Adina Dymczyk

Holocaust-Gedenktage in den Mitgliedsstaaten der OSZE

Gedenkstättenrundbrief 155 S. 3-10

Entstehung der Gedenktage für Holocaust-Opfer

Im Jahre 1996 wurde der 27. Januar in Deutschland von dem damals amtierenden Präsidenten Roman Herzog zum »Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus« erklärt. Seitdem wird am 27. Januar, dem Jahrestag der Befreiung des KZ und Vernichtungslagers Auschwitz durch die rote Armee 1945, in Deutschland an alle Opfer des Nationalsozialismus gedacht. Anlässlich dessen werden offizielle Feierlichkeiten im Reichstagsgebäude begangen, dem Sitz des Deutschen Bundestages. An dieser Gedenkveranstaltung nehmen alle Verfassungsorgane teil und traditionellerweise werden eine Fülle von Institutionen und Gruppen zu dieser Veranstaltung eingeladen.

Neben dieser offiziellen Gedenkveranstaltung werden in vielfältiger Weise Gedenkfeiern an historischen Orten oder lokalen Plätzen realisiert. Diese Veranstaltungen sollen vor allem junge Menschen, Schulen oder lokale Gruppen erreichen und werden teilweise auch von diesen selbst organisiert. 1998 wurde unter Initiative des schwedischen Premierministers Göran Persson, des britischen Premierministers Tony Blair und des Präsidenten der USA Bill Clinton die »Task Force for International Cooperation on Holocaust Education, Remembrance and Research« (ITF) gegründet, dessen Mitgliedsstaaten sich verpflichteten, einen Holocaust Gedenktag einzuführen1. 

Der 27. Januar etablierte sich in der Folge international als Gedenktag für die Opfer des Holocaust. Im Jahr 2005 wurde der 27. Januar von der UNO zum »Internationalen Gedenktag an die Opfer des Holocaust« erklärt. In welcher Form gedacht wird, welcher Opfer gedacht wird und welche Institutionen Gedenkveranstaltungen organisieren, ist von Land zu Land unterschiedlich. Längst nicht alle Staaten begehen den Gedenktag am 27. Januar. In einigen Staaten gibt es gar keinen offiziellen Tag zum Gedenken der Opfer des NS–Regimes, was allerdings nicht heißen muss, dass nicht vereinzelte Organisationen Veranstaltungen organisieren. Im Folgenden soll ein internationaler Überblick anhand einer Untersuchung gegeben werden, die vom Büro für Demokratische Institutionen und Menschenrechte der OSZE durchgeführt wurde.

 

Der ODIHR-Bericht

Im Januar 2010 publizierte das Office of Democratic Institutions and Human Rights (ODIHR) der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit (OSZE) eine Übersicht in englischer Sprache, die veranschaulicht, wie die Mitgliedsstaaten der OSZE den 27. Januar begehen. Der Bericht trägt den Titel »Holocaust Memorial Day in the OSZE region. An overview of governmental practices«2.

Datenbasis dieser Veröffentlichung ist die Auswertung eines Fragebogens, der an die offiziellen Ansprechpartner in den Mitgliedsstaaten versandt wurde. Er besteht aus vier Hauptfragen.3 Hervorzuheben sind erstens die Frage danach, wann der jeweils nationale Holocaustgedenktag stattfindet, wie er genannt und welcher Opfer in den einzelnen Staaten gedacht wird. Und zweitens die Frage nach den Institutionen, die sich an den Gedenkveranstaltungen beteiligten, sowie welche Aktivitäten neben offiziellen Veranstaltungen noch durchgeführt werden.

Auf die 56 verschickten Fragebögen erhielt ODIHR 30 Antworten zurückgesandt. Elf Staaten, die bereits an einer Umfrage 2007 teilgenommen hatten, schickten keine neue Informationen und so wurden alte Beschreibungen in diese Übersicht integriert.

