Stefanie Endlich

Erinnerung an die größte Massenmord-Aktion im KZ Sachsenhausen

Gedenkstättenrundbrief 164 (12/2011) S. 31-34

EIN KUNSTWERK VON HEIKE PONWITZ UND STEFANIE ENDLICH, DEN SOWJETISCHEN KRIEGSGEFANGENEN GEWIDMET

Die Todeszone des KZ Sachsenhausen befand sich außerhalb des engeren Häftlingslager-Areals, am Nordrand des angrenzenden »Industriehofs«. Hier, auf der anderen Seite der Lagermauer und damit den Augen der Häftlinge entzogen, wurde 1942 die »Station Z« gebaut, ein großes einstöckiges Gebäude mit Krematoriumsöfen, Erschießungsbereich und einer später eingebauten Gaskammer. Über den baulichen Resten der Vernichtungsstätte spannt sich heute eine weiße, lichtdurchlässige Hülle, die zugleich den zentralen Gedenkort »Station Z« definiert. Wenn die Besucher Sachsenhausens durch die abstrahiert nachgezeichneten Elemente der Lagermauer hindurch den ehemaligen Vernichtungsbereich betreten, sehen sie zur rechten Hand ein großes, von Metallrahmen eingefasstes Schotterfeld. Es war 2005 mit der Neugestaltung der »Station Z« angelegt worden, blieb jedoch bis vor Kurzem noch ohne Erläuterung vor Ort und war auch auf dem Übersichtsplan nicht eingezeichnet. Jetzt erinnert eine künstlerische Installation daran, dass hier im Herbst 1941, also schon ein Jahr vor dem Bau der »Station Z«, die größte Massenmord-Aktion im KZ Sachsenhausen stattfand. Innerhalb von zehn Wochen wurden an dieser Stelle mehr als zehntausend sowjetische Kriegsgefangene in einer »Genickschuss-Baracke« ermordet.

Was war damals geschehen? Die Morde waren die Folge des völkerrechtswidrigen so genannten »Kommissar-Befehls«. Während des Vernichtungskrieges gegen die Sowjetunion transportierte die Wehrmacht etwa zwei Millionen sowjetische Kriegsgefangene nach Deutschland. Die meisten von ihnen starben in den Lagern an Hunger, Kälte, Entkräftung und Seuchen. Etwa 38 000 wurden von Wehrmacht und SS als »politische Kommissare« nach bestimmten Kriterien abgesondert – als angebliche kommunistische Funktionäre, als Juden, als »Intelligenzler«, »Aufwiegler« oder »unheilbar Kranke« – und in Konzentrationslagern ermordet. Zwischen September und November 1941 kamen mehr als 13 000 Sowjetsoldaten in das KZ Sachsenhausen. Mehr als 10 000 wurden in der »Genickschuss-Anlage« erschossen. Die übrigen verstarben bereits auf dem Transport oder im Lager. In einer Lkw-Baracke, deren Grundriss heute durch das Schotterfeld markiert ist, wurde eine von der Lager-SS eigens zu diesem Zweck entwickelte »Genickschuss-Anlage« eingebaut, davor ein Kleiderraum und ein »Arztzimmer«. Den Gefangenen wurde eine ärztliche Untersuchung vorgetäuscht, bei der auch ihre Körpergröße gemessen werden sollte. Hinter einer präparierten Messlatte im vorderen Raum des Erschießungsbereichs war ein Schlitz in der Wand, durch den ein SS-Mann aus einem dahinter liegenden Raum den tödlichen Schuss abgab. Laute Musikbeschallung sollte verhindern, dass die Wartenden die Schüsse hörten. Neben der Erschießungsstätte befanden sich ein Leichenraum und vier fahrbare Krematoriumsöfen.

Die in Sachsenhausen befindliche »Inspektion der Konzentrationslager« organisierte die Mordaktion in Absprache mit der Wehrmacht. Den Kommandanten der anderen KZ wurde das »Genickschuss-Verfahren« an sowjetischen Gefangenen vorgeführt. Mehr als dreißig Männer des Kommandanturstabes wirkten in Sachsenhausen an der Durchführung mit und wurden dafür mit Auszeichnungen, Urlaub und Geldprämien belohnt.

Im September 1941 fotografierte ein tschechischer Häftling im Auftrag der SS die Sowjetsoldaten, die erschöpft, entkräftet und in zerlumpten Uniformen in Sachsenhausen eintrafen. Mit den Aufnahmen sollte in der NS-Propaganda-Ausstellung »Das Sowjetparadies« im Berliner Lustgarten ein Zerrbild des »Hunnen«, des »slawischen Untermenschen« gezeichnet werden. Es war jene Ausstellung, gegen die die jüdische Widerstandsgruppe um Herbert Baum im Mai 1942 einen Brandanschlag verübte, den die Nationalsozialisten wiederum zum Anlass nahmen für eine Verhaftungswelle gegen Juden in ganz Berlin und zu einer weiteren Mordaktion in Sachsenhausen an etwa 250 jüdischen Gefangenen. Einige der Gefangenen, die auf den Fotos der Einlieferung in Sachsenhausen zu sehen sind, sind auch auf einem Plakat der Ausstellung zu erkennen, dort diffamiert als »Wirklichkeit gewordene Angstträume, Faustschlag in das Gesicht alles Guten …«.

