Detlef Garbe

Nachruf auf Jens Michelsen

Gedenkstättenrundbrief 140 S. 32-33

Am frühen Abend schaute ich noch einmal bei Jens im Büro vorbei. Ob er es nicht auch für heute genug sein lassen wolle. Jens verneinte; er war zuvor viel unterwegs gewesen und hatte nun noch etliches für die Vorbereitung der anstehenden Seminare zu erledigen. Nichts deutete darauf hin, dass es ein Abschied für immer werden sollte. Vier Tage später, am 17. November, verstarb unser Kollege Jens Michelsen im Alter von 55 Jahren an den Folgen einer Gehirnblutung.

Hauptamtlich war Jens Michelsen seit September 2000 in der KZ-Gedenkstätte Neuengamme tätig. 2003 übernahm er die neu eingerichtete Stelle »pädagogische Leitung des Studienzentrums«. In dieser Funktion prägte er die Neugestaltung der Gedenkstätte wesentlich mit, entwickelte konzeptionell das Programmprofil des im Mai 2005 eröffneten Studienzentrums. Er initiierte und realisierte zahlreiche Seminare und pädagogische Projekte. Für das »Networking« brachte er ideale Voraussetzungen mit: seine breit gefächerten inhaltlichen Interessen und Kompetenzen, vielschichtige berufliche Erfahrungen, seine große Bekanntheit in der Hamburger Fachöffentlichkeit, bei schulischen und außerschulischen Bildungsträgern, in Kirche und Politik, ferner zahlreiche bundesweite und internationale Kontakte im Bereich der Erinnerungsarbeit.

Mit unserer Tätigkeit war der am 17. September 1952 in Hamburg geborene Jens Michelsen schon lange verbunden. Zwar hatte er sich während seines Studiums der Fächer Germanistik, Soziologie und Pädagogik in den bewegten 1970er Jahren und des bei der Evangelischen Studentengemeinde abgeleisteten Zivildienstes hauptsächlich in Dritte-Welt-Initiativen und der Friedensbewegung engagiert, doch bald nahm die Auseinandersetzung mit der NS-Vergangenheit einen zentralen Platz in seinen Aktivitäten ein. Ich denke, dass es vor allem zwei Hauptantriebskräfte gab: Sein Kontakt zu den zahlreichen Überlebenden der Shoah und der Konzentrationslager und seine Sensibilität für deren Situation, für deren anhaltende Verletzungen und Traumata; zum anderen seine Hinwendung zur Geschichte der Homosexuellenverfolgung im Prozess der eigenen Identitätsbildung als schwul Lebender und Liebender. Nach Abschluss seines Studiums arbeitete Jens freiberuflich und in wechselnden Beschäftigungen; in der Jugend- und Erwachsenenbildung, unter anderem mit Ausländern, als Lehrbeauftragter an der Hamburger Hochschule für Wirtschaft und Politik und der Fachhochschule, als Journalist und Autor, bei der »gepa« für fair gehandelte Produkte aus der »Dritten Welt« und in der Geschichtswerkstatt Eimsbüttel/Galerie Morgenland. Er begründete die Schriftenreihe »Eimsbüttler Lebensläufe« und widmete sich der »Oral History«. Für die Werkstatt der Erinnerung in der Forschungsstelle für Zeitgeschichte, die KZ-Gedenkstätte Neuengamme und die Hamburger Senatskanzlei führte er seit den 1980er Jahren in großer Zahl lebensgeschichtliche Interviews mit ehemaligen Verfolgten, insbesondere mit den wegen ihrer jüdischen Herkunft ins Exil getriebenen ehemaligen Hamburgerinnen und Hamburgern, die im Rahmen eines bereits seit 1965 bestehenden städtischen Programms zu Besuchen ihrer ehemaligen Heimatstadt eingeladen wurden.

