Irene Leitner und Michael Bossle

Historisches Wissen erfahren, Werte vermitteln

Gedenkstättenrundbrief 160 S. 29-37

Das Vertiefungsprogramm „BerufsbildMenschenbild" für Pflege- und Sozialberufe am Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim

Schloss Hartheim: 1940–2010

Schloss Hartheim in Oberösterreich war eine der sechs NS-Euthanasieanstalten des »Dritten Reiches«. Zwischen 1940 und 1944 wurden hier rund 30 000 Menschen als so genanntes »lebensunwertes« Leben ermordet. In einer ersten Phase von 1940 bis August 1941 fielen der »Aktion T4« rund 18 000 geistig und körperlich beeinträchtigte sowie psychisch kranke Personen zum Opfer; im gesamten Deutschen Reich waren es über 70 000.

Mit dem Stopp dieser Aktion im August 1941 kam es zur Einstellung der Tötung von Menschen mit Beeinträchtigungen in den adaptierten Tötungseinrichtungen. Ihre Vernichtung wurde jedoch dezentral in den Heil- und Pflegeanstalten bis zum Ende des NS-Regimes fortgeführt. Aber auch die Tötungsanlagen in Hartheim blieben in Betrieb: Von August 1941 bis zum Herbst 1944 diente Schloss Hartheim als Mordstätte im Rahmen der »Sonderbehandlung 14f13«. Bis zu 12 000 kranke, arbeitsunfähige und politisch oder rassisch missliebige Häftlinge aus verschiedenen Konzentrationslagern sowie Zwangsarbeiter wurden in diesem Zeitraum mittels Kohlenmonoxid ermordet.

2003 wurde an diesem historischen Ort der Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim (LGSH) eröffnet. Auf Initiative des 1995 gegründeten Vereins Schloss Hartheim und mit finanzieller Unterstützung des Landes Oberösterreich konnte mit der Gedenkstätte und der Ausstellung »Wert des Lebens« ein angemessener Ort der Erinnerung, des Gedenkens und der gesellschaftlichen Auseinandersetzung über Voraussetzungen und Folgewirkungen der nationalsozialistischen Euthanasie und Eugenik geschaffen werden. Das Vorhandensein von Gedenkstätte und Ausstellung macht das Besondere des Ortes deutlich: die Verbindung des historischen Ortes der NS-Euthanasie mit der Fragestellung nach Wert und Würde des menschlichen Lebens, der in Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft nachgegangen werden soll.

Wie an allen vergleichbaren Orten stellt sich auch in Hartheim heute mit dem Hintergrund des zunehmenden zeitlichen Abstands zur Zeit des Nationalsozialismus verstärkt die Frage, was und in welcher Form an diesem historischen Ort zukünftig vermittelt werden kann und soll – und mit welchem Ziel.1

 

Herausforderung: Pädagogik

Durch sein Konzept – die Verbindung von Gedenkstätte und Ausstellung »Wert des Lebens« – versucht der Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim seit seiner Einrichtung nicht nur den historischen Ort der NS-Morde zu bewahren, sondern darüber hinaus Impulse für eine breite, gegenwärtige gesellschaftspolitische Diskussion zu geben. Von Anfang an bedeutete diese Verbindung zur Gegenwart – und somit der Bezug zur Lebens- und Erfahrungswelt der heutigen Besucherinnen und Besucher2 – auch eine besondere Herausforderung an die Vermittlung.

Es wurde deutlich, dass es gelingen musste, die Fragen an die Geschichte zu Fragen an die Gegenwart und zu Fragen der Besuchenden3 werden zu lassen. Der Lernprozess setzt dabei idealerweise nicht in der Vergangenheit ein, sondern in der Gegenwart – in der persönlichen Lebens- und Erfahrungswelt der Besuchenden, aber auch durch das Aufgreifen »universaler Themen« rund um die Thematik »Wert des Lebens«, die für alle Bürger Anknüpfung- und Gegenwartsbezüge bieten.

