Gedenkstätte Todesmarsch im Belower Wald nach umfassender Neugestaltung wieder eröffnet
Gedenkstättenrundbrief 156 S. 3-13Im Rahmen der Gedenkfeiern zum 65. Jahrestag der Befreiung der Häftlinge der Konzentrationslager Sachsenhausen und Ravensbrück wurde am 16. April 2010 in Anwesenheit von rund 100 Überlebenden aus aller Welt die Gedenkstätte Todesmarsch im Belower Wald – das ehemalige Todesmarschmuseum – nach umfangreicher Neugestaltung wieder eröffnet. Die Gedenkstätte, Außenstelle der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen, erinnert an den Todesmarsch der Häftlinge des KZ Sachsenhausen. Mehr als 16 000 Häftlinge mussten sich im April 1945 einige Tage im Belower Wald bei Wittstock in einem provisorischen Lager unter freiem Himmel und ohne Versorgung aufhalten. Die KZ-Häftlinge haben an den Bäumen im Wald Spuren hinterlassen: Einritzungen, Schnitzereien und großflächig fehlende Rinde, da sie in ihrer Not versuchten, sich von Baumrinde zu ernähren.
Neugestaltung der Gedenkstätte
Im ersten Quartal 2006 fand ein Gutachterverfahren statt, nachdem die Gremien der Stiftung Brandenburgischer Gedenkstätten 2005 die Grundzüge der Neugestaltung beschlossen hatten. Vier Arbeitsgemeinschaften von Architekten und Gestaltern wurden eingeladen, eine Konzeption zu entwickeln, die eine Open-Air-Ausstellung, den Umbau des Museumsgebäudes zu einer pädagogischen Projektwerkstatt und die Gestaltung des Außengeländes umfassen sollte. Eine Jury unter dem Vorsitz von Prof. Stefanie Endlich, der Historiker, Architekten, Pädagogen, Vertreter der beteiligten Ministerien des Landes sowie die Vorsitzenden der Fachkommission und des internationalen Beirates und der Direktor der Stiftung angehörten, wählte im März 2006 einen Siegerentwurf aus, nämlich den Entwurf der Arbeitsgemeinschaft Bennis/Lohrberg/Weidner. Der internationale Beirat der Stiftung, in dem die Organisationen der KZ-Überlebenden und der NS-Opfer vertreten sind, die Fachkommission und der Stiftungsrat stimmten im Sommer 2006 der Entscheidung zu und unterstützten die Neugestaltung. Nach Bewilligung der Förderanträge konnte 2009 mit dem Bau begonnen werden. Die Neugestaltung wurde mit 298 000 Euro aus dem Gedenkstättenfonds des Bundeskulturbeauftragten finanziert, 456 000 stellte das Land Brandenburg bereit, das dafür auf EU-Mittel zur Entwicklung des ländlichen Raumes zurückgriff. Die Landeszentrale für politische Bildung in Mecklenburg-Vorpommern beteiligte sich mit 14 000 Euro an den Kosten der Recherche für die neue Ausstellung. Mit der Ausführung wurden der Berliner Architekt Martin Bennis und das Stuttgarter Grafikbüro Weidner Händle Atelier beauftragt.
Die grundlegende Idee der Neugestaltung ist die klare Trennung der vier Bereiche der Gedenkstätte: Mahnmalsanlage, historisches Waldgelände, pädagogische Projektwerkstatt und Open-Air-Ausstellung. Diese vier Bereiche wurden mit Glasstelen im Design der Ausstellung versehen, die nicht nur der Orientierung, sondern auch der Information über die Geschichte des Ortes dienen.
Die Mahnmalsanlage von 1975 wurde unverändert erhalten. Die Stadt Wittstock, Eigentümerin der denkmalgeschützten Anlage, hat sie zur Eröffnung der neu gestalteten Gedenkstätte saniert. Außer dem Mahnmal gehören zur Anlage (auf der anderen Seite der Straße) ein Fahnenplatz, der dem Hissen von 18 Fahnen festgelegter Nationen diente, und ein gepflasterter Platz für die Manifestationen, der so genannte Appellplatz.
