Lutz van Dijk

Gedenkstätte Auschwitz

Gedenkstättenrundbrief Nr. 188 (12/2017) S. 37-42

EINE FORTBILDUNG ZU DEN HÄFTLINGEN MIT DEM ROSA WINKEL

Wie relevant ist bisher das Thema der Häftlinge mit dem Rosa Winkel, jener Männer die damals nach § 175 verurteilt worden waren, in der größten staatlichen Gedenkstätte in Polen, die fraglos international als das Symbol unmenschlicher Vernichtungspolitik der Nazis gilt und inzwischen jährlich von bis zu zwei Millionen Menschen aus aller Welt besucht wird?

In der offiziellen Ausstellung im Stammlager Auschwitz, das am Rand der Kleinstadt Oświęcim liegt, kommt das Wort »Homosexuelle« genau einmal vor: Auf jener weithin bekannten NS-Tafel in deutscher Schrift zur Erklärung farbiger Stoffwinkel, die in den Konzentrationslagern auf die Häftlingsuniform genäht werden mussten – wie zum Beispiel dem roten für politische Gefangene oder dem gelben für jüdische. Sonst gibt es keine Informationen über diese Gefangenengruppe oder gar Hinweise auf einzelne hier ermordete Häftlinge.

Was mag der Grund hierfür sein, zumal inzwischen in allen deutschen und österreichischen Gedenkstätten ehemaliger Konzentrationslager nicht nur Basis-Informationen gegeben werden, sondern häufig an Gedenktagen auch diese Opfergruppe nicht mehr vergessen wird? Im Juli 2016 gab der Leiter der Forschungsabteilung der Gedenkstätte Auschwitz, Dr. Piotr Setkiewicz, mir gegenüber als Gründe vor allem an (siehe auch meinen Beitrag im Gedenkstätten-Rundbrief Nr. 184, 12/2016): Es sei eine relativ kleine Gruppe gewesen, es wären ausschließlich Deutsche, und es sei im heutigen Polen noch immer nicht leicht, mit Jugendlichen über Sexualität zu sprechen, besonders über die Sexualität von Minderheiten.

Umso beachtenswerter war es, als der stellvertretene Direktor der Gedenkstätte Auschwitz, Andrzej Kacorzyk, mir am 15. März 2017 eine Einladung sandte, in der er die Durchführung einer Fortbildung zu diesem Thema begrüßte: »Ich freue mich schon auf das Gespräch im Oktober. Bitte schreiben Sie, an welchen Tagen Sie Zeit haben, mich in der Gedenkstätte zu besuchen. Danke für Ihre Initiative des Treffens mit unseren Guides. Das ist eine gute Idee, das Thema der homosexuellen Auschwitz-Häftlinge zu vermitteln.«

Mehrere deutsche wie polnische Kolleginnen und Kollegen maßen dieser Einladung große Bedeutung bei, da es so etwas bislang nicht gegeben habe. Freundinnen und Freunde aus Krakau und Warschau warnten mich vor möglichen Aggressionen oder gar Störungen, die sich auch gezielt gegen meine Person richten könnten. Einige von ihnen hatten selbst Erfahrungen mit Gewalt rechtsextremer Gruppen in Polen gegen sexuelle Minderheiten machen müssen. Was würde nun – 2017 – möglich sein? Aber war es nicht gerade jetzt darum besonders wichtig, für ein auch offizielles Erinnern an die bislang vergessenen Häftlinge mit dem Rosa Winkel einzutreten?

Der vorliegende Bericht beschreibt sowohl die konkrete Fortbildung am 4. Oktober 2017 im Seminarraum der Gedenkstätte Auschwitz als auch die Premiere der polnischen Ausgabe des Buches »Verdammt starke Liebe« am folgenden Tag im Goethe Institut in Krakau, der bisher einzige veröffentlichte autobiografische Bericht eines polnischen Häftlings, der im besetzten Polen (in diesem Fall im Dezember 1942 nach § 175 von einem deutschen Gericht in Toruń, damals: Thorn) verurteilt worden war.

 

Fortbildung

Die Veranstaltung war für den späten Nachmittag »nach Dienstschluss« angesetzt, selbstverständlich freiwillig. Schon im Sommer waren Einladungen an alle fast 300 Guides gegangen, die hier Führungen in vielen Sprachen anbieten. Fünfzig von ihnen hatten sich angemeldet und trotz schwerem Unwetter kurz vorher, waren sogar noch mehr erschienen, einige triefend nass.

Um zwei Fragen sollte es vor allem gehen:

Q
Warum schufen die Nazis diese Gruppe von Gefangenen, wie geschah die Verfolgung – und wer genau gehörte zu ihnen (auch hier in Auschwitz)?

Q
Wie und an welcher Stelle könnte dieses Wissen von den Guides in Zukunft eingebracht werden: Sei es als Impuls während einer Führung oder auch bei Fragen von Besuchern?

 

Bislang unbekannte Fakten

Im Juli 2016 hatte mir Dr. Piotr Setkiewicz die Zahl von 77 Gefangenen genannt, die in Auschwitz als Rosa-Winkel-Häftlinge namentlich bekannt seien. Der Hannoveraner Forscher Rainer Hoffschildt kann inzwischen aufgrund seines Studiums der Eingangslisten 131 §-175-Häftlinge für Auschwitz nachweisen (darunter vier Tschechen und zwei Polen). Das hört sich zunächst nach sehr wenigen Betroffenen an. Hierbei ist jedoch daran zu erinnern, dass von den rund 1,1 Millionen ermordeter Menschen in Auschwitz nur von etwa 400 000 überhaupt Karteikarten angelegt wurden. Von diesen wiederum wurde ein Großteil bei der Räumung des Lagers von der SS vernichtet.

