Michael Herrmann, Johanna Kootz, Thomas Schaarschmidt und Josephine Ulbricht

Europäische Sommer-Universität Ravensbrück 15.–19. September 2008

Gedenkstättenrundbrief 147 S. 37-42

»Die Erinnerung an die Shoah an Orten ehemaliger Konzentrationslager in West- und Osteuropa. Geschichte, Repräsentation und Geschlecht«

Die Europäische Sommer-Universität Ravensbrück 2008 näherte sich dem Thema der Erinnerungen an die Shoah aus einer Vielzahl von Perspektiven.

Einerseits standen nationale Entwicklungen der Memorialkultur in den west- und osteuropäischen Staaten seit 1945 zur Debatte, andererseits ging es aber auch um die Frage transnationaler Deutungsmuster wie Heroisierungen und Viktimisierungen in den Darstellungen des Holocaust.

Nach der Begrüßung durch den Staatssekretär im Brandenburgischen Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur Dr. Johann Komusiewicz, die Leiterin der Gedenkstätte Dr. Insa Eschebach und die beiden Mitveranstalter Thomas Lutz (Stiftung Topographie des Terrors) und Dr. Marianne Zepp (Heinrich-Böll-Stiftung) führte der Medienwissenschaftler Prof. Dr. Frank van Vree (Universität Amsterdam) in das Thema der diesjährigen Sommer-Universität ein. Im Mittelpunkt seines Vortrags über die Auschwitz-Erinnerung in der europäischen Geschichtskultur stand die Frage nach den verschiedenen Etappen in der Repräsentation der Shoah vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zur Gegenwart. Für die Erinnerung in den Vierzigerjahren konstatierte er eine Kontinuität nationaler Traditionen, im Falle Polens eine Heroisierung, im Falle der Niederlande eine Einbettung der Holocaust-Erinnerung in das nationale Opfer-Narrativ. Erste Gegenstimmen gegen die nationalen Meistererzählungen stellte van Vree bereits für die Mitte der Fünfzigerjahre in Ost- und Westeuropa fest. Eine grundlegende Abkehr von den heroisierenden Narrativen und eine Thematisierung der Sinnlosigkeit des Opfers setzte aber erst in den Sechziger- und Siebzigerjahren mit dem Eichmann-Prozess, den Veröffentlichungen Raoul Hilbergs und der Darstellung der Shoah in Film und Fernsehen ein. Auch für diese Phase verwies van Vree auf zeitlich parallele Entwicklungen in West- und Osteuropa.

Cilly Kugelmann (Jüdisches Museum Berlin) sprach anschließend über die Geschichte der Erinnerung an die Shoah in Israel und den USA. Für Israel hob sie hervor, dass die Debatte um den Holocaust, den Umgang mit den Opfern und die Identifikation mit der Shoah als Gründungsmythos des Landes die Lager spalte. Für die USA verwies sie auf die Konflikte zwischen den verschiedenen Generationen jüdischer Einwanderer. Erst in den Achtzigerjahren kam es in den USA zu einer stärkeren Auseinandersetzung mit der Shoah und ihren jüdischen Opfern in Museen und Ausstellungen. Das korrespondiert mit der Entwicklung des Gedenkens in Israel, wo die Massenvernichtung erst vergleichsweise spät ein Thema des Schulunterrichts wurde. Kugelmann bedauerte, dass die Shoah im Unterricht noch immer ohne Zeitzeugen gelehrt wird, und kritisierte, dass neuere Ausstellungen keinerlei Vorstellungsästhetik aufwiesen und zu abstrakt mit dem Thema umgingen. Ihre Frage zum Schluss, was mit dem Gedenken passiere, wenn schon alles gesagt sei, ließ sie offen.

