Lutz Kaelber

Gedenken an die NS-»Kindereuthanasie« – das Fallbeispiel der Landesheilanstalt Eichberg

Gedenkstättenrundbrief 161 S. 14-24

Bei der nationalsozialistischen »Kinder- und Jugendlicheneuthanasie« handelt es sich um ein in der Menschheitsgeschichte einmaliges Programm, eine sozialdarwinistische Vision einer Gesellschaft durch systematischen Mord an behinderten Kindern und Jugendlichen zu verwirklichen

In eigens dafür eingerichteten »Kinderfachabteilungen« ging es den Tätern darum, »lebensunwertes« Leben schon kurz nach der Geburt oder beim Aufwachsen zu vernichten. Im Rahmen eines vom Autor durchgeführten Forschungsprojektes zur Erinnerung an die NS-»Euthanasie«-Verbrechen und ihre Opfer wird im Folgenden auf die Erinnerungsgeschichte am Ort einer dieser »Kinderfachabteilungen« in der Landesheilanstalt Eichberg eingegangen. Danach werden aus dieser Analyse generelle Folgerungen für den geschichtlich-kulturellen und Gedenkstätten-pädagogischen Umgang mit dieser Art von NS-Verbrechen abgeleitet1.

 

Die »Kinderfachabteilung«

Die »Kinderfachabteilung« in der Landesheilanstalt Eichberg, in der Nähe der Stadt ­Eltville (bei Wiesbaden) gelegen, wurde im März oder Anfang April 1941 eingerichtet und bestand bis März 1945. Der Direktor der Landesheilanstalt war Dr. Friedrich ­Mennecke, der auch für die so genannte »T4«-Aktion (dem Gasmord an hospitalisierten, größtenteils erwachsenen Psychiatriepatienten) als Meldebogengutachter tätig war. Sein Stellvertreter, Dr. Walter Schmidt, war für die »Kinderfachabteilung« als deren Leiter verantwortlich. Mit seiner Einberufung zur Wehrmacht im Januar 1943 blieb Dr. Mennecke zwar noch nominell der Leiter der Anstalt, de facto wurde diese ab dann unter der Leitung von Dr. Schmidt geführt2.

Mehr als 500 Kinder und Jugendliche starben während des Bestehens der »Kinderfachabteilung« auf dem Eichberg. Nach konservativer Einschätzung wurde die überwiegende Mehrheit von ihnen wahrscheinlich ermordet3, wobei die Zahl der Opfer realistisch aber auf mindestens 430 geschätzt wird4. Es gab auch Kinder, die zuvor an der Heidelberger Psychiatrischen Universitätsklinik unter Carl Schneider untersucht worden waren, um danach zur Tötung auf den Eichberg gesandt zu werden. Ihre Gehirne wurden anschließend nach Heidelberg zu Forschungszwecken in Verbindung mit der »Euthanasie« zurückgeschickt5. Am Eichberg fanden zudem Schulungen von »Euthanasie«-Ärzten, wie etwa von Dr. Magdalena Schütte, der Leiterin der Stuttgarter »Kinderfachabteilung«, statt6. Zur Unterbringung der »Kinderfachabteilung« wurde ein bestehendes Gebäude als Kinderbaracke in Betrieb genommen. Sie beherbergte die jüngeren Kinder, während die Kinder im Alter von mehr als neun Jahren mit erwachsenen Patienten auf anderen Stationen untergebracht waren7. Die Kinderbaracke, die eine gewisse Randlage auf der Anlage hatte, existiert heute nicht mehr.

 

Aufarbeitung nach dem Ende der NS-Herrschaft

Bereits im Dezember 1946 kam es bezüglich des Patientenmordes auf dem Eichberg in Frankfurt/M. zum Prozess. Zuvor hatte in Berlin ein deutsches Gericht im Verfahren bezüglich der »Euthanasie«-Morde in der Heil- und Pflegeanstalt Meseritz-Obrawalde gegen die Angeklagten, Oberärztin Dr. Hilde Wernicke und die Krankenpflegerin Helene Wieczorek, wegen hundertfachen Mordes zum Tode verurteilt. Das Urteil wurde im Januar 1947 auch vollstreckt8. Dr. Mennecke wurde wegen seiner Tätigkeiten im Rahmen des »T4«-Programms, der Verlegung von Patienten in die Tötungsanstalt Hadamar und der Ermordung von erwachsenen Patienten vor Ort (etwa 2 300 Menschen starben auf dem Eichberg in der Zeit des Zweiten Weltkrieges), und expressis verbis auch angesichts seiner Rolle in der »Kindereuthanasie« zum Tode verurteilt. Er verstarb 1947 an Tuberkulose, bevor das Urteil vollstreckt werden konnte9. Im gleichen Prozess gab Dr. Schmidt zu, zwischen 30 und 40 Kinder persönlich getötet zu haben. Die ihm direkt unterstehende Oberschwester Helene Schürg gestand ihrerseits die Tötung von 30 bis 40 Kindern auf seine Anordnung hin. Sie erklärte, dass über 500 Kinder in die »Kinder­fachabteilung« eingewiesen worden waren, von denen 200 aktiv getötet wurden. Auch der Stationspfleger Andreas Senft gab zu, bei der Tötung von Kindern mitgewirkt zu haben. Dr. Schmidt wurde zunächst zu lebenslangem Zuchthaus, im Berufungsverfahren 1947 dann zum Tode verurteilt. In sukzessiven Begnadigungsaktionen wurde seine Strafe 1949 auf lebenslänglich, 1951 in 10 Jahr Haft umgewandelt, bevor er 1953, als ihm zugeschrieben wurde, in Haft eine Heilung für Kinderlähmung gefunden zu haben, auf öffentlichen Druck entlassen wurde.

