Ingolf Seidel

Ekaterina Makhotina: Erinnerungen an den Krieg – Krieg der Erinnerungen

Gedenkstättenrundbrief Nr. 186 (6/2017) S. 51-54

LITAUEN UND DER ZWEITE WELTKRIEG. GÖTTINGEN. 2017

Litauen ist gezeichnet durch eine wechselvolle und dramatische Geschichte. Im August 1940 besetzte die Sowjetunion das Land. Anfangs hatten noch Teile des litauischen Militärs und der Gesellschaft die Sowjetrepublik unterstützt. Dies änderte sich im Zuge der schnellen tief greifenden Sowjetisierung und infolge der massiven Repression, die von Erschießungen und Deportationen in die Gulags begleitet war. Diese Zeit hat sich tief in die litauische Erinnerung eingegraben, tiefer als die nachfolgende deutsche Besatzung, obwohl die Repression »weit hinter den Massenverbrechen der deutschen Besatzungszeit 1941 bis 1944 und der sowjetischen »Pazifizierung«» 1944/1945 bis 1953«1 zurückblieb. Bis zum Ende der deutschen Besatzung 1944 wurden ungefähr 200 000 Jüdinnen und Juden in Litauen ermordet2. Das sind 96 Prozent der jüdischen Bevölkerung des Landes. Die Ermordeten fielen Pogromen und Massenerschießungen zum Opfer an denen sich Litauer, wenn auch meist auf deutsche Initiative hin, beteiligten. Litauen war während der Besatzung das »Gebiet mit dem höchsten Anteil ermordeter Juden« (S. 192)3, was sich teilweise auf die Bereitschaft der örtlichen Bevölkerung aktiv am Morden mitzuwirken zurückführen lässt. Nach der Frühjahrsoffensive der Roten Armee im Jahr 1944 wurde Litauen erneut sowjetisch. In den Wäldern kämpften die »Waldbrüder«, antikommunistische, häufig antisemitische Partisanen noch bis 1953 einen letztlich aussichtslosen Kampf, der in Terror gegen die lokale Bevölkerung mündete. Bis zu seiner Unabhängigkeit im Jahr 1990 war Litauen eine Teilrepublik der Sowjetunion. Der litauische Umgang mit dem Zweiten Weltkrieg ist bis heute ein schwieriges Kapitel, in dem die Verantwortungsübernahme für die Kollaboration mit den deutschen Besatzern und die Beteiligung an der Judenvernichtung kleingeschrieben werden; keine litauische Kollaborateure wurde auch nur angeklagt.

Die Historikerin Ekaterina Makhotina hat sich in ihrer jüngst erschienenen Dissertation der litauischen Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg angenommen. Dafür hat sie sich mit den Diskursen, vor allem jedoch mit den Repräsentationen des Krieges in litauischen Museen beschäftigt. Darüber hinaus hat Makhotina soziale Erinnerungspraxen, also Gedenkrituale, und Akteure mittels Interviews untersucht. Um ein annähernd vollständiges Bild zu zeichnen, wurde von ihr die sowjetische Perspektive und ihre Geschichtspolitik sowie die Museumsgestaltung nach den Richtlinien des Marxismus-Leninismus ausführlich rekonstruiert. So gelingt es die Entstehung und Entwicklung des sowjetischen Narrativs über den »Großen Vaterländischen Krieg«, vor allem in seiner Ausprägung in Litauen, aufzuzeigen. Diese Entwicklung war keineswegs stringent, sondern aufgrund der »Spezifika der lokalen politischen Kader, eine(r) multinationale(n) Gemengelage und traditionelle(n) wie religiöse(n) Vorprägungen« (S. 48) durch viele Improvisationen geprägt, was sich vor allem im Fall Litauens zeige. In den baltischen Republiken waren die Rückgriffe auf nationale folkloristische Elemente besonders ausgeprägt, was sie zu regelrechten Schaufenstern für den Westen werden ließ. Gleichzeitig lag die Entwicklung eines eigenständigen litauischen Nationalismus nicht im Interesse der Sowjetmacht. Die Sowjetisierung Litauens in der Nachkriegszeit kann nicht einfach als »gewaltsame Russifizierung, als Kolonisierung oder auch als genozidale Politik in der okkupierten Litauischen Republik diskutiert und bewertet werden.« (S. 49) Makhotina zeigt auf, dass die litauische Sowjetisierung und die damit verbundene Geschichtspolitik komplexer abliefen. Die Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg folgt in der litauischen Sowjetrepublik grundsätzlich dem heroischen Narrativ des »Großen Vaterländischen Krieges«, das vor allem aktive Kämpfer und Märtyrer in den Mittelpunkt stellte. Dazu kam für Litauen »die Aufgabe (…), nach den selbstlosen Kämpfern aus dem eigenen Volk zu suchen.« (S. 119) Diese Suche stieß jedoch an Grenzen, »da der litauische nationale Widerstand gegen die deutschen Besatzer nicht sehr ausgeprägt war.« (S. 120) Diesem Umstand ist es zu verdanken, dass nicht nur an sowjetische Kriegsgefangene, sondern auch Jüdinnen und Juden als Märtyrer erinnert wurde, ohne sich jedoch mit ihrem Schicksal detailliert zu beschäftigen oder sie als größte Opfergruppe zu kategorisieren.

