André Hohengarten

Gedenkstätte der Verschleppung aus Luxemburg – Bahnhof Hollerich

Gedenkstättenrundbrief 99 S. 26-29

Während des Westfeldzuges überfiel am 10. Mai 1940 die deutsche Wehrmacht auch das neutrale und unbewaffnete Großherzogtum Luxemburg, obwohl Adolf Hitler noch am 26. August 1939 dem Land eine Neutralitätszusicherung gegeben hatte. Nach einer kurzen Militärverwaltung ernannte Hitler am 2. August 1940 den Gauleiter von Koblenz-Trier, Gustav Simon, zum Chef der Zivilverwaltung in Luxemburg und unterstellte ihn sich persönlich. Dessen Auftrag lautete, das Land in einem Zeitraum von zehn Jahren zu nazifizieren. Folglich führte der Gauleiter fast sämtliche im Deutschen Reich geltenden Maßnahmen auch in Luxemburg ein.

Vom 6. Oktober 1941 bis zum 13. Juli 1944 war der etwas abseits gelegene Bahnhof von Luxemburg-Hollerich Sammelpunkt für die in den Reichsarbeitsdienst und in die Wehrmacht gezwungenen Luxemburger. Ferner diente er vom 17. September 1942 bis August 1944 als Abfahrtsbahnhof für die Umsiedlung der politisch Unzuverlässigen. Danach erfolgte ihre Verschleppung mit Omnibussen. Die Letzten mussten noch am 31. August 1944, zehn Tage vor der Befreiung, das Land verlassen.

Die Deportation der Juden Luxemburgs begann am 16. Oktober 1941 und erfolgte in sieben größeren oder kleineren Transporten. Die drei ersten gingen vom nahe gelegenen Güterbahnhof Luxemburg aus. Die vier anderen wurden beim Kloster Fünfbrunnen, im Norden des Landes, eingeladen, der letzte am 17. Juni 1943.

Vor der Zwangsrekrutierung der Luxemburger zur Wehrmacht war die Reichsarbeitsdienstpflicht (RAD) bereits am 23. Mai 1941 in Luxemburg eingeführt worden. Die Luxemburger Mädchen ihrerseits mussten seit dem 10. Februar 1943 nach dem RAD auch noch in den Kriegshilfsdienst (KHD). Am 30. August 1942 verkündete Gauleiter Gustav Simon die Einführung der allgemeinen deutschen Wehrpflicht für die Luxemburger. Sofort einberufen wurden die Jahrgänge 1920 bis 1924. Später kamen noch die Jahrgänge 1925 bis 1927 hinzu.

Die Empörung der Bevölkerung (1941 betrug sie 290230 Einwohner) entlud sich sofort in öffentlichen Protesten und Streikbewegungen im ganzen Land. Der Gauleiter reagierte mit äußerster Härte. Schon am 31. August 1942 verhängte er über das ganze Land den Ausnahmezustand und setzte ein Polizeistandgericht ein. 21 Personen wurden hingerichtet. Festgenomme oder eingesperrt wurden 338 Personen, daneben wurden 334 Jugendliche in Erziehungslager überführt.

Insgesamt wurden 10211 Luxemburger einberufen, von denen etwa 3500 sich der Einziehung entzogen oder später fahnenflüchtig wurden. 3150 Eingezogene kamen um. 1551 Heimkehrer waren verwundet oder krank.

Seit Herbst 1942 wurden ganze Familien – unter ihnen viele während des Ausnahmezustandes Festgenommene – als Strafmaßnahme umgesiedelt und notdürftig in Lagern fern von Luxemburg untergebracht. Später kamen die Angehörigen der Fahnenflüchtigen als Opfer der sogenannten »Sippenhaft« dazu. Zur »Absiedlung« gehörte die Beschlagnahmung des Vermögens.

Die Lager für die Luxemburger befanden sich in Schlesien, im Sudetenland und im Hunsrück. Umgesiedelt wurden 1410 Familien mit insgesamt 4186 Personen. 154 sind während der Umsiedlung umgekommen.