Trotz entzogener Approbation übte er noch jahrelang in der Gegend von Hattenheim (einem Nachbarort Eltvilles) seinen Beruf als Arzt aus. Da auch Schürg und Senft, die zu acht bzw. vier Jahren Zuchthaus verurteilt wurden, vorzeitig aus der Haft entlassen wurden, war von der Hauptbeteiligten am Eichberger Kindermord ab Mitte der 1950er Jahre keiner mehr im Gefängnis.

Die besondere Darlegung des Kindermordes im Rahmen des »Reichsausschussverfahrens« auf dem Eichberg während des Prozesses im Jahre 1946 hatte zur Folge, dass in wissenschaftlichen Publikationen von nun an der Eichberg als eindeutig identifizierte Stätte der »Kindereuthanasie« ausgewiesen war. So spielte etwa in dem von Alice Platen-Hallermund in Jahre 1948 veröffentlichten Buch »Die Tötung Geisteskranker in Deutschland« der Kindermord auf dem Eichberg eine prominente Rolle. Die öffentliche Unterstützung einer Begnadigung von Dr. Schmidt kann als eine kommunale Reaktion auf Publikationen wie der von Platen-Hallermund verstanden werden.

Die Heilanstalt hatte nachweislich infolge der Studie einen schlechten Ruf 10, was für manche ganz und gar nicht zum Selbstverständnis der Region gepasst haben mag. Wiewohl im Jahr 1949 noch anlässlich der Hundertjahrfeier der Anstalt sowohl der Anstaltsdirektor als auch der sich nachhaltig für ein Nichtvergessen der NS-Gräuel einsetzende Dezernent für die Landesheilanstalten, Friedrich Stöffler, auf die »Euthanasie«-Morde auf dem Eichberg hinwiesen11, scheinen jene dann recht schnell aus dem öffentlichen Gedächtnis verschwunden zu sein. Dies geschah trotz vorhandener Berichte in den 1950er und 1960er Jahren auf dem Eichberger Kindermord in der Presse wie auch in wissenschaftlichen Veröffentlichungen, etwa im Hinblick auf die Begnadigung des verurteilten T4-Vergasungsarztes Hans Bodo Gorgaß, dessen Straferlass mit dem des Kindermörders Schmidt verglichen wurde12. 1968 veröffentlichten ersten Band der Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen waren die Strafurteile zu Eichberg enthalten13.

Als sich dann in den frühen 1980er Jahren eine Gruppe von Schülern mit ihrem Lehrer Horst Dickel im Rahmen einer Projektwoche und eines sich daraus ergebenden Beitrags zum Geschichtswettbewerb des Bundespräsidenten »Jugendliche forschen vor Ort« mit dem Thema »Euthanasie« auf dem Eichberg befasste, wurde den Schülern von der Anstaltsleitung mitgeteilt, dass dieser die Veröffentlichung der Eichberg Urteile nicht bekannt sei14. Eine ähnliche Amnesie fand die Gruppe bei älteren Bewohnern der Städte und Dörfer rund um den Eichberg vor, die zwar nach eigenen Angaben generell wussten, dass Eichberg eine Zwischenanstalt für Hadamar war, nicht aber, dass auch auf dem Eichberg selbst im Rahmen der dezentralen »Euthanasie« Patienten ermordet wurden. Vom Kindermord in einer »Kinderfachabteilung« wollte keiner etwas gewusst haben. Vielen der Angesprochenen war es sogar lästig, über die NS-Vergangenheit der Region überhaupt befragt zu werden15.

Es gibt Gründe, diesem angeblichen Nichtwissen mit Skepsis zu begegnen. Jedenfalls bemerkt der in der Gegend aufgewachsene Historiker Markus Kreitmair in seiner Arbeit zur Geschichte des Kindermordes auf dem Eichberg16, dass die Ankunft von so vielen Kindern am kleinen Bahnhof in Hattenheim nicht unbemerkt vor sich gegangen sein kann, und sicherlich verbreiteten sich Informationen über solche Vorgänge und darauf aufbauende Gerüchte schnell in dieser ländlichen Gegend. Jedenfalls wurden, wie er berichtet, Eltern von Kindern in der Gegend von Dorfbewohnern mit dem ominösen Hinweis gewarnt, dass auf dem Eichberg Kinder nach der Einweisung medizinischen Forschungszwecken zugeführt würden17.

