Klaus Leutner

Im Namen des Deutschen Volkes?

Gedenkstättenrundbrief 135 S. 27-40

Auf der Grabsuche nach Bronislawa Czubakowska

Angeregt durch das Buch: »Zwangsarbeit in Potsdam«,1 in dem das Schicksal von Bronislawa Czubakowska dargestellt wird und die am 15. August 1942 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurde, machte ich mich auf die Suche, ihr Grab zu finden. Ich fand ihr Grab nicht. Dafür entdeckte ich aber eine Grabstelle mit 80 nachträglich bestatteten, unbekannten Hingerichteten von Berlin-Plötzensee.

 

Bronislawa Czubakowska – ihr Arbeitseinsatz

Im April 1940 kam es in der polnischen Stadt Zgierz zu einer Razzia der deutschen Okkupanten. Ziel war es, Arbeitskräfte für Deutschland zu beschaffen. Bronislawa Czubakowska wurde mit vielen anderen festgenommen und bereits wenige Tage darauf, etwa Mitte April 1940, nach Brandenburg/H. verschleppt. Ihr Arbeitseinsatz erfolgte in der »Ersten Fein-Jute-Fabrik« in Brandenburg/H., General-Ludendorff-Straße 14–15, als »Spulerin«.2

Diese Fabrik war Produzent von minderwertigen Garnen und daraus resultierenden Nebenprodukten. Die Belegschaft setzte sich aus 568 Fabrik- und 460 Heimarbeiterinnen, einschließlich 130 polnischen Zwangsarbeiterinnen, zusammen.3 Die Halb- oder auch Endprodukte wurden während des Krieges an zahlreiche Firmen geliefert.4 Dazu gehörten auch die Wehrmacht sowie Kommandanturen von Konzentrationslagern.

Das »Polenlager« befand sich inmitten des Fabrikgeländes. Die hier untergebrachten Zwangsarbeiterinnen stammten, den Vernehmungsprotokollen nach zu urteilen, überwiegend aus Łódž und Zgierz und waren relativ jung. Propagandafotos, vermutlich aus diesem »Polenlager«, geben einen Eindruck von der Tristesse der Räumlichkeiten.5

Die in den Betrieben den Zwangsarbeitern zur Kenntnis gegebenen »Pflichten der Zivilarbeiter und -arbeiterinnen polnischen Volksthums während ihres Aufenthaltes im Reich« drohten für jedes Vergehen den Arbeitskräften drakonische Strafen an. Ein »Verlassen des Aufenthaltsortes ist streng verboten« hieß es dort. Das Tragen des »übergebenen Abzeichens« [P], »stets sichtbar auf der rechten Brustseite eines jeden Kleidungsstückes« war obligat.

Am Ende dieses »Pflichtenkataloges« stand unter Punkt 10 die Weisung: »Ueber die hiermit bekannt gegebenen Bestimmungen zu sprechen oder zu schreiben, ist strengstens verboten.«6 So wollte man wohl verhindern, dass diese Art der Behandlung in Polen bekannt wird und eventuell Arbeitswillige abschrecken würde. Dass diese Bestimmungen bei Übertretung auch nachhaltige Konsequenzen nach sich zogen, ist aus den Vernehmungsprotokollen ersichtlich. Verschiedentlich wurde den Polinnen während des Verhörs von der Gestapo mit der Einweisung in ein K-Lager [Konzentrationslager], Erziehungslager [Arbeitserziehungslager] oder mit anderen, »strengen« Maßnahmen der Gestapo gedroht.7

In dieser von Repressionen geprägten Situation, wird am Sonnabend, den 12. Juli 1941 um 17.15 Uhr in der Frauentoilette ein Schwelbrand entdeckt. Zur gleichen Zeit wird Bronislawa Czubakowska von einer polnischen Kollegin auf der besagten Toilette angetroffen. Dieser Kollegin fällt das angeblich sonderbare Gebaren von Bronislawa Czubakowska auf, die versucht hätte, sie zum Verlassen der Toilette zu bewegen. Wenige Minuten danach betritt eine deutsche Fabrikarbeiterin den Toilettenraum und bemerkt Brandgeruch. In der nur deutschen »Volksgenossinnen« vorbehaltenen Toilette stellt sie in einem Papierabfallbehälter einen Schwelbrand fest. Dieser wird von ihr und der zur Mithilfe aufgeforderten Bronislawa Czubakowska gelöscht.