Gottfried Kößler bringt diese Verbindung zur Gegenwart im Kontext der Vermittlung an Gedenkorten auf den Punkt, wenn er festhält: »Der Gegenwartsbezug ist also nicht etwa das Ziel pädagogischen Handelns, sondern eine seiner Bedingungen.«4 Die besondere Herausforderung liegt darin, die Gegenwart mit der Geschichte in Beziehung zu setzen, sodass selbstständiges historisches Lernen stattfinden kann und die Besucher bestmöglich dabei unterstützt werden.5

Dies bedeutet auch, den einzelnen Besuchenden wertschätzend gegenüberzutreten: der »Selbstständigkeit« kommt dabei besondere Bedeutung zu; sie ist auch ein wichtiger Faktor des Konzepts der Vermittlung und der Gestaltung im Lern- und Gedenkort. Sowohl bei der Gestaltung der Gedenkstätte als auch der Ausstellung war man bemüht, keine bestimmte, vorgegebene Sichtweise aufzudrängen, sondern eigene Reaktionen auf das Gesehene zu ermöglichen. Dadurch wird wiederum eine Aus­einandersetzung mit den Inhalten in verschiedener, jeweils gewünschter Intensität und Tiefe ermöglicht.

Summa summarum geht es bei der Vermittlung im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim also sehr wohl um historische Faktenvermittlung und um gedenkendes Erinnern, aber ebenso um eine aus der Geschichte resultierende Wertevermittlung und um das Aufwerfen gegenwärtiger Fragestellungen und Lebensweltbezüge. Es ist ein Versuch, eine »zukunftsorientierte Reflexion der Geschichte und ihrer Nachwirkungen einem gesellschaftlichen Verantwortungsbewusstsein«6 zuzuführen. In Bezug auf Hartheim heißt dies, dass verdeutlicht werden muss, dass die Grundlage unseres gesellschaftlichen Miteinanders nur die Achtung der Vielfalt und die Anerkennung der Würde jedes einzelnen Menschen ausmachen kann.

 

Zielgruppe: Pflege- und Sozialberufe

Jährlich besuchen rund 15 000 Personen den Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim; unter ihnen vermehrt Gruppen aus der Gesundheits- und Krankenpflege und anderen sozialpflegerischen Feldern. Bedingt durch den besonderen regionalen und historischen Bezug zum Ort Hartheim handelt es sich dabei verstärkt um Gruppen aus Österreich und dem bayerischen Raum.

Für die angesprochene Besuchergruppe gibt es neben den historischen, vor allem bei den sozialpolitischen und ethischen Fragen, wie sie vor Ort aufgeworfen werden, besondere Anknüpfungspunkte. Diese sollten aufgegriffen und zu einer adressatenspezifischen Ausdifferenzierung des didaktischen und methodischen Angebots im Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim genutzt werden.

Die Frage war, wie eine zielführende Zusammenführung von historisch-pädagogischer Aufarbeitung mit sozial- und gesundheitswissenschaftlichen Settings durchgeführt und eine berufsspezifische Verschränkung erreicht werden kann: als ein Versuch, diesen Brückenschlag zu realisieren, wurde das Begleit- und Vertiefungsprogramm BerufsbildMenschenbild für die angesprochene Zielgruppe entwickelt.

Ausgehend von Ausstellung und Gedenkstätte sollen hierbei Impulse und Assoziationen zur Reflexion der eigenen beruflichen Haltung und des Berufsalltags ermöglicht und initiiert werden. Neben der historischen Faktenvermittlung kommt der Förderung ethischen Handelns dabei in verstärktem Maß Bedeutung zu.

Die Module wurden von Michael Bossle (Pflegewissenschaftler und Pädagoge) im Austausch mit dem Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim ausgearbeitet. Michael Bossle ist selbst in der Ausbildung von Schülerinnen und Schülern der Gesundheits- und Krankenpflege am Bezirksklinikum Regensburg tätig und besucht mit seinen Schülern seit Jahren den LGSH unter dem Gesichtspunkt »Pflege im Nationalsozialismus«.

 

Exkurs: Herausforderung Pflege

Das Gesundheitswesen der Bundesrepublik Deutschland unterliegt spätestens seit Mitte der 1990er Jahre einer deutlichen Ökonomisierung. Hans-Ulrich Deppe beschreibt Letztere als »die um sich greifende und bruchlose Übertragung ökonomischer Gesetze und Instrumente auf außerökonomische Sachverhalte«7.