Von einigen Staaten erhielt ODIHR keine Antwort: Albanien, Armenien, Zypern, Island, Kasachstan, Kirgisistan, Malta, Moldawien, Montenegro, San Marino, Tadschikistan, Türkei, Turkmenistan, Ukraine und Usbekistan. Die Staaten Andorra, Aserbaidschan und Georgien gaben an, keinen offiziellen Holocaust Gedenktag zu haben.

Quellenkritisch sei angemerkt, dass die Fragebögen von den jeweiligen Regierungsstellen der Mitgliedsstaaten unterschiedlich differenziert bearbeitet wurden.4 In der Regel bleiben bei den kurzen Antworten Leerstellen vor allem hinsichtlich der inhaltlichen Umsetzung der Gedenktage und der Beteiligung der Zivilgesellschaft an deren Durchführung. Zudem gibt es keine Überprüfung, ob die Angaben den Tatsachen entsprechen.

 

Gedenkveranstaltungen am 27. Januar

21 Staaten gaben an, am 27. Januar offizielle Gedenkveranstaltungen abzuhalten.5 Dazu zählen Belgien, Dänemark, Deutschland, Estland, Finnland, Griechenland, Großbritannien, Irland, Italien, Kroatien, Lichtenstein, Luxemburg, Monako, Norwegen, Schweden, Serbien, Slowenien, Spanien, Schweiz und die tschechische Republik.

Der Begriff Holocaust wird häufig für die Beschreibung des Gedenktags genutzt, zumeist jedoch nicht näher definiert. Aus den Beschreibungen ist jedoch zu entnehmen, dass er unterschiedlich interpretiert wird.

Griechenland, Italien, Lichtenstein, Norwegen, Portugal, Schweden, Serbien und Slowenien erklären explizit, der Opfer des Holocaust zu gedenken. In Irland wird ebenso aller Opfer des Nazi Holocaust gedacht. Finnland führte aus, jüdischen Opfern des Holocaust und anderen Opfern des 2. Weltkrieges zu gedenken. Estland gedenkt an diesem Tag der Opfer des Holocaust, wie auch anderen Opfern der Verbrechen gegen die Menschheit. In Deutschland wird allen Opfern des Nationalsozialismus gedacht. Belgien gab an, der Opfer des von Nazi-Deutschland durchgeführten Genozids zu gedenken. Spanien führte aus, an diesem Tag vor allem jüdischer Opfer zu gedenken, aber auch anderer Opfer, wie zum Beispiel Roma und spanischer Opfer, die zumeist als politische Gegner in Konzentrationslager deportiert wurden.

Trotz der meist sehr knappen Beschreibungen lässt die Betitelung des Holocaust Gedenktages gelegentlich auf weitere Eingrenzungen oder Hervorhebungen schließen. In Griechenland zum Beispiel nennt sich der Gedenktag »Tag des Gedenkens an die griechischen jüdischen Märtyrer und Helden des Holocaust«, was erkennen lässt, das hier das Gedenken vor allem griechischer und jüdischer Opfer im Vordergrund steht.

Während in den bisher aufgelisteten Staaten der Holocaust (oder dazu Opfer von Verbrechen gegen die Menschheit) allein als Gegenstand der Erinnerung gilt, wird in einer Reihe von Staaten neben dem Holocaust auch an die Opfer anderer Genozide gedacht.

Die Prävention von Verbrechen gegen die Menschheit und Gedenken an die Opfer des Holocaust, teilwiese auch Shoa genannt, wird in einigen Staaten zusammengebracht. Hierzu zählen Kroatien, Luxemburg, Monaco, Portugal, Schweiz, Spanien und die Tschechische Republik.

In Großbritannien wird aller Opfer des Holocaust, Opfer durch Nazi-Verfolgung, wie auch Betroffener anderer Völkermorde in Kambodscha, Ruanda, Bosnien und Darfur gedacht. Darüber hinaus soll die Veranstaltung die Überlebenden ehren und die Bevölkerung aufrufen, sich gegen Verfolgung und Exklusion einzusetzen, wofür ein Lernen aus der Vergangenheit Grundlage sei.

