Gedenkarbeit in Rheinland-Pfalz - 10 Jahre Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS‑Zeit in Rheinland-Pfalz
Gedenkstättenrundbrief 162 (8/2011) S. 46-47Mehr als fünfzig Ehrenamtliche in der rheinland-pfälzischen Gedenkarbeit sowie Vertreter der Politik trafen sich im April in Alzey zur Mitgliederversammlung und Jubiläumsfeier der Landesarbeitsgemeinschaft (LAG) der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit in Rheinland-Pfalz. Die LAG feierte ihr zehnjähriges Bestehen in der Rheinhessen-Fachklinik für Psychiatrie, Psychotherapie und Neurologie.
1991 hat die Landesregierung die Gedenkarbeit, die Pflege von Gedenkstätten und die Aufklärungsarbeit über den Nationalsozialismus zu einem Schwerpunkt ihrer Arbeit erklärt. Die Landeszentrale für politische Bildung Rheinland-Pfalz wurde mit der Umsetzung dieser Arbeit betraut und hat daraufhin im Jahre 1993 mit dem Ausbau der beiden landeseigenen KZ-Gedenkstätten in Osthofen und Hinzert begonnen.
Am 1. April 2001 wurde mit Hilfe der Landeszentrale für politische Bildung die »Landesarbeitsgemeinschaft der Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen zur NS-Zeit in Rheinland Pfalz« in Mainz gegründet. Der seit 2001 amtierende Vorsitzende des Sprecherrates der LAG, Dieter Burgard, Bürgerbeauftragter des Landes, wurde für zwei weitere Jahre wiedergewählt. Burgard nannte den Zuwachs der Mitgliedsorganisationen von 19 im Jahr 2001 auf heute 47 den sichtbaren Ausdruck einer Erfolgsgeschichte. Hans-Georg Meyer, der damalige Direktor der Landeszentrale für politische Bildung und ehrenamtlich in der Gedenkarbeit engagiert, gab mit Thomas Lutz von der Stiftung »Topographie des Terrors« Berlin im Jahr 2001 den Impuls für die Gründung der LAG. Vorausgegangen waren 20 Informationstagungen zur Gedenkarbeit, die seit 1992 mit der Vorlage der Gedenkstättenkonzeption der Landesregierung regelmäßig die ehrenamtlich Tätigen und die beiden landeseigenen Gedenkstätten KZ Osthofen und KZ Hinzert mit einbezogen.
Aufgabe des LAG-Netzwerkes sind die Initiierung von Austausch, gegenseitige Unterstützung und Kooperation sowie Ansprechpartner gegenüber den politisch Verantwortlichen und Sprachrohr in der Öffentlichkeit zu sein. Mit einem Budget von 8000 Euro aus Landesmitteln können kleinere Projekte vor Ort und die Arbeit der LAG, unter anderem Tagungen und die Homepage finanziert werden.
Kontinuierlich und beharrlich wirkte die LAG auf Landesebene an Vorhaben mit, die die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus wach halten. So waren die Neufassung des Landesarchivgesetzes, die Errichtung der Gedenkstätte am Ort des ehemaligen KZ Hinzert, die grenzüberschreitende Zusammenarbeit mit Frankreich und Luxemburg, die Forschungsgruppe zu Zwangssterilisationen und Krankenmord, der Erhalt ehemaliger Synagogen sowie die Landestagungen der LAG der Stolpersteininitiativen markante Punkte der Bilanz.
»Wenn es sie nicht schon gäbe, müssten wir diese Landes-AG heute noch gründen«, stellte Burgard mit Genugtuung fest. Positiv ist nach der Wahl zum Landtag, so der ehemalige Abgeordnete, auch festzuhalten, dass Rechtsextreme 30 % ihrer Stimmen im Land verloren haben und nun insgesamt bei 1,9 % liegen. Erfreulich sind der Neubau der Mainzer Synagoge und auch die Bautätigkeit für eine neue Synagoge in Speyer.
Partner und »Geburtshelfer« von der Landeszentrale für politische Bildung, wie der Direktor Dr. Dieter Schiffmann und der Gedenkstättenreferent Uwe Bader, gehörten zu den Gratulanten.
Das Hauptreferat der Tagung hielt Dr. Thomas Lutz von der Stiftung »Topographie des Terrors«. Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen sah er als zwei Säulen der Gedenkarbeit. Gerade die Initiativen hätten sich in den letzten Jahrzehnten durch ortsbezogene Geschichtsvermittlung profiliert. Gemäß dem Aufruf des schwedischen Buchautors Sven Lindqvist »Grabe wo Du stehst« hätten bürgerschaftlich Engagierte in vielen Orten die Auseinandersetzung mit der NS-Zeit bewirkt. Dabei erführen sie wachsende Anerkennung als Partner der Politik. Sie leisteten wirkliche Versöhnungsarbeit, indem sie die Erinnerung an »die Anderen«, die Ausgegrenzten wach hielten – an Frauen, Männer und Kinder, die als Ausländer, Bürger jüdischen Glaubens, Künstler, bekennende Christen, Zeugen Jehovas, Sinti und Roma, Homosexuelle oder politische Widerständige verfolgt waren – und damit trügen sie zur Öffnung unserer Gesellschaft hin zu einem demokratischen und pluralistischen Gemeinwesen bei. Zukünftige Aufgaben der Erinnerungsarbeit sah Lutz in dem nötigen Wissenstransfer der älteren, erfahrenen Aktiven hin zur jüngeren Generation und dem vorhandenen Fort- und Weiterbildungsbedarf. Angesichts einer sich verändernden, immer multikultureller werdenden Gesellschaft bestünde auch Bedarf an einer praxisbegleitenden Reflexion und Supervision der Aktiven.
Nach dieser inhaltlichen Arbeit begrüßten die Versammelten drei neue Mitgliedsorganisationen in ihrer Runde: den Bezirksverband Pfalz, das Unabhängige Kommunikationszentrum an der Uni Mainz e.V. und die Arbeitsgemeinschaft »Juden im Alzeyer Land«.
Ebenfalls drei Neue wählte die Versammlung in den Sprecherrat der Landes-AG: Ramona Dehoff vom Förderverein Projekt KZ Osthofen e.V., Christof Pies vom Förderkreis Synagoge Laufersweiler e.V. und Joachim Stöckle vom Bezirksverband Pfalz. Wiedergewählt wurden neben Dieter Burgard (Förderverein Gedenkstätte KZ Hinzert e.V.) als Vorsitzendem auch sein Stellvertreter, Joachim Hennig (Förderverein Mahnmal für die Opfer des Nationalsozialismus in Koblenz e.V.). Für Kontinuität bürgen auch die gewählten Beisitzer Hans-Eberhard Berkemann (Förderverein Synagoge Sobernheim), Eberhard Dittus (Förderverein »Gedenkstätte für die NS-Opfer in Neustadt e.V.«), Renate Rosenau (AG Psychiatrie im Nationalsozialismus Alzey sowie AG Juden im Alzeyer Land) und Thomas Zuche (AK »Trier im Nationalsozialismus« der AG Frieden e.V.). Dem ausgeschiedenen Sprecherrats- und Gründungsmitglied Heribert Fachinger vom Förderverein Projekt KZ Osthofen e.V. dankte Burgard für seine engagierte Arbeit. Sie alle stehen dafür, dass die Gedenkarbeit in den verschiedenen Regionen von Rheinland-Pfalz verankert ist und kompetent auf Landesebene vertreten wird. Weitere Informationen unter www.lagrlp.de.


