Neue Dauerausstellung in der Gedenkhalle Oberhausen
Gedenkstättenrundbrief 161 S. 3-13Der Vorlauf war lang: Im Februar 2005 hatte der Kulturausschuss der Stadt Oberhausen die Einrichtung einer neuen Dauerausstellung für die Gedenkhalle beschlossen, den zentralen Ort in der Stadt, an dem der Opfer des Nationalsozialismus gedacht – daher auch der Name dieses Ortes – und zugleich die kommunale Geschichte im Nationalsozialismus dokumentiert wird
Über die Anfänge dieses Vorhabens wurde im GedenkstättenRundbrief 127, Oktober 2005, bereits kurz berichtet. Im Dezember 2010 wurde die umgebaute Gedenkhalle mit ihrer neuen Dauerausstellung eröffnet.
Anfänge des städtischen Gedenkens
Am 28. Oktober 1959 stimmte der Rat der Stadt Oberhausen einstimmig dem Antrag der SPD-Fraktion zu, »Gedenkräume« für die Oberhausener Opfer des Nationalsozialismus einzurichten. Die Initiative dazu war auch darauf zurückzuführen, dass die damalige Oberbürgermeisterin Luise Albertz einen sehr persönlichen Bezug zu den Ereignissen in der Stadt zwischen 1933 und 1945 hatte: Ihr Vater Hermann Albertz, Vorsitzender der Oberhausener SPD-Ratsfraktion und Mitglied des Preußischen Landtags bis 1933, war mehrfach verhaftet worden und schließlich im Frühjahr 1945 an einem unbekannt gebliebenen Ort auf ungeklärte Weise umgekommen. Im März 1960 entschied der Hauptausschuss, die Gedenkräume im Südflügel des Schlosses Oberhausen anzulegen. In die Planung einbezogen war auch ein Raum für die Patenstadt Königshütte, der als lokalhistorischer Erinnerungsraum der vertriebenen Oberschlesier gedacht war.
Drei Jahre zuvor hatte der Rat der Stadt auf Antrag der CDU-Fraktion einstimmig beschlossen, ein Ehrenmal zum Gedenken an die Opfer der beiden Weltkriege zu errichten. Der Charakter des projektierten Denkmals wandelte sich während der weiteren Planungen in ein skulpturales Mahnmal, das der Opfer der Kriege, der Unfreiheit während des Nationalsozialismus und der Vertreibung gedenken sollte. Es wurde 1962 in unmittelbarer Nähe zu den Gedenkräumen angelegt, um zugleich auch auf diese hinzuweisen. In dieser Gesamtkonstellation drückte sich das summarische Opfergedenken der Zeit aus, das damals offensichtlich nicht als problematisch empfunden wurde. Dennoch stellte die Begründung der »Gedenkräume« in einer Zeit, in der noch Schuld abwehrende Viktimisierungsstrategien den Umgang mit der NS-Zeit bestimmten, einen bemerkenswert frühen Beitrag zur Bearbeitung des Nationalsozialismus dar, der bei seiner Planung ohne westdeutsche Vorbilder hatte auskommen müssen.
Als die Gedenkhalle am 2. September 1962 eröffnet wurde, war sie die erste Einrichtung zum Gedenken an die Opfer des Nationalsozialismus in Westdeutschland. Oberhausen war damit ein vereinzelter Vorläufer einer Entwicklung, die andere Städte und Gemeinden in Westdeutschland erst ein oder zwei Jahrzehnte später nachvollzogen. In ununterbrochener Kontinuität steht die Gedenkhalle seit 1962, wenn auch mit Höhen und Tiefen für die kritische Auseinandersetzung mit der Stadtgeschichte. Waren schon am 1. Februar 1962 anlässlich der Feier des 100. Gründungstages der Stadt Oberhausen zur Festsitzung des Rates ehemalige jüdische Mitbürgerinnen und Mitbürger der Stadt eingeladen worden, so wurden sie auch zur Eröffnung der Gedenkhalle wieder eingeladen, so wie man sie von nun an regelmäßig nach Oberhausen einlud.