In Dänemark gedenkt man an dem so genannten »Auschwitz Day« Opfer des Holocaust und anderer Genozide. Bemerkenswert ist die Erwähnung eines Zitats des ehemaligen dänischen Oberrabbiners Bent Melchior zur Bedeutung des Tages in dem Report: »Der Begriff Auschwitz erlangte universalen Sinn. Tatsächlich umfasst er alle Formen von Massenmord, ethnischen Säuberungen und allen anderen kollektiven Verbrechen gegen Menschen, deren einziges Vergehen war, in eine falsche Gruppe geboren oder Teil davon geworden zu sein. Unserer Ansicht nach schließt Auschwitz, ursprünglich ein europäisches Phänomen, Gewalttaten weltweit mit ein.«6

 

Organisation und Verantwortlichkeiten für die Gedenktage

Meist werden die Veranstaltungen in den einzelnen Ländern von verschiedenen Ministerien organisiert oder finanziell unterstützt. Daneben gibt es viele lokale Veranstaltungen, die in der Regel von Nicht-Regierungsorganisationen (NGO), Vereinen, Museen, Universitäten oder lokalen Gruppen realisiert werden. In die Organisation der Gedenkveranstaltung sind häufig die Bildungsministerien involviert. Dies ist in Dänemark, Finnland (dort werden Initiativen von dem Bildungsministerium finanziell unterstützt, die Organisation übernimmt die Finnish Society for Yad Vashem), Kroatien, Griechenland, Luxemburg und Slowenien der Fall. Hierbei kooperiert das Bildungsministerium oftmals mit anderen Institutionen oder auch Schulen und lokalen Gruppen. In Dänemark bildeten sich innerhalb des Bildungsministeriums für die Organisation ein eigenes Komitee und ein Rat heraus, der sich aus Mitgliedern verschiedener NGO zusammensetzt. In Griechenland sind an der Organisation neben dem Bildungsministerium auch noch Präfekturen und Behörden unter der Anleitung des Innenministeriums, sowie viele andere Organisation beteiligt. Estland gibt an, dass sich verschiedene Ministerien und Behörden an der Realisierung beteiligten. In der tschechischen Republik ist das Kultusministerium Mitorganisator. Einzig in Belgien übernimmt das Verteidigungsministerium die Organisation.

Großbritannien, Irland, Lichtenstein, Monaco, Norwegen, Portugal, Serbien, Spanien, Schweden und die Schweiz nennen NGO als Organisatoren. In Großbritannien und Irland realisiert der »Holocaust Educational Trust« jedes Jahr verschiedene Gedenkveranstaltungen. In der Schweiz übernimmt diese Aufgabe das Institut für Zeitgeschichte. Auch in anderen Staaten sind Universitäten beteiligt, fast immer sind auch Schulen involviert. Den Schulen kommt die wichtige Aufgabe zu, die Erinnerungsarbeit in ihren Unterricht zu integrieren. In dem Bericht der Schweiz wurden die Zielsetzungen solcher Unterrichtsinhalte vorgestellt: Erinnerung an die Tragödie des Holocaust, die Erinnerung an Genozide der europäischen Geschichte des 20. Jahrhunderts, und die Reflexion über Menschenrechte, Toleranz und Religion und interkulturellen Dialog.

In vielen Ländern werden neben den Veranstaltungen auch Wettbewerbe ausgeschrieben, davon berichteten zum Beispiel Italien und Norwegen. In Norwegen wird jährlich der »Benjamin – Preis« von dem Kulturminister ausgeschrieben. Dieser Preis ist nach einem fünfzehnjährigen Jungen benannt, der Opfer von Übergriffen von Neonazis wurde.

Manchmal kooperieren Ministerien und NGO auch mit den örtlichen jüdischen Gemeinden oder anderen jüdischen Organisationen. Davon berichteten Belgien, Griechenland, Großbritannien, Irland, Italien, Serbien, Slowenien und die Tschechische Republik.