PD Dr. Susanne Lanwerd (Collegium Helveticum, Basel) gab einen Überblick über die Historiographie der Shoah in der Frauen- und Geschlechterforschung seit den späten Siebzigerjahren. Ausgangspunkt des wissenschaftlichen Interesses war die Hinwendung zu den weiblichen Überlebenden des Holocaust. In der Folge traten aber auch Fragen nach den Täterinnen, nach geschlechtsspezifischen Überlebensstrategien, nach der »Heimatfront« und der Bedeutung der Geschlechterordnung für die Funktionsfähigkeit der Gesellschaft im Krieg hinzu. Abschließend ging Lanwerd auf das Verhältnis von Gedächtnis und Geschlecht ein. Dabei verwies sie zum einen auf die große Nachhaltigkeit von Bildhaushalten, zum anderen auf die Tendenz zu einer Feminisierung in der Beschreibung der Gesellschaft im Nationalsozialismus als Strategie zur kollektiven Entlastung der Deutschen.

Der zweite Tag stand unter dem Thema »Orte und Repräsentationen« und begann mit einem Vortrag von Prof. Dr. Mechtild Gilzmer (TU Berlin) über Die Erinnerung an die Shoah in Frankreich, der die verschiedenen Etappen des Gedenkens seit 1944 beschrieb. Bis in die Sechzigerjahre dominierte der heroische Résistance-Mythos, in dem vorrangig die aus politischen Gründen Deportierten repräsentiert waren. Die jüdische Erinnerung passte sich diesem Narrativ weitgehend an, um nicht durch ein separates Gedenken an die Opfer der Shoah die von den Nationalsozialisten aus rassistischen Gründen erzwungene Ausgrenzung aus dem nationalen Kollektiv zu wiederholen. Im Kampf um die Deutungshoheit verstärkte de Gaulle das nationale, heroische Narrativ noch einmal in den Sechzigerjahren, indem er die Erinnerung an die Deportationen mit militärischen Repräsentationen überschrieb. Unter dem Einfluss von Massenmedien und zivilgesellschaftlichen Initiativen setzte in den Siebzigerjahren eine Hinwendung zu den jüdischen Opfern und zur Verstrickung der französischen Gesellschaft in die Kollaboration ein, die an Gedenkorten wie dem Denkmal am Vel d’Hiv und anderen Deportationslagern Ausdruck fand. Diese Neuorientierung führte dazu, dass heute auch ältere Denkmale wie das Denkmal für die Deportierten auf der Ile de la Cité als Gedenkort für die Opfer der Shoah wahrgenommen werden.

Den zweiten Teil des Vormittags bestritt die Soziologin Dr. Éva Kovács (Ungarische Akademie der Wissenschaften) mit einem Vortrag zum Thema der Shoah im sozialen Gedächtnis Ungarns. Anhand einer Unterteilung in drei Phasen 1945–1948, 1948–1990 und 1990 bis 2002 zeigte sie Entwicklungen in der ungarischen Erinnerungskultur auf, wobei der Fokus auf der Diskrepanz zwischen der ungarisch jüdischen und nicht-jüdischen Erinnerung lag. Während die erste Phase den Bruch in den Identitäten und den Erinnerungen markiert, der von kontroversen Auseinandersetzungen mit der Judenverfolgung, starken antisemitischen Manifestationen sowie Pogromen begleitet gewesen ist, kam es in der zweiten Phase zu einer Tabuisierung des Holocaust, die durch die Mythenbildung in den Sechzigerjahren abgelöst wurde. Kovács hob hervor, dass die Geschichtspolitik ein Bild von Ungarn als Opfer des Nationalsozialismus entwarf, in dem die Verfolgung und Ermordung der ungarischen Juden nur als ein Teil der Leiden des ungarischen Volkes wahrgenommen wird. Mit dem Systemwechsel zu Beginn der Neunzigerjahre setzte eine neue Flut von Erinnerungen ein, die neben den Opfern des Stalinismus auch die Opfer der Shoah sichtbar machte und gleichzeitig die Emanzipation der Juden in Ungarn förderte. Dennoch wurde bis heute das Gedächtnis der Shoah kaum in das kollektive Gedächtnis der ungarischen Nation übernommen, wofür die Soziologin die Dichotomie der Holocaust-Erinnerung und der Kommunismus-Erinnerung sowie die kaum thematisierte Täterrolle Ungarns als Gründe anführte.

