Marc Schwietring und Sebastian Winter

Replik auf die Rezension

Gedenkstättenrundbrief Nr. 174 (6/2014) S 43-46

von Diana Gring im Gedenkstättenrundbrief, Nr. 172 (12/2013)

Im Gedenkstättenrundbrief Nr. 172 vom Dezember vergangenen Jahres hat Diana Gring das Buch »Berufsrisiko Sekundäre Traumatisierung? Im Arbeitskontext den Folgen nationalsozialistischer Verfolgung begegnen« der Traumatherapeutin Renate Jegodtka sehr zustimmend und distanzlos besprochen. Ihrer Grundthese – »Trauma ist ansteckend«1 – zufolge seien MitarbeiterInnen von Gedenkstätten durch die »fortgesetzte Konfrontation mit den Folgen der NS-Gewaltherrschaft«2 gefährdet, an »sekundären Traumatisierungen« zu erkranken, wenn sie sich empathisch auf die Erzählungen von NS-Verfolgten einließen, sich mit Quellenmaterial aus dieser Zeit beschäftigten oder auch dadurch, dass sie bloß an den Orten der Verbrechen arbeiteten. Jegodtka und Gring heben hervor, wie wichtig daher Supervisionsangebote für die MitarbeiterInnen von Gedenkstätten seien. Diesen müsse institutionell und dauerhaft eine Gelegenheit geboten werden, über die oftmals verstörenden und erschütternden (beruflichen) Erfahrungen zu sprechen und diese gemeinsam aufzuarbeiten. Dieser Forderung stimmen wir vorbehaltlos zu.
Was uns trotzdem veranlasst hat, diese Replik zu schreiben, sind zwei Unklarheiten im Buch von Renate Jegodtka, die in der Besprechung von Diana Gring noch deutlicher in ihren problematischen Konsequenzen zum Vorschein kommen:
1    Handelt es sich bei den beschriebenen psychischen Belastungen tatsächlich um sekundäre Traumatisierungen?
2    Macht es einen Unterschied für die affektiven Reaktionen auf die Vergangenheit, ob die familiären Bindungen Verfolgten oder Angehörigen des verfolgenden Kollektivs gelten?
Zunächst zu Punkt 2: Jegodtkas Mehrebenenanalyse berücksichtigt die Familiengeschichte bzw. die familialen und kulturellen Narrationen über diese als wichtigen Faktor für den aktuellen affektiven Umgang der Nachkommen mit der Vergangenheit. Ob und in welcher Form sich eine sekundäre Traumatisierung entwickle, hänge nicht zuletzt von der eigenen und der familiären Vorgeschichte ab, die als psychisch stützende Sinn- und Kohärenzressource dienen oder aber einen Belastungsfaktor darstellen könnten. Hier läge eine Differenzierung zwischen TäterInnen- und MitläuferInnen-Nachkommen einerseits, Nachkommen von Verfolgten andererseits auf der Hand. Sie findet sich denn auch an verschiedenen Stellen der empirischen Darstellung in Jegodtkas Buch (dieser wichtige Punkt wird in der Rezension von Gring nicht berührt). Auf der konzeptuellen Ebene der Studie wird sie aber nicht systematisiert; die Unterschiede verschwinden hinter der Gemeinsamkeit, dass es für beide Seiten schwierig sei, eine »kohärente« Familiengeschichte zu konstruieren, was beide gleichermaßen anfällig für sekundäre Traumatisierungen mache.
Die konzeptuelle Unterscheidung wäre aber – und damit kommen wir zu Punkt 1 – wichtig gewesen, um zu erkennen, dass die (oberflächlich betrachtet) ähnlichen Problemlagen bei den Opfer- und den TäterInnen- bzw. MitläuferInnennachkommen unterschiedliche Ursachen haben: In der psychoanalytisch-sozialpsychologischen Forschung zu den transgenerationellen Folgewirkungen des Nationalsozialismus ist in den letzten Jahren herausgearbeitet worden, dass es zwar in den Familien der Verfolgten tatsächlich zu Traumaweitergaben kommen kann, innere Konflikte der Nachkommen von TäterInnen und MitläuferInnen aber auf völlig anderen psychischen Mechanismen basieren. Die »Gefühlserbschaften« bei Letzteren wurden als Folgen einer »Kryptisierung« gefasst.3 Was heißt das? Die »grandiose Erfahrung von eingeborener ›arischer‹ Überlegenheit inklusive der Erlaubnis zur Degradierung der als minderwertig oder unwert Definierten«4 hatte den Einzelnen eine emotionale Teilhabe am »kollektiven Narzissmus« der identitätsstiftenden »Volksgemeinschaft« ermöglicht. Als sich 1945 diese Volksgemeinschaft in der Realität als versagend und schuldbefleckt erwiesen hatte, wurde ihr Verlust allerdings kaum betrauert. Scham und Selbstentwertung, welche die Konsequenz einer solchen »Trauer um den Herrenmenschen«5 gewesen wären, wurden vermieden, indem der »kollektive Narzissmus« »kryptisiert«, d.h. in seiner affektiven Attraktivität verleugnet, aber intrapsychisch als »abgekapseltes Objekt« aufbewahrt wurde. T. W. Adorno hat dies in die Worte gefasst, »daß insgeheim, unbewußt schwelend und darum besonders mächtig, jene Identifikationen und der kollektive Narzißmus gar nicht zerstört wurden, sondern fortbestehen.