Die Untersuchungen der Schülergruppe und die sich daran anschließende Publikationen von Horst Dickel18 läuteten eine eingehende wissenschaftliche Beschäftigung mit der »Euthanasie« auf dem Eichberg ein, für die es von ihrem Umfang her für die meisten anderen »Kinderfachabteilungen« kaum Vergleichbares gibt. Diese Untersuchungen finden sich in einer Reihe von Büchern, Aufsätzen, einer Dissertation und zwei Diplomarbeiten und wissenschaftlichen Dissertationen und Seminararbeiten19, einschließlich einer Anfang der 1990er Jahre erstellten ersten Analyse der noch vorhandenen Krankenakten20, von denen noch zuvor von der Anstaltsleitung gegenüber der Gruppe um Horst Dickel noch behauptet worden war, solche gebe es nicht mehr. Hinweise auf die Existenz solcher Akten hatten sich ergeben, als die Gedenkstätte Hadamar in Vorbereitung auf die dortige Dauerausstellung »Verlegt nach Hadamar« nach Informationen über auf dem Eichberg verstorbene Kinder suchte21 und solche dann in die Wanderausstellung »Euthanasie in Hadamar. Die nationalsozialistische Vernichtungspolitik in hessischen Anstalten« integrierte. Zum Anlass des 150-jährigen Bestehen der Klinik wurde im Rahmen der Historischen Schriftenreihe des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen eine Schrift veröffentlicht, die sich unter dem Titel »Wissen und Irren. Psychiatriegeschichte aus zwei Jahrhunderten – Eberbach und Eichberg« eingehend mit der NS-Vergangenheit der Institution beschäftigte22 und aus der eine gleichnamige Wanderausstellung hervorging, in der auch dezidiert auf die »Reichsausschussaktion« auf dem Eichberg eingegangen wurde. Zum Kindermord auf dem Eichberg gibt es auch– fast einzigartig unter den »Kinderfachabteilungen« – eine englischsprachige Abhandlung, die im Internet abrufbar ist23.

Solche Versuche, den Kindermord auf dem Eichberg zu erforschen und darüber zu berichten, haben aber anscheinend wenig daran geändert, dass in der Region nach wie vor geringes Interesse an der ­Thematik besteht. Jedenfalls lässt sich dies aus der Reaktion schließen, die der regional bekannte Journalist Hans Dieter Schreeb erfuhr, als er im Jahr 2006 im »Wiesbadener Tageblatt« eine Serie zu der Geschichte der Anstalt Eichberg veröffentlichte, in der er auch auf die »Euthanasie«-Morde einging. Im Gegensatz zu anderen regionalbezogenen Berichten des Journalisten, auf die es gewöhnlich immer ein reges Leserinteresse mit entsprechenden Zuschriften an die Zeitung gab, herrschte in Bezug auf die Morde auf dem Eichberg Totenstille24.

Vor Ort wurde auf dem Eichberg im Jahr 1985 ein erstes Gedenkobjekt in Form eines Gedenkkreuzes auf dem Anstaltsfriedhof mit Hinweis auf die »Euthanasie«-Opfer errichtet. Auf der Inschrift am Kreuz findet sich allerdings kein besonderer Hinweis auf die Kinderopfer. Ein solcher Hinweis erfolgte dann im Jahr 1988 auf einer Gedenktafel an der Kapelle des alten Friedhofs auf dem Eichberg, wo auch die verstorbenen Kinder begraben wurden, mit folgender Inschrift: »Zum Gedenken an die hilflosen Kinder, die auf dem Eichberg in der Zeit des Nationalsozialismus Opfer der ›Euthanasie‹-Verbrechen wurden und hier begraben liegen. Ihr Tod soll uns Mahnung sein«. Ein Rosenbeet für die Kinder an der Stelle, wo vermutlich viele von ihnen in einem Massengrab begraben liegen, wurde im gleichen Jahr angelegt, wird aber heute nicht mehr gepflegt.

 

Im Jahr 1993, nach Diskussionen darüber, ob dieser Friedhof aufgelassen werden solle, wurde dann in unmittelbarer Nähe der Kapelle und des Rosenbeets ein vom Landeswohlfahrtsverband Hessen, dem Träger der Anstalt, in Auftrag gegebener und vom Steinmetz Uwe Kunze erstellter Gedenkstein in Form eines Sarkophags den Opfern gewidmet. Aus dem Sarkophag ragen ein Teddybär und Holzpferdchen heraus, scheinen aber langsam in ihn hinein zu sinken. Damit wird die Kindheit symbolisiert, die für viele auf dem Eichberg zerstört wurde. Daneben befindet sich folgende Inschrift: »In Erinnerung an die vielen Menschen, die auf dem Eichberg Opfer der NS-Zwangssterilisation und ›Euthanasie‹-Verbrechen wurden, gedenken wir – der 301 Frauen und Männer, die von 1935 bis 1939 unter Zwang sterilisiert worden sind, – der 2019 Patientinnen und Patienten, die 1940/41 über die ›Sammelanstalt‹ Eichberg in die Tötungsanstalt Hadamar verlegt wurden, darunter 660 Menschen vom Eichberg, – der 476 behinderten Kinder, die von 1941 bis 1945 in einer sogenannten Kinderfachabteilung zu »wissenschaftlichen Zwecken« beobachtet und dann ermordet wurden, – der vielen Patientinnen und Patienten, die von 1942 bis 1945 durch Unterernährung und über­dosierte Medikamente gewaltsam zu Tode kamen. Ihr Leben und Tod sind uns Mahnung und Auftrag für Gegenwart und Zukunft«.

Seither hat es an der Kapelle regelmäßig religiöse Gedenkveranstaltungen zum Totensonntag und gelegentlich auch Jugendcamps und andere Veranstaltungen für Jugendliche (auch) zum Gedenken an die Kinderopfer vor Ort gegeben.