Am Nachmittag wurde das Thema in Arbeitsgruppen vertieft. Eine von Christian Ganzer geleitete Runde diskutierte anhand von Fotografien Opfer- und Heldendarstellungen in Museen und Gedenkstätten in Belarus. In seinem Einführungsvortrag machte Ganzer deutlich, dass zwei Hauptnarrative für Belarus kennzeichnend sind: die Heroisierung des Mythos von der »Brester Festung« und der »Große Vaterländische Krieg«. Mit dem Erhalt der eigenen Nationalstaatlichkeit musste im Zuge der Identitätsbildung der Staat mit Geschichte gefüllt werden, wobei man auf die sowjetischen Mythen und den Verweis auf Belarus als Partisanenrepublik zurückgriff. Das Gedenken an Helden und Opfer wird dominiert von der Sinnstiftung einer »patriotischen Erziehung« der Bevölkerung. Die Shoah wurde lange Zeit als Ermordung »friedlicher Sowjetbürger« gehandelt, was auch in der Auseinandersetzung mit den Darstellungen auf den Fotos deutlich wurde. So konnte festgestellt werden, dass die Errichtung von Denkmälern für die Opfer der Shoah vorwiegend in den Neunzigerjahren einsetzt, wobei sie sich in ihrer geringen Monumentalität und Qualität wesentlich von den Heldendenkmälern unterscheiden. In den Museen kommt dem »Großen Vaterländischen Krieg« noch immer der zentrale Platz in der Erinnerungskultur in Belarus zu.

Eine von Dr. Insa Eschebach geleitete Arbeitsgruppe Vergangenheitspolitik und Erinnerungsgeschichte thematisierte die Darstellung der Frauen und insbesondere der Mütter in der Denkmalslandschaft. In ihrem einführenden Referat verglich Insa Eschebach das Mahnmal »Tragende« (Will Lammert) in Ravensbrück mit der Figurengruppe von Fritz Cremer im ehemaligen Konzentrationslager Buchenwald. Die »Tragende« stehe dank ihrer karitativen Haltung im Gegensatz zu Darstellungen heroischer Männlichkeit, die häufig Widerstand und Auflehnung auszudrücken scheinen. Bis in die Achtzigerjahre gab es kein Gedenken an die jüdischen Opfer in Ravensbrück, wo vorrangig die antifaschistischen Widerstandskämpferinnen als »Gründungsmütter der sozialistischen Nation« geehrt wurden. Die Erinnerung an die Shoah setzte erst ab Mitte der Achtzigerjahre im Zuge einer Pluralisierung des Gedenkens in der DDR ein. Heute werde Ravensbrück durchaus als Ort der Judenverfolgung wahrgenommen. Susanne zur Nieden und Silvija Kavčič stellten die Ergebnisse ihrer Studie zum jüdischen Gedenken seit den Siebzigerjahren in den KZ-Gedenkstätten der DDR dar. Ausgangspunkt der Betrachtungen war die These, dass die Erinnerung an die jüdischen Verfolgten seit dem Verbot der VVN 1949 behindert wurde. Mit der Erosion des antifaschistischen Narrativs in den Achtzigerjahren konnten sich neue Ansätze eines jüdischen Gedenkens entfalten.

Die Vorträge und Arbeitsgruppen des dritten Tages widmeten sich dem Thema Orte und Autorisierungen. In ihrem einführenden Vortrag sprach Prof. Dr. Sara Horowitz (York University, Toronto) unter dem Titel Belated Holocaust Memoirs and the Ambiguities of Mothers über die Beziehungen von Müttern und Töchtern, welche die Shoah überlebt haben. Dabei unterschied Sara Horowitz drei Varianten: Zum einen den Wunsch der Tochter, hinter die verborgene Geschichte der Mutter zu kommen, wenn sie selbst erst nach dem Krieg geboren wurde, zum zweiten die Idealisierung und Mystifizierung der Beziehung, wenn die Mutter den Krieg nicht überlebt hatte, und drittens die Möglichkeit, sich mit größerem zeitlichen Abstand nuancierter und freier über die gemeinsamen Erlebnisse der Shoah auseinander setzen zu können, wenn beide den Krieg überlebt hatten. Erst in den letzten Jahren, nachdem die Generation der Mütter gestorben war, brachen die meisten Töchter ihr Schweigen. Sara Horowitz’ Vortrag entmystifizierte die bestehende Heroisierung der Tochter-Mutter-Beziehungen in der Erinnerung an die Shoah und zeigte auf, dass Leiden nicht edel macht, sondern positive wie negative Züge bloßlegen kann.