Die Gedenkhalle im Ensemble des Schlosses
Die Einbettung der Gedenkhalle in das Schloss Oberhausen nimmt unmittelbar Bezug auf die Stadtgeschichte, da sie im Nachfolgebau des mittelalterlichen Schlosses Overhusa situiert wurde, auf das die Namensgebung der Stadt zurückgeht. Ihr Eingang öffnet sich zur Konrad-Adenauer-Allee hin als der anliegenden Hauptdurchgangsstraße. Damit wurde die Gedenkhalle absichtsvoll im repräsentativsten Gebäude der Stadt angesiedelt, noch dazu an der Nahtstelle der drei zentralen Stadtteile Oberhausens. Das Schloss galt als der würdigste Ort zur Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus und war damit konsensfähig. Anders als bei anderen Gedenkstätten und Gedenkorten, die sich gerade durch den Ortsbezug auf ein ehemaliges Gestapo-Gefängnis, ein Konzentrationslager etc. definieren, fehlt daher bei der Gedenkhalle ein sich unmittelbar aus dem Ort ableitbarer Bezug zur Zeit des Nationalsozialismus, während sich die meisten Gedenkstätten und Erinnerungsorte gerade aus dem belasteten Ort begründen.
Politische Dimension
Die Gedenkhalle befindet sich seit ihrer Gründung in Trägerschaft der Stadt Oberhausen. Sie verbindet sich mit der Geschichte der Stadt und ihrem Selbstverständnis nach 1945 auf eine besondere Weise: Einerseits war sie ein Projekt, das sich seit Ende der 1950er Jahre auf die Initiative der Stadt hin entwickelte. Andererseits war sie aber auch ein identifikatorisches Projekt vieler in der Stadt lebender ehemaliger Widerständler, von denen sich etliche in der Arbeitsgemeinschaft der politisch, rassisch und religiös Verfolgten des Naziregimes zusammengeschlossen hatten. Dispute der Arbeitsgemeinschaft mit Oberbürgermeisterin Albertz über Beteiligungsmöglichkeiten – auch in Hinblick auf die strittige Umsetzung des oben genannten Mahnmals, das zeitgleich zur Gründung der Gedenkhalle geplant wurde – legen Zeugnis von einer konflikthaften Wechselbeziehung und der wahrscheinlich politisch motivierten Distanz der Stadtspitze zur Arbeitsgemeinschaft ab. Aufgrund des dennoch für alle Beteiligten immer wieder aufscheinenden Identitätsangebotes war und blieb die Gedenkhalle bis heute der allgemein angenommene Ort für das kommunale Opfergedenken und die historische Dokumentation. Die stetige Eingebundenheit vieler Akteure vor Ort definiert die Gedenkhalle bis heute als einen sinnstiftenden Ort mit hohem Netzwerkcharakter in die Stadtgesellschaft hinein.
Die Gedenkhalle seit 1988
Die Gedenkhalle wurde erstmals 1988 konzeptionell grundlegend verändert. Neu eingerichtet wurde damals eine Dauerausstellung mit dem durchaus zeittypischen Titel »Widerstand und Verfolgung in Oberhausen 1933–1945«. Darin wurde der Fokus des Opfergedenkens auf die Opfer im Widerstand konzentriert, verbunden mit der zeittypischen Überbewertung des Widerstands durch die Arbeiterbewegung. Mit einer anderen Stoßrichtung wurden insbesondere das Großkapital und die Schwerindustrie summarisch als »Wegbereiter des Faschismus« etikettiert. Zwischen Opfern und Tätern wurde stärker als bisher differenziert. Die Opfer der Luftangriffe auf Oberhausen wurden ausführlich dargestellt und, wenn auch knapp, so doch zutreffend kontextualisiert. Der lokalhistorische Erinnerungsraum Königshütte war schon früher, zu einem unbekannten Zeitpunkt, aufgelöst worden und fand unter den Vorzeichen eines differenzierten Opferverständnisses keine Berücksichtigung mehr.
17 Jahre danach, am Beginn der Neukonzeption der Gedenkhalle 2005, unterstützte die Landeszentrale für politische Bildung Nordrhein-Westfalen eine wissenschaftliche Expertise, die der Historiker PD Dr. Michael Zimmermann (†) anfertigte, der schon seit den 1970er Jahren zur Stadtgeschichte Oberhausens publiziert hatte. In der Quintessenz seiner Ausführungen wurde deutlich, dass die 1988 geschaffene Gesamtsituation nicht durch einzelne Eingriffe verbessert werden könne, so dass eine vollständige Erneuerung unumgänglich sei. Dabei rückte vor allem die Zukunftsfähigkeit der Gedenkhalle in den Vordergrund, um sie neu auf die Anforderungen einer zeitgemäßen und besucherorientierten Wissensvermittlung einzustellen.