Experten im deutschen Gesundheitswesen prognostizierten 1996 in diesem Zusammenhang die »Gratwanderung zwischen Kostendämpfung und Wachstum« als eine entscheidende Herausforderung der Gesundheitspolitik.8 Entsprechend wurden marktwirtschaftliche Gesetzmäßigkeiten eins zu eins auf die einzelnen Akteure im System übertragen. Als ein Beispiel wurde die Pflegeversicherung als fünfte Säule des Sozialversicherungssystems zur Absicherung des Pflegerisikos im Jahr 1995 eingeführt. Das marktwirtschaftliche Paradigma macht in diesem Zusammenhang die beruflich Professionellen zu »Dienstleistern« und die Pflegebedürftigen zu »Kunden«. Der dazu eingeführte Pflegebedürftigkeitsbegriff (§ 14 SGB XI), der sozialrechtlich definiert, ab wann welche Person wie stark pflegebedürftig ist, wurde ausschließlich auf körperbezogene Merkmale beschränkt (Bewegung, Ernährung, Ausscheidung, Körperpflege etc., Merkmale wie Kommunikation oder gesellschaftliche Teilhabe fehlen gänzlich). Das bedeutet formal, dass diesbezüglich nur körperbezogene Leistungen von professionellen Pflegedienstleistern wie ambulanten Pflegediensten erbracht werden, da nur solche bezahlt werden. Zudem sind die einzelnen Pflegestufen nach zeitlichen Maßgaben gegliedert. Die industrielle Idee, Pflegebedürftigkeit als eine Art »Werkstück« zu begreifen, das man in einer bestimmten Zeit handhaben kann, entmenschlicht die pflegeabhängigen Personen im Sinne einer Sichtweise des Homo oeconomicus. Die Übernahme einer Kundenrolle, wie in der Marktwirtschaft formuliert, ist existentiell betroffenen und pflegeabhängigen Menschen aber sehr oft nicht (mehr) möglich.

Überdies hinaus spielen sich diese Veränderungen vor dem Hintergrund weiterer einschneidender Änderungen wie dem Fallpauschalengesetz oder der Rationalisierung von Pflegepersonal beziehungsweise dem zunehmenden Einsatz von billigeren Hilfskräften ab. Für die Kliniksituation in Deutschland erhoben Lukas Slotala und Kollegen einen Rückgang von 40 000 Pflegestellen (Vollzeit) in den Jahren von 1994 bis 2005. Im Vergleich dazu nahmen die Stellen im ärztlichen Dienst um 30 000 Stellen zu, was für Pflegekräfte eine Zunahme der Belastungszahl9 in Kliniken um 23 % bedeutet10. Insgesamt kann man also von einer zunehmenden Belastung und Arbeitsverdichtung bei Pflegenden sprechen, denn es müssen mehr Patientinnen und Patienten in kürzerer Zeit von weniger Pflegepersonal versorgt werden.

Für die Akteure der Pflege treten diesbezüglich vermehrt Dilemma-Situationen auf, die eine Rationalisierung und nicht zuletzt eine Rationierung von Pflegehandlungen zur Folge haben können. Für die Lernenden der Pflege heißt das Dilemma konkret: die eigenen beruflich professionellen Wertansprüche in ein angemessenes Verhältnis zu beschnittenen Ressourcen (Zeit, Personalnot, Handlungsdruck und Best-Practice-­Gedanke) zu bringen. Solche Entscheidungen berühren das pflegeimmanente, handlungsleitende Verständnis von Menschenbild und eigener beruflicher Haltung.