Der historische Ort – das Waldstück, in dem die KZ-Häftlinge lagern mussten – ist der wichtigste Teil der Gedenkstätte. Er wurde nur sehr zurückhaltend gestaltet, um die eindrucksvollen Spuren in den Bäumen nicht durch eine nachträgliche Überformung in den Hintergrund zu drängen. Die aus den siebziger und achtziger Jahren stammende Markierung der Bäume mit roten Winkeln wurde als Teil der Mahnmalsanlage aus DDR-Zeiten belassen. Ebenso der in den neunziger Jahren angelegte Weg, der durch den Wald zu den interessantesten Bäumen führt. Neben sieben Bäumen, die exemplarisch für die verschiedenen Spuren stehen, wurden schmale Glasstelen aufgestellt, die durch Erklärungen und Fotos, z.B. von den Gipsabdrücken, Hilfestellung beim Lesen der nach 65 Jahren zum Teil nicht mehr kenntlichen Spuren geben.
Das ehemalige Museumsgebäude, im Innern zur pädagogischen Projektwerkstatt umgebaut, wurde äußerlich kaum verändert. Ein Lift sorgt für barrierefreien Zugang, der vorher nicht gewährleistet war. Die Eingangssituation wurde offener gestaltet, u.a. durch eine hölzerne Freitreppe, die zum Sitzen einlädt.
Die neue Open-Air-Ausstellung befindet sich auf einer Wiese entlang der Waldkante. Die Waldkante war ebenso wie die Pflasterstraße 1945 Grenze des provisorischen Waldlagers. Die Ausstellung liegt in der Landschaft und erlaubt ständige Sichtbezüge zum historischen Waldgelände, zur Straße und zur Ortschaft Below. Der Zugang zur Ausstellung erfolgt über einen Steg von der Straße aus, ein weiterer Steg verbindet die Ausstellung mit dem Waldgelände. Er überquert die Landesgrenze, da die neue Ausstellung in Mecklenburg-Vorpommern liegt, während sich der Wald, das Mahnmal, und das ehemalige Museum in Brandenburg befinden. Der wichtigste Teil der Gedenkstätte, das historische Waldgelände, wird mit der neuen Gestaltung ganz bewusst in die Mitte gerückt, umringt von Ausstellung, Projektwerkstatt und Mahnmalsanlage.
Open-Air-Ausstellung auf der Wiese
Die Ausstellung liegt in einer idyllisch anmutenden Landschaft; ihre Gestaltung aber – klar, modern und schnörkellos – und die verbauten Materialien Beton, Stahl und Glas markieren einen deutlichen Bruch mit dieser Idylle. Auf einem Plateau mit einer wassergebundenen Decke befinden sich 28 Ausstellungstafeln, zwei Ausstellungswände und eine Vitrine. Tafeln und Wände bestehen jeweils aus drei miteinander verbundenen Glasscheiben, von denen die innere im Siebdruckverfahren direkt bedruckt ist. Die Gläser sind, von zwei inhaltlich begründeten Ausnahmen abgesehen, weder blickdicht noch transparent, sondern transluzent, d.h. partiell lichtdurchlässig. Sie wirken daher bei unterschiedlichen Lichtverhältnissen unterschiedlich: die Ausstellung reagiert mit der Umgebung.
Die Tafeln stehen in thematischen Gruppen zusammen, die Anknüpfungspunkte für thematische Projekte sein werden. Schwerpunkte sind selbstverständlich der Todesmarsch der Häftlinge des KZ Sachsenhausen und das provisorische Lager im Belower Wald. Darüber hinaus wirft die Ausstellung aber auch einen Blick auf die Räumung anderer Konzentrationslager, das KZ Sachsenhausen vor dem Ausmarsch, die Arbeit des Internationalen Roten Kreuzes, den Todesmarsch der Ravensbrückerinnen und die Nachgeschichte des Todesmarsches. Die Ausstellung arbeitet intensiv mit Zitaten und Zeichnungen von Überlebenden des Todesmarsches, die von zum Teil neu entdeckten Fotos und Dokumenten ergänzen werden. Auch Karten spielen eine große Rolle, um die Wege der Todesmärsche im Gebiet zwischen Berlin und Schwerin zu verdeutlichen. Gestalterisch in die Mitte gerückt und durch blickdichte Passepartouts hervorgehoben, werden jene 13 Fotos des Todesmarsches gezeigt, die ein Schweizer Delegierter des Internationalen Roten Kreuzes in der Umgebung von Wittstock heimlich aufgenommen hat und die vermutlich die einzigen Fotos sind, die es vom Todesmarsch gibt.
