Sebastian Gerhardt

Eine Ordnung totaler Ungleichheit

Gedenkstättenrundbrief Nr. 184 (12/2016) S. 34-40

DAS TAGESSEMINAR »NS-›VOLKSGEMEINSCHAFT‹: GEMEINSCHAFT UND AUSGRENZUNG« DER TOPOGRAPHIE DES TERRORS

Seit der Eröffnung des festen Hauses hat sich das Seminarprogramm der Topographie des Terrors umfangreich entwickelt (www.topographie.de/seminare/z/0/). Die Anzahl der zu verschiedenen Themen realisierten Workshops und Seminare stieg rasch:

Von 94 im Jahr 2011 auf 165 im Jahr darauf, 2013 bis 2015 waren es mehr 230 solche Veranstaltungen pro Jahr. Bei (fast) allen Themen arbeitet eine Person aus dem Team der freiberuflich für die Stiftung Topographie des Terrros Tätigen mit einer Gruppe von 12 bis 15, maximal 22 Teilnehmern. Es kommen viele Schulgruppen, Azubis, aber auch Gruppen der Erwachsenenbildung. Die Workshops sowie Seminare sind in der Regel auf fünf Zeitstunden ausgelegt, da so ausreichend Zeit für Diskussion und Pausen bleibt.

Am häufigsten wurde das Thema »Täter-Opfer-Zuschauer« gewählt (20 Prozent), danach »Der Terrorapparat von SS und Polizei und seine Verbrechen« mit 14 Prozent und »Verfolgt – Verschont – Integriert? NS-Täter nach 1945« mit 10 Prozent. Auf Platz 4 folgt mit einem Anteil von 9 Prozent das Thema »NS-›Volksgemeinschaft‹. Gemeinschaft und Ausgrenzung«. Das Konzept und die Basismaterialien für dieses Angebot habe ich in den Jahren 2010 und 2011 für die Stiftung Topographie des Terrors entwickelt. Mit bisher etwa 90 durchgeführten Workshops mit unterschiedlichen Gruppen und verschiedenen Referenten ist das Konzept im Alltag angekommen. Es gibt keinen Pflichtablauf, sondern enthält einige Bausteine, aus denen die Kursleitung auswählen kann.

Ausgangspunkt des Seminarkonzeptes ist eine Erfahrung aus der Bildungsarbeit: Im Gespräch mit Besucherinnen und Besuchern tauchen immer wieder verschiedene alltagssprachliche Verwendungen der Wörter »Volk« und »Gemeinschaft« mit oder ohne Bildung eines zusammengesetzten Substantivs auf. Das hat nicht nur etwas mit der Nazi-Propaganda zu tun, die vor allem in den ersten Jahren der Diktatur von der Verheißung einer »rassisch reinen« »Volksgemeinschaft« geprägt wurde, in der »Klassenkampf« und »Parteienzwist« überwunden sein sollten. Vor allem handelt es sich dabei um die selbstverständliche Anwendung eigener Vorstellungen von »Volk« und »Gemeinschaft« in der Diskussion deutscher Geschichte. Ein Zugang, der durch die propagandistische Selbstdarstellung des NS-Regimes scheinbar bestätigt wird.

 

Zielstellung: Ein alltagsgeschichtlicher Zugang

Zum Herangehen des Seminars heißt es im Konzept vom Dezember 2011 das Thema »sei komplex und – als Teil der Geschichte des deutschen Faschismus und seiner Massenverbrechen – in hohem Maße belastend«. Seine Erschließung setzt Faktenwissen aus der Ereignisgeschichte voraus, die nicht ohne weiteres vorausgesetzt werden können und daher im Seminar benannt werden müssen. Das Thema schließt Elemente der Ideologie- wie der Sozialgeschichte ein. Ohne einen mehrfachen Bruch mit Wahrnehmungserwartungen, Gewohnheiten und Selbstverständlichkeiten ist eine Bearbeitung der Fragestellungen nicht möglich. Methoden der Einfühlung – »Stelle Dir vor, Du wärst in dieser Situation.« – führen dabei eher in die Irre. Verunsicherung über das, was als »normal« empfunden wird, ist nicht nur beabsichtigt, sondern unvermeidlich.