Ruth Schwerdt unterstreicht dies insofern, als der Erfolg des Transfers einer gezielten ethisch-moralischen Kompetenzentwicklung für Pflegende abhängig von der Fähigkeit der Pflegenden sei, aus dem Wissenskörper der Pflege eine person- und situationsangepasste Auswahl zu treffen und diese im Rahmen eines Partizipationsgeschehens anzubieten11. Im Rahmen eines solchen ethisch-moralischen Professionalisierungsverständnisses, das unter den beschriebenen Voraussetzungen immer dringlicher erscheint, ist auch die Beschäftigung mit der Geschichte und dem Ethos der eigenen Berufsgruppe ein unumgänglicher Schritt zur kritischen Reflexion individueller beruflicher Haltung und des gegenwärtigen Pflegealltags.

Im Rahmen von Pflegephänomenen12, die konkreten Handlungen oder Techniken übergeordnet sind, lässt sich die Komplexität des Geschehens in einer Pflegebeziehung verdeutlichen. Der Kontext – wie politische oder legislative Rahmenbedingungen, Organisationsformen, in denen Pflege stattfindet (und bezahlt wird) oder gesellschaftliche, demografische und epidemiologische Veränderungen – spielt in dieser Gemengelage eine wichtige Rolle, die im Rahmen eines solchen Moduls reflektiert werden kann.

 

Vertiefungsprogramm: BerufsbildMenschenbild

Das am Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim entwickelte Begleit- und Vertiefungsprogramm BerufsbildMenschenbild soll ein Werkzeug sein, Pflegende mit dem Fokus auf die eigene Berufsgruppe zu einer Reflexion der historischen und aktuellen Bedeutung von Hartheim zu führen. Es eröffnet die Möglichkeit, einen Besuch des Lern- und Gedenkorts Schloss Hartheim nach Führung durch Gedenkstätte und Ausstellung »Wert des Lebens« pflegespezifisch zu bearbeiten und zu vertiefen, sowie Impulse zur Reflexion der eigenen beruflichen Haltung und des Berufsalltags zu setzen; eine Beziehung vom »historischen Gegenstand« zu »gegenwärtigen Themen« soll geschaffen werden.

Die Struktur des didaktischen Materials ergibt sich aus einer phänomenologischen Denkweise über den Menschen; die Phänomenologie möchte den Menschen in seiner Lebenswelt begreifen. Sie will Kontextfaktoren wie biografische Besonderheiten oder lebenslageabhängige Faktoren in ihre Arbeit und den Forschungsprozess mit einbeziehen (= verstehender Ansatz).

Durch die Anknüpfung an die Lebens- und Erfahrungswelt der Lernenden sowie das Bemerken eines »Orientierungsbedürfnisses« sollen Motive zur Aneignung des Vergangenen gefunden werden.13 Im Besonderen soll durch die Beschäftigung mit Lebensbildern einzelner Opfer, aber auch von Pflegekräften, Ärzten oder dem administrativen Personal sowie deren damaliger Berufsauffassung, eine Auseinandersetzung mit der Geschichte und dem Ethos der eigenen Berufsgruppe geschehen. Die Lernenden werden dabei selbst zu Fragestellenden. Durch die konkrete Beschäftigung mit der Biographie eines individuellen Opfers, eines Täters oder Mitläufers wird – da Handlungsspielräume deutlich und analysiert werden – ein simples Schwarz-Weiß-Denken aufgelöst. Eine Bandbreite von Entscheidungsdilemmata und Möglichkeiten in der Zeit des Nationalsozialismus kann aufgezeigt und so zum Auslöser einer Diskussion um Verantwortung und zu einem Impuls für das Überdenken des eigenen Berufsbildes werden: eigene Handlungsmuster werden reflektiert und ethisch-moralische Werteerziehung geleistet. Dabei wird deutlich, dass jede Epoche eine spezifische Werthaltung zur Lebenswürde hervorbringt, die auch für Pflegende handlungsleitend ist.

 

Methodik: kompetenzorientiert Lehren und Lernen

Didaktisch ist das Lernprogramm am selbstorganisierten, forschenden und assoziativen Lernen orientiert. Historisch-fachlich bieten die Führungen durch Gedenkstätte und Ausstellung »Wert des Lebens« eine fundierte und kompetente Grundlage. Soziale Bezüge werden durch Gruppenübungen oder Übungen im Lerntandem berücksichtigt.