Trotz dieser vorhandenen Gedenkzeichen war es für Besucher des Eichbergs nicht leicht, diese überhaupt zu finden. Auf der Internetseite des Landeswohlfahrtsverbandes Hessen findet sich zwar eine extensive und übersichtliche Dokumentationen existierender Gedenkobjekte an den unter seiner Trägerschaft stehenden Institutionen, aber keine Geschichte des Eichbergs. Die Internetseite der Klinik, heute zur »Vitos Rheingau« gehörend, weist auf die Chronik der Anstalt unter Einbeziehung der Zeit des Nationalsozialismus hin und hat nun auch eine der Gedenkstätte selbst gewidmete Seite25, aber dies ist erst seit 2010 der Fall. Vorher fand sich diesbezüglich nichts. Auch der Besucher vor Ort fand kein Hinweisschild, welches auf die Lokalisierung von Gedenkobjekten auf dem weitläufigen und steil bebauten Gebiet hingewiesen hätte.

Um diesem Zustand abzuhelfen, bieten seit etwa fünf Jahren zwei Mitarbeiter der evangelischen Krankenhausfürsorge vor Ort einen historischen Rundgang zu den Gedenkstätten an, der sich sowohl an andere Mitarbeiter und Patienten als auch an Besucher wendet. Zudem formierte sich eine Arbeitsgemeinschaft »Gedenkstätte Eichberg« in der Klinik, um die NS-Vergangenheit der Stätte nicht nur weiter zu erforschen, sondern auch präsent zu machen. Deren Aktivitäten resultierten in einer Dauerausstellung in einem Gebäude, für die die ehemalige Wanderausstellung des Jahres 1999 leicht überarbeitet wurde. Die Dauerausstellung wurde am 1. September 2009 in Anbetracht des siebzigsten Jahrestages des von Hitler unterschriebenen, auf den 1. September 1939 zurückdatieren »Euthanasieerlasses« der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

 

Folgerungen für die Genese und Phänomenologie der Erinnerungs- und Gedenkkultur zur NS-»Kindereuthanasie«

Das Fallbeispiel Eichberg illustriert auf einprägsame Weise mehrere Aspekte der nationalen und internationalen auf die NS-»Kindereuthanasie« bezogenen Gedenkkultur. Diese Aspekte lassen sich wie folgt thematisieren:

1 Entkoppelung von wissenschaftlicher Erkenntnis und gesellschaftlichem Gedenken

2 Einbettung in nationale Gedenk- und Erinnerungskulturen und lokale Besonderheiten

3 Jubiläen und formale Gedenktage als Gedenkanstöße

4 Die Rolle von Gedenkakteuren

5 Relevanz des Internets

6 Verborgene Schätze und verpasste Gelegenheiten – Zur Neu- und Nicht-Nutzung bestehender Ausstellungen

 

1 Entkoppelung von wissenschaftlicher Erkenntnis und gesellschaftlichem Gedenken

Macht man sich klar, dass, wie oben ausgeführt, ein umfangreicher und detaillierter wissenschaftlicher Apparat zu den geschichtlichen Ereignissen auf dem Eichberg während des Nationalsozialismus bereitsteht, und dies auch schon ungewöhnlich früh der Fall war, so fällt auf, dass sich daraus noch lange nicht die Existenz einer lokalen oder regionalen Erinnerungskultur ableiten lässt. Für den Eichberg war die Erinnerung lange Zeit nicht existent und damit von den fortschreitenden wissenschaftlichen Erkenntnissen über den dortigen Kindermord ziemlich entkoppelt. Die Veröffentlichung des Eichberg-Urteils in Buchform 1968 hat an der lokalen Erinnerungsverweigerung über die darauffolgenden 30 Jahre hinweg nichts geändert und möglicherweise eine solche Form von Verweigerung als Abwehrmechanismus mit hervorgehoben und bestärkt26. Erst über die letzten zwanzig Jahre hinweg hat sich die Situation geändert.

 

2 Einbettung in nationale Gedenk- und Erinnerungskulturen und lokale Besonderheiten

Gedenken, oder das, was man im Angloamerikanischen als »commemoration« bezeichnet, ist in eine nationale und internationale Erinnerungs- und Gedenkkultur eingebettet, wozu es abgrenzbare historisch-nationale Profile gibt. Für das ehemalige Westdeutschland hat der Soziologe M. Rainer Lepsius27 ein solches Profil als Internalisierung identifiziert, dahingehend, dass die politische Kultur der Bundesrepublik Deutschland sich der Verantwortung für die Folgen des nationalsozialistischen Terrorregimes nicht grundsätzlich entziehen konnte und daraufhin normativ orientiert war. Ein epochaler Wechsel im Umgang mit dem Nationalsozialismus trat auf breiter Basis aber erst in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren ein, wobei in der wissenschaftlicher Literatur oft auf die Wirkungen des U.S.-Films Holocaustverwiesen wird28. Solche Gedenkanschübe sind aber lokal und regional durchaus nicht immer schnell zur Geltung gekommen. So hat es bis 1988 gedauert, um vor Ort auf dem Eichberg in moderater Form durch eine Gedenktafel expressis verbis auf den Kindermord hinzuweisen, und nochmals fünf Jahre mehr, ein Denk- und Mahnmal mit deutlichem Hinweise auf diesen vor Ort zu errichten. Diese Gedenkobjekte stehen aber am Rande des Geländes, wo sie ein Besucher (bis heute) kaum finden konnte. Erst im letzten halben Jahrzehnt finden sich interaktivere und historisch-dokumentierende Erinnerungsformen vor Ort wieder.