Die inhaltliche Grundstruktur der neuen Ausstellung
Am Anfang der Neukonzeption, die 2010 in die Eröffnung der neuen Ausstellung mündete, stand die Bildung eines Oberhausener Fachbeirats, dem Vertreter der Oberhausener Museen, der drei Oberhausener historischen Vereine, der Jüdischen Gemeinde, der beiden christlichen Kirchen, der VVN, aber auch externe Vertreter aus Gedenkstätten und Wissenschaft angehörten. Die Moderation des Fachbeirats übernahm Prof. Dr. Günter Morsch, Direktor der Stiftung Brandenburgische Gedenkstätten.
Der Fachbeirat empfahl der Stadt eine dreiteilige Gliederung der neuen Dauerausstellung der Gedenkhalle, die im Folgenden auch zur Umsetzung beschlossen wurde. Als kommunal angelegte Gedenkstätte sollte die Stadtgeschichte Oberhausens im Nationalsozialismus im Zentrum stehen. Ergänzend dazu sollte als Schwerpunktthema die Zwangsarbeit seit 1939 dargestellt werden und zwar auf Grund der vielfachen interkommunalen Verflechtungen im Ruhrgebiet für Oberhausen und die Region. Schließlich wurde festgelegt, auch die Gründung der Gedenkhalle sowie die sich daran anschließende Gedenk- und Erinnerungskultur in der Stadt herauszustellen, um die Gedenkhalle angemessen als erste westdeutsche Gedenkstätte zu positionieren. Der Oberhausener Fachbeirat beendete seine Tätigkeit nach einem Jahr mit diesen strukturellen Vorgaben.
Die Ausstellungsarchitektur
Auf die Festlegung der inhaltlichen Dreigliedrigkeit folgte 2006 die Durchführung eines Architektenwettbewerbs. Sechs Büros wurden eingeladen, die mit vergleichbaren Orten und ihrer Gestaltung schon hinreichend Erfahrungen gesammelt hatten. Eine Fachjury aus Architekten und Historikern unter dem Vorsitz der Berliner Kunstwissenschaftlerin Prof. Dr. Stefanie Endlich empfahl der Stadt Oberhausen Ende 2006 in einem einstimmigen Votum die Ausführung des Entwurfs des Büros hg merz architekten museumsgestalter aus Stuttgart.
Die geplante und in der Folge auch umgesetzte Ausstellungsarchitektur des Hauptraumes besteht aus einem Wand-in-Wand-System, das das orthogonale System des Gebäudes aufgreift. Die vier zum Karree in den Raum gestellten Präsentationswände haben somit zwei Ansichtsseiten, von denen sich die eine nach außen und die andere nach innen öffnet. Im äußeren Umlauf wird die Oberhausener Stadtgeschichte vom Januar 1933 bis in die frühe Nachkriegszeit erläutert.
Durch Durchgänge auf allen vier Seiten gelangt man in den Innenraum, in dem das Schwerpunktthema Zwangsarbeit dargelegt wird. Die räumliche Konzeption ist insofern überzeugend, als sofort klar werden kann, dass die deutsche Gesellschaft unter den Nationalsozialisten das regulative und restriktive Zwangssystem bildete, in das die reichsweit mehr als 13 Millionen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter gezwungen wurden, ohne dass sie eine wesentliche Möglichkeit zur Veränderung ihrer Situation gehabt hätten. Der Rahmen der deutschen Gesellschaft umschloss die Zwangsarbeiterinnen und Zwangarbeiter als Kriegsbeute, deren Arbeitskraft im Laufe des Krieges zunehmend vereinnahmt und missbraucht wurde. Die Ausstellungsarchitektur bildet diese Verhältnisse gestalterisch nach und ab, ohne jedoch den Zwangscharakter atmosphärisch auf die Besucherinnen und Besucher zu übertragen.