Und: Nicht alle nach § 175 verurteilten Männer waren auch homosexuell. Es gab auch Verurteilungen aufgrund von Denunziationen, die keineswegs sicher die wahre sexuelle Identität des Verurteilten belegen. Darüber hinaus gab es auch homosexuelle Gefangene in Auschwitz, die nicht den Rosa Winkel trugen, weil sie zum Beispiel als Juden oder als einer der anderen Opfergruppen zugehörig inhaftiert waren – oder weil es ihnen gelungen war, im Rahmen der Deportation nach Auschwitz den Rosa Winkel gegen einen anderen einzutauschen.

Für viele ist es neu, dass Gefangene nach § 175 nicht nur Deutsche waren, sondern ab dem Zweiten Weltkrieg auch Angehörige anderer Nationen. Unbekannt ist vielen auch, dass von den uns bisher bekannten Fällen die meisten, mehr als 70 Prozent derjenigen, die hier wegen § 175 nach Auschwitz gekommen waren, unabhängig vom Alter nach wenigen Monaten an den schlimmen Lagerbedingungen starben und nicht zuletzt, weil sie auch von vielen Mitgefangenen als »minderwertig« angesehen und behandelt wurden.

Sodann werden weitere Hintergründe zur NS Ideologie erklärt: Warum zum Beispiel ab 1936 die Verfolgung von Homosexualität (§ 175) und Abtreibung (§ 218) von der Polizei in einem Amt zusammengelegt worden war, da beides als »Schaden an der wichtigen Vermehrung des Volkes« angesehen wurde.

Außer den inhaltlichen Ausführungen hatte ich zwei auf farbigem Papier gedruckte Zitate in Polnisch vorbereitet. Für diejenigen, die noch immer zweifeln, ob es überhaupt Gefangene mit dem Rosa Winkel auch in Auschwitz gegeben habe, sind es die folgenden Sätze aus den Erinnerungen des ehemaligen Lagerkommandanten Rudolf Höß (1900–1947), die jener kurz vor seiner Hinrichtung 1947 notierte: »Bei diesen half keine noch so schwere Arbeit, keine noch so strenge Aufsicht … Da sie von ihrem Laster nicht lassen konnten oder nicht wollten, wussten sie, daß sie nicht mehr frei würden. Dieser stärkst wirksame psychische Druck bei diesen meist zart besaiteten Naturen beschleunigte den physischen Verfall. Kam dazu noch etwa der Verlust des ›Freundes‹ durch Krankheit oder gar durch Tod, konnte man den Exitus voraussehen. Der ›Freund‹ bedeutete diesen Naturen in dieser Lage alles. Es kam auch mehrere Male vor, daß zwei Freunde gemeinsam in den Tod gingen.«

Alle Teilnehmenden erhalten Zeit, diese Aussagen von Höß mit ihrem jeweiligen Nachbarn zu besprechen. Einige melden sich: »Höß hat sie nicht als Menschen gesehen, sondern als Naturen.« – »Er hat gar nicht erkannt, dass einige trotz der Bedingungen hier sogar noch Freunde füreinander waren.« – »Er schreibt das Wort ›Freund‹ in Anführungszeichen, was seine Missachtung erkennen lässt.«

Alle Guides verfolgen den Workshop mit deutlichem Interesse. Immer wieder melden sich Einzelne mit Fragen. Zum Beispiel: »Aber es gab doch auch homosexuelle Nazis, wie zum Beispiel Ernst Röhm. Kann man Homosexualität überhaupt entschuldigen?« Ich antworte, dass sexuelle Orientierungen ein nicht selbst gewähltes Merkmal der menschlichen Persönlichkeit sind wie die Haarfarbe oder der Geburtsort. Ich spreche auch über mich. Eine Überzeugung und daraus abgeleitete kriminelle Taten kann man verurteilen, aber nicht unveränderliche Persönlichkeitsmerkmale, sicher auch nicht Überzeugungen oder Religionen, die sonst niemandem schaden. Ich plädiere weiter auch in der historischen Forschung dafür, nicht allgemein einen »Zusammenhang« zwischen Homosexualität und Nationalsozialismus zu konstruieren, sondern klar zu unterscheiden zwischen Tätern und Opfern. Erneut angeregte Diskussion im Saal.

Eine andere Frage: »Gab es auch weibliche Gefangene nach § 175 oder sonst lesbische Rosa Winkel Häftlinge?« Nein, die gab es nicht, da der § 175 nur Männer verurteilte. Gleichzeitig weise ich darauf hin, dass es auch lesbische Mädchen und Frauen in Auschwitz gab, die allerdings unter anderen Vorzeichen hierhergekommen waren. Ich berichte unter anderem von der Liebesgeschichte von Alice Carlé (1902–1943) und Eva Siewert (1907–1997), die der Berliner Forscher Raimund Wolfert recherchiert hat: Alice wurde im September 1943 als Jüdin nach Auschwitz deportiert und ermordet, ihre Freundin Eva berichtete später von ihrer Liebe.

 

Teil zukünftiger Führungen

Im zweiten Teil geht es darum, wie die Guides auf mögliche Fragen reagieren können. Alle kennen die Tafel, auf der an einer Stelle im Stammlager die Farben der Winkel erklärt werden. Jeder erhält in Kopie die in Auschwitz aufgenommenen Fotos der Rosa-Winkel-Häftlinge Oskar Birke (1893–1941), einem Bauern und Rudolf von Mayer (1905–1942), einem Gerichtsassessor: Worauf basierte ihre Verurteilung nach § 175? Woran starben sie mit nur 48 beziehungsweise 36 Jahren nach wenigen Monaten in Auschwitz?

