Interessengemeinschaft niedersächsischer Gedenkstätten und Initiativen zur Erinnerung an die NS-Verbrechen
Gedenkstättenrundbrief 164 (4/2012) S. 25-30Die Entwicklung der Gedenk- und Geschichtsinitiativen in Niedersachsen
Wie an vielen »vergessenen« (oder vergessen gemachten) Orten ehemaliger nationalsozialistischer Zwangslager, begannen in den 1980er Jahren auch in Niedersachsen an verschiedenen Orten lokale und zivilgesellschaftlich getragene Geschichts- und Erinnerungsinitiativen. Gerade in der Anfangsphase waren es oftmals nur Einzelpersonen, die vergessene oder verschwiegene lokale NS-Geschichte aufarbeiteten.
In der Auseinandersetzung mit der öffentlichen Verweigerung und der offiziellen Erinnerung entwickelten diese frühen Gedenk- und Erinnerungsinitiativen eigene Arbeitsweisen und Formen der Erinnerung und des Gedenkens. Ein wichtiges Ziel war dabei stets, die Orte der NS-Verbrechen in einem umfassenden Sinn zu »Lernorten« umzustrukturieren. Sehr wichtig waren in diesem Sinne die Kontaktaufnahme zu ehemaligen Häftlingen und der Aufbau einer eigenen Gedenkstättenpädagogik. Dieses private Engagement führte, oftmals gegen Widerstände vor Ort, in den 1980er und 1990er Jahren zur Errichtung erster Gedenkstätten in privater Trägerschaft, beispielsweise in Papenburg, Moringen, Salzgitter-Drütte oder Ende der 1990er Jahre Sandbostel. Zur Information wurden Dokumentationen oder Ausstellungen erarbeitet, die am Ort der Tat oder in der Nähe gezeigt wurden. Parallel zu dieser sich entwickelnden zivilgesellschaftlichen Gedenk- und Erinnerungslandschaft wurde von offizieller Seite durch das Land Niedersachsen bis dato lediglich die seit 1952 einzige niedersächsische Gedenkstätte in Landesträgerschaft am Standort des ehemaligen KZ Bergen-Belsen weiter ausgebaut. Von großer Bedeutung für die weitere Entwicklung der vielfältigen Gedenk- und Erinnerungslandschaft in Niedersachsen war die am 17. Januar 1990 einstimmig vom Niedersächsischen Landtag beschlossene »Politische Unterstützung für die Arbeit und Finanzierung der Gedenkstätten für die Opfer des Nationalsozialismus in Niedersachsen«. In der Folge stellte Niedersachsen als erstes Bundesland Haushaltmittel zur Förderung der regionalen Gedenkstättenarbeit und der Erinnerungskultur zur NS-Geschichte zur Verfügung. Dadurch erfuhr die regionale und lokale Erinnerungsarbeit eine erhebliche Unterstützung, das Engagement vor Ort wurde dadurch verstetigt und die Erinnerungsarbeit professionalisiert.
Vernetzung der Geschichtsinitiativen und Gründung der Interessengemeinschaft
Bereits in den Anfängen der lokalen Erinnerungsarbeit fanden erste Vernetzungen und ein sporadischer Austausch zwischen den verschiedenen Initiativen und Geschichtsgruppen statt. Einen Schub erfuhr dieser Austausch Anfang der 1990er Jahre durch landesweite Gedenkstättenseminare, die jährlich vom Gedenkstättenreferat der niedersächsischen Landeszentrale für politische Bildung ausgerichtet werden. Diese regelmäßigen Zusammenkünfte förderten und ermöglichten teils erst den Austausch und die Kooperation vieler Einrichtungen und Personen im zweitgrößten Flächenstaat Deutschlands.