Bürgerbeteiligung und zweiter Fachbeirat
Die weiteren Recherchen zu den drei Schwerpunktthemen der neuen Dauerausstellung wurden begleitet von Beteiligungsangeboten an die Bürgerschaft und einem neu einberufenen wissenschaftlichen Beirat. Der Bürgerschaft wurde vor dem Umbau der Gedenkhalle der aktuelle Sachstand offengelegt. Darin inbegriffen war das Angebot, eigene Anregungen für die weitere Detailplanung des Projektes zu formulieren und/oder Dokumente, Fotografien oder Objekte beizusteuern. Die Beteiligung war insofern bedeutsam, da über sie auch Akzeptanz für die neue Ausstellung hergestellt werden sollte. Zum anderen sollte die spärliche Überlieferung von archivalischen und materiellen Zeugnissen in der Gedenkhalle durch Funde aus der Bürgerschaft erweitert werden. So ist es zahlreichen Oberhausenerinnen und Oberhausenern zu verdanken, die auch später bei weiteren Aufrufen Sachzeugnisse zur Verfügung stellten oder in Zeitzeugeninterviews von ihren Erlebnissen berichteten, dass der Fundus um wichtige Exponate erweitert werden konnte.
Um das kleine Ausstellungsteam bei den Recherchen und der Umsetzung der Arbeitsergebnisse in das Ausstellungsformat zu unterstützen, wurde ab Oktober 2008 ein zweiter Fachbeirat einberufen. Dessen Begründung und Zusammensetzung verdankte sich der Einschätzung, dass es sinnvoll sei, die komplementäre Einbettung der neuen Gedenkhallen-Ausstellung in die nordrhein-westfälische Gedenkstättenlandschaft durch deren Vertreter zu befördern, aktuelle Erfahrungen mit neuen Dauerausstellungen wie denen der Erinnerungs- und Gedenkstätte Wewelsburg 1933–1945 oder der KZ-Gedenkstätte Mittelbau-Dora zu nutzen und Experten zur fachlich-wissenschaftlichen Beratung insbesondere der Realisierung des Schwerpunktthemas Zwangsarbeit heranzuziehen. Die Moderation dieses Fachbeirats wurde wieder Prof. Morsch übertragen. Aus dem Fachbeirat rekrutierten sich zwei Redaktionsteams, die den konkreten Zuschnitt der Ausstellungsinhalte in den Schwerpunktthemen Stadtgeschichte und Zwangsarbeit begleiteten.
Inhaltliche Grundüberlegungen
Leitfaden war das Konzept der dokumentarischen Spurensicherung zur Orientierung über die Geschichte der Stadtgesellschaft sowie der dort eingesetzten Zwangsarbeiterinnen, Zwangsarbeiter und Kriegsgefangenen. Die fehlende Überlieferung ganzer Bereiche machte es allerdings unmöglich, diesen Ansatz vollständig zu betreiben, da sich beispielsweise keinerlei Zeugnisse zu den christlichen Gewerkschaften, die bis 1933 in Oberhausen personell sehr stark aufgestellt gewesen waren, fanden. Ebenso sind keine Zeugnisse aus der Zentrumspartei, der bis 1933 dominierenden Oberhausener Partei, oder von SPD oder KPD bekannt, die überliefert worden wären. Firmenarchive stellten gleichfalls immer wieder vor Probleme, da sie nicht aufzufinden oder nicht uneingeschränkt zu nutzen waren.
Angesichts des knappen Raumvolumens von 200 m² in der Gedenkhalle war die Umsetzung von vornherein an einer exemplarischen Verdichtung orientiert. Stilbildend war der Ansatz, Geschichte durch typische Charakterisierungen in Form von Einzelfällen abzubilden. Um den gesellschaftshistorischen und ortsspezifischen Verhältnissen Rechnung zu tragen, wurden konkrete Fälle von Verfolgung und Ausgrenzung sowie die Handlungsmöglichkeiten und Entscheidungschancen von Individuen und Personengruppen zwischen Zustimmung, Anpassung, Resistenz und Widerstand herausgearbeitet. Unter dem Aspekt der Verfolgung rückten nun stärker als in der Ausstellung von 1988 die aus rassischen und eugenischen Gründen Verfolgten in den Blickpunkt. Und anders als in den Vorgängerausstellungen von 1962 und 1988 wurde der Konsens eines großen Teils der deutschen Bevölkerung mit dem Regime herausgestellt, der von den wirtschaftlichen und intellektuellen Eliten bis in weite Teile der Arbeiterschaft reichte. Von Bedeutung war auch die differenzierte Darstellung der Jugend zwischen den Jugendorganisationen der Nationalsozialisten einerseits und resistentem bis widerständigem Verhalten andererseits, so wie es Edelweißpiraten oder konfessionelle Jugendgruppen praktizierten.
