Helmut Bräutigam

Entwicklung, Bedingungen und Formen von Zwangsarbeit im Dritten Reich

Gedenkstättenrundbrief 149 S. 3-17

Die erzwungene Arbeit von Menschen aus über 20 Nationen und von in Deutschland ausgegrenzten und verfolgten Gruppen war in der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts ein beispielloser Vorgang. Ohne den mit brutalen Mitteln durchgesetzten Zwangsarbeitereinsatz hätte die Rüstungsproduktion und damit der Krieg 1942 nicht weitergeführt werden können.

Zum Thema:

Wer war Zwangsarbeiter?

Von wem sprechen wir, wenn wir von Zwangsarbeitern während der NS-Zeit sprechen? Der Begriff leidet unter einer gewissen Unschärfe, sowohl was seine wissenschaftliche, juristische und erst recht populäre Verwendung betrifft. Unter dem Begriff »Zwangsarbeiter« werden heutzutage Gruppen zusammengefasst, die in irgendeiner Weise in ihrer Arbeitsausübung Zwangsmaßnahmen unterworfen waren, im wesentlichen Personen aus dem Kreis der zivilen ausländischen Arbeitskräfte (der »Fremdarbeiter«), der Kriegsgefangenen, der Juden und sog. »Zigeuner«, und der Häftlinge in Konzentrationslagern (und anderen Zwangslagern unter dem Befehl des Reichsführer SS).

Der Begriff »Zwangsarbeiter« mag eingängig sein, umfasst aber Gruppen, die zum Teil nur wenig miteinander zu tun hatten. Denn die genannten Gruppen waren nicht allein sehr unterschiedlichen Rechtsverhältnissen, Arbeits- und Lebensbedingungen unterworfen, sie waren auch in unterschiedlicher Weise Gegenstand nationalsozialistischer Politik und nationalsozialistischer Zielsetzungen gewesen. Auch regelten unterschiedliche Ämter ihren Einsatz im Reich.

Das Spektrum ihrer Lebensbedingungen reicht vom Leben in relativer Freiheit – am Einsatzort mit Privatunterkunft, Facharbeiterentlohnung und passabler Ernährung, ja, auch mit freundschaftlichen Kontakten zu Deutschen –, bis hin zu extremen Ausbeutungsformen ohne jeden Lohn und ohne die längerfristige Möglichkeit der bloßen physischen Reproduktion. Man spricht in diesem Fall auch von der »Vernichtung durch Arbeit«, betroffen waren in diesem Fall vor allem KZ-Häftlinge jüdischer Herkunft.

Wenn im Folgenden trotz der angedeuteten Extreme dennoch bei allen genannten Gruppen von Zwangsarbeitern oder Zwangsarbeit gesprochen wird, so einerseits, weil dieser Begriff trotz seiner Unschärfe in der wissenschaftlichen und öffentlichen Diskussion eingeführt ist, zum anderen, weil wir nichts besseres haben, zum dritten aber auch, weil bei allen Unterschieden es Gemeinsamkeiten gibt, die es rechtfertigen, all diese Gruppen mit dem Begriff »Zwangsarbeit« in Verbindung zu bringen.

Zu beachten ist: Nicht jeder Kriegsgefangene ist als Zwangsarbeiter zu bezeichnen, auch wenn er zum Arbeitseinsatz im Reich herangezogen wurde und selten seine Arbeit freiwillig geleistet haben dürfte. Nicht jeder Fremdarbeiter – ausländischer Zivilarbeiter – war Zwangsarbeiter, ja, nicht einmal alle KZ-Häftlinge mussten Zwangsarbeit leisten, denkt man an Sondergefangene, Zellengefängnisinsassen u.a. Spätestens mit ihrer Überführung in Ghettos, Arbeitslager und KZ wurden hingegen diejenigen Juden und »Zigeuner« Zwangsarbeiter, die man bis dahin noch in ihren angestammten Berufen hatte arbeiten lassen.

Trotz allen – vor allem existenziell bedeutsamen – Unterschieden war den genannten Gruppen gemeinsam, dass sie in der Regel keinen oder kaum Einfluss auf Ort, Art, Dauer und Zweck ihres Arbeitsverhältnisses hatten. Sie standen außerhalb der nationalsozialistischen Betriebs- und Volksgemeinschaft. Je niedriger ihr »rassischer« oder ihr politischer Status vom NS-Regime eingeschätzt wurde, desto mehr waren sie der Willkür von Behörden, Arbeitgebern, Vorgesetzten im Betrieb und Lagerführern ausgeliefert, desto weniger partizipierten sie an betrieblicher oder öffentlicher Fürsorge, desto weniger waren sie in der Lage, ihre Interessen zu formulieren und durchzusetzen. Desto mehr waren sie auch Bestimmungen unterworfen, die sie zur Arbeit im und für das Reich nötigten.

Zwangsarbeiter der genannten Gruppen waren rechtlich und sozial Ausgegrenzte: Entweder waren sie – staatsrechtlich – Ausländer, die sich im Machtbereich des Deutschen Reiches befanden (ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene), und/oder sie waren politisch ausgegrenzt (politische KZ-Häftlinge), sozial ausgegrenzt, mit einem biologistischen Unterton (sog. asoziale und kriminelle KZ-Häftlinge, Arbeitserziehungslagerhäftlinge), oder rassistisch ausgegrenzt (deutsche und ausländische Juden, sog. Zigeuner, sog. fremdvölkische Ausländer, Polen, Ukrainer, Weißrussen, Russen).

Mit diesen einleitenden Überlegungen zum Begriff der Zwangsarbeit in der NS-Zeit habe ich schon auf Einiges vorgegriffen, was mit den Entwicklungen, Bedingungen und Formen der Zwangsarbeit in der NS-Zeit zusammenhängt.

Ich will zunächst einen Überblick über die Entwicklung geben, um anschließend die Bedingungen und Formen zu erläutern, unter denen der Zwangsarbeitseinsatz der einzelnen Gruppen verlief. Hierbei werde ich mich auf diejenige Gruppe konzentrieren, die zum einen quantitativ die bedeutendste ist, zum anderen am anschaulichsten zeigt, was Zwangsarbeit war oder bedeuten konnte: auf die Gruppe der zivilen ausländischen Arbeitskräfte, der auch sog. Fremdarbeiter.

Im Herbst 1944 erreichte der Einsatz von Zwangsarbeitern im Deutschen Reich seinen Höchststand. Von den knapp 29 Millionen Arbeitskräften im Deutschen Reich waren rund 6 Millionen zivile Ausländer und 1,9 Millionen Kriegsgefangene. Das entsprach einer Quote von rund 27 Prozent. Also gut jeder vierte bis jeder dritte Arbeitnehmer war zu dieser Zeit ausländischer Nationalität. Hinzu kamen rund 400 000 KZ-Häftlinge (Stand Januar 1945: 700 000), die sich im Zwangsarbeitseinsatz befanden.

Bei den genannten Zahlen handelt es sich um Stichtagszahlen. Betrachtet man den gesamten Zeitraum zwischen 1939 und 1945, so kamen Schätzungen zufolge insgesamt rund 13,5 Millionen zivile Ausländer, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge zum Arbeitseinsatz ins Reich, für kürzere oder längere Zeit. Bei den zivilen Ausländern handelte es sich bei 80 bis 90 Prozent um Zwangsarbeiter, bei den KZ-Häftlingen zu 100 Prozent, die Zahl völkerrechtswidrig eingesetzten Kriegsgefangenen ist schwieriger einzuschätzen.