Unter dem Titel Femina Sacra. Gender, Grief and Political Violence befasste sich der Vortrag der Soziologin Dr. Ronit Lentin (University of Dublin) mit weiblichen Formen der Erinnerung an den Holocaust am Beispiel Transnistriens. Ausgangspunkt war Giorgio Agambens Konzept des »homo sacer« als dem der souveränen Macht des Staates ausgelieferten Menschen. Für die in der Zwangssituation des Lagers als minderwertig deklassierten Frauen hatte dieser Status nicht nur Konsequenzen für ihre Verfolgung, sondern auch für die Erinnerung an ihr Leiden. Obwohl der Tod der nach Transnistrien deportierten rumänischen Juden von den Überlebenden als schlimmer wahrgenommen wurde als der Massenmord in Auschwitz, hielten die Tabuisierung der Ereignisse in Rumänien und die eigene Scham über die erlebte Verletzlichkeit und Hilflosigkeit sie lange Zeit davon ab, über ihre Erfahrungen zu sprechen. Da sich die Erinnerungen von weiblichen Überlebenden in der Regel weniger als männliche Erinnerungen in lineare Narrative und Erinnerungsstereotype einpassen, stellen sie diese als »Gegenerzählungen« in Frage.

In der Arbeitsgruppe der österreichischen Ethnologin und Soziologin Dr. Helga Amesberger (Institut für Konfliktforschung, Wien) Zur Geschichte und Zukunft der Lagergemeinschaften. Die österreichischen Lagergemeinschaften Ravensbrück und Mauthausen als Beispiele wurde die Frage nach der Zukunft von Lagergemeinschaften diskutiert. Anhand der beiden österreichischen Lagergemeinschaften wurde zunächst auf ihre Entstehung und Geschichte eingegangen sowie auf ihre Fortführung ohne die ehemals Verfolgten. Bereits in der Diskussion zeigten sich verschiedene Ansichten darüber, ob sogenannte »FreundInnen« die Legitimation besitzen, die Lagergemeinschaften fortzusetzen und diese innerhalb von Gremien zu vertreten, oder ob dies ausschließlich den Überlebenden bzw. ihren Nachkommen vorbehalten sein sollte. Im Fall der österreichischen Lagergemeinschaft Ravensbrück entschieden sich die ehemaligen Verfolgten dafür, FreundInnen in die Lagergemeinschaft aufzunehmen. Mit einer Präambel in den Statuten der Lagergemeinschaft wird den NachfolgerInnen, die als politische Vertretung der Überlebenden agieren sollen, eine Richtung für ihr zukünftiges Handeln vorgegeben.

Mit dem Thema Italienische Lagergemeinschaften. Gedenken, Opferkonkurrenzen und Geschlecht befasste sich eine weitere Arbeitsgruppe unter Leitung Paola Bertilottis (Sciences-Po, Paris). Nach 1945 unterstützten die noch faschistisch geprägten staatlichen Instanzen in Italien weder die Repatriierung der Deportierten, noch akzeptierten sie ihre Zuständigkeit hinsichtlich der gesundheitlichen, psychischen und materiellen Notlagen der KZ-Überlebenden. Die Selbstorganisation bildete die einzige Möglichkeit der ehemaligen KZ-Häftlinge, ihre Anliegen gegenüber dem Staat und anderen Interessengruppen zu vertreten. Die unmittelbar nach Kriegsende gegründeten Organisationen sahen sich mit der Aufgabe konfrontiert, ihren Mitgliedern bei der Reintegration in ein ›normales‹ Leben zu helfen und zugleich die Verantwortung für die Dokumentation der Deportationen, für die Bewahrung der Erinnerung und die Würdigung der Toten zu übernehmen. Anhand verschiedener Texte konnte herausgearbeitet werden, dass die Überlebenden als italienische Bürger und als Opfer antisemitischer Rassenpolitik Anerkennung und Gleichstellung beanspruchten. Nur vor dem Hintergrund der Prioritätensetzung für eine ›nationale Versöhnung‹ und der vergangenheitspolitischen Intentionen der Parteienpolitik unter den Bedingungen des Kalten Krieges wurde nachvollziehbar, dass – ungeachtet der bereits in den ersten Nachkriegsjahren veröffentlichten Erinnerungsberichte und Dokumentationen – erst 20 Jahre nach Kriegsende eine Tradition nationalen Gedenkens begründet wurde, an der auch die Organisationen der Ex-Deportierten beteiligt waren.

