit, indem er sich gegen die regierende Mehrheit stellte und eine höchst humanistische Tat vollbrachte. Dennoch läuft der Besucher der Ausstellung keine Gefahr, Peschev als den alleinigen Helden oder »Retter« wahrzunehmen. Sein Verdienst wird ins zentrale Blickfeld gerückt, gleichzeitig wird immer wieder die Leistung weiterer Akteure betont. Tatsächlich verliefen die Proteste gegen die Deportationen auf mehreren Ebenen parallel. Nur durch die Proteste und Aktivitäten der orthodoxen Kirche und den Zusammenhalt einiger Parlamentarier, der bulgarischen Gesellschaft und sogar des Königs konnte eine noch größere Tragödie verhindert werden.
Tatsache ist, dass Juden mit bulgarischer Zustimmung aus damals bulgarischen Gebieten deportiert wurden. Dies ist ein Aspekt, der in der Ausstellung zu kurz kommt. Die Nichtthematisierung der Deportationen der Juden aus den annektierten Gebieten scheint einem allgemeinen Diskurs in der Erinnerungskultur Bulgariens zu entsprechen, der die Kehrseite der Geschichte von der »Rettung der bulgarischen Juden« ist. Und selbst wenn nicht das Schicksal der Juden, sondern das Leben Peschevs im Mittelpunkt der Ausstellung stehen soll, bleibt eine Reflexion über das Geschehene ohne die Thematisierung dieser Tatsache unvollständig. Von diesem Aspekt abgesehen, ist das Museum eine wertvolle Erweiterung für die Erinnerungslandschaft Bulgariens und trägt zur Schaffung einer neuen, mit dem Schicksal der bulgarischen Juden verbundenen, Gedächtniskultur19 bei.
Im Jahr 2004 sind erstmals die Memoiren Peschevs erschienen, ein Buch, das mit seiner Bescheidenheit tief berühren kann und einen nüchternen Blick auf die damaligen Ereignisse liefert, ohne dass der Autor sich selbst als Helden darstellt.
Des Weiteren finden im kleinen Nebenhaus des Museums thematisch miteinander verbundene Wechselausstellungen statt. Auf diese Weise erweitert das Museum seine Wirkungsmacht für die Vermittlung historisch-relevanter Kontexte für die Zeit um den Zweiten Weltkrieg. Bereits behandelte Themen wie Kinderschicksale in Konzentrationslagern öffnen das Feld der Holocaustgeschichte und vermitteln den kommenden Generationen verschiedene Spektren des Vergangenen. Im Garten der Erinnerungsstätte ist die Skulptur Generationen des israelischen Künstlers Simcha Beracha ausgestellt. Sie steht als eine Erinnerung an den Holocaust für die Generationen der Zeitzeugen, deren Kinder, Enkelkinder und alle, die nach ihnen kommen.
Iva Arakchiyska studierte Geschichte sowie Sozial- und Kulturanthropologie (B.A.) und befindet sich derzeit im Masterstudium Public History an der Freien Universität Berlin. Schwerpunkte: deutsche und bulgarische Zeitgeschichte, Vermittlungsformen fachwissenschaftlicher Kontexte in der Öffentlichkeit.
1 Vgl. Gabriele Nissim: Der Mann, der Hitler stoppte. Dimitar Peśev und die Rettung der bulgarischen Juden. Berlin 2000. Der deutsche Verleger hat dazu den Untertitel »Ein zweiter Fall Schindler« hinzugefügt.
2 Vgl. Katalog Haus-Museum Dimitar Peschev. Kjustendil 2005, S. 3. Des Weiteren ist in Bulgarien 2003 der 10. März als offizieller Gedenktag für die Opfer des Holocausts und die Opfer des Verbrechens gegen die Menschlichkeit erklärt worden.
3 Vgl. ebd., S. 5f.
4 Vgl. ebd., S. 10f.
5 Vgl. ebd., S. 24f.
6 Vgl. ebd., S. 30f.
7 Vgl. ebd., S. 46
8 Vgl. Nikolai Poppetrov: Vorwort. In: Dimitar Peschev: Memoires. Sofia 2004, S. 7–32, S. 21
9 Vgl. Katalog, S. 46
10 Vgl. Poppetrov: Memoires. S. 21f. Der amerikanische Historiker Frederik Chary untersuchte bereits in den 1970er Jahren das Protestbrief von Peschev sowie seine Aktion; 1972 berichtete er darüber vor englischsprechenden Fachleuten.
11 Vgl. Hans-Joachim Hoppe: Bulgarien. In: Wolfgang Benz [Hg.]: Dimension des Völkermords. Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. München 1991, S. 275–310, S. 276, Zahlen auf S. 298. Die Zahlen weichen in den verschiedenen Darstellungen ab, die Zahlen vom Hoppes Aufsatz basieren auf deutschen und bulgarischen Transportzahlen.
12 Vgl. Ana Luleva: Die Zwangsarbeit in Bulgarien 1941–1944. Auf den Spuren der Erinnerungen, in: -Alexander von Plato, Almut Leh, Christoph Thonfeld [Hrsg.]: Hitlers Sklaven. Lebensgeschichtliche Analysen zur Zwangsarbeit im internationalen Vergleich. Wien 2008, S. 171–183, S. 172f.
13 Vgl. Hoppe: Bulgarien, S. 275, S. 304
14 Vgl. ebd., S. 307f.
15 Vgl. ebd., S. 308f.
16 Vgl. Jan Rychlik: Zweierlei Politik gegenüber der Minderheit: Verfolgung und Rettung bulgarischer Juden 1940–1944. In: Wolfgang Benz, J. Wetzel [Hg.]: Solidarität und Hilfe für Juden während der NS-Zeit. Band 7, Regionalstudien 4. Slowakei, Bulgarien, Serbien, Kroatien mit Bosnien und Herzegowina, Belgien, Italien. Metropol Verlag, Berlin 2004, S. 61–98, S. 98. Diese These vertritt auch u.a. Wolf -Oschiles: -Bulgarien – Land ohne Antisemitismus. Erlangen 1976, S. 77f
17 Vgl. Hoppe: Bulgarien, S. 309f.
18 Eintrag im Besucherbuch vom 23. 4. 2003. Original: Pochuvsvax choveka Dimitar Peschev
19 Vgl. Luleva: Zwangsarbeit, S. 181
Weiterführende Literatur:
Barouch, Nir: Otkuput. Zar Boris i sudbata na bulgarskite evrei, Sofia 1991
Bar-Zohar, Michael: Beyond Hitler’s Grasp. The Heroic Rescue of Bulgaria’s Jews, Holbrooke, Mass 1999
Boyadjiev, Christo: Spasjavaneto na bulgarskite evrei prez Vtorata svetovna voina, Sofia 1991
Chary, Frederick B.: The Bulgarian Jews and the Final Solution 1940–1944, Pittsburgh 1972
Dimitar Peschev: Memoaries. Sofia 2004
Hoppe, Hans-Joachim: Bulgarien – Hitlers eigenwilliger Verbündeter. Eine Fallstudie zur nationalsozialistischen Südosteuropapolitik, Stuttgart 1979
Hoppe, Hans-Joachim: Bulgarien, in: Wolfgang Benz (Hg.), Dimension des Völkermords. Die Zahl der -jüdischen Opfer des Nationalsozialismus, München 1996, S. 275–310
Nissim, Gabrielle: Der Mann, der Hitler stoppte. Dimitar Pesev und die Rettung der bulgarischen Juden, Berlin 2000