Am Drehpunkt zwischen Ausstellung und Steg in den Wald steht die Vitrine, sie ist damit das Scharnier zwischen der Dokumentation und dem historischen Ort. Als Vitrine im Außenraum ist sie etwas Besonderes und war auch technisch eine Herausforderung. In der Vitrine wird eine kleine Auswahl von sorgfältig dokumentierten Fundstücken gezeigt, die in der ersten Hälfte der neunziger Jahre auf dem ehemaligen Lagerplatz im Wald gefunden wurden; zum Beispiel Teile eines Essgeschirrs, persönliche Dinge aus dem heimlichen Besitz der Häftlinge, selbst hergestellte Schachteln, Messer und Reiben oder Überreste der Konservendosen aus den Rotkreuzpaketen. Am Ende der Ausstellung befindet sich eine große Tafel mit einer Karte der Region. Dort ist bereits ein Teil der Erinnerungszeichen und Gedenkstätten an die Opfer des Todesmarsches verzeichnet. Im Rahmen von Schülerprojekten soll diese Karte nach und nach ergänzt werden.
Todesmarsch der Häftlinge des KZ Sachsenhausen im April 1945
Die Räumung des Konzentrationslagers Sachsenhausen kostete noch kurz vor der Befreiung mehr als tausend Häftlingen das Leben. Bei Heranrücken der Front wurden am 20. und 21. April 1945 mehr als 30 000 Häftlinge, darunter Frauen und Kinder, von Sachsenhausen zu Fuß Richtung Nordwesten getrieben. Für die meisten von ihnen endete der Marsch mit ihrer Befreiung durch sowjetische und amerikanische Truppen zwischen dem 2. und 4. Mai im Raum Parchim – Ludwigslust – Schwerin, etwa 200 Kilometer von Oranienburg entfernt. Für viele Überlebende des KZ Sachsenhausen gehören der Todesmarsch und das provisorische Lager im Belower Wald auch heute noch zu den eindrücklichsten Erinnerungen an ihre KZ-Haft.
Schon im Herbst 1944 begannen zwischen dem Reichsführer SS Heinrich Himmler und dem Kommandanten des KZ Sachsenhausen Anton Kaindl Gespräche über die Räumung des Konzentrationslagers in der Nähe der Reichshauptstadt. Dabei verfolgte die SS-Führung ursprünglich die Absicht, alle KZ-Häftlinge in einer großen Mordaktion durch Bombenabwürfe, Massenerschießungen oder bei der Versenkung von Schiffen zu töten. Doch als die Rote Armee Anfang Februar 1945 die Oder erreichte, wurden alle diese Pläne als technisch undurchführbar verworfen. Stattdessen erhielt der Erste Lagerarzt den Befehl, alle kranken und marschunfähigen Häftlinge in den Revieren und Schonungsblocks zu selektieren und sie entweder mit großen Transporten in die Sterbelager Bergen-Belsen und Mauthausen abzuschieben oder aber im Industriehof des KZ Sachsenhausen zu ermorden. Die übrigen Häftlinge sollten durch einen schmalen Korridor, der zwischen den Fronten der Westalliierten und der Roten Armee verblieben war, nach Nordwesten getrieben werden.
Die Räumung des Lagers begann am 20. April 1945. Völlig unzureichend gekleidet und ernährt und von der KZ-Haft geschwächt, schleppten sich die Häftlinge unter den Augen der Bevölkerung durch Nordbrandenburg und Mecklenburg. Täglich mussten sie bis zu 40 Kilometer bei nasskaltem Wetter marschieren und in überfüllten Scheunen oder unter freiem Himmel übernachten. Wer nicht mehr weiter marschieren konnte, wurde von der SS erschossen oder erschlagen. Das Gleiche drohte den Häftlingen bei dem Versuch, sich am Wegesrand mit Wasser oder Nahrung zu versorgen. Nur wenigen Häftlingen gelang es, sich von den stark bewachten Kolonnen abzusetzen und zu fliehen. Die Kolonnen durchquerten zahlreiche Städte und Dörfer und marschierten sowohl auf Waldwegen als auch auf belebten Landstraßen, wo sie auf Flüchtlingstrecks und auf die sich zurückziehende Wehrmacht trafen. Die meisten Zuschauer reagierten mit Gleichgültigkeit, nur einzelne boten Hilfe an.