Verunsicherung ist aber nur insoweit produktiv, wie das Ablegen von irreführenden Erwartungen zu neuen Ergebnissen führt. Eine Möglichkeit dazu ist es, die Methode der Verfremdung anzuwenden: Die Geschichte ist ein Ergebnis menschlichen Handelns – von der täglichen Arbeit bis zu seltenen politischen Umbrüchen – auch wenn dieses Ergebnis oft anders aussieht, als die Beteiligten beabsichtigt hatten.

Das Seminar soll eine kritische Auseinandersetzung mit der Geschichte fördern, die statt der Illusion einfühlender Annäherung an die Vergangenheit vielmehr kritische Distanz ermöglicht, indem die Entstehung scheinbarer »gegebener« gesellschaftlicher Zustände und die Möglichkeit radikal anderer, positiver wie negativer gesellschaftlicher Veränderungen in den Blick genommen wird. Mit Einsichten in gesellschaftliche Konflikte, in die unterschiedlichen Positionen und Perspektiven der Beteiligten können Möglichkeiten und Grenzen persönlichen Handelns deutlich gemacht werden.

Das Zentrum des Seminars ist es also nicht, etwa eine Arbeitsdefinition von »Volksgemeinschaft« (VG) zu erarbeiten. In Anbetracht der Tatsache, dass die sozialdarwinistischen Protagonisten der VG-Propaganda ein durchaus instrumentelles Verhältnis zu ihrem Werbeslogan pflegten, ist auch zu bezweifeln, ob dieses Vorhaben einfach realisierbar wäre. Eine Bildungsveranstaltung in einem Dokumentationszentrum wie der Topo ist kein Forschungsseminar, in dem die Kenntnis der Literatur, der wichtigsten Quellen und Kontroversen, etwa Timothy Masons Beiträge oder die Debatten um Götz Alys These von »Hitlers Volksstaat« vorausgesetzt werden könnten.1 Es geht vielmehr darum, den eingangs kurz skizzierten, scheinbar selbstverständlichen Zugang zur Geschichte des NS für eine Diskussion zu öffnen.

 

Ausstellungsführung: Innenpolitik und Angriffskrieg

Wie alle Seminarkonzepte in der Topo sieht das VG-Seminar eine Führung durch Teile der Hauptausstellung vor. Das ergibt sich aus einer Erfahrung: Ohne Fakten gibt es keine wirklichen Probleme. Der Fokus auf die Täter ist durch die Dauerausstellung vorgegeben und in Inhalt und Form für viele Besucher noch immer überraschend, bis hin zur Widerlegung der Legende vom »Befehlsnotstand«. Die schlichte Frage nach der Zahl der jüdischen Deutschen im Jahr 1933 – die übliche Schätzung von Besuchern: etwa 6 Millionen – verweist mit der richtigen Antwort auf die übergroße Mehrheit der Opfer des deutschen Faschismus, die keine Bewohner des Deutschen Reiches waren. Der Schwerpunkt der Führung liegt auf der Funktion der Kommandozentrale des Systems innerer Sicherheit Nazideutschlands in den Jahren des zweiten Weltkriegs.

Auf diese Weise nimmt schon die Ausstellungsführung die enge Verbindung zwischen den innen- und außenpolitischen Zielen der Regierung Hitler auf. Kriegsvorbereitung und die Zerstörung aller demokratischen Errungenschaften der Novemberrevolution bedingten einander:

»Demokratie und Pazifismus sind unmöglich. Jeder Mensch weiß, dass Demokratie im Heer ausgeschlossen ist. Auch in der Wirtschaft ist die [sic!] schädlich. Betriebsräte wie Soldatenräte sind der gleiche Unsinn. Warum hält man also eine Demokratie im Staate für möglich? (… ) Ich setze mir die Frist von 6 bis 8 Jahren um den Marxismus vollständig auszurotten zu vernichten. Dann wird das Heer fähig sein eine aktive Außenpolitik zu führen, und das Ziel der Ausweitung des Lebensraumes des deutschen Volkes wird auch mit bewaffneter Hand erreicht werden – Das Ziel würde wahrscheinlich der Osten sein.« – so die Formulierung in der Mitschrift der Rede Hitlers vor der Generalität am 3. Februar 1933.2