Vor dem Krieg lebten ungefähr 3700 Juden in Luxemburg. Etwa 1500 konnten während des deutschen Überfalls am 10. Mai 1940 ins Ausland flüchten; 1500 weitere wurden vom Beginn der deutschen Besatzung an bis zum Oktober 1941 nach Frankreich abgeschoben, von wo viele später in die Nazi-Vernichtungslager, hauptsächlich nach Auschwitz-Birkenau, kamen.

Die dann noch in Luxemburg lebenden etwa 700 Juden wurden mit wenigen Ausnahmen in ein Sammellager im Norden des Landes (Kloster Fünfbrunnen) verbracht. Von dort aus wurden sie nach dem »Altersghetto Theresienstadt« und weiter in die Todeslager im Osten verschleppt. Insgesamt kamen etwa 1200 Juden aus Luxemburg im Rahmen der nationalsozialistischen »Endlösung der Judenfrage« ums Leben.

 

Die Gedenkstätte (Mémorial) wurde am 29. Mai 1996 eröffnet und befindet sich im ehemaligen Bahnhofsgebäude von Luxemburg-Hollerich. Sie steht unter der Schirmherrschaft des Großherzogs von Luxemburg und wird von einer Stiftung geleitet, die aus Vertretern der »Fédération des victimes du nazisme enrôlées de force«, der »Association des déportés politiques« und des »Comité Auschwitz Luxembourg« besteht. Vorsitzender der Stiftung ist Ehren-Hofmarschall Guy De Muyser.

Das Mémorial besteht aus einem Denkmal, einem Museum mit einer beständigen Ausstellung, einem kleinen Filmarchiv mit Projektionsraum und einer kleinen Bibliothek.

Die Geschichte des Ortes wird mittels Bildern, Dokumenten und Karten in einer Ausstellung dokumentiert, die sich in vier Abteilungen gliedert.

- Einführung in die Geschichte der Naziherrschaft in Luxemburg

- Judenverfolgung in Luxemburg.- Zwangsrekrutierung der Luxemburger Jugend (RAD, KHD und Wehrmacht)

- Zwangsumsiedlung von Luxemburgern

Eine Multimedia-Anlage liefert zusätzliche Informationen.

Im Projektionsraum der Gedenkstätte werden folgende Video-Dokumentarfilme gezeigt, die im Auftrag des Mémorials gedreht wurden

- Deserteure und Wehrdienstverweigerer

- Das Massaker von 91 Luxemburgern im Zuchthaus Sonnenburg (Slonsk)

- Das Gefangenenlager 188 von Tambow (Rußland)

- Die Umsiedlung

- Die Shoah in Luxemburg

Außer den Büchern und Zeitschriften der kleinen Bibliothek stehen verschiedene Informationsschriften zur Verfügung u.a.

- Wider das Vergessen (Luxemburg 1998)

- Umsiedlung (Luxemburg 1999)

- Die Verfolgung der Juden in Luxemburg (Luxemburg 2000)

 

Die Gedenkstätte – Nähe des Hauptbahnhofs der Stadt Luxemburg – ist erreichbar:

zu Fuß, in etwa 15 Minuten vom Hauptbahnhof, Avenue de la Gare, Rue d’Alsace und schließlich Rue de la Déportation

mit dem Auto Avenue de la Gare, Rue d’Alsace und schließlich Rue de la Déportation

per Bahn zur Haltestelle »Hollerich« an der Bahnstrecke Luxemburg-Petingen

Öffnungszeiten: Donnerstag, 14.30–17.30 Uhr, Eintritt frei

Einzel- oder Gruppenbesuche zu anderen Zeiten nur auf telefonische Verabredung

Telefon: 003 52/350014, 003 52/483232 (nur Donnerstag nachmittags)

 

Gedenkstätte der Verschleppung, Bahnhof Hollerich,

Straße der Verschleppung 3a, Postfach 2415, L-1024 Luxemburg

Mémorial de la Déportation, Gare de Hollerich,

3a, rue de la déportation, B.P. 2415, L-1024 Luxembourg.