In der Rüstungsindustrie – zumal in der Produktion – war der Anteil der ausländischen Arbeitskräfte zum Teil noch weit höher, als die genannten Durchschnittszahlen vermuten lassen. Man kann sagen, dass etwa ein Drittel und mehr der Arbeitskräfte dieser Branche Fremdarbeiter und Kriegsgefangene waren. Manche Betriebsabteilungen bestanden abgesehen von Vorarbeitern und Spezialisten fast ausschließlich aus ausländischen Arbeitskräften (80 – 90 %). Das gilt etwa für während des Krieges aufgezogene Produktionen und Verlagerungen.

Deutlich wird anhand dieser Zahlen nicht allein eine Vorstellung von Ausmaß und Ubiquität der Zwangsarbeit, sondern auch ihre rüstungswirtschaftliche Bedeutung. Die Ausnutzung von Zwangsarbeit hatte es dem NS-Regime ermöglicht, mehr als drei Jahre lang länger Krieg zu führen. Zwangsarbeit hat aber auch dazu beigetragen, die deutsche Großindustrie gründlich zu modernisieren und – trotz aller Zerstörungen – fit für die Nachkriegszeit zu machen.

 

Wie kam es dazu?

Schon vor dem Zweiten Weltkrieg wurden jüdische Deutsche und KZ-Häftlinge zur Zwangsarbeit herangezogen, wenn auch in volkswirtschaftlich unbedeutender Zahl. Von Zwangsarbeit als ein die Wirtschaft des Deutschen Reichs bestimmender Faktor konnte nicht gesprochen werden. Es lag auch nicht im Horizont der Arbeitseinsatzplaner im Reich, Zwangsarbeit zu einem solchen Faktor zu machen. Aber das Reich sah sich Ende der 1930er Jahre einem gravierenden Arbeitskräftemangel ausgesetzt, der einerseits die Aufrüstung bremste und der andererseits durch die geplanten Einziehungen bei der Mobilmachung verschärft werden würde. Das Dilemma bestand darin, einerseits Krieg führen zu wollen und andererseits die für die Kriegsführung nötigen Waffen, Munition etc. herzustellen, zugleich aber den zivilen Lebensstandard aus politischen Gründen nicht übermäßig einschränken zu müssen.

 

Wie ließ sich dieses Dilemma lösen?

Die Rationalisierung von Fertigungen konnte eine gewisse Entlastung bringen, hing aber von der Fähigkeit und Bereitschaft der Industrie zusammen, erlaubte auch keinen kurzfristigen Ersatz, schon gar nicht in der Landwirtschaft. Die Ausweitung der Frauenarbeit wurde diskutiert, stieß aber auf ideologische Bedenken. Schließlich bot sich als kurz- und mittelfristige Lösung die verstärkte Beschäftigung von Ausländern an, zumal die Arbeitslosigkeit im benachbarten Ausland deutlich höher war als im Deutschen Reich.

Außerdem rechnete man damit, die zur Wehrmacht einberufenen Arbeitskräfte baldmöglichst wieder an ihre Arbeitsplätze zurückschicken zu können. Das militärische Konzept der ersten Kriegshälfte sah eine Folge kurzer, intensiv und bewegungsreich geführter Feldzüge vor (»Blitzkriege«), unterbrochen von einer Waffenruhe, die – auch mittels zeitweilig demobilisierter Soldaten – zur weiteren Aufrüstung genutzt werden sollte. Ein langandauernder Krieg wie der Erste Weltkrieg sollte vermieden werden, da das Reich hierfür weder über die materiellen noch die menschlichen Ressourcen verfügte. Dem entsprach auch die Rüstung des Reiches zu dieser Zeit. Waffen und Munition sollten jeweils für den anstehenden Feldzug hergestellt werden, in für den gerade laufenden Feldzug ausreichender Zahl und in der militärisch gebotenen Breite (»Breitenrüstung«). Würde alles nach Plan laufen, so würde sich die Rohstoff-, Material- und Menschenbasis nach und nach durch die Eroberungen vergrößern und damit die Rüstungskapazität des Reiches. Als Vorbilder konnten der Anschluss Österreichs und die Annexion der tschechischen Gebiete gelten.

Dennoch mussten die kurz- und mittelfristig entstandenen Lücken aufgefüllt werden. Auch eine Steigerung der Rüstungsproduktion ließ sich nur mit zusätzlichen Arbeitskräften realisieren.

Bei der Beschäftigung von Ausländern war nicht von vornherein an einen Arbeitseinsatz unter Zwang gedacht. Vielmehr war zu Anfang durchaus die freiwillige Werbung die Regel, allerdings mit der wesentlichen und charakteristischen Ausnahme von Polen. Dazu später mehr. Die deutschen Arbeitseinsatzstellen in den besetzten Gebieten merkten allerdings bald, dass die Werbungen weit unter ihren Erwartungen zurückblieben. Die Besatzungsbehörden reagierten darauf mit unterschiedlichen Methoden. Tschechien ist hierfür ein Beispiel. Bereits im Sommer 1939, vor Kriegsbeginn, wurden Tschechen nach Deutschland dienstverpflichtet. Eine andere Methode bestand darin, die Existenzbedingungen der Menschen in den besetzten Gebieten so zu beeinflussen, dass Menschen sich »freiwillig« zum Arbeitseinsatz ins Reich meldeten (etwa Kürzung von Lebensmittelmarkenzuteilungen, Betriebsstillegungen). Festzuhalten ist aber: Ausländer aus dem westeuropäischen Ausland kamen bis Mitte/Ende 1941 noch zu einem guten Teil freiwillig nach Deutschland. Aufgrund bilateraler Anwerbeabkommen, in denen Lohntransfers und Sozialversicherungsregelungen geregelt wurden, kamen darüber hinaus Arbeitskräfte aus mit Deutschland verbündeten Staaten (Italien, Ungarn, Bulga­rien, Rumänien, Slowakei).

 

Immerhin: Zu dieser Zeit (bis 1941) waren bereits alle Ideal- oder Grundformen der Rekrutierung ausländischer Zivilarbeiter, wie sie Mark Spoerer beschrieben hat, bereits vorhanden und angewendet:

• die Werbung Freiwilliger

• die Werbung mit maßgeblicher Beeinflussung der Existenzbedingungen

•  die Konskription unter Rückgriff auf die einheimische Verwaltung (also die Aushebung ganzer Jahrgänge)

• die gewaltsame Deportation durch deutsche oder verbündete Besatzungsorgane.

Es ist darauf hinzuweisen, dass diese beschriebenen Formen Idealtypen darstellen, die in der Realität fließend ineinander übergingen. Konskription und Deportation fanden bis Mitte 1941 allerdings nur im besetzten Polen statt.

Die Beschäftigung von Ausländern im Reich stieß auf verschiedene Schwierigkeiten:

• Die Devisenknappheit erlaubte Lohntransfers nur in begrenztem Ausmaß.

• Die Unternehmen waren in erster Linie daran interessiert, ihre zur Wehrmacht eingezogene Stammbelegschaft wiederzubekommen. Außerdem scheuten sie Investitionen und Sonderausgaben, die der Ausländereinsatz mit sich bringen würde, zu tätigen. Nicht zuletzt sprachen sicherheitspolitische Bestimmungen (Sabotage, Spionage) gegen einen Einsatz.