Kompetenzerwerb personaler Art wird durch die Ermöglichungsdidaktik, im Sinne von gezieltem Aufsuchen eigener Interessenschwerpunkte und Anknüpfungspunkte der Schüler, gewährleistet. Diskussionen in Gruppen oder die persönliche Auseinandersetzung mit Themenschwerpunkten zielten auf die Reflexionsfähigkeit und die Selbstwahrnehmung der Lernenden ab. Methodisch sind die Lernenden besonders im Rahmen von Diskussionen, Präsentationen oder der Recherchearbeit gefordert.

Die Rolle der Lehrperson ist im Sinne eines Beraters, Begleiters und Moderators innerhalb der einzelnen Sequenzen des gewählten Moduls zu verstehen.

 

Insgesamt stehen fünf Module zur Auswahl:

Scham

Nähe/Distanz

Macht/Ohnmacht

Sprache

Verantwortung

 

Curriculare Ausrichtung: komplexe Bezüge, fächerorientiert

Das Programm ist aufgrund des regionalen Bezugs vor allem auf die Situation der Pflegebildung in Österreich und den süddeutschen (bayerischen) Bereich ausgerichte14. Aus diesem Grunde können die ausgewählten Pflegephänomene (Module) problemlos unter übergeordnete Themengebiete des Lehrplans wie Ethik, Berufskunde, Pflege­wissenschaft oder Geschichte der Pflege subsumiert werden. Eine Buchung des Angebots in den schulspezifischen Curricula wird somit ebenfalls ermöglicht. BerufsbildMenschenbild gibt den Schulen zudem ein breit gefächertes Angebot an die Hand, um die Zeit des Nationalsozialismus und die Bedeutung der Pflege in vielfacher Hinsicht zum Thema zu machen. Die Lehrpersonen erhalten im Vorfeld Materialien zur Vorbereitung auf die einzelnen Module (CD-ROM) zugesandt und können entscheiden, welche/s Modul/e sie beim Besuch des Lern- und Gedenkortes durchführen wollen.

Die CD-ROM enthält neben einer Kurzbeschreibung und Ablaufschema eines jeden Moduls, welches die Auswahl für ein Modul erleichtern soll, wichtige Begleitmaterialien für die Durchführung des Moduls. Zudem ist eine ausführliche Bibliografie mit Lesehinweisen und Literaturtipps zur Vorbereitung oder (späteren) Vertiefung abrufbar. Ergänzt wird diese durch Texte zum methodischen Hintergrund des Programms sowie ein Glossar zu Schlüsselbegriffen der Pflege während der NS-Zeit. Infomaterial zum Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim runden das Informationsmaterial auf der CD-ROM ab.

Der Lern- und Gedenkort stellt zusätzlich zur Begleitung durch die Gedenkstätte und die Ausstellung »Wert des Lebens« die Rahmenbedingungen (Raum, Arbeitsmaterial, Bibliothek) für die Durchführung des Moduls zur Verfügung. Die Tatsache, dass das Vertiefungsprogramm außerhalb des Lernorts Schule stattfindet, soll die Neugierde und den Forscherdrang der Lernenden unterstützen. Gedenken und Bildung können somit in Einklang gebracht werden.

 

Exemplarischer Blick in ein Modul:
Nähe/Distanz – Zielsetzung, Besonderheit und Verfahren

Jedes Modul beginnt mit einem assoziativen Einstieg der Lernenden. Die subjektiven Perspektiven, spontane Reaktionen und Verknüpfungen der Lernenden zum Thema sollen benannt werden. Bei Nähe/Distanz lassen die Teilnehmenden Glaskuben mit Gegenständen aus dem Privatbesitz der Opfer von Hartheim im Kreis herumgehen. Bei den Objekten handelt es sich um unterschiedlichste Gegenstände wie Brille, Haarspange oder Tasse, die allesamt den Besitzerinnen und Besitzern nach ihrer Ankunft in die Tötungsanstalt Hartheim abgenommen und vergraben wurden. 2001 stieß man zufällig bei Grabungsarbeiten auf dieses Feld persönlicher Gegenstände. Heute befinden sich diese rund 8 000 Objekte in der Dokumentationsstelle Hartheim.