»Ist ein Erinnern an die Häftlinge mit dem Rosa Winkel nicht ein Affront gegen andere verfolgte Gruppen?«, fragt jemand. An dieser Stelle lesen wir das zweite vorbereitete Zitat auf Polnisch, das ebenfalls Anlass für gute Gespräche bietet. Als es in der Gedenkstätte des ehemaligen KL Dachau bei München zu einem Streit unter Überlebenden Mitte der 1990er-Jahre gekommen war und ein Gedenkkranz einer schwulen Gruppe sogar hatte entfernt werden müssen, wurde der Vorsitzende des Komitees der Überlebenden von Dachau, Max Mannheimer (1920–2016), um Rat gefragt. Er erinnert sich: »Im Jahr 1995 ist mir als Vorsitzender der Lagergemeinschaft Dachau die Rolle zugefallen, einen Streit zu einem friedvollen Ende zu führen. Meine Überzeugung ist es immer gewesen, dass wir alle Opfer waren, die wir wegen der Nazi-Ideologie in das KZ gebracht worden waren. Und ein jeder – gleich welcher Winkelfarbe – hat das Recht, gehört und gewürdigt zu werden. Der Schwur ›Nie wieder!‹ … gilt selbstverständlich auch für die Homosexuellen.« (Zitiert nach einem Brief von Albert Knoll, Archivar in der Gedenkstätte Dachau, vom 6. März 2017).

Am Ende der Fortbildung wird die eingangs genannte Geschichte von Stefan T. Kosiński (1925–2003) vorgestellt, der der bislang einzige namentlich bekannte polnische Homosexuelle und nach § 175 verurteilte Häftling war, dessen Jugenderinnerungen nun erstmals auch auf Polnisch erscheinen. Stefan T. Kosiński war niemals in Auschwitz, aber in verschiedenen anderen Lagern, unter anderem in einer Außenstelle des KL Stutthof. Die polnische Ausgabe des Buches ist mit einem ausführlichen Nachwort der Warschauer Historikerin Dr. Joanna Ostrowska versehen sowie einem Geleitwort von Robert Biedroń, dem bislang einzig offen schwulen Bürgermeister Polens. Robert Biedron schreibt darin unter anderem: »Dieses Buch ist heute besonders wichtig, sowohl in Europa wie in Polen, weil es zeigt, wie nötig Toleranz und Achtung anderen gegenüber sind. Und es macht auch deutlich, wie leicht es ist, das Leben von Menschen zu zerstören durch die Missachtung ihrer Würde.«1

Auch hier gibt es Nachfragen. Das Interesse der anwesenden Guides am Thema ist beeindruckend. Noch nach Veranstaltungsende kommen einzelne nach vorn mit weiteren Fragen. Jeder möchte ein Exemplar des Buches mit dem polnischen Titel »Cholernie mocna miłość« mit nach Hause nehmen.

Buchvorstellung

Zur abendlichen Buchvorstellung im Goethe-Institut, am Hauptmarkt in der Krakauer Altstadt gelegen, erscheinen rund 30 Interessierte. Anwesend ist auch der Direktor des Goethe Instituts, Daniel Göpfert, sowie die in der Vorbereitung engagierte Bibliotheksleiterin, Elżbieta Jeleń. Außer der Buchvorstellung sollen auch Dr. Joanna Ostrowska und ich auch von dem polnischen Schriftsteller Marcin Wilk interviewt werden.

Gegen viele Widerstände hatte sich Dr. Ostrowska zusammen mit Aleksandra Małecka vom Verlag »Ha!art« für eine polnische Ausgabe von »Verdammt starke Liebe« eingesetzt. Die Übersetzung ist dem Goethe Institut zu verdanken, die Druckkosten wurden von einer Unterstützergruppe aus Deutschland und den Niederlanden zusammengetragen. Dr. Ostrowska berichtet von ihrem Besuch bei Familienangehörigen von Stefan T. Kosiński in Toruń, wo Stefan 1925 geboren wurde. Niemand dort hatte bisher auch nur eine Ahnung vom Doppelleben des Bruders und Onkels – auch damals wussten nur seine Mutter und sein inzwischen ebenfalls verstorbener älterer Bruder vom wahren Grund seiner Verhaftung im Jahr 1942. Die offizielle Version war, dass er wie der Vater zur Zwangsarbeit in Deutschland gewesen sei.

Mit Tränen in den Augen sagt Dr. Ostrowska: »Warum dauerte es in Polen über 26 Jahre, bis seine Geschichte nun auch hier bekannt wird? Was für ein Land, in dem er nach den Schrecken der Nazi-Herrschaft auch nach 1945 bis zu seinem Tode 2003 lieber anonym blieb, als die Wahrheit zu sagen.« Dann erzählt sie von der ersten Demonstration sexueller Minderheiten hier in Krakau 2004, an der sie als junge Studentin teilnahm: »Wir waren damals bestimmt 1000 friedliche, junge Leute. Die aggressiven Gegner unserer Demonstration schrien von Anfang an Obszönitäten. Die Polizei tat nichts. Plötzlich flogen die ersten Steine gegen uns. Einige wurden auch gepackt und geschlagen. Mit ein paar Freunden rannte ich in einen Laden, wo wir uns über eine Stunde versteckten, netterweise geduldet von der ebenfalls erschrockenen Ladenbesitzerin. Es dauerte zwei Jahre, bevor wir uns wieder versammelten. Seitdem gibt es jedes Jahr eine Pride Demo für sexuelle Minderheiten auch hier.«

Während der Diskussion meldet sich auch Dr. Piotr Trojański von der Pädagogischen Fakultät der Universität Krakau zu Wort. Er berichtet von dem neuen europäischen Unterrichtsprojekt gegen Diskriminierung von Minderheiten unter dem Titel »Geschichten, die bewegen«, in dem unter anderen auch die Geschichte von Stefan T. Kosiński aufgenommen wurde. Im November 2017 wurde dieses Projekt im berühmten jüdischen Museum Polin in Warschau der polnischen Öffentlichkeit vorgestellt2.

Am Ende wird ein kurzer Film gezeigt, der Stefan T. Kosiński auf seiner ersten Lesereise in den USA zeigt, wo er 1995 erstmals öffentlich über sein Leben sprach und sowohl von der Steven Spielberg Foundation in Los Angeles als auch dem Holocaust Museum in Washington interviewt wurde. Es gibt langen Beifall von allen Anwesenden.