Erst am Montag, den 14. Juli 1941 wird um 7.15 Uhr die Stapo-Außendienststelle Brandenburg/H. von diesem Vorfall benachrichtigt. Nun geht es Schlag auf Schlag. Die Verhöre der Gestapo mit der Verdächtigten setzen ein. Verhörprotokolle werden gefertigt. Ob hier mit verschärften Vernehmungsmethoden gearbeitet wurde, ist nicht erkennbar, aber auch nicht auszuschließen.8 Bronislawa Czubakowska wird am gleichen Tage verhaftet. Die Gestapo vernimmt ihre polnischen Arbeitskolleginnen. Offensichtlich hat es in diesem Betrieb schon einige Brandstiftungen gegeben, bei denen kein Täter ermittelt werden konnte.9 Der Abschlussbericht der Gestapo-Außendienststelle in Brandenburg/H. vom 18. August 1941 vermerkt u.a.: »Ein Brandschaden ist nicht entstanden, jedoch muß hervorgehoben werden, daß es sich bei dem genannten Betrieb um einen solchen handelt, der Heeresaufträge zu erledigen hat, also als wehrwirtschaftlich wichtig anzusprechen ist.«10 Am 24. Juli 1941 wird sie der Staatspolizeistelle Potsdam übergeben. In deren Schlussbericht wird der eigentliche Tathergang und dessen Folgen wie folgt dargestellt: »Der Brand wurde rechtzeitig bemerkt und konnte gelöscht werden, bevor ein größerer Sachschaden eingetreten war.«11 Den größeren Teil des Berichtes nimmt aber die Darstellung der Wichtigkeit des Betriebes für die Belange der Wehrmacht ein, weil damit, nach Meinung der Gestapo, der Tatbestand der »Sabotage« vorliege.

Am 10. September 1941 kommt es vor dem Potsdamer Landgericht zum Prozess. Hier stellen die protokollierten Ausführungen des Gerichts bereits einen anderen Tatbestand fest: »Sie [die Zeugin M.] nahm der Angeklagten eine Flasche mit Wasser, das sie sich zum Trinken geholt und mitgebracht hatte, aus der Hand und löschte damit den Brand des Papierkastens. Die Flammen, die schon die Ölfarbe der Holzwand ergriffen hatten, schlug sie [die Zeugin M.] mit der Hand aus.«12 Zwischen der Beschreibung des Brandschadens vom 18. Juli 1941 und der im Urteil vom 10. September 1941 ist eine Differenz festzustellen, die das Bestreben erkennen lässt, den tatsächlich eingetretenen, geringfügigen Schaden als erheblich darzustellen. Das Urteil lautete: »Die Angeklagte wird wegen vorsätzlicher Brandstiftung … zu insgesamt 7 –sieben – Jahren Zuchthaus und zu den Kosten des Verfahrens verurteilt …«.

 

Das »Polenstrafrecht« und das Todesurteil

Eine extreme Verschärfung der ohnehin rigiden Polenerlasse erfuhr die Behandlung der polnischen Bevölkerung und der Zwangsarbeiter durch die so genannte Polenstrafrechtsverordnung vom 4. Dezember 1941. Die darin aufgeführten Straftatbestände galten für alle Polen, auch für solche, die sich in Deutschland zur Zwangsarbeit aufhalten mussten.13

Der Oberstaatsanwalt Potsdam strebte am 13. September 1941 eine Revision des Urteils gegen Bronislawa Czubakowska an. Überhaupt scheint die treibende Kraft für eine Heraufsetzung der Strafe bzw. das angestrebte Todesurteil der Generalstaatsanwalt beim Kammergericht in Berlin, Dr. Jung, gewesen zu sein, da der Potsdamer Oberstaatsanwalt Tetzlaff im Schreiben vom 5. Oktober 1941 erklärte: »Falls ich nicht mit anderer Weisung versehen werde, beabsichtige ich daher, die von mir eingelegte Revision zurückzunehmen.«14

In der Revisionsbegründung vom 22. September 1941 hieß es: »Gerügt wird die Verletzung des § 2 der VO zur Ergänzung der Strafrechtsvorschriften zum Schutze der Wehrkraft des Deutschen Volkes vom 25. 11. 1939 (RGBl. I. S. 2319) durch unrichtige Anwendung.«15 Weiter führt der Oberstaatsanwalt aus: »Ohne Rücksicht auf den angerichteten Schaden dürfte schon die Gefährlichkeit der Handlungsweise, der verbrecherische Wille und die allgemeine deutschfeindliche Einstellung der Angeklagten genügen, um einen besonders schweren Fall anzunehmen. … Die Strafkammer hätte außerdem prüfen müssen, ob auf den festgestellten Sachverhalt § 3 der Verordnung gegen Volksschädlinge vom 5. 9. 39 (RGBl. I. S. 1679) anzuwenden ist.« Dem gab der 5. Strafsenat des Reichsgerichtes Leipzig in seiner Sitzung am 9. März 1942 statt. Er verwies den Fall an die Vorinstanz zur erneuten Verhandlung.