Die Ausstellung
Das Büro hg merz hat in einen von ihm vorgeprägten hellen Ausstellungsraum eine damit korrespondierende Ausstellungsarchitektur mit hellgrauer Oberfläche eingefügt. Im Foyer, in dem auf einer Tischvitrine die Gründungssituation der Gedenkhalle und die beiden Gedenkskulpturen im Umfeld erläutert und problematisiert werden, finden sich die bestimmenden Merkmale der Präsentation wie in einem Brennglas festgehalten: Die Ausstellungstexte sind komplett zweisprachig deutsch/englisch angelegt. Alle Dokumente – sofern sie nicht im Original oder als Repoduktion zu sehen sind –, die auf die Flächen des Ausstellungskörpers aufgedruckt sind, sind »entfärbt«, d.h. in Grauwerte umgewandelt worden. Dieser Kunstgriff nimmt affektive Qualitäten zurück und wandelt sie in den beabsichtigten sachlichen Zugang zum Thema um. Dezent grausilberne Griffleisten unterhalb der Tischebene weisen auf Schubladen mit vertiefenden Materialien. Diese Dokumente sind konsequenterweise im gleichen Stil wie auf der Oberfläche gehalten.
Eine Medienstation mit Touchscreen und dreiteiligem Wahlmenü ist der exemplarischen Darstellung der Geschichte der Gedenkhalle über die Jahrzehnte hinweg, den verschiedenen Gedenk- und Erinnerungsorten in der Stadt sowie den jährlichen Gedenkfeierlichkeiten vorbehalten.
Im Hauptraum, der sich hinter zwei gläsernen Flügeltüren öffnet, finden sich die Kernthemen Stadtgeschichte und Zwangsarbeit im bereits dargestellten Verhältnis von deutscher Gesellschaft als Zwangssystem für die ausländischen Zivilarbeiterinnen, Zivilarbeiter und Kriegsgefangenen.
Im Bereich der Stadtgeschichte wird die Ausstellungsfläche durch zwei weitere gestalterische Komponenten übersichtlich strukturiert: Zum einen finden sich Vor- bzw. Rücksprünge in der Fläche, die die einzelnen Unterthemen voneinander absetzen. Zum anderen wird mit Titel- und Texthierarchien gearbeitet, die die Oberthemen übersichtlich von ihren Unterthemen absetzen, so wie wiederum in den jeweiligen Thementafeln die Überblickserläuterungen mittels Punktgröße der Texte strukturell von den Erläuterungen der Dokumente und Objekte abgesetzt werden. Dadurch wird die Gliederung schnell erfassbar. Da im Verlauf der Ausstellung und im Sprung von einer Wand zur nächsten die Vor- oder Rücksprünge der Flächen variabel gehalten sind und sich immer neue Flächen formieren, unterstützt die Gestaltung den lebendigen Charakter und den Lesefluss und beugt somit einer Ermüdung der Besucherinnen und Besucher vor.
Stadtgeschichte
Die Stadtgeschichte ist thematisch in vier Kapitel unterteilt, deren Binnengliederung weitgehend der Chronologie folgt und die jeweiligen Sachthemen übersichtlich zusammenfasst: Machtergreifung, Leben in der Diktatur – zwischen Zustimmung und Ablehnung 1933 bis 1939, Oberhausen im Zweiten Weltkrieg, Kriegsende und Nachkriegszeit.
Hier folgt die neue Dauerausstellung dokumentarischen Präsentationsmustern, ihre deutliche Hinwendung zu Sachlichkeit setzt sie vom emphatisch politisierten Zugang der Vorgängerausstellung von 1988 ab und entspricht damit aktuellen Vorstellungen von historisch-politischer Bildung.