Als ich zu Dr. Ostrowska bedauernd sage, dass doch eher wenig Menschen zu diesem besonderen Abend gekommen seien, entgegnet sie: »Aber die gekommen sind, waren ganz besondere Menschen.« Unter anderem nennt sie den Musiker Cezary Tomaszewski und weist auf einen Herrn, der in der ersten Reihe saß: »Das ist Professor Grzegorz Niziołek, der in der Theaterwelt Polens einen Namen hat und erst vor Kurzem sein öffentliches und viel beachtetes Coming out hatte.« Wie Recht sie hat, merke ich auch beim Signieren der Bücher. »Wir sind Wojtek und Michael«, stellen sich zwei junge Männer vor. »Vielleicht freut es Sie zu erfahren, dass wir beide eine Klage beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte in Straßburg eingereicht haben, damit unsere Beziehung auch in Polen offiziell anerkannt wird.«

 

Dr. Lutz van Dijk, Historiker, Pädagoge und Schriftsteller, ab 1979 Lehrer in Hamburg, seit 1992 Mitarbeiter der Anne Frank Stiftung in Amsterdam. 2001–2018 Mitbegründer und Ko-Direktor der südafrikanischen Stiftung HOKISA für von Aids betroffene Kinder und Jugendliche in einem Township bei Kapstadt. Mehr unter: www.lutzvandijk.co.za

 

1    In Deutschland gibt es außer den Jugenderinnerungen von Stefan T. Kosiński unter dem Titel »Verdammt starke Liebe« (2. Auflage 2017) auch einen Band mit seiner Korrespondenz: »›Endlich den Mut …‹ – Briefe von Stefan T. Kosiński (1925–2003)«, Berlin 2015.

2    Das EU Unterrichtsprojekt »Stories that move – Toolbox against Discrimination« wird koordiniert vom Amsterdamer Anne Frank Haus und ist seit Sommer 2017 online in Englisch, Deutsch, Niederländisch, Polnisch, Slowakisch, Ukrainisch und Ungarisch, zugänglich im Internet. Es wird ständig aktualisiert: www.storiesthatmove.org

 

Steine als Ausgangspunkt von Geschichtserzählungen

Trinationaler Jugendaustausch anlässlich der Befreiung des KZ Mauthausen vor 72 Jahren

Roman Fröhlich

 

Die Stiftung wannseeFORUM ist die älteste der Berliner Jugendbildungsstätten. Regelmäßig realisiert sie internationale Austauschprojekte für Jugendliche an der Schnittstelle von politischer und kultureller Bildung. Das heißt »die ›künstlerisch-ästhetische’ und die ›politisch-inhaltliche Dimension’ nicht als streng getrennte Bereiche, sondern als gleichberechtigte Geschwister zu behandeln und miteinander in Dialog treten zu lassen […].«1 Zentrales Element dabei ist das Werkstattprinzip. Die Teilnehmenden entscheiden sich für Kleingruppen, die künstlerisch arbeiten. Angeleitet von Künstlerinnen und Künstlern entstehen in mehrtägigen Workshops Werke, die bis zur Aufführungs- beziehungsweise Ausstellungsreife gebracht werden. Scheitern ist erlaubt und als Teil des Lernprozesses zu verstehen. Ästhetische Fragen, wie derjenigen nach der Grenzen des Darstellbaren, kommt im Laufe der Workshops dabei genauso Bedeutung zu, wie dem eigenen Handeln als Akteur, der Eigen- und Fremdwahrnehmung sowie der Reflexion des im Prozess entstehenden Kunstwerks. Bei all dem ist für den »freien Vogel Phantasie« gebührend Raum zu schaffen. Für Moritz von Engelhardt, den langjährigen Leiter der Jugendbildungsstätte, hieß das: »Künstlerisch-ästhetische Prozesse und Produkte dürfen nicht durch Forderung nach […] Sozial- und Politik-Verträglichkeit eingeengt und geknebelt werden.«2 Was auf manche erst einmal problematisch wirken mag, gerade wenn es um Holocaust und NS-Verfolgung geht, denen sei hier die bei diesem Konzept nicht minder wichtige Bedeutung der politischen Bildung in Erinnerung gerufen. Im Seminarplan sind immer wieder Einheiten vorgesehen, die dazu dienen, die Teilnehmenden zur kritischen Auseinandersetzung mit dem Seminarthema anzuregen. Das Aufwerfen politischer Fragen und dem Austausch darüber kommt prinzipiell genau so viel Bedeutung zu, wie der Umsetzung der Seminarinhalte mit künstlerischen Mitteln. Während der Projekte muss das Verhältnis von der Freiheit der Kunst zur pädagogisch gesteuerten Auseinandersetzung mit einem Thema immer wieder neu verhandelt werden.