Die Verhandlung erfolgte am 13. Mai 1942 wieder vor dem Potsdamer Landgericht. »Die Angeklagte wird als Polin wegen vorsätzlicher Brandstiftung in Tateinheit mit vorsätzlicher Beschädigung von Sachen, die der Arbeit der deutschen Wehrmacht und dem öffentlichen Nutzen dienen, und mit versuchter Schädigung der Widerstandskraft des Deutschen Volkes, sowie mit versuchter Gefährdung eines für die Reichsverteidigung wichtigen Betriebes, und zwar in einem besonders schweren Falle zum Tode verurteilt«,16 lautete jetzt das Urteil. Der Pflichtverteidiger legte gegen dieses Urteil Revision ein. Das Reichsgericht verwarf die Revision. Damit war das Todesurteil rechtskräftig.

Bronislawa Czubakowska wurde mit Verdacht auf eine Lungenkrankheit ab dem 7. Mai 1942 in die Krankenabteilung der Untersuchungshaftanstalt Berlin-Moabit eingeliefert. Hier verblieb sie, mit Ausnahme der Überführung zum erneuten Prozess nach Potsdam am 13. Mai 1942 in der Krankenabteilung, Zelle 63 und 65. Diese Zellen existieren noch heute.

Am 9. Juli 1942 wurde Bronislawa Czubakowska aus der Untersuchungshaftanstalt Moabit in das Frauenstrafgefängnis Berlin, Barnimstraße 10 überführt.17 Die dortigen Lebensumstände für Todeskandidaten werden als äußerst schlecht beschrieben.18 Bronislawa Czubakowska verfasste ein Gnadengesuch. Mit Schreiben vom 31. Juli 1942 wurde ihr vom Reichsjustizministerium mitgeteilt: »In der Strafsache … gegen die … zum Tode verurteilte Bronislawa Czubakowska habe ich mit Ermächtigung des Führers beschlossen, von dem Begnadigungsrecht keinen Gebrauch zu machen, sondern der Gerechtigkeit freien Lauf zu lassen.«19 Nunmehr liefen die Vorbereitungen zur Hinrichtung mit »größter Beschleunigung« ab.

 

Plötzensee – Hinrichtung – Anatomie

In dem in den Jahren 1868–72 erbauten Strafgefängnis Berlin-Plötzensee wurden auch zum Tode Verurteilte des Berliner Kammergerichtsbezirkes hingerichtet. In den Jahren 1887 bis 1932 gab es hier insgesamt 36 Hinrichtungen. In den zwölf Jahren des NS-Terrors zwischen 1933 und 1945 fielen in Plötzensee über 2890 Menschen justiziablen Tötungen zum Opfer. Bis 1933 wurden nur Mord und schwere Sprengstoffverbrechen mit der Todesstrafe geahndet. 1938 konnten bereits 25 Delikte mit dem Tode bestraft werden. Durch das Kriegssonderstrafrecht waren ab 1939 praktisch alle politisch motivierten Delikte mit der Todesstrafe bedroht.

Auf Vorschlag des Reichsjustizministers Gürtner entschied Hitler, dass ab 1936 die Todesstrafe nicht mehr mit dem Handbeil, sondern mittels einer Guillotine vollstreckt werden sollte. Im Jahre 1937 wurde deshalb in der Strafanstalt Plötzensee für diesen Zweck eine Arbeitsbaracke umgebaut.

Am 14. August 1942, kurz nach 18 Uhr wurde Bronislawa Czubakowska vom Berliner Frauenstrafgefängnis Barnimstraße 10 in das Gefängnis Plötzensee, Königsdamm 7, transportiert.20 Gegen 20 Uhr wurde der Verurteilten eröffnet, dass die Vollstreckung des Todesurteils am nächsten Morgen erfolgen werde. Auf die Frage, ob sie noch etwas auszuführen oder einen Wunsch zu äußern habe, erklärte sie: »Ich nehme an; ich fühle mich nicht schuldig.«21 Nach der Hinrichtung wird ihr Leichnam dem Beauftragten des Anatomisch-Biologischen Instituts der Universität Berlin übergeben.22

 

Suche nach dem Grab

In der Prozessakte der Hingerichteten fand sich auch ein von der Gestapo ins Deutsche übersetzter Abschiedsbrief von Bronislawa Czubakowska an ihre Eltern, indem sie darum bittet, »dass ihr meine sterblichen Überreste bei meiner Mutter beerdigen könnt …«23 Dieser letzte Wunsch wurde ihr nicht erfüllt.