 

Weitere nationale Gedenktage zur Erinnerung an Verbrechen während des 2 Weltkriegs

In 12 Ländern bestehen Gedenktage, die historische Ereignisse im nationalen Kontext offiziell markieren.7

In Serbien wird neben dem 27. Januar, dem »Internationalen Gedenktag der Opfer des Holocaust«, am 22. April der »Nationale Gedenktag für Opfer des Holocaust und anderer Genozide« begangen. Weitere vier Gedenktage erinnern an den 22. Januar, den 14. und den 21. Oktober, an denen im Jahr 1941 Pogrome in Novi Sad, Kraljevo und Kragujevac durchgeführt wurden. Eine jährliche Gedenkveranstaltung findet in Jajinci statt, die an die Ermordung von 80 000 Menschen während des 2. Weltkrieges erinnert.

In Bulgarien wird der 10. März zum »Tag der Rettung der Bulgarischen Juden und zum Gedenken der Opfer des Holocaust und anderer Verbrechen gegen die Menschheit« erklärt. Dieser Tag erinnert an die Verhinderung einer Deportation von 50 000 Juden. Im Jahr 1943 schafften es der Abgeordnete der Nationalversammlung, Dimar Peshev, der Erzbischof Stephan von Sophia und der Erzbischof Cyril von Plodiv zusammen mit einigen weiteren prominenten Persönlichkeiten und mit der Unterstützung der Bevölkerung, die geplante Deportation zu verhindern. Gedenkveranstaltungen finden landesweit statt, meist werden diese von staatlichen und lokalen öffentlichen Institutionen organisiert. Auch die bulgarisch-jüdische Organisation Shalom, die landesweit über Dependenzen verfügt, ist in die Erinnerungsveranstaltungen integriert.

In Kanada und in den USA finden, neben offiziellen Veranstaltungen, zahlreiche dezentrale Gedenkveranstaltungen jeweils zum Jahrestag des Beginns des Aufstandes im Warschauer Getto statt. Der Tag wird als »Holocaust Memorial Day – Yom Hashoah« bezeichnet und der Veranstaltungstermin verschiebt sich von Jahr zu Jahr leicht und orientiert sich am jüdischen Kalender. Im Jahr 2009 wurde der Gedenktag am 21. April begangen. In den USA ist das United States Holocaust Memorial Museum an der Organisation der offiziellen Feierlichkeiten des Gedenktags »Days of Remembrance« maßgeblich beteiligt. Zusätzlich zum Yom Hashoah wird auch der 27. Januar als »Internationaler Holocaust Gedenktag« begangen.

In Kanada werden auch an anderen Tagen Gedenkveranstaltungen abgehalten, wie zum Beispiel am 17. Januar (»Paul Wallenberg Tag«), aber auch am 27. Januar. An der Organisation beteiligen sich staatliche Stellen, Universitäten und NGO.

In Ungarn wird am 16. April, dem Tag an dem das erste Getto in Ungarn (Munkács) 1944 errichtet wurde, erinnert. Das »Holocaust Memorial Center« organisiert offizielle Gedenkveranstaltungen, an denen der Präsident der Nationalversammlung und andere hohe Würdenträger teilnehmen. Das Ministerium für Bildung und Kultur fordert Schulen in einem jährlichen Brief auf, an diesem Tag zu gedenken.

In Polen finden am 19. April, dem Jahrestag des Beginns des Aufstands im Warschauer Getto 1943, Gedenkzeremonien statt. Der Tag nennt sich »Gedenktag für die Opfer des Holocaust« und Teilnehmer sind neben der Regierung und lokalen Behörden eine Vielzahl von NGO. Manchmal sind lokale Kirchengemeinden in die Gedenkveranstaltung mit einbezogen. Jeden 27. Januar wird im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau eine offizielle Gedenkveranstaltung abgehalten, an denen Politiker und Regierungsvertreter teilnehmen.

In den Niederlanden wird am 4. Mai, dem Abend vor dem Jahrestag der Befreiung durch die Alliierten, aller Bürger und Soldaten gedacht, die im Königreich Niederlande oder anderswo seit dem Ausbruch des 2. Weltkrieges starben. In das Gedenken eingeschlossen sind die Opfer des Holocaust. Veranstaltungen am 27. Januar werden vom Internationalen Auschwitz Komitee organisiert.