Auf verschiedenen Routen bewegten sich die Kolonnen Richtung Wittstock. Im Belower Wald nördlich der Stadt sammelte die SS ab dem 23. April 1945 mehr als 16 000 KZ-Häftlinge in einem provisorischen, teilweise mit Stacheldraht eingezäunten Lager. SS-Posten umstellten das Waldstück und überließen die Menschen ohne Nahrung und Unterkünfte sich selbst. Die Bewacher waren in einem Hirtenhaus gegenüber dem Waldlager untergebracht. Auch der KZ-Kommandant quartierte sich für kurze Zeit mit seinem Stab im nahen Dorf Below ein. Nach mehreren Tagen trafen Mitarbeiter des Internationalen Roten Kreuzes ein, verteilten Lebensmittelpakete und setzten die Einrichtung eines Nothospitals in Scheunen der Umgebung durch. Die Häftlinge im Nothospital wurden am 1. Mai von der Roten Armee befreit.
Die Mehrheit der Häftlinge aber wurde weiter Richtung Nordwesten getrieben, am 29. April verließen die Häftlingskolonnen das Waldlager. In der Umgebung der Stadt Crivitz traf der größere Teil der Sachsenhausener Häftlinge auf Frauen aus dem KZ Ravensbrück, deren Todesmarsch sie über das Außenlager Malchow, nicht weit von Below entfernt, geführt hatte. Andere Kolonnen mussten Richtung Ludwigslust marschieren. Je näher die Fronten rückten, desto mehr löste sich die Marschordnung auf, die Bewacher setzten sich zunehmend ab. Viele Häftlinge erlebten die Freiheit, indem sie sich von der SS allein gelassen im Wald vorfanden. In Sicherheit waren sie allerdings erst, als Ost- und Westfront am 4. Mai am Störkanal bei Raben Steinfeld aufeinander stießen. Je nach dem, wo die Häftlingsgruppen sich zwischen dem 2. und 4. Mai befanden, wurden sie von der sowjetischen oder von der amerikanischen Armee befreit.
Geschichte des Gedenkens an den Todesmarsch
Unmittelbar nach der Befreiung wurde auf Betreiben ehemaliger Häftlinge mit der Ermittlung der Grabstätten und teilweise auch mit der Umbettung von Todesmarschopfern begonnen. Auf dem Friedhof in Grabow nahe Below wurde schon 1945 ein Gedenkstein für 132 dort beigesetzte, im Belower Wald verstorbene Opfer aufgestellt. 1950 errichtete die Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes in 25 Orten in Mecklenburg Findlinge als Gedenksteine. 1976 folgte die Aufstellung von 120 identischen Emailletafeln entlang der Todesmarschrouten, eine bis heute vorhandene einmalige Markierung der Strecke. In den neunziger Jahren kamen weitere Gedenkzeichen hinzu, so Stelen des Bildhauers Wieland Schmiedel an den Strecken im Landkreis Parchim.
Im Belower Wald selbst wurde der erste Gedenkstein erst 1965 errichtet. Die heute vorhandene Mahnmalsanlage stammt aus dem Jahre 1975. Gleichzeitig begann die Kennzeichnung der Bäume, an denen Spuren vorhanden waren, durch rote Winkel. Die Einweihung des Museums erfolgte 1981. Für seinen Bau wurde das historische, inzwischen allerdings stark verfallene Hirtenhaus abgerissen. Das Museum des Todesmarsches war seit seiner Eröffnung Außenstelle der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen. Inhalt und Gestaltung der Ausstellung entsprachen der herrschenden Doktrin, die sich auch in der Nationalen Mahn- und Gedenkstätte Sachsenhausen manifestierte. Neben Dokumenten und Aussagen von Zeitzeugen zum Todesmarsch standen allgemeine, auf die politische Auseinandersetzung der Gegenwart bezogene Aussagen. Regelmäßig fanden im Belower Wald Gedenkveranstaltungen statt, darunter auch die von allen DDR-Gedenkstätten bekannten ritualisierten Veranstaltungen zur Aufnahme in die gesellschaftlichen Organisationen.
Auch nach der deutschen Einheit blieb das Todesmarschmuseum Außenstelle der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen und wurde 1993 Teil der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten. Die Expertenkommission zur Neukonzeption der Brandenburger Gedenkstätten empfahl 1992 die Neugestaltung des Museums. Anfang der neunziger Jahre wurden auf dem ehemaligen Lagerplatz der Häftlinge im Wald ca. 4 000 Fundstücke geborgen, außerdem wurden von einigen der immer undeutlicher werdenden Spuren an den Bäumen Gipsabdrücke genommen.