Es lag nach den vorhandenen Anhaltspunkten nahe, die Nachforschungen über den Verbleib des Leichnams der jungen Frau im Bereich der Anatomie der »Universität in Berlin«, der »Charité«, zu beginnen.

Zu damaliger Zeit bestanden zwei anatomische Institute: das Anatomische Institut, auch Anatomie I genannt und das Anatomisch-Biologische Institut, auch als Anatomie II bezeichnet.24 Beide Institute der Charité leitete ab 1935 Professor. Dr. Hermann Stieve bis zu seinem Tode am 6. September 1952. Während die Anatomie I der wissenschaftlichen Ausbildung der Studenten diente, betrieb die Anatomie II die wissenschaftliche Grundlagenforschung.

In einer Besprechung im Strafgefängnis Plötzensee, das dazugehörige Schriftstück ist vom 23. Oktober 1942 datiert, an der auch Stieve teilgenommen hatte, wurde dort vorgetragen: »Erwünscht ist, namentlich auch wegen der Störungen, die nachts durch Luftangriffe stattfinden können, die Vollstreckung von Todesurteilen in Plötzensee auf den Abend zu verlegen und zwar auf 20 Uhr.« Stieve war hiermit einverstanden und erklärte, dass die Leichen dann noch am selben Abend zur Anatomie abgeholt werden könnten …«25

Tatsächlich benannte Stieve in einer »Liste der hingerichteten Frauen«,26 die er am 4. Dezember 194627 dem damals bei der Justizverwaltung der Sowjetischen Besatzungszone tätigen Pfarrer Poelchau übergeben hat, u.a. auch Bronislawa Czubakowska, deren Leichnam er seziert hatte.

Zur Verfahrensweise bei der Übergabe von Todesopfern der Nazijustiz erklärte mir der Institutsleiter, dass die Körper der Hingerichteten entweder unter richtigem Namen, unter falschem Namen oder meist anonym der Anatomie der Charite übergeben wurden. Also, selbst wenn die gesuchten Unterlagen noch vorhanden seien, wäre nur bei Übergabe des Körpers mit richtiger Namensangabe eine auf eine bestimmte Person gerichtete Recherche möglich. Die aus der NS-Zeit stammenden Präparate seien zu DDR-Zeiten im Krematorium Berlin-Treptow eingeäschert worden. Wo sich deren Begräbnisplätze befinden, sei ihm nicht bekannt.

Die Friedhofsverwaltung Berlin-Treptow/Köpenick ermöglichte mir den Einblick in das »Urnen-Sammelgrabstellenbuch«.28 Es enthielt die Namen und Vornamen der Bestatteten und offenbar nachträglich eingetragen, den Herkunftsort u.a., »aus Hartheim« oder »KZ-Sachsenh[ausen]«, Grabstelle und Registernummer. Damit wurden Grablagen von Euthanasie- oder KZ-Opfern benannt, aber nicht die von Plötzensee. Diesem »Urnen-Sammelgrabstellenbuch Friedhof Altglienicke« waren u.a. ein maßstabsgerechter Urnenlageplan [M 1 : 40] beigeheftet und es enthielt den Vermerk: »Bezeichnung der Stelle: 1696–1775; Tag der Vergebung: 3. 9. 1952; Zuname, Nachname: Unbekannt; Register Nr.: 4456, Tag der Beisetzung: 3. 9. 1952; »80 Stück unbekannte Aschen vom Anatomischen Institut Humbold[t] Universität, Berlin N.W.7 Philippstr. 1[2].«

Wenn »80 Stück unbekannte Aschen vom Anatomischen Institut« bestattet wurden, so muss diesem letzten Akt ja auch eine Einäscherung vorausgegangen sein. Bei der Überprüfung in den »Einäscherungsregistern« des Krematoriums Berlin-Treptow konnte ich feststellen, dass die dem Krematorium übergebenen Leichname der Anatomie mit allen persönlichen Angaben, wie Name, Vorname und sogar mit der Todesursache eingetragen waren. Für den Zeitraum 1949 bis 1956 waren jedoch keine Eintragungen zum Anatomischen Institut verzeichnet.

Eine erneute Anfrage an den Leiter der Anatomie ergab, dass lediglich ab dem Zeitraum 1952 »Leichenbücher« der Anatomie vorhanden sind. Aber auch hier wurden, so der schriftliche Bescheid, keine Eintragung zu den 80 Urnen gefunden.