• Rassenideologische Vorbehalte wurden vor allen aus Kreisen der Partei, SS und Gestapo erhoben.

In dem Maß, wie europäische Länder unter deutsche Kontrolle gerieten, erledigte sich gewissermaßen die Devisenfrage. Sicherheitspolitische Vorbehalte führten in der ersten Kriegshälfte dazu, dass Ausländer zunächst nur zurückhaltend in der Rüstungsindustrie eingesetzt wurden. Als sich allerdings herausstellte, dass die Sicherheitsfragen durch entsprechende Maßnahmen (Überwachung, Alarmpläne) beherrschbar waren, überdies das ganz überwiegende Gros der Ausländer nicht daran dachte, politisch widerständisch aktiv zu werden, schwand die Reserve vor einem Einsatz auch in sensiblen Rüstungsbereichen. Überdies ließ die militärische Entwicklung keine andere Wahl. Spätestens im Sommer 1941 mussten sich die Unternehmen darauf einstellen, dass sie ihre Belegschaftsmitglieder auf längere Sicht nicht wiederbekommen würden. Blieben die rassenideologischen Vorbehalte. Wenn man schon den rüstungswirtschaftlichen Pragmatikern (Rüstungsdienststellen, Arbeitsämter) in der Frage des Ausländereinsatzes nachgeben musste, so sollte doch nach dem Willen der NS-Ideologieträger der Einsatz so gestaltet werden, dass die rassenideologischen Vorbehalte Berücksichtigung fänden. Das bedeutete konkret: Isolierung rassenideologisch unerwünschter Gruppen von der übrigen Bevölkerung, ihre möglichst engmaschige Überwachung, eine abschreckende Bestrafung bei Übertretung der Bestimmungen. Verwirklicht wurde dies erstmals umfassend mit den Polenerlassen vom März 1940.

Mit dem Verordnungs- und Erlasspaket vom 8. März 1940 wurde für polnische Arbeitskräfte im Deutschen Reich ein Sonderrecht geschaffen, das sie rechtlich und sozial ausgrenzte. Erstmalig wurde im Deutschen Reich eine Personengruppe in der Öffentlichkeit durch ein Abzeichen (»P«) kenntlich gemacht (deutsche Juden seit September 1941). Ein umfassender Verbotskatalog zielte darauf ab, die Bewegungsfreiheit einzuschränken sowie privaten Kontakt zu Deutschen zu verhindern. In der Entlohnung waren Polen benachteiligt. Sexualkontakte zu Deutschen wurden bei Männern mit dem Tod, bei Frauen mit Einweisung in ein KZ bestraft. Die Gestapo sicherte sich ein umfassendes Zugriffsrecht im Fall von Verstößen aller Art, so dass die ordentliche Justiz weitgehend außen vor blieb. Die »Polen-Erlasse« wurden zum Vorbild für die zwei Jahre später eingeführten Bestimmungen der »Ostarbeiter-Erlasse«, auf die später noch einzugehen ist.

In der ersten Kriegshälfte wurden Polen in erster Linie in der Landwirtschaft eingesetzt. Hier wirken auch Traditionen der Saisonbeschäftigung polnischer Erntehelfer. Aber nun handelt es sich – zumal freiwillige Werbungen nicht den gewünschten Erfolg hatten – in der Regel um Zwangsarbeiter. Die polnischen Kriegsgefangenen wurden im Frühjahr 1940 zwangsweise in den Zivilarbeiterstatus überführt. Bis 1942 stellten Polen die größte Gruppe ausländischer Zwangsarbeiter. Im deutschen Reich waren im September 1944 über 1,7 Millionen Polen beschäftigt (einschließlich der Schutzangehörigen), gut zwei Drittel von ihnen in der Landwirtschaft. Nach den Ostarbeitern stellten sie die größte Gruppe ausländischer Zivilarbeiter.

In der zweiten Hälfte des Jahres 1940 kamen – neben Arbeitskräften aus den mit Deutschland verbündeten Staaten – vor allem französische Kriegsgefangene zum Einsatz, auch sie zu einem großen Teil in der Landwirtschaft. 1941, in Zuge des Balkanfeldzuges, kamen Serben (aus einem besetzten Land) und Kroaten (aus einem verbündeten Land) nach Deutschland.

 

In Zahlen stellt sich die Entwicklung bis September 1941 so dar:

 

Datum

Fremdarbeiter

Kriegsgefangene

9/1941

2,14 Mio.

952000 Frz.

257000 Sowj. Zivile und Kgf.

 

 

Nationale Verteilung (Zivilarbeiter), Stand September 1941:

 

Polen

rd. 1000000

47,1 %

Italiener

272000

12,7 %

Belgier

121000

5,6 %

Jugoslawen

109000

5,1 %

Niederländer

93000

4,3 %

Franzosen

48000

2,3 %

Ungarn

35000

 

Dänen

29000

 

Insg.

2140000

 

 

Rund 11 Prozent der Arbeitnehmer waren zu dieser Zeit ausländischer Herkunft, Zivilarbeiter und Kriegsgefangene.

 

Das Jahr 1942

Das Jahr 1942 bedeutet in vielerlei Hinsicht ein Wendejahr für die Entwicklung des Zwangsarbeitseinsatzes im Deutschen Reich.

Das wesentliche und für die weitere Entwicklung den Anstoß gebende Ereignis war militärischer Natur: Das Blitzkriegskonzept war gescheitert. Der Russlandfeldzug konnte nicht, wie geplant, im Spätsommer 1941 abgeschlossen werden. Die Sowjetunion hatte nicht kapituliert. Vielmehr sah sich Deutschland nun in einer Situation, die es immer hatte vermeiden wollen: In einem länger andauernden Zweifrontenkrieg; im Westen gegen England und im Osten gegen die Sowjetunion.

• Um den Krieg fortsetzen zu können, musste die Rüstung jetzt auf einen langdauernden Abnutzungskrieg umgestellt werden, zugleich musste das Militär in die Lage versetzt werden, neue Offensiven durchzuführen. Das bedeutete, dass die Rüstungsproduktion erheblich gesteigert werden musste. Dazu waren zusätzliche Arbeitskräfte erforderlich.

• Weitere Einziehungen zur Wehrmacht waren notwendig. Die Lücken mussten geschlossen werden.

Die NS-Führung reagierte auf diese Herausforderungen mit einer weiteren Radikalisierung ihrer Politik:

• Albert Speer wurde nach dem Tod Fritz Todts im Februar 1942 zum Rüstungsminister ernannt. Er leitete die Rationalisierung der Fertigungen in die Wege, beteiligte die Industrie an der Organisation des Rüstungswesens (Selbstverwaltung der Rüstungsindustrie). Tatsächlich gelang ihm mit seinen Methoden bis Sommer 1944 eine beeindruckende Steigerung der Rüstungsproduktion.

• Zugleich wurde Fritz Sauckel, der Gauleiter von Thüringen, zum Generalbevollmächtigten für den Arbeitseinsatz ernannt (März 1942). Seine wichtigste Aufgabe war, die für die Steigerung der Rüstungsproduktion erforderlichen Arbeitskräfte zu beschaffen. Auch Sauckel erledigte seine Aufgabe überaus erfolgreich. Er startete einen beispiellosen Zwangsrekrutierungsprozess im besetzten Europa und schaffte rund fünf Millionen Arbeitskräfte nach Deutschland. Konskription und Deportation wurden jetzt als Mittel der Rekrutierung zur Regel.