Die Teilnehmenden nehmen die Gegenstände mit der Lupe ins Visier. Fragen nach den früheren Nutzern, der veränderten Wahrnehmung des Ganzen im Bezug auf die detaillierte Sicht sowie nach Distanzierungsgründen können dieser Übung als Impuls dienen.

Anschließend nimmt man einen Partner aus der Lerngruppe unter die Lupe. Auch hier können ähnlich Fragen wie oben angeführt, die Übung begleiten. Ergänzt werden können diese durch die Frage nach den eigenen Befindlichkeiten als Beobachtende sowie danach, ob und inwiefern Zeit den Blick auf das Gegenüber verändert.

Die Assoziationen werden gesammelt. Über die Thematisierung der Fundgegenstände, die alle dem Pflegesektor im weitesten Sinne zugeordnet werden können, wird die Anbindung an die eigene Ausbildung geschaffen: Was sagt es aus, dass die damaligen Verantwortlichen diese Gegenstände neben dem Schloss vergraben haben? Welcher Wert wurde von welcher Seite diesem Gegenstand zugeschrieben? Stößt man auf ähnliche Gegenstände in der eigenen beruflichen Praxis? Ist man sich der individuellen Bedeutung bewusst?

Wie in jedem Modul werden auch bei Nähe/Distanz noch einmal die Ausstellung und die Gedenkstätte zum Gegenstand der Betrachtung und Erfahrung. Mit dem Fokus: »Wo treffen sie in Ausstellung und Gedenkstätte auf Nähe und wo auf Distanz?« bringen die Lernenden wichtige Beiträge aus ihrer Beobachtung und leiblich spürbaren Erfahrungsschatz mit ins Plenum. Die Erkenntnisse werden protokolliert und diskutiert.

In Übungssequenzen wird zudem nochmals auf die individuelle Grenzerfahrung im Zusammenhang mit Nähe und Distanz eingegangen. Die Übung »Was gebe ich und was nehme ich mit?« gibt abschließend in Partnerarbeit die Möglichkeit, eigene Erfahrungen zu Nähe und Distanz mit Wünschen der Partner aus dem Lerntandem in Abgleich zu bringen. Eigene Erfahrungen werden notiert und Wünsche dem Gegenüber zum Thema Nähe und Distanz auf den Weg gegeben und in ein Kuvert gesteckt, das man einige Tage/Wochen später einmal öffnen sollte.

 

Ausblick: Entwicklungen

Es hat sich gezeigt, dass die Verbindung der historischen mit der aktuellen Seite von Ausstellung und Gedenkstätte einen Zugang für die Vermittlungsarbeit eröffnet, der sowohl an den Erfahrungen von Schülerinnen und Schüler in ihrem aktuellen Lebensumfeld anknüpft, als auch die Verbindung zu historischen Hintergründen und Ursachen eröffnen kann. Der Aktualitätsbezug der Ausstellung in Hartheim hat sich als geeignete Methode erwiesen, die Geschichte als notwendig zum Begreifen und Verstehen der Gegenwart sehen zu können – gerade für Lehrende und Lernende der Gesundheits- und Krankenpflege bieten sich hier Anknüpfungspunkte, die neben der historischen Faktenvermittlung auch in verstärktem Maß die Förderung ethischen Handelns (Werte­vermittlung) anregen sollen und kritisch-konstruktive Denkprozesse und Reflexion initiieren. Durch die Möglichkeit der Einbindung in das Curriculum der jeweiligen Bildungseinrichtung erhoffen wir uns, dass der Besuch des Lern- und Gedenkorts Schloss Hartheim in Verbindung mit der Inanspruchnahme eines Moduls aus BerufsbildMenschenbild zum akzeptierten Unterrichtsinhalt wird.