In einzelnen Kapiteln der Ausstellung in der Gedenkhalle finden sich neben wichtigen und schon bekannten Sachinformationen und Einzelbiografien viele neue Aspekte und Themen, zu denen man bislang nichts in der Gedenkhalle hatte finden können, seien es die Ausdifferenzierung der Judenverfolgung, Aspekte der Zwangssterilisation und Euthanasie oder die Verfolgung der Sinti und Roma sowie der Zeugen Jehovas. Personen auf der Opfer- wie auf der Täterseite wurden mehrfach berücksichtigt, um anhand biografischer Referenzpunkte Zäsuren und Kontinuitäten in der Stadtgeschichte deutlich zu machen. Indem dargestellt wird, wie sich Stadtverordnete der NSDAP anschlossen und wie die Stadtverwaltung die Ausgrenzung der jüdischen Mitarbeiter betrieb, während sich andere Stadtverordnete den Nationalsozialisten entzogen oder verweigerten, wird die Frage von möglichen Handlungsoptionen nach Januar 1933 angesprochen. Dass außerdem deutlich wird, wie arbeitslose Angehörige der SS von der Entlassung unliebsamer Gegner profitierten, zeigt andeutungsweise auf, wo angesichts von Massenarbeitslosigkeit das Verführungspotenzial für die Deutschen lag. Mit diesem Tableau von Handlungsoptionen wird gleich zu Anfang der Ausstellung auf verschiedene Weise die Frage zum Verständnis der Funktionsweise des Nationalsozialismus angeschnitten. Sie kontrastiert mit typischen kollektiv nach 1945 geäußerten Entschuldungsstrategien und bietet sich als möglicher Einstieg in eine vertiefende pädagogische Arbeit an.
Nur angeschnitten wird in der Ausstellung der Luftkrieg, da im Mai 2011 im Bunkermuseum Oberhausen – dem einzigen seiner Art in Nordrhein-Westfalen – eine neue Ausstellung mit dem Titel »HeimatFront – Vom Blitzkrieg in Europa zum Luftkrieg an der Ruhr« eröffnet wurde. Gedenkhalle und Bunkermuseum sind in städtischer Trägerschaft und werden in Personalunion geleitet.
Siehe auch: www.oberhausen.de/bunkermuseum.php und www.bunkermuseum-oberhausen.de/Bunkermuseum_Oberhausen/Das_Bunkermuseum.html
Zwangsarbeit
Dieser Ausstellungsteil würdigt, dass es auch in Oberhausen mehrere Tausend so genannter Fremdarbeiter gab. Prof. Morsch führte dazu in seiner Eröffnungsrede am 12. Dezember 2010 aus:
»Tausende von ihnen arbeiteten Schulter an Schulter mit den Oberhausenern nicht nur in den Rüstungsschmieden der Guten Hoffnungshütte und anderer Industrieunternehmen, sondern auch in kleinen Gastwirtschaften, Druckereien oder in kommunalen Betrieben. Jahrzehntelang wurden die Zwangsarbeiter in der bundesdeutschen Erinnerungskultur vergessen und verdrängt. Das Verhalten der Wirtschaftsführer, der Stadtverwaltung ebenso wie der Bevölkerung gegenüber den als rassisch minderwertig denunzierten Zwangsarbeitern kann als ein Anzeichen dafür gewertet werden, wie tief Rassismus und Herrenmenschentum nicht nur in den fernen besetzten Ostgebieten, sondern auch in der Heimat den Alltag durchdrangen.«
Siehe: www.guenter-morsch.de/2010/12/19/gedenkhalle-oberhausen-eroffnungsrede-dezember-2010
Die meisten dieser Menschen, die aus allen von der Wehrmacht besetzten Ländern stammten, waren unter Zwang ins Deutsche Reich verschleppt worden. Sie konnten ihre Verträge nicht auflösen und hatten fast keinen Einfluss auf ihre Lebens- und Arbeitsbedingungen. Mehr als 1200 von ihnen, die meisten davon aus der Sowjetunion, überlebten die Zwangsarbeit in Oberhausen nicht. Sie wurden in zwei Grabfeldern auf dem Westfriedhof Lirich beigesetzt.
Ein weiteres Motiv für den Themenschwerpunkt Zwangsarbeit war, dass derzeit keine Ausstellung in der Region eine Vertiefung dieses Themas anbietet. Dies mag irritieren angesichts der Massenhaftigkeit des Phänomens, bestärkte aber den Oberhausener Fachbeirat in seiner Entscheidung für diesen Kernpunkt, der sich komplementär zu den Präsentationen anderer Gedenkstätten, Erinnerungsorte und Museen in der Region verhält.