Eine weitere Personalie aus dem Frühjahr 1942 verdeutlicht eine weitere Entwicklung, auf die ich später noch kurz eingehen werde: Mit dem 1942 gebildeten SS-Wirtschaftsverwaltungshauptamtes unter Leitung von Oswald Pohl wurde die industrielle Ausbeutung der KZ-Häftlinge zusammengefasst und koordiniert.

Das Jahr 1942 war geprägt vom Ostarbeitereinsatz. Als »Ostarbeiter« wurden seit Februar 1942 zivile Personen bezeichnet, die aus dem altsowjetischen Gebiet (Gebietsstand vor 1940) stammten und slawischer Herkunft waren: Russen, Weißrussen und Ukrainer.

Als der Krieg gegen die Sowjetunion begann, war nicht beabsichtigt gewesen, sowjetische Zivilisten oder Kriegsgefangene zum Arbeitseinsatz ins Reich zu schaffen. Gründe: Man fürchtete eine bolschewistische Unterwanderung, Widerstandsaktionen, eine mögliche kommunistische Beeinflussung der deutschen Arbeiter. Nicht zuletzt aber sprachen rassistische Ressentiments gegen die Hereinholung dieser Menschen, die von Nationalsozialisten als »Untermenschen« diffamiert wurden. Eine Rolle spielten hierbei auch die »Lebensraum«-Vorstellungen der Nationalsozialisten: die Länder Ostmittel- und Osteuropas sollten ja als künftiges Siedlungsland der Deutschen ihre ethnische, kulturelle und staatliche Existenz verlieren. Solange man überdies überzeugt war, den Krieg in ein paar Wochen zu beenden, glaubte man es einfach nicht nötig zu haben, sowjetische Arbeitskräfte nach Deutschland zu holen. Für die sowjetischen Kriegsgefangenen hatte die Entscheidung, sie nicht zur Arbeit zu verwenden, katastrophale Folgen. In den großen Sammellagern im rückwärtigen Heeresgebiet überließ man sie sich selbst, unversorgt und ohne nennenswerte medizinische Versorgung. «Nutzlos” für die Deutschen ließ die Wehrmacht die sowjetischen Kriegsgefangenen an Hunger und Seuchen zugrunde gehen. Andere fielen systematischen Mordaktionen zum Opfer. Allein in den wenigen Monaten zwischen Juni 1941 und Februar 1942 starben rund zwei Millionen gefangene Sowjetsoldaten, bis Ende des Krieges weitere 1,3 Millionen. Erst, als sich Militärführung und Wirtschaft auf einen langandauernden Krieg einstellen mussten, entschied sich Hitler Ende Oktober 1941 für den Arbeitseinsatz sowjetischer Arbeitskräfte in Deutschland. Wenn schon nicht zu vermeiden, sollte ihr Einsatz unter härtesten und entbehrungsreichen Bedingungen erfolgen. Ähnlichen Repressionen waren 1943/44 die Italienischen Militärinternierten ausgeliefert, die die Rache ihrer ehemaligen Verbündeten zu spüren bekamen. Die Ostarbeitererlasse vom Februar 1942, mit denen der Arbeitseinsatz der Ostarbeiter im Reich geregelt wurde, lehnten sich an die Bestimmungen der »Polen-Erlasse« vom März 1940 an, verschärften sie aber in mehreren Punkten. Lagerausstattung, Ernährung und Entlohnung fielen deutlich geringer aus als bei anderen Ausländergruppen. Die sog. Ostarbeiterabgabe reduzierte den Lohn auf ein Minimum. Auch Ostarbeiter mussten ein Kennzeichen tragen, das Abzeichen »OST«. In Frankreich, Belgien und den Niederlanden wurde jetzt auch zur zwangsweisen Einziehung ganzer Jahrgänge übergegangen. Mit der Vichy-Regierung verabredete man den STO, den Service du travail obligatoire.

Das Ergebnis dieser Zwangsaushebungen war aus der Perspektive des Deutschen Reiches im ganzen gesehen erfolgreich. Allerdings verstärkten die Maßnahmen den Widerstandswillen in den besetzten Gebieten.

Zwar gab es auch jetzt noch freiwillige Werbung, das dürfte die Ausnahme gewesen sein. Die realen Arbeits- und Lebensbedingungen, die hinter den Versprechungen der Werber zurückblieben, hatten sich schnell herumgesprochen. Die Furcht vor Bombenangriffen tat ihr übriges.

 

Die Entwicklung 1943–1945

 Innerhalb eines Jahres – von Anfang 1942 bis Anfang 1943 – stieg die Zahl der Fremdarbeiter im Reich steil an. Diese rasante Entwicklung setzte sich bis Anfang 1944 fort (rund 5,5, Mio. Fremdarbeiter). Danach verlangsamte sich die Entwicklung, stieg aber bis in den Spätherbst 1944 weiterhin an. Die letzte einigermaßen zuverlässige greifbare Zahl stammt vom 15. November 1944. Eine Statistik des Reichsarbeitsministeriums verzeichnet für diesem Zeitpunkt 6 055 519 ausländische Arbeitskräfte. Hinzu kommen rd. 2,19 Mio. Kriegsgefangene mit Stand per 1. 1. 1945.

Die nationale Verteilung unter den Zivilarbeitern sah im August 1944 folgendermaßen aus:

 

ausl. Zivilarbeiter

absolut

in %

Sowjets

2127000

37,2

Polen

1660000

29,0

Franzosen

655000

11,4

Tschechen

280000

4,9

Niederländer

270000

4,7

Belgier

203000

3,5

Italiener (ohne IMI, zusätzlich 427000)

158000

2,8

Insgesamt

5722000

100,0

 

Knapp jeder vierte bis dritte Arbeitsnehmer, in der Rüstungsindustrie oft noch weit mehr, stammte nun aus dem Ausland, ganz überwiegend unfreiwillig in Deutschland. Die Entwicklung von 1943 bis Kriegsende ist weitgehend vom Kriegsverlauf bestimmt. Mit Zugeständnissen wollte das Regime Stimmung und Arbeitsmotivation der Fremdarbeiter heben. Goebbels startete eine Propagandakampagne, in der er den – wie er es sah – Abwehrkampf Europas gegen den Bolschewismus in den Vordergrund stellte: Die Nationen Europas einig gegen die jüdisch-bolschewistische Gefahr. Wenn es unter den Fremdarbeitern auch tatsächlich eine Furcht gegenüber der Sowjetunion Stalins gab, so fiel diese Kampagne kaum auf fruchtbaren Boden. Die meisten zivilen Zwangsarbeiter verhielten sich distanziert und abwartend. Die meisten waren damit beschäftigt, angesichts der rapide sich verschlechternden Lebensumstände und der steigenden Frequenz der Luftangriffe ihr Überleben zu sichern. Zu politischen Widerstandsaktionen in Deutschland fand sich nur eine winzige Minderheit bereit. Dennoch wurden die Überwachungs- und Unterdrückungsmaßnahmen von Polizei und Gestapo verstärkt: Lagerrazzien, Verhaftungsaktionen, Einweisungen ins KZ.