In Österreich wird am 5. Mai der Befreiung des Konzentrationslagers Mauthausen gedacht. Dieser Tag nennt sich »Gedenktag gegen Gewalt und Rassismus im Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus«. Neben diesem offiziellen Gedenktag werden auch Veranstaltungen am 27. Januar und am 9. November abgehalten. Das Ministerium für Bildung, Kunst und Kultur kooperiert hierbei mit lokalen Gruppen, die Gedenkveranstaltungen organisieren.

In Lettland wird am 4. Juli den jüdischen Opfern des Genozids gedacht. Der Tag erinnert an den Synagogenbrand in der Rigaer Gogola Straße im Jahr 1941. Teilnehmer der Veranstaltung sind Vertreter der Regierung, wie auch viele andere Organisationen und Museen, darunter das »Museum und Dokumentationszentrum Juden in Lettland«, und die Jüdische Gemeinde von Lettland.

In Frankreich wird am 16. Juli der »Nationale Gedenktag rassistischer und antisemitischer Verfolgung« begangen. Dieser Tag markiert die Zusammentreibung von Juden in das Vélodrome d’Hiver 1942. Die Gedenkveranstaltung wird von der Abteilung für Angelegenheiten der Veteranen organisiert, eine staatliche Einrichtung, die an das Verteidigungsministerium gekoppelt ist.

In der Slowakei wird am 9. September der »Gedenktag für die Opfer des Holocaust und rassistischer Gewalt« begangen. Die Regierung wählte diesen Tag aus, um an die Verabschiedung von 290 repressiven Gesetzen (»Jewish Codex«) im Jahr 1941 durch die Regierung der Slowakei, die letztendlich zu der Deportation von 70 000 slowakischen Juden führten, zu erinnern. Involviert in diese Veranstaltung ist neben der Regierung das Ministerium für Kultur und das National Museum, sowie das Museum für jüdische Kultur in Bratislava.

In Litauen wird der »Nationale Gedenktag für den Genozid der Litauischen Juden« am 23. September durchgeführt. An diesem Tag wurde 1943 das Getto von Vilnius aufgelöst. Die Gedenkveranstaltung wird von NGO, Schulen und lokalen Gemeinden organisiert.

In Rumänien wird am 9. Oktober der »Gedenktag für den Holocaust in Rumänien« begangen. An diesem Tag begannen die rumänischen Truppen mit der Deportation von Juden. Das Bildungsministerium organisiert an diesem Tag Treffen zwischen Schulkindern und Überlebenden. Das Elie Wiesel Institut für Holocauststudien in Rumänien organisiert internationale Konferenzen, Seminare und Ausstellungen. Die Föderation Jüdischer Gemeinden in Rumänien hält eine religiöse Kranzniederlegung an dem Holocaust Denkmal in Bukarest ab.

Weißrussland, Bosnien-Herzegowina, der Vatikan, die ehemalige Jugoslawische Republik Mazedonien und die Russische Föderation haben zwar keinen offiziellen Holocaust Gedenktag, Gedenkveranstaltungen werden aber trotzdem von einzelnen Organisatoren realisiert.

In Weißrussland fanden im Jahre 2008 Veranstaltungen statt, die anlässlich des 65. Jahrestags der Auflösung des Gettos in Minsk, an die Opfer erinnerten. Das Museum des Vaterländischen Krieges Minsk organisierte eine Ausstellung mit dem Titel. »Krieg. Holocaust. Erinnerung ohne Grenzen.«

In Bosnien-Herzegowina fanden im Jahr 2007 Gedenkveranstaltungen am 27. Januar statt. Diese wurden in Kooperation mit dem Forschungsinstitut für Verbrechen gegen die Menschheit und gegen internationales Recht8, der Fakultät für Rechtswissensschaften und der jüdischen Gemeinde von Bosnien-Herzegowina organisiert.