Dem Häftling, der fotografiert hatte, gelang es, die Negative auf den Todesmarsch mitzunehmen und so als Zeugnisse zu bewahren, ein mutiger Akt, der ihm hätte das Leben kosten können. Die Fotos befinden sich heute im Staatlichen Archiv Prag und im Mährischen Museum Brno (Brünn); das Archiv von Sachsenhausen hat Abzüge von ihnen erhalten. Es sind vor allem eindringliche Porträtaufnahmen sowie einige Gruppenfotos, darunter eines, das eine lange Kolonne von Ankommenden zeigt. Zum 70. Jahrestag der Mordaktion beauftragte die Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten Heike Ponwitz und die Autorin dieses Beitrags, die sich als Team beworben hatten, mit dem Material dieses Fotokonvoluts eine Installation zu entwickeln, die am historischen Ort gezeigt werden könnte. Konzipiert wurde sie von beiden gemeinsam, künstlerisch gestaltet von Heike Ponwitz.

Heike Ponwitz und Stefanie Endlich wählten aus über hundert Fotos sieben Porträts aus, die als Ensemble einen Einblick in das Spektrum der Gefangenen geben, was Alter, Herkunft und körperliche Verfassung angeht. Dabei knüpften sie an die Erfahrung an, dass bei Gedenkstättenbesuchern durch die einfühlende Hinwendung zu einzelnen Menschen, selbst wenn man diese nie persönlich kennengelernt hat, eine besondere Motivation zur Beschäftigung mit der Geschichte entstehen kann. Die sieben Einzelnen stehen zugleich stellvertretend für die unfassbar große Zahl der Sowjetsoldaten, die mit dieser Installation geehrt werden sollen. Darüber hinaus werden, zusammen mit dem erwähnten Gruppenfoto, Informationen zum historischen Geschehen angeboten.

Die Umsetzung entwickelten die beiden Verfasserinnen in enger Zusammenarbeit mit Reinhard Eicher (Eicher Werkstätten Kernen bei Stuttgart): Fotos und Texte wurden auf großformatige, gefaltete Zinkplatten aufgebracht, mit deren Bearbeitung für den Siebdruck hier Neuland beschritten wurde. Die dreisprachige Bild-Text-Tafel greift über den vorderen Rand des Basaltfeldes in den Weg hinein, die Tafeln mit den überlebensgroßen Porträtfotos ruhen in Schräglage im Basaltfeld. Die gekanteten Tafeln sind auf Schienen befestigt, die unter den Basaltsteinen unsichtbar sind. So könnten sie den Eindruck erwecken, als seien sie wie Familienfotos auf einem Kaminsims aufgestellt, vielleicht auch wie Papierflieger gefaltet oder wie Herbstblätter aufs Feld geweht. Der Eindruck von Leichtigkeit und Lebendigkeit wird durch die Materialität der Zinkplatten verstärkt, die auf besondere Weise das Licht aufnehmen und widerspiegeln, in ständig wechselnden Veränderungen von Farbigkeit, Konturen und räumlicher Tiefe. Andererseits könnten auch Assoziationen zum Motiv des Zinksarges entstehen, mit dem getötete Soldaten in die Heimat zurückgeholt werden. Der hohe technisch-konstruktive Aufwand zur Vorbehandlung und Bearbeitung der verzinkten Stahlplatten, für die eigene Formen gebaut wurden, um den Siebdruck aufzubringen, und eine besondere Schutzlackierung gefunden, um Rosten und Nachdunkeln zu verhindern, verschwindet im Ergebnis hinter einer klaren, sachlichen Präsentation, die auf Monumentalisierung und Mystifizierung verzichtet.

Am 23. Oktober wurde das Kunstwerk im Rahmen einer Gedenkfeier eingeweiht, auf der auch die Botschafter Russlands und Weißrusslands sowie der Botschaftsgesandte der Ukraine sprachen und Kränze niederlegten. Die Erinnerung an die Opfer des Krieges gegen die Sowjetunion ist im öffentlichen Bewusstsein nach wie vor kaum präsent. Mit 25 bis 30 Millionen Toten hat die Sowjetunion die höchsten Verluste im Zweiten Weltkrieg erlitten. Die Installation von Heike Ponwitz und Stefanie Endlich ist nach Wunsch der Stiftung als temporäres Kunstwerk angelegt, könnte jedoch von der Materialbeschaffenheit her auch langfristig Bestand haben. Sie macht darauf aufmerksam, dass nicht nur in Osteuropa, sondern auch vor den Toren Berlins, im »Musterlager« der Reichshauptstadt, eine kaum fassbare Massenmord-Aktion stattgefunden hat.

 

Heike Ponwitz steht der Konzeptkunst nahe und arbeitet grenzüberschreitend in den Bereichen Skulptur und Rauminstallation. Sie realisierte unter anderem die Erinnerungszeichen »Vergangenheit ist Gegenwart« für die Opfer der »Euthanasie«-Morde im sächsischen Pirna und »Mit offenen Augen« für das Robert-Koch-Institut in Berlin.

Prof. Dr. Stefanie Endlich ist freiberufliche Kunstpublizistin und Ausstellungsmacherin und arbeitet seit Langem mit Gedenkstätten zusammen.