Eine Recherche in Archivalien der Bundesbeauftragten für die Unterlagen des Staatssicherheitsdienstes der ehemaligen DDR zum Leichnam von Bronislawa Czubakowska brachte den entscheidenden Hinweis: In einem Briefwechsel mit Walter Hammer [nach 1945 Begründer einer Gedenkstätte in der Haftanstalt Brandenburg/Görden] beschreibt Stieve den Umgang mit den – seinem Institut überlassenen – Hingerichteten zu Zeiten des NS-Regimes. Er bringt darin auch zum Ausdruck, dass die Leichname anonym zum Krematorium Wilmersdorf zur Einäscherung gebracht und dem Institut anschließend in Blechurnen nur mit einer Nummer versehen, zurückgegeben wurden.

Mit Schreiben vom 4. Juni 1952 an Hammer teilt Stieve mit: »Am 7. November 1946 hat das Gouvernement Militaire Francais, Section P.D.R., Berlin-Frohnau, bei mir 42 Aschenurnen – die Namen der Betreffenden waren unbekannt – abgeholt. Die Bescheinigung darüber befindet sich noch in meinen Händen …« Im gleichen Schreiben berichtet er über die 80 Urnen: »Bei den Aufräumungsarbeiten habe ich aber noch 80 Urnen sichergestellt. Sie befinden sich noch in der Anatomie. Alle Friedhofsverwaltungen weigern sich, diese Urnen beizusetzen, da ich natürlich nicht in der Lage bin, einen Totenschein mit Beerdigungsschein für diese Urnen beizufügen.«

Am 18. Juni 1952, knapp drei Monate vor seinem Tode, informiert Stieve seinen Briefpartner Hammer: »Inzwischen darf ich Ihnen noch eine weitere erfreuliche Nachricht mitteilen. Die Aschen ohne entsprechende Bezeichnungen … die ich aus der Nazizeit aufbewahrt habe, … und von denen ich nicht angeben kann, wessen Überreste sie bergen, sind jetzt auf dem Friedhof Berlin-Altglienicke, … als ›Überreste unbekannter Verstorbener‹ beerdigt worden.«

Hier irrt Stieve. Sie sind vermutlich von der Friedhofsverwaltung zu diesem Zeitpunkt abgeholt worden, jedoch erst am 3. September 1952 auf dem Friedhof Berlin-Altglienicke bestattet worden. Wie Greta Kuckhoff, die Ehefrau des in Plötzensee hingerichteten Adam Kuckhoff, in einem Brief vom 30. April 1970 schreibt: »ohne viel Aufhebens«.29

 

Aus dem bisher Dargelegten ergibt sich Folgendes: Der Eintrag im Hinrichtungsprotokoll, dass der Leichnam von Bronislawa Czubakowska dem Anatomisch-Biologischen Institut übergeben wurde und die 1946 von Professor Stieve gefertigte Frauen-Sektionsliste, erhärten die Annahme, dass ihr Leichnam für anatomische Zwecke benutzt wurde. Nur Präparate dieses Institutes konnten, weil für längere Zeit konserviert, das Kriegsende überdauern. Die Aussage der Charité, dass eine Einäscherung eben jener Präparate zu DDR-Zeiten in Berlin-Baumschulenweg [richtig: Berlin-Treptow] erfolgte, lässt sich nicht belegen. Die »80 Stück unbekannte Aschen«, die am 3. 9. 1952 auf dem Friedhof Berlin-Altglienicke beigesetzt wurden, sind Hingerichtete von Plötzensee, darunter eventuell auch Bronislawa Czubakowska.

Die bisher uns bekannten größeren Begräbnisstellen von Hingerichteten aus Plötzensee sind:

20 Urnen auf dem städtischen Urnenfriedhof Seestraße (Berlin-Wedding),

46 Urnen auf dem Parkfriedhof Marzahn (Berlin-Marzahn) und

10 Urnen auf dem Südwestfriedhof Stahnsdorf bei Berlin

Daneben gibt es auch noch einige Einzelgräber.

Die 80 Urnen auf dem Städtischen Friedhof Altglienicke sind jedoch der bisher größte Fund von Hingerichteten aus Plötzensee während der NS-Zeit. Zu hoffen ist, dass möglichst bald auf diesem Friedhof aus der anonymen Rasenfläche mit den Gräbern der NS-Zeit, ein würdiger Gedenkort für die KZ- und Euthanasieopfer und die Hingerichteten von Plötzensee geschaffen wird. Der sich dort befindende Gedenkstein bemerkt lapidar: »Den 1284 ermordeten Antifaschisten, deren Asche hier bestattet ist.« Diese Aussage vereinnahmt alle NS-Opfer unter dem Oberbegriff Antifaschismus und wird damit den toten Opfern nur annähernd gerecht.