Um die Zusammenarbeit weiter zu intensivieren und die Interessen der privat getragenen niedersächsischen Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen besser als bisher zu vertreten, gründeten im Januar 2000 achtzehn Vereine und Initiativen die »Interessengemeinschaft niedersächsischer Gedenkstätten und Initiativen zur Erinnerung an die NS-Verbrechen«, in der Kurzform »IG niedersächsische Gedenkstätten« oder »Interessengemeinschaft«. Als gemeinsames Ziel wurde in der Satzung festgelegt: »Der Verein fördert die Erinnerungen an die NS-Verbrechen und die aktive Aufarbeitung der NS-Zeit in Niedersachsen, indem er Kooperation und Austausch zwischen den Mitgliedern des Vereins unterstützt, die Erinnerungs- und Forschungsarbeit in ihrer Vielfalt öffentlich repräsentiert und die gemeinsamen Interessen der Mitglieder nach außen, insbesondere gegenüber politischen Gremien vertritt.«1
Dietmar Sedlaczek präzisiert 2009 in der Einleitung einer von der Interessengemeinschaft in Kooperation mit der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten herausgegebenen Broschüre, dass »[d]ie Aufgabe […] eine Intensivierung der Zusammenarbeit der regionalen Gedenkstätten in freier Trägerschaft und der weit über 70 Initiativen in Niedersachsen sowie deren gezielte Interessenvertretung [ist]. Dazu bietet sie ihren Mitgliedern Seminare und Tagungen in Kooperation mit verschiedenen Partnern an.«1
Seit Gründung der Interessengemeinschaft ist die Mitgliederzahl deutlich gestiegen, was einerseits Ausdruck der Vielfalt der Geschichts- und Erinnerungsinitiativen in Niedersachsen ist und andererseits auf die Wahrnehmung der Interessengemeinschaft als wichtige Dachorganisation verweist. Gegenwärtig ist die Mehrheit der niedersächsischen Gedenkstätten in privater Trägerschaft, Erinnerungsinitiativen und Geschichtswerkstätten in der Interessengemeinschaft organisiert. Die Vertreterinnen und Vertreter der verschiedenen Initiativen bilden die Mitgliederversammlung, die mindestens einmal pro Jahr zusammen kommt. Von dieser wird der »Vorstand« der Interessengemeinschaft gewählt: der Sprecherrat. Dieser setzt sich aus mindestens fünf, höchstens sieben Mitglieder zusammen. Derzeit vertreten die Leiterin der Gedenk- und Dokumentationsstätte KZ Drütte, der Leiter der KZ-Gedenkstätte Moringen, der Vorsitzende des Trägervereins Gedenkstätte Gestapokeller im Schloss Osnabrück, der Projektkoordinator der Stiftung Lager Sandbostel, der Geschäftsführer des Aktionskomitee Dokumentations- und Informationszentrum (DIZ) Emslandlager sowie die stellvertretende Vorsitzende des Gedenkkreises Wehnen die Interessengemeinschaft nach außen.
Austausch und Fortbildung
Neben der konkreten Interessensvertretung in den Gremien der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und gegenüber der niedersächsischen Politik sind die Förderung des Austausches zwischen den Mitgliedern sowie die Außendarstellung des Zusammenschlusses wichtige Aufgaben der Interessengemeinschaft. Die Möglichkeit der Zusammenkunft und des Austausches zu verschiedenen, die Initiativen betreffende Themen, bieten die jährlichen Mitgliederversammlungen. Darüber hinaus richtet die Interessengemeinschaft nunmehr bereits seit drei Jahren jährlich im Februar ein landesweites Gedenkstättenseminar in Papenburg aus. Unter dem übergeordneten Thema »Begegnungen mit Menschen und Tatorten 1933–1945« werden in den Seminaren vor allem über biografische Zugänge aus verschiedenen Gedenkstätten oder Erinnerungsorten individuelle Verfolgungsschicksale und die jeweiligen Tatorte, mittlerweile häufig auch Gedenkstätten, dargestellt. Als übergeordnetes Medium zur Vernetzung, vor allem aber auch zur Werbung für die verschiedenen Gedenkstätten und Initiativen wird von der Interessengemeinschaft eine Internetseite betreut, in der sowohl die Interessengemeinschaft als auch die einzelnen Mitglieder vorgestellt werden.2 Termine und Veranstaltungshinweise können hier von den Mitgliedern veröffentlicht werden. Um in einer breiteren Öffentlichkeit die Aktivitäten und die Vielfältigkeit der niedersächsischen Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen bekannt zu machen, wurde 2009 von der Interessengemeinschaft in Kooperation mit der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten die Broschüre Geschichte bewusst machen. Gedenkstätten und Erinnerungskultur in Niedersachsen herausgegeben.3 Auf 113 Seiten werden achtzehn niedersächsische Gedenkstätten und siebzig Erinnerungs- und Geschichtsinitiativen vorgestellt.