Auch ohne Kenntnis geheimer Dokumente war dieser Zusammenhang für Zeitgenossen evident. Otto Nathan schrieb im amerikanischen Exil: »The Victory of Fascism in Germany early in 1933 was a victory of forces united by two major political objectives: the exploitation of fanatical nationalism in pursuit of an aggressive, imperialistic foreign policy, and the maintenance and, if possible, extension of the power and privileges that go hand in hand with the extreme maldistribution of wealth and income in capitalist society. It was a victory of a counterrevolution: a victory of those groups in Germany which could hope to regain their former political and economic eminence only by destroying the main achievements of the revolution of 1918.«3

Der Nachfolger von Adolf Hitler als Reichspräsident und Oberbefehlshaber der Armee, Großadmiral Karl Dönitz, hatte am Treffen am 3. Februar 1933 nicht teilgenommen. Doch seine Ansprache vom 9. Mai 1945 ist ein spätes Echo der Position Hitlers: »Das Wichtigste: Wir haben die eifrigsten Wächter zu sein über das Schönste und Beste, was uns der Nationalsozialismus gegeben hat, die Geschlossenheit unserer Volksgemeinschaft. Trotz unseres heutigen totalen militärischen Zusammenbruchs sieht unser Volk heute anders aus als 1918. Es ist noch nicht zerrissen.«

Wenige Wochen zuvor musste Feldmarschall Walter Model (Oberbefehlshaber Heeresgruppe B im Westen) in seinem Tagesbefehl vom 29. März 1945 allerdings eingestehen, dass der innenpolitische Erfolg der Nazis Grenzen hatte: »Unter dem Druck der Kriegsereignisse zeigt sich, dass noch immer weite Kreise des deutschen Volkes und damit auch der Truppe vom jüdischen und demokratischen Gift der materialistischen Denkweise verseucht sind.« Tatsächlich wollten die meisten Deutschen lieber weiterleben, statt »heldisch« unterzugehen. Die letzten Todesurteile der Marinegerichtsbarkeit zeigen, wie sie Dönitz die »Geschlossenheit der Volksgemeinschaft« verteidigen wollte. Der »Kriegsschauplatz Innerdeutschland« (Himmler 19374) war am Ende aber die einzige Front, an der sich die Nazis noch behaupten konnten. Das war eine entscheidende Voraussetzung für die Massenverbrechen während des Krieges, bis ins Frühjahr 1945.

Die Ausstellungsführung soll auch eine Vorführung sein. Denn in der folgenden Arbeitsgruppenphase werden sich die Seminarteilnehmer einen Teil der Ausstellung mit Hilfe von Arbeitsblättern und Zusatzmaterialien soweit erschließen, dass sie ihn der Seminargruppe in der öffentlichen Ausstellung vorstellen können. Ein methodischer Aspekt der Vorführung ist die Analyse einiger der vielen Fotografien. Eine Analyse, die nicht von kunstwissenschaftlichen Techniken der Bildinterpretation, sondern von dem am leichtesten vergessenen Beteiligten ausgeht: dem Fotografen.5 Verfremdung heißt hier: Die nicht mehr sichtbare Produktion des Dokuments herauszustellen und die Konsequenzen für die Interpretation zu verfolgen.

 

Gemeinschaft und Ausgrenzung: Eine uniformierte Gesellschaft

Vor oder nach der Ausstellungsführung soll im Seminarraum ein Thema vertieft werden, dass die Wahrnehmung Nazideutschlands in hohem Maße prägt, aber praktisch kaum mehr verstanden wird: Die Bedeutung von Uniformen in und für diese Gesellschaft. Kein anderes Element der bildlichen Überlieferung steht so sehr für »Gemeinschaft und Ausgrenzung«, von denen im Titel gesprochen wird. Dazu gibt es im Seminarmaterial eine kleine Bildfolge, die als Beamerpräsentation eingesetzt werden kann.