Am 16. Juni 1952 machte Walter Hammer Professor Stieve einen Vorschlag, den ich auch aus heutiger Sicht noch für denkenswert halte: »Sollte man nicht einmal erwägen, ob die restlichen Urnen [die 80 Urnen von Altglienicke] nicht beim Plötzenseer Denkmal mit beigesetzt werden könnten? Ich wüßte mir keinen passenderen Rahmen, zumal auch daran gedacht wird, allen in Mitleidenschaft gezogenen Nationen in der Runde der Gedenkstätte Nischen einzuräumen, die es ermöglichen sollen, daß jede Nation ihre Toten auch noch gesondert ehren kann. Man könnte dann die von Ihnen in Schutz genommenen Urnen entsprechend verteilen und ungefähr die Hälfte der allgemeinen Ehrung und speziell den deutschen Opfern weihen. Wenn Ihnen dieser Vorschlag sympathisch ist, will ich ihn gerne weiterleiten, woraufhin dann eine Verständigung wohl unschwer zu erzielen sein würde. Etwas schwieriger wäre dann wohl die Frage zu lösen, auf welchem Wege die Urnen von der Anatomie nach der Gedenkstätte geschafft werden könnten. Vielleicht wäre es Ihnen möglich, auch darüber schon etwas zu sagen.«30

Mein Anliegen ist es, nicht nur die historische Recherche zu betreiben, sondern mit dazu beizutragen, dass die Toten von Plötzensee, wie die Nachkommen der Opfer, einen würdigen Gedächtnisort erhalten. Damit wird den Opfern ein Stück der ihnen durch das nazistische Deutschland geraubten Würde wiedergegeben, die sie in dieser Zeit ohne ihre Schuld verloren hatten.

 

Deutsch-polnisches Schülerprojekt zur Geschichte von Bronislawa Czubakowska

Diese Rechercheergebnisse waren für mich Anlass, ein deutsch-polnischen Schülerprojekt zu initiieren, mit dem das Schicksal von Bronislawa Czubakowska jungen Menschen wieder in Erinnerung gebracht werden sollte. Daran beteiligten sich folgende Schulen: Berlin (Hinrichtungsort): »Ellen-Key-Oberschule« in Berlin-Friedrichshain-Kreuzberg, Brandenburg/Havel (Arbeitsort): »Von Saldern-Gymnasium« Potsdam (Verurteilungsort): »Ev. Gymnasium Hermannswerder« der Hofbauer-Stiftung und Zgierz/ Polen (Geburtsort): »Romuald Traugutt Lyzeum«.

Aus allen vier Städten waren insgesamt über 50 Schüler, Deutsche und Polen, über zwei Jahre an diesem Projekt mit ihren Betreuern beteiligt. Insgesamt zwei »Arbeitstreffen« gab es in Deutschland, bei denen jede Gruppe ihre Forschungs- und Arbeitsergebnisse den anderen vortrug. Das Projekt war so angelegt, dass über die Erarbeitung des persönlichen Schicksals einer »Antiheldin« das Terrorsystem individuell nacherlebbar werden sollte. Die Schüler/-innen besuchten die authentischen Orte, die Hinrichtungsstätte Berlin-Plötzensee und die Grabanlage in Berlin-Altglienicke. In Erinnerung an Bronislawa und die anderen Opfer zündeten die Schüler/-innen Kerzen auf den Gräbern an.

Die Jugendlichen bekamen auch die Möglichkeit, sich in persönlichen Gesprächen und in der Freizeit kennenzulernen. Die mit der Beschäftigung dieses Einzelschicksals entstandenen Erkenntnisse sollten dazu dienen, das demokratische Bewusstsein der Jugendlichen zu stärken. Die Schüler/-innen haben an diesem Projekt neben ihrer eigentlichen schulischen Arbeit mit großem Engagement gewirkt. Archivalien, es existiert die fast vollständige Prozess- und Gefangenenakte, wurden aufbereitet und Zeitzeugen befragt. Aus Listen mit 160 000 Deportationsopfern des Ghetto Litzmannstadt in Łódž haben vier Schülerinnen des Zgierzer Lyzeums alleine über 800 jüdische Menschen, die vor ihrer Deportation in Zgierz gewohnt hatten, namentlich erfasst.

Die Zeichenstelle des Landeskriminalamtes Berlin hatte, da Fotos der ermordeten Bronislawa Czubakowska nicht vorhanden sind, aus den Personenbeschreibungen in der Gefangenenakte verschiedene Phantombilder angefertigt. Polnische Zeitzeugen, die die Hingerichtete noch persönlich gekannt hatten, bestätigten später die Ähnlichkeit. Durch Einschaltung des damaligen Landgerichtspräsidenten von Potsdam ist es gelungen, das damalige Urteil zu revidieren. Mit Beschluss vom 29. April 2005 hat der Generalstaatsanwalt des Landes Brandenburg das Urteil aufgehoben.