Die sowjetisch-litauische Kriegserinnerungskultur blendet die Themen wie Kollaboration und Unterstützung der Deutschen weitgehend aus. Die vorrangige und integrierende Funktion sowjetischer Geschichtspolitik bestand darin, dass Litauer sich als ausschließliche Opfer der deutschen Besatzung sehen konnten. Makhotina weist die Sinnstiftungsfunktion der Kriegserinnerung nicht nur anhand der sowjetischen Geschichtspolitik nach, sondern geht im ersten Teil ihrer Arbeit auf die Symbolpolitik, die sich in litauischen Kriegsdenkmälern niederschlägt ein. Ihren Niederschlag findet die sowjetische Geschichtspolitik auch in den unterschiedlichen Museen in und außerhalb von Litauen. Dazu zählt in erster Linie das 1948 neu eröffnete Revolutionsmuseum, in dem der »Große Vaterländische Krieg« in einem besonderen Raum präsentiert wurde. Der Ausstellung ging es darum, emotionalisierend die Einheit der litauischen Bevölkerung mit der Kommunistischen Partei und den Kampf gegen die deutschen Besatzer darzustellen. Dabei spielen immer wieder die Motive des sowjetischen Patriotismus und der glorreich dargestellten Sowjetmacht als Identifikationsangebote mit. Heroismus, Märtyrertum, Emotionalisierung, sowjetischer Patriotismus und die litauische Nation als Opfer prägen auch andere litauische Erinnerungsorte wie die Gedenkstätten für das im Rahmen einer Mordaktion im Juni 1944 mitsamt der Bewohner vernichtete Dorf Pirčiupis oder im Neunten Fort in Kaunas, wo während der Besatzung bis zu 50 000 Menschen ermordet wurden, davon 30 000 Jüdinnen und Juden. Im Mittelpunkt der sowjetischen Gedenkstätten, so fasst Makhotina zusammen, stand nicht das Gedenken, sondern der erfolgreiche Kampf von Sowjetbürger und Kommunisten.

