Gerd Kühling

Erinnerung und Kalter Krieg

Gedenkstättenrundbrief Nr. 184 (12/2016) S. 20-25

Im Herbst 2011 wandte sich der Regierende Bürgermeister von Berlin Klaus Wowereit an die Öffentlichkeit: »Wir wollen an den ersten von vier Judentransporten nach Litzmannstadt erinnern. Ich rufe die Berlinerinnen und Berliner dazu auf, teilzunehmen.« Es war ein neuer Rahmen des Gedenkens, der sich hinter seinem Aufruf verbarg. Denn in diesem Jahr sollte am Mahnmal Gleis 17 auf dem ehemaligen Güterbahnhof Grunewald erstmals mit weißen Rosen an den Beginn der Verschleppung und Ermordung jüdischer Mitbürger erinnert werden. Als der Gedenkakt am 18. Oktober begangen wurde, fehlte es nicht an Symbolik: Wowereit und Lala Süsskind, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde zu Berlin, sowie die Zeitzeugin Inge Deutschkron, auf die die Initiative zu der Gedenkfeier zurückging, hielten bewegende Ansprachen. Danach trugen Schüler ein Gedicht vor, das sich mit der Frage befasste, wie es sein würde, wenn eines Tages die Zeitzeugen nicht mehr lebten. Währenddessen herrschte auf dem Bahnsteig ein Kommen und Gehen, bis schließlich mehrere Hundert Meter an den Gleiskanten mit Blumen bedeckt waren.

In Berlin existieren zahlreiche Gedenkstätten zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus und den Widerstand gegen das NS-Regime. Einige von ihnen sind in den letzten Jahren in den Hintergrund geraten – so das Mahnmal auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee, die Gedenkstätte in Plötzensee oder der Gedenkstein auf dem Steinplatz in Charlottenburg, der 1953 vom »Bund der Verfolgten des Naziregimes« errichtet wurde. Das Mahnmal Gleis 17 am ehemaligen Deportationsbahnhof Grunewald gehört nicht zu diesen Orten. Vielmehr zählt es zu den bekanntesten Mahnmalen der Stadt und ist Ziel zahlreicher Besucher aus dem In- und Ausland. Nur wenigen ist jedoch bekannt, dass an diesem Ort bereits in den 1950er Jahren eine schlichte Gedenktafel auf das Schicksal der deportierten Berliner Juden hinwies, und dass ihre Anbringung nicht ohne Konflikte verlaufen war. Als die »Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes« im November 1953 die Tafel am Signalhaus des Güterbahnhofes installieren wollte, behinderten Polizeikräfte die Einweihung, da man die Organisation als kommunistische Tarnorganisation betrachtete. Wenige Tage später folgte die Reaktion aus Ost-Berlin. Wütend verurteilte das SED-Organ »Neues Deutschland« das Vorgehen der West-Berliner Polizei und empörte sich, »jüdische Bürger« hätten ihre Gedenkfeier erzwingen müssen. Dass die Gedenktafel überhaupt hatte angebracht werden können, war auch dem Ort des Geschehens geschuldet. Ebenso wie andere S-Bahnhöfe in der Viersektorenstadt hatte das Bahngelände Grunewald einen besonderen politischen Status: Es gehörte der Deutschen Reichsbahn und stand damit unter Hoheit der DDR. Von daher hatte die West-Berliner Polizei die Anbringung der Tafel nicht verbieten, sondern allenfalls versuchen können, die Teilnehmerinnen und Teilnehmer der Gedenkfeier am Betreten des Bahngeländes zu hindern.