Intervention durch die Interessengemeinschaft
Eine wichtige, wenn nicht gar die wichtigste Intervention der Interessengemeinschaft war im Vorfeld der Gründung der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten4 die kritische Begleitung des gesetzgebenden Verfahrens. Bereits in einem ersten Schreiben an den niedersächsischen Kultusminister Bernd Busemann hat die Interessengemeinschaft im November 2003 »ihrem Wunsch Ausdruck verliehen, für das bisherige beispielhafte Fördersystem Niedersachsens unter dem Dach einer Stiftung eine angemessene Fortsetzung oder Weiterentwicklung zu sehen«.5 Da dieser Wunsch in dem von Kultusminister Busemann vorgelegten Entwurf für das »Gesetz über die ›Stiftung niedersächsischer Gedenkstätten‹« vom 10. März 2004 aber keinen Widerhall gefunden hat, erfolgte kurze Zeit später eine umfangreiche Stellungnahme zu dem vorgelegten Entwurf.
Die Interessengemeinschaft forderte einerseits die Fortsetzung der Förderung der bis zu diesem Zeitpunkt bereits durch Landeszuwendungen unterstützten Gedenkstätten DIZ Emslandlager, Moringen, Sandbostel und Salzgitter-Drütte, andererseits vor allem aber auch die Fortführung der bisherigen Förderpraxis der durch Vereine und Initiativen getragenen zivilgesellschaftlichen Erinnerungsarbeit in Niedersachsen.
Darüber hinaus wurde angemahnt, dass die Kooperation zwischen den landeseigenen Gedenkstätten Bergen-Belsen und Wolfenbüttel mit den zivilgesellschaftlich getragenen Gedenkstätten und den Initiativen fortgeführt und die angestrebte Stiftung niedersächsische Gedenkstätten eine Netzwerkfunktion erhalten werden sollen. Konkret wurde der Erhalt der bisherigen breiten Förderpraxis der niedersächsischen Gedenkstättenarbeit, die Beibehaltung der bisherigen Lehrerfreistellungen für die gedenkstättenpädagogische Arbeit und die Beteiligung der IG an den einzurichtenden Gremien der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten (durch jeweils einen stimmberechtigten Sitz im Stiftungsrat und im Stiftungsbeirat) gefordert. Dadurch sollte gewährleistet werden, dass die Aufgabe der Förderung der Gedenkstättenarbeit in Niedersachsen neben den landeseigenen Gedenkstätten Bergen-Belsen und Wolfenbüttel fest in die SnG eingebunden ist.
In mehreren Punkten war die Intervention der Interessengemeinschaft »erfolgreich«. Als Interessenvertretung der regionalen Gedenkstätten und Erinnerungsinitiativen ist sie mit zwei Sitzen im Beirat der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten vertreten. Auch im Stiftungsrat ist die Interessengemeinschaft derzeit mit Elke Zacharias als ständiger Stellvertreterin von Sam Bloch und Dr. Dietmar Sedlaczek als beratendem Mitglied vertreten. Die Förderung der niedersächsischen Gedenkstätten wird aus einem eigenständigen Haushalt realisiert, unabhängig der Fördermittel für die der Stiftung niedersächsischen Gedenkstätten unterstellten Gedenkstätten Bergen-Belsen und Wolfenbüttel. Die bisherige Praxis der Lehrerabordnungen an die Gedenkstätten in privater Trägerschaft wurde beibehalten.
Stiftung niedersächsische Gedenkstätten
Entgegen der anfänglichen Bedenken, dass 2004 mit der Stiftungsgründung durch die Landesregierung ein Wandel in der bisherigen Gedenkstättenförderung in Niedersachsen stattfinden würde, ist mit der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten und der von ihr unterhaltenen Abteilung Gedenkstättenförderung Niedersachsen und der Dokumentationsstelle zur Geschichte von Widerstand und Verfolgung 1933–1945 auf dem Gebiet des Landes Niedersachsen ein verlässlicher Partner entstanden. Der Leiter der Abteilung Gedenkstättenförderung Niedersachsen, Dr. Rolf Keller, beschreibt die Aufgaben: »Eine zentrale Aufgabe der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten ist die Förderung und Weiterentwicklung von Gedenkstätten und Initiativen zur Erinnerung an die nationalsozialistischen Verbrechen in Niedersachsen, insbesondere in privater Trägerschaft.«2 Dazu wird die regionale Gedenkstättenarbeit finanziell und bei der Entwicklung von Gedenkstättenkonzeptionen unterstützt. Darüber hinaus koordiniert die Abteilung Gedenkstättenförderung Niedersachsen die wissenschaftliche und pädagogische Arbeit der Gedenkstätten in Niedersachsen.
