Harald Schmid

Gedenkstättenlandschaft in Bewegung

Gedenkstättenrundbrief 166 (6/2012) S. 16-18

LANDESARBEITSGEMEINSCHAFT GEDENKSTÄTTEN UND ERINNERUNGSORTE IN SCHLESWIG-HOLSTEIN GEGRÜNDET

Am 21. April 2012 hat sich in Kiel die »Landesarbeitsgemeinschaft Gedenkstätten und Erinnerungsorte in Schleswig-Holstein« (LAGSH) gegründet. Mit diesem Zusammenschluss wollen die Gedenkstättenträger und Erinnerungsinitiativen ihre gemeinsamen Interessen künftig mit einer Stimme vertreten. Die dringend notwendige Absicherung, Weiterentwicklung und Professionalisierung der schleswig-holsteinischen Gedenkstättenlandschaft soll damit unterstützt werden. Mit der Gründung der LAGSH ist ein weiterer Schritt getan, um Anschluss an die Entwicklung in anderen Bundesländern zu finden.

Schleswig-Holstein war in der Aufstiegsphase des Nationalsozialismus eine der Hochburgen der »Bewegung«. Während der zwölfjährigen NS-Herrschaft war das Land, waren schleswig-holsteinische Täter vielfach in die Regimeverbrechen involviert: Zahlreiche SS-Führer wie Reinhard Heydrich und Oswald Pohl weisen enge biographische Bezüge zu Schleswig-Holstein auf und die Verbrechen im »Reichskommissariat Ostland« sind fest mit dem schleswig-holsteinischen Gauleiter und Oberpräsidenten Hinrich Lohse und seinen Mitarbeitern verbunden; auch Werner Heyde (alias Fritz Sawade), der Leiter des »Euthanasie« genannten Krankenmordes, wäre hier zu nennen. Am Kriegsende wurde das Land zur Zuflucht nicht nur der letzten, in Flensburg-Mürwik residierenden Reichsregierung, sondern auch vieler anderer Täter und belasteter Funktionäre, was Schleswig-Holstein eine bis in die 1960er Jahre reichende Skandalwelle bescherte. Diese damit nur angedeutete Vorgeschichte hatte viele Jahrzehnte lang nur ein schmales erinnerungskulturelles Abbild, nachdem 1950 in Ladelund und 1961/62 in Gudendorf Gedenkorte eingerichtet worden waren.

Die heute bestehenden Gedenkstätten zur Erinnerung an die nationalsozialistische Herrschaft in Schleswig-Holstein befanden sich stets gleichsam im Schatten der großen, auch international bekannten Einrichtungen. Sie gehen zurück auf frühe Konzentrationslager oder in der Etappe des »Endkampf«-Terrors eingerichtete Lager, partiell als »Außenkommando« des KZ Neuengamme. Als kleine, größtenteils dezentral ­gelegene und meist durch bürgerschaftliches Engagement initiierte Einrichtungen sind sie heute etablierte regionale Gedenkorte. Ohne das beharrliche Wirken einiger Dutzend engagierter Frauen und Männer, diverser Initiativen und Vereine insbesondere seit den 1980er und 1990er Jahren könnte heute von einer Gedenkstättenlandschaft in dieser Region kaum die Rede sein. Jenseits der Landesgrenzen sind die historischen Orte und die heute aufgebauten Einrichtungen freilich oft kaum bekannt, obgleich sie infolge der breiten nationalen Herkünfte der Häftlinge auch europäische Erinnerungsorte bezeichnen.

Nach Jahrzehnten weitgehender Ignoranz und Vernachlässigung ist inzwischen Bewegung in die Gedenkstättenlandschaft im nördlichsten Bundesland gekommen. Lange ignorierte Entwicklungsprobleme wie die strukturelle Unterfinanzierung und der manifeste Rückstand zu Einrichtungen in anderen Bundesländern sind als dringender Handlungsbedarf erkannt. Überdies gelangt das im Wortsinne grundlegende ehrenamtliche Engagement angesichts der immer komplexer werdenden Aufgaben auf dem Gebiet der Erinnerungskultur auch in Schleswig-Holstein zunehmend an seine Grenzen.