Der Konflikt des Jahres 1953 ist nur eines von zahlreichen Beispielen des frühen Gedenkens in Berlin unter den Vorzeichen des Kalten Krieges, das von der bisherigen Forschung recht unbeleuchtet blieb. Tatsächlich wurde die Entwicklung der Gedenklandschaft in der Stadt jedoch stark vom Ost-West-Konflikt und Zäsuren der deutsch-deutschen Nachkriegsgeschichte wie Berlin-Blockade und Luftbrücke, Gründung der Bundesrepublik und der DDR oder dem Bau der Berliner Mauer geprägt. Auch wies die Viersektorenstadt zahlreiche Besonderheiten auf dem Weg zu einer geteilten Erinnerung auf – erst recht, als dieser Prozess 1948/1949 abgeschlossen war. Zu nennen sind die vom Kalten Krieg befeuerten Auseinandersetzungen zwischen den in der Stadt zahlreich vertretenen NS-Verfolgten-Organisationen, der ausgeprägte Antikommunismus in West-Berlin oder die Einwirkungsversuche der DDR auf den Westteil der Stadt. Hinzu kam der besondere politische Status Berlins: Die unmittelbare Nachbarschaft zum ideologischen Gegner begünstigte nicht nur eine gegenseitige Beeinflussung. Vielmehr musste Berlin aufgrund der offenen Sektorengrenzen zwischen beiden Teilen der Stadt bis zum Mauerbau 1961 als ein Raum einzigartiger Verflechtungen deutsch-deutscher »Vergangenheitsbewältigung« angesehen werden. Nicht zuletzt am Bahnhof Grunewald ließ sich dies beobachten: Trotz der Grenzen fungierte die dort angebrachte Gedenktafel als ein Ort der Zusammenkunft für Berlinerinnen und Berliner aus beiden Teilen der Stadt. Erst mit dem Mauerbau fand dieses grenzübergreifende Gedenken ein Ende.

Grenzübergreifend waren in vielen Fällen auch das Wirken und der Einfluss von NS-Verfolgten-Organisationen und Einzelpersonen aus dem Kreis der Überlebenden. Der bekannte Repräsentant der Jüdischen Gemeinde Julius Meyer, der 1953 aus der DDR in den Westen floh, setzte sich für das Andenken der Herbert-Baum-Gruppe ein. Der polnisch-jüdische Publizist Joseph Wulf wollte bereits in den 1960er Jahren im »Haus der Wannsee-Konferenz« ein Institut zur Erforschung des Nationalsozialismus etablieren. Mit seinen Publikationen sorgte er auch in der DDR für Aufsehen. Ein weiterer Akteur war der Widerstandskämpfer Adolf Burg, der langjährige Vorsitzende des Verbandes »Bund der Politisch, Rassisch und Religiös Verfolgten«. Burg ließ 1973 eine neue Gedenktafel am Bahnhof Grunewald anbringen, die mit einer hebräischen Widmung versehen war. Noch in den 1960er Jahren kamen zu den jährlichen Festlichkeiten des Verbandes Persönlichkeiten der West-Berliner Prominenz und internationale Gäste im Hilton-Hotel zusammen. Heute sind der Verband und »Adi« Burg indes in Vergessenheit geraten.

Die tiefer gehende Auseinandersetzung mit den Verbrechen des Nationalsozialismus wurde über Jahrzehnte vor allem vom Engagement ehemals Verfolgter und ihrer Organisationen vorangetrieben. Für Gesamt-Berlin war dabei prägend, was der Präsident des Zentralrates der Juden, Ignatz Bubis, bei der Einweihung des Mahnmals Gleis 17 1998 konstatierte: »Es war nicht eine Clique von Nazis, die gemordet hat, sondern ein System, das nur funktionierte, weil viele mitgemacht haben.«1 Mit dieser Tatsache hatte sich die deutsche Mehrheitsbevölkerung in beiden deutschen Staaten jahrzehntelang nicht auseinandersetzen wollen. Sehr zur Empörung der Minderheit der NS-Verfolgten setzten sowohl die Bundesrepublik als auch die DDR auf die Integration der ehemaligen Angehörigen der NS-Volksgemeinschaft in ihren Staat. Umso erstaunlicher ist, dass die Empörung der Überlebenden über die Kontinuität nationalsozialistischer Funktionseliten, die in der Bundesrepublik ihre Karrieren fortsetzen konnten, von der historischen Forschung lange Zeit kaum thematisiert wurde. Jüngere Studien zeigen jedoch einen eindeutigen Befund: Von einer »nicht-symmetrischen Diskretion« (Hermann Lübbe), der zufolge Überlebende die Biografien von NS-Funktionären nicht thematisierten, konnte in Berlin keine Rede sein. Die oftmals als »DDR-Propaganda« verunglimpfte Kritik der ehemals Verfolgten galt insbesondere der Personalie Hans Maria Globke. Der Kommentator der antisemitischen Nürnberger Rassegesetze war zwischen 1953 und 1963 Chef des Bundeskanzleramtes und einer der engsten Vertrauten von Bundeskanzler Konrad Adenauer.