 Die letzte große Gruppe von zivilen und kriegsgefangenen Ausländern kam 1943/44 nach Deutschland. Mit dem Sturz Mussolinis im Juli 1943 verlor das Deutsche Reich zwar einen Verbündeten, gewann aber ein noch weitgehend ungenutztes Arbeitskräftereservoir, das Sauckel begann, auszuheben.

 Rund 600 000 italienische Soldaten wurden in den Sonderstatus von »Italienischen Militärinternierten« – kurz IMI genannt – überführt. Damit unterstanden sie nicht den völkerrechtlichen Regelungen für Kriegsgefangene. Wie schon 1940 die Polen wurden sie 1944 in den Zivilarbeiterstatus überführt. Ihnen schlug in Deutschland offener Hass entgegen. Als Verräter gebrandmarkt mussten sie oftmals Schikanen und Misshandlungen über sich ergehen lassen. Ressentiments gegen die bis 1943 privilegierten italienischen Arbeiter schlugen sich jetzt Bahn.

 

 

KZ-Häftlinge

KZ-Häftlinge bildeten in der zweiten Hälfte des Jahres 1944 das letzte quantitativ nennenswerte Arbeitskräftepotential. Der KZ-Apparat hatte sich im Laufe des Krieges gigantisch aufgebläht und mit Häftlingen aus dem besetzten Europa gefüllt. 1944 kamen diejenigen Juden hinzu, die bislang der systematischen Vernichtung entgangen waren. Sie wurden nun, sofern einigermaßen arbeitsfähig, dem Arbeitseinsatz zugeführt. Die systematische Heranziehung von KZ-Häftlingen zur ökonomisch motivierten Zwangsarbeit ist seit 1938 zu beobachten und stand im Zusammenhang mit den Ambitionen der SS, ein Wirtschaftsimperium aufzubauen. Ein Hebel dafür war die Neugestaltung deutscher Städte. Die Anlage neuer KZ oder der Ausbau vorhandener KZ 1938–1940 ist in diesem Zusammenhang zu sehen (Mauthausen, Flossenbürg, Neuengamme, Groß-Rosen, Klinkerwerk Sachsenhausen und andere).
Die Ausbeutung in der Privatindustrie erfolgte – von Pilotprojekten einmal abgesehen  – erst in der zweiten Hälfte des Krieges. Hintergrund war der Streit um die Verfügung der Häftlinge. Während das Rüstungsministerium frühzeitig für einen Arbeitseinsatz plädierte, wollte die SS »ihre« Häftlinge nicht aus ihrer Verfügungsgewalt geben und für eigene Zwecke benutzen. Der Arbeitskräftemangel und die Kriegsentwicklung führten schließlich dazu, dass Außenlager bei Industriebetrieben eingerichtet wurden. Bewacht wurden die Häftlinge nach wie vor von SS-Personal. Die Unternehmen mussten ihren – vom Rüstungsministerium bzw. seinen Dienststellen genehmigten – Bedarf beim WVHA anmelden, das über die Zuweisung entschied. 1944 wurden schließlich aufgrund des hohen Arbeitskräftebedarfs auch Juden aus den besetzten Gebieten Europas, vor allem aus Polen und Ungarn, als Zwangsarbeiter in den weit über 1 000 KZ-Außenlagern eingesetzt. (Womit die ideologische Zielvorgabe, nämlich dass im Reich sich keine Juden mehr aufhalten sollten [»judenrein«], konterkariert wurde.)
Die Heranziehung von KZ-Häftlingen zu einer ökonomisch rationalen Produktion stand im Widerspruch zur Funktion der KZ als Straf- und Vernichtungsinstrument. Dieser Zielkonflikt kennzeichnete den Arbeitseinsatz der Häftlinge. Auf der einen Seite konnte die Arbeit in einem Rüstungsbetrieb für einen Häftling eine Überlebenschance bedeuten, da seine Arbeitskraft wenigstens eine Zeit lang von Nutzen war, auf der anderen Seite kombinierte die SS Zwangsarbeit mit der physischen Vernichtung. Beispiele sind die Bauten an den Untertageverlagerungen in Mittelbau-Dora oder die Arbeitsbedingungen im KZ Mauthausen.

 

Lebens- und Arbeitsbedingungen der ausländischen Arbeitskräfte

Die Lebens- und Arbeitsbedingungen waren bestimmt von den allgemeinen Rahmenbedingungen, den die Behörden absteckten, und den Spielräumen, die Betriebe und Unterkunftsverwalter bei der konkreten Umsetzung dieser Rahmenbedingungen hatten.

Insbesondere der »Ostarbeitereinsatz« erfolgte unter teilweise katastrophalen Lebens- und Arbeitsbedingungen. Unzureichend war die Verpflegung der Ostarbeiter, die sowohl in Berichten von Betroffenen als auch in zeitgenössischen Berichten übereinstimmend als nährstoffarm und von schlechter Qualität beschrieben wird; unzureichend für einen langen, über zehnstündigen Arbeitstag. Die Menschen brachen z.T. an den Maschinen zusammen. Der geschwächte Körper war anfällig für Krankheiten. Tuberkulose und andere Infektionskrankheiten breiteten sich aus. Aufmerksam geworden durch einen signifikanten Abfall in der Produktion sahen sich Rü­stungsdienststellen und Betriebe veranlasst, zusätzlich Le­bensmittel zu beschaffen bzw. bei den zuständigen Be­hörden Anträge auf Erhöhung der Rationen zu stellen, ehe das Reichsernährungsministerium die Lebensmittelrationen auch für »Ostarbeiter« auf ein gewisses Maß heraufsetzte. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen hingen also nicht unwesentlich vom Engagement des jeweili­gen Betriebs ab.

Die Einsatzbedingungen besserten sich in der zweiten Hälfte des Jahres 1942. Eine gleichermaßen banale wie bezeichnende Erkenntnis besagte, »daß der Russe im allge­meinen gut und willig arbeitet, wenn er genügend ernährt wird«. Bis in das Frühjahr 1945 hinein erfolgten verschiedene Modifikationen in den Behandlungsrichtlinien die »Ostarbeiter« betreffend, was aber ausschließlich der ungünstigen Kriegslage geschuldet war. 1944 wurde das »Ost«-Abzeichen durch Nationalitätenkennzeichen jeweils für Weißrussen, Russen und Ukrainer ersetzt, ohne aber die öffentliche Stigmatisierung ganz aufzugeben. Im selben Jahr wurde die aberwitzige steuerliche Belastung durch die »Ostarbeiterabgabe« durch die immer noch diskriminierende ««Sozialausgleichsabgabe« ersetzt, so dass der Nettoverdienst stieg. Bezeichnend: Körperliche Züchtigung von »Ostarbeitern« wurde von der Gestapo ausdrücklich verboten. Aber das Leben der meisten »Ostarbeiter« blieb bis Kriegsende bestimmt von unzureichender Ernährung, mangelhafter gesundheitlicher Versorgung, Repression, rassistischer Diskriminierung, alltäglicher Willkür und Misshandlung durch Vorgesetzte und Lagerpersonal.

Neben der oft über zehnstündigen Arbeit war die Unterbringung im Lager der bestimmende Faktor im Leben der meisten Zwangsarbeiter. Kennzeichnend für das »Lagerleben« war das Fehlen jeder Privatsphäre in beengten, mit doppelstöckigen Pritschen ausgestatteten Stuben. Polen und »Ostarbeiter« konnten nicht oder nur sehr eingeschränkt am öffentlichen Leben teilnehmen, oft nur heimlich. Zwangsarbeiter aus Westeuropa waren in dieser Hinsicht kaum Einschränkungen unterworfen. Beliebt waren der Besuch von Kinos und Varietés, Sport- und Musikveranstaltungen, die teilweise auch von der Deutschen Arbeitsfront speziell für ausländische Arbeitskräfte organisiert wurden.