«6 Dessen Existenz ist damit dem Bewusstsein entzogen, macht aber nichtsdestotrotz – in der Wirkung wie eine traumatisches Introjekt – immer wieder in rätselhafter und irritierender Weise, mit unpassenden Affekten und Handlungsimpulsen auf sich aufmerksam. Transgenerationell wird diese »Krypta«, die anwesende Leerstelle in den Erzählungen der Eltern/Großeltern, mit Phantasien gefüllt, die versuchen, die Inkohärenz im Familiennarrativ zu überdecken und eine moralisch akzeptable Version zu konstruieren. Das Ergebnis dieses Versuchs (der Enkel), Kohärenz über »Deckerinnerungen« herzustellen, hat Harald Welzer in seiner Studie »Opa war kein Nazi« aufgezeigt.7
Bei den von Jegodtka untersuchten affektiven Folgen des Nationalsozialismus aufseiten von GedenkstättenmitarbeiterInnen, die aus nicht-verfolgten deutschen Familien stammen, handelt es sich wahrscheinlich zumeist nicht um sekundäre Traumatisierungen, sondern um das permanente Aufrühren solcher »Deckerinnerungen«. Die daraus folgenden Sinnverluste und Erschütterungen einer sicher geglaubten Welt mögen schwere affektive Belastungen bedeuten – aber sie sind keine sekundäre Traumatisierung. Es handelt sich nicht, wie bei den Opfern und ihren Nachkommen, um die Folge »gestauten Schreckens« (Jegodtka S. 215), sondern gestauter Lust und Scham.
Der Begriff der sekundären Traumatisierung als Leitbegriff von Supervisionsarbeit in Gedenkstätten hätte daher nicht nur einen aufdeckenden, sondern auch einen verdeckenden Charakter und könnte sich kontraproduktiv auf die Bewusst-Machung der konfliktuösen individuellen Verwicklungen mit dem Nationalsozialismus auswirken. Zum Beispiel lässt sich der von Jegodtka angesprochene »Neid« auf die Opfer (S. 229) mit dem Konzept »sekundäre Traumatisierung« ebenso wenig fassen, wie die Opferidentifikation als eine Abwehr der Täteridentifikation (S. 251) Gerade die moralisch inakzeptablen und unpassenden Gefühle, die durch die Gedenkstättenarbeit ausgelöst werden und die sehr viel schwerer zu akzeptieren und integrieren sind, als das empathische »Mitleiden« mit den Verfolgten, werden von dem Konzept »sekundäre Traumatisierung« beiseite geschoben. Gudrun Brockhaus schreibt im Zusammenhang einer Kritik an bestimmten (psychoanalytischen) Umgangsweisen mit den »Gefühlserbschaften« des Nationalsozialismus: »Die persönliche Not, aus den Abgründen von Schuldgefühl, Neid und Wut nicht herausfinden zu können, bleibt unbenannt und unbearbeitet.«8 Verwundert stellen wir fest, dass Diana Gring hingegen »Schuldgefühle gegenüber den direkt vom Trauma Betroffenen« als »fehl am Platze und kontraproduktiv«9 wegwischt – und darauf gegen eine »Tabuisierung« der sekundären Traumatisierung ein Zitat der »israelische[n] Psychotraumatologin Yael Danieli«10 anführt. Aber: Das Zitat stammt realiter von der deutschen Psychologin Dr. Judith Daniels (was Renate Jegodtka auch richtig ausweist) und steht im Original nicht im Kontext des Themas Schuldgefühle. Diese Fehlleistung sagt eventuell mehr über die Persistenz von Schuldgefühlen als der manifeste Inhalt.
Schließlich bleibt ein Unbehagen, da die besprochene Studie durch die konzeptuell fehlende Differenzierung zwischen Verfolger- und Verfolgtenfamilien, aber auch durch die starke Betonung der »Salutogenese«, d.h. dem Abzielen auf »Heilung«, auch im Licht des aktuellen »neuen deutschen Opferdiskurses«11 gelesen werden könnte, den Jegodtka selbst kritisiert (S. 136f.): Denn in dieser Perspektive macht der Nationalsozialismus alle gleichermaßen zu Opfern, deren Leiden traumatherapeutisch zu heilen oder zumindest handhabbar zu machen sind.12 Die »Erschütterung der grundlegenden Annahmen über das Selbst, die Menschheit und die ganze Weltsicht«13, des »sicher-in-sich-« und »sicher-in-der-Welt-Seins« aber ist unvermeidliche Konsequenz der kognitiven und affektiven Zurkenntnisnahme der nationalsozialistischen Verfolgungspraxis und ihrer Grundlagen:
»Der Holocaust war kein Bild an der Wand, sondern ein Fenster, durch das Dinge sichtbar wurden, die normalerweise unentdeckt bleiben. Und was zum Vorschein kam, geht nicht nur die Urheber, die Opfer und die Zeugen des Verbrechens etwas an, sondern ist von größter Bedeutung für alle, die heute leben und auch in Zukunft leben wollen. Der Blick durch dieses Fenster verstörte mich zutiefst, aber je bedrückter ich wurde, desto mehr wuchs in mir die Überzeugung, dass es äußerst gefährlich ist, diesen Blick nicht zu tun.«14