In Anbetracht der Zunahme von rechtsextremen Einstellungen fiel im Vorstand der Stiftung 2016 der Entschluss, im Bereich der historisch-politischen Bildung aktiver zu werden. Der Fokus soll dabei auf der Auseinandersetzung mit der Zeit des Nationalsozialismus liegen, denn die Gründung der Bildungseinrichtung erfolgte im Rahmen der Reeducation. Die Grundlage für diese Arbeit bildet die Auseinandersetzung mit Zeugnissen von Menschen, die die NS-Diktatur erlebten. Einzelschicksale machen den Nationalsozialismus und seine Verbrechen fassbarer. Das von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung Zukunft ausgeschriebene Förderprogramm »Bildungsarbeit mit Zeugnissen« bot nahezu ideale Voraussetzungen für die Realisierung eines Austauschprojekts unter Berücksichtigung der pädagogischen Ausrichtung des wannseeFORUM, zumal, dem Werkstattprinzip entsprechend, am Ende des »prozessorientierten theaterpädagogischen Programms« ein von den Teilnehmenden geschaffenes Kunstwerk stehen sollte. Antragstellende waren aufgerufen, ein Vorhaben aus dem Genre der darstellenden Künste zu projektieren, deren Ausgangspunkt Zeugnisse von NS-Verfolgten sein sollten. Anspruch des wannseeFORUM und seiner Kooperationspartner – Zukunftsfonds der Republik Österreich, Axel Springer Stiftung und Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft Berlin – bei diesem Vorhaben war es, den künstlerischen Zugang nicht auf den Auseinandersetzungsprozess und sein Endprodukt zu beschränken. Zumindest einen Ausgangspunkt sollten Zeugnisse aus dem Bereich der Kunst und Kultur bilden. Quellen also, die anders als zum Beispiel Interviews, Briefe oder Autobiografien, besonders auf ästhetischer Ebene berühren und ihre Wirkung entfalten. Von Beginn an sollte deutlich werden, dass sich auch darauf aufbauend ein Zugang zum Thema ergeben kann. Dieser bietet sich, so die Erfahrung bei vorherigen Austauschprojekten, besonders an, wenn es sprachliche und kulturelle Barrieren zu überwinden gilt. Darüber hinaus wird den Teilnehmenden deutlich, dass es schon zu Zeiten, in denen die Nazis die Verbrechen begangen haben eine künstlerische Auseinandersetzung damit gab. Die Scheu vor dem künstlerischen Arbeiten lässt sich so verringern. Ausgangspunkte fanden sich im Katalog »Kunst und Kultur im Konzentrationslager Mauthausen 1938–1945«3. An dieser Gedenkstätte sollte das Projekt angesiedelt werden. Teilnehmende und die Künstlerinnen und Künstler, die die Werkstätten leiteten, setzten sich im Laufe des Projekts intensiv mit den in diesem Buch veröffentlichten Kunstwerken auseinander.

 

Nicht nur der verhältnismäßig einfache Zugang zu Quellen aus Kunst und Kultur sprach für Mauthausen. Jährlich nehmen hunderte Jugendliche aus ganz Europa an den Feierlichkeiten Anfang Mai teil. Vieles ist dabei ritualisiert und hat einem Protokoll zu folgen. Für kreative Formen des Gedenkens ist kaum Platz. Mit dem Theaterprojekt sollten vor Ort neue Perspektiven für die Erinnerung an die NS-Verbrechen gefunden werden. In Übereinstimmung mit dem Kooperationspartner Deutsches Mauthausenkomitee Ost e.V. und dem Mauthausen Komitee Stuttgart fiel die Entscheidung, das Ergebnis des Theaterprojekts im Rahmen des nationalen Gedenkens dort aufzuführen. 2017 stand die Gedenk- und Befreiungsfeier in Mauthausen unter dem Thema: Internationalität verbindet. Ausgehend vom Mauthausen-Schwur der Überlebenden am 16. Mai 1945, und dessen Verpflichtung zur Internationalität4 heißt das, der Erklärung des Internationalen Mauthausenkomitee zufolge, diesem Schwur und den Verpflichtung zu Internationalität auch 2017 gerecht zu werden: »Es gibt keine Problemstellungen und keine Herausforderungen, die ausschließlich auf nationaler und schon gar nicht auf nationalistischer Basis zu lösen wären. […] Dies umfasst sowohl die großen international lösbaren Probleme unserer Zeit wie auch die kleinen Dinge des täglichen Zusammenlebens und betrifft auch das Gedenken in Mauthausen.«5 Daran knüpfte der Jugendaustausch »Wege nach Mauthausen« an. Schon bei der Anfrage von Partnern wurde darauf Wert gelegt, möglichst unterschiedliche Zugänge miteinander in Verbindung treten zu lassen. Daher fiel die Wahl auf Jugendliche aus Deutschland, Österreich und Polen. Sie sollten ihren Weg nach Mauthausen finden, zehn Tage zusammenkommen, um mehr über den Holocaust und Erinnerungskultur zu erfahren und um eine Performance zu realisieren. Aus Berlin nahm die Anna-Freud-Schule teil. Sie kooperiert seit Langem mit der Stiftung wannseeFORUM und trug wesentlich zur Konzeptionierung des Projekts bei. Schon zuvor fand mit der Schule ein gemeinsamer -Studientag statt, der sich mit NS-Verbrechen auseinandersetzte. Aus Zamość konnte das II Liceum Ogólnokształcące im. Marii Konopnickiej zur Teilnahme gewonnen werden. In der Region Zamość plante die SS ein deutsches Siedlungsgebiet. Die Folgen für die Bevölkerung vor Ort waren katastrophal. Die Beschäftigung mit diesem Verbrechen ist Bestandteil der lokalen Erinnerungskultur. Schülerinnen und Schüler des Gymnasiums nehmen regelmäßig an internationalen Austauschprojekten zu NS-Verbrechen teil, in denen mit Erinnerungsberichten und zeitgenössischen Quellen gearbeitet wird.

In Steyr fand sich das Reformpädagogische Oberstufenrealgymnasium der evangelischen Kirche bereit, den Austausch mitzutragen. In der Stadt an der Enns bestand schon früh eine Außenstelle des KZ Mauthausen. Der 2013 eröffnete »Stollen der Erinnerung« widmet sich der Aufarbeitung dieses Orts des Terrors. Sein Entstehen ist exemplarisch für den Umgang mit der NS-Geschichte in weiten Teilen Österreichs. Bereits Anfang der 1990er war geplant eine Ausstellung in einer ehemaligen Baracke des KZ-Außenlagers Steyr-Münichholz zur realisieren. Der Abriss des authentischen Orts verhinderte die Umsetzung.6 Verdrängung und Opfermythos wirken nach. Das Realgymnasium hat einen Theaterschwerpunkt. Ein künstlerischer Zugang zum Thema NS-Verbrechen war den Teilnehmenden aus dieser Schule nicht fremd.