Von Anfang an entwickelten sich in den Lagern Substruk­turen mit eigenen Regeln und Verhaltensnormen. Schlechte und unzureichende Ernährung und Versorgung begünstigten die Ausbreitung von Schwarzhandel, Korruption und Prostitution. Kriminalität breitete sich aus, nicht selten auch unter Beteiligung deutscher Lagerverwalter.

Die Bombenangriffe verschlechterten die Lebensbedingungen der Zwangsarbeiter gravierend, zumal sie im nationalsozialistischen Fürsorge- und Versorgungssystem an hinterer Stelle standen. Die wechselnden Lagerbelegschaften und die unzureichenden Möglichkeiten der Hygiene führten zur »Verlausung« der Lager. Fleckfiebererkrankungen breiteten sich aus. Die typische »Lagerkrankheit« aber war die Tuberkulose, Folge von Mangelernährung und Überbelegung.

 

Entlohnung

Mit Ausnahme von Polen und Ostarbeitern bekamen ausländische Zivilarbeiter prinzipiell denselben Lohn wie vergleichbare deutsche Arbeiter. Das betraf jedenfalls den Tariflohn. Sonderzuteilungen hingegen lagen im Ermessen des Arbeitgebers. Auch erhielten Ausländer wie deutsche Arbeiter, die außerhalb ihres Heimatortes arbeiteten, eine Trennungszulage. Ein Facharbeiter verdiente damals ca. 160 bis 200 RM im Monat. Problematisch war die Überweisung des Lohns in die Heimatländer. Aufgrund von Inflation und Wechselkursen schmälerte sich der überwiesene Betrag deutlich.

Der Bruttolohn von Polen und Ostarbeitern war niedriger als der vergleichbarer Deutscher. Sie waren überdies ungünstiger besteuert. Das Einkommen der Polen unterlag einer Sondersteuer, der Sozialausgleichsabgabe, die 15 % betrug. Ostarbeiter wurden unabhängig von ihrem Familienstand nach Steuerklasse I veranlagt. Zusätzlich wurde ihnen vom Bruttolohn die Ostarbeiterabgabe abgezogen, die nur wenig von ihrem Lohn netto übrig ließ. Bis 1945 fand eine sukzessive Angleichung der Löhne der Ostarbeiter an die der übrigen Arbeiter statt – im Bemühen, die Arbeitsmotivation zu steigern und sich Loyalität zu erkaufen. Eine Verbesserung der praktischen Lebensbedingungen hatte dies aber nicht zur Folge gehabt.

 

Unterbringung

Das »Lager« – meist in der Form des hölzernen Barackenlagers – war der typische Wohn- und Lebensraum von Zwangsarbeitern. Betreiber der Lager waren in der Regel Unternehmen, z.T. auch kommunale Träger oder private Arbeitsgemeinschaften. Für das gesamte Reich ist von einer fünfstelligen Zahl solcher mehr oder weniger großen Lager auszugehen. Ausländer sollten generell in Lagern untergebracht werden. In der ersten Kriegshälfte, als halbjährige Arbeitsverträge noch vielfach das Bild beherrschten und die Zuweisung ausländischer Arbeitskräfte unsicher war, bevorzugten viele Unternehmen die Sammelunterbringung von Arbeitskräften in bereits bestehenden Gebäuden. Sogenannte Saallager ließen sich in ehemaligen Festsälen, Gaststätten und Ausflugslokalen, in leerstehenden Schulen, Hotels, Fabriketagen, Hallen oder leerstehenden Geschäften meist ohne großen Aufwand und umständlicher Beantragung knapper Baustoffe einrichten. Insbesondere in der dicht bebauten Innenstadt war dies die übliche Unterbringungsform für ausländische Arbeitskräfte. Barackenlager entstanden zunächst vor allem im Bauwesen, seit 1942 waren sie die Regel. Sie fassten bisweilen bis zu 5 000 Personen.

Die Zunahme der alliierten Luftangriffe ver­schärfte in den bombengefährdeten Städten die Unterkunftslage. Aber nicht allein die Bombenangriffe und die weitere ungebremste Zuweisung von Zwangsarbeitern war dafür verantwortlich, sondern auch Bemühungen der Gestapo, privat untergekommene Ausländer möglichst in Lager zu überführen. Viele Zwangsarbeiter aus Westeuropa bemühten sich um eine Privatunter­kunft, was zwar unerwünscht, aber nicht ausdrücklich verboten war.

Die Lager für ausländische Zivilarbeiter waren in der Regel nicht bewacht. Allenfalls gab es einen kleinen Wachdienst, der das Lager vor unbefugten Betreten sichern sollte. eine Ausnahme machen 1942 die Ostarbeiterlager. Ihre Lager waren oft mit Stacheldraht umzäumt und anfangs bewacht. Im Herbst 1942 wurde diese Bestimmung aufgehoben, um die Arbeitsmotivation zu heben.

 

Überwachen und disziplinieren

Die Gestapo behielt sich bei ausländischen Zwangsarbeitern ein außerordentliches Eingriffsrecht vor, das nicht allein die Einweisung in Arbeitserziehungslager oder Konzentrationslager vorsah, sondern auch die willkürliche Verhängung von Todesstrafen unter Ausschaltung der Gerichte nach sich ziehen konnte.

Die Tatsache des Arbeitszwangs, die mit Kriegsdauer zunehmend schlechter werdenden Lebensverhältnisse in den Lagern, Rationskürzun­gen, Versorgungsengpässe, die Verlänge­rung der Arbeitszeit auf 72 Stunden pro Woche, Sonntagsarbeit, Urlaubssperren und nicht zuletzt die Lebensgefahr durch die Luftangriffe und der allgemeine Kriegsverlauf führten zu einer hohen Zahl von sogenannten Arbeitsvertragsbrüchen. Unter diesem Begriff wurde neben »Flucht« auch unentschul­digtes Fernbleiben von der Arbeit, »Bummelei« oder ganz allgemein »disziplinloses« Verhalten verstanden.

Zu den härtesten Strafen, die gegenüber Zwangsarbeitern ver­hängt wurden, zählte die Einweisung in ein Arbeitserzie­hungslager (AEL). Die Verhältnisse in den AEL waren denen eines KZ vergleichbar. Die Lager unterstanden den örtlichen Gestapostellen. Die Einweisung erfolgte für maximal 56 Tagen. Ziel war die »Erziehung zur Arbeit« die Betroffenen wurden anschließend in der Regel wieder in ihre Betriebe zurückgeschickt, um 1. ihnen die Vergeblichkeit ihres widerständigen Verhaltens vor Augen zu führen, und 2. um den übrigen Arbeitern ein abschreckendes Beispiel zu sein.