Bisherige Rückmeldungen von Lehrenden und Lernenden machen deutlich, dass BerufsbildMenschenbild eine Brücke zwischen deskriptiver Wissensvermittlung und Eigenerfahrung im Sinne selbst organisierten Lernens unter Einbezug der persönlichen Lernbiografie baut – die Gedenkstätte fungiert dabei als außerschulischer Lernort, »um Geschichte lebensweltlich zu verorten«15. Im Rahmen der Entwicklung des Programms wurde in Gesprächen mit Lehrerinnen und Lehrern, die am Thema arbeiten außerdem deutlich, wie drängend ein internationaler Austausch unter Kolleginnen und Kollegen erwünscht ist. BerufsbildMenschenbild ist deshalb auch Anlass, über diesbezügliche Initiativen intensiv nachzudenken und diese auch voranzutreiben. Die Gedenkstätten und ihre pädagogische Ausrichtung können hierfür als wichtige Schnittstelle zwischen Pflegewissenschaft/Pflegepädagogik und Gedenkstättenarbeit angesehen werden.

Magistra Irene Leitner ist studierte Historikerin und seit 2007 Leiterin des Lern- und Gedenkorts Schloss Hartheim.

Michael Bossle, Master of Science, ist Krankenpfleger, Diplom-Pflegepädagoge (FH) und Pflegewissenschaftler (Univ.). In Kooperation mit dem Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim konzipierte er das Programm BerufsbildMenschenbild.

 

Nähere Informationen zum didaktischen Vertiefungsprogramm
BerufsbildMenschenbild:

Lern- und Gedenkort Schloss Hartheim

Schlossstraße 1

A-4072 Alkoven

Telefon +43 7274 6536-546

Fax +43 7274 6536-548

www.schloss-hartheim.at

office@schloss-hartheim.at

1   Vgl. Bert Pampel, »Mit eigenen Augen sehen, wozu der Mensch fähig ist. Zur Wirkung von Gedenkstätten auf ihre Besucher«, (Frankfurt/Main 2007), S. 39

2   Zur besseren Lesbarkeit des Textes wird im Folgenden zumeist allein die männliche Form genutzt. Ausdrücklich soll darauf hingewiesen werden, dass die weiblichen und männlichen Akteure gleichberechtigt angesehen werden.

3 Vgl. dazu auch: Noa Mkayton, Lernen aus der Geschichte (Magazin, 13. Oktober 2010), 5–9, Online-Abruf: lernen-aus-der-geschichte.de/sites/default/files/attach/lernen_zu_ns_und_holocaust_international.pdf (letzter Zugriff am 18. Oktober 2010)

4   vgl. Gottfried Kößler, Der Gegenwartsbezug gedenkstättenpädagogischer Arbeit. In: Verunsichernde Orte. Selbstverständnis und Weiterbildung in der Gedenkstättenpädagogik. Hg. V. Barbara Thimm – Gottfried Kößler – Susanne Ulrich (Frankfurt am Main 2010), S. 47

5   Vgl. Pampel, Mit eigenen Augen, S. 53; vgl. Annette Eberle, Pädagogik und Gedenkkultur. Bildungsarbeit an NS-Gedenkorten zwischen Wissensvermittlung, Opfergedenken und Menschenrechtserziehung (Würzburg 2008), S. 59

6   Eberle, Pädagogik und Gedenkkultur, S. 15

7   Hans-Ulrich Deppe: Solidarität statt Kommerzialisierung. In: Gerhardt, M., Kolb, S. (Hg.): Medizin und Gewissen. Im Streit zwischen Markt und Solidarität. (Frankfurt/Main 2008), S. 133–148

8   Sachverständigenrat der konzertierten Aktion im Gesundheitswesen: Gesundheitswesen in Deutschland. Kostenfaktor und Zukunftsbranche. Demographie, Morbidität, Wirtschaftlichkeitsreserven und Beschäftigung. Kurzfassung (Baden-Baden 1996), S. 8

9   Ermittelt aus den behandelten »Fallzahlen« eines bestimmten Zeitraums im Verhältnis zu den vorhandenen Pflegekräften in Vollzeit

10 Lukas Slotala – Ulrich Bauer, »Das sind bloß manchmal die fünf Minuten, die fehlen«. Pflege zwischen Kostendruck, Gewinninteressen und Qualitätsstandards. In: Pflege und Gesellschaft. Zeitschrift für Pflegewissenschaft 14, 1 (2009), S. 61

11 Ruth Schwerdt, Die Bedeutung ethischer und moralischer Kompetenz in Rationalisierungs- und Rationierungsentscheidungen über pflegerische Interventionen. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 38. Jg. (2005) H. 4, S. 252

12 Im Falle von BerufsbildMenschenbild können die Phänomene Nähe und Distanz, Verantwortung, Scham, Sprache sowie Macht und Ohnmacht thematisiert werden. Jedes dieser Phänomene wird als spezifisches Lernmodul angeboten.