Den Höhepunkt dieses Projektes bildete der gemeinsame Aufenthalt der beteiligten deutschen und polnischen Schüler vom 8. bis 13. September 2005 in Zgierz. Vier Wochen zuvor wurde von mir mit deutschen Schülern in einer kleinen Zeremonie nach Zustimmung der Friedhofsverwaltung Berlin-Treptow/Köpenick am 13. August 2005 aus dem Massengrab der Plötzensee-Opfer auf dem Friedhof Altglienicke etwas Erde, nicht Asche, entnommen und in zwei Urnen gefüllt. Ein polnischer katholischer Priester weihte die Urnen. Diese wurden in einer feierlichen Zeremonie in der Taufkirche der Ermordeten in Zgierz am 10. September 2005 durch die deutschen und polnischen Schüler aufgestellt.

Ein Magdeburger Komponist hatte zunächst die Absicht, zu Ehren von Bronislawa Czubakowska ein »Requiem für Bronislawa« zu komponieren. Bei weiterer Beschäftigung mit dem Thema hatte er sich aber entschieden, dieses nunmehr »Requiem für B.« benannte Requiem, allen polnischen Opfern der Nazidiktatur zu widmen. Bei dem anschließenden feierlichen Gottesdienst wurde dieses Requiem uraufgeführt. Vier deutsche und vier polnische Schüler verlasen als Bestandteil dieses Requiems gleichzeitig in je drei Sprechblöcken über 900 Namen der von Deutschen ermordeten Einwohner der Stadt Zgierz.

Nach Beendigung des Gottesdienstes wurde die erste Urne, versehen mit einem Gedenktext in Deutsch und Polnisch, von Frau Michels, stellvertretende Präsidentin des Berliner Abgeordnetenhauses und dem Präsidenten der Stadt in einer kleinen Zeremonie in der Taufkirche der ermordeten Bronislawa Czubakowska der dortigen Öffentlichkeit übergeben. Anschließend begaben sich alle Teilnehmer auf den Friedhof, um dem Grab der Mutter die zweite Urne mit Erde beizugeben und eine Grabtafel mit folgendem in Deutsch und Polnisch gehaltenen Text zu weihen:

»Zum Gedenken an Bronislawa Czubakowska

Geb. 9. 7. 1916 in Zgierz

Ermordet 15. 8. 1942 in Berlin-Plötzensee

Deutsche Schüler haben Erde aus einem Grabfeld

unbekannter Hinrichtungsopfer in Berlin,

an die Grabstätte Ihrer Mutter

Franciszka Czubakowska *1893 †1923

gebracht und diesem Grab beigegeben.

Möge ihre Seele ewigen Frieden finden.

Berlin, Brandenburg/Havel, Potsdam

Zgierz am 10. 9. 2005«

 

Symbolisch haben diese deutschen und polnischen Schüler damit den letzten Wunsch der Ermordeten erfüllt: »Kümmert Euch darum, dass Ihr meine sterblichen Überreste bei meiner Mutter beerdigen könnt.«

Im Anschluss an das Gedenken an eine Person haben alle Teilnehmer auf dem »Platz der 100 Erschossenen« der 100 polnischen Geiseln gedacht, die am 20. März 1942 für den Tod von zwei deutschen Gestapo-Leuten auf diesem Platz erschossen wurden. Dazu war auf dem »Platz der 100 Erschossenen« eine polnische Ehrenkompanie angetreten. Der Vizepräsident der Stadt, Herr Kwiatkowski stellte in seiner Rede besonders heraus, dass zum ersten Mal Deutsche an dieser Gedenkzeremonie zu Ehren der polnischen Geiseln teilnehmen.

Zum Abschluss dieses Gedenktages fand im Museum der Stadt Zgierz die Eröffnung der Ausstellung dieses Jugendprojektes »Ein polnisches Menschenschicksal – Das Leben und Sterben von Bronislawa Czubakowska aus Zgierz« statt. Die Stadtverwaltung von Zgierz hatte mit der Partnerschule »Romuald Traugutt« für die deutschen Gäste ein umfangreiches Programm zusammengestellt, um ihnen auch das heutige Polen in all seiner Vielfalt zu präsentieren.

 

Es mag nicht alles so eingetreten sein, wie wir als verantwortliche Erwachsene es uns erhofft hatten. Die Tatsache, dass deutsche und polnische Schüler miteinander inzwischen Kontakte pflegen und die polnischen Schüler das neu hergerichtete Grab der Mutter und der symbolisch heimgeführten Bronislawa ständig pflegen ist ein hoffnungsvolles Zeichen dafür, dass sich manche Mühe im Sinne der Völkerverständigung gelohnt hat.