Die Ausstellung bedurfte dringend der Neugestaltung, da sie weder inhaltlich noch didaktisch den Anforderungen an eine moderne zeitgeschichtliche Ausstellung entsprach. Außerdem fehlten Gruppenräume, um mit den Schüler- und Jugendgruppen pädagogisch arbeiten zu können. In dem kleinen Museumsgebäude war es nicht möglich, gleichzeitig die Ausstellung neu zu gestalten und Gruppenräume einzurichten. So entstand in der Stiftung die Idee, die Ausstellung nach draußen zu verlagern und das Gebäude für die pädagogische Arbeit umzubauen.
Antisemitischer Brandanschlag im September 2002
In der Nacht auf den 6. September 2002 zerstörte ein neonazistischer Brandanschlag einen der beiden Ausstellungsräume des Todesmarschmuseums vollständig. Nur das rasche Eingreifen des Wachschutzes verhinderte noch größere Verwüstungen. Glücklicherweise wurden keine Originale zerstört. Außerdem wurde das Mahnmal mit antisemitischen Parolen beschmiert. Der Anschlag war Teil einer ganzen Reihe von rechtextremistischen und antisemitischen Aktionen gegen NS-Gedenkstätten, insbesondere solche für die Opfer des Todesmarsches. Die Täter konnten leider bis heute nicht ermittelt werden. Der Anschlag führte zu verschiedenen Protest- bzw. Solidaritätsveranstaltungen und zur Gründung eines Fördervereins. Die Gedenkstätte Todesmarsch ist seitdem Mitglied im Wittstocker Aktionsbündnis gegen Rechtsextremismus. Der betroffene Ausstellungsraum wurde mit Unterstützung verschiedener Gruppen aus der Region provisorisch saniert. Der Brandanschlag verstärkte die Notwendigkeit der Neugestaltung des Todesmarschmuseums.
In der Region gibt es seit längerem erhebliche Probleme mit Rechtsextremismus und einen großen Bedarf an pädagogischen Projekten, die sich mit der Geschichte des Nationalsozialismus und seinen Nachwirkungen in der Gegenwart beschäftigen. Die Gedenkstätte Todesmarsch ist die einzige NS-Gedenkstätte in der Region. Auch deshalb war es wichtig, die Angebote für Einzelbesucher auszuweiten und die Bedingungen für die pädagogische Arbeit mit Gruppen zu verbessern. Damit wurde an diesem historisch wichtigen Ort auch ein Zeichen gesetzt. Im Sommer 2008 erlebte das Todesmarschmuseum einen zweiten Anschlag, ein Fenster wurde zerstört, allerdings gelang es den beiden rechtsextremistischen Tätern nicht, ins Gebäude einzudringen. Anfang 2009 wurden sie zu Haftstrafen von 10 bzw. 12 Monaten verurteilt, die sie wegen zur Tatzeit noch laufender Bewährungsstrafen auch verbüßen müssen.
Pädagogische Arbeit in der Projektwerkstatt
Mit dem Umbau des Museums zur pädagogischen Projektwerkstatt und der Umbenennung der Einrichtung ist eine neue Schwerpunktsetzung im Bereich der Vermittlung und des historisch-politischen Lernens verbunden. Die pädagogische Arbeit der Gedenkstätte wird in Zukunft nicht in erster Linie aus Besichtigungen und Führungen bestehen, sondern aus mehrstündigen und mehrtägigen Projekten. Entsprechend wurde die Raumaufteilung des ehemaligen Museumsgebäudes verändert: einer der beiden Räume wurde geteilt, um Arbeitsmöglichkeiten für unterschiedliche Gruppen zu schaffen. Die neue Einrichtung der Projektwerkstatt besteht vor allem aus mobilen Möbeln, die eine flexible Nutzung der Räume ermöglichen, auch für Wechselausstellungen und Veranstaltungen. Ein Archivregal im Arbeitsraum wird Archivalien und Projektmaterialien aufnehmen. Rollcontainer, bestückt mit schriftlichen Quellen und Fundstücken, stehen den einzelnen Arbeitsgruppen zur Verfügung. Eine Vitrinenwand im Eingangsbereich ermöglicht die Präsentation von Projektergebnissen und unterschiedlichen Exponaten.
