Julian Baranowski (1949–2009)
Gedenkstättenrundbrief 153 S. 36-37Vielen Forscher, die in den letzten zwanzig Jahren im Staatsarchiv Łódź über die Geschichte des Gettos Litzmannstadt geforscht haben, wird Julian Baranowski in guter Erinnerung bleiben. Das liegt nicht nur an seiner großen Fachkenntnis, die er während seiner Arbeit als Kustos des Archivs durch zahlreiche Publikationen nachgewiesen hat. Vor allem die persönliche Begegnung mit »Pan Julian«, der jedem Historiker und Archivbesucher stets mit Rat und Tat zur Seite stand, hat bei den Menschen, die mit ihm zusammengearbeitet haben, tiefen Eindruck hinterlassen.
Julian Baranowski starb nach einem langen Krebsleiden am 22. November 2009 in Łódź.
Julian Baranowski wurde am 6. März 1949 in Popo-wo (Kujawien) geboren. Nach dem Studium der Geschichte und Archivistik an der Nikolaus-Kopernikus-Universität in Toruń kam er 1973 nach Łódź und war seitdem wissenschaftlicher Mitarbeiter – zuletzt Leitender Kustos – im Staatsarchiv Łódź (APŁ), zugleich auch Mitglied der Regionalen Kommission zur Untersuchung nationalsozialistischer Verbrechen im besetzten Polen.
Als Historiker arbeitete und publizierte er zu-nächst über die staatliche Administration in Polen in der Zwischenkriegszeit. Erst mit der Zeit nahm die Erforschung der nationalsozialistischen Besatzungszeit, insbesondere die Okkupation der Stadt Łódź sowie des hier 1940 von den Deutschen errichteten Gettos Litzmannstadt einen immer breiteren Raum ein. Julian Baranowski publizierte hierzu zahlreiche Aufsätze und Monographien, betreute ferner Ausstellungen, Filmproduktionen (u.a. »Der Fotograf« von Dariusz Jabłoński) und Quelleneditionen. Zweifellos wäre eine beträchtliche Zahl von Publikation über Łódź bzw. Litzmannstadt ohne ihn – sei es als Autor, als beratender Archivar oder auch als Spiritus rector – nicht entstanden.
Mit seinem erstmals 1999 und seitdem in mehreren Auflagen erschienenen »Vademecum« zum Getto Litzmannstadt legte Julian Baranowski ein bis heute unverzichtbares Kompendium zur Topographie und Lebenswelt des Gettos vor. Wichtiger noch war sein Beitrag zum Erscheinen der berühmten Gettochronik, an deren Edition in deutscher (2007) sowie in polnischer Sprache (2009) er als Fachberater und Mitherausgeber maßgeblich beteiligt war.
Daneben lenkte Julian Baranowski die Aufmerksamkeit auch auf Opfergruppen, die zuvor keine oder nur wenig Beachtung gefunden hatten, namentlich durch einen Aufsatz über die sog. »nichtarischen Christen« im Getto, mehr noch aber durch seine deutsch-polnisch-englische Monographie über das »Zigeunerlager« im Getto Litzmannstadt (2003), in dem in den Herbstmonaten 1941 über 5 000 burgenländische Roma zusammengepfercht wurden, die als erste geschlossene Gruppe aus Litzmannstadt überhaupt Anfang Januar 1942 im Vernichtungslager Kulmhof ermordet wurden. Daneben widmete er auch den fünf Transporten aus Wien ins Getto Litzmannstadt im Herbst 1941 eine Publikation mit einer vollständigen Namensliste (2004), die den Anfang einer Reihe weiterer deutscher und polnischer Veröffentlichungen – zuletzt das deutsch-polnische Gedenkbuch für die Berliner Juden im Getto Litzmannstadt (2009) – zur Gruppe der knapp 20 000 »Westjuden« im Getto markierte.
Nicht nur wegen seiner Fachkompetenz, die sich nicht zuletzt in zahlreichen Auszeichnungen in Polen und im Ausland widerspiegelt, sondern auch als Mensch und Persönlichkeit hinterlässt er bei allen, die ihn kannten, eine große Lücke.
Dr. Ingo Loose, Humboldt-Universität zu Berlin, hat im Rahmen seiner Forschungen zu nationalsozialistischen Gettos, zuletzt für das Gedenkbuch für die Berliner Juden im Getto Litzmannstadt 1941–1944, häufig im Staatsarchiv Lodz recherchiert.