Formal schließt die Präsentation des Ausstellungsteils Zwangsarbeit an die der Stadtgeschichte an, verzichtet aber auf die Vor- und Rücksprünge in der Fläche, da diese im begrenzten Inneren des Kubus eine kontraproduktive Unruhe hervorgerufen hätten. Die Darstellung der Zwangsarbeit in der Ausstellung gliedert sich thematisch in die Aspekte: Wege in die Zwangsarbeit, Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeiter, Orte der Zwangsarbeit, Lebens- und Arbeitsbedingungen, Kontakte sowie Zeit nach der Befreiung. Die einzelnen Tableaus skizzieren vorwiegend anhand (von schriftlichen und fotografischen Sachzeugnissen) exemplarische Stationen, Umgehensweisen und Lebensumstände des unfreiwilligen Arbeitseinsatzes für den Kriegsgegner auf dessen Territorium unter dem Stigma der rasseideologischen Abwertung und Entwürdigung menschlichen Lebens.
Stadtgeschichte und Zwangsarbeit
Stadtgesellschaft und Zwangsarbeit sind nicht als monolithische Themenblöcke gegeneinander zu setzen, da dies keinesfalls dem Alltagsleben entsprach. Vielmehr standen sie in einem ständigen Wechselverhältnis, ob am Arbeitsplatz, auf der Straße oder in der Nachbarschaft in Haushalt und Geschäften. Daher wurden an zwei Stellen Durchbrüche zwischen beiden Ausstellungsseiten in Form von Vitrinen eingerichtet. Diese können von beiden Seiten der Ausstellungsarchitektur eingesehen werden, so dass die Verwobenheit der einen mit der anderen Seite deutlich wird, auch wenn Erlasse und Anordnungen vor Ort den Umgang der Deutschen und der sogenannten Fremdarbeiter miteinander zu reglementieren oder in Teilen zu unterbinden suchten.
Die Problematik bei diesem Vorgehen bestand darin, dass Stadtgeschichte und Zwangsarbeit der üblichen Leserichtung von links nach rechts folgen und daher gegenläufig angelegt werden mussten, so dass sich nach Sichtung der möglichen Optionen nur zwei solcher Verbindungen in die Ausstellung integrieren ließen. In einem der Fälle handelt es sich um die Darlegung von zwei zentralen biografischen Daten eines 1924 geborenen Niederländers. Auf der Innenseite der Ausstellungsarchitektur, d.h. im Bereich der Zwangsarbeit, wird seine zwangsweise Verschleppung nach Oberhausen 1943 skizziert. Auf der Außenseite, d.h. der gegenüberliegenden Stadtgeschichte in der Nachkriegszeit, ist derselbe Niederländer wiederzufinden, der nach seiner Befreiung als Übersetzer für die amerikanische Armee in Oberhausen tätig wurde und noch bis zum Abzug der Amerikaner im Herbst 1945 in der Stadt blieb, bevor er zurück in die Niederlande ging. Im anderen Fall wird ein Modell eines Zwangsarbeiterlagers eingebunden, um die alltägliche Sichtbarkeit der ausländischen Zivilarbeiterinnen, Zivilarbeiter und Kriegsgefangenen deutlich zu machen.
Zeitzeugen-Interviews
Von größerer Bedeutung als in der Stadtgeschichte sind die Selbstzeugnisse in Form von Interviews im Komplex der Zwangsarbeit. Dies wird auch quantitativ deutlich, da zwei Interviewstationen zur Stadtgeschichte sechs Stationen zur Zwangsarbeit gegenüberstehen. Ein Teil der Interviews zur Zwangsarbeit stammt aus eigenen Beständen, ein weiterer bedeutender Teil aus den Beständen der Stiftung »Erinnerung, Verantwortung und Zukunft«, die von CeDiS – Center für Digitale Systeme der Freien Universität Berlin – aufbereitet und zur Verfügung gestellt wurden. Mit Hilfe dieses Repertoires von Zeugnissen der Oral History wird Menschen die Möglichkeit eingeräumt, aus erheblicher zeitlicher Distanz auf die eigene Zwangsarbeit in Oberhausen bzw. in der Rhein-Ruhr-Region zurückzublicken. Zugleich werden in den persönlichen Erfahrungen auch gruppenbezogene Erfahrungen vernehmlich, da die NS-Rassenhierarchie auch unter den Zwangsarbeitern strikte Trennungen vornahm.