Zur Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit in der »Hauptstadt des Kalten Krieges« leisteten nicht wenige Persönlichkeiten der Stadt einen wesentlichen Beitrag. Dies gilt für den West-Berliner Bürgermeister Ernst Reuter ebenso wie für seinen Ost-Berliner Gegenpart Friedrich Ebert, den Sohn des ersten Präsidenten der Weimarer Republik. So hielt Reuter nicht nur 1952 bei der Grundsteinlegung des Denkmals für die Männer des 20. Juli 1944 im Bendlerblock eine vielbeachtete Rede und nahm im Jahr darauf die Enthüllung des Denkmals sogar persönlich vor. Überzeugt setzte er sich zudem für das Gedenken an die jüdischen NS-Opfer ein. Im April 1953, auf einer Gedenkfeier zum 10. Jahrestag der Vernichtung des Warschauer Ghettos, betonte er: »Wir wollen diesen Tag, den 19. April nicht vergessen, so wenig wie wir in unserem Leben etwa den 20. Juli vergessen werden. Wir wollen uns oft und immer wieder an solchen Tagen zusammenfinden.«2 Im Ostteil der Stadt war demgegenüber Friedrich Ebert (Junior) ein Ansprechpartner, wenn es um Belange jüdischer Überlebender ging. Als die dortige Gemeinde 1953 an den Ost-Berliner Magistrat herantrat und um finanzielle Unterstützung für die Errichtung eines neuen Ehrenmals auf dem Jüdischen Friedhof in Weißensee bat, fand sie bei Ebert umgehend Gehör.3 Des Weiteren müssen Joachim Lipschitz und Heinz Galinski genannt werden. Auf Lipschitz ging die Ehrungsinitiative der »Unbesungenen Helden« zurück, mit welcher der West-Berliner Senat von 1958 bis 1966 insgesamt 760 Menschen auszeichnete, die Verfolgten Jüdinnen und Juden in der NS-Zeit geholfen hatten. Und Galinski war als langjähriger Vorsitzender der Jüdischen Gemeinde West-Berlins stets ein unbequemer Mahner und forderte Zeit seines Lebens die Aufarbeitung von Nationalsozialismus und Judenverfolgung.

Auch Willy Brandt prägte in seiner Position als Präsident des Abgeordnetenhauses und als Regierender Bürgermeister die Gedenkpolitik. Unvergessen sind seine Stellungnahmen zum Mauerbau, in denen er das Bauwerk mit der »Sperrwand eines Konzentrationslagers« verglich. Auch war es der Senat unter seiner Führung, der 1962 angesichts der ersten Mauertoten und von NVA-Wachaufzügen an der Neuen Wache in Ost-Berlin öffentlichkeitswirksam beschloss, in West-Berlin eine »nationale Gedenkstätte für alle Toten des Volkes« zu errichten. Verwirklicht wurde diese Stätte zwar letztlich im Hofgarten in Bonn.4 Brandts Popularität tat dies jedoch keinen Abbruch. Selbst die bisher kaum beleuchtete Blumenstrauß-Affäre war schnell überstanden. Im September 1966 hatte Brandt der Tochter Albert Speers anlässlich der Entlassung ihres Vaters aus dem Spandauer Kriegsverbrechergefängnis einen Blumenstrauß überbringen lassen. Die Geste löste parteiintern, national und international Kritik aus. Ein empörter Leser schrieb an die Berliner Morgenpost: »Sind wir schon wieder soweit, dass wir die Vergangenheit vergessen haben? Nur so weiter, Herr Brandt! Das ist wieder einmal für den Osten Öl auf die Lampe.«5 Die wohl schärfste Attacke kam vom »Nazi-Jäger« Simon Wiesenthal aus Österreich: Vier Jahre bevor Brandt in Polen vor dem Ehrenmal für die Helden des Warschauer Ghettos niederkniete, forderte Wiesenthal in einer Stellungnahme im Tagesspiegel von ihm, »nie wieder einen Kranz auf eine Grabstelle von Nazi-Opfern zu legen«.6