 

3 Jubiläen und formale Gedenktage als Gedenkanstöße

Gedenkanstöße gingen oft formal von einem Jubiläum oder historisch signifikanten Jahrestag aus, wie dies auf dem Eichberg etwa 1999 und 2009 der Fall war. Besonders bei einem institutionellen Jubiläum ist es in den letzten 15 Jahren zunehmend undenkbar geworden, die Verwicklung einer Heilanstalt in während des Nationalsozialismus begangenen Verbrechen zu beschönigen oder gänzlich zu übergehen. Vom religiösen und säkularen Kalender überformte Jahrestage wie etwa der Volkstrauertag und in jüngerer Zeit der 27. Januar, aber auch der Fronleichnam in katholischen Gegenden, bieten an manchen Orten nach wie vor Gelegenheit, an mehr oder weniger offiziellen Gedenkveranstaltungen teilzunehmen. Ohne Frage können diese politisch funktionalisiert werden, besonders auf Bundesebene, und man kann dies als Normalisierung der NS-Vergangenheit durch (stilisierte) Ritualisierung bezeichnen29. Solche Ritualisierungspraktiken, jüngst von Ulrike Jureit und Christian Schneider30 als inhaltsleere Trauerarbeit scharf kritisiert, können auf lokaler Ebene die Gedenkaktivitäten fokussieren und ein Forum bereitstellen, aus dem sich dann weitere Aktivitäten ergeben. So hat etwa Paul Connerton31 auf die sozial-performativen Funktionen des Gedenkrituals hingewiesen, die durchaus nicht sinnentleert sein und sich im »ritualhaften Agieren«32 erschöpfen müssen, sondern gedenkanregende und vor allem gedenkstabilisierende Wirkungen haben können. Eine einseitig negative Betrachtung solcher Rituale ist daher problematisch und führt empirisch leicht zu oberflächlichen Betrachtungen bezüglich der realen Gedenkpraktiken33.

 

4 Die Rolle von Gedenkakteuren

Bevor es zu einer mnemonischen Stabilisierung kommen kann, benötigt das Gedenken eine Initialisierung, die von Gedenkakteuren ausgehen, für die sich in der englischsprachigen Literatur der Ausdruck »memory agents«33 eingebürgert hat. Die Rolle von memory agents liegt darin, vor Ort die Fundamente einer Gedenkkultur zu legen und weitere Personen und Gruppen für Gedenkaktivitäten zu gewinnen bzw. diesen bei der Annäherung an die geschichtlichen Ereignisse, hier der NS-Verbrechen und deren Kinderopfer, zu helfen und diese dabei zu begleiten. Auf dem Eichberg wird diese Rolle von den Seelsorgern und Betreuern, die den historischen Rundgang und kommemorative Aktivitäten anbieten, der Arbeitsgemeinschaft, die die Errichtung der Dauerausstellung vor Ort erreichte, und einer für die Öffentlichkeitsarbeit des Vitos Rheingau zuständigen Mitarbeiterin wahrgenommen.

 

5 Relevanz des Internets

Untersuchungen zur Benutzung des Internets im Zusammenhang mit traditionellen Gedenkstätten zeigen, dass dieses besonders bei jüngeren Generationen nicht mehr wegzudenken ist, sowohl in Bezug auf die Bekanntmachung einer Gedenkstätte als auch zunehmend auf die Vorbereitung eines Besuches. Dabei agieren nach neuesten Befunden Gedenkstätten national als auch international bezüglich ihres Multimedia-Angebotes tendenziell konservativ35.

Mancherorts wurde mir bei Besuchen von europäischen Gedenkorten zur NS-Euthanasie die Grundhaltung der Anbieter deutlich, nicht etwa zu viele Elements einer Ausstellung ins Internet zu stellen, weil man (abgesehen von finanziellen Engpässen, die es allerorts zu geben scheint) einerseits datenschutzrechtliche Bedenken hatte und andererseits auch die Befürchtung hegte, eine Internetseite würde als Substitution für einen Besuch dienen und sich so auf die tatsächlichen Besuchszahlen negativ auswirken. Diese Besorgnisse sind auf der Grundlage der Ergebnisse methodologisch anspruchsvoller wissenschaftlicher Untersuchungen als unbegründet zu betrachten36. Nicht nur erwarten heute viele Besucher eines Museums oder einer Gedenkstätten eine institutionelle Internetpräsenz und sehen diese mitunter auch als Proxy für die erwartete Qualität der dortigen Darstellung an, eine solche Präsenz erhöht auch generell die Besucherzahl, selbst dann, wenn die virtuelle Ausstellung viele Elemente der physischen Ausstellung dupliziert. Selbst wenn dies nicht so wäre, ließe sich zusätzlich anhand empirischer Untersuchungen feststellen, dass die Besucher, die sich vorher im Internet durch das Angebot einer Gedenkstätte informiert haben, einen besseren und nachhaltigeren Zugang zu den Materialien vor Ort haben37.