Ein Aspekt von Uniformen wird sehr gut verstanden: Uniformen signalisieren die Zugehörigkeit zu einer Gruppe, die Macht, insbesondere Gewalt, ausüben kann und soll. Nicht alle Formen von Macht brauchen Uniformen, aber Uniformen zeigen immer Macht. Damit schließen Uniformen nicht nur ein, sondern auch von solcher Macht aus. Innerhalb des Deutschen Reiches galt dies schon für die »Braunhemden« der NSDAP, in den okkupierten Gebieten für jeden deutschen Uniformträger. Das heißt noch nicht, dass alle Uniformträger durch eine gemeinsame Überzeugung verbunden sind – nicht umsonst heißt es Wehrpflicht.

Ein zweiter Aspekt von Uniformen wird in der Regel nicht nur vergessen, sondern ins Gegenteil verkehrt: Aus der gleichen Farbe von Jacke und Hose wird auf die Gleichheit ihrer Träger geschlossen. Nun sind für Zivilisten die verschiedenen »Symbole« an Uniformjacken nicht nur schwer verständlich, sondern im heutigen Alltagsleben auch gänzlich unerheblich. Doch die wichtigste Einzelheit einer Uniform sind für ihren Träger nicht die Jackenfarbe, sondern die Rangabzeichen, egal ob als Schulterklappen/Schulterstücke, Kragenspiegel oder Armstreifen. Uniformen sind nicht dazu da, Menschen gleich zu machen. Sie sind dazu da, Menschen systematisch als ungleich kenntlich zu machen. Deshalb ist die Popularität von Uniformen im Faschismus auch leicht zu verstehen. Über den obligatorischen Militarismus hinaus handelt es sich dabei um die Darstellung des faschistischen Ideals: eine totale, stabile und konfliktfreie Ungleichheit, wobei für »Ungleichheit« die positive Formulierung »Führerprinzip« bevorzugt wurde.6

Die NS-Propaganda behauptete gern, der »graue Rock« würde alle Klassen und Schichten übergreifend den engen Zusammenhalt des Volks symbolisieren. Tatsächlich fördert enge kasernierte Unterbringung nicht unbedingt den Zusammenhalt der so zusammengesperrten. Und die Integration in die Gesellschaft des deutschen Faschismus erfolgte nie pauschal, womit nur noch zwischen »Gemeinschaft« und »Ausgrenzung«, zwischen »Drinnen« und »Draußen« – aber nicht mehr zwischen »Unten« und »Oben« unterschieden werden müsste. Die Gesellschaft des deutschen Faschismus hatte eine bestimmte Struktur. Die verschiedenen Formen der Ungleichheit neutralisierten einander nicht, sie verstärkten einander. Gerade in der militärischen Hierarchie setzte sich die soziale Ungleichheit, vermittelt über Habitus (»Charakter«) und Bildungsprivilegien, fort – auch nachdem im Oktober 1942 das Abitur als normale Zugangsvoraussetzung der Offizierslaufbahn abgeschafft wurde.7 Denn der Zugang zu Bildung wie zu anderen Ressourcen war systematisch ungleich und klassenspezifisch verteilt.

Doch es wäre ein Irrtum, dies als Gegensatz zur versprochenen »Volksgemeinschaft« zu verstehen: Noch als Werbeslogan war die »NS-Volksgemeinschaft« stets eine anti-egalitäre Verheißung. Und in der geheimen Denkschrift Hitlers zum Vierjahresplan heißt es: »Seit dem Ausbruch der Französischen Revolution treibt die Welt in immer schärferem Tempo in eine neue Auseinandersetzung, deren extremste Lösung Bolschewismus heißt, deren Inhalt und Ziel aber nur die Beseitigung und Ersetzung der bislang führenden Gesellschaftsschichten der Menschheit durch das international verbreitete Judentum ist.«8 Diese Furcht vor der »Beseitigung und Ersetzung der bislang führenden Gesellschaftsschichten der Menschheit« prägte die Politik des deutschen Faschismus bis zum Schluss.