In der ehemaligen Jugoslawischen Republik Mazedonien werden Gedenkveranstaltungen am 10. und 11. März abgehalten. Dies sind lokale Veranstaltungen in Skopje, in der der Bürgermeister von Skopje sich mit einem Vertreter der Jüdischen Gemeinden trifft.

In Moskau und etwa 30 anderen Städten der Russischen Föderation werden am 27. Januar Gedenkveranstaltungen begangen. Von Zeit zu Zeit wird auch am 9. November der »Reichspogromnacht« gedacht, der Pogrome in Deutschland im November 1938. Im Jahr 1995 organisierte das »Russian Holocaust Center« in Kooperation mit der Stadtregierung von Moskau den »Tag der Befreiung von dem Nazi-Konzentrationslager in Auschwitz«.

 

Die von der OSZE zusammengetragene Übersicht könnte in einem zweiten Schritt in vieler Hinsicht konkretisiert werden. Welcher Opfergruppen in den einzelnen Ländern gedacht wird, ist oftmals nur sehr knapp ausgeführt. Ein Vergleich der Organisationsträger ist meistens schwierig, da diese oftmals wechseln oder auch unterschiedlich ausführlich ausgeführt werden. Während bei manchen Staaten Ministerien für Bildung, Kultur genau angegeben wurden, bleibt es bei anderen Staaten wiederum bei allgemeinen Angaben. Auf jeden Fall bietet die vorliegende Studie einen guten internationalen Überblick, wie sich die Erinnerung an die Ermordung der Juden im deutschen Besatzungs- und Einflussbereich während des Zweiten Weltkriegs in einem Zeitraum von etwas über einem Jahrzehnt zu einem weithin von offiziellen staatlichen Stellen getragenen Akt ausgeweitet hat. Zugleich macht sie deutlich, dass neben der Rezeption des Holocaust im zwischenstaatlichen Dialog nationale Besonderheiten in großem Umfang vorhanden sind. Dies betrifft die genaue Definition, welcher Gruppen an dem Gedenktag gedacht wird ebenso, wie die Nutzung anderer nationaler Tage für dieses Gedenken und die Einbeziehung von Gruppen, die Opfer staatlicher Gewalt in sehr unterschiedlichen Zusammenhängen wurden.

Die Studie verdeutlicht, wie groß die nationalen Unterschiede in der Erinnerung an die während der NS-Zeit begangenen Verbrechen sind – wobei die Ermordung der europäischen Judenheit im Zentrum steht.Der erste Schritt zu einem internationalen Dialog ist, die unterschiedlichen Narrative zu verstehen und anzuerkennen. Danach können Stärken, aber auch Mythen und Verdrängungen im nationalstaatlichen Kontext diskutiert werden.

 


Adina Dymczyk, Studentin der Philosophie und Geschichte an der Freien Universität Berlin, hat diesen Beitrag im Rahmen eines Praktikums in der Stiftung Topographie des Terrors erarbeitet.

 

 

1 Zur Geschichte und Wirkung der Task Force siehe: Jens Kroh: Transnationale Erinnerung. Der Holocaust im Focus geschichtspolitscher Initiativen; Frankfurt/Main 2007.

Der gesamte Text ist im Internet zu finden: OSCE/ODHIR: Holocaust Memorial Days in the OSCE region. An overview of governmental practices; www.osce.org/documents/odihr/2010/01/42482_en.pdf

Die vier Fragen sind am Ende des Berichts aufgelistet: OSCE/ODHIR ebd., Annex 2: Questionnaire, S. 96 f; www.osce.org/documents/odihr/2010/01/42482_en.pdf

Gerade für Deutschland fällt auf, dass die kurzen Angaben, zusammengefasst auf einer dreiviertel Seite, Umfang und Vielfältigkeit der Gedenkveranstaltungen im Zusammenhang mit dem Gedenktag am 27. Januar in keiner Weise ausreichend wiederspiegeln.

Siehe Tabelle 1

OSCE/ODHIR ebd., S. 29. Übersetzung Adina Dymczyk.

7 Siehe Tabelle 2.

8 University of Sarajevo’s Institute for Research of Crimes against Humanity and International Law.