Dies ist nun für die Orte der ehemaligen Kinderfachabteilungen insoweit relevant, als viele bis heute keine Internetpräsenz haben, was sich allerdings in den letzten fünf Jahren zu ändern begonnen hat. Für den Eichberg lässt sich jedenfalls feststellen, dass noch im Jahr 2007 weder über den historischen Rundgang noch über sonstige Möglichkeiten im Internet angeboten wurde, die historischen Ereignisse zum Kindermord auf dem Eichberg näher zu verstehen. Ohne die Informationsbereitstellung im Internet wäre es für non-lokale Interessenten äußerst schwierig, überhaupt von Möglichkeiten des Gedenkens zu erfahren und Kontakt aufzunehmen. An manchen Stätten der Kinderfachabteilungen findet kinderzentriertes Gedenken haupt- und ausschließlich im Internet statt. Die Tabelle auf Seite 21 gibt einen Überblick.

 

6 Verborgene Schätze und verpasste Gelegenheiten – Zur Neu- und Nicht-Nutzung bestehender Ausstellungen

Gedenkstättenpädagogische Bildung fällt schwer, wenn es vor Ort keine bildlich-textlichen Lernmöglichkeiten gibt. Für den Täterort Eichberg konnte die dortige Arbeitsgruppe zur Vermittlung der historischen Ereignisse im Nationalsozialismus nicht nur auf eine bereits bestehende und gut aufgemachte Ausstellung zurückgreifen, die auch ein Jahrzehnt nach ihrem Entstehen nichts an Aktualität verloren hat, sondern diese auch in renovierten Ausstellungsräumen vor Ort nun hoffentlich dauerhaft Besuchern bereitstellen. Eine solche Neu-Nutzung einer bestehenden Ausstellung ist jedoch die Ausnahme, obwohl es an manchen Stätten ehemaliger »Kinderfachabteilungen« im Rahmen der Psychiatriereform freigewordene und damit leerstehende Häuser und Etagen gibt, die allerdings von einer sich ausbreitenden Forensik zunehmend wieder reklamiert werden. Dort hat man bis jetzt leider allzu oft verkannt, dass man bereits bestehenden Ausstellungen auf recht einfache Weise ein neues und dauerhaftes Zuhause geben könnte. Dies ist umso bedauernswerter, desto mehr man sich vergegenwärtigt, welche Vielzahl von Ausstellungen bereits besteht. Es handelt sich mitunter um Ausstellungen, für die mühevoll einzigartige Materialien zusammengetragen wurden – nur um dann nach wenigen Jahren an einem unzugänglichen Ort eingemottet zu werden38. Beispiele solch einzigartiger, speziell auf Kinderopfer bezogener Ausstellungen gibt es etwa in Thüringen (»Überweisung in den Tod. Nationalsozialistische ›Kindereuthanasie‹ in Thüringen«), Leipzig (»505. Kinder-Euthanasieverbrechen in Leipzig«) und Wien (»Kindereuthanasie in Wien 1940–1945. Krankengeschichten als Zeugen«). Bezüge zu lokalen historischen Ereignissen ließen sich im Rahmen einer Neu-Nutzung bei all diesen bestehenden Ausstellungen recht leicht herstellen.

 

Ausblick

Im Rahmen dieser Untersuchungen wurde nur die Erinnerungslandschaft zur »Kindereuthanasie« in den westlichen deutschen Bundesländern untersucht. In weiteren Untersuchungen müsste auf die östlichen Bundesländer eingegangen werden, die zu DDR-Zeiten Vergangenheitspolitik mittels »Universalisierung« des Nationalsozialismus als Ausprägung des westlichen Monopolkapitalismus betrieb, wo sich aber nun an manchen Stätten der »Kinderfachabteilungen« ein reges Interesse an einer Beschäftigung mit dem Thema und dem Gedenken an ihre Opfer zeigt.

Für Wien lässt sich das ebenfalls im Kontext der Republik Österreich feststellen. Die verantwortlichen Akteure in der Klinik bedienen sich zunehmend weniger einer Externalisierungsstrategie der nationalsozialistischen Verbrechen.41 In Polen und der Tschechischen Republik bleibt es – wenn überhaupt bei lokalen Gedenkinitiativen.42

Prof. Dr. Lutz Kaelber ist Associate-Professor der Soziologie an der Universität Vermont (USA). Er hat auf dem Gebiet der europäischen Gedenkkultur zur NS-Vergangenheit, zum Tourismus und soziologische Klassiker publiziert.

 

1    Der Autor hat in den Jahren 2007 bis 2010 die Orte der etwa 30 »Kinderfachabteilungen« besucht und die Gedenkgeschichte auf einer englischsprachigen Internetseite dargestellt und dokumentiert (www.uvm.edu/~lkaelber/children). Eine ausführlichere Darstellung des Themas findet sich in: Lutz Kaelber, Gedenken an die NS-»Kindereuthanasie«-Verbrechen in Deutschland, Österreich, der Tschechischen Republik und Polen. In: Lutz Kaelber und Raimond Reiter (Hrsg.), Kinder und »Kinderfachabteilungen« im Nationalsozialismus – Gedenken und Forschung. Frankfurt 2011.

2    Peter Sandner, Der Eichberg im Nationalsozialismus. Die Rolle einer Landesheilanstalt zwischen Psychiatrie, Gesundheitsverwaltung und Rassenpolitik. In: Christina Vanja u.a. (Hrsg.), Wissen und Irren. Psychiatriegeschichte aus zwei Jahrhunderten – Eberbach und Eichberg. Kassel 1999, S. 164–220; Gerrit Hohendorf u.a., Die »Kinderfachabteilung« der Landesheilanstalt Eichberg 1941 bis 1945 und ihre Beziehung zur Forschungsabteilung der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg unter Carl Schneider. In: Vanja, Wissen und Irren, a.a.O., S. 221–243; Peter Sandner, Verwaltung des Krankenmordes. Der Bezirksverband Nassau im Nationalsozialismus. Gießen 2003, S. 532–566.