In der Sowjetunion existierte keine spezifische Erinnerung an die Vernichtung der Jüdinnen und Juden. Deren Präzedenzlosigkeit wurde aufgrund der universalistischen Einordnung des antijüdischen Massenmordes als Teil der Gewalt gegen die Sowjetunion nicht erfasst. Dennoch geht Makhotina davon aus, dass von einer ausdrücklichen Tabuisierung des Holocaust nicht gesprochen werden kann. Vielmehr macht sie eine »Bemäntelung oder Marginalisierung des genozidalen Intention der deutschen Besatzer« (194) aus. Zudem führte die antisemitische stalinistische Kampagne seit 1948 dazu, dass die Erinnerung an den Völkermord an Jüdinnen und Juden keine Beachtung fand. Die sowjetische Politik der Heroisierung bei gleichzeitiger Viktimisierung von ethnischen Litauer ging eindeutig zulasten der Erinnerung an die ermordete jüdische Bevölkerung. Für die nachfolgende post-sowjetische Erinnerung macht Makhotina in der sowjetischen Geschichtspolitik eine wichtige Ursache dafür aus, dass »Staaten wie die Ukraine, Lettland oder Litauen nach der Erlangung der Unabhängigkeit so zögerlich mit dem Holocaust umgingen.« (S. 240) Gleichzeitig habe in der Transformationszeit nach 1988 eine Nationalisierung der Geschichtsdeutungen stattgefunden, die mit Begriffen wie »nationale ›Wiedergeburt‹« oder »›die Geschichte Litauens kehrt zurück‹« umschrieben wurde (S. 240). In diesem Rahmen wurde das diktatorische Regime von Antanas Smetona in der Zwischenkriegszeit rehabilitiert. Die litauische Nation erschien als Opfer einer fremden Macht, die für den Sozialismus verantwortlich sei, dargestellt. Der autoritäre Sozialismus wurde mit der Form einer Fremdherrschaft gleichgesetzt, »obwohl historische Studien (…) belegten, dass die Mehrheit der KPL-Mitglieder Litauer waren.« (S. 251)

In Litauen wurden, wie in anderen postsowjetischen Staaten, im Zuge der Unabhängigkeit viele Denkmäler aus der sowjetischen Zeit abgerissen und gleichzeitig neue Erinnerungsorte eingerichtet, die an den sowjetischen Terror und den antisowjetischen Widerstand erinnern. Auch Museen und Ausstellungen wurden umgestaltet oder neu eingerichtet. So wurde die Ausstellung im Neunten Fort in Kaunas umgestaltet. Aus der vormaligen Ausstellung über den Zweiten Weltkrieg wurde das Museum der Okkupationen, das sich schwerpunktmäßig mit den Verbrechen des Stalinismus beschäftigt. Es wurde auch jener Teil der Ausstellung ersatzlos entfernt, der die Nutzung der Festung als Gefängnis des Smetona-Regimes aufgriff. Die Beschäftigung mit dieser Diktatur würde das litauische Opfernarrativ infrage stellen. Neben den Opfern des Sowjetterrors bekamen nun auch die jüdischen Opfer der deutschen Besatzung im sogenannten Alten Museum einen Platz in der Ausstellung. Die Darstellung bleibt jedoch, so Makhotina, an vielen Stellen unkonkret und »lässt einen erkennbaren museumsdidaktischen Einsatz (…) vermissen.« (S. 292) Die Nivellierung der litauischen Beteiligung am Judenmord versucht die Kollaboration als Folge einer angeblichen Verantwortung von Jüdinnen und Juden für Deportationen von Litauer in die sowjetischen Gulags zu rechtfertigen. Demgegenüber untersuchen kritische litauische Historiker die Verstrickung in den Massenmord und dekonstruieren Mythen über eine jüdische Verstrickung in den Terror der Sowjetmacht von 1940/41.

Ein anderer Strang der Untersuchung widmet sich der Musealisierung des Stalinismus in Litauen, für den räumlich das Museum für Genozidopfer in der Hauptstadt Vilnius steht. Von den sowjetischen Deportationen 1940/41 waren in Litauen ungefähr 142 000 Menschen aus allen sozialen Schichten und ethnischen Gruppen der litauischen Bevölkerung betroffen. Dazu gehörten Polen, Jüdinnen und Juden, Russen und Belarussen, also nicht nur die litauische Mehrheitsgesellschaft. Viele der Verschleppten starben aufgrund der Bedingungen in den Gulags. Vor allem litauische Emigranten benutzen für die Verbrechen der Sowjetmacht den Begriff Genozid und nutzten zu dessen Untermauerung erhöhte Zahlen von 350 000 bis 800 000 Opfern. Geschichtspolitisch zielt die Verwendung des Genozidbegriffs auf eine Gleichsetzung von Nationalsozialismus und Stalinismus.