 

 

1 Almuth Püschel: Verwehte Spuren. Zwangsarbeit in Potsdam. Fremdarbeiter und Kriegsgefangene, Wilhelmshorst, 2002

2 Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA) Rep. 12 B Potsdam Nr. 629 (Prozessakte 4 K Ls 31/41), Gestapo-Vernehmungsprotokoll vom 14. 7. 1941

3 BLHA Rep 203 AzS Nr. BET 96 unpag.

4 Ebd. Auszug aus dem Kundenverzeichnis der Fa. Erste Deutsche Fein-Jute-Garn-Spinnerei, Brandenburg(Havel), aus dem Jahre 1947

5 Die Fotoserie befindet sich bei den Museen und Gedenkstätten der Stadt Brandenburg an der Havel.

6 Merkblatt I über die Pflichten der polnischen Zivilarbeiter, März 1940 (KAV, GA Oedt 2263, S. 28) in: Heimatbuch des Kreises Viersen 2004, Sonderdruck

7 BLHA Rep. 12 B Potsdam, S. 25–28

8 Bereits in einem Schreiben vom 28. Mai 1936 gibt Heydrich [SS-Gruppenführer, Chef der preuß. Gestapa] zu verstehen, »daß die Anwendung verschärfter Vernehmungsmethoden auf keinen Fall aktenkundig gemacht werden darf.« Vgl. Bundesarchiv (BA) R 58/243

9 Unerklärlich ist mir jedoch, dass in unserem Betrieb bereits 4 mal ein Feuer ausgebrochen ist, zumal hier mit offenem Feuer nicht umgegangen wird.« Vgl. dazu BLHA Rep. 12 B Potsdam, S. 25

10 Ebd. S. 31

11 Ebd. S. 35–36

12 Ebd. unpag. Urteil des Landgerichts Potsdam vom 10. September 1941

13 »Verordnung über die Strafrechtspflege gegen Polen und Juden in den eingegliederten Ostgebieten« vom 4. Dezember 1941 (Polenstrafrechtsverordnung), RGBl I, 1941, S. 759 ff. in Viktor von Gostomski/ Walter Loch : Der Tod von Plötzensee, Erinnerungen, Ereignisse, Dokumente 1942–1944, Frankfurt, 1993

14 BLHA Rep. 12 B Potsdam, S. 114

15 BLHA Rep. 12 B Potsdam, S. 78

16 BLHA Rep. 12 B Potsdam, S. 136

17 LAB A Rep. 365 Nr. 79

18 Claudia von Gélieu : Frauen in Haft. Gefängnis Barnimstraße. Eine Justizgeschichte, Berlin 1994, S. 191

19 BLHA Rep. 12 B Potsdam, S. 179

20 Gedenkstätte Deutscher Widerstand, Einlieferungsschein Bronislawa Czubakowska

21 BLHA Rep. 12 B Potsdam, S. 191–192

22 Ebd. S. 193–195

23 Ebd. S. 210

24 Ernst Klee: Auschwitz, die NS-Medizin und ihre Opfer, 2. Auflage, Frankfurt/Main, 2002, insbes. S. 101

25 Brigitte Oleschinski: Gedenkstätte Plötzensee, Berlin, 2. Aufl. 1995, S. 46

26 Dr. Udo Schagen vom Institut für Geschichte der Medizin der Freien Universität Berlin, ermöglichte mir die Einsichtnahme in eine Fotokopie dieser Aufzeichnung Professor Stieves nach 1945 über die von ihm sezierten Frauenkörper in der Zeit der NS-Herrschaft. Dabei konnte ich mich davon überzeugen, dass auch Bronislawa Czubakowska in dieser Liste aufgeführt war. (Kopie des Originals bei der Bundesbeauftrage für die Stasi-Unterlagen unter »MfS Zentralarchiv, Allgem. P. 8643/56«.

27 a.a.O. Ernst Klee S. 105. Professor Stieve wurde zu seiner Tätigkeit und zu derartigen Unterlagen unmittelbar nach Kriegsende vom sowjetischen Geheimdienst [NKWD] verhört. Er hat in der SBZ/DDR bis zu seinem Tode an gleicher Stelle seine Lehr- und Forschungstätigkeit fortgesetzt.

28 Titel: Urnen-Sammelgrabstellen Friedhof in Altglienicke« [handschriftlicher Zusatz] U II, Aufbewahrt in der Friedhofsverwaltung Berlin-Treptow/Köpenick

29 BStU: MfS – HA IX/11 ; FV 98/66 Band 345, S. 6 und 7