Noch können wir überhaupt nicht realisieren, was es bedeutet, dass Jens uns zukünftig fehlt. Gemeinsame Projekte mit ihm kann es nun nicht mehr geben. Uns allen wird nur die Erinnerung an einen engagierten Mitstreiter und lieben Menschen bleiben. Die Fortführung der von ihm eingebrachten Impulse und Projekte ist uns Verpflichtung. Unser Mitgefühl gilt seinen Eltern, seinen drei Geschwistern und seinem Freundeskreis.

Der Traum von einer besseren Welt und die ersten Schritte dorthin waren das Thema in dem 1982 bei Rowohlt von Jens herausgegebenen Taschenbuch »Der Himmel wird instandbesetzt. Aufbruch in der Kirche«, das ihn und seine Mitautorinnen und ‑autoren vor genau 25 Jahren bewegte. Jens beendete das Buch mit den Worten: »Die richtigen Ideen fallen eben nicht vom Himmel. Aber wenn wir gemeinsam nach ihnen suchen, kommen wir ihnen vielleicht ein kleines Stückchen näher.«

 

Zahlreiche Trauerbekundungen zeugen von der Wertschätzung, die Jens bei Verfolgtenverbänden und Überlebenden, bei Gedenkstätten, Bildungseinrichtungen und anderen Kooperationspartnern genoss:

»Gemeinsam so viele erste Male: Vor über 30 Jahren als zwei junge Männer darüber nachgedacht, wie wir eine positive Identität als Schwule entwickeln können, damals, als der NS-Paragraph 175 gerade ein paar Jahre abgeschafft war. Dann die erste Fahrt offen schwuler Männer nach Auschwitz, mit dabei zwei homosexuelle Überlebende aus Norddeutschland. Später die Organisation der ersten Anne-Frank-Ausstellung für Hamburger Schulklassen. Dazwischen Luftholen und guten Wein auf Deiner wunderschönen Altonaer Dachterrasse. Dann zog ich nach Amsterdam um (wohin Du mehrfach kamst) und später nach Südafrika. Dein Besuch war geplant, dann doch verschoben. Es gab noch soviel zu teilen.« Lutz van Dijk, Kapstadt

 »Il était de ces gens qui donnent confiance dans l‘humanité.« Nadine Fresco, Frankreich

»Schon von weitem war seine lang aufgeschossene Figur zu erkennen und seine Freundlichkeit öffnete ihm viele Türen. Er war ein menschlich äußerst angenehmer und fachlich kompetenter Partner sowohl in vielen Diskussionen als auch in den verschiedenen Arbeitsprojekten. Seine ruhige und nachdenkliche, aber dennoch engagierte Art zu sprechen, wird mir in Erinnerung bleiben. Dabei hatte er immer auch die Perspektive des Gesprächspartners im Sinn und sprach niemals von oben herab. Mit seinem fachlichen Wissen verstand er es, Diskussionen voranzubringen, Lernprozesse zu strukturieren und zu motivieren und war jederzeit bereit, mit Rat und Tat zu helfen.« Andreas Wagner, Politische Memoriale e.V.

»Nous nous souvenons de sa sensibilité et de sa cordialité extrême pour les projets pédagogiques, de formation et diffusion de la mémoire au niveau européen. Sa perte nou a beaucoup affecté.« Jordi Guixé, Mémorial Démocratique du Gouvernement de la Géneralitat de Catalogne, Spanien

 

Am 27. November nahm in der St.-Johannis-Kirche in Hamburg-Altona eine große Trauergemeinde Abschied von Jens Michelsen. Seine Familie bat anstelle von Blumen Spenden zugunsten von »Rachamin«, einer Initiative der jüdischen Gemeinde in Minsk, mit der Jens in Kontakt stand. Unterstützt werden älterere Gemeindemitglieder, die den Nazi-Völkermord überlebt haben und wegen des Antisemitismus bis heute zunehmend bedrängt leben.