Das Gebäude des heutigen Museums für Genozidopfer diente seit Ende des 19. Jahrhunderts unter russischer und polnischer Herrschaft als Gericht. Zum Gefängnis für politische Gegner wurde es erst ab 1940, also im Zuge der ersten Sowjetisierung Litauens. Die deutschen Besatzer nutzen es für den Generalstab der Gestapo. Die im Keller befindlichen Zellen dienten als Gefängnis. In der zweiten sowjetischen Periode war der Bau zunächst Gefängnis. Zu Beginn der 1960er-Jahre fungierte er als Lager des KGB-Archivs. Bereits 1992 wurde es als das heutige Genozidmuseum eingerichtet (S. 309 f). Obwohl der Fokus der Schau auf beiden Besatzungen liegen sollte, ist allein die sowjetische Zeit gemeint. Wie an anderen von Makhotina analysierten Orten wird auch im Museum für Genozidopfer in erster Linie auf Emotionalisierung gesetzt. Ein quellenkritischer Umgang mit den Exponaten unterbleibt zugunsten der nationalen Opferstilisierung. Dabei werden teils antisemitische Karikaturen verwendet, die sich gegen die Sowjetmacht richten und das Stereotyp des »jüdischen Bolschewismus« aufgreifen. An anderer Stelle wird durch die Verwendung von Schienensträngen und Koffern eine Assoziation zu Bildern aus Auschwitz hergestellt. Makhotina konstatiert, dass die postsowjetischen litauischen Musealisierungen und »die Beschränkung der eigentlich ethnisch übergreifenden Gewalterfahrungen der Einwohner Litauens (…) auf die ethnisch litauischen Opfer in der Tradition des Geschichtsbildes (stehen, IS), wie es in der Umbruchszeit der 1980er-Jahre formuliert wurde und welches wiederum an die nationalistischen Konzeptionen der Zwischenkriegszeit anknüpft.« (S. 332)

Obwohl die heutige litauische Erinnerung an den Zweiten Weltkrieg durchaus heterogen und konfliktbeladen ist, dominieren in den staatlichen musealen Repräsentationen nationalistische Konzeptionen, die einer modernen offenen Museumskultur und didaktischen Grundprinzipien zuwiderlaufen. Die differenzierte Darstellung von Makhotinas Arbeit ist ein großes Verdienst. Sie entwirft ein kritisches Bild der sowjetischen Kriegserinnerungen ohne in totalitarismustheoretische und damit ideologische Fallen zu geraten. Mit ihrer Analyse der postsowjetischen Diskurse und Musealisierungen bewegt sie sich auf einem geschichtspolitisch und identitätspolitisch aufgeladenen Feld. Desto wichtiger ist ihre sachliche Analyse der nationalen Vereindeutigungen litauischer Museen. Das Buch »Erinnerungen an den Krieg – Krieg der Erinnerungen« hat in diesem Sinn das Potenzial für die nächsten Jahre ein Standardwerk für die Auseinandersetzung um postsowjetische Erinnerung zu werden.

 

Ingolf Seidel arbeitet als Redakteur und Projektleiter des Online-Magazins von www.lernen-aus-der-geschichte.de. Zudem ist er freiberuflich im Projekt »Reflecting Memories. Gedenken, Erinnerungskulturen und historisch-politische Bildung zu Shoah, Porajmos, Nationalsozialismus und Zweitem Weltkrieg« in der Internationalen Jugendarbeit des Bayerischen Jugendrings tätig.

 

1    Christoph Dieckmann: Deutsche Besatzungspolitik in Litauen 1941–1944. Göttingen 2011. S. 151.

2    Ebda. S. 792.

3    Seitenzahlen in Klammern nachfolgend für Makhotina.