 

Bevor der kreative Schaffensprozess nahe der Gedenkstätte begann, fanden in Berlin Steyr und Zamość intensive Rechercheprozesse statt, die von einer immer tiefer gehenden Annäherung an das KZ Mauthausen gekennzeichnet waren. Neben dem bereits erwähnten Katalog zur Ausstellung »Kunst und Kultur im Konzentrationslager Mauthausen 1938–1945«, der einen Zugang auf künstlerischer Ebene ermöglichte, suchten die Teilnehmenden nach erhalten gebliebenen Spuren, Selbstzeugnissen und Lebenswegen der ins KZ Mauthausen Verschleppten. Unterstützt vom Deutschen Mauthausenkomitee Ost e.V. und dem Archiv der Gedenkstätte Mauthausen machten sich die Jugendlichen vor »ihrer Haustür« auf die Suche. Jede Gruppe recherchierte mindestens einen nachverfolgbaren Weg nach Mauthausen und fand so einen lokalen Zugang zum Thema. Die Gruppe aus Zamość fand einen Zeitzeugen. Schülerinnen und Schüler interviewten den ehemaligen Häftling des KZ Mauthausen und präsentierten das filmische Ergebnis während des Workshops. Die Teilnehmenden aus Berlin beschäftigten sich mit der Biografie einer Jüdin aus Berlin, die Ende 1944 nach Mauthausen kam und dort die Befreiung erlebte. Die Teilnehmenden aus Steyr spürten der Geschichte einer kommunistischen Widerstandsgruppe nach, deren Mitglieder in Mauthausen in Haft waren. Die begleitenden Lehrerinnen und Lehrer unterstützten die Forschenden bei der Einordnung, der Prüfung und der Aufarbeitung der Rechercheergebnisse. Über einer Facebook-Gruppe tauschten die Schülerinnen und Schüler die Resultate dieser Phase des Projekts aus. Ein erster Besuch der Gedenkstätte Mauthausen inklusive Führung und ausreichend Zeit für die Selbsterkundung schloss den ersten Teil des trinationalen Jugendaustauschs ab. Die dort verbrachte Zeit diente dreierlei: Dem Kennenlernen der Gedenkstätte und der Geschichte des Ortes, der Intensivierung der Recherche für die Werkstätten und der Besichtigung des Aufführungsortes (Denkmal der Mutter, nahe des Steinbruchs).

Den folgenden Tag in der Unterkunft Schloss Riedegg prägte intensives Kennenlernen und der Erarbeitung eines gemeinsamen Zeitstrahls. Anhand von historischen Fotos, die chronologisch zu ordnen waren, traten die unterschiedlichen Schwerpunkte in den nationalen Erinnerungskulturen deutlich zutage. Ereignisse, denen ein Teil der Schülerinnen und Schüler zentrale Bedeutung beimaßen, waren den anderen Teilnehmenden keineswegs so bekannt, wie von manchen erwartet. Exemplarisch sei hier das Bild von Hitler am Fenster der Reichskanzlei 1933 in Berlin, auf dem Balkon der Wiener Hofburg 1938 und ein Bild vom Warschauer Aufstand im August 1944 erwähnt. Gemeinsam ordneten die Teilnehmenden die Bilder. Dabei wandte sich die Gruppe immer wieder der Frage zu, warum welche Ereignisse während der zwölfjährigen NS-Diktatur in ihren Herkunftsländern stärkere Erinnerung finden als in anderen Nationen. An den Folgetagen intensivierte sich der Prozess des Kennenlernens anderer Sichtweisen auf die Zeit der NS-Diktatur und das Hinterfragen der eigenen Vorstellungen, galt es doch trotz aller Unterschiede gemeinsam ein künstlerisches Werk zu erschaffen.

Aufbauend auf den bisherigen Einheiten starteten nun die von Kunstschaffenden angeleiteten Werkstätten: Foto, Tanz und Theater. Deren Leiterinnen und Leiter regten die Jugendlichen dazu an, ihre eigene Form der Auseinandersetzung, Umsetzung und Inszenierung der ausgewählten Zeugnisse zu finden. Sie ermutigen, die künstlerischen Quellen, die sie besonders berührt hatten und ihre Rechercheergebnisse einzubringen und diese unter Beachtung ihres jeweiligen Zugangs zu reflektieren. Schritt für Schritt erweiterten die Schülerinnen und Schüler so ihre Kenntnisse zur NS-Geschichte. In den Werkstätten begannen sie im Rahmen eines dialogischen Lernprozesses ihre Ideen umzusetzen. Sie thematisierten ihre Sichtweise, ihren Zugang zum Thema und setzten sich mit denjenigen der Anderen auseinander. Inputs trugen zur Intensivierung dieses Prozesses bei. So erfolgte nach den ersten Werkstatteinheiten ein weiterer Besuch der KZ-Gedenkstätte Mauthausen, den die Akteure nutzen, um weitere Impulse für ihre kreative Arbeit zu sammeln. Die Fotowerkstatt suchte nach Motiven. Die Tanzgruppe überlegte am Ort der Aufführung ob ihre Choreografie umsetzbar sei und wie sie wirke. Denn der authentische Ort unterschied sich in seiner Aura sehr vom Proberaum auf Schloss Riedegg.