Der Tag schloss mit einer von Dr. Insa Eschebach und Dr. Andrea Genest (Zentrum für Zeithistorische Forschung, Potsdam) geleiteten Podiumsdiskussion, in der Prof. Dr. Mechtild Gilzmer (Technische Universität, Berlin), Sarah Helm (London), Dr. Rochelle G. Saidel (Remember the Women Institute, New York) und Dr. Susanne Y. Urban (Yad Vashem, Jerusalem) über Das Ravensbrück-Gedächtnis in den USA, Frankreich, Israel und Großbritannien diskutierten. Dabei wurden Unterschiede festgestellt, deren Ursachen vor allem in den verschiedenen historischen und politischen Ausgangssituationen der einzelnen Länder zu suchen sind. Während Ravensbrück in Großbritannien allenfalls durch den Hamburger Ravensbrück-Prozess von 1946/47 und in Ravensbrück internierte britische Agentinnen bekannt ist, spielten die französischen Ravensbrückerinnen schon unmittelbar nach Kriegsende eine große politische Rolle. In den USA und Israel wuchs das öffentliche Interesse an der Geschichte des Frauenkonzentrationslagers Ravensbrück hingegen erst in den letzten zehn Jahren, obgleich in beiden Ländern zahlreiche Frauen und Männer lebten und leben, die in Ravensbrück inhaftiert waren.

Der vierte Tag der Sommer-Universität galt dem Thema Transformationen memorialer Praxis. Er wurde von Dr. Jean Michel Chaumont (Université catholique de Louvain) mit einem Referat über The Aporetic Challenge to Heroize »passive« Victims: Aimé Césaire and Elie Wiesel or Why was the Claim to Uniqueness a Need of Moral Reconstruction eingeleitet. Chaumont stellte dabei die Kolonialkritik Aimé Césaires den Positionen Elie Wiesels gegenüber. Césaire hatte die Shoah als Deutungsmuster für die Sklaverei genutzt und die europäischen Kolonien in Amerika und Afrika als ein »allumfassendes Konzentrationslager« beschrieben. Er behauptete, dass die Schwarzen nur durch die Vorstellung der Freiheit und die Güte untereinander überlebt hätten. Wiesel habe die Begriffe Scham und Stolz in die Diskussion eingebracht. Im Gegensatz zu Césaire betonte er, dass der Holocaust mit keinem anderen geschichtlichen Ereignis vergleichbar sei. Juden sollten seiner Meinung nach stolz sein auf den Holocaust als »greatest event«.

In ihrem Vortrag Zwischen Heroisierung und Viktimisierung. Anmerkungen zur visuellen Erinnerungskultur diskutierte die Berliner Kunsthistorikerin Dr. Katrin Hoffmann-Curtius am Beispiel verschiedener bildlicher Darstellungen Fragen nach der Repräsentation des Jüdischen und dem möglichen Einfluss antisemitischer Stereotypen, nach dem Verhältnis von Geschlecht und einer Hierarchisierung der Opfer in den Kunstwerken, nach dem, was nicht in Bilder gefasst wird, und nach möglichen Kontinuitäten der Bildsprache nach 1945. Dabei kontrastierte sie naturalistische Darstellungen und heroisierende Repräsentationen wie Nathan Rapoports Warschauer Ghetto-Denkmal von 1948 mit der Abstraktion in den Werken Picassos und Fautriers. Während die Heldin auf Rapoports Denkmal wie eine Amazone dargestellt ist, verweisen Fautriers Bilder gerade auf die Zerstörung des weiblichen Körpers. Andere Denkmäler der Nachkriegszeit zeigen Frauen vor allem als »Trauernde« oder »Tröstende«. In der Diskussion wurde die Frage nach Traditionen der Repräsentationsformen nach 1945 aufgegriffen und dabei der nachhaltige Einfluss Arno Brekers auf die Denkmale der Résistance in Frankreich angesprochen.