 

Familien, Frauen und Kinder

Etwa ein Drittel der eingesetzten ausländischen Arbeitskräfte waren Frauen (Sept. 1944). Sie stammten in der Mehrzahl aus der Sowjetunion und Polen. Für »Ostarbeiterinnen« galten nicht die üblichen Arbeits- und Mutterschutzbestimmungen für Frauen. Statt dessen konnten sie zu körperlichen Schwerstarbeiten herangezogen werden. Ein ausgewogenes Geschlechterverhältnis bei »Ostarbeitern« und Polen sollte gemäß der rassistischen Intention der Nationalsozialisten intime Beziehungen zu Deutschen vermeiden helfen.

Schwangere »Ostarbeiterinnen« wurden bis Ende 1942 noch in ihre Heimat abgeschoben. Dann änderte sich die Praxis. Daraufhin wurden für Polinnen und »Ostarbeiterinnen« besondere Entbindungsanstalten eingerichtet. Abtreibungen waren osteuropäischen Frauen – anders als deutschen – gestattet, aus Gründen der Kostenersparnis und aus rassenideologischen Gründen.

In der zweiten Hälfte des Krieges wurden sogar ganze Familien, Männer, Frauen und Kinder, nach Deutschland deportiert. Im Juli 1943 verfügte das Reichssicherheitshauptamt, Kinder von osteuropäischen Müttern, die als «gutrassig” eingestuft wurden, von den leiblichen Eltern zu trennen – auch gegen deren Willen – und «einzudeutschen”. Für die übrigen Kinder wurden »Ausländerkinder-Pflegestätten« eingerichtet, die der Aufsicht der DAF bzw. in der Landwirtschaft dem Reichsnährstand unterstanden. Die Kindersterblichkeit in diesen Einrichtungen war oft überdurchschnittlich hoch.

 

Verhältnis zwischen Deutschen und Ausländern

Im Verhältnis zwischen Deutschen und Ausländern sind Unterschiede der Begegnung und Begegnungsmöglichkeiten zu beachten. Kontakte zwischen »Westarbeitern«, vor allem »germanischer« Herkunft, waren nicht verboten, wenngleich nicht gern gesehen und bisweilen auch polizeilich verfolgt. Welches Ausmaß solche Kontakte hatten und welcher Art sie waren, kann bislang nicht sicher bestimmt werden.

Das Verbot, Kontakt zu Polen oder »Ostarbeitern« aufzunehmen, scheint im allgemeinen beachtet worden zu sein. »Ostarbeiter« waren faktisch rechtlos und der Willkür ausgeliefert. Berichte über Schläge von deutschen Vorgesetzten scheinen nicht die Ausnahme gewesen zu sein, sondern waren verbreitet. Ähnlich schlecht behandelt wurden die Italienischen Militärinternierten. Aber auch Mitleid und Empörung angesichts brutaler Übergriffe sind überliefert. Das Bild ist nicht einheitlich. Aber gewiss kann festgehalten werden, dass gerade die Rangfolge zwischen Deutschen und ausländischen Zwangsarbeitern das bestimmende Moment im Verhältnis zueinander blieb. Das gilt um so mehr, je niedriger die Zwangsarbeiter auf der rassistischen Skala angesiedelt wurden, die ja weitgehend populären Ressentiments entsprach. Wenn Ohrfeige oder Tritt im Betriebsalltag ohne strafrechtliche Folgen blieb oder zur Aufrechterhaltung der »Disziplin« sogar gefordert war, musste das wie eine Einladung zum Übergriff wirken. Das Apartheid-Regime, das schon vor dem Krieg gegenüber den Juden problemlos funktionierte und das allenfalls bei öffentlichen und offensichtlichen Exzessen wie der Pogromnacht 1938 ein gewisses Unbehagen in das bürgerliche Ordnungsgefühl mischte, wurde während des Krieges, bemäntelt von der Staatsraison im schicksalsschwerer Zeit, noch weniger in Frage gestellt. Die Deutschen fügten sich insgesamt in ihrer überwiegenden Mehrheit in ihre Rolle als Vorgesetzte, Überwacher, Bevorzugte. Das System der Zwangsarbeit konnte eben deshalb so gut funktionieren, weil es nicht als Unrecht empfunden, eher als Sachzwang und Selbstverständlichkeit hingenommen wurde. Gerade die Möglichkeit, sich individuell »anständig« gegenüber Entrechteten wie Polen und »Ostarbeitern« verhalten zu können, mag dazu beigetragen haben, den Unrechtscharakter der Zwangsarbeit zu vernebeln. Herrengefühle konnten sich mit traditionellen »Herr-im-Haus«-Standpunkten, patriarchalischer Fürsorge und dem Gefühl latenter Bedrohung durch das allgegenwärtig gewordene Fremde verbinden. Die Abstumpfung im Krieg mit der zunehmend alltäglichen Konfrontation von Tod und Zerstörung, das Erleiden eigener Schicksalsschläge und der Überlebenskampf taten ein Übriges.

 

Zusammenfassend

Zwangsarbeiter gehörten zum Alltagsbild, für jedermann sichtbar: auf dem Land als Erntehelfer und Knechte, in der Stadt in der Fabrik und auf der Straße. Nahezu jedes Unternehmen beschäftigte Zwangsarbeiter, vom Handwerksbetrieb bis zum Großkonzern. Auch öffentliche Einrichtungen, die Reichsbahn, selbst religiöse Einrichtungen und Privathaushalte setzten Zwangsarbeiter ein. In aller Regel haben Unternehmen – nach anfänglichem, betriebswirtschaftlich und – strukturell bedingtem Zögern – bereitwillig auf das Reservoir der zwangsrekrutierten Arbeitskräfte zurückgegriffen, um so mehr, als anders die Partizipation am Rüstungsboom und eine günstige Startposition für die Nachkriegszeit nicht zu erreichen waren.

Der Einsatz von Zwangsarbeitern war im übrigen seit 1942 eine der Grundbedingungen, um den Krieg weiterführen zu können.

Die Beschäftigung von Zwangsarbeitern war geprägt vom Spannungsverhältnis zwischen Rassenideologie und ökonomischer Rationalität, von Kriegsverlauf und Politik. Die daraus erwachsenen Widersprüche und Konflikte bestimmten die Entwicklung des Zwangsarbeitseinsatzes und erklären die Vielschichtigkeit des Phänomens. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Zwangsarbeiter unterschieden sich je nach ihrem Status als Angehörige rassistisch ausgegrenzter Minderheiten, als KZ-Häftlinge, als Kriegsgefangene oder als zivile Ausländer; sie unterschieden sich weiterhin je nach Einstufung der Zwangsarbeiter als Angehörige »germanischer« Völker, als »Fremdvölkische«, als slawische Osteuropäer, als »Juden« oder »Zigeuner«. Dieses System der rassistischen Abstufungen wirft ein Schlaglicht auf die Zukunft Europas, wie sie nach einem Sieg des Nationalsozialismus ausgesehen hätte.

Ich nannte vier Gruppen, die das Gros der Zwangsarbeiter bildeten: zivile ausländische Arbeitskräfte, Kriegsgefangene, Häftlinge und rassisch ausgegrenzte (v.a. Juden), die seit der 2. Kriegshälfte praktisch vollständig Häftlingsstatus hatten.