Zwar haben auch schon vor dem Umbau unter den damals noch provisorischen Bedingungen pädagogische Projekte im Belower Wald stattgefunden, die Neugestaltung bietet nun aber unvergleichlich bessere Möglichkeiten für die Projektarbeit. Die Angebote der historisch-politischen Bildung werden künftig aus unterschiedlichen Bausteinen bestehen, die je nach Umfang, Themen und Zielgruppen individuell zugeschnitten werden können. Unter anderem wird es auch Angebote für jüngere Besucher, altersgemischte Gruppen, Studenten und Lehrer geben.
Der grundlegende Gedanke der zu entwickelnden Projekte ist die Erkenntnis, dass Erfahrungen ein viel intensiveres und nachhaltigeres Lernen ermöglichen als die Belehrung durch Pädagogen. Herausragendes Prinzip ist die Selbsttätigkeit der Teilnehmerinnen und Teilnehmer. Sie entscheiden sich im Idealfall selbst für eine Aufgabe. Durch Methoden- und Medienvielfalt sollen in den Projekten verschiedene Sinne angesprochen und unterschiedliche Fähigkeiten gefördert werden. Am Ende eines Projektes steht ein tatsächliches Ergebnis, ein wie auch immer geartetes Produkt, dessen Herstellung das Ziel des Projektes und die Motivation der Teilnehmer ist. Außerdem wird angestrebt, dass die Arbeit in der Gruppe reflektiert und die Projekte evaluiert werden. Gedenkstättenpädagogik, d.h. Pädagogik an einem Ort, an dem es um Verbrechen, Leid und Tod geht, unterliegt speziellen Anforderungen, sowohl was die Inhalte als auch die Methoden angeht. Das Ziel der pädagogischen Arbeit ist die Auseinandersetzung, nicht die Identifikation. Die Inhalte orientieren sich an den Menschenrechten. Aktuelle Bezüge sollen durchaus diskutiert werden, platte Analogien aber vermieden werden. Emotionen, die bei diesem Thema und an einem solchen Ort zwangsläufig entstehen, müssen zugelassen, dürfen aber auf keinen Fall eingefordert werden. Den Teilnehmerinnen und Teilnehmern der Projekte muss Raum und Zeit gegeben werden, um sich auf das Thema einzulassen, sich intensiv kognitiv damit auseinanderzusetzen, aber auch um ihre Gefühle auszudrücken.
Die neu gestaltete Gedenkstätte Todesmarsch im Belower Wald hat als kleine Gedenkstätte mit einem ungewöhnlichen und eindrucksvollen historischen Ort – dem Wald mit den Spuren in den Bäumen – und als zeitgeschichtlicher Lernort in einer strukturschwachen, ländlichen Region mit einem nicht immer einfachen Umfeld besondere Aufgaben, aber auch Chancen in der Bildungsarbeit. In der Region sind noch viele Erinnerungen an den Todesmarsch vorhanden, die es einzubeziehen gilt. Das historische Geschehen, von dem weite Landstriche in Brandenburg und Mecklenburg-Vorpommern betroffen waren, bietet vielfältige Anknüpfungspunkte für regionale Bezüge. All dies geschah nicht irgendwo, nicht weit weg, sondern vor der eigenen Haustür. Und es geschah in vielen Fällen unter den Augen der Anwohner, der Wehrmachtsoldaten und der Flüchtlinge. Die einzelnen Menschen verhielten sich sehr unterschiedlich. Inder Projektarbeit der Gedenkstätte Todesmarsch sollen das Verhalten von Mittätern, Mitläufern, Zuschauern, Helfern und Widerständigen thematisiert und nach Handlungsmöglichkeiten und Eigenverantwortung gefragt werden.
Gedenkstätte Todesmarsch im Belower Wald
Außenstelle der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen
Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten
16909 Wittstock, Belower Damm 1
Telefon 039925-2478 | Fax 039925-77835
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Öffnungszeiten:
Die Open-Air-Ausstellung und das historische Waldgelände sind bei Tageslicht begehbar. Für pädagogische Projektarbeit und Führungen ist eine Voranmeldung erforderlich.
Das Büro und der Buchverkauf sind Mo bis Fr von 10 bis 16 Uhr geöffnet.
24.–26. Dezember, 31. Dezember sowie 1. Januar geschlossen
Carmen Lange, Historikerin und Pädagogin, leitet seit 2004 die Gedenkstätte Todesmarsch im Belower Wald (Außenstelle der Gedenkstätte und des Museums Sachsenhausen).