Beim gemeinsamen Besuch des Lern- und Gedenkorts Schloss Hartheim wurde deutlich, wie fundamental Menschenrechte für unsere Gesellschaft sind und welche Konsequenzen deren Missachtung mit sich bringen kann. Immer wieder ergaben sich bei der Nachbereitung selbstreflexive Momente, zum Beispiel, wenn die Teilnehmenden sich die Frage stellten, welche Exklusionsmechanismen heute wirken. Solche Themen des Tages kamen allabendlich in großer Runde zur Sprache, wurden aber auch von den Teilnehmenden in die Werkstätten getragen. Dort arbeiteten die Schülerinnen und Schüler jenseits sprachlicher Mittel mit der Kamera, mit dem Körper, mit Tanz, Stimm- und Theaterübungen. Das gemeinsame Inszenieren stieß die Auseinandersetzung mit den Themen des Austauschs auf kreativer Ebene an. Die Akteure setzten unterschiedliche Akzente, nahmen verschiedene Positionen und Haltungen ein. Dabei spielten sowohl die nationale Herkunft als auch die eigene Biografie eine zentrale Rolle. Die Widersprüchlichkeit an den ehemaligen Orten des Terrors, die Wirkung von Zeugnissen sowie von tradierten Geschichtsbildern wurde aufgegriffen und schlug sich im Schaffensprozess nieder.

Die Fotografinnen und Fotografen wählten Motive aus, die exemplarisch für solche Widersprüche sind. Sie nahmen blühende Pflanzen auf dem Gelände des Lagers auf und entfremdeten sie. Ebenso bearbeiteten sie Fotografien von Zeugnissen, nationalen Mahnmalen, Mauern, Baracken und Türmen des ehemaligen KZ. Die Aufnahmen, bei deren Farbausdrucken mindestens ein Farbton fehlt, wirken befremdlich, sie verstören. So brechen die Kunstwerke mit einem monokausalen Bild von Erinnerung an Gedenkstätten und Zeugnissen, sie verweisen auf die Vielschichtigkeit, die sich hinter den Motiven verbirgt.

Mit Zeugnissen der Opfer des Holocaust zu arbeiten, heißt auch, sich mit den Täterinnen und Tätern zu beschäftigen. Täterschaft war auch bei den Besuchen der KZ-Gedenkstätte Mauthausen und des Lern- und Gedenkorts Hartheim ein Thema. Jugendliche aus Berlin und Steyr wussten von Urgroßvätern zu berichten, die in der SS waren. Dies gab der Tanzgruppe Anstoß, auch Täter darzustellen. Dabei kam der Willkür der Aufseherinnen und Aufseher besondere Bedeutung zu. Drei Akteure schleppen sich gebückt den Weg entlang. Eine vierter, aufrecht gehend, tritt ihnen entgegen und bringt einen von ihnen zu Fall. Warum gerade ihn? Das bleibt unklar. Der zweite der sich Voranschleppenden bricht zusammen. Nun macht sich der Täter an die dritte Person, doch ihr gelingt es, sich dem Zugriff zu entziehen. Die Auseinandersetzung mit den Zeugnissen der überlebenden Widerstandskämpferinnen und -kämpfer führte dieser Gruppe vor Augen, dass es für die Inhaftierten im Lager Momente des Handelns gab. Dieses aktive Moment fand sich auch im zweiten Teil des Tanzstücks wieder, als sich die Akteure zusammenfanden und sich an den Händen fassten. Anfangs überwog bei diesem Teil der Performance noch der Ausdruck des Gefühls des völligen Verloren-seins in einer tödlichen Umgebung. Für einige Tänzerinnen und Tänzer war dies ein wichtiges Element bei der Darstellung der KZ-Haft. Sie bewegten sich scheinbar verloren in einem begrenzten Raum. Die Akteure finden anfangs nicht zueinander, vielmehr folgen sie dem ihnen scheinbar vorgegebenen Weg, der sie letzten Endes dann doch zusammenführt.

Die Theatergruppe entwickelte eine vielsprachige szenische Lesung. Während des Austauschs sprachen die Teilnehmenden in drei Sprachen miteinander. Zwei Akteure dieser Gruppe hatten griechischen Hintergrund. Beim Besuch der Gedenkstätte Mauthausen entdeckten sie Zeugnisse von Inhaftierten aus Griechenland und wollten auch dieser Opfergruppe in der Performance eine Stimme geben. So fand ein Auszug des Haftberichts eines Insassen aus Griechenland Berücksichtigung. Weitere Auszüge anderssprachiger Inhaftierter kamen hinzu. Auf diesem Wege erfassten die Schülerinnen und Schüler, wie viele Menschen unterschiedlicher Herkunft in Mauthausen inhaftiert waren. In der Theatergruppe entstand eine Dramaturgie, die alle Akteure der Performance miteinbezog und sie auf die improvisierte Bühne holte. Eine Szene der Tanzgruppe aufgreifend, laufen nun dutzende Jugendliche schwarz gekleidet durcheinander. Immer wieder hebt sich eine Person aus der Menge ab und zitiert eine kurze Passage aus einem selbst gewählten Zeugnis aus der persönlichen Erinnerung eines Überlebenden. Sätze in verschiedenen Sprachen durchbrechen die Stille. Ist der Vortrag zu Ende, setzt sich der Vorlesende nieder und wird zu einem Stein, nimmt dessen Form an. Immer mehr Teilnehmende setzen sich. Zwei Kreisen formieren sich, die aus lebenden Steinen bestehen. Ein Schauspieler und eine Schauspielerin stehen in der Mitte und tragen abwechselnd in polnischer und deutscher Sprache vor: »Wir sind die lebenden Steine, aus der Tiefe der Hölle. Wir Sklaven müssen doch glauben an Menschen, Menschen und Liebe«7. Das Gedicht von Włodzimierz Wnuk, 1941 im KZ Gusen entstanden, schließt die Performance ab. Teilnehmende aus Zamość haben in der Werkstatt immer wieder ihre Perspektive und ihren Weg nach Mauthausen eingebracht: Das große Leid, das die Besatzer über Zamość gebracht haben. Die Begegnung mit dem Überlebenden, die Auseinandersetzung mit dem Gedicht in der Vorbereitung in Zamość und nun seine Wirkung am authentischen Ort – all dies trug zur Entscheidung der Tanzgruppe bei, die gesamte Performance auf dieses Gedicht zulaufen zu lassen. Während das Gedicht erklingt, verlassen die Akteure ihre steingleiche Körperhaltung und fassen sich als Menschen an den Händen. Das Motto der Gedenk- und Befreiungsfeier in Mauthausen 2017 wird zum Motiv: Internationalität verbindet. Die zwanzigminütige Performance kam erstmals bei der Gedenk- und Befreiungsfeier in Mauthausen am Denkmal der DDR zu Aufführung. Danach konnte sie beim Treffen mit der polnischen Delegation, die zu den Feierlichkeiten angereist war und in einer Schule in Wien aufgeführt werden.