13 Vgl. Kößler, Gegenwartsbezug, S. 45

14 Allerdings stellt dies keineswegs ein Ausschlusskriterium für Bildungseinrichtungen anderer Herkunft dar.

15 Alfons Kenkmann, Gedanken zum didaktischen und methodischen Umgang mit der Geschichte der NS-Verbrechen in Schulen und Gedenkstätten. In: GedenkstättenRundbrief (2008) H. 3, Nr. 141. Hg. v. Stiftung Topographie des Terrors, S. 7

Literaturhinweise

 

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Hans-Ulrich Deppe, Solidarität statt Kommerzialisierung. In: Gerhardt, M., Kolb, S. (Hg.): Medizin und -Gewissen. Im Streit zwischen Markt und Solidarität. (Frankfurt/Main 2008), S. 133–148

Jutta Dornheim u.a., Pflegewissenschaft als Praxiswissenschaft und Handlungswissenschaft. In: Pflege und Gesellschaft. Zeitschrift für Pflegewissenschaft H. 4 (1999) S. 73–79

Annette Eberle, Pädagogik und Gedenkkultur. Bildungsarbeit an NS-Gedenkorten zwischen Wissensvermittlung, Opfergedenken und Menschenrechtserziehung (Würzburg 2008), S. 59

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Tötungsanstalt Hartheim. Hg. v. Brigitte Kepplinger – Gerhart Marckhgott – Hartmut Reese (Oberösterreich in der Zeit des Nationalsozialismus 3, Linz 2008)

Gottfried Kößler, Der Gegenwartsbezug gedenkstättenpädagogischer Arbeit. In: Verunsichernde Orte. Selbstverständnis und Weiterbildung in der Gedenkstättenpädagogik. Hg. v. Barbara Thimm – Gottfried Kößler – Susanne Ulrich (Frankfurt am Main 2010), S. 45–52

Noa Mkayton, Lernen aus der Geschichte (Magazin, 13. Oktober 2010), 5–9, Online-Abruf: lernen-aus-der-geschichte.de/sites/default/files/attach/lernen_zu_ns_und_holocaust_international.pdf (letzter Zugriff am 18. 10. 2010)

Bert Pampel, »Mit eigenen Augen sehen, wozu der Mensch fähig ist. Zur Wirkung von Gedenkstätten auf ihre Besucher (Frankfurt/Main 2007), S. 39

Sachverständigenrat der konzertierten Aktion im Gesundheitswesen (SVR), Gesundheitswesen in Deutschland. Kostenfaktor und Zukunftsbranche. Demographie, Morbidität, Wirtschaftlichkeitsreserven und Beschäftigung. Kurzfassung (Baden-Baden 1996)

Ruth Schwerdt, Die Bedeutung ethischer und moralischer Kompetenz in Rationalisierungs- und Rationierungsentscheidungen über pflegerische Interventionen. In: Zeitschrift für Gerontologie und Geriatrie 38. Jg. (2005) H. 4, S. 249–255

Lukas Slotala – Ulrich Bauer, »Das sind bloß manchmal die fünf Minuten, die fehlen«. Pflege zwischen Kostendruck, Gewinninteressen und Qualitätsstandards. In: Pflege und Gesellschaft. Zeitschrift für Pflegewissenschaft 14 Jg., H. 1 (2009) S. 54–66

Krankenpflege im Nationalsozialismus. Hg. v. Hilde Steppe (Frankfurt 1996)

Charlotte Uzarewicz, Zwischen Subjektivität und Wissenschaftlichkeit. Phänomenologische Methode in der Pflegebildung. Eine Annäherung. In: PADUA. Zeitschrift für Pflegepädagogik, S. 7–13