Die Affäre um Brandt ereignete sich zu einem Zeitpunkt, als in West-Berlin gerade eine hitzige Debatte um die Zukunft des »Hauses der Wannsee-Konferenz« begann. In dem ehemaligen Gästehaus der Sicherheitspolizei und des SD Am Großen Wannsee 56–58 hatte am 20. Januar 1942 die sogenannte Wannsee-Konferenz stattgefunden, auf der Vertreter der SS, der NSDAP und mehrerer Reichsministerien über die »Endlösung der Judenfrage« berieten. Seit 1952 diente das Haus dem Bezirk Neukölln als Schullandheim, doch nun wollte dort ein Verein unter dem Vorsitz des Auschwitz-Überlebenden Joseph Wulf ein »Internationales Dokumentationszentrum zur Erforschung des Nationalsozialismus und seiner Folgeerscheinungen« etablieren.7 Der Bezirk Neukölln führte als Argument für die weitere Nutzung des Schullandheims an, das Gebäude sei im ummauerten West-Berlin als Erholungsstätte für Kinder unersetzbar. Wulf und seine Mitstreiter verwiesen demgegenüber auf den hohen Symbolcharakter des Hauses und die internationale Unterstützung aus Ost und West, die von der Freigabe des Hauses abhängig war. Gegenüber Egon Bahr, dem engsten Vertrauten Brandts, führte Wulf aus: »Es existieren Gedenkstätten in Auschwitz und Buchenwald, in Westberlin steht die Gedächtniskirche als Mahnmal und es gibt Gedenkstätten für die Gefallenen des 20. Juli, die Opfer des Stalinismus und die an der Mauer Ermordeten. Ausgerechnet diese symbolische Stätte für die ›Endlösung der Judenfrage‹, quasi der Ursprung, sollte keinen Platz in Berlin haben?«8

Die Zeilen Wulfs waren eine prägnante Umschreibung der West-Berliner Gedenklandschaft. Tatsächlich waren Mitte der 1960er Jahre die Orte der Erinnerung an NS-Verbrechen überwiegend dem Widerstand des 20. Juli 1944 gewidmet. Große Ehrenmale galten den Opfern des Krieges und des Kommunismus. Die tausendfache Mittäterschaft der »Diener« des Dritten Reiches am Holocaust spielte dagegen keine Rolle. Die Debatten um das Dokumentationszentrum im Haus der Wannsee-Konferenz gingen auf die Chancen von Forschung und Erinnerung an dem symbolischen Ort ebenfalls kaum ein. Ohne Zweifel spielte das Heim im Grünen eine wichtige Rolle in der Sozialpolitik des Stadtteils Neukölln. Dessen Einwohner waren aufgrund der Randlage ihres Bezirks besonders vom Mauerbau betroffen: Neukölln grenzte auf 25 Kilometern an Ost-Berlin und die DDR, und das Antlitz der »Schandmauer« prägte das Bild vieler Straßenzüge. Zwar hätte es bei genügend politischem Willen auch gleichwertige Ersatzgebäude für das Schullandheim gegeben – an diesem Willen fehlte es jedoch. Der Senat teilte schließlich mit, das Dokumentationszentrum sei an einem anderen Ort besser aufgehoben. Erst Jahrzehnte später gestand der ehemalige Regierende Bürgermeister Klaus Schütz ein, warum man sich gegen den Standort gewehrt hat: Die damalige Auffassung sei gewesen, dass »Stätten, an denen der Nationalsozialismus gehandelt hatte, […] vom Erdboden verschwinden« sollten.9

Das Vorhaben Wulfs scheiterte nach jahrelangen Verhandlungen. 1973 wurde der Verein des Dokumentationszentrums aufgelöst, 1974 nahm sich Wulf das Leben. Wenngleich die Gesellschaft in den 1960er und 1970er Jahren zunehmend Empathie für die jüdischen NS-Opfer entwickelte, blieb die Auseinandersetzung mit den Tätern aus. Vor diesem Hintergrund lässt sich auch ein Bogen bis in die Debatten der 1980er und 1990er Jahre schlagen, als eine umfassendere Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit und den Orten der Täter erfolgte. Dem Verein des Dokumentationszentrums um Wulf gehörten einige Personen an, die in den 1980er Jahren Jahre eng mit der Etablierung der »Topographie des Terrors« verbunden waren, die seit 1987 am historischen Ort des »Gestapo-Geländes« über die Zentralen von Gestapo, SS und Reichssicherheitshauptamt (RSHA) informiert. Genannt seien Wolfgang Scheffler, Franz von Hammerstein oder Gerhard Schoenberner, der spätere Gründungsdirektor der 1992 eröffneten Gedenkstätte Haus der Wannsee-Konferenz. Auf einem »Hearing« im Februar 1986 erinnerten die drei an die Initiative Wulfs und mahnten, aus dem Scheitern des Dokumentationszentrums zu lernen, wenn es nun um die Zukunft des »Gestapo-Geländes« gehe. Schoenberner betonte, Wulfs Konzept zur »Erforschung des Nationalsozialismus und seiner Folgeerscheinungen« sei aktueller denn je und müsse im Zentrum Berlins eine Umsetzung finden. Günter Grass, der ebenfalls zu den Unterstützern Wulfs zählte, schloss sich den Forderungen an. Er schlug sogar vor, das geplante Forschungs- und Ausstellungszentrum nach Joseph Wulf zu benennen.10 Nur wenige Monate später, im September 1986, gab der Senat schließlich bekannt, im Haus der Wannsee-Konferenz eine Gedenkstätte einrichten zu wollen. Der historische Ort sollte fortan Teil eines »Dreiklangs des Gedenkens« sein, der aus der Wannsee-Villa, dem »Gestapo-Gelände« und der Gedenkstätte Deutscher Widerstand in der Stauffenbergstraße bestehen werde.