Zur Weiterbildung und zur Netzwerkbildung werden von beiden Abteilungen (Gedenkstättenförderung und Dokumentationsstelle) regelmäßig landesweite Gedenkstättenseminare, Veranstaltungen und Workshops angeboten. Finanziell werden insbesondere die Gedenkstätten in Papenburg, Salzgitter-Drütte, Moringen, Sandbostel, Ohrbeck/Augustaschacht und Liebenau schwerpunktmäßig gefördert. Alle anderen Erinnerungsinitiativen können im Rahmen der Projektförderung Anträge an die Stiftung stellen, die dann von einer wissenschaftlichen Fachkommission beratend geprüft werden.
Wichtig für die regionale Gedenkstättenarbeit ist die Fortführung der bereits 1993 eingerichteten zentralen Dokumentationsstelle, in der beispielsweise schwer zugängige Dokumente in Kopien eingesehen werden können und eine Spezialbibliothek zum Nationalsozialismus in Niedersachsen genutzt werden kann.
Ein weiterer Aspekt der Förderung der regionalen Gedenkstättenarbeit ist die Förderung von Fahrten an die verschiedenen Gedenkstätten, die im Rahmen von schulischen oder außerschulischen Bildungsmaßnahmen stattfinden. 50 Prozent der Fahrkosten können bei der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten beantragt werden. Leider sind diese Förderungen von der Verfügbarkeit entsprechender Haushaltmittel abhängig, und die Vergangenheit zeigt, dass die Nachfrage deutlich höher ist.
Resümee
In Niedersachsen hat sich mit zwei landeseigenen Gedenkstätten, sechzehn Gedenkstätten in privater Trägerschaft und über siebzig Erinnerungsinitiativen eine reichhaltige und professionell arbeitende Gedenkstättenlandschaft entwickelt. Mit der Interessengemeinschaft etablierte sich eine starke und aktive Interessenvertretung, der mit der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten ein stabiler und verlässlicher Partner zur Seite steht. Dennoch bleibt zu konstatieren, dass insbesondere die finanzielle und personale Ausstattung der Gedenkstätten nach wie vor mangelhaft ist – und das ist nicht der Stiftung niedersächsische Gedenkstätten als »ausführendem« Organ anzulasten.
Die Anerkennung der seit den 1980er Jahren sich kontinuierlich weiterentwickelnden Gedenkstätten- und Erinnerungslandschaft, die mittlerweile auf höchstem wissenschaftlichen und gedenkstättenpädagogischen Niveau ein aktiver Bestandteil einer lebendigen niedersächsischen Erinnerungskultur und ein nicht zu unterschätzender Bestandteil einer demokratischen Menschenrechtserziehung ist, sollte sich auch in einer adäquaten Förderung durch das Land Niedersachsen niederschlagen.
Andreas Ehresmann ist Projektkoordinator der Stiftung Lager Sandbostel, Leiter der Gedenkstätte Lager Sandbostel und Mitglied des Sprecherrates der Interessengemeinschaft niedersächsischer Gedenkstätten und Initiativen zur Erinnerung an die NS-Verbrechen.
Weitere Informationen:
Interessengemeinschaft
info@gedenkstaette-salzgitter.de | www.gedenkstaetten-niedersachsen.de
Stiftung niedersächsische Gedenkstätten
info@stiftung-ng.de | www.stiftung-ng.de
1 Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Geschichte bewusst machen. Gedenkstätten und Erinnerungskultur in Niedersachsen. Celle: Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, 2009, S. 10 f.
2 www.gedenkstaetten-niedersachsen.de
3 Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, Geschichte bewusst machen. Gedenkstätten und Erinnerungskultur in Niedersachsen. Celle: Stiftung niedersächsische Gedenkstätten, 2009.
4 Die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten wurde am 18. November 2004 durch einen einstimmigen Gesetzesbeschluss des Niedersächsischen Landtags als Stiftung öffentlichen Rechts begründet. Die Stiftung niedersächsische Gedenkstätten löste damit die bisherige niedersächsische Landeszentrale zur politischen Bildung ab.
5 Angemerkt wurde aber auch, dass »selbst dieses System für keine der geförderten Einrichtungen oder Initiativen jene Absicherung einer personellen Grundausstattung ergeben [hat], die im Falle von anderen Kultur- und Bildungseinrichtungen üblich ist.«