Thematische Ausschnitte aus Interviews sind auf sechs Medienstationen mit Touchscreen zu finden und den sechs oben benannten Themenbereichen zur Zwangsarbeit zugeordnet. Die ausgewählten Interviewpassagen wurden in der Originalsprache belassen, damit die Herkunftssprachen mit ihren kaum durch Übersetzung vermittelbaren individuellen Akzentuierungen und Färbungen für Muttersprachler hörbar bleiben, die die Gedenkhalle aufsuchen oder in Oberhausen und Region leben. Nicht der Herkunftssprache kundige Ausstellungsbesucher können durch deutsche oder englische Untertitel die Inhalte nachvollziehen.
Die Zeitzeugen zur Zwangsarbeit sind Überlebende, die in Zeuge und lange nicht anerkannte Opfer Personalunion sind. Sie symbolisieren damit den Typus des »moralischen Zeugen«, der auch in Ausstellungen vieler anderer Gedenkstätten anzutreffen ist. Gleiches gilt auch für die Interviews mit ehemaligen Oberhausener Juden, die in der zweiten Medienstation im Bereich der Stadtgeschichte von Ausgrenzung, Entrechtung, Verfolgung, Flucht und Tod berichten.
In einer gewissen Kontrastbeziehung dazu stehen Interviews der ersten Medienstation im Teilbereich der Stadtgeschichte, die über die Volksgemeinschaft orientiert. Hier berichten sechs Oberhausenerinnen und Oberhausener von ihrer Jugend im Nationalsozialismus. Sie tun dies aus sehr disparaten historischen Perspektiven, ungeachtet des aktuellen Reflexionsniveaus. An den Polen stehen sich Aussagen gegenüber, die von einer eindeutig nationalsozialistisch geprägten familiären Sozialisation Zeugnis geben, und Aussagen, die eine Ablehnung des Nationalsozialismus aufgrund des familiären Hintergrunds verständlich machen. Hier durchgängig von einer moralischen Zeitzeugenschaft zu sprechen wäre sachlich und inhaltlich unredlich, zumal auch die betreffenden Interviewten eine solche Funktion für sich nicht reklamieren. Die Ungleichartigkeit der Zeitzeugen-Aussagen in dieser Medienstation war insofern beabsichtigt, als eine Alleinstellung des Verhaltens moralischer Zeugen aus der Bürgerschaft die historische Realität unzutreffend wiedergegeben hätte. Der stadthistorische Ansatz muss im Gegenteil darauf hinweisen, dass sich viele Oberhausenerinnen und Oberhausener aus Begeisterung, Eigennutz oder Anpassung der NSDAP anschlossen und dass die wirtschaftlichen und sozialen Erfolge große Bevölkerungsteile in ihrer Zustimmung für das NS-Regime bestärkten. Folgerichtig werfen die Oberhausener Erzählungen Fragen auf, die nicht schematisch in einer Dichotomie von Zustimmung versus Ablehnung aufzulösen sind, sondern die versuchen, eine vielschichtige Komplexität abzubilden. An dieser Stelle ist darauf hinzuweisen, dass der Gedenkhalle als historisch unbelastetem Ort und als Ort der Vermittlung von Stadtgeschichte vermutlich ein tendenziell weiteres Zugriffsspektrum zur Verfügung steht als beispielsweise KZ- und Euthanasie-Gedenkstätten.
Zukünftige Arbeitsvorhaben
Auch wenn die neue Dauerausstellung fertig gestellt ist, kann keinesfalls von einem Ende der Neukonzeption die Rede sein. Zu den Aufgaben der näheren Zukunft zählen die Entwicklung und Anpassung der aktuellen pädagogischen Angebote an die neue Ausstellung sowie die Produktion von ausstellungsbegleitenden Publikationen. Die Überarbeitung des Außenraums vor der Gedenkhalle mit den zwei Gedenkskulpturen der »Trauernden« und des »Bombentrichters« stellt ein wesentliches Aufgabengebiet dar, da insbesondere hier für die problematische – und bereits mehrfach durch städtische Akteure thematisierte – Gedenksituation mit der »Trauernden« von Willy Meller eine Lösung zu finden ist. Schließlich ist das 50-jährige Jubiläum der Gedenkhalle im kommenden Jahr angemessen zu begehen.
Weitere Informationen zur Gedenkhalle sind zu finden unter: www.oberhausen.de/gedenkhalle_kultur.php oder unter www.ns-gedenkstaetten.de/nrw/oberhausen.
Clemens Heinrichs ist seit 2001 Leiter des Bunkermuseums und seit 2003 Leiter der Gedenkhalle der Stadt Oberhausen.