Der Blick in die 1980er Jahre zeigt, wie Politik und Gesellschaft erst mit langer Verzögerung Themen aufgriffen, die NS-Verfolgte bereits in den ersten drei Nachkriegsjahrzehnten vergeblich auf die politische Agenda zu bringen suchten. Als im Mai 2010 der Neubau der »Topographie des Terrors« eröffnet wurde, gestand Bundespräsident Horst Köhler: Das Gebäude zeuge davon, »welch langen Weg wir Deutschen in den Jahrzehnten seit 1945 im Umgang mit unserer Vergangenheit zurückgelegt haben – von der anfangs nur von wenigen Stimmen eingeforderten bis zu der inzwischen so selbstverständlich erscheinenden Bereitschaft, die Verbrechen der nationalsozialistischen Zeit aufzuklären und zu sühnen.« Angesichts dieser Würdigung des Wirkens von Überlebenden sowie der immer wieder betonten Bereitschaft zur Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit befremdet daher, dass die Bundesregierung es erst jüngst abgelehnt hat, die NS-Kontinuitäten des Bundeskanzleramtes durch eine eigene Historikerkommission aufarbeiten zu lassen. Die Opfer zu ehren ist einfach – ihre Aufklärungsarbeit fortzuführen scheint jedoch, selbst mehr als zwei Jahrzehnte nach dem Ende des Kalten Krieges, in einigen Fällen noch immer vielen zu unbequem zu sein.

 

Dr. Gerd Kühling ist Mitarbeiter der Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz und Mitglied im Vorstand des Vereins »Aktives Museum – Faschismus und Widerstand in Berlin e.V.« Er promovierte mit der Studie »Erinnerung an nationalsozialistische Verbrechen in Berlin. Verfolgte des Dritten Reiches und geschichtspolitisches Engagement im Kalten Krieg 1945–1979«, die kürzlich im Metropol Verlag erschien.

 

1    O. N., Mahnmal für Juden enthüllt, Taz, 28. 1. 1998.

2    Ernst Reuter, Ansprache auf der Gedenkfeier des Bezirksamtes Neukölln zum 10. Jahrestag der Vernichtung des Warschauer Ghettos am 19. April 1953, in: Hans E. Hirschfeld/Hans J. Reichhardt (Hrsg.), Ernst Reuter – Reden, Artikel, Briefe 1949–1953,Band IV, Berlin (West) 1975, S. 721.

3    Mitteilungsblatt der Jüdischen Gemeinde von Groß-Berlin, Oktober 1953.

4    Sabine Moller, Die Entkonkretisierung der NS-Herrschaft in der Ära Kohl. Die Neue Wache – Das Denkmal für die Juden Europas – Das Haus der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland, Hannover 1998, S. 13f.

5    Max Rieger, Öl auf die Lampe, Berliner Morgenpost, 4. 10. 1966.

6    O. N., Wiesenthal kritisiert Brandts Blumenstrauß, Tagesspiegel, 3. 10. 1966.

7    Zur Debatte um das Dokumentationszentrum siehe: Gerd Kühling, Erinnerung an nationalsozialistische Verbrechen in Berlin. Verfolgte des Dritten Reiches und geschichtspolitisches Engagement im Kalten Krieg 1945–1979, Berlin 2016, S. 366–499.

8    Joseph Wulf, Brief an Egon Bahr, 4. 9. 1966, in: Landesarchiv Berlin, B Rep. 002, Nr. 6354.

9    Uwe Schlicht, Gedenkstätte für das europäische Judentum, Tagesspiegel, 15. 11. 1987.

10  Akademie der Künste (Hrsg.), Diskussion zum Umgang mit dem »Gestapo-Gelände«, Berlin (West) 1986, S. 33.