1   Zivile ausländische Arbeitskräfte: Freiwillig angeworbene, durch bilaterale Abkommen zwischen souveränen Staaten abgesicherte Ausländer kamen vor allem in der ersten Hälfte des Krieges nach Deutschland. Bei ihnen handelt es sich um Personen aus dem neutralen oder verbündeten Ausland (bis 1943 Italien, ferner Bulgarien, Spanien u.a.). Das Deutsche Reich übte aber schon 1940 teilweise Druck auf seinen italienischen Verbündeten aus, um Arbeitskräfte nach Deutschland zu holen. Angehörige des neutralen Auslandes waren auch nicht unbedingt vor Zwangsmaßnahmen geschützt und konnten beispielsweise in Arbeitserziehungslager eingewiesen werden. Zwangsmaßnahmen zur Arbeiterrekrutierung wurden bereits vor Kriegsbeginn 1939 im Protektorat Böhmen und Mähren sowie nach Kriegsbeginn in Polen durchgeführt; nach und nach wurden sie auch auf andere Länder ausgedehnt und in unterschiedlicher Schärfe und Konsequenz gehandhabt, z.B. durch Entzug von Arbeitslosenunterstützung oder Lebensmittelmarken, durch Dienstpflichtverordnungen, jahrgangsweiser Erfassung oder auch durch Razzien und regelrechten Menschenfang. Letzteres ist vor allem in den besetzten Ländern Mittel- und Osteuropas praktiziert worden, also gegen Gruppen, die im Deutschen Reich rassistisch motivierten Sonderbestimmungen unterworfen waren (Polen, »Ostarbeiter«). Zivile ausländische Arbeitskräfte aus den besetzten Ländern, die zunächst freiwillig nach Deutschland kamen, wurden zu Zwangsarbeitern, wenn sie nach Ablauf ihrer Verträge nicht in ihre Länder zurückkehren durften, sondern kurzerhand «dienstverpflichtet” wurden.

2   Deutsche Juden und »Zigeuner«: Die Zwangsarbeit dieser Gruppen hatte den Charakter eines Intermezzos; sie erfolgte zunächst bis zur Auswanderung (von Juden), später bis zur Deportation und Ermordung. Deutsche und staatenlose Juden wurden von der deutschen Arbeitsverwaltung seit Ende 1938 per Erlass zu Zwangsarbeiten im Rahmen eines »geschlossenen«, das heißt von den übrigen Belegschaften abgesonderten Arbeitseinsatzes herangezogen; zunächst die in die Erwerbslosigkeit getriebenen Juden, seit 1940 alle Juden.

3   Häftlinge in Konzentrationslagern: Ihre systematische Heranziehung zur ökonomisch motivierten Zwangsarbeit ist seit 1938 zu beobachten und stand im Zusammenhang mit den Ambitionen der SS, ein Wirtschaftsimperium aufzubauen. Ein Hebel dafür war die Neugestaltung deutscher Städte. Die Anlage neuer KZ oder der Ausbau vorhandener KZ 1938–1940 ist in diesem Zusammenhang zu sehen (Mauthausen, Flossenbürg, Neuengamme, Groß-Rosen, Klinkerwerk Sachsenhausen und andere).
Die Ausbeutung in der Privatindustrie erfolgte – von Pilotprojekten einmal abgesehen  – erst in der zweiten Hälfte des Krieges. Hintergrund war der Streit um die Verfügung der Häftlinge. Während das Rüstungsminnisterium frühzeitig für einen Arbeitseinsatz plädierte, wollte die SS »ihre« Häftlinge nicht aus ihrer Verfügungsgewalt geben und für eigene Zwecke benutzen. Der Arbeitskräftemangel und die Kriegsentwicklung führten schließlich dazu, dass Außenlager bei Industriebetrieben eingerichtet wurden. Bewacht wurden die Häftlinge nach wie vor von SS-Personal. Die Unternehmen mussten ihren – vom Rüstungsministerium bzw. seinen Dienststellen Bedarf beim WVHA anmelden, das über die Zuweisung entschied. 1944 wurden schließlich aufgrund des hohen Arbeitskräftebedarfs auch Juden aus den besetzten Gebieten Europas, vor allem aus Polen und Ungarn, als Zwangsarbeiter in den weit über 1 000 KZ-Außenlagern eingesetzt. (Womit die ideologische Zielvorgabe, nämlich dass im Reich sich keine Juden mehr aufhalten sollten (»judenrein«), konterkariert wurde.)
Die Heranziehung von KZ-Häftlingen zu einer ökonomisch rationalen Produktion stand im Widerspruch zur Funktion der KZ als Straf- und Vernichtungsinstrument. Dieser Zielkonflikt kennzeichnete den Arbeitseinsatz der Häftlinge. Auf der einen Seite konnte die Arbeit in einem Rüstungsbetrieb für einen Häftling eine Überlebenschance bedeuten, da seine Arbeitskraft wenigstens eine Zeit lang von Nutzen war, auf der anderen Seite kombinierte die SS Zwangsarbeit mit der physischen Vernichtung. Beispiele sind die Bauten an den Untertageverlagerungen in Mittelbau-Dora oder die Arbeitsbedingungen im KZ Mauthausen.

4   Kriegsgefangene: Ihre Behandlung war durch völkerrechtliche Verträge geregelt. Nach den Bestimmungen der Haager Landkriegsordnung von 1907 und der Genfer Konvention von 1929 konnten auch Kriegsgefangene zu Arbeiten herangezogen werden. Ein Arbeitseinsatz, der militärischen Zwecken dienste, war allerdings verboten. Sofern Kriegsgefangene völkerrechtswidrig behandelt wurden, weil sie beispielsweise in der Rüstungsindustrie arbeiten mussten, sind auch sie zu den Zwangsarbeitern zu zählen.
Polnische Kriegsgefangene wurden 1940 in ein ziviles Zwangsarbeiterverhältnis überführt. Französische Kriegsgefangene konnten sich 1943 von der Gefangenschaft »beurlauben« lassen, wenn sie sich verpflichteten, weiter in Deutschland zu arbeiten. Sowjetische Kriegsgefangene hingegen wurden von den völkerrechtlichen Bestimmungen ausgenommen. Ihr Arbeitseinsatz war zu Beginn des Krieges gegen die Sowjetunion nicht geplant gewesen. Der Verzicht auf dieses Arbeitskräftepotential basierte auf rassistischen Ressentiments, der Furcht vor kommunistischer Unterwanderung und der militärischen Fehleinschätzung, die Sowjetunion in wenigen Wochen besiegen zu können. »Nutzlos« für die Deutschen ließ die Wehrmacht die sowjetischen Kriegsgefangenen an Hunger und Seuchen zugrunde gehen. Andere fielen systematischen Mordaktionen zum Opfer. Allein in den wenigen Monaten zwischen Juni 1941 und Februar 1942 starben rund zwei Millionen gefangene Sowjetsoldaten, bis Ende des Krieges weitere 1,3 Millionen. Erst, als sich Militärführung und Wirtschaft auf einen langandauernden Krieg einstellen mussten, entschied sich Hitler Ende Oktober 1941 für den Arbeitseinsatz sowjetischer Arbeitskräfte in Deutschland. Wenn schon nicht zu vermeiden, sollte ihr Einsatz unter härtesten und entbehrungsreichen Bedingungen erfolgen. Ähnlichen Repressionen waren 1943/44 die Italienischen Militärinternierten ausgeliefert, die die Rache ihrer ehemaligen Verbündeten zu spüren bekamen.

 

Helmut Bräutigam war Projektkoordinator des gemeinsam vom Arbeitskreis Berliner Regionalmuseen erarbeiteten Ausstellungs- und Publikationsprojekt: Zwangsarbeit in Berlin 1938–1945 beteiligt.