Eine Arbeitsgruppe befasste sich unter Leitung des Krakauer Soziologen Prof. Dr. Marek Kucia (Jagiellonen-Universität) mit den Repräsentationen von Auschwitz in Polen von 1945 bis zur Gegenwart. Im Mittelpunkt stand die Repräsentation der Shoah in Literatur und Film und in der Gedenkstätte Auschwitz. Galt »Auschwitz« bis Ende der Sechzigerjahre als Symbol der Einheit der polnischen Nation und danach als Mahnmal des Friedens in der Blockkonfrontation des Kalten Krieges, so wird Auschwitz in der heutigen Ausstellung als zentraler Ort des Judenmords thematisiert. Mit Rücksicht auf die vor 1989 kanonisierte Opferzahl von 4 Millionen wurde in der Neugestaltung darauf verzichtet, die unserem heutigen Kenntnisstand entsprechende Zahl der 1,35 Millionen nach Auschwitz Deportierten explizit zu nennen. Neben den Filmen der Achtziger- und Neunzigerjahre wie »Kornblumenblau«, »Shoah« und »Schindlers Liste« sind es vor allem frühe literarische Verarbeitungen der Holocaust-Erfahrung wie die von Tadeusz Borowski und Zofia Nałkowska, die bis heute die polnische Erinnerung an Auschwitz bestimmen.

Die Sitzung der Arbeitsgruppe Darstellung von Häftlingen in modernen Gedenkstätten – Ausstellungen in Deutschland begann mit einem Referat von Thomas Lutz (Gedenkstättenreferat der Stiftung Topographie des Terrors) über die Gedenkstättenlandschaft, ihre Kosten und das neue Gedenkstättenkonzept der Bundesregierung. Dieses strebe eine engere Zusammenarbeit und eine weitere Professionalisierung der 19 wichtigsten NS-Gedenkstätten an, berge aber andererseits die Gefahr einer stärkeren politischen Einflussnahme. Lutz nannte die Neunzigerjahre »das Jahrzehnt der Gedenkstätten« und sprach von einem positiven Trend. Dennoch sei es weiterhin notwendig, an gemeinsamen Zielstellungen zu arbeiten. Ein kritisches selbstbestimmtes Bild, die Darstellung aller Opfergruppen und die Probleme oftmals moralisierender Ausstellungsansätze waren Themen der Diskussion. Abschließend setzte sich Lutz mit der Bedeutung von Bildern, Dokumenten und Artefakten in den neueren Ausstellungskonzeptionen und den Gründen für eine stärkere Individualisierung und Abstraktion in der Präsentation auseinander.

Die 4. Europäische Sommer-Universität Ravensbrück schloss im Jüdischen Museum Berlin mit einer von Dr. Marianne Zepp geleiteten Podiumsdiskussion, in der Cilly Kugelmann, der Erziehungswissenschaftler Prof. Dr. Micha Brumlik (Universität Frankfurt/Main), der Bundestagsabgeordnete der Grünen Jerzy Montag und der Berliner Psychoanalytiker Yigal Blumenberg über das Thema Trauma, Erinnerung und öffentliche Gedenkpolitik. Über die Zukunft des Erinnerns debattierten.

 

Michael Herrmann studiert an der Universität Leipzig Mittlere und Neuere Geschichte im Hauptfach sowie Journalistik und Ethnologie im Nebenfach.

Johanna Kootz, Soziologin, war bis 2005 als wissenschaftliche Mitarbeiterin und Dozentin an der FU Berlin, Zentraleinrichtung Frauen- und Geschlechterforschung tätig.

Thomas Schaarschmidt ist Privatdozent für Neuere und Zeitgeschichte an der Universität Leipzig und arbeitet seit 2004 am Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam.

Josephine Ulbricht studiert an der Universität Leipzig Mittlere und Neuere Geschichte im Hauptfach sowie Klassische Archäologie und Journalistik im Nebenfach.