 

Selbstführung und Diskussion: Herausforderungen formulieren

Die Erfahrungen mit der Durchführung des Workshop bezieht sich vor allem auf deutschsprachige Schulgruppen der 10. bis 13. Jahrgangsstufe. Eine besonders interessante und produktive Durchführung gab es mit jüngeren Schülerinnen und Schülern, die über ein Projekt der Landeszentrale für politische Bildung Bremen nach Berlin kamen.

Die Arbeit in den Arbeitsgruppen wird durch Arbeitsblätter und ausgewählte Zusatzmaterialien unterstützt. Am Vorbild der SS wird das Menschen- und Gesellschaftsbild des deutschen Faschismus thematisiert. Das explizit der »Volksgemeinschaft« gewidmete Kapitel der Ausstellung bietet Gelegenheit, die werbenden Angebote für eine folgsame Mehrheit der sozialhistorische Realität der Vorkriegszeit gegenüberzustellen. Als Zusatzmaterial können die Teilnehmer hier einen Auszug aus dem Verhörprotokoll Georg Elsers vom 21. November 1939 verwenden (www.georg-elser-arbeitskreis.de/texts/geverhoer3.htm). Eine Gruppe kann aus dem reichen Material über die verschieden Gruppen auswählen, die aus der »Volksgemeinschaft« ausgeschlossen werden wollten – vom politischen Widerstand über die deutschen Juden bis zu den »Gemeinschaftsfremden« und »Erbkranken«. Nur eine, die abschließende Gruppe »Herrenmensch und Arbeitsvölker« thematisiert anhand der sowjetischen Kriegsgefangenen und der Zwangsarbeiter im Reich ausdrücklich die Kriegszeit. Als Zusatzmaterial gibt es hier das Gedicht Bertolt Brechts: »Und was bekam des Soldaten Weib?«

Der Umgang der Schülerinnen und Schüler mit der Ausstellung und den Arbeitsmaterialien ist ein echter Stresstest, der immer wieder zu neuen, überraschenden Einsichten führt. Manchmal wird die »richtige« Antwort auf alle Fragen in der Ausstellung oder den Arbeitsmaterialien erwartet – ein Lernerfolg kann darin bestehen, dass diese Erwartung enttäuscht wird. Mündliche Hinweise von den Teamern werden deutlich höher bewertet und öfter in der Präsentation verwendet als jeder geschriebene Text. Bei der Verwendung von Textquellen steht pauschales Misstrauen neben partieller Übernahme der Tätersprache. Aber das sind Beobachtungen, die ähnlich auch für andere Seminare zutreffen.

Die Präsentationen und das öffentliche Sprechen in der Ausstellung bilden keine besondere Herausforderung, da sich die Aufmerksamkeit auf die Seminarteilnehmer konzentriert und andere Besucher nur am Rande der Gruppe wahrgenommen werden. Dagegen zeigen sich in der Abschlussdiskussion die besonderen inhaltlichen Schwierigkeiten des Themas, das »große Politik« und Alltagshandeln verbindet.

Ein kritisches Herangehen an die Geschichte, ein Infragestellen von Autoritäten, die verbreitete Forderung nach persönlicher Verantwortung ist immer auch bezogen auf die Haltungen zur eigenen Gegenwart: Wer in der Gegenwart keine Konflikte austrägt, wird in historischen Fragen kaum kritischer sein. Von Schülerinnen und Schülern wird hin und wieder die Frage aufgeworfen, ob sie selbst sich unter den Bedingungen einer Diktatur abweichend verhalten würden. Nicht selten wird dann resignierend angemerkt, dass sie sich wohl angepasst und mitgemacht hätten: Wer versteht sich schon als »Held im Wartestand«? Die Verantwortung für die eigene Position können und wollen wir den Besuchern nicht abnehmen. Bei der Selbsteinschätzung der Seminarteilnehmer endet die professionelle Autorität eines Historikers. Trotzdem darf man an solcher Stelle sagen, dass sich die Jugendlichen mit einem solchen selbst zugeschriebenen Konformismus unter Wert verkaufen. Denn auch bei einer Uniform kommt es immer auf den Menschen an, der in ihr steckt.