Um den spezifischen Landesbedingungen und den allgemeinen Entwicklungen zu genügen, muss deshalb die schleswig-holsteinische Gedenkstättenlandschaft und -politik neu strukturiert werden. Binnen etwa eines Jahrzehnts sind bereits wichtige Schritte hierzu eingeleitet worden. So etwa im Jahre 2002 mit der Gründung einer zentralen Fördereinrichtung, der Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten (siehe GedenkstättenRundbrief 109). Inzwischen hat sich auch eine jährliche Landesgedenkstättentagung etabliert; die bereits siebte ihrer Art fand im Februar 2012 statt. Auch die Herausbildung eines öffentlichen Problembewusstseins und eines parteiübergreifenden politischen Konsenses zur dringend nötigen Weiterentwicklung der Gedenkstätten sind hier zu nennen. 2011 wurde das Thema erstmals Gegenstand eines Berichts der Landesregierung und einer parlamentarischen Debatte. Dass das Land im laufenden Jahr zudem den Versuch unternimmt, Bundesmittel für die Gedenkstättenförderung zu erhalten, schließt den Kreis einer Gedenkstättenlandschaft in Bewegung.

        Einen wichtigen Impuls stellt in diesem Zusammenhang die Gründung der LAGSH dar. Die Landesarbeitsgemeinschaft konstituierte sich im Rahmen einer Veranstaltung in der Heinrich-Böll-Stiftung Schleswig-Holstein. Zu den Gründungsmitgliedern zählen folgende Einrichtungen: Gedenkstätte Ahrensbök, KZ-Gedenkstätte Kaltenkirchen, KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund, Gedenkstätte Gudendorf, Kultur- und Gedenkstätte Ehemalige Synagoge Friedrichstadt, Jüdisches Museum Rendsburg, Museum Cap Arcona Neustadt/Holstein und Flandernbunker Kiel/Mahnmal Kilian e.V. Über den Kreis der Gründungsmitglieder hinaus können weitere Einrichtungen und Initiativen der LAGSH beitreten; eine Unterstützung per Fördermitgliedschaft steht Privatpersonen und Organisationen offen. In den Sprecherrat wurden gewählt: Uta Körby (1. Vorsitzende, Vorsitzende des Trägervereins der KZ-Gedenkstätte Kalten­kirchen), Karin Penno-Burmeister (Leiterin der KZ-Gedenk- und Begegnungsstätte Ladelund), Jens Rönnau (Vorsitzender des Vereins Mahnmal Kilian/Flandernbunker Kiel) und Wilhelm Lange (Leiter des Museums Cap Arcona, Neustadt in Holstein); als beratende Beisitzer Eckhard Colmorgen (Arbeitskreis zur Erforschung des Nationalsozialismus in Schleswig-Holstein – AKENS), Dr. Stephan Linck (Vorstandsmitglied der Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten, Gedenkstättenbeauftragter der Nordelbischen Ev.-Luth. Kirche) und Dr. Harald Schmid (Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten).

Die Landesarbeitsgemeinschaft wird künftig die Interessen der von ehrenamtlich tätigen Vereinen, von Kommunen oder örtlichen Initiativen betreuten Einrichtungen vertreten, die sich an verschiedenen historischen Orten in Schleswig-Holstein nachhaltig für die kritische Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus einsetzen. Als einer der ersten Schritte soll der Aufbau einer Website der Landesarbeitsgemeinschaft realisiert werden.

Die Gedenk- und Erinnerungsorte in Schleswig-Holstein arbeiten seit mehr als zehn Jahren zusammen und werden von verschiedenen Kooperationspartnern unterstützt. Unmittelbar im Anschluss an die Gründung der Landesarbeitsgemeinschaft erörterte der neu gewählte Sprecherrat mit diesen Partnern Perspektiven künftiger Zusammenarbeit in einer von etwa drei Dutzend Teilnehmern besuchten Informations- und Diskussionsveranstaltung.

 

Dr. Harald Schmid ist wissenschaftlicher Mitarbeiter der Bürgerstiftung Schleswig-Holsteinische Gedenkstätten und am Historischen Seminar der Christian-Albrechts-Universität zu Kiel.