3    Sandner, Verwaltung des Krankenmordses, a.a.O., S. 539.

4    Horst Dickel, Alltag in einer Landesheilanstalt im Nationalsozialismus. Das Beispiel Eichberg. In: Landeswohlfahrtsverband Hessen (Hrsg.), Euthanasie in Hadamar. Kassel 1991, S. 105.

5    Hohendorf, Die »Kinderfachabteilung« der Landesheilanstalt Eichberg, a.a.O.; Sandner, Verwaltung des Krankenmordes, a.a.O., S. 546–51.

6    Sandner, Verwaltung des Krankenmordes, a.a.O., S. 536.

7    Sandner, Verwaltung des Krankenmordes, a.a.O., S. 534.

8    Adelheid Rüter-Ehlermann und C. F. Rüter, Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945–1966. 22 Bände. Amsterdam 1968–1981, hier Band 1, Lfd. Nr. 003; siehe im Folgenden auch Kerstin Freudiger, Die juristische Aufarbeitung von NS-Verbrechen. Tübingen 2002, S. 113ff.

9    In der Literatur wird auch auf die Möglichkeit eines Selbstmordes hingewiesen.

10  Siehe Heinz Faulstich, Der Eichberg in der Nachkriegszeit 1945 bis 1949. In: Vanja, Wissen und Irren, a.a.O., S. 252–253.

11  Faulstich, Der Eichberg, a.a.O., S. 256.

12  Hierzu wurde in der Rechtfertigungsschrift des damaligen Ministerpräsidenten und Justizministers von Hessen, Georg August Zinn, zur Begnadigung von Gorgaß auf Schmidts Tötung von »mindestens siebzig erbkranke[n] (sic!) Kinder[n]« hingewiesen (Georg August Zinn, Brief zum Fall Gorgaß. In: Die Gegenwart, Band 13, 1958, Nr. 306, S. 102), wobei der Hinweis auf diese Tötungen sich auch im Presseecho auf die Begnadigung wiederfand (etwa in der Zeitschrift »Wort und Wahrheit«, 1958, S. 307).

13  Rüter-Ehlermann und Rüter, Justiz und NS-Verbrechen, a.a.O., Band 1, Lfd. Nr. 011.

14  Horst Dickel, Der Eichberg – Opfer und Täter. »Lebensunwertes« Leben in der hessischen psychiatrischen Anstalt, 1935–1945. Geisenheim 1983, S. 4. Die Urteilssammlung insgesamt wurde lange Zeit eher wenig beachtet. Siehe Raimond Reiter, 30 Jahre »Justiz und NS-Verbrechen«. Die Aktualität einer Urteilssammlung. Frankfurt 1998.

15  Dickel, Der Eichberg, a.a.O., S. 60–62.

16  Markus Kreitmair, In Fear of the Frail. The Treatment of the Disabled at the Eichberg Asylum for the Mentally Ill in Nazi Germany. M.A. Thesis, Department of History, Simon Fraser University, 2000, S. 123.

17  Kreitmair, In Fear of the Frail, a.a.O., S. 124.

18  Dickel, Der Eichberg, a.a.O.; Horst Dickel, »Die sind doch alle unheilbar«. Zwangssterilisation und Tötung der »Minderwertigen« im Rheingau 1934–1945. Frankfurt 1988.

19  Linda Orth, Die Transportkinder aus Bonn. »Kindereuthanasie«. Köln 1989, S. 58–69; Christiane Nuhn, Die psychiatrische Anstalt Eichberg und ihre Direktoren 1938–1945. In: Achim Thom und S. M. Rapoport (Hrsg.), Das Schicksal der Medizin im Faschismus. Berlin 1989, S. 209–212; Horst Dickel, Alltag in einer Landesheilanstalt im Nationalsozialismus. Das Beispiel Eichberg. In: Landeswohlfahrtsverband Hessen, Euthanasie in Hadamar, a.a.O., S. 105–113; Andrea Schneider-Wendling, Anstaltspsychiatrie im Nationalsozialismus am Beispiel der Heil- und Pflegeanstalt Eichberg. Medizinische Dissertation, Johannes Gutenberg-Universität Mainz 1989; Vanja, Wissen und Irren, a.a.O.; Kreitmair, In Fear of the Frail, a.a.O.; Sandner, Verwaltung des Krankenmordes, a.a.O.

20  Sabine Teich und Anke Tucholski, Eine Studie über »Kindereuthanasie« in der Kinderfachabteilung der LHA Eichberg anhand der Krankenakten im Hessischen Hauptstaatsarchiv in Wiesbaden. Diplomarbeit im Fachbereich Sozialarbeit, Fachhochschule Frankfurt 1992.

21  Teich und Tucholski, Eine Studie über »Kindereuthanasie«, S. 5.

22  Vanja, Wissen und Irren, a.a.O.

23  Kreitmair, In Fear of the Frail, a.a.O.

24  Der Autor dankt Hans Dieter Schreeb für diesbezügliche Angaben.

25  Siehe www.vitos-rheingau.de/rheingau/rheingau/historie/chronik.html und www.vitos-rheingau.de/rheingau/rheingau/gedenkstaette.html (beide aufgerufen am 2. Februar 2011).