 

Auswertung: Herausforderungen mitnehmen

Die bisherigen Seminardurchführungen zeigen, dass Thema und Konzept für die Öffnung von neuen Perspektiven auf die Geschichte Nazideutschland gut geeignet sind. Eine Beantwortung aller damit entstehenden Fragen ist im Rahmen eines Workshops von vier bis fünf Stunden nicht möglich. Die Seminarangebote in der Topographie des Terrors bilden stets nur einen Teil der Auseinandersetzung mit dieser Geschichte und ihren Nachwirkungen. Sie sind nicht als Abschluss, sondern als Anstoß gedacht.

 

Sebastian Gerhardt hat sich nach seinem Studium der Philosophie und Mathematik langjährig politisch im Haus der Demokratie/Haus der Demokratie und Menschenrechte in Berlin engagiert (hausderdemokratie.de). Seit 2001 ist er in der Bildungsarbeit für die Stiftung Topographie des Terrors tätig.

1    Für Lehrerinnen und Lehrer spielt letztere Diskussion zuweilen eine Rolle. Vgl. dazu Adam Tooze, Ökonomie der Zerstörung, München 2007, und die Beiträge in Sozial.Geschichte, Heft 3/2005. Auch der Autor dieser Zeilen hat sich an entlegener Stelle an dieser nicht unpolitischen Debatte beteiligt: Verzerrte Perspektive. Woher kam die »innere Festigkeit des deutschen Volkes«? Götz Alys Erklärung der innenpolitischen Stabilität des deutschen Faschismus und einige Gründe für ihre Attraktivität. Dokumentiert unter https://planwirtschaft.files.wordpress.com/2011/07/4_aly-perspektive.pdf.

2    Andreas Wirsching: »Man kann nur Boden germanisieren«. Eine neue Quelle zu Hitlers Rede vor den Spitzen der Reichswehr am 3. Februar 1933, Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte, 3/2001, S. 517ff, hier S. 546/547.

3    Otto Nathan: The Nazi Economic System, New York 1944. Otto Nathan ist heute bestenfalls noch alsNachlassverwalter Albert Einsteins bekannt. Dabei verweist Einsteins grundlegender Aufsatz »Warum Sozialismus?« aus dem Jahr 1949 deutlich auf den inhaltlichen Einfluss des linken Ökonomen.

4    Nachdruck im Neuen Vorwärts, Prag, 26. 9. 1937, Nr. 224. (http://d-nb.info/1039895980)

5    Bernd Boll: Waffe und Souvenir, www.museum-joanneum.at/upload/file/Waffe_und_Souvenir_Vortrag_Graz_2013_.pdf

6    An den fehlenden Rangabzeichen ist zu erkennen, dass Schuluniformen nur dem Namen nach Uniformen sind. Ebenso waren etwa das Blauhemd der FDJ oder die Pionierbluse in der DDR keine Uniformen, sondern tatsächliche Gleichmacherei.

7    Dirk Richardt: Auswahl und Ausbildung junger Offiziere 1930–1945. Zur sozialen Genese des deutschen Offizierkorps, Diss. Marburg 2002. Reinhard Stumpf: Die Wehrmacht-Elite, Boppard 1982.

8    Das Dokument lag bereits bei den Nürnberger Prozessen vor (NI 4955). Veröffentlicht englisch in Band XII der »Green Series«: Trials of War Criminals Before the Nuernberg Military Tribunals Under Control Council Law No. 10, »The Ministries Case«, S. 430–439, hier S. 431 (www.loc.gov/rr/frd/Military_Law/NTs_war-criminals.html). Deutsch bei Wilhelm Treue, Hitlers Denkschrift zum Vierjahresplan, Vierteljahreshefte zur Zeitgeschichte Heft 2/1955, S. 204-210, hier S. 204 (www.ifz-muenchen.de/vierteljahrshefte/vfz-archiv-und-recherche/vfz-download-1953-2010/).