Die Auswahl und Form des Dargestellten spricht für sich. Inszenierung, Aufführung und Ausstellung wurden zum Teil von Erinnerungsarbeit und der Beschäftigung mit der Gegenwart, denn »künstlerische Zugänge […] eröffnen Chancen, subjektive, differenzielle Zugänge zur NS-Geschichte zu erarbeiten.«8 So gelang den Jugendlichen unterstützt von der Werkstattleitung, am authentischen Ort und durch Quellenrecherche die Verschränkung von Zeugnisarbeit und Kunstpraxis.

Daraus ergaben sich individuelle Zugänge und Einblicke in die Geschichte des Holocaust, des Nationalsozialismus und dessen Bedeutung für das Hier und Heute. Die Teilnehmenden schlugen eine Brücke zur Gegenwart, erkannten die Botschaft der ehemaligen Inhaftierten an sie, eine nachfolgende Generation: Über nationale Grenzen hinweg finden wir gemeinsam einen Weg zur Lösung der Probleme unserer Zeit. Zusammen können wir eine Erinnerungskultur schaffen, in der wir alle uns wieder finden, obwohl die Geschichte der einzelnen Nationen unterschiedlich ist.

Es gilt, diese andere ausdruckstarke und anstiftende Form des Gedenkens, jenseits nationaler und militärischer Rituale zu stärken. Die Auseinandersetzung mit den Quellen und ihre Mut machenden Elemente sowie die Präsentation des selbst geschaffenen eröffneten den Teilnehmenden neue Wege zur Selbstverortung und hat ihr Interesse an der Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus verstärkt. Das Werkstattprinzip und die damit einhergehende Verknüpfung von kultureller und politischer Jugendbildung begünstigen das Erkennen von Gemeinsamkeiten in der Geschichte und deren Bedeutung für die Gegenwart. Sie können Fundament sein für eine gemeinsame europäische Erinnerungskultur. Sie lassen die Jugend Europas zum Träger dieser Form des Erinnerns werden. Durch die Überwindung der eigenen Grenzen auf verschiedenster Ebene kommen sich die Teilnehmenden im Schaffensprozess näher. In Zeiten des allen Orts erstarkenden Nationalismus, der die Ausgrenzung von Andersdenkenden und Andersgläubigen propagiert, ist es notwendig, Wege des gemeinsamen Erinnerns zu beschreiten, die international, kreativ und emanzipatorisch sind.

 

Dr. des. Roman Fröhlich ist pädagogischer Leiter der Berliner Jugendbildungsstätte Stiftung wannseeFORUM. Seine Promotion beschäftigt sich mit der Zwangsarbeit von KZ-Häftlingen bei der Firma Heinkel in Oranienburg. Insassen der Außenlager des KZ-Mauthausen in Wien waren bei diesem Flugzeughersteller eingesetzt.

 

Das Projekt wurde gefördert von: Stiftung evz, Zukunftsfonds der Republik Österreich, Axel Springer Stiftung und Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Wissenschaft Berlin.

 

1    Lukas Macher und Finn Sörje: Geschwisterpaar: Zur Verbindung von politischer und kultureller Bildung im wannseeFORUM. Ein Praxisbericht, in: Infodienst. Das Magazin für Kulturelle Bildung, Nummer 119, April 2016, S. 28.

2    Moritz von Engelhardt: Freier Vogel Phantasie. Zum Verhältnis zwischen künstlerischer und poltischer Jugendbildung, in: wannseeFORUM/Wannseeheim für Jugendarbeit e.V.: Jahresbericht 2003, Erscheinungsdatum unbekannt, S. 34.

3    Die Aussteller und Bundesminister für Inneres (Hrsg.): Kunst und Kultur im Konzentrationslager Mauthausen 1938–1945. Katalog zur Ausstellung, Wien 2007.

4    »Wir wollen nach erlangter eigener Freiheit und nach Erkämpfung der Freiheit unserer Nationen die internationale Solidarität des Lagers in unserem Gedächtnis bewahren und daraus unsere Lehren ziehen.« [www.mauthausen-memorial.org/assets/uploads/3_1_13-AMM-U-4-2.jpg; 15. 11. 2017]

5    www.mkoe.at/sites/default/files/files/aktuelles/Programm-Gedenk-und-Befreiungsfeiern-2017.pdf, S. 2. [15. 11. 2017]

6    Vgl.: Ein Werk, das nicht mehr vergessen lässt, was war, Interview mit Karl Ramsmaier in den Oberösterreichische Nachrichten (www.nachrichten.at/oberoesterreich/steyr/Ein-Werk-das-nicht-mehr-vergessen-laesst-was-war;art68,1222643)

7    Włodzimierz Wnuk: »Żywe kamienie«; Die lebenden Steine, Gusen 1941, zitiert nach: Die Aussteller und Bundesminister für Inneres (Hrsg.): Kunst und Kultur im Konzentrationslager Mauthausen 1938–1945. Katalog zur Ausstellung, Wien 2007, S. 64.

8    Juliane Heise: Über die Sprache hinaus – künstlerische Zugänge, in: Elke Gryglewski , Verena Haug, Gottfried Kößler, Thomas Lutz, Christa Schikorra (Hrsg.): Gedenkstättenpädagogik. Kontext, Theorie und Praxis der Bildungsarbeit zu NS-Verbrechen, Berlin 2015, S. 316.