26  Daraus sollte man aber nicht schließen, dass wissenschaftliche Arbeiten keine Veränderung in der Gedenkpraxis bewirken können. Beispielsweise begann das Gedenken an die »Euthanasie«-Opfer in Dortmund-Aplerbeck mit einem Vortrag und einer Buchveröffentlichung von Dr. Karl Teppe vom LWL-Institut für westfälische Regionalgeschichte im Jahr 1989, in dem dieser auch explizit auf die »Kindereuthanasie« dort einging. Auf die Initiative der Belegschaft und örtlichen Gewerkschaft wurde noch im selben Jahr ein Gedenkstein vor dem Gebäude platziert, das die Kinderfachabteilung behauste. Siehe dazu www.uvm.edu/~lkaelber/children/dortmundaplerbeck/dortmundaplerbeck.html.

27  M. Rainer Lepsius, Das Erbe des Nationalsozialismus und die politische Kultur der Nachfolgestaaten des »Großdeutschen Reiches«. In: M. Rainer Lepsius, Demokratie in Deutschland. Soziologisch-historische Konstellationsanalysen. Göttingen 1993, S. 229–245.

28  Etwa bei Wulf Kansteiner, In Pursuit of German Memory. History, Television, and Politics After Auschwitz. Athens 2006.

29  Jeffrey Olick, States of Memory. Continuities, Conflicts, and Transformations in National Retrospection. Durham 2003.

30  Ulrike Jureit und Christian Schneider, Gefühlte Opfer. Illusionen einer Vergangenheitsbewältigung. Stuttgart 2010.

31  Paul Connerton, How Societies Remember. Cambridge 1989; siehe auch Reinhard Wesel, Gedenken als Ritual. Zum politischen Sinn »sinnentleerter Rituale«. In: Wolfgang Bergem (Hrsg.), Die NS-Diktatur im deutschen Erinnerungsdiskurs. Opladen 2003, S. 17–39.

32  Frank König. Die Gestaltung der Vergangenheit. Zeithistorische Orte und Geschichtspolitik im vereinten Deutschland. Marburg 2007, S. 12.

33  Als Beispiel möge man das Buch von Jureit und Schneider betrachten, worin die empirische Analyse auf rudimentärem Niveau verbleibt.

34  Vered Vinitzky-Seroussi, Commemorating a Difficult Past. Yitzhak Rabin’s Memorials. In: American Sociological Review, Band 67, 2002, S. 30–51; Dee Britton, Arlington’s Cairn. Constructing the Commemorative Foundation for United States’ Terrorist Victims. In: Journal of Political and Military Sociology, Band 35, 2007, S. 17–37; Lutz Kaelber, Virtual Traumascapes. The Commemoration of Nazi »Children’s Euthanasia« Online and On Site. In: Digital Icons, Band 4, 2010, S. 13–44.

35  Anna Reading, Digital Interactivity in Public Memory Institutions. The Uses of New Technologies in Holocaust Museums. In: Media, Culture and Society, Band 25, 2003, S. 67–85; Andrew Hoskins, Signs of the Holocaust. Exhibiting Memory in a Mediated Age. In: Media, Culture and Society, Band 25, 2003, S. 7–22; Dörte Hein, Erinnerungskulturen online. Angebote, Kommunikatoren und Nutzer von Websites zu Nationalsozialismus und Holocaust. Konstanz 2009; Erik Meyer (Hrsg.), Erinnerungskultur 2.0. Kommemorative Kommunikation in digitalen Medien. Frankfurt 2009.

36  Siehe Victoria Kravchyna und Sam Hastings, Informational Value of Museum Websites. In: First Monday, Band 7, 2002, Nr. 2. firstmonday.org/htbin/cgiwrap/bin/ojs/index.php/fm/article/view/929/851 (aufgerufen am 10. Dezember 2010); Wendy Thomas und Sheila Carey, Actual/Virtual Visits. What Are The Links? In: Museums and the Web 2005. Papers. www.archimuse.com/mw2005/papers/thomas/thomas.html (aufgerufen am 1. Januar 2011); Paul Marty, Museum Websites and Museum Visitors. Before and After the Museum Visit. In: Museum Management and Curatorship, Band 22, 2007, S. 337–360.

37  Siehe dazu John Falk und Lynn Dierking, Learning from Museums. Walnut Creek 2000; Bert Pampel, »Mit eigenen Augen sehen, wozu der Mensch fähig ist«. Zur Wirkung von Gedenkstätten auf ihre Besucher. Frankfurt 2007.

38  Ein allerdings nicht mehr ganz aktueller Überblick findet sich hier: www.uvm.edu/~lkaelber/exhibits/.

39  Im Folgenden ohne Einbeziehung von »Stolpersteinen«. An drei Stätten gibt es solche Stolpersteine vor Ort: Berlin-Wittenau (2004), Lüneburg (seit 2005) und Rothenburgsort (2009).

40  Beim aktiven Internetgedenken geht es nicht nur um die Bereitstellung einer Internetseite, sondern auch die Darlegung grundlegender Informationen zum Kindermord vor Ort und die aktuellen Gedenkarten.

41  Lepsius, Das Erbe des Nationalsozialismus, a.a.O.

42  Weitere Ausführungen finden sich in Kaelber, Gedenken an die NS-»Kindereuthanasie«-Verbrechen.