Marc Schwietring, M.A., ist Politikwissenschaftler und Sozialpsychologe. Er arbeitet am Institut für Kulturanalyse e.V., Berlin, und war viele Jahre in der gewerkschaftlichen Jugendbildungsarbeit an KZ-Gedenkstätten tätig.
Dr. Sebastian Winter ist Sozialpsychologe und Historiker. Er hat über die Geschlechter- und Sexualitätsentwürfe der SS promoviert und ist Lehrkraft an der Fakultät für Soziologie der Universität Bielefeld.

1    Diana Gring: Renate Jegodtka: Berufsrisiko sekundäre Traumatisierung? Im Arbeitskontext den Folgen nationalsozialistischer Verfolgung begegnen, in: Gedenkstättenrundbrief, Nr. 172 (12/2013), S. 59.
2    Ebd.
3    Markus Brunner: Die Kryptisierung des Nationalsozialismus. Wie die Volksgemeinschaft ihre Niederlage überlebte. In: Markus Brunner et al. (Hg): Volksgemeinschaft, Täterschaft und Antisemitismus. Beiträge zur psychoanalytischen Sozialpsychologie des Nationalsozialismus und seiner Nachwirkungen. Gießen 2011, S. 169–194; Konstanze Hanitzsch: Deutsche Scham. Gender. Medien. »Täterkinder«. Eine Analyse der Auseinandersetzungen von Niklas Frank, Beate Niemann und Malte Ludin. Berlin 2013; Jan Lohl: Gefühlserbschaft und Rechtsextremismus. Eine sozialpsychologische Studie zur Generationengeschichte des Nationalsozialismus. Gießen 2010.
4    Gudrun Brockhaus: Trauer um den Herrenmenschen. Emotionen und Tabus im NS-Gedenken. In: Margrit Frölich/Ulrike Jureit/Christian Schneider (Hg.): Das Unbehagen an der Erinnerung – Wandlungsprozesse im Gedenken an den Holocaust. Frankfurt am Main 2012, S. 101–118, hier: S. 104.
5    Brockhaus: Trauer.
6    Theodor W. Adorno: Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit. GS 10.2. Frankfurt am Main 1959, S. 555–572, hier: S. 563f.
7    Harald Welzer/Sabine Moller/Karoline Tschuggnall: »Opa war kein Nazi«. Nationalsozialismus und Holocaust im Familiengedächtnis. Frankfurt am Main 2002.
8    Brockhaus: Trauer, S. 113. Zudem ist das Konzept der sekundären Traumatisierung bisher in Forschung und Praxis umstritten, diverse Fragen sind ungeklärt. Vgl. Marion Sonnenmoser: Sekundäre Traumatisierung: Mythos oder Realität? Deutsches Ärzteblatt PP 9, Ausgabe März 2010, Seite 117.
9    Gring: Rezension, S. 61.
10    Ebd.
11    Vgl. bspw. Samuel Salzborn: Opfer, Tabu, Kollektivschuld. Über Motive deutscher Obsession. In: Michael Klundt/Samuel Salzborn/Marc Schwietring/Gerd Wiegel: Erinnern, verdrängen, vergessen. Geschichtspolitische Wege ins 21. Jahrhundert. Gießen 2003, S. 17–41; Helmut Schmitz (Hg.): A Nation of Victims? Representations of German Wartime Suffering from 1945 to the Present (= German Monitor 67). Amsterdam/New York 2007.
12    Michael Heinlein: Die Erfindung der Erinnerung. Deutsche Kriegskindheiten im Gedächtnis der Gegenwart. Bielefeld 2010.
13    Gring: Rezension, S. 59.
14    Zygmunt Bauman: Dialektik der Ordnung. Die Moderne und der Holocaust. Hamburg 2004 (1989), S. 8.